Medienmittwoch: „The Lost Wolves of Japan“

Der kleine Japanische Wolf (Canis lupus hodophilax) mag so etwas wie ein „Geheimtipp“ für Kryptozoologen sein. Offiziell wurde das letzte Exemplar 1905 auf der Südinsel Honshu geschossen. Doch seine kryptide Legende reicht bis in die jüngste Zeit hinein. Es gibt Fotos, Spurenfunde, Leute, die ihn suchen. Der sozio-kulturelle Hintergrund reicht über die biologische Realität weit hinaus. Tatsächlich müsste der Japanische Wolf eigentlich in der „ersten Liga der Kryptiden“ mitspielen. In der „klassischen“ kryptozoologischen Literatur „des Westens“ wird er aber weniger rezitiert.

Honshu-Wolf im Ueno Zoo
Der kleine Japanische Wolf Canis lupus hodophilax als eines der wenigen Präparate (Foto; Katuuya CC 1.2)

Dabei kann uns die Legende um den Japanischen Wolf so viel sagen. Gut, eigentlich müsste man hier seinen grösseren Vetter auf der Nordinsel Hokkaidō, Canis lupus hattai, auch noch mit einbeziehen. Er wurde schon rund 25 Jahre vor dem kleinen Japanischen Wolf ausgerottet. Er scheint in der kryptiden Legendenbildung weniger eine Rolle zu spielen. Doch er ist für die Beziehung von Japans Bewohnern mit ihrer Natur von zentraler Bedeutung.

Ein komplexes Verhältnis mit der Bevölkerung

Der Historiker Brett L. Walker zeigt uns Japans kompliziertes Verhältnis zu seinen Wolf anschaulich und detailreich auf. Von ihrer Erscheinung als mythologische Wesen und Gottheiten, ihre vielseitige Wahrnehmung in der lokalen Kultur, die so oft so gar nicht zum europäischen „Rotkäppchenkomplex“ zu passen scheint, aber auch ihr Niedergang, der mit der Modernisierung Japans kam. Auch die Bedeutung ökologischer Faktoren (das moderne Japan brauchte mehr Platz und verdrängte die Wölfe, doch diese wehrten sich) zeigt der Autor aufschlussreich auf.

Wolfsstatue am Mitsumine Schrein
Die Rolle des Wolfes ist in der japanischen Kultur wesentlich komplexer als in Europa und Nordamerika. Er gilt unter anderem als Schutzgeist (traveljapan.co)

Es hilft zu verstehen, wieso die Fotos vermeintlicher überlebender Wölfe in Japan eine so große wissenschaftliche Debatte nach sich ziehen. Das geschah „erst kürzlich“, im Jahre 2000, nachdem der Schuldirektor Nishida Satoshi einen wolfsähnlichen Caniden am 8. Juli in der Fukuoaka Präfektur fotografiert. Nur dann versteht man die Denkmäler, Schreine vergangener Zeiten, aber auch die Apathie, mit der das moderne Japan seiner lokalen Tier- und Umwelt heute gegenübersteht. Abgesehen von den wichtigen historischen Daten zu der Situation des Wolfes in Japan und sein Gang durch die moderne Geschichte des Landes, liegt die eigentliche Stärke des Buchs jedoch bei dem philosophischen Ansatz.

Der japanische Wolf in der lokalen Kultur

Walker diskutiert kulturelle Klassifizierungen der lokalen Bevölkerung und die moderne Einordnung in das Linne´sche System. Er sieht die Schwierigkeiten, die sich dabei ergeben, partikulare Besonderheiten einer Spezies einem universellen Klassifizierungssystem anzupassen. Wie schwierig das gerade bei Japans kleinem Canis lupus hodophilax ist, zeigen nicht zuletzt die taxonomischen Debatten. Sie sind bis in die heutige Zeit nicht verstummt, im Gegenteil: man forscht immer noch an der phylogenetischen Position des Japanischen Wolfs, mit teils überraschenden Resultaten (wir berichteten).

 

Kasten: Der japanische Wolf

Peter Ehret beschäftigt sich schon eine ganze Weile mit dem Japanischen Wolf. Ein Produkt seiner Arbeit ist ein dreiteiliger Artikel über das kryptozoologisch hoch interessante Tier, der im letzten Jahr auf netzwerk-kryptozoologie.de erschienen ist:

 

 

 

 

 

„Wann ist ein Wolf ein Wolf?“

So könnte man die Leitfrage des Buches auch formulieren. Dabei bringt die „fachfremde“ Perspektive eines Historikers sehr frischen Wind in die Debatte. Carl von Linné, die zoologische Systematik und Taxonomie, die Industrialisierung. Diesen Phänomenen legt Walker ein einziges geistiges Paradigma zugrunde: die Nation. Sie war es, die Wölfe „schuf“, indem sie die Vielfalt der Natur in die Linné’schen Schubladen zwängte.

Dabei wurden lokale Faktoren außer Acht gelassen: Kreuzungen mit Hunden zum Beispiel. Viel mag das „wolfuntypische“ Verhalten von Japans Wölfen zu ihren Lebzeiten erklären, zum Beispiel die geringe Scheu. Die kulturellen Begriffe waren da schneller als das imperative Korrektiv der nationalen Wissenschaften. Schnell wurden Wölfe in den lokalen Begriffen zu Hunden, dann zu „wilden Hunden“, „großen Hunden“, je nachdem, wie sie sich verhielten.

Der japanische Wolf als Statue
Statue des Honshu-Wolfes in der Präfektur Nara. Foto by Katuuya CC 1.2

Der japanische Wolf und der Totalitätsanspruch der Nation – Artensterben wird politisch

Mit all diesen kulturellen Faktoren muss auch der Kryptozoolge rechnen, wenn er sich auf Spurensuche nach überlebenden japanischen Wölfen begibt… Ja, und Walker setzt der Kritik in seinem Werk noch die Krone auf, indem er den „Vernichtungskrieg“ gegen die Wölfe als Ausdruck des Totalitätsanspruchs der Nation auf alle Elemente seiner Umwelt interpretiert. Kurzum: auch die Naturwissenschaften (und Umweltwissenschaften) sind nicht gefeit von „Glaubenssystemen“ und kulturellen „Denkfiguren“, auch wenn diese im Mantel der modernen Rationalität daherkommen.

Das ist ein Plädoyer für die Natur und die Akzeptanz ihrer Vielfalt. Aus der Feder eines Experten, der weiss, wovon er spricht: Walker war Volontär bei einer Studie an Wölfen im Yellowstone-Nationalpark. Mit der erfolgreichen Wiederansiedlung der Wölfe dort konnte aller Welt so ihre ökologische Wichtigkeit demonstriert werden.

Manchmal scheint der Autor überfordert

Schade ist nur, dass die schriftstellerischen Fähigkeiten des Autors der Tiefe der Materie nicht immer gewachsen sind, auch wenn man in Betracht zieht, dass es sich hierbei um eine akademische Monographie handelt. Viele Aussagen werden unnötig in unwichtigen Details verschachtelt. Der Leser verliert sich zuweilen in den japanischen Begriffen und der rote Faden verblasst ein wenig in der Datenmenge. Das macht die Lektüre des Werkes zuweilen etwas mühsam (….aber nicht nur: bei den spannenden Berichten zu den Tollwut-Angriffen erstarrt einem regelrecht das Blut in den Adern und man kontrolliert danach panisch den Impfpass...)

 

Der ausgestorbene Japanische Wolf ist Thema des Buches von Brett Walker

Mein Fazit

Wer sich mit dem Japanischen Wolf – sei es als biologische reales Tier oder kryptide Legende – ernsthaft auseinandersetzten will, der kommt an diesem Standartwerk nicht vorbei. Auch Umweltwissenschaftlern, ja sogar ökologisch Interessierten und Naturfreunden kann ich Walkers Abhandlung über „Japans verlorene Wölfe“ nur wärmstens empfehlen.


Das Buch

„The Lost Wolves of Japan“ ist 2008 bei der „University of Washington Press“ erschienen. Es liegt als gebundenes Buch, Paperback oder für den Kindle vor, hier auch mit Vorlesemodus. In Deutschland ist es nur als US-Import zu bekommen, daher schwanken die Preise stark.

 

Die Taschenbuch-Ausgabe hat 360 Seiten, liegt in englischer Sprache vor und ist etwas größer als Din A5.

 

Die ISBN13 ist 978-0295988146, es kann jedoch auch über den unten stehenden Link geordert werden. Mit dem Kauf über diesen Link wird der Betrieb der Webseite unterstützt.

 

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