Medienmittwoch: In Search of Lake Monsters

Lesedauer: etwa 7 Minuten
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Peter Costellos Buch „IN SEARCH OF LAKE MONSTERS“ ist ein absoluter Klassiker, deshalb ist es umso begrüßenswerter, das Anomalist Books nach der Originalausgabe von 1974 und der Taschenbuchausgabe von 1975 nun eine neue Paperback-Ausgabe aufgelegt hat. Der Inhalt ist – bis auf wenige Ergänzungen – identisch mit dem Original. Das bedeutet, dass über 40 Jahre Ungeheuer-Geschichte fehlen, aber selbst dann noch gehört dieser Band zu den besten kryptozoologischen Büchern, auch wenn ich seine Schlussfolgerungen bekanntlich nicht teile.

 

Fake-Nessie im Gardasee
Seeschlangen und -ungeheuer soll es nicht nur im Meer, sondern auch in vielen Binnenseen geben.

 

Seeschlangen in Seen

Dennoch: Eine solche Masse an Material sortiert, aufbereitet und lesbar gemacht zu haben – das ist schon ein Riesenverdienst. Der Ire Peter Costello (der sich sonst mit historischen Themen und früher SF, etwa Conan Doyle und Jules Verne, aber auch mit James Joyce befasst hat) löste mit seinem Buch ein, was Bernard Heuvelmans in „In The Wake of the Sea-Serpents“ angekündigt hatte: ein weiteres Buch, aber nicht über Seeschlangen im Meer, sondern in Seen. Heuvelmans war denn auch vom Werk des damals jungen Costello so angetan, dass er auf sein eigenes Buch verzichtete und das Vorwort zu Costello schrieb.

 

Nach einer Einleitung befasst sich Costello zuerst mit dem Seeungeheuer aller Seeungeheuer, mit Nessie. In drei ausführlichen Kapiteln wird die Geschichte des Monsters mit den Augenzeugen, Indizien und Forschungsexpeditionen dargestellt, die Thesen umrissen, kommen Befürworter wie Skeptiker zu Wort.

Der Klassiker: Loch Ness

Vom Loch Ness ausgehend handeln die nächsten Kapitel von weiteren Seemonstern in den schottischen Highlands, dann von ihren irischen Entsprechungen – den Piast (irisch für Bestie). Hier mischen sich, schon stärker als im Kapitel über das Ungeheuer von Loch Ness, Sagen und mythische Vorstellungen in das Material.

Der Turm von Urquhart Castle, hier soll sich Nessie am häufigsten rumtreiben
Der Turm von Urquhart Castle, hier soll sich Nessie am häufigsten rumtreiben

Der Bogen geht geografisch weiter nach Skandinavien, der Region, der die Seeschlange entstammt und woher somit auch der älteste Bericht über ein Binnenseemonster kommt, das Ungeheuer vom See Mjösa, 1522. Von den meisten skandinavischen Seen gibt es nur wenige und episodische Vorfälle, der Skrimsl, das isländische Ungeheuer, ist aber oft beschrieben, einmal gezeichnet und einmal sogar als Skelett aufgefunden worden!

 

Weiter geht es mit dem Ungeheuer vom Storsjö in Schweden, dass eine Art Prototyp von Nessie war und im 19. Jahrhundert regelmäßig gesichtet und präzise beschrieben wurde. Inspiriert von Anton Oudemans machte sich der Zoologe Dr. Olsson auf die Suche nach dem Tier, das er nach Zeugenberichten als langhalsigen Riesenseehund a la Oudemans interpretierte. Bemerkenswert am Storsjö-Wurm sind allerdings zwei lange, an der Kopfseite herabbaumelnde Schlappohren.

Amerikanische Seemonster

Die nächsten Kapitel über Monster in den USA (Slimey Slim and Others) und Kanada (Ogopogo and Others) sind wohl die schwächsten des Buchs, nicht, weil sie nicht ähnlich gut erzählt und argumentiert wären wie der Rest, sondern, weil dieses Thema mittlerweile praktisch unüberschaubar geworden ist und mehrere Dutzend Bücher über Monster dort erschienen sind – etwa ein halbes Dutzend allein über Champ vom Lake Champlain, den Costello nur aus dritter Hand kennt und nur kurz erwähnt. Ogopogo ist ausführlicher dargestellt, aber in dem halben Dutzend Bücher über ihn findet man natürlich bessere und ausführlichere Darstellungen (natürlich ist dabei Moon den Büchern von Gaal vorzuziehen).

 

Ein langhalsiges Wesen mit zwei flachen Flippern und Walschwanz, und zwei kurzen Hörnchen
Nessie, wie sie sich die Macher der „Monster“-Sonderausstellung des Naturkundemuseum Kassel vorstellen

 

In Südamerika kennt man heute vor allem Nahuelito vom Nahuel Huapi, aber Anfang des 20. Jahrhunderts, als diese Meldungen nach Europa drangen, vermuteten namhafte Zoologen, dort könnte noch ein überlebender Plesiosaurier stecken und rüsteten Expeditionen nach ihm aus. Diese alten Berichte hat Costello geborgen und spannend aufbereitet.

 

Spekulatives Asien und Ozeanien

Weiter geht es mit Westasien (wo die Spekulationen wegen mangelnder Sichtungsmeldungen etwas überhand nehmen) und Ostasien, dem Land der Drachen. Auch hier sind nur wenige und zerstreute Berichte aufgeführt – Japan etwa, wo es mittlerweile eine Tradition bei mehreren Seen gibt oder Korea und Tibet fehlen ganz, dafür sind die in den 1960er-Jahre gemachten sibirischen Meldungen breit erörtert.

Salzwasserkrokodil
Das Leistenkrokodil ist im Norden Australiens weit verbreitet und als Menschenfresser sicher ein hervorragendes Vorbild für Seemonster.

Auch Australien hat Seeungeheuer – den Bunyip, ein Name, der viele verschiedene große Monster bezeichnet, von denen einige evtl. dem europäischen Langhals-Vorbild ähneln. In Neuseeland hingegen gibt es das einzige Binnenmonster, dass der Mikrokryptozoologie zugeordnet werden kann, das Waitoreke, ein otter- oder seehundartiges Wesen, das es vielleicht tatsächlich gab.

Und die ganz mysteriösen

Damit ist die Geografie erschöpft, nicht aber die Zeit. In einem faszinierenden Kapitel geht Costello auf „More Mysterious Monsters“ ein, Hinweise aus Mythos und Kulturgeschichte, so etwa auf mögliche Darstellungen von Langhälsen in der Höhlenmalerei, im jüdischen Brauchtum, bei Drachensagen.

Eine umstrittene Lösung

 

 

Dieser Kulturgeschichte von Binnenseeungeheuern folgt Costellos Identifikation: Er schlägt wie sein Mentor Heuvelmans eine biologische Lösung vor – Nessie und Konsorten sind Heuvelmans Langhals und Meerpferd, allerdings als eine einzige Spezies (das Meerpferd als Männchen, der Langhals als Weibchen), die auch in Süßwasser vorkommt. Costello schert dabei nicht alle Monster über einen Kamm, die sibirischen Ungeheuer hält er für mögliche Binnenwale etwa in der Art der Flussdelphine. Die Langhals-Identifikation stützt er im folgenden Kapitel mit Seeschlangenmeldungen aus dem Meer in Nähe der Monsterseen, bei denen das Ungeheuer ganz wie der Binnenseekompanion beschrieben wird.

 

Im letzten Kapitel zeigt Costello dann, dass er über die rein zoologische Lösung hinauszudenken vermag: „The Perennial Monster“ (Das immerwährende Ungeheuer) behandelt u.a. auch psychologische Aspekte: Warum fasziniert uns das Thema so? Warum sind Ungeheuer etwas anderes als „normale“ Tiere? Probleme der Wahrnehmungspsychologie, wie eventuell ein gewöhnlicher Stimulus zu einem Monster wird, behandelt das Buch nicht – aber dafür gibt es dann wieder eigene Werke, und so vermisst man das nicht. Es ist eben ein rein kryptozoologisches Buch und versucht auch eine rein zoologische Erklärung der Meldungen.

 

Das Buch ist, wie gesagt, neu aufgelegt und unverändert, enthält aber ein neues Vorwort von Loren Coleman und eine neue Nachbemerkung vom Autor selbst, der darauf hinweist, dass selbst heute noch keine Lösung für das Problem der Ungeheuer in Binnenseen gefunden wurde. Das Buch schließt mit mehreren nützlichen Anhängen – dem offiziellen Bericht über den Dinsdale-Film von Nessie, einer Liste mit Nessie-Fotos und einer weiteren mit Berichten über Nessie an Land, eine weitere Liste mit angeblichen Funden und Fängen von toten Seemonstern, dazu ein Literaturverzeichnis. (Leider sind die einzelnen Berichte im Text nicht mit Quellen versehen.)

 

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Peter Costello: In Search of Lake Monsters

IN SEARCH OF LAKE MONSTERS ist als Remake 2015 bei Anomalist Books in englischer Sprache erschienen. Als Taschenbuch ist es noch neu zu bekommen und hat 388 Seiten. Die gebundene Version ist nur noch antiquarisch erhältlich, aber eine Version für den Kindle ist verfügbar.

 

Das neue Taschenbuch kostet etwa 25 €, gebrauchte Ausgaben sind teilweise deutlich günstiger zu bekommen.

 

Mit dem Kauf über den Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website.

 

 

Ist das Buch ein Klassiker der Kryptozoologie?

Das Wort Klassiker wird in der Werbung gern gebraucht und auch von ideologischen Freunden, gerade bei umstrittenen Themen, dieses Buch aber ist ein echter Klassiker, nach wie vor das einzige umfassende Buch über Seemonster aus aller Welt (Radford und Nickells skeptisches Lake Monster Mysteries ist zwar auch zu empfehlen, beschreibt aber viel weniger Seen und hat einen viel engeren Blick.)

 

Kurz gesagt: Wer das Buch noch nicht hat, sollte es unbedingt haben, und da kommt die neue Ausgabe gerade recht.

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