Medienmittwoch: Wer war Paul Kammerer?

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Paul Kammerer
Paul Kammerer

Als Paul Kammerer am 17. August 1880 in Wien geboren wurde, konnte natürlich noch niemand ahnen, welchen Weg er im Leben einschlagen und wo es ihn hinführen sollte. Als viertes Kind des Fabrikbesitzers Carl Kammerer konnte er auf ein angenehmes Leben in großbürgerlichem Wohlstand hoffen. Der erste Sohn wurde traditionell als Erbe der Fabrik eingesetzt und ausgebildet. Auch der zweite Sohn bekam in der Regel eine kaufmännische Ausbildung. Er war quasi die „Reserve“, falls der ältere versterben oder sich als untauglich herausstellen sollte.

 

Jüngere Kinder bekamen in der Regel eine gute, aber nicht auf die Fabrikleitung ausgerichtete Ausbildung. So schickten seine Eltern den jungen Paul auf das Franz-Josephs Gymnasium in Wien, das heute als eine der fortschrittlichsten Schulen seiner Zeit gilt. Ungenannte Quellen sagen ihm großes Talent im Umgang mit Tieren, insbesondere Amphibien nach. Schon als Kind verwandelte er die elterliche Villa in ein Terrarium. Als achtjährigem gelang es ihm bereits die Zucht von Amphibien im Terrarium.

 

Dieses Talent sollte ihn in Zukunft noch weit führen, möglicherweise zu weit.

Ein Studium der Zoologie und Musik

So konnte Paul ab 1899 an der Universität in Wien Biologie studieren. Doch dies reichte dem talentierten jungen Mann nicht. Bereits im Jahr 1900 nahm er am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien Unterricht beim renommierten Musikpädagogen Robert Fuchs. Er war als Lehrer von Gustav Mahler und Alexander Zemlinsky bekannt.

Ein einschneidender Schub für seine Karriere waren seine ersten Veröffentlichungen. Sie trafen genau das, was Privat-Assistent Hans Leo Przibram vom Vivarium im Wiener Prater suchte:

 

 

 

„Wir suchten bei der Errichtung der biologischen Versuchsanstalt nach einem Mitarbeiter, der die Terrarien und Aquarien anlegen und dem Kleingetier die Anstalt wohnlich machen sollte. Durch einen Zeitungsartikel Kammerers über seine Tierpflege auf ihn aufmerksam gemacht, suchte ich ihn auf und fand einen begeisterten und geschickten Mitarbeiter. In ihm steckte eine Anlage zur musikalischen Betätigung und ein Großteil Künstlernatur ebenso wie die Fähigkeit zur genauesten Naturbeobachtung und insbesondere eine Liebe zu allen lebendigen Geschöpfen, die ich sonst noch an keinem anderen gesehen habe. Hier lag der Angelpunkt seines ganzen Wesens.

 

Er richtete namentlich die für biologische Versuche so wichtige Pflege der Amphibien und Reptilien vorbildlich ein. Ich habe kaum jemanden gekannt, der dafür alle Voraussetzungen so erfüllt hätte wie er. Dies war allerdings nicht unbedingt ein Vorteil, denn der Hauptwert der experimentellen Methode besteht gerade darin, daß unter gleichen Versuchsbedingungen immer wieder dieselben Resultate erzielt und bei Nachprüfung bestätigt werden können. Gelingt es dem Nachuntersucher nicht, die Tiere ebensolange oder ebenso viele Generationen hindurch am Leben zu erhalten wie dem ersten Beobachter, wie soll dann eine Nachprüfung zu einer Bestätigung und dadurch Sicherheit der Befunde führen?“

 

 

Kammerers Mythos

Und hier begann bereits die Tragik Kammerers Talent. Er konnte seine Pflegeanleitungen noch so detailliert verfassen, sie waren außerhalb seines Einflussbereiches nicht immer nachvollziehbar. Viel davon mag im besonderen Fingerspitzengefühl Kammerers gelegen haben, was ihm bei Berufskollegen bald einen legendären, etwas mythischen Ruf erschuf.

 

Vivarium im Prater
Das Vivarium im Prater, ca. 1880. Foto: M. Frankenstein

 

So wurde Paul Kammerer bereits 1904 promoviert. Bis 1908 konnte er etwa 130 Artikel veröffentlichen. 1906 heiratete die Baronesse Felicitas Maria Theodora von Wiedersperg. Bereits im folgenden Jahr kam eine Tochter auf die Welt. Paul setzte sich durch, so dass sie auf den Namen Lacerta (= Eidechse) getauft wurde.

 

Das Vermögen seiner Familie und der seiner Frau ermöglichten ihm mehrere Foto- und Sammelreisen, von denen aber wenig überliefert ist. 1910 schließlich habilitierte er sich an der Universität Wien. Durch seine sehr erfolgreich durchgeführten Experimente wurde Kammerer bald sehr bekannt.

 

Erfolgreiche Experimente, Anfeindungen und ein fataler Fehlschluss

Eines seiner bekanntesten frühen Experimente betraf Feuer- und Alpensalamander. Er zwang die Tiere, im Lebensraum der jeweils anderen Art zu brüten. Dabei entdeckte er beim Nachwuchs der Feuersalamander Eigenschaften des Alpensalamanders und anders herum. Die erste wissenschaftliche Sensation war perfekt. Kammerer war scheinbar der Nachweis gelungen, dass Lebewesen bestimmte Eigenschaften neu erwerben können, um besser mit veränderten Lebensumständen zurecht zu kommen. Diese Eigenschaften würden auch auf die Nachkommen übertragen, schloss Kammerer.

 

Feuersalamander
Eine seiner Aufsehen erregenden Arbeiten gelang Kammerer mit Feuer- und Alpensalamandern

 

Diese Schlussfolgerung kommt der Lamarck’schen Evolutionsvorstellung sehr entgegen, die damals noch als mögliche Alternative zur zufallsbestimmten Darwin’schen Anschauung galt. Doch insbesondere Vertreter des Sozialdarwinismus und der Eugenetik wie der Rassenhygieniker Fritz Leng und der Eugenetiker Ludwig Plate begannen, sich kritisch bis polemisch mit Kammerers Forschung auseinander zu setzen. Zudem wurde er auch von Institutskollegen als „Halbjude“ angegriffen.

 

Vermutlich auch wegen dieser Angriffe wurde Kammerer ein glühender Verfechter des Lamarckismus. Diese Lehre wollte er zunächst in der Biologie belegen, um schließlich einen wissenschaftlichen Gegenpol zur Eugenetik und Rassenlehre der politischen Rechten bilden zu können.

Die rassistische Ideologe behauptete, Abstammung sei Schicksal. Kammerer setzte ihnen, auch aufgrund seiner Experimente entgegen: „Wir sind nicht Sklaven der Vergangenheit, sondern Werkmeister der Zukunft.

 

Diese Idee übertrug Kammerer auch auf den Menschen.  In einem Vortrag sagte er: „Indem man Kinder gut erzieht, schenken wir ihnen mehr als kurzen Gewinn ihres eigenen Lebens; ein Extrakt davon geht dorthin, wo der Mensch wahrhaft unsterblich ist – in jene wunderbare Substanz, aus der in ununterbrochener Folge die Enkel und Urenkel entstehen.“

Seine Kritik an der Eugenik verschaffte ihm Spott im damals ideologisch stark aufgeladenen biowissenschaftlichen Diskurs. Kammerer geriet zwischen die Fronten eines mit großer Härte ausgetragenen Expertenstreites.

 

Grottenolm
Portrait eines Grottenolms (Foto: Arne Hodalic, CC 1.2+)

Doch zunächst gelang ihm ein weiteres Aufsehen erregendes Experiment. Er konnte Grottenolme im Labor vermehren, was auch heute noch eine bemerkenswerte Leistung darstellen würde. Dabei zeigte er, dass junge Grottenolme, die er am Tageslicht pflegte, zwar Pigmentflecken auf der Haut, aber keine funktionierenden Augen ausbilden. Jungtiere, die er unter Rotlicht hielt, entwickelten hingegen große, funktionelle Augen und konnten sehen.

 

Die beste Gesellschaft Wiens

Als bekannter Wissenschaftler, Fabrikantensohn und Ehemann einer Baronesse gehörte Paul Kammerer bald auch zur Wiener Gesellschaft. Sein Netzwerk schloss bekannte Namen wie den Dirigenten Bruno Walter, den Soziologen Rudolf Goldscheid und den Physiker Albert Einstein ein. Kammerer pflegte Affären mit bekannten Damen wie der Musikerin und Szenefrau Alma Mahler, der Tänzerin Grete Wiesenthal und der Malerin Anna Watt. Außerdem war er der Freimaurerei zugetan.

Vom Biologen Richard Goldschmidt ist folgende Schilderung über Kammerer überliefert:

 

 

„Er hatte eine glänzende, wenn auch etwas theatralische Vortragsweise. Außerdem war er gut gewachsen und elegant gekleidet, er wirkte daher mit seiner dunklen Künstlermähne und seinen feinen Gesichtszügen recht imponierend. (…)

Er war ein äußerst sensibler, dekadenter, aber hochbegabter Mann, der sich des Nachts nach einem langen Tag im Laboratorium hinsetzte und Symphonien komponierte. Eigentlich war er von Haus aus gar kein Wissenschaftler, sondern was die Deutschen einen ,Aquarianer‘ nennen, ein ‚Amateur‘ (sic!), der Kleintiere züchtet. Darin besaß er denn auch außerordentliches Geschick, und ich halte die Ergebnisse, die er über den direkten Einfluß der Umwelt vorgelegt hat, im großen und ganzen für richtig.“

 

 

Alma Mahler
Alma Mahler, im Alter von etwa 20 Jahren.

1911 wurde Alma Mahler, Witwe von Gustav Mahler und Geliebte Kammerers zu seiner Assistentin. Passend zu ihrem Ruf als Femme fatale setzte er sie bei Versuchen mit Gottesanbeterinnen ein. Ob Kammerer sich dieser Ironie bewusst war, wird sich wohl nie klären lassen.
Sie jedenfalls schrieb zu einem seiner Versuche:

 

 

„Nun übergab er mir einen mnemotechnischen Versuch mit Gottesanbeterinnen zu bearbeiten. Er wollte es herausbringen, ob diese Tiere durch die Häutung ihr Gedächtnis verlieren oder ob dieser Akt nur eine oberflächliche Hautreaktion ist. Zu diesem Behuf sollte ich ihnen eine Gewohnheit beibringen. Es misslang insofern, als diesen Viechern nichts recht beizubringen war. Ich musste sie unten im Käfig füttern, da sie a priori immer in der Höhe und im Licht fressen. Der Käfig war unten verdunkelt. Sie waren nicht dazu zu bringen, ihre schöne Gewohnheit, Kammerer zu Liebe, aufzugeben.“

 

 

Erste Zweifel an Kammerers Objektivität kamen Alma Mahler jedoch relativ früh:

 

 

„Er wünschte die Ergebnisse seiner Forschungen so glühend herbei, dass er unbewusst von der Wahrheit abweichen konnte.“

 

 

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Die folgenden Ereignisse um Geburtshelferkröten, die aufstrebende Rechte und politisch gewordene Biologie verlaufen für Kammerer, der währenddessen als einer der größten Biologen nach Charles Darwin gefeiert wird, fatal:

 

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Der Fall Paul Kammerer

1926 erklimmt Paul Kammerer einen Hügel im Schneebergmassiv. Dann setzt er sich einen Revolver an die Schläfe und seinem Leben ein Ende.

Kurz zuvor ist Kammerer, den man als größten Biologen seit Darwin feierte, die Fälschung von Experimenten vorgeworfen worden. Der Fall erregt weltweit Aufsehen und ist bis heute ungeklärt.

Klaus Taschwer rollt das Leben des „Krötenküssers“ neu auf. Des Vaters der Epigenetik, der sich nicht nur in der Biologie, sondern auch als Komponist und Liebhaber von Alma Mahler einen Namen machte – und er liefert die erste heiße Spur im „Cold Case Kammerer“, die zu einer antisemitischen Verschwörung führt. Ein wahrer Krimi, der das kreative Milieu Wiens um 1900 zu neuem Leben erweckt.

Der Autor rollt nicht nur den historischen Fall neu auf. Taschwer findet auch neue Erkenntnisse zu den Versuchsergebnissen Kammerers und bringt neue Fakten in die Debatte um eine bewusste Fälschung seiner Versuche. Dabei liest sich das Ganze geschmeidig und flüssig, absolut nicht trocken, wie man es bei der Auswertung biologischer Versuche erwarten würde.

 

Der Fall Paul Kammerer ist ein Tatsachenthriller, 2016 bei Carl Hanser in deutscher Sprache erschienen und hat als gebundenes Buch 352 Seiten. Es ist heute nur noch antiquarisch oder für den Kindle erhältlich. Für gute Exemplare zahlt man 25 bis 30 €.

 

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Der Krötenküsser

Dem Wiener Biologen Paul Kammerer (1880 1926) brachten seine Experimente mit blinden Grottenolmen und Geburtshelferkröten in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts beträchtlichen Ruhm ein. Sein anfänglicher Erfolg wurde allerdings bald zum wissenschaftlichen Skandal. 1971, lang nach dem Tod des „Krötenküssers“, recherchierte Arthur Koestler den Fall Kammerer neu. In der Bibliothek der Erinnerung wird der seit über 30 Jahren vergriffene Titel erstmals wieder aufgelegt.

 

Der Krötenküsser“ von 2010 ist die Neuauflage eines Werkes von 1971. Es ist in deutscher Sprache erschienen und hat als gebundenes Buch 300 Seiten.

 

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