Medium der Woche: Das Jahrbuch des Center for Fortean Zoology

Lesedauer: etwa 7 Minuten

Erneut ist ein Jahrbuch des britischen Centre for Fortean Zoology (CFZ) erschienen. Wie bislang bietet es eine angenehme und spannende Mischung zwischen zoologischem Material, kulturellen Analysen und großäugiger, wundersüchtiger Kryptozoologie. Es hat also etwas für jeden Geschmack, und das, was ich leichtgläubig finde, hält jemand anders vielleicht für einen wichtigen Durchbruch… Alle Wertungen in meiner Besprechung sind demnach extrem subjektiv. Nur eines lässt sich sagen – es lohnt, sich das Buch zu holen, weil es eben so vielfältig ist.

 

CFZ Jahrbuch 2022
Das CFZ-Jahrbuch 2022/23

 

Kleine Kryptide im Focus des CFZ

Den Anfang macht Carl Marshall mit „On The Track of Smaller Hidden Animals“. Hier geht es um Mikrokryptozoologie – alle Kryptiden, die kleiner sind als 50 cm Höhe. Da gibt es so manches, aber natürlich zählen gerade die potenziellen Mythen Nessie, Bigfoot oder Dino nicht dazu. Die Chance, sich hier mit Lebewesen und nicht mit kulturellen Artefakten zu beschäftigen, ist sehr groß, und Marshall schreibt sehr anschaulich. Mir gefiel besonders die – bereits entdeckte – Panzerspitzmaus (Scutisorex somereni), deren Rückgrat 1000-mal ihr eigenes Körpergewicht tragen kann (übertragen auf den Menschen: 10 Elefanten). Und niedlich ist sie auch – wenn auch nichts für Nagerphobiker.

 

Panzerspitzmaus, Thema im CFZ-Jahrbuch
Präparat und teilweise Skelettmontage der Panzerspitzmaus Scutisorex somereni im Museum der Uni Zürich. Foto: Peter Spelt CC BY-SA 3.0

 

Es folgt ein weiterer langer Beitrag, „Unraveling the Mystery of a Inexplicable Indian Reptilian: THE BURU“ von Saarthak Haldar. Er ist etwas gewöhnungsbedürftig verfasst, aber vielleicht ist das normales indisches Englisch. Ich hatte gehofft, jemand hätte endlich Knochen des Buru aufgetrieben und das Geheimnis wirklich gelöst – es ist aber nur eine weitere These. Der Buru, eine Art großer Echse, ist ein (mögliches, aber noch nicht gefangenes, vielleicht mittlerweile ausgestorbenes) Reptil der nordindischen Sümpfe und soll mehrere Meter Länge erreichen. Seine Eigenschaften mischen das, was wir von Krokodilen wissen, mit Charakteristika von Waranen. Der Autor schlägt vor, dass der Buru beides war – indische Krokodile und Warane, die schemenhaft in den letzten verbleibenden Feuchtgebieten beobachtet und in der Folklore zu einem Wesen vermischt wurden.

 

Leistenkrokodil
Das Leistenkrokodil war ursprünglich bis zur Südspitze Indiens beheimatet

 

Der bekannte Kryptozoologe Nick Sucik untersucht in „Exploring the Prospect of an Unidentified Species of Reptile within Navajo and Hopi Lands“ Augenzeugenberichte über fliegende Schlangen (mit echten, fledermausartigen Flügeln) bei den First Nations der Mittweststaaten. Er bringt viel originales Material (er arbeitet in einem Reservat) und glaubt an ein reales, bisher noch nicht gefangenes Wesen.

 

Auch mit deutschen Beiträgen

Mein Beitrag, „‚Phantom‘ Kangaroos in Germany“ ist genau das – eine Auflistung von Känguru-Sichtungen in Deutschland, von denen es ja jedes Jahr mehrere Serien gibt, dazu Infos über Versuche, Kängurus bei uns heimisch zu machen.

 

Känguru Delmenhorst, Thema im CFZ-Jahrbuch
Ein entlaufenes Känguru im Scheinwerferlicht der Polizei Delmenhorst, 2021. – Foto: Polizei Delmenhorst

 

Hans-Jörg Vogel bespricht in „Analysis of an Alleged ‚Chupacabras‘ Mummy“ seine Röntgenanalyse einer vorgeblichen Chupacabras-Mumie. Es stellte sich heraus, dass es eine Fälschung war, die mehrere Tierleichen sowie modellierte Körperteile einsetzte. Wie beim Yeti-Finger sind solche Untersuchungen wichtig, es wäre aber schön, mal auf Gold und nicht immer auf Katzengold zu stoßen.

 

Chupacabra im Tor zur Urzeit
Die von Hans-Jörg Vogel untersuchte Chupacabra-Mumie im Museum Tor zur Urzeit in Bordesholm, SH

 

Und die britische Sicht der Dinge

Tim Whittard und Matt Everett beschreiben in „The Modern Origins of Britain’s Mystery Big Cats: From WW2 to the Dangerous Wild Animals Act of 1976“, wie US-Soldaten Pumas in der Folge des Zweiten Weltkriegs mit sich nach England brachten, und wie ein Gesetz, dass den Besitz von Wildtieren untersagte, 1976 zur Freilassung vieler privat in Käfigen gehaltenen Großkatzen und Pumas führte. Sie sehen darin den Ursprung von Brutkolonien exotischer Katzen in Großbritannien.

 

Richard Muirhead präsentiert in „An Early Victorian Investigation into Roman Cryptozoology – On the different Animals and Vegetables which are represented upon the Mosaic of the Pavement of the Temple of Fortune of Palestrina“ eine über 100 Jahre alte Analyse der Tierwelt, die auf dem Mosaik von Palestrina dargestellt ist. Gezeigt wird nordafrikanische Fauna, darunter aber auch Tiger und riesige Schlangen. Die als „tygris“ bezeichneten Tiere weisen allerdings unregelmäßige Fellpunkte und keine Streifen auf. Der Autor des reproduzierten Textes geht auf Sichtungen von weißen Bären in Ägypten ein …

 

 

Matt Bille schildert in „Enabling Crypto-Research – Creating Of Books and Beasts“ wie er seine Auswahl relevanter Titel für seine Bibliografie der Kryptozoologie traf, und Richard Muirhead liefert ein Register zu seiner Zeitschrift „Flying Snake“ (Nummern 6 bis 10).

 

Unbestimmte oder unbeschriebene Museumsexemplare

„The Animals that should exist“ von Lars Thomas schildert Tiere, die aus Museumspräparaten bereits bekannt sind, die aber noch nicht wissenschaftlich beschrieben wurden und die somit zoologisch offiziell „noch nicht existieren“.

 

Wissenschaftliche Käfersammlung
Wissenschaftliche Sammlungen sind kein Selbstzweck, sondern ein Speicher von Wissen

 

Einfache Kryptozoologie, die Zeugenberichte versammelt und dann ein unbekanntes Lebewesen postuliert, bieten David Weatherly in „The Monster of Crescent Lake, Newfoundland“ (ein typisches Süßwasserungeheuer in einem 3 km langen, schmalen See) und Shane Lea und Richard Muirhead in „The Van Meter Creatures“, in dem es um Augenzeugenberichte von lebenden Flugsauriern geht, die in Van Meter, Iowa, seit mehr als 120 Jahren gemeldet werden. Die Autoren schließen auf eine Kolonie von Flugsaurier bei dem Ort.

 

Mit dem X wird es spekulativer

Sanjay R Singhal untersucht in „The ‚X‘ Formation: An analysis and interpretation“ auf vielen Seiten (und mit vielen Fotos) Bäume, die Bigfoot in den nördlichen Staaten der USA, in Georgia und Kalifornien abgeknickt und über Kreuz gelegt hat, um seine Artgenossen zu warnen: „Hier laufen Menschen entlang!“ Ich begegne solchen über Kreuz liegenden kleinen Bäumen öfters bei Wanderungen, aber wie die „Zelte“ aus Holz um einen Baum, die man ja auch in praktisch jedem Wald antrifft, nehmen solche Sachen unter Bigfoot-Gläubigen einen anderen Status an als in meiner simplen Sicht.

 

„X Marks the Spot“ von Alex Mistretta biete eine Zusammenfassung der Arbeiten der französischen Anthropologin Roumeguere Eberhardt, die Riesenaffen- und Urmenschen-Sichtungen der Massai untersuchte. Die Urmenschen gebrauchen Werkzeuge und sind möglicherweise Pygmäen, die Affen sind mit Bigfoot verwandt – so die Schlussfolgerung. Der Autor interviewte u.a. auch die Tochter der Forscherin.

 

„Marine Monsters on Spanish Beaches“ von Javier Resines führt einige Strandungen von Seeschlangen auf und hofft, dass jene, die nicht von Zoologen untersucht und als Riesenhai identifiziert werden konnten, echte Kryptide waren. Richard Freeman fasst in „Enter Afonya: The most detailed Wildman encounter of all“ die Yeti-Begegnungen vom Lowosero-See auf der Kola-Halbinsel zusammen, die man aus dem Buch von D. Bajanow, „Auf den Spuren des Schneemenschen“ kennt.

 

Das Meer bei Cartagena in Spanien
Das Meer und die Küste bei Cartagena in Spanien

 

Ein Jahresbericht des Centres rundet den Band ab. Ich kann ihn uneingeschränkt empfehlen – selbst die Beiträge, mit deren Schlussfolgerungen ich nicht übereinstimme, enthalten eine Fülle von Details, die zu eigenen Nachfragen einladen.

 

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Das CFZ Jahrbuch 2022 / 3

Das Center for Fortean Zoology (CFZ) ist eine professionelle und wissenschaftliche Organisation. Sie widmet sich der Kryptozoologie: dem Studium unbekannter Tiere und verwandter Disziplinen. Seit 1992 haben wir weltweit umfangreiche Forschungen zu mysteriösen Tieren und Tiergeheimnissen durchgeführt. Unter anderem betreiben wir einen eigenen Verlag, der sowohl Zeitschriften als auch Bücher produziert.

 

Das Center For Fortean Zoology Yearbook ist eine Sammlung von Artikeln und Essays, die zu lang und detailliert sind, um im CFZ Journal Animals & Men veröffentlicht zu werden. Mit Beiträgen sowohl von bekannten Forschern als auch von relativen Neulingen auf diesem Gebiet bietet das Jahrbuch ein Forum. Hier kann jeder neue Theorien darlegen und Arbeiten zu wenig bekannten Kryptiden diskutieren.

 

Das Center For Fortean Zoology Yearbook 2022 / 23 des CFZ hat 260 Seiten in englischer Sprache und ist als Taschenbuch erschienen.

 

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