Medium der Woche: Der Zoo der Anderen

Lesedauer: etwa 6 Minuten

 

Berlin in den 1960er Jahren: Nach dem Bau der Mauer hat sich der kalte Krieg eingerichtet und die Berliner mit ihm. Ost und West sahen in „ihren“ Stadtteilen jeweils eine Art Schaufenster, in dem sie ihre Leistungsfähigkeit gegenüber der anderen Seite demonstrieren konnten. Im Westen wuchs ein neues Zentrum um das Europa-Center mit dem Neubau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Auch mit Kultureinrichtungen wusste man zu renommieren: Die Berliner Philharmonie, die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz und die neue Nationalgalerie entstanden. Da sie unmodern erschienen, wurden alle Straßenbahnen im Westen stillgelegt.

 

Kaiser-Wilhelm Gedächtniskirche
Eines der neuen Zentren im Westen um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

 

Der Osten zog etwas verspätet und auf eigene Weise nach. Die DDR-Regierung konzentrierte sich auf den Wohnungsbau, während das Berliner Schloss bereits 1950 dem SED-Chef Walter Ulbricht zum Opfer fiel. Der Wohnungsbau wurde vor allem ökonomisch geplant, hauptsächlich wurden Typenbauten in Großwohnsiedlungen errichtet.

Alexanderplatz
Der Alexanderplatz, immer eines der Zentren einer multifokalen Stadt. Heute wie damals, als die DDR den Fernsehturm (im Hintergrund) bauen ließ

Leuchtturmprojekte im Sinne von eher Prestigebauten wurden in den 1960ern kaum fertig gestellt. Der Fernsehturm 1969 war eine Ausnahme, ebenso das Haus des Lehrers und die Kongresshalle. Selbst der Flughafen Schönefeld und der Berliner Außenring waren notwendige Infrastrukturmaßnahmen. Das Prestigeobjekt der DDR, der Palast der Republik wurde erst später fertig.

 

Elefantentor
Das Elefantentor am West Zoo. Foto: Jean-Pierre Dalbera CC 2.0

 

Stadt der Agenten

Durch die vier Besatzungszonen waren die drei atlantischen Großmächte und die Sowjetunion in Berlin stark vertreten. Dies schloss alle Formen der Aktivität ein, von ökonomischer bis zu militärischer, aber besonders stark waren Propaganda und Spionage. Auffällige Ereignisse waren der erste Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke 1962, diverse mehr oder weniger bekannte Spionageaktionen der Geheimdienste nahezu aller in der geteilten Stadt vertretenen Staaten.

 

Schloß Friedrichsfelde
Schloss Friedrichsfelde, einer der Angelpunkte im Tierpark

 

Krieg der Zoos?

Bereits in den 1950er Jahren, spätestens nach der Berlin-Blockade war klar, dass eine Wiedervereinigung Deutschlands oder auch nur Berlins in weite Ferne gerückt war. Da der berühmte „Hauptstadtzoo“, unter anderem unter der Leitung von Ludwig und Lutz Heck, war „tief im Westen“ verankert. Im Osten fehlte ein Zoo.

 

Nach einem Beschluss des Magistrats am 27. August 1954 begann man, den Park des Schlosses Friedrichsfelde zu einem Zoo, nein, zu einem Tierpark umzubauen. Die ersten Tiere konnten 1955 einziehen, bei der Eröffnung am 2. Juli konnten die Ostberliner etwa 400 Tiere in 120 Arten besichtigen. Die ersten Tiere kamen aus Spenden der Bevölkerung und der Betriebe der DDR, doch auch andere Zoos, auch aus dem Westen spendeten Tiere.

 

Schwarzbüffel
Eine größere Herde Schwarzbüffel muss als in Ostberlin muss man lange suchen.

 

Insgesamt entwickelten sich beide Zoos nahezu gegensätzlich. Der West-Zoo war räumlich beschränkt, außer einem kleinen Erweiterungsareal auf einer Spree-Insel war kein Flächenzusatz mehr möglich. Dafür wurde er sehr „intensiv“ betrieben, moderne Tierhäuser beherbergten eine ungeheure Artenzahl. Er wurde damals der artenreichste Zoo der Welt.

Der Ost-Tierpark hingegen hatte Platz, den man wohl zu nutzen wusste. Der Park-Charakter im „unteren“ Bereich mit alten, hohen Bäumen und Alleen im Blätterdach ist erhalten geblieben. Auch die Möglichkeit, Herdentiere nicht nur in symbolischen Herden mit einem Männchen und zwei Weibchen auszustellen, hatte der Westen nicht.

 

Quallen im Aquarium
Quallen im Aquarium im West-Zoo. Ein eigenes Aquarium gab es in Friedrichsfelde nie.

 

Und beide Zoos hatten ihre Unterstützer – sogar die Geheimdienste halfen dabei, ungewöhnliche Tiere zu beschaffen:

 

Vor diesem Szenario ist das Buch „Der Zoo der anderen“ von Jan Mohnhaupt entstanden. Der Untertitel „Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte & Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete“ steht nicht umsonst im Duktus des kalten Krieges:

 

Als sich der Kalte Krieg auf seinem Höhepunkt befindet, nimmt auch das Wettrüsten im geteilten Berlin bizarre Formen an: West-Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt besorgt dem Zoodirektor Heinz-Georg Klös neue Elefanten, damit der seinem Rivalen, dem Ost-Berliner Tierparkdirektor Heinrich Dathe, weiterhin die Stirn bieten kann. Denn wer mehr Elefanten besitzt, hat eine Schlacht gewonnen. Ob Brillenbär-Spende durch die Stasi, Schlagzeilen wie „Westesel gegen Ostschwein“ oder der Schlagabtausch der beiden charakterstarken Direktoren Heinrich Dathe und Heinz-Georg Klös – die beiden Berliner Zoos verraten vieles über das geteilte Deutschland. Mit großer Sympathie für Tier und Mensch erzählt Jan Mohnhaupt in seinem Buch erstmals ihre gemeinsame Geschichte.

 

Die Entwicklung der beiden Zoos ist sicher eine der liebenswertesten Auswüchse des Kalten Krieges und bei der Lektüre darf man auch einen Moment, einen winzigen Moment trauern, dass das Ganze vorbei ist.

 

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Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte und Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete

Der Zoo der Anderen

Als sich der Kalte Krieg auf seinem Höhepunkt befindet, nimmt auch das Wettrüsten im geteilten Berlin bizarre Formen an: West-Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt besorgt dem Zoodirektor Heinz-Georg Klös neue Elefanten, damit der seinem Rivalen, dem Ost-Berliner Tierparkdirektor Heinrich Dathe, weiterhin die Stirn bieten kann. Denn wer mehr Elefanten besitzt, hat eine Schlacht gewonnen.

Ob Brillenbär-Spende durch die Stasi, Schlagzeilen wie „Westesel gegen Ostschwein“ oder der Schlagabtausch der beiden charakterstarken Direktoren Heinrich Dathe und Heinz-Georg Klös – die beiden Berliner Zoos verraten vieles über das geteilte Deutschland.

Mit großer Sympathie für Tier und Mensch erzählt Jan Mohnhaupt in seinem Buch erstmals ihre gemeinsame Geschichte.

 

Der Zoo der Anderen ist ein bemerkenswertes Stück Geschichte eines der wenigen liebenswerten Teile des Kalten Krieges. Es ist als gebundenes Buch, Taschenbuch und für den Kindle erhältlich.

 

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Zum Glück ist es vorbei

Heute, 33 Jahre und 6 Tage nach dem Mauerfall kann man ganz selbstverständlich beide Zoos am selben Tag besuchen. Es ist möglich, aber nicht empfehlenswert, die Kilometer, die man vor allem im Tierpark läuft, sind beträchtlich.

Beide Zoos sind seit langem unter gemeinsamer Verwaltung, aber die unterschiedliche Herkunft und die unterschiedlichen Charaktere sieht man ihnen nach wie vor an. Das ist auch gut so! Beide Zoos leben von ihrer Einmaligkeit, keiner ist die Kopie eines anderen und keiner ist das bewusste Gegenteil des anderen. Beide gehören so zu den großartigsten Zoos in Europa, vielleicht haben sie sogar Weltrang, nur zusammen geben sie ein vollständiges Bild ab, weil sie so unterschiedlich sind.

 

Przewalski-Pferde
Eine nicht ganz so kleine Herde Przewalsi-Pferde in Friedrichsfelde.

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