Medium der Woche: Paläontologie der Wirbeltiere

Lesedauer: etwa 8 Minuten

 

 

Die Paläontologie der Wirbeltiere ist einer der Wissenschaftszweige, der am ehesten in die Schlagzeilen kommt. Dort wird ein neuer, größter Dinosaurier ausgegraben, es gibt einen neuen fossilen Menschenverwandten oder im Feld des Landganges gibt es eine neue Entdeckung. Sogar unspektakuläre Funde wie Seekuhrippen füllen die Nachrichten von Lokalzeitungen.

 

Mit der „Paläontologie der Wirbeltiere“ hat Michael J. Benton ein Werk geschaffen, das das aktuelle Lehrwissen dieser Disziplin zusammenfasst. Benton ist Professor für Wirbeltierpaläontologie an der Universität Bristol. Sein Hauptarbeitsgebiet sind die frühen Reptilien, die Dinosaurier der Trias und die Makroevolution. Er ist einer der bedeutendsten Autoren der Paläontologie. Auch der Übersetzer Hans-Ulrich Pfretzschner ist Professor für Paläontologie. Er lehrt am Institut und Museum für Geologie und Paläontologie der Universität Tübingen.

 

Paläontologie der Wirbeltiere

 

Aus dem Vorwort des Übersetzers

Die moderne Wirbeltierpaläontologie ist ein faszinierender, interdisziplinärer Bereich der Bio- und Geowissenschaften, der sich in den letzten Jahren rasant entwickelt hat. Durch die Feldforschung in aller Welt werden ständig neue, aufregende Fossilien gefunden, die unser Bild von der Evolution der Wirbeltiere ergänzen und neue Aspekte hinzufügen.

 

Aufgrund der Komplexität eines Wirbeltierskelettes liefern besonders Wirbeltierfossilien eine Fülle biologischer Informationen. Dadurch kann man die Phylogenese der Wirbeltiere sehr detailliert analysieren. Gleichzeitig lassen sich auch zahlreiche Informationen über die Lebensweise der betreffenden Organismen gewinnen. Dadurch wird die Analyse der Evolution der einzelnen Arten mit ihren unterschiedlichen Anpassungen zu einem wichtigen Forschungsschwerpunkt der Wirbeltierpaläontologie neben der phylogenetischen Systematik.

 

Tristan in der ersten Sonderausstellung im NKM
Tyrannosaurus „Tristan-Otto“ lockte hunderttausende zu seiner Ausstellung nach Berlin

 

Spannende Hightech, die auch für Laien nachvollziehbar ist

In diesem Bereich liegt die zweite Ursache für die rasche Entwicklung des Fachgebietes, denn das Methodenspektrum wird durch neue technische Entwicklungen ständig erweitert, so dass die Wirbeltierpaläontologie heute in immer stärkerem Maße auf hochtechnologische wissenschaftliche Labors zugreift, um ihre Fragestellungen über die Biologie der fossilen Lebewesen beantworten zu können. So haben zum Beispiel die Bestrahlung mit UV-Licht bestimmter Spektralbereiche und die Röntgentomografie eine Fülle neuer anatomischer Informationen geliefert. Der Einsatz von Computermodellierungen hat bei der biomechanischen Analyse der Laufbewegungen von Dinosauriern sehr viel geholfen und die Isotopenanalyse hat uns zahlreiche Informationen zur Ernährung und zur Biogeografie ausgestorbener Arten beschert. Schließlich hat die DNA-Analyse auch ihre Anwendung in der Paläontologie gefunden, wenngleich sie momentan auf das Quartär beschränkt ist.

 

(Auszug aus dem Vorwort des Übersetzers)

 

CT-Scan des Vogelkopfes
Moderner 3D-Scan eines fossilen Eidechsenkopfes (Foto: O’Connor et al.)

 

Der Autor beginnt sein Werk so:

Die Wirbeltierpaläontologie ist immer für eine Schlagzeile gut. Erstaunliche und sehr alte Fossilienfunde primitiver Chordata und Wirbeltiere werden aus China gemeldet. Fossilienjäger streiten sich darum, welches der größte Dinosaurier oder der älteste gefiederte Dinosaurier war. Man stellt einen urtümlichen, fossilen Vogel vor, der 100 Millionen Jahre zur Stammesgeschichte hinzufügt. Immer ältere Fossilien von frühen Menschen werden in Afrika ausgegraben.

Der Wunsch, „alles“ in ein Buch zu bringen

Als ich 1989 dieses Buch schrieb, verspürte ich das Bedürfnis nach einer aktualisierten Darstellung des Wissens über die Geschichte der Wirbeltiere, aber ebenso nach einer Zusammenfassung der neuesten aufregenden Entdeckungen. Die erste Ausgabe ist 1990 erschienen. Die zweite, stark überarbeitete Auflage erschien 1997.

Sie berichtete ausführlich über neue Entdeckungen aus den frühen neunziger Jahren und gab einen zusammenfassenden, kladistischen Überblick über die Hauptgruppen der Wirbeltiere.(…)

Die Geschichte der Evolution der Wirbeltiere, also der Tiere mit einer Wirbelsäule, ist faszinierend. Auf diesem Gebiet explodieren zur Zeit förmlich die Ideen für neue Forschungsansätze: Der Ursprung der Wirbeltiere; aufregende neue Fischtypen, die keinem rezenten Fisch gleichen; die notwendigen Anpassungen für die Fortbewegung an Land; die Verwandtschaftsbeziehungen der paläozoischen und mesozoischen Landwirbeltiere; die Ursprünge und die Biologie der Dinosaurier; die Rolle der Massensterben in der Wirbeltierevolution; neue mesozoische Vögel; die frühesten Säugetiere; Ökologie und Vielfalt der Säuger; die Rekonstruktion des Stammbaums der Lebewesen und dessen Abgleich mit den morphologischen und molekulargenetischen Daten; Ursprung und Evolution der Menschen.

 

Als ich dieses Buch schrieb, hatte ich vier Hauptanliegen.

Eine lesenswerte Darstellung der Wirbeltierhistorie

Als erstes wollte ich eine lesenswerte Darstellung der Geschichte der Wirbeltiere geben, die jeder interessierten Person zugänglich ist, unabhängig davon, ob der Leser nun Fachmann oder interessierter Laie ist. Das Buch folgt in etwa dem zeitlichen Verlauf großer Ereignisse im Wasser und an Land, so dass der Leser es als fortlaufende Erzählung lesen kann. Einzelne Kapitel stehen aber auch für sich allein. Ich habe versucht, die Anpassungen aller wichtigen ausgestorbenen Gruppen der Wirbeltiere darzustellen, sowohl im Text als auch mit Bildbeispielen.

Evolution in der Anatomie

Mein zweites Anliegen war, die wichtigsten anatomischen Veränderungen in der Evolution der Wirbeltiergruppen hervorzuheben. Dieses Buch ist weder ein klassisches Anatomiebuch noch reicht der Platz für eine umfassende Darstellung aller Aspekte der Skelett- und Weichteilanatomie der Hauptgruppen der Wirbeltiere. Hingegen habe ich einige anatomische Details ausgewählt, die einen Überblick über die aktuellen Diskussionen im Hinblick auf die Evolution und die Entwicklungsbiologie geben, wie etwa das Wirbeltiergehirn, die Kiefer der Knochenfische, die Evolution der Wirbelsäule der Tetrapoden, die Körperhaltung und Fortbewegung der Dinosaurier und die Endothermie der Säugetiere.

 

Oken's Walross
Walross und Skelett, klassische Anatomie

 

Moderne Methoden in der Paläontologie

Das dritte Anliegen war zu zeigen, wie der Erkenntnisgewinn in der Paläontologie funktioniert. Es ist wichtig, die Methoden und Argumente zu verstehen, und man darf auf keinen Fall alles Wissen als gegeben und unwiderruflich hinnehmen. Um dies zu erreichen, habe ich im zweiten Kapitel die Methoden zusammengestellt, die von Wirbeltierpaläontologen zur Bergung und Präparation von Fossilien, zur Rekonstruktion früherer Lebensräume, zur Analyse der Biomechanik und der Paläobiologie und zur Aufklärung der Details des Stammbaums des Lebens benutzt werden. Weiterhin sind im Text immer wieder Kästen eingestreut, in denen kurz bestimmte Themen behandelt werden, die den folgenden drei Kategorien zugeordnet sind:

Kontroversen über den Stammbaum des Lebens (Verwandtschaftsverhältnisse der Deuterostomia, kieferlose Fische, Fleischflosser, basale Landwirbeltiere, Amnioten, Dinosaurier und die Entstehung der Vögel, molekulargenetische Daten zur Phylogenese der Säugetiere, Verwandtschaftsverhältnisse der Menschen), besondere Fossilien oder fossile Faunen (neue, besonders gut erhaltene primitive Chordata aus China, eine reichhaltige Lagerstätte früher Landwirbeltiere, überraschende neue Entdeckungen kreidezeitlicher Vögel, fossile Säugetiere mit überlieferter Behaarung, neu entdeckte frühe Menschen aus dem Tschad) und die Paläobiologie ausgewählter und ausgefallener fossiler Wirbeltiere (Biologie eines behelmten Fisches, Funktion des Kieferapparates und Ernährung der Dicynodontier, Biologie eines in Rudeln jagenden Dinosauriers, Thermoregulation der Dinosaurier, Behaarung der Flugsaurier, Pferde fressende Vögel, die frühesten Wale).

 

Scan eines Schädeks eines pleistozänen Wolfes
Einer der CT-Scans des Kopfes. Er unterscheidet sich in einigen Details vom modernen Wolf, ist aber nicht besonders groß. Foto: A. Protopopov

 

 

Ein aktueller Stammbaum der Wirbeltiere

Das vierte Anliegen bestand schließlich darin, den momentanen Stand der Erforschung des Stammbaumes der Wirbeltiere darzustellen. Hierzu präsentiert der Autor getrennt vom laufenden Text Kladogramme mit vollständigen Listen der diagnostischen Merkmale. In einigen Fällen, in denen Kontroversen zwischen den Paläontologen oder zwischen den morphologischen und den molekulargenetischen Daten bestehen, diskutiert er diese Probleme. In vielen Fällen war es schwierig, die aktuellen Sichtweisen verständlich und treffend darzustellen. Einige Bereiche des Stammbaumes blieben über zehn oder mehr Jahre stabil, während andere sich immer wieder kurzfristig veränderten. Diese Aspekte werden hervorgehoben. Verbindet man die im Buch präsentierten Kladogramme, so bildet sich ein Überblick über den Stammbaum der gesamten Wirbeltiere, der auch der Klassifikation (Anhang) zugrunde liegt.

 

 

Meinungen

 

Ich finde dieses Buch echt toll. Sehr gut geschrieben. Es wird nebst der Evolution auch die funktionelle Morphologie als auch Biogeographie beschrieben. Das Buch ist hochwertig. Die deutsche Übersetzung ist gelungen. Es ist einfach ein Freude dieses Buch zu lesen! Ich habe mir gleich zwei Kopien gekauft, eine habe ich gleich verschenkt, eine für mich behalten.

 

Jens Christian Paul

 

 

Dieses Buch kann ich persönlich all jenen empfehlen, die sich mit Dinosauriern und Lebewesen aus der Urzeit schon eine Weile auseinandergesetzt haben und ein kleines Maß an Vorwissen zu diesem Thema besitzen. Die Inhalte sind durchgehend auf wissenschaftlichen Niveau gehalten. Sehr empfehlenswert ist dieses Buch folglich für Studenten der Paläontologie, sowie für Auszubildende im Bereich Museumspräparationstechnische Assistenz. Mit hervorragenden Zeichnungen verschiedener Skelette und dazugehörigen, erklärendem Text leitet dieses Buch den Leser erfolgreich durch die vergleichende Anatomie der Urzeitorganismen.

 

AmadahyHunter

 


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Paläontologie der Wirbeltiere

Das Standardwerl von Michael J. Benton ist 2017 im Pfeil-Verlag erschienen. Die Paläontologie der Wirbeltiere hat 472 Seiten in deutscher Sprache und ist nur als gebundene Ausgabe erhältlich.

 

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