Medium der Woche: Thylacoleo lives

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Die Tierwelt Australiens kann einem auf den ersten Blick wie von einer anderen Welt erscheinen: Eier legende Säugetiere wie der Beuteligel, ein Wasserbewohner mit Schnabel, der aber keine Ente ist oder Lebewesen, die ihren Nachwuchs im namensgebenden Beutel umher tragen sind dabei nur ein kleiner Teil dieser außergewöhnlichen Fauna. Sicher noch außergewöhnlicher war dieser Erdteil bis zur Ankunft der ersten modernen Menschen, welche zu den Aborigines werden sollten. Nach ihrer Ankunft vor etwa 60.000 bis 40.000 Jahren verschwanden viele der großen Beuteltiere, Landschaften veränderten sich und Australien erhielt sein heutiges Antlitz.

 

Australien Northern Territory ohne Thylacoleo
Typische Landschaft bei Kata Tuita in Australien

 

Die Ankunft einer weiteren Menschengruppe aus dem fernen Europa veränderte den roten Kontinent abermals und das in einem viel kürzeren Zeitraum. So starb innerhalb von etwa 200 Jahren eine beispiellose Anzahl von Tierarten aus, andere wurden an den Rand ihrer Existenz gedrängt. Fremdländische Arten wurden eingeführt, erhöhten den Druck auf die heimische Fauna und sorgten für weitere Veränderungen im Landschaftsbild.

 

Landschaft in der Nähe des Uluru
Wüsten prägen das Hinterland Australiens

 

Der Beutelwolf war der letzte große Raubbeutler auf dem Festland, oder?

Mit dem Beutelwolf oder Tasmanischen Tiger (Thylacinus cynocephalus) starb der letzte Ast einer besonders markanten und außergewöhnlichen Beuteltierfamilie aus, der zuletzt nurmehr auf der Insel Tasmanien ein letztes Refugium fand. Wie kaum eine andere Tierart erregt er fortwährend das Interesse von Zoologen und Kryptozoologen aus der ganzen Welt, die immer neue Erkenntnisse über seine Natur zu Tage fördern, ihn wieder zum Leben erwecken oder aber sein angenommenes Fortbestehen beweisen wollen. Die Anhänger letzterer These sammeln fleißig Fußspuren, Haare und Augenzeugenberichte, fotografieren mutmaßlich vom Beutelwolf gerissene Kadaver und haben im Laufe von Jahrzehnten wahrscheinlich bereits tausende automatischer Kameras auf Tasmanien wie auch auf dem australischen Festland installiert. Auf letzterem nämlich, so vermuten einige der Beutelwolf-Enthusiasten, könnten in abgelegenen Gebieten noch Bestände von Thylacinus cynocephalus bis in die heutige Zeit überdauert haben. Konkrete Beweise allerdings gibt es dafür keine, und die jüngsten Fossilfunde auf dem Festland sind bereits 3.000 Jahre alt.

 

Zwei Beutelwölfe im Zoo

Ein Spitzen-Prädator über dem Beutelwolf

Die jüngsten Funde eines anderen Kryptiden sind noch wesentlich älter, stammen sie doch aus der Zeit der ersten menschlichen Besiedlung Australiens. Es handelt sich dabei um keinen geringeren als den Beutellöwen (Thylacoleo carnifex), dem das kleine Buch von Dennis Wright mit dem Titel „Thylacoleo Lives“ gewidmet ist.

 

Beutellöwen, nicht nur der Gattung Thylacoleo

rekonstruierter Schädel eines Thylacoleo. Cambridge Natural History Museum, PD
rekonstruierter Schädel eines Thylacoleo. Man beachte die ungewöhnliche Form der Zähne.

Die Beutellöwen stellen eine relativ artenreiche Familie von Raubbeutlern. Sie lebten in Australien und sind nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen um 45.000 Jahre vor heute ausgestorben. Sie stellten allesamt Beutegreifer, sekundär vegetarische Formen sind nicht bekannt. Die kleinsten, vor allem frühe Arten waren etwa so groß wie moderne Hauskatzen. Große Tiere wie Wakaleo erreichten die Größe von Leoparden. Thylacoleo carnifex war die größte bekannte Art. Er erreichte eine Größe zwischen einem weiblichen und männlichen Löwen und ein Gewicht von etwa 110 bis 160 kg.

Bemerkenswert ist der kurze, kräftige, bullige Körperbau. Sie wurden dadurch deutlich schwerer, als katzenartige Raubtiere, mit denen sie oft verglichen werden.

 

Insgesamt zeigt die Evolution der Beutellöwen eine deutliche Tendenz zum Größenwachstum und zur immer stärkeren Spezialisierung auf tierische Nahrung. Dabei nahmen sie einen völlig anderen Weg als die Placentalier-Raubtiere. Nicht etwa die Eckzähne der Beutellöwen waren vergrößert, sondern die Schneidezähne. Der Prämolar war stark vergrößert und bildete mit dem gegenüber liegenden Zahn eine messerartige Schneide. Die Backenzähne waren fast vollständig reduziert.
Möglicherweise töteten die Tiere aber nicht mit den Schneidezähnen, wie oft angenommen, sondern mit vergrößerten und scharfen Daumenkrallen.

 

Bisher geht man davon aus, dass die meisten Beutellöwen-Formen spätestens im Miozän oder Pliozän, also spätestens vor etwa 2,6 Millionen Jahren ausstarben. Jüngere Fossilien sind nicht bekannt. Nur von Thylacoleo carnifex gibt es jüngere Funde. Sie reichen bis zu 45.000 Jahre vor heute. In dieser Zeit besiedelten die Vorfahren der heutigen Aboriginals den Kontinent. Die Megafauna verschwand und mit ihnen die Beutellöwen.

Die Sippschaften der räuberischen Beuteltiere

Die Beutellöwen sind übrigens nicht näher mit dem Beutelwolf verwandt. Sie gehören zur Ordnung der Diprotodontia, zu denen unter anderem die Koalas, Wombats, Kängurus und viele kleine fleischfressende Beuteltiere gehören. Die Raubbeutler, und mit ihnen der Beutelwolf, stellen die Ordnung Dasyuromorphia, die nicht sehr eng mit den Diprodontia verwandt sind.

 

 

Thylacoleo und Gelbhaubenkakadu
Zeichnung eines Beutellöwen, der gerade Ärger mit einem frechen Gelbhauben-Kakadu hat: Artwork: Nellie Pease/CABAH (CC-SA 4.0)

 

Ist der Beutellöwe tatsächlich ausgestorben?

Nach offizieller Lehrmeinung starb der Beutellöwe zusammen mit vielen weiteren Elementen der australischen Megafauna bereits im Pleistozän aus. Ob der Mensch überhaupt noch auf ihn, kann bisher nicht sicher nachgewiesen werden. Es ist jedoch naheliegend, dass sein Aussterben zumindest in einem indirekten Zusammenhang mit dem Auftauchen von Homo sapiens steht, verschwanden die großen Beuteltiere doch zur gleichen Zeit.

 

Der einzige Hinweis aber, der die frühen Ureinwohner mit Thylacoleo in Verbindung bringt, ist eine Jahrtausende alte Felsmalerei aus der Kimberley-Region, die allerdings auch einen Beutelwolf zeigen könnte.

 

Thylacoleo-Skelett
Ein montiertes Skelett eines Beutellöwen (Thylacoleo carnifex) in der Victoria Fossil Cave im Naracoorte Caves National Park, Australien (Foto: Karora, Public Domain)

Eine der seltenen Thylacoleo-Beobachtungen

Der Autor Dennis Wright dagegen ist der Überzeugung, Thylacoleo carnifex habe bis in die heutige Zeit überdauert und erfreut sich weiterhin seines Lebens. Dazu gelangt ist er bei einem Jagdausflug, bei dem ihm ein seltsames Tier vors Visier gekommen sein will. Er beschreibt es ähnlich einem Panther, dunkel und sehr agil. Beim Anblick dieses ihm unbekannten Tieres will er gefühlt haben, dass es sich um ein in Australien heimisches Faunenelement handelt und drückte daher nicht den Abzug seiner Flinte.

 

Weitere Recherchen im Anschluss an besagte Begegnung brachten ihn zu dem Schluss, dass das, was er sah nur ein Beutellöwe gewesen sein konnte. Diese Erkenntnis als Ausgangspunkt nehmend, forschte Wright weiter nach dem Phantom und fand im Laufe der Zeit eine nicht näher genannte Anzahl von Personen, die ähnliches gesehen haben wollen. Immer wieder sprechen die vermeintlichen Augenzeugen von einem dunklen, katzenähnlichen Tier, welches sich schnell und überaus geschmeidig fortbewegen soll (die katzenähnliche Erscheinung jedoch passt in der Tat nicht besonders gut zu einer auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhenden Rekonstruktion von Thylacoleo).

 

Thylacoleo und die Legende vom Drop-Bear

Einen Großteil der Zeit soll der Beutellöwe auf Bäumen verbringen und von dort aus seine Beute angreifen. Hier wird der Bogen zu dem sogenannten Drop Bear gespannt – ein dem Koala ähnliches, fleischfressendes Beuteltier, das seine Beute in der Form angreift, als dass sie sich auf ihren Kopf allen lässt: in Wahrheit nur eine Legende, um Touristen zu veräppeln.

 

Weiter berichtet Wright über die Lebensweise seines Beutellöwen, dass er überwiegend dämmerungs- und nachaktiv sein soll, den Tag verbringt er in Baumhöhlen. Auch mit der Beschreibung von typischen Merkmalen an den Kadavern von Beutetieren sowie Ratschläge zum Verhalten bei einer Begegnung wartet er auf.

 

Thylacoleo Austalia Museum
Etwas struppig kommt es ja doch daher, das Modell eines lebenden Thylacoleo aus dem Australian Museum in Sydney. PD.

 

Oder doch „nur“ Alien Big Cats?

Ein Exkurs führt schließlich noch zu Pumas (Puma concolor), die US-Soldaten angeblich während des Zweiten Weltkriegs nach Australien gebracht haben sollen, wobei hier auch Schwärzlinge erwähnt werden (ein Phänomen, das für den Puma bisher nicht zweifelsfrei dokumentiert ist). Er hält die Pumas für eine Erklärung von Großkatzensichtungen im Südosten des Landes, jedoch bleibt von seiner Identifikation des Thylacoleo überzeugt.

 

Letztlich bleibt Wright den Beweis schuldig

Und doch, was fehlt, liegt auf der Hand: mit handfesten Beweisen nämlich, um die postulierte Existenz des Beutellöwen bis in unsere Zeit nachzuweisen, kann Wright nicht auffahren. Eine Erklärung, warum in den mehr als 200 Jahren der Besiedlung des Südkontinents durch Europäer bisher kein Exemplar dokumentiert werden konnte und es keine Überreste aus den letzten Jahrtausenden gibt, bleibt er ebenso schuldig.

 

So bleibt das Buch „Thylacoleo Lives“ leider nicht mehr als eine kleine Sammlung anekdotischer Berichte von angeblichen Augenzeugen und nicht nachprüfbaren Erzählungen über die Lebensweise einer schon lange Zeit ausgestorbenen Tierart.

 

 

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Thylacoleo lives

In den letzten 200 Jahren australischer Geschichte haben Leute von der Begegnung mit pantherartigen Tieren berichtet, die aber bisher niemand gefangen hat. Australien hatte nur einen großen Räuber, den Beutellöwen (Thylacoleo carnifex), der in Australien auch als Drop Bear bezeichnet wird. Dieses Buch untersucht die Belege und Zeugenaussagen und die eigenen Beobachtungen des Autors.

 

„Thylacoleo lives“ von Dennis Wright ist 2017 als Taschenbuch in englischer Sprache erschienen und in Deutschland nur über Importeure oder antiquarisch erhältlich. Aktuell werden etwa 10 bis 12 € für neue Exemplare aufgerufen.

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