Mein Wort zum Sonntag – 6. September 2020

Lesedauer: etwa 11 Minuten
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Einen schönen Sonntag wünsche ich dir!

Der Sommer nimmt sich zurzeit entweder eine Pause, oder sogar allmählich ganz Abschied vom Jahr 2020. Für mich war es ein trauriger Sommer. Ganz ohne Veranstaltungen, ohne Lesungen, ohne Dinotreffen. Auch wenn viele Künstler inzwischen wieder auf die Bühne getreten sind, ich möchte das noch nicht. Erstens habe ich ja noch weitere berufliche Standbeine, mit denen ich mich finanziell über Wasser halten kann. Auch wenn ich die zusätzlichen Einnahmen doch sehr vermisse und einige meiner persönlichen Wünsche deshalb nach hinten geschoben werden müssen, noch kann ich es mir leisten. Was ich mir aber nicht leisten kann ist ein weiterer Ausbruch der Corona-Pandemie und entsprechende Maßnahmen. Deshalb versuche ich weiterhin, lieber Teil der Lösung zu sein, als Teil des Problems.


Was mich außerdem stark deprimiert und in meiner Lust auf neue Veranstaltungen hemmt, und da möchte ich auch gar nicht lügen, ist die Verzögerung meines zweiten Buches. Das wollte ich zu meiner nächsten Lesung, die ja eigentlich schon im Frühjahr 2020 stattfinden sollte, nämlich schon mit im Gepäck haben. Oder wenigstens auf einem späteren Dino-Treffen präsentieren. Doch der Frage, ob mein Buch dieses Jahr überhaupt noch herauskommt, kann ich immer noch nichts Konkretes entgegnen.

 

Ich kann verstehen, dass die Fans, die das erste Buch bereits gelesen haben, zunehmend die Geduld verlässt, und sehr enttäuscht sind. Genauso sehr enttäuscht es mich aber auch als Autor. Aber eines kann ich hier schon ganz fest versprechen: Ich werde nicht aufgeben! „Die weißen Steine – Blut der Sonne“ ist ein fantastisches Buch, und ich werde auf jeden Fall mit allen in meiner Macht stehenden Mitteln dafür kämpfen, es herauszubringen!


 

Bild der Woche

Vertreiben wir die Melancholie nun mit einem neuen fantastischen Bild von den Blue Rhino Studios: Heute sehen wir hier einen dichten Platanen- und Lorbeerwald, tief im Landesinneren der Hell Creek Formation, wo auch „Die weißen Steine“ spielt. Und wieder haben sich dort so einige prähistorische Tiere versteckt. Könnt ihr sie entdecken?

 


Paläo-News

Diese Woche war wieder einiges los in der Welt der Urzeitforschung. Ein neu vermessener Monster-Hai, technologischer Wandel bei den Neandertalern, eine grauenvolle Pandemie in der Steinzeit und neue archäologische Vorstöße, die zu einem echten Wissenschafts-Krimi führen könnten, dominierten die Schlagzeilen. Doch lest selbst weiter in der Zusammenfassung:


Neugeeichte C14-Methode: Neandertaler und Homo sapiens koexistierten kürzer als bislang gedacht

Die moderne Technik macht auch vor Altbewährtem nicht halt: weil heutige Massenspektrometer deutlich zuverlässiger und genauer arbeiten als noch vor einigen Jahrzehnten, ist die Radiokarbon-Methode (auch C14-Methode), mit deren Hilfe Archäologen das Alter organischer Überreste bestimmen können, neu geeicht worden. Aus dieser Vergenauerung ergeben sich nun natürlich auch neue Messdaten mit einer geringeren Abweichung.

 

Dadurch verengen sich entsprechend auch die möglichen Zeitfenster: Bei der Datierung verschiedener Knochenproben von Frühmenschen fanden Forscher nun heraus, dass die Ankunft des Homo sapiens in Europa und das Aussterben der Neandertaler ein volles Jahrtausend enger zusammenliegen als bisher gedacht. Die beiden Spezies haben sich ihre Welt also deutlich kürzer miteinander geteilt.

 

Homo sapiens und Neandertaler.

 

Offenbar erstreckte sich das Zeitfenster zwischen den ältesten Homo-sapiens-Funden und den jüngsten Neandertaler-Funden nur von vor 45.500 bis 40.500 Jahren, womit die zeitliche Überlappung nur rund 5.000 Jahre umfasst.

 


Bildquellen und Link zur Studie


Die erste Pandemie er Geschichte – raffte die Pest Steinzeitmenschen dahin?

 

Vor rund 5.000 Jahren schrumpfte die Bevölkerung Europas rapide. Zuvor blühende Landschaften, in denen die ersten jungsteinzeitlichen Kulturen florierten, verschwanden, die Ur-Bevölkerung Skandinaviens starb beinahe restlos aus und sogar die ersten Megasiedlungen in der Ukraine, die zuvor bis zu 15.000 Einwohner zählten, wurden völlig entvölkert.

 

Archäologen suchen schon lange nach der Ursache dieses großen Bevölkerungseinbruchs. Neue genetischen Untersuchungen der Funde aus Grabhügeln der Jamnaja-Kultur aus den Steppen Osteuropas könnten des Rätsels Lösung sein:  Forscher des Max-Planck-Instituts von Jena konnten in den dort gefundenen Knochen eine frühe Form des Pestbakteriums (Yersinia pestis) nachweisen. Es ist durchaus möglich, dass die Pest von dort auch nach Mitteleuropa übergriff, in einer Zeit, als sich die ersten Handelsnetzwerke bildeten, die Jäger- und Sammler-Kulturen verschwanden und die Menschen zunehmend sesshaft wurden.

 

Das Pest-Bakterium Yersinia pestis unter dem Elektronenmikroskop. Bildquelle: Wikipedia

 

Molekulargenetische Untersuchungen zufolge ist die Pest vor 5.800 Jahren das erste Mal als virulente Abspaltung der eigentlich harmlosen Pseudotuberkulose entstanden. Spätestens in der Bronzezeit war der Erreger schon über ganz Eurasien verbreitet, von Spanien bis zum Baikalsee ist er direkt nachgewiesen. Es liegt nahe, dass die Pest wie auch später im Mittelalter vom Tier auf den Menschen übersprang. Die Forscher haben dabei vor allem das Pferd im dringenden Verdacht, weil zu jener Zeit die ersten Reiterkulturen von Zentralasien nach Westeuropa vordrangen. Ob sie aber wirklich die Pest mit dorthin brachten, oder ob sie sich erst nach der Entvölkerung dort niederließen, ist bislang noch unklar. Auch ein Klimawandel könnte die Ausbreitung der Pest begünstigt haben.

 

Link zur Studie


Neue Technologien: befeuerte ein Klimaumschwung die Kreativität der Neandertaler?

Vor etwa 60.000 Jahren, während der Weichsel-Kaltzeit, stießen gewaltige Gletschermassive bis nach Mitteleuropa vor. Der Lebensraum der dort lebenden Neandertaler verringerte sich zusehends, und so waren sie gezwungen, mit einem kleineren Budget an Nahrung und Ressourcen auszukommen.

 

 

Forscher der Universität Erlangen-Nürnberg fanden nun heraus, dass dieser Klima-Einbruch wahrscheinlich auch einen technologischen Wandel bei den Frühmenschen auslöste. Die gefundenen Steinwerkzeuge aus der Sesselfeldgrotte zeigen, dass nun mehr Wert auf eine lange Lebensdauer gelegt wurde: da Feuersteine, die meist mit den Gletschern vorheriger Eiszeiten aus Skandinavien mitgeführt wurden, nun selten geworden waren, fertigten die Neandertaler nun Klingen, die man immer wieder nachschärfen und so länger benutzen könnte. Keilmesser aus dieser Zeit waren nun „bifazial“ bearbeitet, also beidseitig geschliffen, was zwar keinen Einfluss auf die Funktionalität hatte, aber dafür eine längere Lebensdauer für die Werkzeuge bedeutete.

 

Bildquelle und Link zur Studie


Monster-Hai Megalodon in aktueller Studie neu vermessen!

Haie gehören zu den gefürchtetsten Beutegreifern der Ozeane. Doch verglichen mit Otodus megalodon, der vom Miozän bis Pliozän, also in der Zeit bis vor etwa 2,6 Millionen Jahren die Meere beherrschte, wirken sie alle wie Sardinen: allein die Zähne dieses gewaltigen Jägers wurden so groß, dass sie kaum in den Handteller eines Menschen passen. Doch mehr als die Zähne ist leider nicht von ihm überliefert: wie bei allen Knorpelfischen besaß Megalodon keine festen Knochen, lediglich die Zähne und Wirbel waren hart genug, um als Fossilien erhalten zu bleiben. Deshalb sind Größenschätzungen immer problematisch und mit Vorsicht zu genießen. In der Vergangenheit reichte das geschätzte Größenspektrum deshalb von nur 10 m bis sagenhaften 25 m Länge und einem Gewicht von bis zu 150 Tonnen.

 

Der Monster-Hai Megalodon: a) ausgewachsenes Exemplar; b) neugeborenes Jungtier; c) dreijähriges Jungtier; d) Lebendrekonstruktion. Bildquelle: Oliver E. Demuth

 

In einer neuen Studie der Swansea University wurden die aus den Zähnen abgeleiteten Daten in ein neues Computermodell eingetragen. Die Morphologie der Zähne gibt Aufschluss über die möglichen Wachstumsstadien des Hais. Dabei wurden die Daten von mehreren Makrelenhaien herangezogen, mit denen Megalodon eng verwandt war und ein Muster gezeichnet, das für den Monster-Hai eine realistische Wachstumseinschätzung liefert. Nach den Ergebnissen der Studie erreichten die größten Megalodons eine Länge von 15 bis 16 m. Schon ihr Schädel war mehr als 4,5 m lang und konnte, abgeleitet von den neuen Daten, eine Beißkraft von 8200 Newton aufbringen. Die Rückenflosse erreichte eine Höhe von etwa 1,65 m. Das Gewicht bleibt aber schwierig zu schätzen: es dürfte aber etwa bei den gleichen Werten wie bei einem großen Pottwal, also etwa bei 50 Tonnen gelegen haben.

 

Link zur Studie


Pterosaurier besaßen empfindlichen Schnabel mit Tastsensoren!

Für alle fleischfressenden und am Tage jagenden Tiere sind nicht nur scharfe Augen, sondern auch andere Sinne immens wichtig, um an Beute heranzukommen. Fischfresser, die von der Oberfläche aus jagen, brauchen oft auch weitere Sinne, die ihnen dabei helfen, auch im trüben und aufgewühlten Wasser ihr Futter aufzustöbern. Hierbei kommt ihnen oft der Tastsinn entgegen.

 

Lebendrekonstruktion von Lonchodraco. Bildquelle: Pteros

 

Obwohl man bei Pterosauriern lange davon ausging, dass sie wegen ihrer großen Augen vor allem auf Sicht jagten, ist das offenbar nur die halbe Wahrheit. Flugsaurier besaßen auch druckempfindliche Sensoren in ihrem Schnabel, sogenannte zirkuläre Foramina, wie eine Forschergruppe um David M. Martill nun erstmalig an einem Fossil des Lonchodraco giganteus nachweisen konnten. Dieses Tier war trotz seines Namens ein eher kleiner fischfressender Flugsaurier von der Größe einer Amsel, der vor 110 Millionen Jahren in England lebte.

 

Das Fossil zeigt an der Spitze seines Rostrums Strukturen, die wir heute auch bei etwa gleichgroßen Vögeln finden, wie bei Kiwis, Schnepfen, Ibissen, Löfflern und auch Enten und Flamingos, die sich bei der Nahrungssuche auf ihre empfindlichen Schnäbel verlassen. Lonchodraco konnte also unter Wasser spüren, wenn dort eine Bewegung geschah, und so auch Fische schnappen, die er vorher gar nicht mit den Augen ausmachen konnte.

Link zur Studie

 


Endothermer Stoffwechsel: Säugetier- und Vogel-Vorfahren entwickelten sich gleichzeitig zu Warmblütern

Die Fähigkeit, seine eigene Körperwärme produzieren zu können und dadurch unabhängig von der Sonnenwärme aktiv werden zu können, ist ein wichtiger Meilenstein in der Wirbeltier-Evolution. Obwohl nicht miteinander verwandt, entwickelten Vögel und Säugetiere diese Fähigkeit unabhängig voneinander – und wie im einer Studie vom Michael Benton nun weiter bestätigt wird, auch nahezu gleichzeitig.

 

 

Die Vorfahren beider Entwicklungslinien zeigen im Fossilbericht bereits im oberen Perm einige Anpassungen an eine höhere Stoffwechselrate. Als dann das große Massenaussterben am Ende des Perms einen Großteil der Artenvielfalt auslöschte, erwies sich diese Anpassungsfähigkeit nach Benton als Vorteil, um in der leergefegten Erde neue ökologische Nischen zu besetzen. „Echte“ Warmblüter entwickelten sich dann aber erst in der frühen Trias.

 

Und zwar in beiden Tiergruppen, den Therapsiden (Vorfahren der Säugetiere) und Ornithodira (Vorfahren der Pterosaurier, Dinosaurier und Vögel). Auch unter den Meerestieren gab es zu dieser Zeit, die man deshalb auch als „Mesozoic Marine Revolution“ (MMR) bezeichnet, ähnliche Entwicklungen. Auch die Ichthyosaurier wurden zu dieser Zeit offenbar endotherm.

 

Bildquelle und Link zur Studie



 

Himmelsscheibe von Nebra – Doch kein Relikt aus der Bronzezeit, sondern viel jünger?

Im Jahr 1999 tauchte sie auf, gelange schnell zu weltweiter Berühmtheit und zählt heute zum Weltkulturerbe der UNESCO: die im sachsen-anhaltinischen Nebra gefundene „Himmelsscheibe“ galt lange als die früheste künstlerische Darstellung des Himmels mit 3.600 Jahren auf dem Buckel und inspirierte weltweit Archäologen und Frühhistoriker, aber auch Esoteriker und Präastronautiker. Doch nicht nur deshalb: ihrer wissenschaftlichen Bearbeitung ging ein wahrer Krimi voraus, da sie von Raubgräbern unrechtmäßig geborgen und zusammen mit anderen bronzezeitlichen Artefakten von Hehlern in private Hände verkauft werden sollte. Dabei wurden die Ganoven jedoch ertappt und rechtskräftig verurteilt.

 

 

Die Archäologen Rupert Gebhard aus München und Rüdiger Krause aus Frankfurt a.M. zweifeln jedoch nun das Alter und auch den Fundort der Scheibe an. Ihren Forschungen zufolge könnte die Scheibe ganze 1.000 Jahre jünger sein. Sie passe in den Fundzusammenhang nämlich kulturell und künstlerisch überhaupt nicht hinein, argumentieren Gebhard und Krause.

 

Auch wenn das Material offenbar echt sei und genau wie die angeblich neben der Scheibe gefundenen Bronzeschwerter tatsächlich aus der Bronzezeit stammten, könnte es erst in der Eisenzeit zur berühmten Himmelsscheibe „recycelt“ worden sein. Die Scheibe passe von ihrem Motivbild jedenfalls nicht in die ihr zugeschriebene Zeit, sondern vielmehr in die frühe Eisenzeit. Auch gäbe es vom vermeintlichen Fundort auf dem Mittelberg sonst keine Anzeichen für eine bronzezeitlichen Besiedlung, und auch keine weiteren Funde.

 

Ihr Kollege Harald Meller, der die Himmelsscheibe einst gemeinsam mit der Schweizer Polizei rettete, wies die Behauptungen von Krause und Gebhard entschieden zurück. Auch Metallurgie-Experte Ernst Pernicka kann nach seiner Einschätzung keine Hinweise erkennen, die gegen einen gemeinsamen Fundzusammenhang zwischen Schwertern und Scheibe sprechen würden.

 

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Insekt oder Flechte? Jurassische Florfliege belegt Tarnung schon zu Zeiten der Dinosaurier

Forscher der Capital Normal University of Peking entdeckten im Nordosten Chinas ein interessantes Fossil: der gut erhaltene Fund zeigt eine als Lichenipolystoechotes angustimaculatus neubenannte Florfliege aus dem Jura vor rund 165 Millionen Jahren, deren Flügel ein auffälliges Netzmuster zeigen. Dieses Muster ähnelt exakt den ebenfalls vom gleichen Fundort bekannten Flechtenfossilien.

 

Die jurassische Flechten-Florfliege Lichenipolystoechotes angustimaculatus. Bildquelle: Xiaoran Zuo.

 

Für die die Forscher besteht kein Zweifel: hier haben sie den ältesten bekannten Nachweis für auch heute noch häufig vorkommende Tarnung bei Insekten, die sich zum Schutz vor Fressfeinden äußerlich an ihre Umgebung und ihren Lebensraum anpassen.

 

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Das war’s für heute mit den Paläo-News!

 

Vielen Dank für Deine Aufmerksamkeit, viele Grüße aus Kiel und einen schönen Sonntag!

 

Markus Kretschmer

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