Vor 100 Jahren: Zeitschrift ‚nature‘ zu rezenten Dinosauriern

von: Tobias Möser

 

Die wissenschaftliche Zeitschrift ‚nature‘ existiert seit 1869. Sie gilt seitdem als die bedeutendste Fachzeitschrift der Naturwissenschaften. Ziel vieler Wissenschaftler ist es auch heute noch, einmal im Leben als Erstautor eines „nature-Papers“ zu sein, also einen Bericht über ein Ergebnis ihrer Forschung in dieser Zeitschrift zu publizieren.

Was geschah 1919?

Nun kam es in den letzten Wochen des Jahres 1919 offenbar zu zahlreichen Berichten in der Tagespresse, ein Großwildjäger habe ein riesiges Reptil im Kongo angetroffen. Die Berichterstattung war offenbar so massiv, dass sich sogar die Zeitschrift ‚nature‘ genötigt sah, ein Statement hierzu abzugeben: (Deutsche Übersetzung: Verfasser)

Die Zeitungen haben in der letzten Zeit einen Bericht eines Großwildjägers veröffentlicht. Ein gigantisches, dinosaurierähnliches Reptil, das mit den ausgestorbenen Brontosaurus und Diplodocus verwandt ist, soll lebendig in der Kongoregion in Afrika gesehen worden sein. Paläontologen haben diese Nachricht mit Unglauben aufgenommen, sie sind der Meinung, hier liegt ein Beobachtungsfehler vor.

Die Dinosaurier und ihre gigantischen reptilischen Zeitgenossen, egal ob an Land, im Meer oder in der Luft, verschwanden aus allen Teilen der Welt am Ende der Kreidezeit. Wenn einer überlebt hätte, hätten sich Spuren von ihm in den Ablagerungen des Tertiärs, die den Prozess des Lebens zwischen dieser Periode und dem heutigen Tag dokumentieren. Die Entdeckung des Okapis durch Sir Harry Johnston im Kongowald ist kein Argument dagegen. Bei dieser Art handelt es sich nur um eine ursprüngliche Giraffe ist, die von Fossilien aus Griechenland bekannt ist, die nicht älter sind, als das frühe Pliozän. Das Okapi ist folgerichtig ein afrikanisches Tier, ein Dinosaurier wäre ein Anachronismus.

Auf was hat ‚nature‘ reagiert?

‚nature‘ reagierte auf Informationen zu einem möglichen Dinosaurier aus Belgisch Kongo, der heutigen Demokratischen Republik Kongo.

Die Pall Mall Gazette vom 17. November 1919

rezente Dinosaurier?
Notiz in der Pall Mall Gazette am 17.11.1919

Der erste erschien am 17. November 1919 in der Pall Mall Gazette. In der gerade einmal achtzeiligen Meldung in der Rubrik „Notes oft he Day“ schrieb ein ungenannter Autor, die Existenz eines lebenden Dinosauriers schwebe seit der Entdeckung des Okapis im Raum. Der Bericht über ein 24 Fuß langes Monster aus Belgisch Kongo, das eine Mischung aus Merkmalen von Reptilien und Säugetieren zeige, erscheine ihm authentisch. Zoologen wären wohl erpicht darauf, eine systematische Lösung dieses Rätsels zu finden.

Bereits hier kommt das Okapi ins Spiel, ein Argument, das auch heute noch gerne strapaziert wird.

Die Illustrated London News

In der Öffentlichkeit scheinen noch mehr Informationen bekannt geworden zu sein, so dass die Illustrated London News (ILN) in der Samstagsausgabe vom 6. Dezember 1919 reagiert. Die ILN brachte eine ganze Spalte zu dem Thema, mit ausführlicheren Angaben. Das Blatt bezieht sich bereits auf weitere Zeitungsberichte, hat aber wohl auch direkt mit dem Augenzeugen aus dem Belgisch Kongo gesprochen:

Okapi.Kopf im Streiflicht
Okapis gehörten 1919 zu den „Neuheiten“ im Tierreich

Hadrosaurier-Modelle
Modelle mittelgroßer Hadrosaurier im Freiland, hat der Zeuge so etwas beobachtet?

Ein Mr. Lepage, der mit dem Bau von Eisenbahnen dort zu tun hat, will diese Kreatur im Oktober gesehen haben, als er auf der Jagd war. Zunächst flüchtete er vor dem Tier, dann beobachtete er es durch sein Fernglas:

Dieses außergewöhnliche Monster war 24 Fuß lang, mit einer langen, spitzen Schnauze und Stoßzähnen wie Hörnern sowie einem kurzen Horn über den Nasenlöchern. Die Vorderfüße waren wie die eines Pferdes, die Hinterhufe waren gespalten. Ferner sah er einen schuppigen Buckel auf der Schulter.

Die Analyse der Illustrated London News

Soweit der Augenzeugenbericht. Die Illustrated London News (ILN) beginnt, die Aussage zu analysieren, mischt hier Analyse, Meinung und weitere Informationen: Es gibt keine Aussage über die Farbe des Tieres, seine Körperhöhe oder die Länge der Beine. So etwas hätte der Augenzeuge bei seiner Untersuchung mit dem Fernglas sehen müssen. Ihr fällt auf, dass das Tier ruhig genug war, damit der Augenzeuge die unterschiedlichen Hufe feststellen konnte, dann aber seine Geduld verloren hat und ins Dorf Fungurume gestürzt ist, Hütten zerstört und Einheimische getötet hat. Dieses ungewöhnliche Vorkommen wurde auch den Regierungsvertretern gemeldet. Diese verboten, dem Tier Gewalt anzutun: „Es könnte ein Relikt aus der Vorzeit sein“. Das wurde auch den Eingeborenen erzählt. Die ILN nutzt dies für eine Spitze gegen die belgische Verwaltung: wenn es nur antik genug ist, dürfe es alles.

Möglicherweise, so der Autor des Artikels, W.P. Pycraft weiter, wisse selbst Mr. Lepage selbst die Wahrheit nicht. Möglicherweise sitze er aber auch in seinem einsamen Bahnhof und sammle die Ergebnisse seines grausamen Witzes. Der Leiter des „Port Elizabeth Museums“ soll es für möglich halten, dass draußen in den wilden, weglosen Sümpfen und Marschen einige urzeitliche Monster überlebt haben könnten. Die ILN sieht dieses Zitat kritisch, es könnte sich um eine sehr ausgeschmückte Version dessen handeln, was der Leiter tatsächlich gesagt hat.

Ein weiteres Kryptid?

Die ILN sieht die Existenz der „Eidechse von Tendagoroo“ als extreme Möglichkeit. Dieses Reptil wurde sehr blumig von Sir Ray Lankester (sic!) im letzten Juli in der ILN beschrieben. Der Autor hält es nicht für wahrscheinlich, dass dieses Tier überlebt hat oder dass es Landsäugetiere von 24 Fuß Länge gegeben hat.

Pycraft will angesichts des Okapis und des Zwergflusspferdes neue Großtiere nicht kategorisch ausschließen, vermutet aber eher ein verwundetes Großflusspferd oder gar ein Warzenschwein hinter der Beobachtung. Ein mittelgroßer Dinosaurier würde nicht ins Dorf laufen und die Einheimischen töten, schließlich seien das ja träge Pflanzenfresser gewesen. Am Ende verlässt sich Pycraft darauf, dass die Governors of the Belgian Congo eine hohe Belohnung auf „das antike Relikt“ aussetzen, wenn es erneut Amok laufen wolle – tot oder lebendig.

In den Regenwäldern des Kongo gibt es viel zu entdecken. Auch Dinosaurier?

Graphic Design zum Kongress
So stellte sich die Grafikerin vom Galileo-Park einen modernen Saurier vor

Bewertung

Zeitschriftenartikel von vor 100 Jahren lesen sich nicht immer wie moderne Artikel. Dennoch ist es der Illustrated London News gelungen, den Augenzeugen zu Wort kommen zu lassen, Zweifel an seinen Aussagen zu sähen, ohne ins biologische Detail zu gehen und die ganze Affäre bis an die Grenzen des Lächerlichen unwahrscheinlich darzustellen. Keine Frage: Pycraft glaubt Lepage kein Wort.

Der Belfast News-Letter vom 16. Dezember

In ein ähnliches Horn wie die ILN stößt ein Leserbriefschreiber des Belfast News-Letters vom 16. Dezember des Jahres. Die Meinung von Edward A. Armstrong dürfte keinen Einfluss auf die Publikation in ‚nature‘ gehabt haben, zu kurz vor der Veröffentlichung ist sie erschienen. Armstrong bezieht sich in seinem Leserbrief eigentlich auf den Schutz von Dachsen. Er erwähnt nur am Rande, dass er die Existenz von Brontosauriern im Kongo für genauso wahrscheinlich hält, wie die Tatsache, dass Dachse „gefährliches Ungeziefer“ seien.

Dies bringt weniger neue Fakten an den Tag, zeigt aber die allgemeine Meinung über die angeblichen Entdeckungen in Belgisch Kongo.

Faktencheck

Was wissen wir?
Ein Mann namens Lepage war 1919 in Belgisch Kongo. Er soll mit dem Bau von Eisenbahnen zu tun gehabt haben. Er will das Tier beobachtet haben.

Der Beobachter und sein Job

Über allgemeine Suchmaschinen dürfte es kaum möglich sein, herauszufinden, ob sich ein Mann namens LePage oder Lepage 1919 im Kongo aufgehalten hat. Hierzu könnten möglicherweise die Sammlung des „Koninklijk Museum voor Midden-Afrika“ in Tervuren, Belgien helfen.
Der einzige halbwegs brauchbare Treffer, den ich hatte, ist von Mysterious Universe und bezieht sich auf die Heuvelmans’sche Aufzeichnung des Vorfalls, den die ILN oben beschreibt. Der Autor dort bezeichnet ihn als „employed as a railway construction foreman“, also Eisenbahnbau-Meister oder Vorarbeiter. Selbst den Vornamen erfahren wir dort nicht. Wie Heuvelmans an die Information gekommen ist und welche Quellen ihm darüber hinaus vorliegen, ist sicher ein spannendes Ziel, führt aber hier nicht weiter.

leben hier Dinosaurier?
Der Kongo bei Kisangani im Sonnenaufgang

Ruwenzori-Berge im Regen
Die Ruwenzori-Berge im Regen

Wenn wir schon über den Mann nicht viel erfahren, was ist mit der Eisenbahn? Im Kongo gibt es mehrere unabhängige Bahnen: Interessant ist vor allem der Abschnitt zwischen Fungurume und Bukama. Er wurde zwischen 1913 und 1918 errichtet worden und bis 1926 nach Norden bis Kamina verlängert. Für einen Vorarbeiter im Bahnbau gab es also genug zu tun.

Die Eisenbahn und Fungurume

Das im Artikel der ILN genannte „Dorf“ Fungurume scheint nicht völlig zerstört worden zu sein. Es existiert heute noch, als Bahnhof wurde es schnell wirtschaftlich bedeutend. Durch Kupfer- und Kobaltfunde ist es zwischenzeitlich auf 35.000 Einwohner (2012) angewachsen. Hierdurch lässt sich der Vorfall lokalisieren, mehr aber auch nicht.

Die Beobachtung

Über die Unvollständigkeit der Beobachtung lässt sich W.P. Pycraft von der Illustrated London News ausführlich aus. Leider übersieht er in seinem Zynismus ein wenig, die vorhandene Information weiter zu geben. So wird nur überliefert, dass das Tier 24 Fuß (gut 7,30 m) lang gewesen sein soll, Stoßzähne und Hörner gehabt hat und kennen die seltsame Kombination aus ungespaltenen Hufen vorne und gespaltenen Hufen hinten.

Fuß einer Kuh
Die meisten Paarhufer laufen auf der 3. und 4. Zehe (Hier: Fuß einer Kuh)

Fuß eines Pferdes
Die meisten Unpaarhufer laufen nur auf der 3. Zehe. (Hier Fuß eines Pferdes)

Anstelle von weiteren Größenmerkmalen und der Farbe des Tieres berichtet der Zeuge von einem schuppigen Buckel an der Schulter.

Jedem Leser ist freigestellt, sich die Kreatur vorzustellen. Ich stelle mir hilfsweise einen Paarhufer vor, dessen Vorderfüße bis zu den Gelenken im Matsch eingesunken sind. Kombiniert man das mit qualitativ mittelmäßigen Linsen eines zeitgenössischen Fernglases, könnte die beschriebene Hufkombination herauskommen.

Neben-Informationen

Pycraft erwähnt in seinem ILN-Artikel die „Eidechse von Tendagoroo“. Handelt es sich hierbei etwa um ein weiteres, saurierähnliches Kryptid?

Ja und nein. Tendaguru bzw. der Tendaguru-Hügel im heutigen Tansania. Hier wird es mit Sicherheit Reptilien geben, aber viel interessanter ist, was es hier gegeben hat: Der Tendaguru-Hügel ist eine der bekanntesten Saurierfundstellen der Welt. Deutsche Ausgrabungen aus den Jahren 1909 – 1913 brachten etwa 250 t Fossilmaterial zu Tage, das nach Deutschland verschifft wurde. Unter anderem der Brachiosaurus brancai* im Berliner Naturkundemuseum stammt aus Tendaguru.

Ausgrabung von Dinosauriern in Tendaguru
Ausgrabung des Skelettes eines Dicraeosaurus in Tendaguru

Brachiosaurus brancai
Der Brachiosaurus aus dem Berliner Naturkundemuseum ist eine der „Echsen von Tendaguru“

Warum hat ‚nature‘ damals reagiert?

Die wahren Gründe der ‚nature‘-Redaktion nach 100 Jahren herauszufinden, ist alles andere als einfach. Mir ist es in diesem Artikel nicht gelungen, unter anderem weil mir die Tageszeitungen Großbritanniens vom Herbst 1919 nur in begrenztem Umfang vorliegen. Ich vermute, dass die Meldung „In Belgisch Kongo wurde ein Dinosaurier entdeckt“ sehr schnell die Runde machte. Weniger das Straßenvolk wird die ‚nature‘ interessiert haben, mehr (Bildungs-) Elite in den Museen, Stiftungen und Ministerien.

Dennoch wundert es mich, dass man sich genötigt sah, auf die Tagespresse zu reagieren. Bereits die ILN hat deutlich gemacht, dass sie nichts von der Meldung hält, der Leserbrief von E. Armstrong unterstreicht diese Sicht noch einmal. Hat die „große alte Dame“ überreagiert, kamen zu viele Anfragebriefe in der Redaktion an oder wollte man vermeiden, dass ein Abenteurer (von denen es nach dem gerade beendeten 1. Weltkrieg genug im Königreich gab) mit Geld für eine Expedition ausgestattet würde?

Ich glaube, man hat einfach den Grundsatz „A gentleman will walk but never run“ kurzzeitig vergessen.


Literatur:

Afrikamuseum in Tervuren

Anonymus: Notes of the day: A Dinosaur? Pall Mall Ganzette, 17. Nov. 1919

Armstrong, E.A.: Spare the Badger. Belfast News-Letter, 16. Dez. 1919

Hanks, Micah: The Horned Elephant Killer of the Congo, Mysterious Universe, 2013

Notes . Nature 104, 396–400 (1919) doi:10.1038/104396b0

Pycraft, W.P.: The Tale of the Dragon of Fungurume. Illustrated London News, 06. Dez. 1919

Liste der Wikipedia zu Dinosaurierfilmen

Wikipedia zu Tendaguru

Wikipedia zum Schienenverkehr der Demokratischen Republik Kongo


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