Wusste schon Shakespeare davon? – Die Nessie vom Gardasee

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Er ist der Deutschen liebster Badesee, das Mekka der Surfer, für Kulturreisende der Ort, an dem Goethe zum ersten Mal italienischen Boden betrat: der Lago di Garda, der Gardasee. Weiße, breite Strände, hohe Klippen, blaues Wasser und Palmen – eigentlich ist der See das Urbild eines Urlaubsparadieses. Trotzdem: Manche wollen dort ein Ungeheuer gesehen haben!

Fake-Nessie im Gardasee
Bei solchen Ansichten ist es kein Wunder, dass der Gardasee bei Urlaubern so beliebt ist.

Es war am 18. September 1999: Der Taucher Carlo befand sich in 125 Metern Tiefe unter der Oberfläche des Gardasees, als plötzlich ein „Lichtstrahl“ von oben die dunklen Wassertiefen erhellte. Carlo fühlte sich angezogen, schwamm aber nicht darauf zu, aus Furcht, er könne für immer verloren gehen.

Carlo schilderte sein Erlebnis auf einem Diskussionsforum im Internet. „War es“, schlug ein Leser – vermutlich im Scherz – vor, „vielleicht das Ungeheuer von Loch Ness im Urlaub?“ Oder war es der Scheinwerfer eines USOs, eines „unidentified submerged objects“, eines Unterwasser-UFOs also?

Der Gardasee ist eines der beliebtesten Urlaubsgebiete der Deutschen. Die „Badewanne Bayerns“ hat man ihn gar getauft. Er ist mit einer Oberfläche von rund 370 Quadratkilometern Italiens größter See, über 50 Kilometer lang und bis zu 17 Kilometer breit. Seine größte Tiefe beträgt 346 Meter – Platz genug für also geheime UFO-Basen und Seeungeheuer.

 

Das Riesenkrokodil von San Vigilio

Es kann kein besonders guter Tag für die Klosterbrüder auf der Isola Borghese, der heutigen Isola di Garda, gewesen sein. „Einige Gelehrte“, so berichtet Bongiani Grattarolo 1599 in seiner „Geschichte von Salò“, „wollten herausfinden, wie tief das Wasser sei (das dem Hörensagen nach unermesslich tief war). Sie ließen ein Senklot herab, dem ein Taucher folgen sollte. Als der Knäuel zu einem guten Teil abgewickelt war, gab man ihm Zeichen, dem Lot zu folgen. Er starb fast vor Furcht, weil er unter der Insel in einer düsteren Höhle gewisse Fische sah, maßlos große Ungeheuer. Auch haben die Brüder bei sehr heißem Wetter unter Wasser jene Ungeheuer bemerkt.“

Palazzo am Gardasee
Ein weiterer Palazzo, der Reichtum der Bürger liegt in der Landschaft und am See begründet: Handel über die Alpen, Landwirtschaft und Fischerei – und heute Tourismus.

„Maßlos große Ungerheuer?“ Von Seemonstern wussten die antiken und mittelalterlichen Autoren, die den Gardasee beschrieben – Plinius, Catull oder Dante – nichts. Wohl gibt es einige Drachendarstellungen in Kirchen rund um den See (in der Kirche von S. Severo in Bardolino ein Fresko des siebenköpfigen Drachens der Apokalypse aus dem 12. Jahrhundert und an der Westfassade der Kirche Santa Maria in Cisano ein langobardisches Drachenrelief), doch die Sagen des Sees romantisieren lieber Nixen und Nymphen, wie die Engadina oder die Seejungfrau Melsinoe, von der der Ort Malcésine seinen Namen ableiten soll. Immerhin bereits aus römischer Zeit stammt ein Bild des Gottes Neptun (1. Jahrhundert), das heute in der Südseite der Kirche von San Felice del Benaco eingemauert ist, und schließlich gibt es noch die Sirenenbucht „Baia delle Sirene.“ Die aber erhielt ihren Namen erst in der Renaissance.

 

Gesehen hat bislang auch noch niemand eine Seejungfrau im Gardasee. Das Seeungeheuer aber ist im August 1965 wieder aufgetaucht. Verschiedene Augenzeugen, so der Mailänder Monsterforscher Maurizio Mosca, hätten damals innerhalb eines Tages ein „etwa zehn Meter langes Tier mit einem riesigen Kopf“ bei Punta San Vigilio gesichtet. Die Netze der Fischer seien zerrissenen worden, man habe Fische gefangen, „die Wunden von den Bissen eines Raubtieres trugen“. Noch im Sommer 2003 fragte daher die Zeitung „Giornale di Brescia“: „Gibt es ein Ungeheuer im See?“, und am 16. Dezember 2004 feierte ein Video des Schriftstellers Andrea Torresani in Garda Premiere, das sich mit der Sichtung beschäftigte. „Mein Film“, erzählte Torresani der Veroneser Tageszeitung „L’Arena“, „ist ein historisch-dokumentarischer Exkurs zwischen Legende und Wirklichkeit“.

 

Torresani ist auch im Besitz einer Postkarte aus den 1930er Jahren, die den Gardasee zeigt, und darin einen dunklen Schatten. Schon damals, meint er, habe man von einem Monster gesprochen. Vielleicht handelt es sich dennoch nur um einen Scherz, denn in dieser Zeit wurde das Ungeheuer von Loch Ness weltweit populär und solche Scherzpostkarten wurden an mehreren Orten gedruckt – es gibt ein Exemplar aus Verona, das Nessie in der Etsch zeigt.

 

„Ein Wels, so groß wie ein Auto!“

Es sind nicht nur Riesenkrokodile, die im See gesichtet werden. Am 15. August 2001 waren zwei Taucher aus Friaul, Alan und Henry Brocchetta, im See vor Gargnano unterwegs, als sie auf einen „riesigen Wels“ stießen. „Wir haben wohl schon größere Fische gesehen,“ meinten die Beiden, „aber dieser ließ uns vor Furcht erstarren. Wir tauchten schnell auf.“

Silurus glanis
Der Europäische Wels ist ein gewaltiger Fisch, aber so groß wie ein Auto?
(Foto: Dieter Florian CC 3.0)

Es war gegen 17.30 Uhr in 29 Metern Tiefe: „Ich traf ich auf eine große dunkle Form. Ich dachte, es handle sich um ein Autowrack. Ich richtete die Taschenlampe darauf, um es zu beleuchten, da begriff ich, dass es ein Wels war. Schnell tauchte ich auf und warnte meinen Freund. Wir haben hunderte von Delfinen und Tunfischen gesehen, auch größere und gefährlichere Fische. Aber dieser hier war beeindruckend groß.“ Wie groß? „Fast fünf Meter.“

 

Pierluigi Terzi, ein Restaurantbesitzer, sah die beiden Taucher nach ihrer unheimlichen Begegnung: „Als sie wieder an der Oberfläche waren, kamen ihnen die Augen aus dem Kopf, so sehr hat sie der riesige Fisch überrascht.“ Am nächsten Tag jedenfalls wurden Boote ausgerüstet, um „den Riesen“ zu fangen, aber ohne Erfolg.

 

Unterirdische Verbindungen zwischen den Seen?

Maurizio Mosca, ein Monsterexperte, der ein Buch über Sichtungen von Seeschlangen in italienischen Seen geschrieben hat, vermutet, das Monster habe den Gardasee längst verlassen, weil – so eine alte Sage – alle lombardischen Seen untereinander durch Tunnel verbunden seien. Schließlich werden am Comer See und am Lago Maggiore noch heute mit schöner Regelmäßigkeit Beobachtungen von Wassersauriern gemeldet. Weil ein überlebender Dinosaurier im Gardasee dann doch etwas zu viel Fantasie erfordert, vermutet er, das Ungeheuer müsse ein riesige Fisch gewesen sein, ein Monsterstör oder ein Riesenwels.

 

Tatsächlich können Welse sehr groß werden. Ein 220 cm langes, 70 Kilogramm schweres Exemplar ging Anglern im oberen See von Mantua an den Haken. So folgen Beobachtungen von Monstern im Gardasee in den letzten Jahren denn auch dem Stereotyp vom Wels als „Hai des Süßwassers“. 1990 soll ein Monsterwels, der 100 Kilo wog und zwei Meter lang war, zwei Studenten bei Lazise angegriffen haben. Um 1988 will Vittorio Gabriotti, ein Taucher aus Brescia, im Golf von Salò in fünf Meter Tiefe „zwei Schatten“ von rund 1,30 Metern Länge in den Algen erblickt haben (Siehe auch: Korpulenzfaktor, Anm. d. Red.).

Wels
„Ein Schatten zwischen den Algen“?

Schließlich sollen Soldaten, die gegen Ende des 20. Jahrhunderts Brot in den Kanal von Peschiera warfen, einen ein Meter großen Fisch gesehen haben, der auftauchte und danach schnappte.

Aber es soll im Gardasee nicht nur Riesenwelse geben: Am 15. Februar 2005 will der Angler Massy Ferrary bei Desenzano einen Fisch geangelt haben, der die u-förmige Bisswunde eines Hechtes aufwies – ganze 14 cm breit sei sie gewesen, behauptete er. „War das ein Hecht oder ein Krokodil?“ kommentierte ein Angler die Behauptung.

 

Ungeheuer auch in den Flüssen um den See

Übrigens wurden auch in den Zu- und Abflüssen des Sees Ungeheuer gemeldet: Im kleinen Lago di Nambino über der Sarcaquelle (die Sarca fließt von Norden in den See) erschlug ein Schäfer vor 1673 „einen bizarren Fisch, der den Kopf einer Katze, eine Rückenmähne und einen spitzen Schwanz hatte. Das Tier war 40 cm lang.“ Noch im 19. Jahrhundert sei das Urtier in der Kirche Santa Maria di Campiglio in einer Glaskugel aufbewahrt worden, die von der Kirchendecke hing – und ein Bericht von 1897 beschreibt zusätzlich ein in der Kirche ausgestelltes „Drachenei“.

Licht zwischen den Wolken
Bei trübem Wetter kann der See sehr unheimlich wirken.

Im Mincio, dem einzigen Abfluss des Gardasees, gibt es nicht nur Riesenwelse, sondern auch Nixen bei Valeggio, die im 14. Jahrhundert beobachtet wurden. Und in der Kirche Santa Maria Vergine delle Grazie (1399–1406) in Curtatone wird ein mumifiziertes Krokodil gezeigt, das um das Jahr 1500 im Schilf des Mincio bei Mantua gefangen worden sein soll.

 

Solche mumifizierten Krokodile brachten die Kreuzritter von ihren Reisen ins Heilige Land mit zurück, und es knüpften sich in der Folgezeit zahlreiche Drachenlegenden daran. Aber auch Apotheker hängten sich häufig ausgestopfte Krokodile ins Schaufenster.

 

Ein solches – und ausgerechnet in Mantua am Mincio – beschreibt schon der Dichterfürst William Shakespeare (1564–1616) in seiner 1597 erstmals veröffentlichten Tragödie „Romeo und Julia“.

Im fünften Akt, erste Szene, erinnert sich Romeo an einen Apotheker in Mantua: „Ich fasste den Mann ins Auge; seine Blicke sahen mager und verhungert aus, Kummer und Elend schien ihn bis auf die Knochen abgenutzt zu haben; in seiner armseligen Bude hing eine Schildkröte, ein ausgestopfter Alligator, und ein paar andre Häute von missgeschaffenen Fischen.“

 

Unterwasser-UFOs

Sind Sagen, die sich um mumifizierte Krokodile spinnen, und übertriebene Begegnungen mit zugegebenermaßen riesigen Welsen der Ursprung der Monstergeschichten vom Gardasee? Könnte es nicht sein, dass es sich um Unterwasser-UFOs handelt wie das, das Carlo im September 1999 beobachtet hat?

See bei Nacht
Licht auf einem See, nicht im See

Tatsächlich gibt es mindestes zwei weitere Sichtungen von Untertassen, die in den See eintauchen. Am 18. Juni 2000 sah ein Segler während einer Regatta zwischen Corno di Bò und Punta Ponale ganz im Norden des Gardasees eine winzige Feuerzunge, die innerhalb weniger Sekunden im See verschwand und untertauchte – aber hier handelt es sich möglicherweise um die Fehldeutung eines Meteors.

 

Am 3. Mai 2003 sah ein Mädchen bei Gargnano ein Licht an der Oberfläche des Gardasees entlang gleiten, bevor es sich zum Himmel hin entfernte und immer kleiner wurde. Der Fall ist nie genau untersucht worden, und die kurze Mitteilung verrät nicht, ob es sich nicht doch um ein ganz natürliches Phänomen gehandelt hat.

 

Was letztlich die Scheinwerferstrahlen angeht, die Carlo gesehen haben will: Hier ist größte Vorsicht angebracht. Jeder Taucher der mit Pressluftflaschen auf 125 Meter Tiefe taucht, würde sehr wahrscheinlich sterben. Es war 1981 schon eine Sensation, als der berühmte französische Taucher Jacques Mayol vor Elba mit 101 Metern den eigenen Weltrekord brach. Mittlerweile liegt der Rekord zwar bei 276 Metern, aber Jim Bowden benutzte 1994 ein spezielles Gasgemisch und benötigte eine Dekompressionszeit von 10 Stunden. Hobbytaucher, und zu denen zählt Carlo, bewegen sich auf Tiefen von 30 Metern. Das bemerkten auch schnell die anderen Taucher, die Carlos Aussage anzweifelten. Denn: Wer schon bei der Tauchtiefe flunkert oder irrt …

Tiefer als 40 m zu tauchen ist Tabu für Amateure – darunter besteht die Gefahr einer Stickstoffnarkose

Letztendlich: Sollte es wirklich Ungeheuer im Gardasee geben oder sogar eine UFO-Basis, müsste dann nicht viel öfter etwas Verdächtiges gesichtet werden? Hunderttausende von Besuchern machen Urlaub am See, und nur ein verschwindend geringer Anteil weiß von unheimlichen Begegnungen zu berichten. Ausgeschlossen ist nichts, aber die Wahrscheinlichkeit ist leider auf der Seite der Skeptiker!


 

Lesetipp:

Unser Autor Ulrich Magin hat sich wesentlich intensiver mit der Seeschlange im Comer See in seinem Buch befasst:

 

Bei den Alpenseen Italiens ist es eigentlich kaum vorstellbar, dass die Existenz eines überlebenden Sauriers von den klassischen Autoren, den Gelehrten der Renaissance und den Tourismusmanagern übersehen worden sein sollte. Und doch sehen Augenzeugen dort unheimliche Wesen aus den blauen Fluten auftauchen. Dieses Buch erzählt die Geschichte des Ungeheuers vom Loch Maggiore, vom Lariosaurus des Comer Sees, der Hydra des Idro-Sees und von den Drachen und Monstern in Orta-See, Gardasee, Iseo-See, Po und Etsch.

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