Winziger Dinosaurierkopf in Bernstein entdeckt

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Ausgräber haben in Bernstein aus Burma einen winzigen Kopf gefunden. Der etwa 100 Millionen Jahre alte Fund besteht aus dem Schädel samt Schnabel und Augenhöhlen. Er ist hervorragend konserviert.
Neben der Tatsache, dass das erste Mal ein so zentraler Bestandteil eines Dinosaurierkörpers in Bernstein entdeckt wurde, ist der Fund insgesamt absolut ungewöhnlich:

Bernstein mit Oculudentavis
Bernstein mit der Vogelkopf-Inkluse (Foto: Lida Xing)

Der Kopf ist nur etwa 2 cm lang, gehört aber zu einem ausgewachsenen oder fast ausgewachsenen Individuum. Das Tier, zu dem er gehörte, ist ein „Avial“, ein Mitglied des „Dinosaurier-Vogel-Übergangsfeldes“. Er zeichnet sich durch ein Mosaik aus altertümlichen Dinosauriermerkmalen und modernen Vogelmerkmalen aus. Die Bernsteinerhaltung schließt nicht nur weichere Körperteile wie Haut, Schuppen und Federn ein und konserviert auch die Form des Schädels.

In den Medien wird er wechselweise als Dinosaurier und als Vogel bezeichnet. Beides ist nicht falsch, würde er heute leben, würden wir ihn als ungewöhnlichen Vogel ansprechen.

Oculudentavis khaungraae

Oculudentavis ist eine ausgestorbene Gattung von Avialanen (Vögeln im weiteren Sinne) mit einer einzigen Art, Oculudentavis khaungraae. Bisher ist nur dieser einzige in burmanischem Bernstein erhaltene Kopf bekannt.
Der Schädel war nur 1,4 cm lang. Er hatte ein hoch gewölbtes Schädeldach und
eine schlanke Schnauze mit Schnabel und einer langen Zahnreihe mit 23 Zähnen. Die Augenöffnungen waren sehr groß und hatten einen dicken sklerotischen Ring aus ungewöhnlichen löffelförmigen Knöcheln. Oculudentavis war wahrscheinlich tagaktiv. Die Augen wölben sich seitwärts über einen nach außen geneigten Wangenknochen. Dies bedeutet, dass das Tier kein oder nur ein geringes überlappendes Gesichtsfeld der beiden Augen hatte. Vermutlich besaß Oculidentavis nur einen sehr kleinen Bereich dreidimensionalen Sehens, direkt über dem Schnabel. .

Mit diesem Schnabel konnte er kräftig zubeißen. Dies schließen Wissenschaftler aus seinen scharfen Zähnen, der stark strukturierten Mundschleimhaut und dem robusten, unflexiblen Schädel. Sie vermuten, Oculudentavis ernährte sich von kleinen Wirbellosen.

Ein Mosaik von Merkmalen

Oculudentavis hatte eine Sammlung von ursprünglichen, saurierartigen und fortgeschrittenen, vogelartigen Merkmalen. Zum den ursprünglichen Merkmalen gehören getrennte Schädelknochen, die in stammesgeschichtlich bei den modernenen Vögeln verschmolzen und später verloren gingen. Die ausgedehnte Zahnreihe ist auch ein Dinosauriermerkmal.

Andererseits ist das Antorbitalfenster (das Schädelfenster vor dem Auge) mit dem Augenring konfluent, während die Knochen der Schnauze länglich und verwachsen sind. Diese Merkmale sind für moderne Vögeln typisch.

CT-Scan des Vogelkopfes
CT-Scan des Kopfes mit Zähnen und riesigen Augen (Foto: O’Connor et al.)

Andere Merkmale wie die Aufhängung der Zähne und die löffelförmig verknöcherten Augenringknochen sind für Dinosaurier (und Vögel) beispiellos und treten stattdessen bei modernen Eidechsen häufiger auf.

Zwergwuchs führt zu Anpassungen, die die Einordnung erschweren

Spezialisierungen, die durch die geringe Größe von Oculudentavis verursacht werden, erschweren seine Klassifizierung. Eine phylogenetische Analyse unterstützt eine basale Platzierung von Oculudentavis in die Gruppe der Avialae. Die Art mit den modernen Vögeln nur geringfügig näher verwandt als Archaeopteryx. Die Forscher schließen daraus, dass es zwischen dem späten Jura und der Mitte der Kreidezeit für knapp 50 Millionen Jahre eine fossil nicht überlieferte „Geisterlinie“ gab: Eine Linie von Tieren, die trotz der Konkurrenz durch Dinosaurier auf der einen und modernere Vögel auf der anderen Seite ihre Mosaikform behielt.
Die theoretisch-mathematische Modellierung eines Stammbaums ergibt schwache Hinweise darauf, dass es sich bei Oculudentavis um einen Enantiornitheaner handelt, wie andere „Vögel“, die in birmanischem Bernstein konserviert sind.


 

Kommentar

Die Meldung ging durch die Tagespresse. Hierbei passierten den nicht paläontologisch oder biologisch vorgebildeten Journalisten natürlich Fehler. So war öfter von einem Flugsaurier die Rede, obwohl Oculudentavis absolut nichts mit dieser Gruppe zu tun hat. Er stellt eine Art aus dem Dinosaurier-Vogel-Übergangsfeld dar, wobei die ersten „echten Vögel“ dieses Feld bereits viele Millionen Jahr vor der Existenz von Oculudentavis verlassen haben. Im Prinzip war er zu Lebzeiten bereits ein „lebendes Fossil“.

Die extrem geringe Größe von vermutlich unter 5 g Gesamtgewicht ist eine hochgradige Spezialisierung. Möglicherweise konnten die Vorfahren von Oculudentavis trotz ihrer zahlreichen ursprünglichen Merkmale in einer konkurrenzarmen Nische lange überleben.
Für eine Spezialisierung sprechen auch die weit außen liegenden Augen. Sie ermöglichen einen hervorragenden Rundumblick, auf Kosten des räumlichen Sehens. Es wird – anders als in der Beschreibung oben – einen kleinen Bereich über dem Schnabel gegeben haben, in dem sich die Gesichtsfelder beider Augen überlappten. Dort konnte Oculudentavis Entfernungen abschätzen – eine wichtige Voraussetzung für den Vogelflug.

 

Für Namensfetischisten: Der Gattungsname Oculudentavis heißt Auge-Zähne-Vogel, woher das wohl kommt? Der Artname khaungraae ehrt eine Frau Khaungra, zu deren Person ich nach einiger Websuche nichts finden konnte.


nature hat hierzu ein Video herausgegeben:

 

 

Der Autor des Urzeit-Abenteuerromans „Die weißen Steine“ Markus Kretschmer beschreibt die politische Dimension der burmesischen Bernsteinfossilien:

 

 

Auch wenn die Bernstein-Fossilien aus Myanmar spektakuläre Einblicke in die Welt der frühen Oberkreide ermöglichen, boykottieren viele Wissenschaftler die Forschung an burmesischem Bernstein. Diese Funde haben nämlich eine grausame Schattenseite.
Die Bernstein- und Jadeabbaugebiete stehen nämlich unter der Kontrolle radikaler burmesischer Militärs, die durch den Verkauf der Edel- und Schmucksteine ihre Kampagne gegen die muslimischen Minderheiten im Land finanzieren.
Menschenrechtsverletzungen, die auch von den UN aufs Schärfste verurteilt werden, sogar der furchtbare Wortlaut des Genozids stehen damit in direktem Zusammenhang mit diesen Fossilien, wie die New York Times berichtet.

 

 


Literatur

Natürlich war die Entdeckung des Tieres ein nature-Paper wert:

Xing, L., O’Connor, J. K., Schmitz, L., Chiappe, L. M. McKellar, R. C., Yi, Q. & Li, G. 2020. Hummingbird-sized dinosaur from the Cretaceous period of Myanmar. Nature 579, 245-249.
doi: https://doi.org/10.1038/s41586-020-2068-4

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