Orang Mawas 2/7 – Viele Namen, ein Kryptid?

Lesedauer: etwa 10 Minuten
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Teil 1 des Artikels ist am 7.1. hier erschienen: „Orang Mawas 1 – ein malaysischer Bigfoot?“

 

Um die vorhandenen Informationen auszuwerten, muss zunächst definiert werden, was ein Orang Mawas eigentlich sein soll. Wie bereits aus den Sichtungsberichten ersichtlich wird, trägt das Kryptid regional unterschiedliche Namen.

 

Lediglich in westlichen bzw. englischsprachigen Medien werden diese teilweise unter dem Sammelbegriff „Orang Mawas“ zusammengefasst. Alternativ wird häufig auch die Bezeichnung „Malaysian Bigfoot“ verwendet, was auf die äußerliche Ähnlichkeit der beiden Kryptiden anspielt.

 

Die Übersetzung des Namens

Zunächst soll die Namensbedeutung von „Orang Mawas“ geklärt werden. Zu diesem Zweck hat der Verfasser das Malaysisch-Englische Online-Wörterbuch „Malaycube“ zur Hilfe genommen.

Orang-Utan sitzt auf einer steilen Flußböschung auf Borneo
Orang Utan in der Wildniss

„Orang“ ist gewiss der bekanntere Namensbestandteil, da er auch im Namen des „Orang-Utan“ vorkommt. Er bedeutet zunächst einmal „Person“ bzw. „Mensch“. Wie man aber am Beispiel des Orang-Utan (des „Waldmenschen“) merkt, darf dieser Begriff nicht allzu eng aufgefasst werden. „Orang“ stellt offensichtlich keine Übersetzung des Gattungsnamens „Homo“ dar und bedeutet erst recht nicht „Homo sapiens“. Vielmehr werden so Wesen bezeichnet, die menschenähnliche Züge tragen. Dies schließt Menschen im wissenschaftlichen Sinne lediglich mit ein.

 

Der zweite Teil des Namens ist kurios. Er bedeutet nämlich für sich genommen schon „Orang-Utan“, seltener auch „Gorilla“ – wobei die letztere Bezeichnung sicherlich die neuere ist. Der Orang Mawas ist demnach der „Mensch-Waldmensch“.

Hindu-Götter
Möglicherweise spielt die vielgestaltige Götterwelt des Hinduismus in der Sagenentstehung eine Rolle.

Der Orang-Utan, der keiner ist

Nun wird der Begriff „Mawas“ (ohne den zweiten Namensbestandteil „Orang“) in Sumatra durchaus für den Orang-Utan verwendet. Das lässt sich durch eine Online-Recherche leicht verifizieren: Es existieren verschiedene Naturschutz-Organisationen die „Mawas“-Projekte leiten und sich unter diesem Namen dem Schutz der bedrohten Menschenaffen verschrieben haben.

 

Auf der malaysischen Halbinsel hat der Begriff „Mawas“ dagegen eine andere Bedeutung, trotzdem der Sprachraum und die Wortherkunft gleich sind. Das ist höchstwahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass der Orang-Utan auf dem asiatischen Festland schon lange ausgestorben ist. Vor dem Aufkommen der modernen Massenmedien boten daher alte Geschichten und Reiseberichte die einzigen verfügbaren Informationen über dieses Tier.

 

Dementsprechend verzerrt sind die Darstellungen in der malaysischen Folklore: Der Orang-Utan jagt demnach mit besonderer Vorliebe Menschen. Seine Beute verzehrt er allerdings nicht roh, sondern gekocht. Weil all das noch nicht fantastisch genug anmutet, verwendet er dafür keinen Kochtopf – stattdessen kocht er seine Nahrung im eigenen Kopf.

 

Das Holz dafür schlägt der Mawas der Folklore mit seinen rasiermesserscharfen Unterarmen, welche hart wie Stahl sein sollen. Mit dem real existierenden Orang-Utan haben solche Schilderungen natürlich extrem wenig zu tun. Es ist beinahe unvorstellbar, wie stark Beobachtungen im Laufe der Zeit verfälscht wurden.

Karate im Sonnenuntergang
Mutmaßlich fließen auch moderne Martial Arts Filme mit in die Mythen ein.

Affen[mensch(en)]

Die Schilderungen haben nicht nur mit dem Orang-Utan wenig zu tun, sondern auch mit den Beschreibungen des Orang Mawas in den verschiedenen Augenzeugenberichten. Zumindest die hohe Aggressivität und Neigung zum Menschenfressen hätte den Zeugen eigentlich auffallen müssen…

 

Natürlich ließe sich das begründen, wenn man davon ausgeht, dass der Orang Mawas eine wissenschaftlich unbeschriebene Art ist: Dieses Kryptid wird nur selten gesichtet und selbst die Ureinwohner treten nicht mit ihm in Kontakt. Das Unbekannte wiederum wird häufig als Gefahr wahrgenommen. So wäre es nur logisch, wenn der Orang Mawas nach und nach „dämonisiert“ geworden wäre.

 

Dagegen spricht die Beschreibung des scharfarmigen Fabelwesens, das in Teilen Malaysias auch „Hantu Sakai“ genannt wird. Dass dieser Name „Geister-Wilder“ bedeutet, sollte dabei nicht weiter stören. Wie Gregory Forth berichtet, wird das Wort „Geist“ im Malaysischen ebenso inflationär verwendet, wie „Mensch“. Es kann durchaus ein Lebewesen (im biologischen Sinne) so bezeichnet werden, das auch nach traditionellen Glaubensvorstellungen nicht tatsächlich der Geisterwelt angehört.

 

 

Dieser „Hantu Sakai“ ist dem Mawas der malaysischen Sagenwelt – von der hohen Aggressivität abgesehen – in seinen Eigenschaften ähnlich. Auch er verfügt über die seltsam scharfen Unterarme, die er zum Holzhacken verwendet. Zugleich wird er ausdrücklich als sehr kleiner haariger Mann beschrieben. Der Orang Mawas erschien den meisten Zeugen dagegen mindestens menschengroß oder sogar noch größer. Auch berichtet keiner der Zeugen davon, dass er mit seinen Unterarmen Holz hackte.

 

Es ist daher davon auszugehen, dass der Mawas der Folklore und der Orang Mawas nicht identisch sind. Überhaupt taucht der Name „Orang Mawas“ erst in Quellen ab Ende des 20. Jahrhunderts auf.

 

Die vielen Namen des Orang Mawas

Die Annahme, dass der Orang Mawas erst vor Kurzem „erfunden“ wurde, ist trotzdem fragwürdig. Schließlich gibt es spätestens seit den 1950er Jahren Berichte über ein ausdrücklich bigfoot-artiges Wesen in den Wäldern Malaysias.

Vogel
Ein wilder Pitta in Malaysias Dschungel. Teilt er den Lebensraum mit dem Orang Mawas?

Auch die malaysische Folklore kennt eine Kreatur, die dem Bigfoot ähnlicher ist, als dem scharfarmigen „Mawas“. Laut Gregory Forth nannte man ein solches Wesen „Gergasi“, was „Riese“ oder auch „Oger“ bedeutet. Diese werden als scharfzahnige Menschenfresser beschrieben. Die beeindruckenden Zähne des Orang Mawas werden sowohl von den Zeugen von 1953 als auch 2005 erwähnt. Die enorme Größe des Kryptids findet sich zusätzlich noch in weiteren Berichten

 

Die Annahme, dass der Name „Orang Mawas“ irrtümlicher Weise (und in Anlehnung an den Orang-Utan) an eine völlig andere Sagengestalt verliehen wurde, liegt daher nahe. Das gilt umso mehr, weil dieser neuere Name fast ausschließlich von Europäern verwendet wird. Die Ureinwohner benennen das Kryptid dagegen auf verschiedene Arten.

 

Aber auch diese Namen müssen nicht unbedingt eindeutig sein. Man denke nur an den Indigenen, der das bigfoot-artige Wesen als „Siamang“ bezeichnete. Insofern spricht auch nichts dagegen, das Kryptid im Rahmen dieses Artikels als Orang Mawas zu bezeichnen.

 

Was über den Orang Mawas bekannt ist

Damit ist etabliert, dass dieser Artikel vom „Malaysischen Bigfoot“ handelt. Dieser wird im Folgenden weiter Orang Mawas genannt, da sich der Name inzwischen unter europäischen und amerikanischen Kryptozoologen einigermaßen etabliert hat. Das Fabelwesen „Mawas“ soll in den weiteren Beschreibungen des Kryptids ebenso wenig ein Rolle spielen wie Orang-Utan, der auch als „Mawas“ bezeichnet wird.

Dementsprechend wurden auch die Zeugenberichte nach dem Kriterium ausgewählt, dass die Beschreibung des Kryptids auf ein bigfoot-ähnliches Wesen zutreffen könnte. Die Erkenntnisse aus diesen Zeugenberichten sollen im Folgenden kurz zusammengeführt werden.

 

Das Aussehen des Orang Mawas

Orang Pendek?
Wie sieht der Orang Mawas aus?

Als beeindruckendste Eigenschaft des Orang Mawas wird immer wieder seine enorme Größe genannt. Wie groß die „enorme Größe“ genau ist, variiert allerdings stark. Man erinnere sich an den Durian-Bauern, der die kleinere der beiden Kreaturen nur als etwa 1,50 m groß einschätzte. Auf der anderen Seite gibt es dann auch wieder Berichte über Orang Mawas, die bis zu drei Meter groß sein sollen.

Dazu muss allerdings angemerkt werden, dass die Größe unerwartet gesichteter Tiere sehr häufig extrem überschätzt wird. Wie oft wurde schon eine ganz harmlose schwarze Katze zum gefährlichen „Panther“ erklärt? Auch, dass einige Zeugen etwa über abgebrochene Zweige in großer Höhe berichten, lässt sich theoretisch anderweitig erklären: Sowohl Stürme, als auch die heimischen asiatischen Elefanten können diese abgebrochen haben.

 

Das Fell wird dagegen weitgehend einheitlich beschrieben. Es ist immer dunkel, wobei die genaue Farbgebung von rotbraun bis schwarz variiert. Auch die Länge und Dichte der Haare wird in den detaillierteren Berichten hervorgehoben. Dass das Fell gelockt ist, wird nur in einem der Berichte erwähnt. Die übrigen Zeugen machen allerdings auch keine gegenteiligen Angaben. Auch darüber, dass das Haupthaar länger ist, als das Körperhaar, scheint Einigkeit zu herrschen.

 

Interessant sind Angaben dazu, dass die Gesichtsbehaarung bei einigen Orang Mawas stärker ausgeprägt sein soll, als bei anderen. Sowohl die vier Zeugen von 1953, als auch der Durian-Bauer von 2000 berichten davon, dass manche der Kryptiden „Bärte“ trugen. Wenn man von der Existenz des Orang Mawas als reell existente Art ausgeht, könnte dies auf einen leichten Geschlechtsdimorphismus hindeuten.

Hanuman
Der Hindu-Affengott Hanuman wird oft als Mensch mit Affenkopf dargestellt.

Mensch, Tier, oder Tiermensch?

Wie bei Hominiden üblich verfügt der Orang Mawas sonst über eine seltsame Kombination aus menschlichen und tierischen Eigenschaften.

 

Der aufrechte Gang ist tendenziell eher menschlich. Jedenfalls existieren momentan keine Affen, die sich dauerhaft auf zwei Beinen gehend fortbewegen. Einschränkend muss man allerdings erwähnen, dass dies etwa vor 12 Millionen Jahren nicht der Fall war. So lebte auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Bayern die Art Danuvius guggenmosi, die von Wissenschaftlern als Menschenaffe, nicht aber als Mensch klassifiziert wurde. Insofern kann man nicht völlig ausschließen, dass dies auch in Südostasien der Fall war bzw. ist.

 

Zum Gesicht des Orang Mawas gibt es leider kaum detaillierte Beschreibungen. Die Gesichtsbehaarung ist jeweils nicht aussagekräftig. Schließlich erwähnte keiner der Zeugen ausdrücklich, wie stark oder schwach behaart das Gesicht derjenigen Exemplare waren, die keinen „Bart“ trugen. Wäre auch ihr Gesicht sichtbar behaart, würde dies eher für ein Tier sprechen, ein schwächer behaartes Gesicht dagegen für einen Menschen.

 

Auch sonst bleiben die Berichte vage. Lediglich das Gebiss des Orang Mawas wird mehrfach genannt. Zumindest die vier Zeugen von 1953 beschreiben sie ausdrücklich als lang und spitz. Diese Eigenschaft ist typisch für Affen. Die Eckzähne aller, auch fossiler Menschenarten sind dagegen verhältnismäßig kurz.

 

Ob der Orang Mawas über Kulturtechniken verfügt, lässt sich auch nicht eindeutig beantworten. Die Zeugen von 1953 sprechen von Lendenschurzen und Messern, die die Wesen trugen. Andere Zeugen erwähnen dies allerdings nicht. Zumindest die Bekleidung der Kryptiden sollte eigentlich schon auffällig genug sein, um erwähnt zu werden.

 

Ein „Verbreitungsgebiet“

Insgesamt liegt nur eine eher geringe Anzahl von Berichten vor. Trotzdem kann man eine gewisse Häufung von Sichtungen im malaysischen Bundesstaat Johor ausmachen. Im diesem Gebiet im Süden der Halbinsel findet man auch immer wieder angebliche Fußabdrücke des Kryptids.

 

Ein klares „Verbreitungsgebiet“ lässt sich durch die Zeugenberichte trotzdem nicht klar eingrenzen. Anders, als etwa in „The Independent“ berichtet wurde, werden die Kryptiden nicht lediglich im Süden des Landes gesichtet. Vielmehr erstrecken sich die Sichtungsorte über alle Teile des malaysischen Festlandes – von Nord nach Süd und von West nach Ost.

 

Überhaupt kann man die Berichte über den Orang Mawas nicht scharf von Berichten über ähnliche Kryptiden in benachbarten oder nahegelegenen Ländern trennen. Da noch nicht einmal bekannt ist, ob das Wesen überhaupt existiert, kann man die (ähnlich beschriebenen) Hominiden des südostasiatischen Festlandes auch schwerlich in verschiedene Arten unterteilen.

Abend über den Urwaldinseln im Osten Malaysias

Der dritte und nächste Teil dieser Artikelserie wird am 28.1.2021 erscheinen.

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