Orang Mawas 6/7 – Ein gigantischer Kandidat

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Der Orang Mawas wird also immer wieder als Riese beschrieben. Ein affen- oder menschenähnliches Wesen mit knapp drei Metern Körperlänge lässt sich aber partout nicht auftreiben. Der größte Zweibeiner in Südostasien ist immer noch der (moderne) Mensch, der größte Vierbeiner der asiatische Elefant. Beide Kandidaten (insbesondere der letztere) weisen – abgesehen vom aufrechten Gang beim Menschen – keine übermäßige Ähnlichkeit zum Orang Mawas auf.

 

Da an rezenten Arten also wahrscheinlich kein Tier oder Mensch mit dem Orang Mawas identisch ist, muss man wohl die ausgestorbenen Arten in Betracht ziehen.

Eine Gattung, die im Gegensatz zum Orang-Utan nach aktuellem Stand der Wissenschaft vollständig ausgestorben ist, ist der Gigantopithecus.

 

 

Der „Riesen-Orang-Utan“

Die Arten dieser Gattung zeichneten sich durch ein Merkmal besonders aus: Wie der Name schon impliziert, handelte es sich dabei um mehrere Arten äußerst großer Menschenaffen. Die größte davon – Gigantopithecus blacki – erreichte nach einigen Schätzungen gar eine Größe von bis zu drei Metern.

 

 

Auf Schätzungen beruhen insgesamt sehr viele Informationen zu dieser Affenart. Mehr als paar Unterkiefer sowie etliche Zähne wurden an Fossilien nämlich bis jetzt noch nicht entdeckt. Durch die Proteinstrukturen in diesen Zähnen ließ sich zumindest nachweisen, dass die Gattung wohl eng mit den heutigen Orang-Utans verwandt war.

Seit 2019 ist diese Information bekannt und seitdem hat sich auch die Darstellung dieser Gattung stark geändert. Wurden sie zuvor noch als Riesen-Gorillas dargestellt – da Gorillas die größten Menschenaffen der Gegenwart sind – ähneln Rekonstruktionen jetzt eher riesigen Orang-Utans.

Gigantopithecus
Moderne Rekonstruktion von Gigantopithecus by Concavenator

 

Ein Ende durch mangelnde Anpassung?

Auch die Lebensweise entsprach im Grunde der eines Orang-Utan: Die Gigantopitheci waren massige Pflanzenfresser, die sich ihre Nahrung im Wald suchten. Diese Annahme wird wiederum durch Analysen des Zahnschmelzes der Tiere und anschließenden Abgleich mit dem Zahnschmelz lebender Arten gestützt.

Nach den Forschungen des Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment (HEP) wurde dieser Gattung ihre enorme Masse vermutlich zum Verhängnis: Ihr Energiebedarf war sehr hoch, weswegen sie Unmengen an Nahrung zu sich nehmen mussten.

Diese Nahrung wurde im Verlauf des Pleistozäns allerdings immer rarer. Wo ehemals Wälder wuchsen, entstanden Savannen. Es gilt daher als wahrscheinlich, dass die Population aufgrund dieses Mangels nach und nach zusammenbrach. Nach konservativen Schätzungen starb der Gigantopithecus daher vor etwa 300.000 Jahren aus.

 

Wer weiß, wer sich noch in den Bambuswäldern Südchinas versteckt?

 

Zweibeiner oder Vierbeiner?

Das (angebliche) Aussterben einer Tierart verhindert aber keine Spekulationen über ihr mögliches Überleben. So ist es nicht verwunderlich, dass Sichtungen großer Hominiden wie Yeti, Bigfoot oder eben auch Orang Mawas immer wieder Spekulationen anheizt, dass der Gigantopithecus vielleicht doch überlebt haben könnte.

 

Ein Detail wäre aber von entscheidender Bedeutung, um einschätzen zu können, wie realistisch diese Spekulation ist. Es stellt sich die Frage, ob der Gigantopithecus aufrecht oder eher auch allen Vieren ging. Eine ganz eindeutige Lösung für diese Frage gibt es mangels ansatzweise vollständig erhaltener Skelette aber nicht.

Unterkiefer des Gigantopithecus
Unterkieferfossil eines Gigantopithecus, das größte bekannte Stück des größten bekannten Affen. (Foto: Durova)

Die meisten Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Gigantopithecus sich im Knöchelgang fortbewegte. Grund für diese Annahme ist natürlich, dass vom Menschen abgesehen kein Affe dauerhaft auf zwei Beinen läuft. Dass die ausgestorbene Gattung nahe mit den heutigen Orang-Utans verwandt war, stützt diese Annahme weiter.

 

Gegenrede leistete der amerikanische Anthropologe Grover Krantz, der dem kryptozoologisch interessierten Leser vermutlich im Zusammenhang mit seinen Forschungen zum Bigfoot ein Begriff ist. Er war der Meinung, dass der breite Unterkiefer der Tiere auf eine aufrechte Art der Fortbewegung hinwies. Die Luftröhre hätte so nämlich auch dann Platz gefunden, wenn der Kopf direkt oberhalb der Schultern platziert war. Dies sei bei Menschen der Fall, wohingegen Menschenaffen den Kopf leicht nach vorne versetzt tragen. Daher sei bewiesen, dass der Gigantopithecus sich wie ein Mensch – also auf zwei Beinen – fortbewegte.

 

Gigantopithcus im Habitat
Moderne Rekonstruktion eines Gigantopithecus im Habitat.

 

Für die Mehrheit der Wissenschaftler war diese Argumentation allerdings nicht stichhaltig genug. Dass Grover Krantz hartnäckig nach Beweisen für die Existenz des Bigfoot suchte und dabei nicht immer strategisch klug vorging, besserte die Situation wahrscheinlich auch nicht.

Zugleich stellt sich aber die Frage: Selbst wenn der Gigantopithecus ein Vierbeiner war – warum sollte man ihn nicht trotzdem mit dem Orang Mawas identifizieren können? Dass das Kryptid wirklich weite Strecken auf zwei Beinen zurücklegte, berichtet ja keiner der Zeugen. Dass der Giganthopitecus – wie die heutigen Menschenaffen – vermutlich kurze Strecken auf zwei Beinen zurücklegen konnte, verneinen auch Skeptiker nicht.

 

Wie realistisch ist die Gigantopithecus-Hypothese?

Die enorme Größe der ausgestorbenen Menschenaffen ist natürlich der Hauptgrund dafür, Sichtungen des Orang Mawas mit dem Überleben des Gigantopithecus gleichzusetzen. Im aufgerichteten Zustand dürften auch die kleineren Arten der Gattung sehr beeindruckend gewirkt haben.

 

Dazu kommt, dass die Überreste der Riesenaffen nicht an irgendeinem von Malaysia weit entfernten Ort gefunden wurden. Stattdessen wurden Fossilien im Süden Chinas, aber auch in Vietnam und Thailand gesichert. Eine Landverbindung zwischen den Fundorten und Malaysia bestand früher und besteht noch immer. Damit könnte man die Frage, wie der Gigantopithecus nach Malaysia gekommen sein soll, getrost beiseite wischen.

Zahn eines Gigantopithecus
Zähne sind die häufigsten Fossilien von Gigantopithecus

Zum sonstigen Aussehen des Gigantopithecus lassen sich wenige Angaben machen, da die Fossillien zu unvollständig sind. Insofern ist auch ein Vergleich mit Sichtungsberichten zum Orang Mawas schwierig. Ein Detail stich aber doch ins Auge: Der Gigantopithecus verfügte – auch wenn das kein Alleinstellungsmerkmal ist – über die langen und spitzen Eckzähne, von denen etliche Zeugen sprachen.

 

Gegen die Gleichsetzung des Orang Mawas und der ausgestorbenen Art spricht… nun, dass die ausgestorbene Art ausgestorben ist. Die jüngsten Fossilien sind 300.000 Jahre alt. Der Zeitsprung wäre also enorm. Ganz abgesehen davon wird die Entwaldung seit Jahrzehnten vom Menschen künstlich vorangetrieben. Wenn also Nahrungsmangel die Populationen des Gigantopithecus zurückgehen ließ, hätte er heute noch schlechtere Chancen, als früher.

 

Dieses letzte Detail lässt jedenfalls starke Zweifel an der Hypothese aufkommen.

 

 

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