Presseschau 1&2 /2024 mit Bigfoot, Aussterben und unbefleckter Empfängnis

Liebe Leserinnen und Leser,

 

kurz vor Weihnachten, nach dem abgeschlossenen Weihnachtsgeschäft hat mich ein Infekt erwischt und viel zu lange kaltgestellt. Es tut mir Leid, euch in dem Zeitraum nicht wie gewohnt mit Inhalten versorgt haben zu können. Im Hintergrund sind ein paar Sachen gelaufen, von denen in den nächsten Tagen und Wochen die Rede sein wird. Daher lege ich auch die Presseschau der Monate Januar und Februar zusammen, ab März kommt dann wie gewohnt eine Presseschau pro Monat.

 

Natürlich haben wir auch wieder Meldungen aus Zoologie und Kryptozoologie gesammelt. Wie immer sind die zoologischen Meldungen stark vertreten, etwas echtes Neues gibt es aus der Kryptozoologie selten, kein Wunder, wenn man sich ansieht, wie klein der Bereich der typischen Kryptozoologie ist. Trotzdem ist dieses Mal auch tatsächlich eine Meldung aus dem Bereich der Monster-Kryptozoologie ganz weit vorne, auch weil sie so skurril ist.

 

Die Meldungen aus der Zoologie sind dagegen zahlreich. So zahlreich, dass wir diese Presseschau auf zwei Teile aufspalten, sonst wäre es wahrlich zu viel auf einmal.

 

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen

 

Euer

Tobias Möser


US-Amerikaner will Wildhominiden mit Weihwasser vertreiben

Das Dorf Portlock liegt auf einer Halbinsel vor Anchorage, im Süden Alaskas. Es wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet und beherbergte vor allem eine Fischkonservenfabrik. Nach dem Bau der Alaska Route 1 verlagerte sich jedoch der Verkehr und die Einwohner verließen die Stadt, die Postfiliale schloss 1950 oder 51.

Hier im Wald soll es ein Bigfoot-ähnliches Kryptid namens Nantiinaq geben, das an der Wüstfallung des Städtchens einen großen Anteil haben soll. Bereits seit den 1930er Jahren sind in den Wäldern um Portlock immer wieder Menschen verschwunden oder umgekommen – eigentlich kein Wunder, wenn man sich alleine als Jäger, Fischer oder Goldsucher auf den Weg in die Wildnis macht. Spätestens in den 1970ern entstanden Gerüchte über verstümmelte, zerrissene Körper und bis zu 18 inch (46 cm) lange, menschenähnliche Fußspuren. Eine Älteste der Nanwalek-Indianer berichtete, dass eine menschenähnliche Kreatur namens Alutiiq Nantiinaq (halb Mensch, halb Tier) Besucher der Wälder terrorisierte.
Recherchen in den Aufzeichnungen der Fischfabrik brachten dann noch zu Tage, dass 1905 alle einheimischen Arbeiter die Gegend wegen „etwas im Wald“ verließen, im folgenden Jahr aber zurückkehrten. Weitere Berichte gehen in der Substanz über Gerüchte nicht hinaus.

Die ultimative Waffe?

Vor diesem Hintergrund will ein Team aus unterschiedlichen Waldläufern die Gegend um Portlock von diesem Wesen „säubern“. Der Fernsehsender Discovery UK begleitet sie dabei. Insbesondere ein Mitglied ist dabei auf die ultimative Waffe gestoßen und bezeichnet sie als „our nucelar option“, also die letzte, atomare Möglichkeit: Er trägt einen gewaltigen Vernebler mit einigen Litern Weihwasser mit sich und „segnet“ damit jeden Quadratmeter ein.

 

Bemerkenswert hierzu der Kommentar eines Youtube-Nutzers: „Rehabilitation to port lock Alaska . Sounds like a great idea got a true Alaskan here. (sic!)“ Sollte dies ernst gemeint sein, erklärt es doch so einiges.

 

Quellen: 

Youtube-Video: Alaskan Killer Bigfoot

Wikipedia zu Portlock, Alaska

Alaska Magazine zum Killer Bigfoot


Thema Wölfe

Die Ausbreitung und einfach nur Anwesenheit von Wölfen in Deutschland haben wir seit Bestehen der Webseite ausgiebig mit Reportagen, Berichten, News-Meldungen und Kolumnen verfolgt. Auch in den letzten zwei Monaten ist richtig was los gewesen. Wir haben zwei wesentliche Themenkomplexe identifiziert und bringen sie euch – mit dem Weitblick, der sich durch einige Wochen Abstand ergibt.

 

Mutmaßlicher Wolfsangriff auf einen Menschen in Doberlug-Kirchhain

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Doberlug-Kirchhain liegt am nördlichen Rand des Naturparks Niederlausitzer Heidelandschaft, etwa 60 km nördlich von Dresden oder 100 km südlich von Berlin. Hier gibt es Wölfe, schon seit etwa 20 Jahren.

Dort kam es am Mittwoch, 13.12.2023 zu einem Vorfall, den das Landesamt für Umwelt (LfU) Brandenburg als potenziellen Wolfsangriff einstuft. Laut Polizeiangaben war der der 47-jährige mit seinem Hund in einem Waldstück in der Nähe der Doppelstadt unterwegs. Dort begegnete den beiden ein Tier, das den Hund sofort angriff. Der Mann versuchte, den Kampf zu unterbinden und seinen Hund zu schützen, was mehr als verständlich ist. Dabei wurde er mehrfach gebissen und schwer verletzt. Trotzdem schaffte er es, zu seinem eigenen PKW zu gelangen und sicher hinter den Türen Familienangehörige zu informieren.
Das Opfer gelangte schließlich ins Krankenhaus Finsterwalde, wo er behandelt wurde.

 

Wolf im Schnee
Wolf im Schnee

 

Die DNA-Analyse liefert …

Da ein Angriff durch einen Wolf nicht ausgeschlossen werden konnte, nahmen mehrere Ärzte an den Bisswunden Abstriche für genetische Untersuchungen. Natürlich haben sie auch die Verletzungen dokumentiert und behandelt. Laut Meldung der Lausitzer Rundschau lag der Mann 47-jährige sogar zwischenzeitlich auf der Intensivstation.

Während der Befragungen hatte das Opfer des Angriffes immer wieder von einem fremden Hund, nie von einem Wolf gesprochen. Auch bei der Entnahme von Vergleichsproben seines eigenen Hundes sei nie die Rede von einem Wolf gewesen, meldet animal-health-online.

 

Die Proben mit der DNA des Angreifers wurden sofort im in ein Labor des Senckenberg Zentrums für Wildtiergenetik gebracht und untersucht. Bis dahin betrachtet das LfU Brandenburg den Vorfall als potenziellen Angriff eines Wolfes auf einen vom Menschen geführten Hund und auf einen Menschen. Dies ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

 

Wolf im Wald
Das LfU in Brandenburg ging richtig vor, einen potenziellen Wolfsangriff nicht auf die leichte Schulter zu nehmen

 

… ein nicht unerwartetes Ergebnis

Am Mittwoch, 20.12.2023 lagen dann die Ergebnisse der DNA-Probe vor. Das LfU in Potsdam informierte danach, dass der 47-Jährige und sein Hund nicht von einem Wolf, sondern von einem fremden Haushund angegriffen wurden. Die Spuren sind genetisch und morphologisch eindeutig, ein Wolf ist sicher auszuschließen, so das Fazit des Amtes. Ebenso sicher sei auszuschließen, dass der Mann von seinem eigenen Hund angefallen worden sei. Es handele sich eindeutig um zwei unterschiedliche Individuen.
Die unter Stress gemachten Beobachtungen und die Angaben des Mannes hierzu waren also völlig korrekt. So ist dann auch die Beobachtung, dass es sich um einen ungewöhnlich gefärbten Schäferhund handeln könnte, zu sehen. Polizei und Ordnungsamt haben aufgrund der Bissspuren eine Größenangabe, mit Hilfe der sie nach dem Hund fahnden.

 

Die letzte Meldung hierzu scheint von der Lausitzer Rundschau zu stammen. Am 6. Januar 2024 fragt sie „Nach Genanalyse – wo ist der Hund?“ Leider ist der Rest des Berichtes hinter einer Paywall verborgen. Wir konnten nicht herausfinden, wie es dem menschlichen, wie dem tierischen Opfer geht.

 

Quellen:

rbb24: Mann aus Elbe-Elster nach möglichem Wolfsangriff im Krankenhaus

Zeit online: Wolfsangriff auf Mann vermutet: Untersuchungen laufen

Welt online: Tierangriff im Brandenburger Wald – Mann schwer verletzt

aho: Wolfsangriff durch DNA-Untersuchung ausgeschlossen

Lausitzer Rundschau: Nach Genanalyse – Wo ist der Hund?

 


Wölfin Gloria in NRW

Wir berichteten mehrmals über die Wölfin Gloria (GW954f) vom Niederrhein. Sie ist eine der wenigen Wölfe in NRW und eine von zwei oder drei Fähen im Land, die 2023 Junge hatten. Die Medien wurden auf sie aufmerksam, als ein Schäfer zunächst einfach nur um weitere Zuschüsse zum Herdenschutz bat, die das Land zunächst verweigerte. Dieser Zwist schaukelte sich über mehrere Jahre auf, bis schließlich dem Schäfer nichts anderes übrig blieb, als die Abschussgenehmigung zu beantragen. Dem Schäfer liegt nach eigenen Aussagen nichts daran, die Wölfin erschießen zu lassen, er will nur, dass seine Herde geschützt ist.

 

Wolf
Beispielbild, das ist nicht Gloria

 

Seit 2018 hat Gloria nachweislich mehr als 160 Nutztiere getötet, darunter hauptsächlich Schafe, aber auch einzelne Ponys. 17 weitere Risse gehen vermutlich auf ihr Konto, sie hat zwischenzeitlich gelernt, die vom Land geförderten 120 cm hohen Elektrozäune zu überwinden. Gloria ist vor allem in den Gemeinden Hünxe und Schermbeck unterwegs, aber auch in angrenzenden Orten wie Orte Dinslaken, Voerde und Hamminkeln sowie Kleve, Borken, Recklinghausen, Bottrop und Oberhausen hat sie Tiere gerissen.

 

Am 20.12. hat der Kreis Wesel eine Allgemeinverfügung veröffentlicht, die den Abschuss der Wölfin erlaubt. Diese beinhaltet, die „zielgerichtete Tötung eines Wolfes (…)  mit dem Ziel, die Wölfin GW954f zu entnehmen.“ Weiter wird verfügt, dass nur Jagdausübungsberechtigte schießen dürfen, die vorher bei der Naturschutzbehörde des Kreises Wesel einen entsprechenden Auftrag erhalten haben. Diese Verfügung gilt bis 15.02.2024.

 

Der BUND am folgenden Donnerstag, 21.12. Klage gegen die Allgemeinverfügung eingereicht. Man halte die Allgemeinverfügung für fehlerhaft und nicht ausreichend begründet, im Gegenteil: Gloria sei das einzige reproduzierende Tier im weiten Umkreis, das daher sogar besonderen Schutz verdiene. Weiterhin sagt Holger Sticht, Vorsitzender des BUND NRW: „So lange sich Tierhalter weiterhin weigern, den notwendigen und öffentlich geförderten Herdenschutz, zu welchem auch unzweifelhaft Herdenschutzhunde zählen, in Anspruch zu nehmen, wird es auch weiterhin Nutztierrisse geben, egal durch welchen Wolf.“

 

Wolf im Wald
Noch ein Wolf im Wald

 

Die Kreisjägerschaft Wesel hatte bereits vor der Allgemeinverfügung angekündigt, sich nicht an der Jagd auf die Wölfin zu beteiligen. Dies hat aber weniger ihren Ursprung im Naturschutz, sondern in juristischen Problemen. Ähnlich hält es das Regionalforstamt Niederrhein: Gloria unterliege in NRW nicht dem Jagdrecht, sondern dem Naturschutzrecht. Daher müsse sich die Untere Naturschutzbehörde oder das Umweltministerium drum kümmern.
Die Kreisverwaltung konnte am 20.12. keine Auskunft geben, wer konkret die Wölfin erschießen soll.

 

Das Verwaltungsgericht entscheidet schnell

Noch am Tag der Klage hat das Verwaltungsgericht in Düsseldorf die Allgemeinverfügung außer Kraft gesetzt. Über die Eilanträge solle in der kommenden Woche entschieden werden.

Am 17. Januar 2024 kam es dann zu einem Urteil: Trotz Ausnahmegenehmigung darf die Wölfin Gloria nicht erschossen werden. Das Verwaltungsgericht entsprach damit mehreren Eilanträgen von Umweltverbänden. Laut Gericht habe der Kreis nicht ausreichend zeigen können, dass durch die Wölfin tatsächlich ein ernstzunehmender landwirtschaftlicher Schaden droht. Eine echte Verhaltensänderung in Form einer Spezialisierung auf Weidetiere habe sich im Verhalten der Wölfin nicht erkennen lassen. Dass die Wölfin den empfohlenen Herdenschutz überwinden könne, sei ebenfalls keine neue Erkenntnis.

Quellen:

WDR vom 21.12.23: Kreis Wesel erlaubt Tötung von Wölfin Gloria: BUND klagt

WDR vom 21.12.23: Verwaltungsgericht: Wölfin Gloria darf vorerst nicht getötet werden

WDR vom 17.01.24: Gericht verbietet Abschuss von NRW-Wölfin Gloria

WDR vom 23.01.24: Kein Ende im Streit um Wölfin Gloria: Kreis Wesel kämpft weiter für Abschuss

 

Wolf im Wald
Und noch ein Wolf im Wald. In Deutschland bevorzugen sie übrigens halboffene Habitate. Geschlossene Wälder mögen sie nicht so, ebenso wenig wie völlig offene Wiesen.

 

Meinung: Nicht Gloria ist das Problem, sondern verhärtete Positionen

Die Bewertung des Gesamtumfeldes „Gloria“ ist nicht einfach. Zunächst ergeben sich zwei eindeutige, extreme und damit einfache Positionen:

  • Die Wölfin richtet seit 2018, also seit fünf Jahren regelmäßig Schäden in landwirtschaftlichen Betrieben an und hört von sich aus nicht damit auf.
  • Es handelt sich um die einzige sich reproduzierende Wölfin im Bundesland. Ein weiteres Rudel lebt am anderen Ende NRWs im Westerwald, an der Grenze zu Rheinland-Pfalz, hat sich 2023 aber nicht fortgepflanzt.

Betrachtet man die Zwischentöne, wird die Sache schwieriger. Die meisten Weidetiere, die Gloria gerissen hat, standen ungeschützt auf der Weide. Man kann von einer Wölfin weder verlangen, dass sie zwischen Wild- und Nutztieren unterscheidet, noch dass sie völlig darauf verzichtet, Tiere zu fressen und beispielsweise auf Haselnüsse umsteigt. Schermbeck und Umgebung ist schon seit vielen Jahren Wolfsgebiet, das Verhalten der Wölfin hat sich rumgesprochen. Landwirte, die ihre Tiere draußen, ohne die vom Land geförderten Schutzmaßnahmen halten, sind entweder risikofreudig, dumm oder wollen Vorfälle provozieren, um Gründe für die Tötung zu produzieren.

 

Schafhaltung ohne Schutz
Eine Schafhaltung ohne Schutz ist in Wolfsgebieten nicht möglich – von der Natur auch nicht vorgesehen.

 

Ein weiterer, nicht unwesentlicher Faktor steht noch im Raum: Bei den von Gloria getöteten Tieren handelt es sich in der Regel zwar um landwirtschaftliche Tiere, aber nicht um Nutztiere, die Fleisch, Milch oder Wolle liefern.
Ponys haben in der modernen Landwirtschaft keine Funktion, außer Kindern als Spaßtier zu dienen. Man kann auf ihnen reiten, teilweise auch anderen Sport treiben, lernt, sich um ein Tier zu kümmern und kann wunderbar damit angeben (das gilt in gleichem Maße für Eltern).
Die meisten Schafe, die am Niederrhein gehalten werden, dienen der Landschaftspflege. Ihr „goldener Tritt“ verdichtet Deiche und Dämme. Beweidung mit Schafherden verhindert das Verbuschen offener Landschaften. Das Fleisch dieser Tiere wird eher selten verkauft und die Milchproduktion, hauptsächlich für Schafskäse ist auch eher eine Liebhaberveranstaltung.
Nun ist eine Schafherde in der Landschaftspflege nahezu genauso erfolgreich, wenn sie statt 500 Tieren nur noch 497 enthält. Zudem wird der Schäfer entschädigt.

Die Schäden, die entstehen, sind vor allem emotional. Man erkläre mal einer Achtjährigen, dass ihr Pony vom Wolf gefressen wurde. Wer Jahre oder Jahrzehnte mit seinen Schafen durch die Landschaft zieht und Deiche oder Heiden abweiden lässt, kennt jedes seiner Tiere persönlich. Was immer ein Wolf reißt, ist nicht „eins von 500 Schafen“, sondern hat einen Namen und eine Geschichte.
Dies gilt natürlich um so mehr, wenn es nicht diese Riesenherden sind, sondern einige Schafe, die jemand zur Liebhaberei im Garten hält.
Die Frage ist nur, ob sich das Verhalten vom Ämtern und Politikern an Emotionen, kurzfristigen oder langfristigen Zielen oder objektiven Erkenntnissen orientieren soll.

 

Schafe, Schäder, Hunde
Schafe, Schäfer und Hunde, so ging Weidewirtschaft jahrhundertelang, hier im Hainich

 

Andererseits: Gloria hat gelernt, nicht nur die Mindest-Schutzvorkehrung, einen 90 cm hohen Elektrozaun zu überwinden, sondern auch den „empfohlenen Schutz“, von 120 cm Höhe. Hier stellen sich zwei kritische Fragen: „Reicht in diesem Fall ein solcher Zaun als ‚Mindest-Schutzvorkehrung‘ überhaupt aus oder sollte das Land nicht einen höheren, massiveren Zaun fördern?“ und leider in diesem Zusammenhang auch: „Wenn die reproduzierende Wölfin Gloria das kann, lernen es nicht auch ihre Jungen und zeigen dieses Verhalten ggf. auch nach einer Abwanderung in anderen Gebieten?“ Hieraus ergibt sich die wesentlich kritischere Frage, ob wir damit nicht eine Linie von Wölfen konditionieren, denen die in vielen anderen Gebieten wirksamen 120 cm-Elektrozäune egal sind.

Eins ist klar: Ein Elektrozaun hilft nur da, wo höchstens gelegentlich mal Wölfe auftauchen. Wo ein Rudel lebt, sind Herdenschutzhunde angesagt (Hunde, keine Esel oder Alpakas)!

Hierzu gibt es schlechte Erfahrungen aus einem anderen Naturschutzprojekt: Bei der Bärin Jurka aus dem Ursus Life-Projekt in Italien und ihren Jungen ist man zu lange „wohlmeinend“ mit problematischen Verhalten umgegangen. Dies hat letztlich in mehreren toten Jungbären (unter anderem JJ1 und JJ3), dem Einfangen von Jurka und dem Verlust ihrer Linie geendet. Dazu kommt das Gruppenverhalten der mitteleuropäischen Wölfe: Jungtiere bleiben nach dem Wurf meist den folgenden Winter, manchmal auch den Sommer bei den Elterntieren, lernen in ihrem 2. Jahr noch Vieles, was ein Wolf wissen muss, um dann abzuwandern und irgend wo anders sesshaft zu werden.

Für einzelne Junge von Gloria gibt es bereits Nachweise. 2022 tötete ein junges Männchen (geboren 2021), ein Sohn von Gloria in Seppenrade fünf Schafe. Am 25.04.2021 riss ein anderer Sohn (GW2089m) von Gloria im niederländischen Dinteloord ein Schaf. Keine dieser Meldungen hatte deutliche Folgen in den Medien, es ist daher davon auszugehen, dass sich die Jungtiere ebenfalls nicht spezialisiert haben. GW2089m ist kurz drauf, am 02.05.2021 das letzte Mal in einem Naturpark an der Belgisch-niederländischen Grenze nachgewiesen worden.

 


Menschengemachtes Aussterben wohl noch stärker als angenommen

Menschen haben offenbar 1300 bis 1500 Vogelarten ausgerottet. Dies zeigt eine Arbeit, die in Nature communication erschienen ist. Dabei nutzten die Autoren (tatsächlich nur Männer) statistische Methoden, um die Vogelarten in einem Lebensraum zu berechnen und sie mit heute bekannten Arten zu vergleichen.
Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass wir seit dem späten Pleistozän, vor 130.000 Jahren, 12 % der Vogelarten, also etwa 1300 bis 1500 Spezies ausgerottet haben.

 

Aussterben von Vogelarten
Die Wanderung des Menschen und das Aussterben von Vogelarten. Abb. aus der unten zitierten Arbeit CC-BY-SA 4.0 Cooke et al.

 

Insbesondere auf isolierten Inseln wie den Azoren, Hawaii und Tonga, aber auch in allen anderen Ozeanen war es nicht nur der Mensch selber, sondern auch invasive Arten wie Schweine, Ratten, Hunde, Katzen und andere, die Vögel direkt jagten, die Nester ausräumten oder die Lebensräume zerstörten. Hinzu kamen Entwaldung, Jagd und Feuer.

 

Liverpool-Taube Caloenas maculata
Die Liverpool-Taube ist vermutlich auch durch die Besiedlung des Menschen ausgestorben

 

Bisher ging man davon aus, dass seit dem späten Pleistozän etwa 640 Vogelarten ausgestorben sind. Die Autoren dieser Studie setzen die Zahl wesentlich höher an, da es zahlreiche Lücken im Fossilreport gibt. Einige wenige Arten sind tatsächlich nur durch Skizzen oder Bilder bekannt, von vielen anderen werden wir vielleicht nie erfahren.

„Wir wussten, dass wir so auffällige Arten wie den Dodo verloren haben, aber wir wollten besser das Aussterben von Vögeln, die wir nicht kennen, abschätzen“, sagte Co-Autor Rob Cooke dem Guardian.

 

Quelle: Cooke, R., Sayol, F., Andermann, T. et al. Undiscovered bird extinctions obscure the true magnitude of human-driven extinction waves. Nat Commun 14, 8116 (2023). https://doi.org/10.1038/s41467-023-43445-2


Katzen gefährden die Artenvielfalt

Wer einmal eine freilaufende Katze gepflegt hat, weiß, wie erfolgreich die Schmusetiger als Jäger sein können. Insbesondere dort, wo Katzen nicht natürlich vorkommen, kann dies verheerende Auswirkungen auf die Artenvielfalt vor Ort haben.

Ein internationales Forscherteam um Christopher Lepczyk von der Auburn University (USA) hat eine aufsehenerregende Metastudie veröffentlicht. Für diese Studie haben sie mehr als 500 Einzelstudien zu den Beutetieren von freilebenden Hauskatzen weltweit analysiert. In diesen Einzelstudien wurde vor allem der Kot der Katzen analysiert. Insgesamt fanden sich dort Überreste von mehr als 2000 Arten von Beutetieren.

Diese Zahl muss vermutlich noch nach oben korrigiert werden. Bei den untersuchten Studien waren Afrika, Teile Eurasiens und Südamerikas unterrepräsentiert. Die Methodik, Kot nach festen Restbestandteilen zu untersuchen und diese zu bestimmen, schränkt zudem die Zahl der bestimmbaren Wirbellosen deutlich ein.

 

Hauskatze mit Opfer
Hauskatze mit Opfer

 

Als besorgniserregend fiel den Forschern auf, dass 347 der in der Studie erfassten Arten auf der Roten Liste der IUCN aufgeführt sind, das sind 17%. Eine Aussage darüber, ob die Arten auch ohne von Katzen erbeutet zu werden, auf dieser Liste landen, ist nur in Einzelfällen machbar.

 

Die Forscher schlagen nun vor, wildlebende Hauskatzen in den Naturräumen zu reduzieren. Sie wurden auf allen Kontinenten bis auf der Antarktis eingeführt, haben mit unserer Hilfe hunderte Inseln besiedelt. Und nicht nur der Ernährungsstil bedroht die Artenvielfalt: Katzen übertragen Krankheiten auf Wildtiere, sie konkurrieren oft erfolgreich mit anderen Arten, die nicht zu ihrem Beuteschema gehören.

 

Quelle: Lepczyk, C.A., Fantle-Lepczyk, J.E., Dunham, K.D. et al. A global synthesis and assessment of free-ranging domestic cat diet. Nat Commun 14, 7809 (2023).
https://doi.org/10.1038/s41467-023-42766-6


Wisente in Europa wieder ansiedeln?

Wisente sind die europäischen Bisons, etwas leichter und weniger bullig, als das amerikanische Präriebison, was an sich für einen Waldbewohner auch ganz praktisch ist. Seit dem Frühmittelalter wurden sie stark bejagt, irgendwann galten sie als „das edelste aller Wilde“ und waren dem König vorbehalten – genauso wie der Auerochse, mit dem sie oft verwechselt wurden.

Anders als der Auerochse überlebte das Wisent aber diese Jahrhunderte des Jagddruckes, auch wenn es vor etwa 100 Jahren kurz vor dem Aussterben stand. Im Rahmen des Rewilderings hat eine Forschergruppe July Pilowsky von den Universitäten Kopenhagen und Adelaide die Ursachen für das Verschwinden der Tiere analysiert und dabei nicht nur die Zeit nach dem Abzug der Römer, sondern 21.000 Jahre betrachtet.

 

Freilebendes Wisent
Ein freilebendes Wisent in einem bewirtschafteten Wald

 

Bereits mit dem Ende der Eiszeit vor 14700 Jahren begann, der Lebensraum der Wisente zu – schrumpfen. Dies führte zu einer Konzentration auf das Kerngebiet der Verbreitung, die man heute noch vom Wisent kennt: Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Im Norden und Osten ihres Verbreitungsgebietes setzten die Menschen dem Tier durch die Jagd zu, im Westen und Süden war es die veränderte Landnutzung und vor allem Rodung der Wälder. Ab dem 15. Jahrhundert beschleunigte sich der Niedergang, die Forscher vermuten, dass die Einführung und Verbesserung von Handfeuerwaffen, also Jagdgewehren eine große Rolle spielten.

Wie sieht es heute aus?

Nach einigen ehrgeizigen Wiederansiedlungsprogrammen leben etwa 7300 Wisente in Freiheit. Dabei stehen ihnen sehr unterschiedliche Lebensräume zur Verfügung, von den Niederlanden bis zu den französischen Alpen. Deutschland als eines der Länder, die früher große Herden beherbergten, ist mit nur etwa 40 Tieren in einem ständig von der Schließung bedrohten Projekt im Rothaargebirge beteiligt.

Ein Problem hierbei ist die schlechte Vernetzung und die geringe Größe der 47 Einzelprojekte. Nur 8 der Populationen weisen mehr als 150 Tiere auf. Einige der großen Herden werden zugefüttert, was die natürliche Selektion verringert.

Im Rahmen der Studie versuchten die Wissenschaftler herauszufinden, wo man die großen Rinder am besten ansiedeln könne. In den Waldgebieten in Polen, Belarus, Russland und der Ukraine erscheint es am förderlichsten – politische Probleme außen vor.

 

Wisente
Zwei Wisente, leider ohne Standort

 

Als Ökosystem-Ingenieure sind sie eigentlich genau durch das gefragt, was ihnen im Rothaargebirge Probleme macht: Sie entrinden Altbäume und weiden Setzlinge ab. So schaffen sie auf die Dauer Grasland-Habitate und drängen die Wälder zurück. Sie wären also dort gut unterzubringen, wo eine offene Landschaft erwünscht ist: In Heidegebieten. Gerade in Deutschland gibt es eine ganze Reihe (ehemaliger) Truppenübungsplätze, die teilweise auch von Wölfen bewohnt sind, wo man die Tiere gut unterbringen könnte, ohne dass ein Waldbauer ihre Schäden beklagt.

 

Quelle: Pilowsky, J. et al.: Millennial processes of population decline, range contraction and near extinction of the European bison; Proceeding of the Royal Society, Vol. 290, Issue 2013: https://doi.org/10.1098/rspb.2023.1095


Die unbefleckte Empfängnis der Buntbarsche

Wenn man eine kurze Websuche nach Parthenogenese, also der Fortpflanzung ohne Partner durchführt, findet man recht schnell fünf Hai- und eine Rochenart. Von Knochenfischen ist in den üblichen Web-Lexika, der Wikipedia und allen, die davon abschreiben, aktuell kaum etwas zu lesen. Einige Arten mit Parthenogenese oder vermuteter Parthenogenese gibt es, aber es sind wenige und nicht bei allen ist das sicher.

 

Benitochromis ufermanni
Die nahe verwandte Art Benitochromis ufermanni (CC-BY-3.0 by Ronnin)

 

Um so überraschter waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Bonn, als sie Buntbarsche der Gattung Benitochromis aus Kamerun in ihren Aquarien hielten. Die Tiere sind nach Angabe der Bonner berüchtigt dafür, so aggressiv zu sein, dass sie nur alleine gehalten werden können.*

Als sich dann einer der alleine gehaltenen Fische fortpflanzte, war die Überraschung groß. „Zunächst dachten wir, es könnte durch eine Außeneinwirkung passiert sein, deshalb achteten wir dann genau darauf, dass es beispielsweise bei Wasserwechsel keine Verunreinigungen gab – und trotzdem passierte es erneut“, schildert Dr. Astrid Böhne, Sektionsleiterin für Vergleichende Genomik am Leibnitz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels die Situation.

 

Noch ungewöhnlicher war, dass die Nachkommen im Vergleich zum Elterntier einen großen Verlust an genetischer Diversität haben. Die Nachkommen haben häufig nur ein Allel – also unterschiedliche Varianten eines Gens an einer bestimmten Stelle auf einem Chromosom – wobei gewöhnliche Exemplare zwei Allele haben.
Hierfür hatten die Wissenschaftler zwei Erklärungen: Inzucht oder Parthenogenese. Eine Computersimulation schloss jedoch aus, dass Inzucht der Grund für die reduzierte Diversität ist. Also blieb nur Parthenogenese, oder?

 

Hierbei gehen die meisten parthenogenetischen Wirbeltiere den gleichen genetischen Weg: Sie führen eine „normale“ Meiose, die Keimzellenbildung vor, bei der der Chromosomenbestand der Zellen halbiert wird.
Während bei einer „normalen“ Fortpflanzung die fehlende Hälfte des Genoms durch das der anderen Keimzelle ersetzt wird (das ist die Befruchtung), verdoppelt sich bei einer Parthenogenese das Genom der Keimzelle, so dass alle Gene in der selben Variante vorliegen.

Dies ist aber bei der Benitochromis-Art aus Kamerun nicht der Fall. Statt dessen zeigen die Nachkommen an unterschiedlichen Stellen im Genom Diversität, wo sie parthenogenetisch erzeugte Organismen sie nicht hätten.

 

Hieraus schließen die Wissenschaftler, dass die Tiere sich selbst befruchtet haben. Dies ist eine unerwartete Nachricht. Bisher ist Selbstbefruchtung nur von einem einzigen anderen Wirbeltier bekannt, dem Marmorierten Bachling Rivulus marmoratus, einem Zahnkärpfling.

 

„Bislang war nicht bekannt, dass Buntbarsche überhaupt ihr Geschlecht wechseln können. Vor uns hat noch niemand eine ganze Genomauflösung der Fische angefertigt und konnte die Fortpflanzung auf diese Art und Weise nachvollziehen. Aus diesem Grund prüfen nun viele Kolleginnen und Kollegen ihre Forschungsobjekte sowie die Fortpflanzungsmechanik neu. Es gibt scheinbar Nichts, was es nicht gibt und Fortpflanzung ist nicht so trivial, wie wir nun sehr lange gedacht haben“, fasst Astrid Böhne zusammen.

Die untersuchte Art Benitochromis nigrodorsalis ist als biparentaler, ovophiler Maulbrüter bekannt.

 

Noch zu erwähnen ist, dass die Unterfamilie der Chromidotilapini bereits für ihre ausgeprägte Plastizität in der Fortpflanzungsbiologie bekannt sind. Es gibt Offenbrüter,  Höhlenbrüter, larvophile und ovophile Maulbrüter. Innerhalb eines vermuteten Stammbaumes sind beide Arten des Maulbrütens mehrmals entstanden oder befinden sich in der Übergangsphase vom Höhlen- zum Maulbrüter.
Die Biologie des Maulbrütens bei Buntbarschen ist sehr komplex, beide Formen können nicht auseinander evoluiert sein und sind innerhalb der Familie vielfach entstanden.

Quellen: 

Böhne, A., Thünken, T. et al.: Evidence for selfing in a vertebrate from whole-genom sequencing; Genome Res. 2023. 33:2133-2142;

Pressemitteilung des LIB: https://leibniz-lib.de/2024-01-12-unbefleckte-empfangnis-buntbarsche/

 

 

* Nach Informationen der Redaktion ist dies nicht zwingend der Fall. Mir sind mehrere Halter bekannt, die mehrere Benitochromis-Arten in Paaren oder Gruppen halten und zur (normalen) Fortpflanzung bringen können.


Polizei fängt entlaufenes Zebra

Nahe Bad Homburg im Taunus haben Polizisten am 10.01.2024 ein Zebra eingefangen. Eine Frau sah das Tier auf den Feldern von Ober-Erlenbach und rief die Polizei. „Ich kann ja wohl ein Zebra von einem Pferd unterscheiden“ unterstrich die Frau ihre Beobachtung resolut.

 

Polizistin und Zebra auf einem Feld
Eine Polizistin nähert sich dem Zebra (Foto: Polizeipräsidium Mittelhessen)

 

Also schickte die Polizei Wiesbaden einen Wagen vorbei, dessen Besatzung das Tier ruhig mit Hilfe von Leckerlis und einem Halfter auf eine nahe Koppel bringen konnte. Der Besitzer konnte schnell ermittelt werden, sein Zebra war durch ein Loch im Zaun entlaufen.

Nun stellen sich der Redaktion einige Fragen:

  • Muss ein Beamter ein Streifenpolizist sein, um ein Zebra einzufangen?
  • Ist der Transport in anderen Fahrzeugen als Streifenwagen zulassungsfähig?

Der zweite Teil der Presseschau erscheint in einer Woche, am Sonntag, 11.02. um 10 Uhr.