Der australische Affenmensch – Rassismus in der frühen Anthropologie

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Der deutsche Anthropologe Hermann Klaatsch (geb. 10. März 1863 Berlin, gest. 5. Januar 1916 Eisenach), war ein – später weltberühmter – deutscher Mediziner, Urgeschichtsforscher und Ethnologe.

Nach Wikipedia unternahm Klaatsch von 1904 bis 1907 „auf Anregung seines Freundes und Berufskollegen, des Heidelberger Anthropologen und Urgeschichtlers Otto Schoetensack eine dreijährige Australienreise, in der es primär um die Frage der Anthropogenese auf australischen Boden gehen sollte. Nach den bedeutenden paläoanthropologischen Funden in Europa (Neandertaler), aber auch in Asien (Java-Mensch), hatte sich Schoetensack verstärkt darüber Gedanken gemacht, welcher Kontinent als das Ursprungsland der Menschheit insgesamt angesehen werden könnte. Er gelangte zu der Auffassung, dass der australische Kontinent die Urheimat des Menschengeschlechts bildete. Klaatsch schloss sich dem definitiven Urteil Schoetensacks über den Ursprung der Menschheit in Australien zwar nie ganz an, ergriff jedoch die Chance, am Beispiel der australischen Aborigines Fragen zum Prozess der Menschwerdung näher zu untersuchen und womöglich zu klären.“

Pithecanthropus
So stellte man sich 1907 den Pithecanthropus vor.

Herrmann Klaatsch
So stellte sich Herrmann Klaatsch 1907 dem Fotografen

In diesem Sinne ist die ohne Zweifel durch und durch rassistische Deutung des australischen Ureinwohners als fehlendes Bindeglied zwischen Affen und Menschen zu verstehen, die die Presse unter Berufung auf Klaatsch berichtete, und in diesem Kontext müssen wohl auch viele frühen Meldungen über den Yowie, den australischen Yeti, betrachtet werden. Jedenfalls spiegelt ein Artikel der neuseeländischen „North Otago Times“ vom 17. Oktober 1907 recht drastisch den Rassismus und die Verachtung nichtweißer Menschen wider, die Teil vieler früher Entdeckungsreisen sind:

Eine Rasse von Affenmenschen?

„Wir haben unlängst einen Artikel über das neue australische fehlende Bindeglied veröffentlicht, das der deutsche Professor Klaatsch entdeckt hat, schreibt ‚Science Sittings‘, ein neues und sehr bedeutendes Glied in der Kette der Evolution, die den Menschen mit dem Menschenaffen verbindet. Nun scheint es, als sei er einen Schritt weiter gekommen und habe eine Rasse von Eingeborenen zwischen den Flüssen Daly und Victoria in Nordaustralien beobachtet, die einige der ausgeprägtesten äffischen Merkmale besitzt und dennoch zweifellos bereits menschlich ist. Diese Eigenschaften bestehen darin, dass ihr Daumen wie bei den Affen leicht verkümmert ist und dass die großen Zehen fast die gleiche Form wie die Daumen haben. Er merkt an, dass diese Eingeborenen überall am Körper von Kopf bis Fuß mit langem Haar bedeckt sind, ausgenommen das Gesicht, die Handflächen, die Fußsohlen und die Hüften.

Das bemerkenswerteste Merkmal von allen ist die Form der Hände und Füße. Die Handflächen sind fast so lang wie die Fußsohle eines gewöhnlichen weißen Mannes und die Finger verhältnismäßig kurz und teilweise durch Haut miteinander verbunden. Der Daumen ist merklich kurz und seine Spitze reicht nicht bis zur Hälfte der Fingerbasis, auch kann er nicht frei über die Hand bewegt werden, wie es für den Daumen des zivilisierten Menschen charakteristisch ist. Alle bei den Daumen der Eingeborenen festgestellten Besonderheiten sind bei den höheren Menschenaffen zu finden, insbesondere bei Schimpansen und Gorillas.

Australische Ureinwohnerin
Aborigine, vor 1911 (Quelle: www.zeno.org, Zenodot Verlagsges. mbH)

Aborigines der Cape Dombey People, ca. 1905.

Die Füße der Eingeborenen sind fast ebenso beschaffen wie ihre Hände. Sie sind auch an der Innenseite leicht nach oben gedreht, so dass sich die kleinen Menschen nicht mit der gleichen Leichtigkeit bewegen wie die Weißen, deren Füße gleichmäßig auf den Boden treffen, sie vermögen dennoch sehr gut zu laufen. Ihre Füße besitzen dieselbe Greifkraft wie ihre Hände, und sie benutzten eines wie das andere mit derselben Leichtigkeit zum Klettern auf Bäume und zum Ergreifen von Gegenständen. Der Daumen des Affen ist natürlich eine bemerkenswerte Tatsache, die auf seine enge Beziehung zum Menschen hinweist, aber seine mangelnde Entwicklung zeigt die ungeheure Kluft, die ihn noch von der menschlichen Familie trennt.

Noch „primitiver“ als die Aborigines

Der Klaatsch-Affenmensch besitzt einen völlig affenähnlichen Daumen und ebensolchen großen Zeh, ist aber sonst in jeder anderen Hinsicht von der Gestalt eines Menschen, er verfügt deshalb wohl gleichermaßen über die Merkmale eines Affen und die eines Menschen. Im Allgemeinen sind diese wilden Männer sehr affenähnlich. Sie haben kaum eine Stirn und große vorspringende Wülste über den Augen. Sie sind prognathisch, haben also ein vorspringendes Kinn. Ihre Nasen sind an der Brücke fast flach und am anderen Ende sehr breit, die Nasenlöcher sind groß und öffnen sich nach vorne. Sie kennen keine richtig artikulierte Sprache und sich durch Schreie und Heulen verständlich, die den Lauten von Affen und anderen Tieren ähneln.

Ihre Kinder sind mit einem weichen Fell bedeckt, das im Alter von etwa zehn Jahren ausfällt und dann durch grobes Haar ersetzt wird, das dem des Affen gleicht. Professor Klaatsch erzählt, wie einer von ihnen beim Anblick seiner Kamera in Schrecken versetzt wurde und davonlief, auf einen Gummibaum kletterte und an den Füßen hängend über die Schulter blickte, um zu sehen, was das für ein Ding war. Der neu entdeckte Affenmensch steht in der Evolution eine Stufe unterhalb des australischen Buschmanns, der als niedrigster lebender Menschentyp gilt. Letzterer besitzt viele der Merkmale, die auch der neue Affe aufweist, jedoch nicht dessen affenartige Ausbildung der Daumen und der großen Zehen. Er hat jedoch die vorspringenden Augenbrauen und Kiefer, die flache Nase und die schlanken Gliedmaßen. Bei all ihrer Erniedrigung und Wildheit haben die Inishmen doch eine bestimmte Kultur. Sie sind die Erfinder des wundervollen Bumerangs.

Bumerangs im Museum Leipzig
Eine Auswahl von Bumerangs im Völerkundemuseum Leipzig. Einige davon können zurückkehren, andere nicht.  (Foto: Frank Vincentz CC 3.0)

Luritja.Mann zeigt Attacke
Ein Luritja-Krieger demonstriert eine Attacke mit Bumerang und Schild. Nebenbei zeigt dieses Bild, dass Aboriginals (selbstverständlich) normale Hände und Füße haben. Foto von Herbert Basedow, 1920

Java-Menschen in Australien?

Ob der Buschmann ein direkter Nachkomme des Affenmenschen oder eine Kreuzung zwischen zwei Rassen ist, ist eine interessante Frage. In unserem letzten Artikel über Prof. Klaatschs erste Entdeckung, die einer Frau des fehlenden Bindeglieds, äußerten wir die Meinung, dass sie einen bedeutenden Beleg für die Richtigkeit der Theorie Darwins darstellt. Der ‚Pithecanthropus erectus‘ oder aufrechte, affenähnliche Mensch, der in Java gefunden wurde, weist in seinem Skelett sogar noch mehr affenähnliche Eigenschaften auf als die jetzt von Professor Klaatsch entdeckten lebenden Menschen; dennoch ist er mit seiner aufrechten Haltung und der Form seines Schädels dem Menschen näher als jeder lebende Affe.

Praktisch besitzen wir jetzt vier Glieder in der Evolutionskette, die die Abstammung des Menschen beweisen. Es sind dies der Menschenaffe, der ‚Pithecanthropus erectus*‘ von Dubois, der Menschenaffe von Klaatsch und der australische Buschmann. Es gibt keine unerklärliche Kluft mehr zwischen Affen und Menschen. Das missing link fehlt eigentlich nicht mehr.“


Wichtiger Nachsatz

Dem Artikel ungeachtet, sind alle australischen Ureinwohner Vertreter des Homo sapiens*, und weder primitiver, noch stehen sie Affen näher als die Europäer – und zwar weder in körperlicher noch in geistiger noch in intellektueller Hinsicht. Ganz im Gegenteil: Selbst die auf manche „primitiv“ wirkende Kultur dieser Völker ist eine ganz und gar perfekt an die Lebensumstände angepasste, hochstehende schöpferische Leistung, die nur einen anderen Weg nahm als unsere technologische Kultur. Jede Relativierung dieser Tatsachen ist Rassismus, der auf dieser Website keinen Platz hat.

Die Art und Weise aber, wie man damals über seine Mitmenschen schrieb, wirft ein Licht auf Berichte aus dieser Zeit, die von Begegnungen mit „Affenmenschen“ in Australien erzählen – dem Yahoo oder Yowie.


Literatur:

North Otago Times, 17 October 1907: An Amazing Discovery.