„The ocean is a wild and scary place“

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Seit dem 06.03. diesen Jahres ist ein Video im Web zu finden, das relativ schnell viral ging. Es lief unter dem Titel „The ocean is a wild and scary place“, etwa „Der Ozean ist ein wilder und gruseliger Ort“.

Dabei wirkt der Ort gar nicht so gruselig. Es ist ein Hafen mit flachem Wasser, das auf dem hellen Sandboden türkies schimmert. Im Hintergrund liegen einige Boote vor einer Bergkulisse.

Vor dem Start des Videos muss einiges passiert sein. Mehrere dunkle, große Tiere sind im Flachwasser zu sehen, sie scheinen mindestens ein weiteres Tier zu jagen: (Vorsicht, das Video könnte verstörend wirken)

Die Bilder, die unten zu sehen sind, sind Standbilder des Videos. Systembedingt sind sie nicht so klar, wie das Video erkennen lässt.

Was genau passiert?

Mit Sicherheit kann man folgendes sagen: Ein schwarzes Tier, etwa 2 m lang, befand sich bei Aufnahmestart am Rande einer dunklen Zone (Bild 1). Es scheint sich zu erschrecken und beschleunigt mit aufgewühltem Wasser. Das Wasser wird hinter dem Tier dunkel (Bild 2).
Kurze Zeit später prallt das Tier auf einen Wellenbrecher aus groben Bruchsteinen, wird durch den Schwung aus dem Wasser gehoben und verletzt sich offenbar schwer. Rotes Blut läuft die Schnauze herunter, aber es fällt sofort wieder ins Wasser (Bild 4). Dort beschleunigt es sofort wieder, wühlt dabei das Wasser auf und schwimmt etwas mehr als eine Körperlänge geradeaus (Bild 5). Danach bricht es im fast rechten Winkel nach rechts ab (Bild 6) und jagt durchs Flachwasser auf ein Boot zu (Bild 7).

Die Ausgangssituation: Bild 01

Der Wal beschleunigt, Bild 02, und…

… stößt gegen den Wellenbrecher. Bild 03 zeigt auch den Verfolger

Das Tier gibt immer wieder große Mengen einer braunen Flüssigkeit ab, die sich teilweise mit dem aufgewirbelten Sand mischt.

Ein zweites Tier ist nur am Anfang der Aufnahme zu sehen, ebenso ungefähr als das erste Tier gegen den Wellenbrecher prallt (Bild 3).

Wer ist beteiligt?

Erste Aussagen von Zeugen sprechen von einem Hai, der einem anderen Hai den Schwanz abgebissen hat. Die Aussage ist aus mehreren Gründen nicht haltbar:

  • Das flüchtende Tier hat nach dem ersten Kontakt mehrfach stark und schnell beschleunigen können. Ein Hai ohne Schwanz ist bestenfalls noch zu langsamen Schwimmbewegungen fähig, ein typischer Freiwasserhai wie eine Carcharhinus-Art nicht einmal dazu. Der Abbiss fällt also aus.
  • das verfolgende Tier (Tier 2, auf Bild 3) hat einen runden Kopf und ist braun. Haie haben einen dreieckigen Kopf und sind in der Regel grau. Aufgrund der Farbe und Kopfform halte ich das Tier für eine Ohrenrobbe.
  • Das verfolgte Tier (Tier 1) schlägt nicht waagerecht mit dem Schwanz, sondern senkrecht. Es handelt sich also nicht um einen Fisch, sondern um einen Wal. Hier passt die dunkle Farbe auch sehr viel besser.
  • Welcher Art gehört der Wal an? Hier muss man nach dem Ausschlussprinzip arbeiten. 2 bis 2,5 m ist für einen Wal sehr klein, aber nicht ungewöhnlich. Aufgrund der geringen Größe fallen alle Bartenwale aus.
    Es gibt eine ganze Reihe von Walen, auch schwarzen, die diese Größe erreichen bzw. durchlaufen. Der Bauch des Wales und die Unterseite der Schnauze ist heller. Ein Schnabel ist nicht zu sehen.
    Vielleicht gibt es noch weitere Identifikationsmerkmale.

Was ist mit dem ganzen Blut?

Sehr verstörend sind die ungeheure Mengen an Blut, die im Wasser erscheinen. Da stellt sich die Frage: „Wo kommt das alles her?“ Ohrenrobben haben zwar ganz ordentliche Zähne, aber die sind zum Festhalten von Fischen gebaut. Sie können aber kaum die Speckschicht eines Wals so tief perforieren, dass sie eine Hauptarterie treffen würde.

Eine Vene reicht nicht aus, denn durch den deutlich geringeren Blutdruck entlässt eine Wunde nur wenig Blut ins Wasser. Selbst eine Arterie würde nicht solche Mengen Blut ins Wasser spülen. Doch ist es überhaupt Blut?

Bild 04 zeigt, wie der Wal auf den Wellenbrecher geworfen wird. Die Nase blutet

wieder im Wasser flüchtet das Tier weiter: Bild 5

 und hinterlässt eine große Menge brauner Flüssigkeit: Bild 06

Die Farbe von Blut kann man in dem Video sehen. Bild 4 zeigt die verletzte Schnauze des kleinen Wales deutlich, hier läuft Blut herunter. Das, was das Wasser färbt, sieht anders aus. Es ist brauner, nicht so hell und kräftig gefärbt, wie das Blut an der Walschnauze. Dazu kommt, dass es offenbar willentlich von dem Wal ausgestoßen wurde: Dort, wo er erschreckt wurde und an der Stelle, wo er eine Kursänderung zeigte, ist das Wasser besonders stark mit der baunen Flüssigkeit gefärbt (Bild 6 und Bild 7).

Die Summe der Indizien führt zum Ziel

Bild 07 zeigt die weitere Flucht, mit weniger „Tinte“

Die kleinen oder Zwerg-Pottwale der Gattung Kogia sind auf einmal heiße Kandidaten. Sie „passen“ von der Größe, Farbe und der ungewöhnlichen Kopfform sehr gut zum gejagten Tier des Videos. Hinzu kommt, dass sie die Fähigkeit haben, eine braune Flüssigkeit ins Wasser abzugeben. Über diese Fähigkeit berichtete unser Autor Markus Bühler ausgiebig.
Welche der beiden Arten es ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Da der Kleine Pottwal (Kogia simus) eher in der Nähe der Küsten lebt, ist er der wahrscheinlichere Kandidat.

 

Bei der Panikreaktion stellt sich noch die Frage, wieso der Wal gegen den Wellenbrecher prallt. Üblicherweise wird behauptet, dass das Sonar des Wals im flachen Wasser nicht gut funktioniert, weil die Schallwellen zwischen Boden und Wasseroberfläche hin und her geworfen werden und so ein Vielfachecho entsteht. Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass Wale mit Vielfachechos umgehen können, sie sind schließlich Sonar-Spezialisten.

Wahrscheinlicher ist, dass ein Wal, der in einem Hafen gefangen ist, von jeder Menge Lärm geplagt wird. Bootsmotoren, glucksende Brandung an allen möglichen Gegenständen, Arbeiten im Wasser, auf Stegen und in den Booten: Das alles macht Lärm. Die normale Reaktion der Wale ist, ihre eigene Tonproduktion abzustellen, bis das vorbei ist. Möglicherweise hat der Wal einfach nur da gelegen und versucht, sich zu orientieren, bis die Robbe ihn erschreckt hat.
In so einem Fall ist der erste Reflex „Flucht“, in die er Hals über Kopf gestürzt ist.

 

Um die Ohrenrobbe zu bestimmen, braucht es Detailwissen. Das Video ist in Südafrika, genauer im Hout Bay Harbour aufgenommen. Die einzige Ohrenrobbe, die dort vorkommt, ist der Südafrikanische Seebär Arctocephalus pusillus.

 

Folglich: Ein südafrikanischer Seebär zwickt einen Kleinen Pottwal in den Schwanz. Der erschickt sich, zeigt das Wal-Äquivalent des Zusammenzuckens, prallt mit voller Kraft gegen einen Wellenbrecher, verletzt sich und flüchtet.

Nach Zeugenaussagen musste der Zwerg-Pottwal nach dieser Aktion von Mitarbeitern einer Behörde euthanasiert werden.

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