Freitagnacht-Kryptos: Der schwedische Mordwurm

In den Archiven kramte: Ulrich Magin

 

Im Jahre 1858 erschien in der von Schwetschke in Halle herausgegebenen populärwissenschaftlichen Zeitschrift „Die Natur. Zeitung zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnis und Naturanschauung für Leser aller Stände“ (Band 7, 1858) eine Serie von Karl Müller: „Naturgeschichte der mythischen Tiere.“ In deren 6. Teil, „Seeschlange und Mordwurm“, veröffentlicht in der Ausgabe vom 4. Juni 1858 rekapituliert der Autor auf den S. 177–180 die üblichen Verdächtigen, wenn es um die Seeschlange geht. Neu ist aber (auf S. 179) der Schwedische Mordwurm:

„Der Mensch sieht Alles, was er sehen will, wenn seine Phantasie einmal entzündet und auf einen ihm wunderbaren Gegenstand gerichtet ist.“

In dem folgenden Falle sahen die alten Naturforscher sogar einen Wurm, wo die neuere Wissenschaft nur ein ansteckendes Contagium kennt. Ich meine die sogenannte Höllenfurie (Furis infernalis*) oder den Mordwurm der Schweden. Es war um das Jahr 1728, als Linné auf einem Spaziergange in der Umgegend von Lund, wie er glaubte, von einem Wurme gestochen wurde, der nach seinem Biographen Stöver in Schweden nicht selten ist und jenen an den Rand des Grabes brachte.

Ikea-Schlange
Wurmförmig und aus Schweden, aber nicht tödlich: Stoff-Schlange aus dem bekannten Möbelhaus

Bremse auf Arm
Der Stich einer Bremse kann sehr schmerzhaft sein. Linné wird das gekannt haben

 

Linné selbst erzählt von ihm in der zwölften Ausgabe seines Natursystems Folgendes:

Linné selbst war Opfer des Wurmes

Der Wurm bewohne die rasenreichen Sümpfe Botniens im nördlichen Schweden, dringe wie aus der Luft gefallen oft plötzlich in den Körper der Menschen und Thiere und tödte sie nicht selten binnen einer Viertelstunde. Doch habe er ihn noch nicht getrocknet gesehen. Niemand wisse, woher er komme. Später aber gab er eine genaue Beschreibung desselben, nach welcher der Wurm einen fadenförmigen, cylindrischen und harstarken Körper besaß, während er zu beiden Seiten mit Härchen, welche in einfacher Reihe standen und an den Körper angedrückt lagen, endlich mit rückwärts gekehrten Stacheln besetzt war. Er erreichte die Länge eines Fingernagels, hatte eine ocher- oder fleischartige Färbung und besaß eine oft schwarze Spitze.

An den Gewächsen emporsteigend, bohre er sich, nachdem er vom Winde in die Luft und von da auf die nackte Haut von Menschen und Pferden getragen, in dieselbe ein und verursache anfangs einen so unbedeutenden Stich, daß derselbe nur als ein schwarzer Punkt bemerkt werde. Bald aber errege er heftiges Jucken; dasselbe gehe in die schrecklichsten aller Schmerzen über, erzeuge rothe Flecken, dann ein Geschwür und rufe endlich ein Fieber hervor, welches sich bald bis zum Wahnsinn steigere und ohne schleunige Hilfe den Betroffenen tödte. Nur durch rasches Ausziehen oder Ausschneiden des Wurmes, je nachdem derselbe sich eingefressen, und durch Betupfung der Wunde mit brenzlichem Birkenöle, geronnener Milch oder Quark sei noch Rettung möglich. Soweit der Vater der Naturgeschichte.“

Der Autor vermutet, der Biss des Mordwurms sei ein Bremsenstich gewesen.


Literatur:

Müller, Karl: „Naturgeschichte der mythischen Tiere.“ in „Die Natur. Zeitung zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnis und Naturanschauung für Leser aller Stände“ (Band 7, 1858), 6. Teil.


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