Medienmittwoch: Seltene Vögel in Deutschland 2018

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Im Herbst 2020 erschien die mittlerweile achte Ausgabe der avifaunistischen Zeitschrift Seltene Vögel in Deutschland für das Jahr 2018, herausgegeben von der „Deutschen Avifaunistischen Kommission (DAK) – Dokumentationsstelle für seltene Vogelarten“.

 

Mittelpunkt der Ausgabe ist der jährliche Seltenheitenbericht, der die für das Jahr 2018 gemeldeten Seltenheiten vorstellt. Entgegengenommen wurden für das Jahr 2018 insgesamt 505 Meldungen sowie 224 weitere Meldungen, die sich auf Beobachtungen aus früheren Jahren bezogen. Von der DAK anerkannt wurden 339 Nachweise von 69 seltenen Vogelarten und -unterarten sowie 160 zusätzliche Nachträge von teilweise inzwischen von der Meldeliste gestrichenen Arten.

 

 

Auch diesmal sind bemerkenswerte Beobachtungen mit zum Teil beeindruckenden fotografischen Belegen enthalten. Im niedrigen einstelligen Bereich von 1 bis 5 Nachweisen (seit 1977) wurden – z.T. erstmalig – beobachtet:

  • die Kleine Bergente (Aythya affinis),
  • die Pazifiktrauerente (Melanitta americana),
  • der Swinhoewellenläufer (Oceanodroma monorhis),
  • der seit 2014 die Deutsche Bucht aufsuchende Schwarzbrauenalbatros (Thalassarche melanophris),
  • der Blassspötter (Iduna pallida),
  • die Wüstengrasmücke (Sylvia nana),
  • der Östliche Hausrotschwanz (Phoenicurus ochruros phoenicuroides), sowie
  • der Grauortolan (Emberiza caesia).
Mollymauk
Ein einzelner Schwarzbrauen-Albatros kommt seit 2014 jedes Jahr in die Deutsche Bucht.

Ebenfalls interessant sind jene seltenen Arten, deren Beobachtung in Deutschland mittlerweile mit einer solchen Regelmäßigkeit erfolgt, dass sie zum 01.01.2019 von der Meldeliste der DAK gestrichen und in die Obhut der Avifaunistischen Landeskommissionen übergeben werden konnten. Dies betrifft z.B.

  • den Triel (Burhinus oedicnemus),
  • den Sichler (Plegadis falcinellus),
  • den Taigazilpzalp (Phylloscopus collybita tristis),
  • die Zitronenstelze (Motacilla citreola) und
  • die Zwergammer (Emberiza pusilla).
Triel
Der Triel wurde in den letzten Jahren in Deutschland „häufiger“ beobachtet, so dass er von der Meldeliste der DAK gestrichen wurde.

Arten von besonderem kryptozoologischen Interesse

Von besonderem kryptozoologischem Interesse sind die Arten und Nachweise der Kategorien D  Arten oder Einzelnachweise, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf Gefangenschaftsflüchtlinge oder ausgesetzte Vögel zurückgehen, bei denen ein Auftreten von Wildvögeln aber nicht auszuschließen ist und E Arten oder Einzelnachweise wahrscheinlicher oder sicherer Gefangenschaftsflüchtlinge.

Zum einen werden die zugrundeliegenden Beobachtungskriterien deutlich, die eine Zuordnung in diese Kategorien begründen. Dies ist vor allem der Nachweis einer Beringung, kann aber auch den Beobachtungsort, die Verweildauer, Vergesellschaftung oder das Verhalten (z.B. nicht vorhandenes Fluchtverhalten) umfassen.

 

Zum anderen werden in diesen Kategorien aber auch Einzelnachweise aufgeführt, bei denen eine konsequente Anwendung der Beobachtungskriterien nicht erkennbar ist und sich die Frage stellt, ob die Zuordnung lediglich aufgrund eines Unwahrscheinlichhaltens erfolgte. So z.B. im Fall einer unberingten Büffelkopfente (Bucephala albeola) im Februar/März 2018 auf dem Boisdorfer See im Rhein-Erft-Kreis, deren Herkunft aus Gefangenschaft lediglich wahrscheinlich „erschien“, oder verschiedene Beobachtungen von Hausgimpeln (Haemorhous mexicanus), bei denen es sich hierzulande „wohl stets um aus Haltungen entflohene Vögel“ handle. Bei einer Spatelente (Bucephala islandica) und einem Mönchsgeier (Aegypius monachus) erfolgte die Zuordnung in Kategorie E lediglich aufgrund früherer Entscheidungen der Deutschen Kommission „Artenliste der Vögel Deutschlands“ der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft.

 

Der Mönchsgeier ist ein riesiger, schwarzer Vogel.
Mönchsgeier können im Segelflug viele hundert Kilometer zurücklegen. Brinzola hat 2019 bewiesen, dass nicht alle Mönchsgeier in Deutschland zur Kategorie E gehören.

 

In der Kryptozoologie wird zumeist ein positiverer Ansatz verfolgt, der von weiteren Wahrscheinlichkeitsspielräumen ausgeht und auch sehr unwahrscheinliche faunistische Ereignisse in Erwägung zieht.

Spannende Einzelfallbeobachtungen

In weiteren Beiträgen der aktuellen Ausgabe werden interessante Einzelfallbeobachtungen oder Entwicklungen einzelner Arten näher betrachtet.

Der Tienschan-Laubsänger

So behandelt Jochen Dierschke das Auftreten des Tienschan-Laubsängers Phylloscopus humei in Europa, der seit seinem Erstnachweis 1957 in Italien bis Sommer 2019 661 mal in 27 europäischen Staaten beobachtet oder gefangen wurde. Neben einer Zunahme seit den 1990er Jahren, die auf eine verbesserte Kenntnis der Beobachtungsmerkmale sowie erhöhter Beobachtungsaktivität zurückzuführen ist, macht Dierschke aber auch ein tatsächlich höheres Auftreten aus. Die zeitliche Verteilung der Beobachtungen in den verschiedenen Regionen Europas zeigt die Zugdynamik des Tienschan-Laubsängers in Europa auf.

Der Italiensperling – kontrovers diskutiert

Martin Gottschling et al. behandeln ausführlich den bemerkenswerten deutschen Erstnachweis eines Italiensperlings (Passer italiae) in Güstrow, Kreis Rostock, im Juni 2018. Dieser Fall einer Art, die nur ein geringes Wanderverhalten zeigt, wird von der Kommission „Artenliste der Vögel Deutschlands“ der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft nicht als Wildvogel eingeordnet, obwohl Gottschling et al. überzeugende Argumente für ein natürliches Auftreten darlegen, nicht zuletzt durch eine genetische Analyse abgesichert.
Der Beitrag sowie der anschließende Kommentar der widersprechenden Kommission „Artenliste der Vögel Deutschlands“ der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft zeigt eine lebendige Kontroverse und sachliche Auseinandersetzung um eine Einzelbeobachtung, wie sie auch in der Kryptozoologie begegnen kann.

Der Swinhoewellenläufer

Faszinierend und weniger kontrovers diskutiert ist der Erstnachweis eines Swinhoewellenläufers (Oceanodroma monorhis) am 03. Oktober 2018 in der Deutschen Bucht vor Wangerooge. Till Jonas Linke et al. zeichnen die spannende Identifizierung des vollständig dunklen Wellenläufers u.a. anhand zweier Smartphone-Videosequenzen nach. Unter Hinzuziehung international renommierter Seevogelexperten und einer Analyse der äußeren Erscheinung und des Flugverhaltens des Vogels war eine zweifelsfreie Bestimmung möglich.
Mit dem Erstnachweis dieses im westlichen Nordpazifik brütenden Vogels erhöht sich die Artenzahl der „Liste der Vögel Deutschlands“ auf 528.

Für die Kryptozoologie ist der Fall des Swinhoewellenläufers vor Wangerooge ein lehrreiches Stück, da hier nicht ein Belegexemplar für die Bestimmung notwendig war, sondern lediglich eine Distanzbeobachtung mit wenigen Minuten Videodokumentation.

 

Auch die achte Ausgabe der Seltenen Vögel in Deutschland zeigt die spannende Dynamik im Forschungsfeld der Avifaunistik auf. Für kryptozoologisch interessierte Leserinnen und Leser ist an vielen Stellen die nachgezeichnete Methodik von Bedeutung, die sich zweifellos auf einzelne kryptozoologische Fallstudien übertragen ließe.


Seltene Vögel in Deutschland 2018

Herausgegeben von der Deutschen Avifaunistischen Kommission (DAK) – Dokumentationsstelle für seltene Vogelarten.

 

Erschienen im Eigenverlag des Dachverbands Deutscher Avifaunisten e.V.

 

ISSN 2195-2620

 

76 Seiten

 

€ 9,80 zzgl. Versandkosten

 

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