Ein „Kraken“ der Trias?

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Ein Riesenkrake auf der Jagd nach Fischsauriern?

Bereits altnordische Sagas berichten von einem Kraken, so groß wie eine Insel. Über Jahrhunderte gehörte das Schiffe versenkende Ungetüm zur Folklore der Seeleute und fand auch in die frühe Zoologie Eingang. Mit Werken wie Jules Vernes 20.000 Meilen unter dem Meer, H. P. Lovecrafts Ruf des Cthulhu und dem zweiten Teil der Fluch der Karibik-Saga drückte es auch der modernen Phantastik seine Saugnäpfe auf.

Moderne Groß-Cephalopoden

Erst in jüngerer Vergangenheit konnten Wissenschaftler mit dem Riesenkalmar Architeuthis dux und dem Koloss-Kalmar Mesonychoteuthis hamiltoni die Existenz gewaltiger Kopffüßer zoologisch verifizieren. Doch erreichen diese mit einer Mantellänge von über zwei (Riesenkalmar) bzw. vier Metern (Koloss-Kalmar) nicht annähernd die Ausmaße der mythologischen Ungeheuer. Anstatt mit ihren langen Fangarmen Schiffe in die Tiefe herabzureißen, dienen sie in den dunklen Abgründen der Ozeane Pottwalen zur Nahrung. Doch könnte es sein, dass in ferner Vorzeit eine Art von weit größeren Cephalopoden existierte? Eine Art, die in den Meeren des frühen Mesozoikums Jagd auf Meeresreptilien so groß wie Wale machten?

 

Ein Mann liegt neben einem toten Riesenkalmar an einem schwarzen Strand
Schon fast surrealistisch: Ein Mann liegt auf einem schwarzen Strand neben einem weißen Riesenkalmar, der mehr als doppelt so groß ist, wie er. Foto: Aplin-Brüder

 

Mark McMenamin’s verstörende Thesen

2011 verstörte der US-amerikanische Paläontologe Mark McMenamin auf der Jahresversammlung der Geological Society of America in Minneapolis seine Standesgenossen mit einer auf den ersten Blick unglaublichen Theorie: Im Trias-Zeitalter (ca. 252 – 201 Mio. Jahre v. u. Z.) habe es eine Art Riesenkraken gegeben, dem die größten bisher bekannten Raubtiere jener Zeit zur Nahrung gereichten und dessen Intelligenz noch dazu bei weitem die jedes anderen Kopffüßers übersteige.

Fachmann für Vendobionten mit ungewöhnlichen Ansichten

Mark McMenamin ist Professor für Geologie am Mount Holyoke College in South Hardley (Massachusetts). Sein wichtigster Forschungsschwerpunkt gilt den wirbellosen Tieren des Präkambriums und Kambriums, unter denen er mehrere Arten beschrieb, sowie insbesondere der rätselhaften Ediacara-Fauna. Diese deutete er als Vendobionten ohne verwandtschaftliche Beziehung zu späteren Taxa, die in einem friedlichen „Garten“ von im Wasser gelösten Nährstoffen lebten.

Bereits in der Vergangenheit machte McMenamin immer wieder durch unkonventionelle Theorien von sich reden: So interpretierte er das frühkambrische Paleodictyon als Nest eines unbekannten Tieres und damit frühesten bekannten Beleg für Brutpflege im Tierreich. In einer Rezension des kreationistischen Dokumentarfilms Darwin’s Dilemma von Stephen Meyer unterstützte er die These, die „Kambrische Explosion“ sei nicht im Rahmen gradueller Evolution zu erklären, und sprach von der Evolution als „Darwin’s defunct, socially corrosive theory“.[1] Abseits der Paläontologie spekulierte McMenamin zudem über eine Entdeckung Amerikas durch karthagische Seefahrer um 350 v.u.Z..

Kampf mit dem Riesenkalmar
So stellte sich der Illustrator von Jules Vernes Roman den Kampf mit dem Riesenkalmar vor

Riesenkraken in der Trias?

Die These eines triassischen Riesenkraken veröffentlichte er erstmalig mit dem Abstract seines Vortrages 2011, dessen Inhalt überwiegend unkritisch von zahlreichen Medien aufgegriffen wurde. Seine Argumentation wiederholte McMenamin in einem späteren Artikel[2], weitere mutmaßliche Belege für seine These präsentierte er in einem Vortrag und Abstract 2013[3]. Die Thesen wurden somit zwar einem Fachpublikum präsentiert, jedoch nie in einem peer-reviewten Journal der Kritik unterzogen. Eine eingehendere Ausführung erfuhr die „Triassic Kraken hypothesis“ schließlich in dem Kapitel Deep Bones seiner Monographie Dynamic Paleontology von 2016.
Das Abstract von 2011 fasst die zentralen Punkte der Theorie zusammen:

 

 

 

Aus: Deep Bones in „Dynamic Paleontology“ (2016):

The Luning Formation at Berlin-Ichthyosaur State Park, Nevada, hosts a puzzling assemblage of at least 9 huge (≤14 m) juxtaposed ichthyosaurs (Shonisaurus popularis). Shonisaurs were cephalopod-eating predators comparable to sperm whales (Physeter). Hypotheses presented to explain the apparent mass mortality at the site have included: tidal flat stranding, sudden burial by slope failure, and phytotoxin poisoning. Citing the wackestone matrix, J. A. Holger [1992] argued convincingly for a deeper water setting, but her phytotoxicity hypothesis cannot explain how so many came to rest at virtually the same spot. Skeletal articulation indicates that animals were deposited on the sea floor shortly after death.

Currents or other factors placed them in a north-south orientation. Adjacent skeletons display different taphonomic histories and degrees of disarticulation, ruling out catastrophic mass death, but allowing a scenario in which dead ichthyosaurs were sequentially transported to a sea floor midden.
We hypothesize that the shonisaurs were killed and carried to the site by an enormous Triassic cephalopod, a “kraken,” with estimated length of approximately 30 m, twice that of the modern Colossal Squid Mesonychoteuthis. In this scenario, shonisaurs were ambushed by a Triassic kraken, drowned, and dumped on a midden like that of a modern octopus. Where vertebrae in the assemblage are disarticulated, disks are arranged in curious linear patterns with almost geometric regularity. Close fitting due to spinal ligament contraction is disproved by the juxtaposition of different-sized vertebrae from different parts of the vertebral column.

Our proposed triassic Kraken could have been the most intelligent invertebrate ever

The proposed Triassic kraken, which could have been the most intelligent invertebrate ever, arranged the vertebral discs in biserial patterns, with individual pieces nesting in a fitted fashion as if they were part of a puzzle. The arranged vertebrae resemble the pattern of sucker discs on a cephalopod tentacle, with each amphicoelous vertebra strongly resembling a coleoid sucker. Thus the tessellated vertebral disc pavement may represent the earliest known self-portrait. The submarine contest between cephalopods and seagoing tetrapods has a long history. A Triassic kraken would have posed a deadly risk for shonisaurs as they dove in pursuit of their smaller cephalopod prey.[4]

 

Shonisaurus popularis
Shonisaurus popularis in einer Montage einer Zeichnung von Dimitrij Bogdanov

oder in der deutschen Übersetzung:

 

Die Luning-Formation im Berlin-Ichthyosaur State Park, Nevada, birgt eine rätselhafte Ansammlung von mindestens 9 großen (14 m), nebeneinanderliegenden Ichthyosauriern (Shonisaurus popularis). Shonisaurier waren tintenfischfressende Raubtiere vergleichbar mit Pottwalen (Physeter).

 

Hypothesen, um den offensichtlichen Massentod an der Stelle zu erklären, beinhalteten:
Strandung im Watt, plötzliches Begräbnis durch Hangabbruch und Phytotoxin-Vergiftung. Bezogen auf die Wackestone-Matrix argumentierte J. A. Holger [1992] überzeugend für ein Tiefwasserumfeld, doch ihre Phytotoxin-Hypothese kann nicht erklären, wie so viele an nahezu demselben Punkt zur Ruhe kamen. Die Skelettartikulation indiziert, dass die Tiere kurz nach dem Tod auf dem Meeresboden deponiert wurden. Strömungen oder andere Faktoren platzierten sie in einer Nord-Süd-Ausrichtung. Benachbarte Skelette zeigen andere taphonomische Hintergründe und Grade von Disartikulation, was katastrophalen Massentod ausschließt, aber ein Szenario erlaubt, in dem tote Ichthyosaurier nacheinander zu einer Halde auf dem Meeresgrund transportiert wurden.

 

Wir vermuten, dass die Shonisaurier von einem gewaltigen triassischen Kopffüßer, einem „Kraken“ mit einer geschätzten Länge von ungefähr 30 m, doppelt so groß wie der moderne Koloss-Kalmar Mesonychoteuthis, getötet und zu dieser Stätte getragen wurden. In diesem Szenario wurden Shonisaurier von einem triassischen Kraken aus dem Hinterhalt angegriffen, ertränkt und auf einen Abfallhaufen wie den eines modernen Oktopus geworfen. Wo Wirbel in der Ansammlung separiert sind, sind die Scheiben in sonderbaren linearen Mustern mit fast schon geometrischer Regelmäßigkeit arrangiert. Zusammenhalt durch Kontraktion der Wirbelsäulenbänder wird durch das Nebeneinanderliegen unterschiedlich großer Wirbel aus verschiedenen Teilen der Wirbelsäule widerlegt.

Der vorgeschlagene Krake dürfte das intelligenteste wirbellose Tier gewesen sein

Der vorgeschlagene triassische Kraken, welcher der intelligenteste Wirbellose aller Zeiten gewesen sein könnte, ordnete die Wirbel in zweireihigen Mustern an, wobei einzelne Stücke in einer passenden Weise lagen, als seien sie Teil eines Puzzles. Die arrangierten Wirbel gleichen dem Muster von Saugnäpfen an einem Cephalopodententakel, jeder bikonkave Wirbel einem Tintenfischsaugnapf entsprechend. Somit könnte die mosaikartige Wirbelansammlung das früheste bekannte Selbstportrait repräsentieren. Der unterseeische Wettkampf zwischen Cephalopoden und meeresbewohnenden Tetrapoden hat eine lange Geschichte. Ein triassischer Kraken hätte eine tödliche Gefahr für Shonisaurier dargestellt, die zur Jagd auf ihre Beute kleinere Kopffüßer abtauchten.

(Übersetzung: Autor)

 

 

Shonisaurus-Fossil
Shonisaurus-Fossil im Berlin Ichthyosaur State Park. Die roten Pfeile markieren die vorgeblich seltsame Lage der Wirbelkörper

Wie kamen die Shonisaurier zusammen?

Die Beweisführung gründete sich zunächst auf ein, später zwei Fossilfunde in der Luning-Formation des Berlin-Ichthyosaur State Park in Nevada. Anfang der 1950-er Jahre fand man hier insgesamt neun Exemplaren des bis zu 14 m langen Ichthyosauriers Shonisaurus popularis. Dies warf bereits damals die Frage nach der Ursache für solch eine Ansammlung auf. Der Finder Charles L. Camp erklärte dies mit einer massenhaften Strandung. Seine Hypothese konnte durch neuere Forschungen widerlegt werden. Die Fossilien wurden nicht in Küsten-, sondern vielmehr in Tiefseeboden gefunden.[5] Eine andere alternative Idee geht von einer Vergiftung der Tiere durch eine Algenblüte aus. Sie ist eine bekannte Todesursache für Meereswirbeltiere, auch wenn dies im vorliegenden Fall ohne konkreten Beleg bleibt. Dagegen spreche jedoch neben der Betroffenheit nur einer einzigen Spezies die enge Anhäufung im tiefen Wasser. Bei einer Vergiftung in oberen Wasserschichten erscheint sie unwahrscheinlich. Solcherart verendete Wale tendieren vielmehr zu einer weiteren Verstreuung.[6]

McMenamin führt den Tod der großen Ichthyosaurier stattdessen auf einen noch größeren Beutegreifer zurück, genauer einen Cephalopoden. Grund für diese Annahme ist die Anordnung von Wirbelknochen des Shonisaurus-Exemplars U. Sie seien schwerlich auf natürliche Prozesse zurückzuführen und zeugten vielmehr vom Spielverhalten eines großen Kopffüßers.

Ein künstliches Arrangement?

Gemeiner Oktopus
Ein gemeiner Krake, Octopus communis. Rund um die Verstecke von Kraken sammeln sich oft Speisereste an.

Bei modernen Oktopoden ist belegt, dass sie Haie töten und bei deren Zerfleischung mit dem Schnabel die „abgenagte“ Wirbelsäule übrig zu lassen. Auch für teils komplexe Arrangements von Objekten wie etwa den Überresten von Muscheln und Krabben gebe es dokumentierte Beispiele.[7] Nach McMenamins Berechnungen tendiere die Wahrscheinlichkeit einer zufälligen Entstehung des Wirbelmusters bei Exemplar U durch natürliche Strömungen gegen Null, da es sich bei der beobachteten Formation um eine „hydrodynamisch instabile Anordnung“ handle, die durch jede ausreichend starke Strömung, die in der Lage ist, einen einzigen Wirbelknochen zu bewegen, mit statistischer Sicherheit auch wieder zerstört werden würde.[8] Wenn folglich Strömungen vorlagen, die die Formation hätten erzeugen können, so hätten sie diese auch zwangläufig wieder auseinandergetrieben.

Mehr noch, spekulierte McMenamin, erinnere die Komposition aus zwei parallelen Reihen der runden Wirbelknochen an die Anordnung der Saugnäpfe am Arm eines Oktopus. Als Erzeugnis eines erstaunlich intelligenten Tieres sei sie also möglicherweise das älteste „Selbstportrait“ eines Lebewesens überhaupt.

Die zunächst angenommene Größe des Tintenfisches von 30 m wurde von MacMenamin später relativiert. Den Aussagen in Dynamic Paleontology zufolge könne es sich auch um einen Kraken von etwa derselben Größe seines Opfers (d. h. ca. 14 m) gehandelt haben.[9] Der Vergleich mit dem Koloss-Kalmar im Abstract legt hierbei nahe, dass mit der Größe nicht die aussagekräftige Mantellänge, sondern die Gesamtlänge einschließlich Fangarmen und Tentakeln gemeint war.

Tuschezeichnung einer Seeschlange im Vordergrund und eines alten Segelschiffes im Hintergrund
HMS Daedalus und ihre Begegnung mit der „Seeschlange“, möglicherweise einem Arm eines Architeuthis

Ein weiterer Shonisaurier scheint die Hypothese zu bestätigen

2013 wurde MacMenamin vom Ausstellungsmanager des Nevada State Museums Thomas Dyer auf ein weiteres Fossil eines Shonisaurus aufmerksam gemacht. Es wurde Jahre zuvor im exakten Zustand seiner Auffindung in einer Ausstellung gezeigt.[10] Anhand von Fotos rekonstruierte McMenamin die Lage des Skelettes, die die Riesenkraken-Hypothese zu bestätigen schien:
Wie beim Exemplar U lag auch hier eine Gruppe Wirbel in zwei parallelen Reihen deutlich entfernt vom übrigen Skelett. Dreieckige Einschnitte an den Wirbeln könnten vom Schnabel eines Tintenfisches herrühren. Seitlich des Brustkorbes ist zudem eine auffällige Häufung kleiner, stark fragmentierter Knochenstücke zu erkennen. Bei dieser könne es sich um bewusst angeordnete Nahrungsreste eines Tintenfisches handeln, wie man sie von Muschelhaufen kennt. Die Rippen des Tieres weisen auf beiden Seiten Brüche auf. Wegen ihrer Symmetrie seien sie nicht auf punktuelle Zusammenstöße zwischen Ichthyosauriern zurückzuführen.[11]

In seinem zweiten Vortrag (in der Monographie fehlt die Erwähnung) verweist McMenamin zudem auf ein weiteres im Berlin-Ichthyosaur State Park gefundenes Fossil. Er interpretiert es als versteinerten Schnabel eines großen Tintenfisches. Zum Vergleich wurde auf den Schnabel eines modernen Humboldt-Kalmars zurückgegriffen. Auch die mutmaßlichen Bissspuren sollen an vergleichbare moderne Bissspuren erinnern.[12]

Fundsituation
Plan des Shonisaurus-Skeletts in einer Ausstellung des Nevada State Museums, zeichnerische Rekonstruktion anhand von Fotos der Ausstellung (McMenamin 2016, 148

McMenamins Argumente

Zusammengefasst sprechen nach McMenamin folgende Argumente für die Hypothese eines triassischen Riesenkraken:

  • der gehäufte Tod von Shonisauriern (aber keiner anderen Lebewesen) an einem Ort, der nicht durch andere Prozesse zu erklären sei
  • die Anordnung der Wirbel bei zwei Shonisauriern, die nicht durch bloße Strömungen entstanden sein könne und auf intentionale Deponierung hindeute
  • mutmaßliche Bissspuren an den Wirbeln
  • gebrochenen Rippen und neben dem Körper aufgehäufte Knochenfragmente bei dem zweiten Shonisaurus-Skelett
  • das mutmaßliche Fossil eines Tintenfischschnabels aus derselben Formation

Zu trennen ist die Zurückführung der Befunde auf einen prähistorischen Cephalopoden wiederum von der gewagteren Interpretation der Wirbel als Abbild von dessen Saugnäpfen.[13]

Die wissenschaftliche Community reagiert skeptisch

In der wissenschaftlichen Community stieß die „Triassic Kraken hypothesis“ jedoch weithin auf Skepsis. So widmete der bekannte Paläontologe und Skeptiker Donald Prothero dem Thema zwei Online-Artikel. Er bewertete McMenamins Hypothese als „eindeutig absurd und unwissenschaftlich“ (nebst zahlreichen ähnlichen Ausdrücken), insbesondere vor dem Hintergrund von dessen zahlreichen anderen unglaubwürdigen Theorien und kreationistischen Tendenzen.[14]

Es sei ein taphonomisch wohlbekanntes und gutdokumentiertes Phänomen bei Wirbeltieren, dass die einzelnen Wirbel nach dem Verwesen der sie zusammenhaltenden Bänder in einer Reihe niederfallen. Vergleichbare Wirbelanordnungen seien allgemein und auch von europäischen Ichthyosauriern gut bekannt. McMenamin, der kein Wirbeltierpaläontologe ist, fehle schlichtweg die Kompetenz in diesem Thema.[15] Diese natürliche Erklärung für die Wirbelanordnung betont auch der Paläontologe David Fastovsky in einem Interview für LiveScience. Ihm zufolge sei das von McMenamin angewandte Rechenverfahren für Meeresströmungen vollkommen ungeeignet, die Bewegungen schwerer Wirbelknochen auf dem Meeresgrund zuverlässig zu simulieren.[16]

 Stenopterygius quadriscissus
Stenopterygius quadriscissus im Urweltmuseum Hauff, Holzmaden. Mit 6 m auch kein kleines Tier

 

Moderne Riesenkalmare eher Gejagte als Jäger

Beide Forscher weisen außerdem darauf hin, dass bekannte Riesenkalmare nicht Jäger, sondern vielmehr Beute von großen Meereswirbeltieren wie Pottwalen seien. Das dürfte auch für den Shonisaurus mit einer vergleichbaren Größe und Lebensweise wie dem modernen Pottwal gegolten haben.

Weiterhin erklärt Prothero, dass die bekannten Nahrungsrest-Arrangements von Tintenfischen eben keine „künstlerische“ Dimension hätten. Sie seien somit nicht mit dem postulierten Szenario zu vergleichen. Auch den mutmaßlichen fossilen Schnabel hält er für unglaubwürdig. Das mangelhafte Foto sehe nicht wirklich nach einem Tintenfischschnabel aus. Tintenfischschnäbel versteinern aufgrund ihres Aufbaus aus Chitin ohnehin nur schwer. Zudem ist das Fossil ganz offensichtlich zu klein für den von McMenamin postulierten Riesenkraken.[17] Auf die Rippenbrüche und mutmaßlichen Bissspuren an den Wirbeln des zweiten Shonisaurus-Exemplars gehen die Forscher nicht ein – ebenso nicht auf die Frage nach dem Grund für die Massenansammlung von Shonisauriern an einem Ort, doch weist dieser Aspekt allein noch nicht zwangsläufig auf die Beteiligung eines Kraken hin.

Fazit

Wartete also einst ein riesiger Kopffüßer in den Meeren der Trias auf große Meeresreptilien, um diese zu ertränken und in seine Höhle herabzuziehen? Einige Aspekte an Fossilien des großen Shonisaurus popularis aus Nevada lassen sich in diese Richtung interpretieren. Ein eindeutiger Beleg für dieses hypothetische Ungeheuer, das über 200 Millionen Jahre vor den bekannten Sagen über Riesenkraken die Meere unsicher gemacht haben soll, ist bislang jedoch ausgeblieben. Keine eigenen Körperteile dieses „Paläo-Kryptiden“ sind uns erhalten. Die Deutung von Shonisaurus-Wirbeln als intentional deponiert ist nach Einschätzung anderer Paläontologen höchst zweifelhaft. Und auch wenn es einst noch unbekannte, mithin gewaltige Cephalopoden gegeben haben mag:  Die Deutung der Wirbelanordnung als Selbstportrait erscheint deutlich überinterpretiert. Man wünscht sich, der „intelligenteste Wirbellose aller Zeiten“ wäre bereit gewesen, uns eindeutigere Botschaften zu hinterlassen.


Literatur

Wie immer bieten wir das umfangreiche Literaturverzeichnis für diesen Artikel als pdf zum Download.

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