Special: Heute vor 88 Jahren: Das Loch Ness-Monster wird geboren

Lesedauer: etwa 12 Minuten
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Im März 1933, vor nun 88 Jahren, machte ein Ehepaar am schottischen Loch Ness eine kuriose Beobachtung, die bald die Schlagzeilen der Weltpresse füllen sollte: Sie hatten in dem See eine aufgewühlte Wassermasse gesehen. Der Lokaljournalist Alex Campbell erfuhr von dieser Beobachtung, interviewte das Paar und schrieb einen kleinen, aber aufgebauschten Artikel darüber.

Stele mit der Bezeichnung "Loch Ness", der See im Hintergrund
Loch Ness

Dieser erschien am 2. Mai 1933, S. 5 im „Inverness Courier“ (und in der assoziierten Zeitung „Northern Chronicle“ am 3. Mai, S. 5). Er gilt als der erste Artikel, der von einem Ungeheuer im Loch Ness spricht. Der Inverness Courier, Ende des 18. Jahrhunderts gegründet, war mehr als 130 Jahre lang erschienen, ohne eine Meldung über Nessie zu bringen. Campbell berichtete in recht sensationellen Worten von einer Beobachtung, die Mr. und Mrs. Mackay, Hotelbesitzer in Drumnadrochit, gemacht hatten:

„Seltsames Schauspiel auf dem Loch Ness – Was war es? –

(Von unserem Korrespondenten) Seit Generationen gilt Loch Ness als Heim eines Furcht erregend aussehenden Ungeheuers, aber, so scheint es, galt dieser ‚Wasser-Kelpie’, wie das Fabeltier genannt wird, stets als Mythos, wenn nicht gar als Scherz. Nun kommt jedoch die Nachricht, dass das Ungeheuer erneut gesichtet wurde.

Am letzten Freitag fuhr ein bekannter Geschäftsmann, der bei Inverness wohnt, mit seiner Frau (die einen Universitätsabschluss hat) mit dem Auto am Nordufer des Sees entlang, als beide verblüfft unweit von Abriachan eine gewaltige Aufwallung im Loch sahen. Dieser war nur kurz zuvor so still wie der sprichwörtliche Mühlteich gewesen. Die Frau sah die Turbulenz als erste, die ganze dreiviertel Meile vom Ufer geschah, und ihr plötzlicher Schrei, er solle anhalten, lenkte die Aufmerksamkeit ihres Gatten auf das Wasser.

 

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Der Tatzelwurm: Porträt eines Alpenphantoms

Der Tatzelwurm: Porträt eines Alpenphantoms stammt von unserem Autor Ulrich Magin und ist eines der wenigen Werke, die sich wissenschaftlich mit dem Phäniomen „Tatzelwurm“ auseinandersetzen. Anders als viele andere Werke zu dem Thema hat Magin hier wirkliche Quellen gesammelt und ausgewertet. Es ist spannend und verlässlich, und dennoch gut zu lesen.

 

Einen Auszug aus dem Werk durften wir hier publizieren.

 

Spannend, inhaltsreich, fundiert und gut zu lesen ist das Buch am 25. Juli 2020 bei Edition Raetia erschienen und hat 232 in ein Paperback eingebundene Seiten.

 

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Ein gewaltiges Tier und Wellen, die denen eines Dampfers gleichen

Dort zeigte sich das Tier, es rollte und platschte eine ganze Minute lang, und sein Körper glich dem eines Wals. Das Wasser sprudelte an ihm herunter wie ein Wasserfall, das Wasser kochte wie ein Kessel. Bald darauf verschwand das Tier in einer kochenden Masse aus Gischt. Beide Zuschauer gaben an, das ganze sei etwas unheimlich gewesen, denn sie waren sich sicher, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Seebewohner gehandelt hatte. Nicht nur aufgrund der gewaltigen Größe, das Tier sandte auch, als es endlich untertauchte, gewaltige Wellen aus, die denen eines Dampfers glichen.

Die Betrachter warteten mindestens eine halbe Stunde in der Hoffnung, das Monster (wenn es ein solches gewesen sein sollte) könnte erneut auftauchen, aber sie sahen es nicht mehr. Als sie nach der Länge des Ungeheuers befragt wurde, meinte die Dame, nach dem Zustand des Wassers in dem betroffenen Gebiet zu schätzen, sei es wohl viele Fuß lang gewesen.

Nicht der erste Bericht

Man wird sich erinnern, dass vor einigen wenigen Jahren eine Gruppe von Anglern aus Inverness berichtete, sie hätte, als sie den See in einem Ruderboot überquerte, ein unbekanntes Tier gesichtet, dessen Masse, Bewegungen und die Menge von Wasser, die es verdrängte, darauf hindeuteten, dass es entweder ein sehr großer Seehund war, ein Tümmler, oder gar das Monster selbst! Aber damals erregte die Geschichte, als sie in der Presse erschien, kaum Aufmerksamkeit. Im Gegenteil, die meisten Leute, die sich dazu äußerten, taten es mit der äußersten Portion Skepsis.

Es sollte noch angemerkt werden, dass, so weit man weiß, weder Seehunde noch Tümmler je im Loch Ness gesehen worden sind. Im Falle der letzteren wäre dies auch völlig unmöglich, und, was Seehunde angeht, so sind sie wohl in seltenen Fällen im Fluss Ness beobachtet worden, aber ihre Anwesenheit im Loch Ness wurde nie eindeutig bewiesen.“

Nichts wird so heiß gegessen …

Der Artikel von Campbell erschafft also, obwohl zuvor nichts Ungewöhnliches gesehen worden war, Vorläufer und eine Tradition für die aktuelle Sichtung – die im Übrigen so außergewöhnlich gar nicht war. Die Mackays gaben zum 50. Jahrestag des Artikels auf Befragung des Senders BBC (3. April 1983) an, Frau Mackay habe zuerst geglaubt, „die Wasserturbulenzen stammten von zwei miteinander kämpfenden Enten. Ihr Ehemann, der mit dem Auto entlang der Uferstraße fuhr, habe angehalten und lediglich bewegtes Wasser und Wellen gesehen, die ans Ufer schwappten.“ Auch habe sich Campbell im Datum geirrt, die Sichtung sei im März, nicht im April 1933 erfolgt.

das letzte Licht über einem See unter tief hängenden Wolken
Bleierne Stimmung beim Sonnenuntergang im Herbst über Loch Ness.

Der Originalbericht der Mackays klingt also wesentlich nüchterner als Campbells aufgebauschte Version. Wie reagierten nun die Seeanrainer auf Campbells Versuch, über ein Ungeheuer im Loch Ness zu schreiben?

Springende Lachse, aber kein Monster

Schon am 12. Mai brachte der „Inverness Courier“ (S. 5) einen Leserbrief von Captain John Macdonald, der 50 Jahre lang die Aufsicht über alle Linien- und Touristendampfer im Loch Ness innegehabt hatte. Macdonald war der Ansicht, das Ehepaar hätte wahrscheinlich „springende Lachse“ gesehen, die – wie er aus eigener Anschauung wisse – für ziemliche Turbulenzen im sonst ruhigen Loch führen konnten. Und er fügte an: „Außerdem höre ich zum ersten Mal, dass – wie ihr Korrespondent schreibt – der Loch Ness ‚seit Generationen … als Heim eines Furcht erregend aussehenden Ungeheuers gilt.’ Ich habe 50 Jahre lang den Loch Ness befahren, und in all dieser Zeit nicht weniger als 20.000 Fahrten den See hoch und zurück gemacht. In diesem halben Jahrhundert, in dem ich fast täglich auf dem Loch Ness war, habe ich nie so ein ‚Monster’ gesehen, wie Ihr Korrespondent es beschreibt.“

 

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Das Monster von Loch Ness: Neue Spuren

Schottische Sagenwelt trifft auf Wissenschaft des 21. Jahrhunderts: Anhand von Wasserproben aus Loch Ness will Professor Neil Gemmell Hinweise auf eine mögliche Existenz von Seeungeheuer „Nessie“ finden. Gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe der University of Otago in Neuseeland extrahiert der Evolutionsbiologe feinste Spuren genetischen Materials aus den Proben.
Aber der Mythos um das Monster von Loch Ness wird dadurch nicht zerstört…

 

Das Monster von Loch Ness: Neue Spuren ist eine aktuelle Doku auf technisch und wissenschaftlich neuestem Stand. Die erste Folge dauert 86 Minuten und ist seit dem 21.2.2021 verfügbar. Sie ist im Discovery-Channel bei Amazon Prime zu empfangen.

 

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… und schon folgen die klassischen Erklärungen

Erst am 23. Mai (S. 4) erschien der nächste Bericht im „Courier“. In einer nur einen Absatz langen Notiz hieß es, alle befragten Seeanrainer stimmten mit Macdonalds Ansicht überein, dass es kein Monster im See gebe. „Einige denken, es sei ein großer Otter, andere ein großer Aal, und wieder andere sind der Ansicht, dass die beobachtete Turbulenz von seismoskopischer Natur gewesen sei. Viele denken auch, dass Captain John Macdonald Recht hat.“

Seehund im Wasser, Tierpark Bochum
Seehund

So hatte es Nessie zuerst schwer, Glauben zu finden – bis im Laufe des Sommers englische Touristen in großen Scharen kamen, die den See und seine Phänomene (wie Seehunde, Otter, treibende Baumstämme und Wellen) weniger gut kannten als die Einheimischen. Sie sahen Ungeheuer, und die Presse berichtete darüber. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Nessie nicht mehr gesehen, bis die Engländerin Constance Whyte 1957 das Buch „More Than A Legend“ schrieb – das wurde ein Verkaufserfolg, der das Ungeheuer endgültig etablierte.

 

Der erfolglose erste Versuch, vom Monster zu erzählen

Allerdings: Alex Campbell erwähnte in seinem Artikel den Bericht einer Gruppe von Anglern „vor einigen wenigen Jahren“. Bereits 1930 hatte er ein kleines Stückchen Bericht über diese ungewöhnliche Beobachtung – vielleicht eines Seehundes – im Loch Ness für die Regionalzeitungen geschrieben, wohl ebenso übertrieben wie sein zweiter Versuch 1933. Und gilt der Bericht von 1933 als erste Erwähnung des Monsters, machte ich vor einigen Jahren eine erstaunliche Entdeckung!

 

Am 21. Juli 1930 jedenfalls saß der Einheimische Ian Milne mit zwei Freunden in einem Boot in der Nähe von Tor Point am Nordende des Loch Ness, als sie alle etwas Seltsames beobachteten. Er erzählte Alex Campbell davon, der Freund von ihm war.

Immer wieder Alex Campbell

Campbell beschrieb das Geschehen für die Zeitungen: „Wir hörten ein schreckliches Geräusch auf dem Wasser, und als wir uns umblickten, sahen wir in einer Entfernung von etwa 600 Metern eine große Aufregung, bei der überall Gischt flog. Dann kam der Fisch – oder was auch immer das war – auf uns zu. … Wir konnten ein Zappeln sehen, aber das war alles.“ Alexander Campbell fügte hinzu, dass dies nicht der erste Bericht über etwas Ungewöhnliches im See gewesen sei: „Vor einigen Jahren sah [ein Bewohner von Loch Ness] ein ähnliches Phänomen. (…) Er sah den Fisch – was auch immer er war – in der Mitte des Lochs kommen und erklärte anschließend, er sei dunkel und wie ein umgedrehtes Angelboot und genauso groß.“ Dass beide Zeugen fast identische Wörter verwenden, verstärkt den Verdacht, dass die tatsächlichen Wörter Campbells sind. Er beendete den Artikel mit einem Aufruf, weitere Sichtungen zu melden. (Northern Chronicle, 27. August 1930, S. 5; Inverness Courier, 29. August 1930, S. 5).

 

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Das etwas andere Nessie-Buch

Noch ein Buch über das Ungeheuer im Loch Ness? Ist über das Ungeheuer von Loch Ness nicht schon alles gesagt worden, was es zu sagen gibt? Und haben die „Gläubigen“ nicht sogar schon bestimmt, um welches Tier es sich handeln könnte: den Plesiosaurier, der seit siebzig Millionen Jahren als ausgestorben gilt?

Doch dieses Buch hat sich eine ganz andere Aufgabe gesetzt. Es will seine Leser keinesfalls von der einen oder der anderen Theorie überzeugen. Ganz im Gegenteil. Ob es „Nessie“ gibt oder nicht, ist recht nebensächlich.
Dieses Buch will nämlich ganz andere Punkte beweisen. Und diese Punkte erklären den Lesern, die mich bereits als Autorin von Büchern über Templer, Rosenkreuzer, Freimaurer und das Geheimnis von Rennes-le-Château kennen, gleichzeitig, warum ich mich dieses Themas angenommen habe – weil auch der Fall „Nessie“ etwas anders gelagert ist, als gemeinhin angenommen wird.

Wenn es „Nessie“ überhaupt gibt, dann handelt es sich nicht um ein einzigartiges Wunder. Dass sich dort, wenn schon, denn schon, nicht nur ein Einzelwesen, sondern eine ganze Population verstecken muss, ist inzwischen unbestritten. Allerdings erweitere ich diese These. Ich gehe nämlich davon aus, dass sich in allen Weltmeeren und in sehr vielen Seen ähnliche Wesen tummeln müssen.

 

Nessie – Das Ungeheuer von Loch Ness: Monster, Mythen, Mutationen zeigt einen ungewöhnlichen Ansatz der Mythenforschung auf. Das Buch ist gebunden, hat 104 Seiten und ist 2003 bei Bohmeier erschienen.

 

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Die Einheimischen kennen kein Monster …

Die Reaktion überrascht nicht: Bereits 1930 erhielt die Zeitung eine ganze Reihe von Briefen von Einheimischen, die alle darauf hinwiesen, dass Ian Milne höchstwahrscheinlich einen Seehund oder einen Otter gesehen hatte. Die Einheimischen bestritten, dass Loch Ness in irgendeiner Weise mit einem Monster verbunden war – der einzige, der daran glaubte, war Alex Campbell. Die erneut angeblich frühere Sichtung, die er 1930 erwähnt, scheint nicht in die Zeitungen gelangt zu sein.

… die US-Medien schon

Erst 2010 entdeckte ich, dass diese erste Meldung bis in mindestens zwei Zeitungen in den Vereinigten Staaten vorgedrungen war. Und dort, in örtlichen Wiedergaben der Sichtung, wird zum ersten Mal das Wort „Monster“ in Zusammenhang mit dem Loch Ness erwähnt.

langer Hals eines Plesiosauriers
Modell von Nessie als plesiosaurier-ähnlichem Reptil am Clansman Hotel. Mittlerweile sind die Einheimischen absolut davon „überzeugt“, dass es in Loch Ness ein Monster geben könnte. Und sie leben nicht schlecht davon.

Auf beide Artikel kann leider nur mit per Pay-per-View zugegriffen werden, daher habe ich den Bericht so gut wie möglich zusammengestellt [ein ? weist auf eine unsichere Lesart hin]:

„Die Menschen in der Nähe von Loch Ness in Schottland rätseln über Berichte, nach denen seit kurzem ein Monster in den See haust. Drei junge Banker aus Inverness waren in einem Boot in einer ruhigen (Nacht?) (angeln ?). Dann wallte das Wasser, als ob ein Kampf zwischen zwei großen Fischen in Gange wäre. Dann schwamm es plötzlich mit großer Geschwindigkeit auf das Boot zu, und als es ungefähr 300 Meter entfernt war, bog es nach rechts ab und verschwand mit einer sich windenden Bewegung in einer tiefen Bucht. Es erzeugte eine Welle, die ungefähr zweieinhalb Fuß hoch [75 cm] war, genug, um das Boot zu schaukeln. Ein Seewärter [das war Alex Campbells eigentlicher Beruf] sagt, dass er vor einiger Zeit ein Monster den See hinunter schwimmen sah, das einem umgedrehten Boot ähnelte.“

In Amerika geboren?

Diese Berichte erschienen im Herbst 1930: „Scotch Lake Becomes Place of Mystery“ im Hartford Courant am 12. Oktober 1930; „Weird Lake Monster Reported in Scotland. Fishermen At Loch Ness Report Being Startled By It“ am 19. Oktober 1930 in der Sun (Erscheinungsort unbekannt).

 

Vor den Schotten wussten also die Amerikaner von dem Ungeheuer. Und Berichte aus Provinzzeitungen fanden ihren Weg über den großen Teich. Wäre im 19. Jahrhundert schon über Nessie berichtet worden, wären wir nicht einmal auf die Lokalzeitungen angewiesen – irgendeine englischsprachige Zeitung hätte das aufgegriffen!

Loch Ness mit einer Nessie-Stoffpuppe
Loch Ness mit Monster, wenn auch winzig klein und freundlich

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