Stellers Bestiarium 4: Der Riesenwolf

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Mag die Identifizierung von Stellers Seeraben sich auch als unmöglich erweisen – immerhin hat sich bereits ein Kryptozoologe mit dieser Art befasst. Vom nachfolgenden Tier kann man das nicht behaupten. Dabei ist dieses (mögliche) Kryptid weitaus spektakulärer, als ein weißer Kormoran. Es soll sich nämlich um einen Wolf von außergewöhnlicher Größe handeln. Daher wird dieses Tier im Folgenden plakativ als „Stellers Riesenwolf“ bezeichnet.

 

Kamtschatka
Die Halbinsel Kamtschatka ist weitgehend unerforscht – auch heute

 

Die spärliche Faktenlage zu Stellers riesigen Wolf

Eines hat Stellers Riesenwolf jedenfalls mit seinem Seeraben gemein: Steller verliert in seinem Tagebuch nicht gerade viele Worte zu diesem Tier und beschreibt es auch sonst wohl in keiner (erhaltenen) Schrift. Dazu kommt hier, dass Steller lediglich die Spuren des Riesenwolfs zu Gesicht bekam.

 

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Buch "Er ist da" über den Wolf

Der Wolf kehrt zurück ist 2020 erschienen und noch aktueller als vor 2 Jahren. Das gebundene Buch hat 224 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Es ist auch für den Kindle erhältlich.

 

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Ende August (vermutl. am 30.08.) 1741 notierte der Naturwissenschaftler jedenfalls nach einem Landgang Folgendes:

 

 

„Außer [verschiedenen Füchsen] bemerkte ich die Spur von einem ganz unbekannten Tier, dessen im laimigten [vermutl.: lehmigen, Anm. d. Verf.] Ufer eines Insees abgedruckte Fährte einer Wolfsspur ähnlich war, aber durch den Umfang und die Größe der Klauen zu verstehen gab, dass sich ein anderes und größeres Tier, oder eine sehr große Art von Wölfen hier aufhalten musste.“

(Steller 1793)

 

 

 

Wo beobachtete Steller seinen Wolf?

Eine gewisse Herausforderung stellt die Bestimmung der Örtlichkeit dar, an der Steller die Wolfsspuren fand. Als Steller das Beringmeer erkundete, war dieses (zumindest weitgehend) unkartografiert. So benennt Steller mit Ausnahme der leicht zu identifizierenden Beringinsel keines der Eilande, auf dem er sich aufhielt.

 

Fußspur von einem Wolf im Schlamm
Spur von Wölfen im Schlamm. Foto; Mathieu S. Addison, CC 4.0 int.

 

Er erwähnt allerdings in seinem Tagebucheintrag, dass die hier erkundete Insel eine unter neun sei, die nahe beisammen liegen. Zumindest einige Tage zuvor, am 23.08.1741, befand man sich auf dem 53° nördlicher Breite.

 

 

Wenn Stellers Angaben korrekt sind, müsste die St. Peter eine der zu Alaska gehörenden Inselgruppen angesteuert haben. Die beschriebene Insel müsste, was den/die Längengrade betrifft, ungefähr auf Höhe von Unalaska Island liegen. Die übrigen Inseln des aleutischen Inselbogens liegen in Richtung Russland zu weit südlich, als dass Steller sie hätte meinen können. Einzige Ausnahme stellen die Bering- und Kupferinsel dar, wobei die St. Peter die letztere gar nicht, die erstere aber erst als vorletzt Station der Reise ansteuerte. Die weiter in Richtung Amerika gelegenen Inseln befinden sich dagegen zu weit nördlich, was auch auf das Festland von Alaska zutrifft.

 

Nach Informationen der Georg Wilhelm Steller-Gesellschaft entdeckte der Naturwissenschaftler Alaska aber auf dem 58° nördlicher Breite. Der Text geht dabei nicht darauf ein, ob sich diese Entdeckung auf das Festland von Alaska, oder eine der vorgelagerten Inseln bezieht. Die Formulierung lässt beiderlei Schlüsse zu.

 

Eine weitergehende Recherche offenbart allerdings, dass diese von der Georg Wilhelm Steller-Gesellschaft beschriebene Entdeckung Alaskas viel früher stattfand, als am 30.08.1741. Hier wird bereits der 20.07.1741 als Datum genannt.

 

Bei diesem ersten Landgang auf dem Boden Alaskas betrat Steller als wohl tatsächlich das Festland. Als er einen zweiten Landgang die Spuren des Riesenwolfs entdeckte, befand er sich dagegen wohl tatsächlich auf einer Insel. Er befand sich also bereits auf dem Rückweg von Alaska, wobei die St. Peter den aleutischen inselbogen entlangfuhr. Welche Insel aber genau gemeint war, lässt sich aus den vagen Beschreibungen Stellers nicht ermitteln.

 

 

Alaska

Grauwölfe auf den Inseln vor Alaska?

Nun gilt es, den Urheber der Fußabdrücke ausfindig zu machen. Am naheliegendsten wäre natürlich ein wortwörtlicher Riesenwolf, also ein Wolf von stark überdurchschnittlicher Größe. Es stellt sich folglich die Frage: Leben auf den vorgelagerten Inseln von Alaska Wölfe und wie groß werden sie?

Das kommt stark darauf an, welche Insel Steller nun tatsächlich besuchte. Auf der Insel Unimak ist etwa der Mackenzie-Wolf (Canis lupus occidentalis) als Unterart des (Grau)Wolfs heimisch. Diese Insel stellt wiederum einen Teil des aleutischen Inselbogens dar und liegt in relativer Nähe zum  zuvor angesprochenen Unalaska Island.

 

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Der Mackkenzie-Wolf würde einen sehr geeigneten Kandidaten darstellen. Die Unterart ist nur in Nordamerika verbreitet, sodass Steller sie noch nicht näher kennen konnte. Zugleich sind diese Tiere überdurchschnittlich große Wölfe. Es braucht also nicht zu überraschen, wenn Steller auch von der Größe ihrer Fußabdrücke beeindruckt gewesen wäre.

 

Mackenzie-Wolf
Der Mackenzie-Wolf ist eine der größten Unterarten des Wolfes.

 

Um einen wahrhaftigen Riesenwolf handelt es sich beim Mackenzie-Valley-Wolf freilich nicht. Allerdings ist dieser Name auch sehr plakativ gewählt und Steller selbst hat ihn nie verwendet. Er spekulierte lediglich, dass „eine sehr große Art von Wölfen [sich] hier aufhalten musste“. Mit dieser Einschätzung hätte er also Recht gehabt, auch wenn der Mackenzie-Valley-Wolf bloß als Unterart, nicht als Art eingestuft wird.

 

Heute lebt der Wolf jedenfalls nicht mehr auf allen aleutischen Inseln. Wie weit genau er damals verbreitet war, ist einerseits schwer zu sagen und andererseits nicht unbedingt wichtig. Wenn sich nicht auf jeder größeren Insel eine Population befand, könnte die St. Peter ja auch eine solche angesteuert haben.

 

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Alaska und Yukon“ ist 2015 im Rother Bergverlag erschienen und hat 226 großformatige Seiten, die man sich immer wieder gerne ansieht.

 

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Der Vielfraß als Alternative?

Vom Wolf abgesehen bietet Alaska kaum große Raubtiere, die geeignete Kandidaten für Stellers Riesenwolf darstellen. Zwar leben dort Bären, doch deren Tatzenabdrücke – zumal, wenn die Hinterfüße erkennbar sind – dürfte kein Naturwissenschaftler mit denen eines Wolfs verwechseln.

 

Vielfraß
Der Vielfraß ist ein sehr kräftig gebauter Marder

 

Ansonsten bleibt noch der Vielfraß als verhältnismäßig großes Raubtier übrig. Sein Verbreitungsgebiet ist ungleich größer, als das der zuvor genannten Wolfsunterart. Es erstreckt sich nicht nur über (den Norden) Nordamerikas, sondern auch die nördlichen Gebiete Europas und Asiens. Die aleutischen Inseln sind in diesem Verbreitungsgebiet enthalten, sodass die Spuren von Stellers Riesenwolf zumindest theoretisch auch von diesem Tier stammen könnten.

 

Ein sehr wahrscheinliches Szenario ist das aber nicht. Zwar haben die Spuren von Wolf und Vielfraß eine vage Ähnlichkeit zueinander. Doch es gibt einen Unterschied, der kein bloßes, leicht zu übersehendes Details ist: Die Fußabdrücke eines Vielfraßes sind fünfzehig, die des Wolfs dagegen vierzehig. Das hätte Steller auffallen müssen, da sich der Fußabdruck deutlich im lehmigen Boden abzeichnete und ihm der Vielfraß auch schon aus Russland bekannt sein musste.


Stellers Bestiarium

 

Die Einleitung erschien am 21. April 2022

 

Teil 2 befasst sich mit den bekanntesten nicht-kryptiden Arten aus Stellers Bericht und erschien am 28. April 2022

 

Teil 3 betrachtet „Stellers Seerabe“ und erschien am 12. Mai 2022

 

Dieser Teil hat „Stellers Riesenwolf“ zum Thema

 

Der nächste Teil befasst sich mit Stellers Seekuh und erscheint am Donnerstag, den 2. Juni 2022

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