Stellers Bestiarium 6: Der Seeaffe

Lesedauer: etwa 16 Minuten

Die meisten Tiere beschreibt Steller zumindest in seinem Reisetagebuch eher knapp. Selbst den später nach ihm benannten Seekühen widmet er dort nur wenige Sätze. Weniger „interessante“ Tiere listet er gar nur ohne weitere Beschreibung auf.

Desto mehr sticht ein Sichtungsbericht ins Auge, den Steller am 10.08.1741 in sein Tagebuch einpflegte. Über eineinhalb Seiten beschreibt er eine ihm gänzlich unbekannte und äußerst kurios erscheinende Kreatur, die er von seinem Schiff aus beobachten konnte.

 

Felsen im Nebel
Robben auf einem Felsen im Nebel. So etwas muss ein alltäglicher Anblick auf Stellers Seereise gewesen sein.

 

Stellers Bericht

Trotz der verhältnismäßigen Länge des Berichts kann man ihn nicht als ausschweifend bezeichnen: Im Gegenteil war Steller offensichtlich nur daran gelegen, dem Leser begreiflich zu machen, was für ein seltsames Wesen er vor sich sah.

Die Beschreibung der äußeren Gestalt dieser Kreatur, die er als Seeaffen bezeichnete, liefert einen sehr dichten Informationsgehalt. Sie wird an dieser Stelle daher als Auszug wörtlich übernommen:

 

 

„[Das Tier] war ungefähr zwei russische Ellen lang; der Kopf glich einem Hundekopf mit spitzigen, aufgerichteten Ohren. Von der Ober- und Unterlippe hingen auf beiden Seiten Bärte herab. Die Augen waren groß, der Leib war lang, ziemlich dick und rund, gegen den Schwanz allmählich abnehmend. Die Haut schien dicht mit Haaren bewachsen, welche auf dem Rücken graue, am Bauch aber eine weiß-rötliche Farbe hatten. Im Wasser aber sah das ganze Tier rot wie eine Kuh aus. Der Schwanz war in zwei Finnen gespalten, wovon die obere wie bei Hahnen doppelt so lang wie die untere war. Nichts schien mir wunderbarer, als dass weder Vorderfüße noch Flossen an derer statt zu sehen waren.“

(Steller 1793)

 

 

Laut Steller konnte man die Kreatur am ehesten mit dem Simia marina danica vergleichen, wie ihn ein Herr Gessner beschrieben hatte. Dieser Name bedeutet zu Deutsch: „Dänischer Meeraffe“.

 

 

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„Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“
Tagebuch einer arktischen Reise

Diese Chance konnte er sich nicht entgehen lassen: Im Frühjahr 1880, er war knapp 21 Jahre alt und studierte Medizin in Edinburgh, wurde Arthur Conan Doyle gefragt, ob er für sechs Monate als Schiffsarzt auf dem Walfänger Hope anheuern wollte. Er wollte – nicht ahnend, dass die Reise ins eisige Polarmeer verborgene Talente in ihm hervorbringen würde: Bald schon war Doyle weniger als Arzt gefragt denn als begnadeter Schütze, der sich unermüdlich an der Jagd auf Robben und Vögel beteiligte und mutig auf Eisschollen hinauswagte (von denen er so oft herunter und ins Wasser fiel, dass der Kapitän ihn den »großen Eistaucher« nannte).

An Bord lernte Doyle das endlose Warten auf den Wal kennen, diskutierte über Philosophie und Religion, boxte mit Schiffskameraden und begeisterte sich für eine im Gurkenglas gehaltene Meeresschnecke, die er »John Thomas« taufte – vor allem aber führte er ein Tagebuch, in dem er das Erlebte festhielt, womit er gleichzeitig das Fundament für sein späteres Schreiben legte.

 

Doyles Polartagebuch ist ein einzigartiges Dokument, verfasst in tadelloser Handschrift und ergänzt durch zauberhafte Zeichnungen von Jagdszenen, Schiffen und Meerestieren. Anschaulich und lebendig zeigt es uns jenen abenteuerlustigen und gewitzten Mann, der es später mit seinen Geschichten um Sherlock Holmes zu Weltruhm bringen sollte.

 

Heute dreimal ins Polarmeer gefallen„, der Reisebericht von Arthur Conan Doyle war 130 Jahre lang verschollen und nun erstmals auf Deutsch veröffentlicht. Das Buch ist 2015 im Mare Verlag gebunden und als Taschenbuch erschienen.

 

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Ungewöhnliches Verhalten für ein wildes Tier

Seinem Namen machte das Tier – wie auch Steller erwähnte – alle Ehre: Es schien nicht die geringste Scheu vor der Besatzung des Schiffs zu haben, in dessen Nähe es sich etwa zwei Stunden lang aufhielt. Immer wieder tauchte es unter dem Schiff hindurch, nur um plötzlich wieder aus dem Wasser zu schießen. Dazwischen richtete es sich immer wieder im Wasser auf, sodass sich etwa ein Drittel seines Körpers oberhalb der Wasseroberfläche befand.

 

spyhopping Seelöwe
Seelöwen können weit aus dem Wasser aufsteigen, wenn sie neugierig sind. Aber ein Drittel des Körpers?

 

Zwar unternahmen Matrosen den Versuch, mit einer Stange nach dem Wesen zu schlagen und es Bord zu holen, doch wich es ihnen geschickt aus. Auch schienen den Seeaffen diese Versuche keineswegs zu beunruhigen. Er ließ sich dadurch nicht etwa vertreiben, sondern entfernte sich erst nach diesen beiden Stunden scheinbar aus eigener Entscheidung heraus vom Schiff.

 

Auch in der Folgezeit soll das Wesen noch mehrmals gesichtet worden sein. Steller erwähnt aber weder, ob sich diese Sichtungen noch am selben Tag ereigneten, noch führt er sie sonst weiter aus.

 

Gessners Ausführungen

Der Herr Gessner, auf den Steller sich in seinem Reisetagebuch beruft, war ebenfalls Naturwissenschaftler. Sehr viel genauer kann man sein Betätigungsfeld auch nicht beschreiben, da der Herr 1516 geboren wurde und 1565 verstarb. Die Naturwissenschaften im heutigen Sinne waren zu seinen Lebzeiten also erst am Entstehen.

 

Gessners dänische Seeaffen
Gessners Dänischer Seeaffe glich dem Seeaffen (oben) nur begrenzt.

 

Gessner war bemüht, Lebewesen systematisch in Kategorien einzuteilen, auch wenn seine Vorgehensweise nicht den Maßgaben der heutigen Taxonomie entsprach. Im vierten Band seines auf Latein verfassten Werkes „Historia Animalum“ besprach Gessner Meereslebewesen und Seemonster. In der letzteren Kategorie beschreibt er auch den Simia marina.

 

Seine Beschreibung beginnt er mit der Behauptung, dass es selbst im Meer Affen gebe. Dies mutet heute seltsam an. Doch zu Gessners Lebzeiten waren Naturforscher überzeugt, dass zu jedem Landlebewesen analog eine aquatische Kreatur von ähnlichem Aussehen und Eigenschaften existieren musste.

 

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Illumanati: Von Göttern, Dämonen und Seekühen

Seekühe regieren im Geheimen die Welt.
Ein Dämon nistet sich als unliebsamer Mitbewohner ein.
Das Attentat auf Hitler stellt einen Zeitreisenden vor unerwartete Probleme.
Ganz abgesehen von der Bürokratie des Himmels, die den Engeln zunehmend über den Kopf wächst …
Dreizehn satirische Geschichten geleiten den Leser durch die Absurditäten menschlicher Vorstellungskraft, von den absonderlichen Hobbys der Götter bis hin zum etwas anderen Exorzismus. Die Verletzung religiöser Gefühle wird billigend in Kauf genommen.

 

Illumanati von Leif Inselmann war bisher nur für den Kindle erhältlich, die gedruckte Ausgabe wird aktuell ausgeliefert. Sie hat ungefähr 254 Seiten.

 

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Was ist Gessners Simia marina?

Unter dem Namen Simia marina fasst Gessner mehrere „Arten“ von Tieren zusammen. Jedenfalls wurden diese Tiere angeblich an völlig unterschiedlichen Orten gesichtet. Von einem Simia marina danica schreibt er nicht ausdrücklich. Es existiert allerdings ein Absatz in seinem Werk, auf den Steller sich aller Wahrscheinlichkeit nach später bezog:

 

Gessners Seeaffen Simia marina
Gessners Seeaffe, der Simia marina

 

 

„Näher an den Affen des Roten Meeres kommt der Fisch heran, dessen Abbild, das ich von I. Kentmann empfangen hatte, ich oben gezeigt habe. Der [hier beschriebene „Fisch“, nicht Kentmann, Anm. d. Verf.] wird sogar irgendwo volkstümlich Simia marina, „ein Meeraff“ genannt. So schreibt er [Kentmann, Anm. d. Verf.] selbst das Zugetragene nämlich mit dem Namen im Dänischen. Die Flossen breitet er [nun wieder der Meeraffe, Anm. d. Verf.] gleichsam fliegend aus, wie die Malerei merken lässt; und zwischen den beiden Flossen streckt er dahinter den Stachel [wohl: die Rückenflosse, Anm. Verf] aus, ganz so wie galeo centrines1.
Ein Affenmaul hat er, nicht wie beim Hai eine in der Länge gestreckte Schnauze. Die je fünf Öffnungen der Kiemen kommen zum Vorschein, von der Seite zwischen Augen und Mund hinabgestiegen. Er hat am ganzen Körper eine schilfgrüne Farbe, aber an den Flossen mehr eine schwärzliche, an den Flanken eine bleiche. Die Zähne sind breit und durchgehend. Das Übrige zeigt sich genug in der Abbildung. Weil dieser [Meeraffe] zum Skelett gemacht wurde, vermuten wir, dass unter sämtlichen Präparaten, die wir zu Gesicht bekommen könnten, nicht eines dem Meeraffen ähnliches ist.“

 

(Gessner 1558, Übers. d. Verf.)

 

 

Anmerkung zur Übersetzung

1) Eine Übersetzung für dieses Satzglied zu finden, war dem Verfasser nicht möglich. „Galeus“ bedeutet „Hai“. Das Wort steht entweder im Dativ Singular oder im Ablativ Singular (beide Male o-Deklination), einem im Deutschen nicht existenten Kasus. Dieser wird mit einer Hilfskonstruktion (meist: „,mit“, „durch“, „wegen“ etc.) übersetzt. Allerding konnte der Verfasser die Bedeutung des Wortes „centrines“ nicht ermitteln. Es handelt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um ein konsonantisch dekliniertes Nomen im Nominativ oder Akkusativ Plural. Beide Worte (d.h. „galeo“ und „centrines“) stehen in Beziehung zueinander. Vermutlich stellen die „centrines“ eine Eigenschaft des Hais oder etwas, das durch den Hai entsteht, dar. Solange aber die Bedeutung des Wortes unbekannt bleibt, ist auch das nicht völlig sicher.

Es existiert daneben noch eine zweite Möglichkeit: Im Lateinischen wird das Verb esse (zu Deutsch: „sein“) teilweise nicht geschrieben, wenn sein Vorhandensein als selbstverständlich bzw. für die Satzkonstruktion unabdingbar angenommen wird. Sollte das hier der Fall sein, könnte sich die Bedeutung wiederum ändern: Der Besitz an einer Sache (auch im übertragenen Sinne) kann im Lateinischen mit einer Satzkonstruktion beschrieben werden, die im Deutschen extrem seltsam klingt. Dabei wird die Folgende Konstruktion verwendet: Besitzer im Dativ – Besitz im Nominativ – es t/ sunt (es ist bzw. sie sind). So würde etwa „Quinto asinus est.“ mit „Quintus hat einen Esel.“,2 übersetzt werden .Auf den „galeo“ bezogen könnte das wieder bedeuten, dass der Hai irgendetwas hat: Ein Körperteil etwa, oder auch eine Eigenschaft.

 

2 Wörtlich würde das bedeuten: „(Dem) Qunitus ist ein Esel.“. „Quintus asinus est.“ bedeutet dagegen „(Der) Quintus ist ein Esel.“ Damit aber genug vom Lateinischen.

 

Vergleich und Bewertung der Beschreibungen von Gessner und Steller

Es ist nicht ohne Weiteres nachvollziehbar, warum Steller seine Sichtung ausgerechnet mit dem dänischen Meeraffen verglich. Einzig die Beschreibung des Kopfes mag vage an den Simia marina danica erinnern. Das gilt aber ebenfalls nur, wenn man nicht die durch Gessner veröffentlichte Abbildung in Betracht zieht. Hier kann weder von einem Hunde- noch von einem Affenkopf die Rede sein.

 

Was den Körper betrifft, gleichen sich der dänische und Stellers Seeaffe nicht wesentlich: Gut, den sich nach hinten hin verjüngenden Leib mag man beiden Kreaturen noch zugestehen. Stellers Seeaffe war aber ganz offensichtlich behaart, wohingegen seine Haut bei Gessner nackt zu sein scheint. Auch die Farbe(n) des Körpers stimmen nicht im Geringsten überein. Dazu kommt, dass Gessner von einem Paar Vorderflossen und einer Rückenflosse berichtet. Steller dagegen erwähnt ausdrücklich, dass keine Vorderflossen vorhanden waren und verliert auch kein Wort über eine Rückenflosse.

 

Eine Beschreibung nach dem Hörensagen

Kleinere Ungenauigkeiten könnte man freilich damit entschuldigen, dass Gessner den Simia marina danica niemals persönlich zu Gesicht bekam. Schließlich übernahm er lediglich den Bericht Kentmanns. Doch diese Abweichungen sind so gravierend, dass es sich unmöglich um dasselbe Wesen handeln kann. Das gilt jedenfalls, wenn die Beschreibung Gessners, respektive Kentmanns (oder wiederum dessen Zeugen) zutreffen sollte.

 

Anhand des Aussehens konnte Steller seinen Seeaffen also nicht mit dem Simia marina danica. identifiziert haben. Auch was die geografischen Verhältnisse betrifft, erscheint Stellers Idee vom Simia marina danica eher unwahrscheinlich:

 

Zwar gibt Gessner nicht ausdrücklich an, wo dieser Meeraffe leben soll, doch dem Namen nach müsste er wohl in einem dänisch-sprachigen Gebiet leben. Es kommt folglich fast nur das europäische Nordmeer zwischen Dänemark und Grönland in Frage. Steller befand sich zum Zeitpunkt seiner Sichtung aber im Beringmeer. Zwischen dem beiden Meeren liegt immerhin der eurasische Kontinent.

 

Theoretisch könnte es natürlich Populationen des Meeraffen in beiden Meeren geben. Davon aber automatisch auszugehen, erscheint leichtfertig.

 

Vermutlich war der Simia marina danica schlicht dasjenige Wesen, das Stellers Seeaffen am ehesten ähnelte. Miteinander identisch dürften sie aber nicht sein.

 

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Die Entdeckung Alaskas mit Kapitän Bering: Von Sibirien nach Amerika 1741 – 1742

Russland im 18.Jahrhundert: nach seiner Öffnung zum Westen unter Zar Peter dem Großen suchte es nun das „Fenster zum Osten“; Sibirien war zu erschließen, die Beziehungen zu Japan und Amerika auszubauen. Und nun stellte sich die Frage, deren Antwort schon längst vergessen war: Gibt es eine Landbrücke zwischen Asien und Amerika? Erst die zweite Expedition unter Kapitän Bering brachte den Durchbruch, den Erfolg – aber unter welchen Mühen, mit welchen Opfern…

 

Diese Ausgabe von „Die Entdeckung Alaskas mit Kapitän Bering: Von Sibirien nach Amerika 1741 – 1742“ ist 2013 bei Edition Erdmann erschienen und hat satte 372 Seiten. Es ist auch fürs Kindle erhältlich.

 

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Identifizierungsversuche

Es erscheint sehr unwahrscheinlich, dass es sich bei Stellers Seeaffen tatsächlich um eine unbeschriebene Art handelt. Eher war es ein nicht-kryptides Tier, mit dem Steller bloß nicht übermäßig vertraut war. Dies bietet natürlich Anlass zu Spekulationen.

 

Eine Zusammenfassung der am häufigsten postulierten Möglichkeiten bietet ein Artikel, der 2010 im Jahrbuch des Center for Fortean Zoology erschienen war. Dabei gibt der Autor, David Francazio diese Möglichkeiten nicht bloß wieder, sondern bewertet sie auch und fügt ihnen seine Lieblingstheorie hinzu:

Sind Gessners Meeraffen Robben?

Als erste Möglichkeit wird der Nördliche Seebär genannt. Das Hauptargument besteht neben seinem vage hundeähnlichen Kopf vor allem an der Position seiner Flossen: Diese sind weiter am Körper zurückversetzt, als bei ähnlichen Arten. Francazio hält diese Möglichkeit aber schon deswegen für unrealistisch, weil es ausgerechnet Steller war, der den Nördlichen Seebären wissenschaftlich beschrieb.

 

Stellers Seebär, Keine Ähnlichkeit mit Seeaffen
Nördlicher Seebär – obwohl sie gut über Felsen klettern, haben sie keine wirkliche Ähnlichkeit mit Seeaffen

 

Auch eine Hawaii-Mönchsrobbe schließt Francazio aus: Zwar ist dieses Tier kleiner als der Nördliche Seebär und man könnte auch das angebliche „Fell“ erklären. Die obere Hautschicht dieser Tierart flockt nämlich zu bestimmten Zeiten ab, während es zu einer Erneuerung der Haut kommt. Diese noch nicht ganz abgelöste Haut könnte Steller mit Fell verwechselt haben. Allerdings wäre die Sichtung geografisch und klimatisch unwahrscheinlich: Schließlich lebt die Hawaii-Mönchsrobbe schon ihrem Namen nach in den warmen Gewässern vor Hawaii, nicht im kalten Beringmeer.

 

Oder eine unbekannte Art?

Ebenso schnell verwirft der Mitautor des CFZ-Jahrbuchs eine Theorie des Kryptozoologen Roy Mackal. Der ging davon aus, dass es sich beim Seeaffen in Wahrheit um ein nordisches Pendant zum Seeleoparden handelte. Vor allem durch die Körperform des Seeaffen begründete er seine Annahme. Francazio hält dem entgegen, dass die Existenz eines solchen Tieres nicht erwiesen ist. Ein Kryptid durch ein anderes Kryptid zu erklären, erscheint ihm – nicht ganz zu Unrecht- zu gewagt.

 

Otter, kann man ihn als Seeaffen interpretieren?

 

Nach Francazio bleibt demnach nur eine realistische Möglichkeit: Steller muss einen Amerikanischen Flussotter mit einem unbekannten Tier verwechselt haben. Größe und Aussehen dieser Art stimmt nämlich weitaus stärker mit den Schilderungen Stellers überein. Zwar hat der Flussotter sehr wohl Vorderpfoten, doch legt er diese beim Schwimmen eng an den Körper an. So könnte sehr wohl der Eindruck entstehen, dass sie gar nicht vorhanden waren. Die Hinterbeine könnte Steller, der nur kurze Blicke darauf erhaschte, wiederum mit einer Schwanzflosse verwechselt haben.

 

Das einzige Ausschlusskriterium wäre eine zu große Entfernung vom Ufer, da der Flussotter kein Hochseetier ist. Steller selbst sprach davon, zum fraglichen Zeitpunkt schätzungsweise etwa 200 Meilen vom nächsten Ufer entfernt gewesen zu sein. Francazio hielt diese große Entfernung für eher unwahrscheinlich. Bis zum 09.08.1741 befanden sie sich nämlich sehr wohl in Küstennähe. Es sei folglich eher unwahrscheinlich, dass man sich bis zum 10.08.1741 so weit von Land entfernt hatte.

 

Wenn man diesen Argumenten folgt, erscheint der Flussotter tatsächlich als realistischer Kandidat. Jedenfalls wäre es so nicht nötig, eine Art aus dem Südpolarmeer – den Seeleoparden nämlich – völlig zu deplatzieren.

 

 

Alles nur ein sarkastischer Scherz?

Vitus Bering
Kapitän Vitus Bering. Er hatte permanent Konflikte mit Steller – oder Steller mit ihm.

Die zuvor genannte Schlussfolgerung setzt natürlich voraus, dass Stellers Sichtung des Seeaffen tatsächlich stattgefunden hat. Sicher ist das keineswegs. Bereits Gessner hatte zugegeben, seinen Meeraffen nur aus zweiter Hand zu kennen. Was, wenn Steller sich eine Geschichte zunutze machte, die er aus dritter Hand kannte?

 

Der Nutzen einer solchen Lüge ist nicht sofort offensichtlich. Der Tiefsee-Ökologe Andrew Thaler mutmaßte aber in einem Blog-Eintrag, dass Rache Stellers Motivation gewesen sein könnte. Das Ziel seiner Rache aber war demnach Niemand anderes, als Kapitän Bering!

 

Zunächst einmal kann man beinahe ausschließen, dass Steller eine bekannte Tierart derartig fehlidentifizierte. Schließlich hatte Steller etwa zwei Stunden lang Gelegenheit, den Seeaffen zu beobachten. Steller hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits mit den Säugetieren vertraut gemacht, die man für einen Seeaffen halten könnte. Auch ist Steller sonst nicht für schludrige Beobachtungen bekannt.

 

Dazu kommt, dass so auch der Name Simia marina danica endlich Sinn ergeben würde. Zwar befand man sich abseits der dänischen Hoheitsgewässer. Man hatte aber sehr wohl einen (einzigen) Dänen an Bord: Vitus Bering!

 

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Vier Entdeckungsreisen zum Polarmeer 1607 – 1611

Auf allen seinen vier bekannten Fahrten suchte Henry Hudson eine kurze Passage über das Nordmeer nach Ostasien – zu den Reichen von Zipangu (Japan) und Cathay (China). So führte ihn seine erste Reise im Jahr 1607 nach Grönland und bis Spitzbergen, ohne jedoch die vermutete Nordwestpassage zu finden. Im folgenden Jahr suchte er einen östlichen Seeweg über die Nordküste Russlands und kam bis Nowaja Semlja, wo ihn das undurchdringliche Eis zur Umkehr zwang. Im Auftrag der holländischen Vereinigte Ostindischen Kompanie erkundete er 1609 den nach ihm benannten Hudson River und ermöglichte so die Gründung von Neu-Amsterdam, das spätere New York. 1610 gelangte er auf einer weiteren Suche nach einer Nordwestpassage in die (später ebenfalls nach ihm benannte) Hudson Bay und überwinterte dort unter härtesten Bedingungen. Doch seine von den Strapazen müde Mannschaft meuterte im Sommer 1611 und ließ Hudson, seinen Sohn und weitere loyale Mannschaftsmitglieder in einem offenen Boot zurück. Sie blieben für immer verschollen.

 

Die „Vier Entdeckungsreisen zum Polarmeer 1607 – 1611“ sind 2015 bei Edition Erdmann erschienen. Das gebundene Buch hat 208 Seiten.

 

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Sind die Seeaffen Stellers letzte Rache?

Vitus Bering, Vorbild für den "Seeaffen"?
Vitus Bering. Er wird immer mit einem winzigen Bärtchen unter der Nase dargestellt. Ein Angriffspunkt für Stellers Spott?

Freilich war Bering weder Fisch noch Affe. Einen Menschen mit dem letzteren Namen zu betiteln, stellt aber eine übliche Beleidung dar. Steller hatte allen Grund dazu: Weder mit dem Kapitän, noch mit seinen Offizieren kam der Naturwissenschaftler zurecht. Besonders verärgerte ihn, dass sie Steller von Landgängen abhielten. So konnte er seiner Tätigkeit als Wissenschaftler kaum nachkommen.

 

Auch der „Bart“ des Seeaffen ähnelte wohl dem des Kapitäns. So liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei diesem vermeintlichen Kryptiden lediglich um eine Karikatur handelte.

 

Auf ein letztes Indiz nimmt Thaler nicht ausdrücklich Bezug: Geht man von einem sarkastischen Kommentar Stellers aus, ergibt endlich auch die lange Ausführung in seinem Reisetagebuch Sinn. Schließlich berichtet er hier nicht von einer Naturbeobachtung, die er sonst nur kurz erwähnte. Nein, es geht um seinen Konflikt mit dem Kapitän – und den beschreibt er im Reisetagebuch stets wortreich.

 

 


Stellers Bestiarium

 


Quellen- und Literaturverzeichnis

wie bei uns üblich bei langen Artikeln als pdf zum Download

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