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  • Die Fledersaurier – eine bizarre, kaum bekannte Dinogruppe

    Vor etwa 163 Millionen Jahren, im mittleren Jura lebte in den Wäldern des alten Chinas ein Dinosaurier, der ungewöhnlicher kaum sein konnte. Wer nach einem Riesen oder wenigstens nach einem hüfthohen Tier Ausschau hielt, hat ihn leicht übersehen: Ambopteryx longibrachium erreichte eine Kopf-Rumpf-Länge von ca. 15 cm, dazu kommt ein langer Schwanz. Vermutlich lebte er, wie sie, in den Bäumen, ernährte sich aber räuberisch.

    Ein Baumgleiter

    Weder der bezahnte Schnabel noch die Befiederung, die den ganzen Körper bedeckte, machen das Tier zu einer Sensation. Aber die verlängerten Arme, die eine fledermausartige Flughaut trugen, sind nahezu einzigartig! Anders als die meisten kleinen Therpopden hatte Ambopteryx keinen langen Schwanz. Sein Körper endete in einem kurzen, muskulösen Anhang, dem Pygostyl, aus dem vier lange Federn herausragten. Der kleine Fledersaurier war damit hervorragend ausgerüstet, um auf Bäume zu klettern und von Ast zu Ast zu gleiten. Zu einem aktiven Flug war er vermutlich nicht fähig. Er glich in seiner Lebensweise vermutlich den rezenten Gleithörnchen oder Gleitbeutlern – nur lebte er teilweise räuberisch.


    Video der Erstbeschreiber über den neu beschriebenen Fledersaurier

    Kein Pterosaurier

    Mit den hautflügeligen Pterosauriern oder Flugsauriern war der Ambopteryx nicht näher verwandt. Diese Gruppe hatte sich lange vor dem Jura von den Dinosauriern getrennt. Sie unterschieden sich von den Dinosauriern durch einen anderen Schädelbau. Ein besonders abgeleitetes Merkmal der Dinosaurier, die rückwärts orientierte Schultergelenkspfanne ist bei den Pterosauriern nicht vorhanden. Mit den bekannten Gattungen Pterosaurus, Quetzalcoatlus oder Ornithocheirus haben die Fledersaurier also nichts zu tun.

    Eine ganze Gruppe Fledersaurier

    Silhouette mit den gefundenen Knochen von Epidendrosaurus
    Epidendrosaurus-Silhouette mit den gefundenen Knochen. Das Tier hatte noch einen langen Schwanz. Man kann hier eine deutliche Entwicklung erkennen: Die Arme werden länger, die Schwänze kürzer und die Schnauze beugt sich nach unten und wird verkürzt.

    Silhouette von Epidexipteryx mit den gefundenen Knochen. By Jaime A Headden, CC 3.0
    Silhouette von Epidexipteryx mit den gefundenen Knochen. Der Schwanz ist deutlich reduziert.

    Silhouette vonYi qi mit den gefundenen Knochen. By Jaime A Headden, CC 3.0
    Silhouette von Epidexipteryx mit den gefundenen Knochen. Der Schwanz ist weiter reduziert, die Arme verlängert und das Handgelenk trägt einen Sporn als Neubildung.

    Epidendrosaurus

    Ambopteryx steht jedoch nicht alleine da. Sein ältester bekannter Verwandter ist unter dem Namen Epidendrosaurus ningchenensis bekannt. Seine wenigen Funde sind zwischen 167,7 und 150,8 Millionen Jahre alt. Interessanterweise kennt man ausschließlich Jungtiere von der Größe eines Spatzen. Er ist der Wissenschaft seit dem Jahr 2002 bekannt. Sein herausragendes Merkmal ist der verlängerte dritte Finger. Konservativ geht man davon aus, dass Epidendrosaurus hiermit in der Borke oder Grabgängen im Holz nach Insekten gesucht hat, analog zum rezenten Fingertier. Sein Schwanz war noch sehr lang.
    Umstritten ist die Gattung Scansoriopteryx, die Epidendrosaurus sehr ähnelt. Möglicherweise handelt es sich bei Scansoriopteryx heilmanni um ein etwas älteres Exemplar von Epidendrosaurus ningchenensis.

    Epidexipteryx

    Seit 2008 ist Epidexipteryx hui bekannt. Sie ist ähnlich alt wie Epidendrosaurus und verfügte ebenfalls über verlängerte dritte Finger. Ihr Schwanz war aber bereits sehr kurz und trug vier lange bandartige Federn. Epidexipteryx war etwa so groß wie eine Taube, vollständig befiedert und konnte sicher nicht fliegen. Von Epidexipteryx hui ist nur ein einziges Exemplar bekannt.

    Yi qi, der Gleiter

    Zum Gleitflug fähig war aber der kaum jüngere Yi qi. Er lebte vermutlich vor 166,1 bis 157,3 Millionen Jahren in China. Mit etwa 380 g war er ungefähr so groß wie eine Dohle. Sein Schwanz war kurz und verfügte vermutlich ebenfalls über die charakteristischen vier Bandfedern. Seine nach unten gebogene Schnauze hatte nur wenige Zähne und ähnelte sehr einem Schnabel. Ein Alleinstellungsmerkmal ist ein spornartiger Knochen des Handgelenkes, der nach hinten gerichtet ist. Vermutlich diente er als Spannelement für die Gleitflughaut des Tieres. Yi qi ist vollständig befiedert gewesen, jedoch waren die Federn einfach und pinselartig und hatten keine besondere aerodynamische Funktion. Am Unterarm waren sie bis auf 6 cm verlängert.
    Die Gleitflughaut spannte sich zwischen den Fingern und dem Knochensporn des Handgelenkes. Möglicherweise erreichte sie den Körper und sogar das Hinterbein, ist in diesem Bereich jedoch nicht fossil überliefert.

    Vermutlich sah Yi qi auf den ersten Blick einer modernen Fledermaus recht ähnlich, wenn man die bandartigen Federn des Schwanzes ignoriert. Diese waren vermutlich zur Kontrolle der Fluglage notwendig.

    Ambopteryx, der kleine Gleiter

    Die neu beschriebene Art Ambopteryx longibrachium war mit nur 15 cm Körperlänge deutlich kleiner als Yi qi. Auch sie verfügt über den Knochensporn am Handgelenk.

    Zur äußeren Systematik

    Derzeit werden die Scansoriopterygidae als Schwestergruppe der Averaptora gezählt. Diese Gruppe enthält die Dromaeosauridae, Troodontidae und die Aviale. Man geht also davon aus, dass sie weniger vogelähnlich waren, als beispielsweise Deinonychus. Insgesamt ist die Position der Fledersaurier aber nicht gut belegt. Hierzu sind zu wenige Arten mit zu wenigen Exemplaren bekannt, die auch noch unvollständig sind. Vorgängerformen fehlen bisher völlig.

    Epidexipteryx_hui_slab by Kumiko Tokyo CC 2.0
    Originalfossil von Epidexipteryx hui

    Größenvergleich der Fledersaurier By Matthey Martyniuk CC 40
    Größenvergleich der Fledersaurier
    Grün: Yi qi
    Orange: Epidexipteryx
    Rot: Epidendrosaurus

    Gleitschirm mit kleinem Bremsschirm

    Ein bisschen Zahlenschubserei

    Über die Flugfähigkeit von Yi qi und nun auch Ambopteryx longibrachium werden Paläo-Biomechaniker noch eine Weile rechnen. Für Zahlenfetischisten sei folgendes angemerkt: Als oberste Grenze der Flächenbelastung für den Vogelflug gelten (derzeit) 2,5 g/cm². Je geringer die Flächenbelastung ist, desto langsamer kann das Tier fliegen und um so mehr Reserve steht für Flugmanöver zur Verfügung.

    Um die Flächenbelastung der Flughäute bei Yi zu berechnen, setzten die Wissenschaftler drei Modelle ein:

    • Das Gleitfroschmodell, bei dem die Flughäute nur zwischen den Fingern und dem Sporn verläuft
    • Das Maniraptormodell, bei dem ein schmaler Flügel ähnlich der Vorderflügel von Maniraptor gui angenommen wurde
    • Das Fledermausmodell, bei dem die Flughaut einen breiten, fledermausartigen Flügel formte.

    Die Flächenbelastung beim Gleitfroschmodell war so hoch, dass man hier kaum von einem Gleitflug sprechen kann, es wäre eher zu einem gebremsten Absturz gekommen, vergleichbar einem Wingsuit. Das Maniraptormodell lieferte eine Flächenbelastung, die bei etwa 1,2 g/cm² lag. Das ist auf dem Niveau einer Ente – einem schnellen, aber nur begrenzt wenigen Flieger.
    Das Fledermausmodell lieferte eine Flächenbelastung von 0,6 g/cm², was einem typischen Meeresvogel entspricht – diese können stunden-, teilweise tagelange Gleitflüge absolvieren.

    3D-Renderung von Ambopteryx
    Photo credit: Min Wang, Institute of Vertebrate Paleontology and Paleoanthropology, Chinese Academy of Sciences

    Die Steuerung

    Ein weiteres Problem beim Flug ist die Lage des Schwerpunktes und des Auftriebspunktes. Der Schwerpunkt liegt bei Gleitern, die im vorderen Bereich einen durchgehenden Flügel (oder im Fall von Yi zwei gegenüberliegende Flügel) haben, vor dem Flügel.

    Die Reduktion des schweren und langen (Hebelwirkung!) Schwanzes deutet bereits auf eine Verbesserung der Gleitfähigkeit auf dem Weg von Epidendrosaurus zu Yi hin. Vermutlich hat dies aber nicht ausgereicht, um Yi eine stabile Fluglage zu ermöglichen. Hier spielen die vier bandartigen Federn eine entscheidende Rolle. Sie haben einen großen Luftwiderstand, und „ziehen“ den ganzen Körper nach hinten. Hierdurch wird er stabilisiert, vergleichbar dem kleinen Bremsfallschirm, der an älteren Gleitschirmen hängt. Analog ist hier die Funktion eines Treibankers im Wasser.


    Fledersaurier-Spekulation

    Da dies eine kryptozoologische Seite ist, kann ich ein wenig spekulieren. Yi und Ambopteryx waren vollständig befiedert, haben ein Pygostyl und waren vermutlich hervorragend gleitflugfähig. Sie traten etwa 10 Millionen Jahre vor Archaeopteryx auf, wenn auch fast am anderen Ende der Welt. Bemerkenswerterweise genau an dem Ende der Welt, an dem die ersten Pygostylier unter den Vögeln gefunden wurden.
    Bisher stellt man Archaeopteryx mehr oder weniger ins Zentrum des Saurier-Vogel-Übergangsfeldes, da er etwa zur Hälfte Merkmale beider Extreme aufweist. Jetzt taucht 10 Millionen Jahre früher ein kleiner Dinosaurier auf, der in vielen Merkmalen bereits vogelähnlicher war, jedoch auch typische -andere – Sauriermerkmale trägt…

    Wer weiß, was passiert wäre, hätten die Fledersaurier als Präadaptation bereits Konturfedern gehabt. Hätten wir heute zwei verschiedene Gruppen Dinos an den Vogelhäuschen sitzen?


    Links:

    Erstbeschreibung bei nature (paywall)

    Yahoo-Bericht mit einigen Abbildungen

     


  • Kenia: Riesiges Raubtier versteckte sich 40 Jahre im Museum

    Die reiche fossile Fauna Kenias ist um eine weitere Art reicher. Die Paläontologen Matthew Borths und Nancy Stevens von der Ohio University beschrieben die ArtSimbakubwa kutokaafrika

    aus dem frühen Miozän vor etwa 20 Millionen Jahren. Auch wenn der Name Bezug auf den Löwen („Simba“ auf Suaheli = Macht oder Löwe) nimmt, hat das neu entdeckte Tier wenig mit den heutigen Löwen gemein.

    Ein Hyaenodont

    Ein Hyaenodon steht auf einer Wiese vor Palmen und fletscht die Zähne vom Betrachter abgewandt
    Hyaenodon ist die Typusgattung der ganzen Familie, mögliches Aussehen in einem Bild von Heinrich Harder

    Schon 2013 forschte der Paläontologe Matt Borths am Nairobi National Museum in Kenia über Hyaenodonten. Diese Tiere stellen eine bis heute etwas rätselhafte Gruppe fleischfressender Säugetiere dar, die möglicherweise mit den heutigen Raubtieren und den Schuppentieren eine eigene Kladde namens Ferae bildet.
    Die meisten Hyaenodonten ähnelten modernen Hunden oder Hyänen. Sie waren als Zehen- oder Sohlengänger für schnelles Laufen angepasst, trugen oft vergleichsweise große Schädel mit langen, schmalen Schnauzen. Sie waren spezialisierte Fleischfresser. Die Backenzähne waren als Brech- und Fleischschere ausgebildet, bei ihnen lag der Schwerpunkt auf dem zweiten Backenzahn im Oberkiefer und dem dritten Backenzahn im Unterkiefer. Bei den modernen Raubtieren liegt die Schere weiter vorne, sie wird vom vierten Prämolar im Oberkiefer und dem ersten Backenzahn des Unterkiefers gebildet.

    Die ersten fossilen Hyaenodonten traten vor 61 Millionen Jahren auf. Sie waren zunächst sehr klein, so war ein in Messel gefundenes Fossil der GattungLesmesodonmit etwa 20 cm ausgewachsen. Die größten Formen, zu denen auch die neu entdeckte Art gehört, waren ziemlich sicher größer als heutige Großkatzen. Sie starben im Oligozän in Europa aus, während sie in Afrika und Asien noch bis vor etwa 11 Millionen Jahren überlebten.

    Lächelnder Mann zeigt einen Unterkieferast mit drei Zähnen, der so breit ist, wie seine Schultern
    Matth Borths zeigt den Unterkiefer des neu beschriebenen Fossils. (Duke University)

    Die Hyaenodonten waren eine sehr erfolgreiche Tiergruppe, sie besiedelten mit Nordamerika, Europa, Afrika und Asien alle über Landbrücken erreichbaren Kontinente. Hierbei bildeten sie eine Vielzahl von Arten. Die neueste Revision der Gruppe zählt beinahe 100 Gattungen in 12 Gruppen. Die interne Systematik ist jedoch noch nicht ausreichend geklärt.

    Dem breiten Publikum wurden die Hyaenodonten durch die BBC-Animationsserie „Walking with beasts – Die Erben der Saurier“ bekannt. Im dritten Teil der Serie, der im späten Oligozän der Mongolei spielt, fressen sie die Todgeburt eines riesigen Huftieres.

    Simbakubwa kutokaafrika

    Bei der Suche nach bisher nicht untersuchten Fossilien in der Sammlung des Museums traf Matt Borths auf Teile des Schädels, Unterkiefers und anderer Knochen. Sie wurden 1978 und 1980 bei einer Ausgrabung an der Fundstelle Meswa Bridge, 1,5 Kilometer nördlich von Muhoroni in Kenia gefunden. Man hatte dort ursprüngliche Affen gefunden:Proconsul meswae. Er ist einer der frühesten bekannten Vertreter der Menschenaffen.

    Schädel eines rezenten Löwen und der Unterkiefer von Simbakubwa. Der Unterkiefer ist länger als der ganze Schädel
    Schädel eines modernen Löwen (oben) aus Kenia über dem Kieferfragment von Simbakubwa. Auch wenn der Schädel des Hyaenodontiers annähernd doppelt so groß war, wie der rezente Löwe, war das Tier selber „nur“ 15 bis 25% größer. Foto: Matt Borths

    Die Knochen vonSimbakubwawurden falsch als „Hyaene (?)“ beschriftet, was bei Nicht-Zielarten von Ausgrabungen regelmäßig vorkommt. Sie zeichnen sich durch eine beeindruckende Größe aus, so ist der nicht vollständig erhaltene linke Unterkiefer-Ast länger als der Schädel eines rezenten Löwen. Auf dem Fossil sind drei Zähne erhalten geblieben: ein Eckzahn, ein Vorbackenzahn und der letzte Backenzahn. Auch im Oberkiefer sind Zähne erhalten geblieben. Aufgrund der sehr geringen Abnutzung gehen die Erstbeschreiber von einem jungen, beinahe erwachsenen Tier aus.

     

    Probleme der Rekonstruktion

    Mauricio Antons Bild von Simbakubwa
    Simbakubwa war ein mächtiger Räuber. (Grafik: Mauricio Anton)

    Die Zähne vereinfachen die Rekonstruktion des Tieres deutlich:Simbakubwa„vereint Zahninformationen, ein wenig Schädelinformationen und ein paar Skelettinformationen. So kann man einen Großteil des Materials zu vereinen, das herumschwirrt. Es hilft wirklich, diese ganze Gruppe riesiger Fleischesser zu kontextualisieren“, sagt Borths. Er bezieht sich auch auf das Problem, dass die meisten Hyaenotontier nur durch bruchstückhafte Fossilien überliefert sind.

    Die Bruchstücke von Schädel und Kiefer lassen auf einen sehr großen Kopf und damit ein spektakulär großes Tier schließen. Leider ist nicht viel des Körperskelettes überliefert. So können Borths und Stevens über die tatsächliche Größe vonSimbakubwa kutokaafrikanur sehr unsichere Schätzungen abgeben. Sie nutzen drei Methoden, um das Gesamtgewicht des Tieres anhand der vorhandenen Knochen und Zähne abzuschätzen.

    • Methode 1 (Morlo 1999) wurde zur Größen- und Gewichtsabschätzung von Hyaenodontiern des Eozäns aus Nordamerika und Mitteleuropa entwickelt. Sie bezieht sich jedoch nur auf kleine bis mittelgroße Tiere von bis zu 10 kg. Nutzt man diese Methode, erhält man ein errechnetes Endgewicht von 1308 kg.
    • Methode 2 (Friscia & Van Valkenburgh 2010) nutzt die Länge des dritten Backenzahns, um die Körpermaße abzuschätzen. Sie bezieht sich auf Katzenartige, die aber ausreichend Ähnlichkeit im Körperbau haben, so Borths und Stevens. Nutzt man diese Methode, erhält man ein errechnetes Endgewicht von 1554 kg.
    • Methode 3 stammt von Van Valkenburgh 1999 und nutzt ebenfalls die Maße des dritten Backenzahns. Sie bezieht sich ausdrücklich auf Raubtiere über 100 kg. Sie schließt in ihrer Datenbasis stärker und weniger stark spezialisierte Fleischfresser mit ein. Nutzt man diese Methode, erhält man ein errechnetes Endgewicht von 280 kg.
    Simbakubwa im Größenvergleich zu einem rezenten Mensch. Er war gewaltig - und für die damals dort lebenden Tiere
    Silhouetten von Simbakubwa und Maßstabsmensch im Vergleich. Bild: Matt Borths / Mauricio Anton.

    Schlagartig populär

    Diese Riesenmaße lassen aufhorchen. Ein Fleischfresser von über 1,5 t Gewicht und das bei einem nicht ausgewachsenen Tier! Das muss doch der reinste Höllenhund gewesen sein! Dem entsprechend reagieren auch die Sozialen Netzwerke, die Nachricht über dieses Tier wird unkritisch hin und her geschoben.

     


    Kommentar: Methoden der Rekonstruktion und wahrscheinliche Ergebnisse

    von Tobias Möser

    Hinterfragt man die Methoden genauer, so kommen schnell Zweifel an den Maßen auf. Zunächst entsteht der generelle Zweifel, ob ein landbewohnender Fleischfresser von 1500 kg überhaupt in der Lage ist, sich zu ernähren. Die größten, heute lebenden Fleischfresser auf dem Land sind die Braunbären von Kodiak und Kamtschatka. Sie erreichen in Extremfällen und mit viel Winterspeck 750 kg. Das ist gerade einmal die Hälfte der Schätzung und bezieht sich zudem auf ein Tier mit massigerem Körperbau, das sich einen Großteil der Masse als Winterspeck mit Früchten und Fisch angefressen hat.

    Vergleich des Körperbaus von Simbakubwa und Panthera leo
    Vergleich des Körperbaus von Simbakubwa und einem rezenten Löwenmännchen. Der Mensch ist im gleichen Maßstab wie Simbakubwa, der Löwe wurde auf die Schulterhöhe von Simbakubwa vergrößert. (Bild: Borths/ Anton/ Möser)

    Die nächsten Zweifel entstehen, wenn man die Silhouette der Rekonstruktion näher betrachtet. Sie erscheint nicht übermäßig massig, sondern eher gestreckt. Ich habe zum Vergleich einmal die Silhouette eines rezenten Löwen (grün) darüber gelegt und diesen auf die Größe des Hyaenodonten vergrößert.
    Simbakubwaist etwas gestrecker und seine abfallende Hüfte und ein weiter vorgestreckter Kopf fallen auf. Daher dürfte das Gewicht des Körpers etwas unter dem eines gleich langen, hypothetischen Löwen liegen. Hier kommt aber zusätzlich das Gewicht des längeren Schädels und sicherlich auch stärkerer Nackenmuskulatur hinzu.

    Zahlen bitte!

    Zur weiteren Abschätzung habe ich mich an die Schattenrisszeichnung gehalten, die dem Pressematerial zur Originalarbeit beiliegt. Sie suggeriert als ungefähre Daten eine Schulterhöhe von 1,25 m und eine Kopf-Rumpflänge von 2,60 m (so, wie gezeichnet) bzw. 2,90 m (gestreckt). Dies entspricht etwa dem größten (ausgestorbenen) amerikanischen Löwen, der je gefunden wurde. Hier sind 1,25 m Schulterhöhe und 2,60 m Kopf-Rumpflänge (gestreckt) gemessen worden. Auch ein Liger (Löwe x Tiger Hybrid) kann als Vergleich herangezogen werden. Dieser hat den Vorteil, dass er heute lebt und man ihn relativ einfach wiegen kann. Hier sind Gewichte von über 300 kg bis zu 400 kg bekannt.  Hieraus würde sich ein realistisches Gewicht fürSimbakubwavon etwa 350 kg bis 450 kg ergeben.

    Größenvergleich zwischen Simbakubwa und einem männlichen Königstiger mit einer Schulterhöhe von 0,95 m. Der Mensch ist 1,8 m groß, alle Tiere sind im gleichen Maßstab gezeichnet.

    Eine andere Möglichkeit ist, aus den gegebenen Maßen zu extrapolieren. Ein männlicher Königstiger mit 95 cm Schulterhöhe und einer KRL von 200 cm bringt etwa 180 bis 230 kg auf die Waage. Dies habe ich in der Silhouetten-Zeichnung dargestellt, Tiger in orange.
    Hier kann man einfach extrapolieren (Simbakubwaist etwa 1,45 mal so lang, 1,19 mal so hoch, die Körperbreite lässt sich nur spekulieren, ich rechne je einmal mit 1,19 und 1,45). Hieraus ergibt sich eine Spanne zwischen 370 kg und 575 kg, am wahrscheinlichsten bei ca. 470 kg.

    Ungeeignete Schätzverfahren?

    Recherchiert man ein wenig im Netz, erhält man regelmäßig Abweichungen um ein Vielfaches bei der Gewichtsschätzung von Hyaenodonten. Ich gehe davon aus, dass mindestens eine der Methoden, die angewandt werden, grob fehlerhaft ist und deswegen so starke Abweichungen zustande kommen. Von vielen Hyaenodonten ist nur wenig Material und dann hauptsächlich Schädel- und Kieferknochen überliefert. Hinzu kommt, dass Hyaenodonten ein großes Spektrum an Körpergrößen abdeckten, von Wieselgröße bis jenseits rezenter Großkatzen, teilweise sogar innerhalb derselben Gattung. Dies ist zwangsläufig mit unterschiedlichen Proportionen verbunden, die unterschiedliche Gewichtsberechnungen erfordern.
    Da ist es verlockend, deren Maße in erprobte Formeln für Katzen- oder Hundeartige einzugeben. Hyaenodonten scheinen aber im Vergleich zu diesen moderneren Räubern einen wesentlich längeren Schädel und vor allem Kieferbereich gehabt zu haben. In nahzu allen wissenschaftlichen Darstellungen werden sie als massig, aber länger als gleichhohe Katzen dargestellt.

    Dennoch: ein Tier von 2,90 m KRL und 1300 bis 1550 kg wäre gebaut wie ein kleines Flusspferd. Wie dies den Realitätscheck des Autors und das Peer Review überstanden hat, ist mir unklar.


    Links

    Die Originalarbeit:
    Matthew R. Borths & Nancy J. Stevens (2019) Simbakubwa kutokaafrika, gen. et sp. nov. (Hyainailourinae, Hyaenodonta, ‘Creodonta,’ Mammalia), a gigantic carnivore from the earliest Miocene of Kenya, Journal of Vertebrate Paleontology, DOI: 10.1080/02724634.2019.1570222

    Abstract der 1. In der Originalarbeit verwendeten Methode, um das Gewicht des Tieres zu bestimmen:

    Michael Morlo (1999) Niche structure and evolutionin creodont (Mammalia) faunas of the European and North American EoceneNiches écologiques et évolution des faunes de créodontes (Mammalia) de l’Eocène de l’Europe et de l’Amérique du Nord, Geobios, DOI: 10.1016/S0016-6995(99)80043-6

     


  • Eine zweite Zwergmenschenart – von den Philippinen

    Diese Woche ist bei den Hominiden richtig etwas los.

    Schon wieder haben Wissenschaftler eine „neue“ Menschenart beschrieben und schon wieder von einer Insel. Diesmal aber nicht aus Indonesien, sondern von den Philippinen. Die neu beschriebene Art heißt Homo luzonensis und lebte vor etwa 67.000 Jahren auf der Hauptinsel der Philippinen, Luzon.


    Lage der Höhle auf der Philippinischen Hauptinsel Luzon

    Bereits 2007 hatten Ausgräber in der nahe gelegenen Callao-Höhle einen ungewöhnlich kleinen Mittelfußknochen gefunden. Er wurde auf ein Alter von 67.000 Jahren datiert, könnte also zum modernen Menschen Homo sapiens gehören. Dies war aber anatomisch nicht möglich, denn er war nur 61 mm lang.

    Luzon ist ein Hotspot der Evolution

    Die Insel Luzon liegt isoliert im Meer, alle Lebewesen, die hier hin kamen, sind übers Meer gereist. Dem entsprechend kleine Gründerpopulationen und eine vermutlich andere Umwelt als in dem Heimartgebieten begünstigen die Entstehung neuer Arten. Hat sich der Mensch auf Luzon auch den Gegebenheiten der Insel angepasst?

    Die Callao-Höhle ist gewaltig, ihr erster Raum (von sieben begehbaren) wirkt Kathedralen ähnlich.
    Callao Cave Archaeology Project

    Die Callao-Höhle ist eine Karsthöhle im Kalkgestein des Kreises Peñablanca in der Provinz Cagayan im Norden der philippinischen Hauptinsel Luzon. Sie ist eine von 300 Karstlöchern und Höhlen im Landschaftsschutzgebiet der nördlichen Sierra Madre Mountains. Die Höhle ist relativ einfach mit dem PKW zu erreichen, so dass man den ersten Raum zu einer Schauhöhle ausgebaut hat. Dieser natürliche Dom hat einen Durchmesser von etwa 50 m und eine Höhe von 36 m. Seine Kathedralen ähnliche Aura erhält er auch durch eine Öffnung in der Höhlendecke, die einen Lichtstrahl eintreten lässt. Die einheimischen Christen nutzen die Höhle oft für ihre Gottesdienste. Neben der Callao-Höhle gibt es in unmittelbarer Nähe weitere große Höhlensysteme, die Funde versprechen.

    Eine bisher unbekannte Menschenart

    Zähne des Homo luzonensis Individuume CCH6. Von links nach rechts: Zwei Prämolare und drei Molare.
    Callao Cave Archaeology Project

    Der Fußknochen von 2007 blieb nicht lange alleine. Florent Détroit vom Naturhistorischen Museum Paris und Armand Salvador Mijares von der University of the Philippines gruben mit ihren Teams weiter in de Callao-Höhle. Sie fanden insgesamt zwölf weitere Skelettteile, darunter weitere Fußknochen, Handknochen, fünf Zähne und einen Oberschenkelknochen. Sie gehörten zu mindestens drei verschiedenen Individuen. Die neuen Funde stammten aus der selben Schicht wie der 2007 gefundene Mittelfußknochen. Leider konnten sie keine Schädelknochen oder DNA-haltiges Material bergen.

    Ähnlich dem Flores-Hobbit, aber doch nicht ähnlich genug

    Die geringe Größe der Knochen und Zähne deutet auf den „Hobbit“ hin, Homo floresiensis. Diese verzwergte Menschenart lebte etwa zeitgleich mit den Funden von Luzon auf Flores. Flores ist eine Insel in Indonesien und etwa 3000 km von den Fundorten auf Luzon entfernt.

    sehr kleiner Fußknochen
    Phalanx proximalis des Fußes von Homo luzonensis CCH4 von der Seite.
    Callao Cave Archaeology Project

    In der Erstbeschreibung stellen die Wissenschaftler die „Luzon-Hobbits“ als Homo luzonensis in die Gattung Homo, arbeiten aber gleichzeitig deutliche Unterschiede zu Homo sapiens und Homo floresiensis heraus. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass die beiden Zwergmenschen einen gemeinsamen Ursprung haben. Sie könnten beide während einer Periode niedrigen Wasserstandes vom „Sundaland“ auf ihre jeweiligen Inseln verdriftet worden sein.

    Ein Jäger

    Nach den derzeitigen Kenntnissen war Homo luzonensis mit etwa 1,2 m etwas größer als Homo floresiensis mit 0,9 bis 1,1 m Körperhöhe. Wie seine (und unsere) Cousins auf Flores war auch der Luzon-Hobbit ein Jäger. Zusammen mit den Knochen fanden die Forscher Knochen von Philippinenhirschen (Cervus mariannus), Philippinen-Pustelschweinen (Sus philippinensis) und einer nicht identifizierten, vermutlich ausgestorbenen Rinderart. Die Luzon-Hobbits hatten offenbar deutliches Geschick im Umgang mit Werkzeugen, auch wenn bisher keine gefunden wurden.

    „Die Entdeckung aus Callao (…) ist einer der ältesten, wenn nicht der älteste Fund von menschlichen Überresten im Pazifikraum.“ sagte Armand Salvador Mijares, Archäologe an der University of the Philippines.


    Kommentar: zur Einordnung

    von Tobias Möser

    Homo luzonensis ist gerade erst beschrieben worden. Die Funde sind der Wissenschaft nicht ganz neu und werden schon eine Weile diskutiert. Die Erstbeschreibung basiert nicht zwangsläufig auf einem Konsens der Paläoanthropologen und wird in Zukunft angezweifelt werden. Ähnlich war es bei Homo floresiensis, bei dem weitere Funde und Befunde in den letzten Jahren eher unterschwellig zur allgemeinen Akzeptanz führten.

    13 Knochen von drei Individuen sind sehr wenig, aber bei der Größe des Höhlensystems und zahlreicher weiterer Höhlen ist es vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis weitere Funde gelingen. Sie könnten dann viele Fragen beantworten, über die heute nur spekuliert wird, u.a. die Abstammung der Luzon-Hobbits.

    Interessant ist die Tatsache, dass hier eine zweite, verzwergte Inselart des Menschen gelebt hat. Es gibt Hinweise von Sulawesi auf eine dritte Hobbit-Art. Die Funde von Lee Berger auf Palau wurden vor einigen Jahren als kleine und schlanke, aber moderne Menschen interpretiert. Werden sie jetzt hinterfragt?


    Literatur:

    Florent Détroit, Armand Salvador Mijares, Julien Corny, Guillaume Daver, Clément Zanolli, Eusebio Dizon, Emil Robles, Rainer Grün & Philip J. Piper, A new species of Homo from the Late Pleistocene of the Philippines, Nature, Vol. 568, pp. 181–186

    Anna Valmero (August 5, 2010). „Callao man could be ‚oldest‘ human in Asia Pacific, says Filipino archaeologist“ aus dem Webarchive.org


  • D-Type Orcas gefilmt

    „Den“ Schwertwal Orcinus orca gibt es nicht. Alleine die westpazifischen Orcas unterscheiden genetisch und kulturell mindestens vier „Typen“. Die unterschiedlichen Typen leben ortsgebunden „locals“ oder ziehen umher. Sie „sprechen“ verschiedene Sprachen, bevorzugen unterschiedliche Nahrung  und haben unterschiedliche Jagdtechniken. Dazu kommen die ähnlich differenzierten, aber schlechter erforschten europäischen Populationen, Gruppen aus der Arktis, dem indischen Ozean und dem Ostpazifik.

    Offshore-Orcas vor Kalifornien
    Offshore-Orcas vor Kalifornien

    Die geheimnisvollsten Orcas

    Erst Mitte des letzten Jahrhunderts wurden die Geheimnisvollsten aller Orcas entdeckt. Eine große Gruppe der Tiere strandete in Neuseeland. Wissenschaftler waren überrascht, dass sie sich stark von anderen Orcas unterschieden. Sie sie relativ groß und schlank. Der helle Augenfleck ist extrem klein und die „Sattel“-Zeichnung ist kaum sichtbar, so wirken die Tiere von oben beinahe schwarz. Die Melone wölbt sich steil und hoch, während die Rückenflosse schmal und niedrig ist. Sie ist weitaus stärker gebogen, als bei anderen Orcas und endet spitz. Als vierter bekannter Ökotyp nannte man sie einfach D-Type Orca. Mittlerweile gehen viele Wissenschaftler davon aus, dass die Unterschiede zu anderen Ökotypen ausreichen, sie als eigene Art zu bezeichnen. Eine formale Beschreibung steht jedoch noch aus.

    Heute weiß man, dass die D-Type Orcas circumpolar in der Hochsee zwischen 40°S und 60°S vorkommen. Die durchschnittliche Gruppengröße liegt bei 17 Tieren. Ihre bevorzugte Nahrung ist noch unbekannt. Unter anderem sollen sie mehr oder weniger regelmäßig Fische von Langleinen schütteln.

    Vor allem südamerikanische Fischer, die auch illegal in diesen Gewässern fischen, gehen auch mit Sprengstoff gegen die Orcas vor. So sind die Tiere vorsichtig geworden, wenn Boote in der Nähe sind.

    National Geographic hat es geschafft, einen der Pods zu filmen:

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