Mysteriöse Kreatur in Wales gefunden

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Die britischen Boulevardzeitung SUN war die erste Zeitung, die diese Meldung weltweit bekannt machte. In Wales, wurde ein etwa 75 cm langes Tier gefunden, das zunächst niemand zuordnen konnte. Aufgrund seiner Fremdartigkeit weckte es die Besorgnis einiger Zeugen.

Gefunden wurde das tote Tier von Caroline Brown, 51, die mit ihrem Hund Risca im Süden von Wales auf einem Kanalweg (einer befestigten Nebenstraße) spazieren ging. Sie beschreibt die Situation so:

 

 

Das „Ding“ sah sehr seltsam aus. Ich war etwas erschreckt, weil ich nicht wusste, ob es noch lebte. So etwas hatte ich noch nicht gesehen und selbst mein Hund wollte sich dem Ding nicht nähern. – Als ich näherkam, nahm ich einen Geruch war und ich wusste definitiv: Das ist tot. – Ich habe keine Ahnung, wie so etwas in diesem Teil der Welt auftreten kann.“

 

 

Fundsituation
Fundsituation auf dem Cannel Walk in Wales (Foto: News Service Wales)

Füße als Größenvergleich
Füße als Größenvergleich, kein Problem mit der Perspektive (Foto: News Service Wales)

 

Ein Fisch – aber was für einer?

Die Fotos, die Wales News Service veröffentlicht hat, zeigen einen etwa 75 cm langen Fisch. Caroline Brown war so geistesgegenwärtig und hat sich direkt neben den Kadaver gestellt und damit ihre Füße als Größenmaßstab etabliert. Damit ist eine Längenabschätzung sehr gut möglich: Sie entspricht ungefähr drei von Caroline Browns schwarzen Laufschuhen.

Ein Netzmuster der Schuppen auf dem Körper

Der Wales-Kadaver neben der Finderin
Der Rücken des Fischs im Detail (Foto: News Service Wales, Ausschnitt Redaktion)

Dass es sich um einen Fisch handelt, ist ohne Zweifel klar: Das Tier weist Brustflossen, eine weit nach hinten verlagerte Rückenflosse und eine Schwanzflosse auf. Das Tier ist von oben gesehen schlank, jedoch wirkt es muskulös. Der Kopf macht etwa 1/5 der Gesamtlänge aus. Er ist von oben gesehen dreieckig, mit einer – von oben nicht erkennbar abgesetzten – Schnauze. Sie endet nicht spitz, sondern eher in einem stumpfen Bogen. Der Kopf ist unbeschuppt.

 

Die Haut ist mit deutlich erkennbaren, rautenförmigen Schuppen bedeckt und wirkt – wie das ganze Tier – grau bis graubraun. In der Rücken- und Schwanzflosse ist eine deutliche hell-dunkel-Zeichnung zu erkennen. Die Schuppen wirken hell und überlappen einander nicht. Das dazwischen sichtbare Gewebe ist dunkel, so dass das ganze Tier wie mit einem Netzmuster überzogen erscheint.

Der Kopf eines Jägers

Der Kopf des Fisches
Portrait des Fisches (Foto: News Service Wales, Ausschnitt Redaktion)

Der Kopf ist nahezu einfarbig graubraun, lediglich die Unterseite mit dem Unterkiefer erscheint heller. Aus der Perspektive des Fotos ist nicht erkennbar, ob sich der Oberkiefer nach unten wölbt, um den Unterkiefer zu verschließen. Auf dem Kopf ist eine strahlenartige Zeichnung zu erahnen, möglicherweise ist sie auf die Struktur des Knochens zurückzuführen.

Der Schädel ist lang, die Schnauze steht weit hervor und ist deutlich entenschnabelartig abgeflacht. Der Oberkiefer ist länger als der Unterkiefer, beide bleiben etwa in der Breite des Kopfes und nicht etwa pinzettartig ausgezogen. Sie enden in einer robusten Rundung mi großem Radius. Auf dem Oberkiefer sind zwei Nasenlöcher zu sehen.

Besonders auffällig sind die Zähne, die kegelförmig und sehr spitz sind. Sie stehen senkrecht auf dem Kiefer und sind nicht gekrümmt. Im vorderen Kieferbereich sind sie größer und länger, zum Maulwinkel werden sie sehr klein.

 

Das Auge, dessen Linse getrübt ist, liegt auf Höhe der Maulöffnung. Es wirkt eher klein. Durch die ersten, erkennbaren Trockenschäden kann dies jedoch ein Irrtum sein.

 

Die Identifikation

Die Familie Knochenhechte

Die Körperform des Stoßräubertyps und die rautenförmigen Schuppen liefern den wichtigsten Anhaltspunkt: Es handelt sich um einen Fisch aus der Familie der Knochenhechte. Sie sind mit zwei Gattungen und sieben Arten in Nordamerika bis Panama und Kuba verbreitet. Je nach Art können sie zwischen 90 cm und über 2 m lang werden.

 

Lepisosteus osseus im Aquarium Bochum

Knochenhecht in der Wilhelma
L. oculatus im Aquarium der Wilhelma, Stuttgart

Als sehr urtümliche Fische stehen in einem noch nicht genau geklärten Schwestergruppenverhältnis zu den „Echten Knochenfischen“, denen die allermeisten rezenten Fische angehören. Fossil lassen sich Knochenhechte seit der Unterkreide vor 145,5 Millionen Jahren nachweisen.

 

Welche Art?

Die Artbestimmung ist anhand von Laienfotos, die von einem toten, in Verwesung befindlichen Tier stammen, das zusätzlich noch den Umweltbedingungen einer befahrenen Straße ausgesetzt war, ist schwierig.

Wichtige Elemente dürften hier die Form der Schnauze und die Zeichnung liefern. Gerade bei den kleineren Arten ist die Schnauze sehr lang ausgezogen, während sie bei dem Fundexemplar eher krokodilartig breit angelegt ist.

„An den Zähnen sollst du sie erkennen!“

Der Kopf des Fisches
„Portraitfoto“, eindeutig erkennbar: nur eine Reihe Zähne

In der Familie der Knochenhechte, Lepisosteidae, gibt es nur zwei rezente Gattungen, die sich durch ein Hauptelement gut differenzieren lassen. Die beiden Gattungen unterscheiden sich in der Anzahl der Zahnreihen im Kiefer:

  • Atractosteus hat zwei Zahnreihen je Kieferseite,
  • Lepisosteus hat nur eine Zahnreihe pro Kieferseite.

Das „Portraitfoto“ ist eindeutig: Es zeigt nur eine Reihe Zähne. Es handelt sich bei dem Fundtier also um eine Lepisosteus-Art.

 

 

Die Identifikation als Lepisosteus-Art reduziert die Zahl der möglichen Arten auf vier:

  • Der Gefleckte Knochenhecht (Lepisosteus oculatus): Er erreicht eine Länge von etwas über 1 m. Der Körper ist bräunlich, ggf. leicht grünlich und trägt ein unregelmäßiges Muster aus großen, dunklen Flecken, die sich auch in den Flossen wiederfinden. Die Schnauzenform und die Lage des Auges entspricht weitgehend dem Foto, die Zähne bei oculatus sind jedoch deutlich kleiner und zahlreicher als auf dem Foto.
    Die Netzzeichnung des Straßenfundes hat L. oculatus nur ansatzweise, die Zeichnung der Schwanzflosse entspricht einander nicht.
  • Der Gemeine Knochenhecht (Lepisosteus osseus): Er erreicht eine Länge von nahezu zwei Metern. Sein Körper ist bräunlich und zeigt einen dunklen Rücken, die sonst hellere Färbung wird durch einen dunklen Längsstreifen in Körpermitte durchbrochen. Rücken- und Schwanzflosse zeigen ein unregelmäßiges Muster aus dunklen Flecken.
    Die Tiere wirken schlanker als der vergleichsweise kräftige Straßenfund, vor allem die Schnauze ist sehr lang und filigran ausgezogen. Auch diese Art entspricht nicht dem Fund aus Wales.
  • Der Kurzschnauzen-Knochenhecht (Lepisosteus platostomus) ist die kleinste Art der Gattung, sie erreicht eine Länge von etwa 80 cm. Der Rücken der relativ kräftig gebauten Tiere ist dunkel-olivfarben, der Bauch hell. Außer einer Netzzeichnung zeigen sie keine Flecken oder sonstigen Zeichnungselemente. Der Kopf ist im Vergleich zu osseus kurz und kräftig, die Schnauze wirkt krokodilartig, wie beim Straßenfund. Hier besteht in vielen Elementen große Ähnlichkeit.
  • Der Florida-Knochenhecht (Lepisosteus platyrhincus) erreicht eine Länge von etwas über 120 cm. Er zeichnet sich durch eine kontrastreiche Zeichnung aus dunkelbraunen Flecken, die vor goldenem Hintergrund zu Wurmlinien verschmelzen, aus. Darunter liegt das auch von L. platostomus bekannte Netzmuster. Sein Schädel ist vergleichsweise filigran gebaut, die Schnauze verschlankt sich vor den Augen deutlich. Aufgrund der schlanken Schnauze und des auffälligen Zeichnungsmusters kann diese Art ebenfalls ausgeschlossen werden.

Eindeutig!

Der Wales-Kadaver neben der Finderin
Als Vergleich noch einmal den Rücken des Fischs (Foto: News Service Wales, Ausschnitt Redaktion)

Lepisosteus platostomus im Aquarium Veracruz (Foto: Alejandro Linares Garcia CC 4.0)
Lepisosteus platostomus im Aquarium Veracruz (Foto: Alejandro Linares Garcia CC 4.0)

Damit ist der Wales-Fund eindeutig als Kurzschnauzen-Knochenhecht (Lepisosteus platostomus) identifiziert. Die Art kommt natürlicherweise im Mississippi und seinen Nebenflüssen, dem Lake Michigan und seinen Zuflüssen sowie an einigen Bereichen der Golfküste vor. Im Vergleich zu anderen Knochenhechten fressen Kurzschnauzen-Knochenhechte größere Anteile weichschaliger Krustentiere wie Garnelen, als Jungtiere auch Insekten und deren Larven.

 

Wie kommt der Knochenhecht nach Wales?

 

Knochenhechte der meisten Arten werden als Jungtiere aus künstlicher Aufzucht in den USA sehr regelmäßig als Besatzfische gehandelt. In Aquakulturteichen halten sie unerwünschte Kleinfische kurz. In Angelgewässern sind sie eine beliebte Beute, da sie recht groß werden können und dem Angler zunächst einen heftigen Kampf und schließlich eine vorzeigbare Beute liefern – obwohl sie kaum gegessen werden. Ihr Fleisch gilt als minderwertig bis ungenießbar.

Selten kommen Einzeltiere für die Schauaquaristik nach Europa. Meist handelt es sich um L. oculatus und L. platyrhincus, da diese eine attraktive Fleckenzeichnung aufweisen. Die ruhigen, großen Fische mit der ungewöhnlichen Form werden in vielen Schauaquarien gepflegt. Sie sind Beispiele für eine sehr alte Fischgruppe und stellen sehr attraktive Schautiere dar, die nicht schwer zu pflegen sind. Viele Aquarianer in den wärmeren US-Staaten fangen Jungtiere, pflegen sie in Aquarien, bis sie zu groß werden. Dann setzen sie sie wieder aus.

Interessanterweise ist ausgerechnet die in Wales aufgetauchte Art die Art, die am wenigsten für solche Zwecke gehandelt wird.

Einfuhrverbot für Knochenhechte

Obwohl davon auszugehen ist, dass die Lepisosteus-Arten invasives Potenzial besitzen, sind sie bisher nicht in der EU-Liste invasiver, gebietsfremder Arten aufgenommen worden. Laut der SUN ist die Einfuhr in Großbritannien verboten.

 

Möglich erscheint die unbeabsichtigte Einfuhr von Eiern. Die Eier von Kurzschnauzen-Knochenhechten werden in einer gallertigen Masse an Wasserpflanzen abgelegt. Sie sind sehr robust und können Trockenfallen für eine ganze Weile überstehen, ein Import mit Wasserpflanzen erscheint also möglich. Ob es in den USA noch Wasserpflanzengärtnereien gibt, die nach Europa exportieren und im Freiland Pflanzen züchten und sammeln, ist dem Autor nicht bekannt. Früher war Florida ein Hotspot im Handel mit Aquarienpflanzen, aber Ende des 20. Jahrhunderts sind viele Produzenten in Drittweltländer abgewandert, in denen noch billiger produziert werden konnte.

Und wie kommt der Knochenhecht auf die Straße?

Wie der Knochenhecht aus dem Kanal auf die Straße kam, ist eine Frage, die unbeantwortet bleibt. Vermutlich wurde er von einem Fischer gefangen, der dann aber nichts mit dem ungewöhnlichen Fisch anfangen konnte und ihn einfach liegen ließ.

 

Offen bleibt noch die Frage, ob es der einzige Knochenhecht in Wales war oder ob da in den Kanälen eine kleine Population schwimmt – und sich vielleicht sogar vermehrt.

 

Anmerkung

Die Bestimmung des Knochenhechtes auf Artniveau ist nicht wirklich „sauber“ gewesen. Das übliche Verfahren wäre es, Flossenstrahlen und die Schuppen der Seitenlinie zu zählen und dies mit Bestimmungstabellen zu vergleichen. Hinzu kämen dann die Vergleiche der Kopfproportionen. Zeichnungen können stark variieren, insbesondere bei weit verbreiteten Arten wie den Knochenhechten.

Leider ist die Ermittlung dieser Zählwerte an Fotos, insbesondere von Laien sehr schwierig. Das Fundtier liegt dem NfK aus leicht vorstellbaren Gründen nicht vor. Wir können leider nur im Ausnahmefall zu den Fundorten reisen und mit den Zeugen sprechen oder die Funde selbst untersuchen.


Literatur und Webquellen:

Rogers, Jon: „What the croc? Mystery ‚half fish, half alligator‘ creature found washed up on Welch canal path„, in SUN vom 28.02.2020

 

Wikipedia zur Familie Knochenhechte, Gattung Lepisosteus und zum Kurzschnauzen-Knochenhecht

 

Fishbase zu Lepisosteus platostomus

 

U.S. geological Survey zur Verbreitung von Lepisosteus platostomus

 

Bundesamt für Naturschutz: Die Unionsliste / Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung

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