Wort zum Sonntag – 06.03.2022

Lesedauer: etwa 19 Minuten
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Hallo und einen schönen Sonntag (06.03.2022) wünsche ich dir!

Krieg! Nur wenige hundert Kilometer von uns entfernt herrschen wieder Angst, Terror und Tod. Und die Angst vor einem möglichen Dritten Weltkrieg, vor einer nuklearen Katastrophe unbeschreiblichen Ausmaßes empfinden auch viele Menschen hier. Bei Google Trends ist das Interesse an Jodtabletten in Deutschland von eins (!) in der Woche vom 13.2. bis 19.2. auf 100, dem höchstmöglichen Wert, in der ersten Märzwoche gestiegen. Jodtabletten schützen vor der Aufnahme radioaktiver Jod-Isotope bei einem Reaktorunfall oder eben auch bei Atomwaffeneinsätzen. Doch leider nicht die, die es in der Apotheke, bei Amazon oder sonst wo zu kaufen gibt. Diese sind nämlich zu niedrig dosiert. Die hochdosierten Jod-Präparate befinden sich ausnahmslos in Händen des Bundes und werden erst im Katastrophenfall an die Bevölkerung verteilt. Wer also jetzt schon für einen Atomkrieg preppt und sich mit den überall frei erhältlichen Tabletten ausstattet, verschwendet nicht nur sein Geld, sondern gefährdet im Ernstfall sogar sein Leben.

 

Traurig, dass ich mein Wort zum Sonntag einmal mit so einer Klugscheißerei beginnen muss, die in anderen Zeiten vielleicht sogar lustig gewesen wäre. Das Lachen bleibt einem aber bei so vielen Dingen derzeit im Hals stecken. Deshalb möchte ich auf die Krise nun auch nicht weiter eingehen. Ihr habt alle trotzdem das Recht auf einen schönen Sonntag. Das Wetter verspricht (jedenfalls bei mir) herrlich zu werden, also werde ich gleich mal mit meiner Freundin einen schönen Frühjahrspaziergang machen. Ich hatte überlegt, für die Menschen in der Ukraine trotzdem eine Hilfsaktion zu machen. Doch derzeit findet man überall solche Hilfsaktionen, und statt wild und kopflos drauflos zu unterstützen, werden ich wohl einfach einer bestehenden Organisation spenden. Wo ihr das vielleicht auch tun könnt, werde ich demnächst mal bekanntgeben. Und vielleicht mache ich ja doch noch was Eigenes.


Terminkalender

Auch unter Zeichen von Krieg, Sturm und Pandemie stehen trotzdem noch viele schöne Termine in meinem Veranstaltungskalender. Hier eine kurze Übersicht, was ich in den nächsten Monaten so geplant habe:

 

26.03.2022     Gemeinsame Fossiliensuche in der Kiesgrube Dohrn / Eggers in Negenharrie

09.04.2022     Dino-Treffen im Neandertal-Museum Mettmann

10.04.2022     Dino-Treffen im Geologisch-Paläontologischen Museum Münster

23.04.2022     Gemeinsame Fossiliensuche in der Kiesgrube Dohrn / Eggers in Negenharrie

27.05.2022     Dino-Treffen in der paläontologischen Sammlung Tübingen

28.05.2022     Gemeinsame Fossiliensuche auf den Erddeponien in Baden-Württemberg

28.05.2022     (Im Anschluss:) Dino-Treffen im Urwelt-Museum Hauff in Holzmaden

29.05.2022     Dino-Treffen im Museum für Naturkunde Karlsruhe

05.06.2022     Dino-Treffen im Dinosaurierpark Münchehagen

25.06.2022     Gemeinsame Fossiliensuche in der Kiesgrube Dohrn / Eggers in Negenharrie

Der Juli 2022 soll ein reiner Schreibmonat werden. In meinen Sommerferien werde ich alles geben, um den dritten Teil von Die Weißen Steine fertigzuschreiben. Es wird also keine weiteren Veranstaltungen geben, da ich mich voll und ganz auf diese Arbeit konzentrieren werde. Vielleicht wird es im August wieder weitere Veranstaltungen geben. Diese werde ich dann aber erst planen, sobald ich mit dem Schreiben soweit fertig bin.


Podcast „Sagenhaft und Sonderbar“

Am letzten Montag (28.02.2022) war ich wieder zu Gast beim Podcast „Sagenhaft und Sonderbar“. Ich habe mich dort mit Daniel über das Thema „Massenaussterben“ unterhalten und dabei vor allem über den Chicxulub-Einschlag gesprochen. Herausgekommen ist dabei ein ganz interessantes Interview, das hoffentlich dabei hilft, viele Falschannahmen und Halbwahrheiten über diese wohl bekannteste urzeitliche Katastrophe zu beseitigen. Das Video findet ihr hier:

 


Traumreise in die Urzeit II

Das Manuskript vom zweiten Band meiner Kinderbuchreihe „Traumreise in die Urzeit“ ist fertig und liegt im Lektorat. In nur wenigen Wochen, auf jeden Fall noch vor Ostern, gibt es wieder Nachschub an urzeitlichem Lesestoff für die Kleinen. Morgen habe ich einen abschließenden Video-Call mit Jill, meinem Verleger. Und dann wird wahrscheinlich auch in den nächsten Tagen schon eine Leseprobe für euch folgen. Habt bitte noch ein klein bisschen Geduld! Bald geht es weiter mit den Traumreisen.

 

Die Illustratonen im neuen Traumreise-Buch stammen wie immer von unserem Paläo-Künstler Brian Murphy (Wootusart).

Bild der Woche

Ein Tyrannosaurus hat aus dem Hinterhalt zugeschlagen. Sein Opfer, ein Edmontosaurus, ist bereits am Boden. Glücklich, nicht zwischen die Fronten des Urzeitkampfes geraten zu sein, flieht eine Gruppe Pachycephalosaurus dichter in den Wald, während die Angstschreie des Hadrosauriers allmählich verstummen.

 

Das Bild stammt von Christian Reno.


Paläo-News

In den letzten zwei Wochen war ungeheuer viel los in der Paläontologie! Ich bin noch gar nicht zum Abfassen sämtlicher interessanter Urzeit-Meldungen gekommen. Mehrere neue Dinosaurier-Arten wurden beschrieben, spektakuläre Entdeckungen auch in vielen anderen Bereichen gemacht. Deshalb geht es jetzt auch gleich ohne viel Herumgerede los! Viel Spaß mit den Nachrichten aus der Urzeit!

 

Highlight Paläo-News


Dearc sgiathanach: Flugsaurier des Jura konnten größer werden als gedacht!

Pterosaurier waren die ersten Wirbeltiere, die das Fliegen entwickelten und gehören zu den größten fliegenden Tieren in der Erdgeschichte. Während einige der letzten überlebenden Arten die Größe von kleinen Flugzeugen hatten, wurde lange angenommen, dass die Flugsaurier der Trias und des Jura nur auf kleine Körpergrößen und Spannweiten kamen. Kaum ein bisher gefundener Flugsaurier, der nicht aus der Kreide stammt, hatte eine Spannweite von mehr als zwei Metern.

 

Doch eine Forschergruppe um Natalia Jagielska von der University of Edinburgh (Schottland) berichtet in ihrer neuen Studie über ein neues, ausgezeichnet erhaltenes Skelett aus dem Mittleren Jura Schottlands, das sie einer neuen Gattung und Art zuordnen konnten. Das Fossil wurde 2017 in der Lealt Shale Formation gefunden und ist 170 Ma alt. Dearc sgiathanach soll der neue Flugsaurier heißen, was auf Gälisch so viel wie „Reptil der Lüfte“ bedeutet. Seine Flügelspannweite wird auf über 2,5m beziffert, und die Knochenhistologie zeigt, dass es sich noch um ein Individuum handelt, das zum Zeitpunkt seines Todes noch nicht ganz ausgewachsen war. Dearc (gesprochen: „Dschark“) war damit wohl der größte Flugsaurier des Jura.

 

Lebendrekonstruktion von Dearc sgiathanach von Natalia Jagielska.

D. sgiathanach gehört zu einer Gruppe basaler langschwänziger Flugsaurier (Angustinaripterini). Eine Überprüfung anderer fragmentarischer Exemplare aus dem mittleren Jura von England zeigt, dass eine Vielfalt von Flugsauriern zu dieser Zeit auch größere Größen erreichen konnte, was aber bisher durch einen schlechten Fossilienbestand verdeckt wurde.


Kräftige Kiefer: Oviraptoriden konnten erstaunlich stark zubeißen

Die Oviraptorosaurier waren eine ungewöhnliche, vielleicht pflanzenfressende Gruppe von Theropoden, die pneumatisierte Schädel mit robusten, zahnlosen Kiefern entwickelt haben. Diese Kiefer konnten einer neuen Studie zufolge eine sehr starke Beißkraft aufbringen: Unter Verwendung von retrodeformierten 3D-Schädelmodellen der Oviraptorosaurier Citipati, Khaan und Conchoraptor, sowie auch des frühen, noch bezahnten Incisivosaurus, rekonstruierten Luke E. Meade und Waisum Ma von der University of Birmingham (UK) die Kiefermuskulatur dieser Tiere.

 

Muskelansätze und Spaltwinkel der Kiefer legen den Schluss nahe, dass Oviraptoriden im Vergleich zur Körpermasse und auch absolut zu viel stärkeren Bissen imstande waren als alle anderen pflanzenfressenden Theropoden, wie Ornithomimosaurier und Therizinosaurier. Sie bissen ähnlich stark zu wie viel größere fleischfressende Theropoden. Die Kraftschätzungen beginnen bei nur 53 N beim primitiven Incisivosaurus und reichen bis zu 499 N bei Citipati.

 

Die starken Kiefer könnten eine Anpassung an zähe und ausgesprochen harte Pflanzennahrung sein, was darauf hindeutet, dass sich die Schädelfunktion und die Ernährungsgewohnheiten zwischen Oviraptoriden und anderen pflanzenfressenden Theropoden unterscheiden. Diese Unterschiede in der relativen Beißkraft zwischen gleichzeitig vorkommenden Oviraptoriden könnten neben der Körpergröße ein Faktor bei der ökologischen Nischenaufteilung sein.


„Little Foot“: ein aufrecht gehender Baumbewohner?

Das Exemplar StW 573 (auch bekannt unter seinem Spitznamen „Little Foot“, ein Australopithecus aus dem Sterkfontein Member 2, ist zu etwa 93 % vollständig und damit bei weitem das vollständigste Mitglied dieser Gattung, das bisher gefunden wurde. Es ist fest auf 3,67 Ma datiert und eines der frühesten Exemplare seiner Gattung. Ein entscheidender Aspekt bei der Interpretation des Bewegungsverhaltens anhand fossiler Überreste ist das Verständnis der Paläoumgebung, in der das Individuum lebte. War „Little Foot“ also ein Wald- oder doch eher ein Savannenbewohner? Robin Huw Crompton von der University of Liverpool (UK) und sein Team stellen für ihre aktuelle Studie die verfügbaren Belege zur Anatomie von StW 573 zusammen, um so weit wie möglich zu rekonstruieren, was die realisierte und potenzielle Nische dieses Individuums gewesen sein könnte. Dabei verglichen sie „Little Foot“ auch mit anderen Australopithecinen wie A. anamensis und A. afarensis. Diese waren wohl eher baumbewohnend.

 

Durch virtuelle Experimente, biomechanische Analysen des Bewegungsverhaltens lebender Menschenaffenarten und analoge Experimente mit menschlichen Subjekten fanden die Forscher heraus, dass die gewohnheitsmäßige Fortbewegungsart aller Australopithecinen aufrecht und zweibeinig war, sowohl am Boden als auch im Geäst der Bäume. Einige spätere Arten wie A. sediba verbrachten schon mehr Zeit am Boden, was ihre Klettereigenschaften zugunsten der Hand-Geschicklichkeit einschränkte. Heutige Menschen können dagegen zwar immer noch klettern, haben sich jedoch völlig auf die Fortbewegung am Boden eingestellt. „Little Foots“ Anatomie lässt vermuten, dass der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse in seiner Fortbewegung eher einem Gorilla ähnelte, und auch schon mehr Zeit am Boden zubrachte.


Triassisches Massenaussterben: Blaupause für unser gegenwärtiges Artensterben?

Das Massensterben am Ende der Trias, eines der größten Massensterben der Erdgeschichte, wird typischerweise dem Klimawandel zugeschrieben. Dieser hing mit dem enormen Gasausstoß infolge der Basaltströme zusammen, die sich bildeten, als der Superkontinent Pangaea auseinanderbrach und der Atlantische Ozean entstand. Massive Vulkanausbrüche setzten vor 201 Ma große Mengen an Kohlendioxid, Schwefeldioxid, thermogenem Methan, Halogenkohlenwasserstoffen und Schwermetallen in die Atmosphäre frei, was zu globaler Erwärmung, Ozeanversauerung und Abbau der Ozonschicht führte. Die meisten säugetierähnlichen Synapsiden und großen Amphibien verschwanden damals, ebenso wie viele frühe Dinosauriergruppen. In den Ozeanen eliminierte dieses Ereignis Conodonten und vernichtete fast alle Korallen, Ammoniten, Brachiopoden, Ostrakoden, Radiolarien und Muscheln. Die Krise unter den Landpflanzen am Ende der Trias war schwerwiegend mit hohen Vorkommen abnormaler Farnsporen, was auf starken Umweltstress hinweist.

 

Ein interessanter Artikel fasst die aktuellen Studien zum spättriassischen Massenaussterben zusammen und stellt die Frage, welche Lehren wir aus den mehr als 200 Ma zurückliegenden Ereignissen für unsere heutige Zeit ziehen können. Können Rekonstruktionen vergangener Massenaussterben Vorhersagemodelle ermöglichen, die für unsere Zeit relevant sind?


Studie zur Ontogenese von Stenopterygius quadriscissus

Wie wuchsen Ichthyosaurier vom Baby zum erwachsenen Tier heran? Dieser Frage gingen Feiko Miedema und Erin E. Maxwell in einer neuen Studie auf den Grund. Sie nahmen dafür die wunderbar erhaltenen Fossilien von Stenopterygius quadriscissus (der auch in einer Episode meines Traumreise-Buches eine Rolle spielt!) zur Hand, um die ontogenetische Variationen dieser Meeresbewohner zu untersuchen, die vor rund 180 Ma während des frühen Jura auch in Deutschland lebten.

 

Eine Stenopterygyus-Dame namens Stella (hier gezeichnet von Brian Murphy (Wootusart)) ist eine der Hauptfiguren in meinem Buch „Traumreise in die Urzeit„.

Die Forscher achteten vor allem auf prä- und postnatale (vor- und nach der Geburt auftretende) Veränderungen im Schädel. Die Frequenz der Verknöcherungen bei ungeborenen Ichthyosauriern erwies sich dabei ähnlich wie bei anderen Diapsiden. Weiterhin fanden sie heraus, dass der Schädel von Stenopterygius vier pränatale und drei postnatale Wachsstumsstadien aufweist. Diese Erkenntnisse können als Grundlage für die Bestimmung ontogenetischer Stadien bei anderen Ichthyosauriern dienlich sein.

 

Darüber hinaus helfen unsere postnatalen Beobachtungen bei der Verfeinerung ontogenetischer Merkmale für phylogenetische Studien (Bestimmung der Verwandtschaft). So konnten die Forscher zeigen, dass die antimerischen Nähte der Mittellinie des Schädeldachs perinatal offen sind und dass die Verschmelzung der Mittellinie nur im Erwachsenenstadium auftritt. Wahrscheinlich hatte dies zum Zweck, mögliche Verletzungen während der Geburt zu vermeiden.


Neue Belege: Asteroideneinschlag von Chicxulub ereignete sich im Nord-Frühling

Das Massensterben am Ende der Kreidezeit (K-Pg) vor etwa 66 Ma wurde durch den Einschlag eines Asteroiden in der Nähe des heutigen Chicxulub auf der Halbinsel Yukatan verursacht. Etwa 70% aller Arten starben in der Folge aus, einschließlich aller Nichtvogel-Dinosaurier, Flugsaurier, Ammoniten, Rudisten und der meisten Meeresreptilien. Es ist das wohl am besten erforschte Massenaussterbe-Ereignis der Erdgeschichte. Forscher konnten inzwischen sogar herausfinden, zu welcher Jahreszeit es seinen verheerenden Anfang nahm.

 

Melanie A. D. During von der Vrije Universiteit Amsterdam (Niederlande) und ihr Team untersuchten für ihre aktuelle Studie fossile Fische (Löffelstöre), die offenbar unmittelbar nach dem Einschlag gestorben sind und in den Tanis-Ablagerungen der Hell Creek Formation gefunden wurden. Die Analyse der Osteohistologie und der stabilen Isotope ihrer Knochen zeigen eine jährliche Kreislauf in den letzten Jahren der Kreidezeit. Jährliche Lebenszyklen, einschließlich saisonaler Zeitpunkte und Dauer der Fortpflanzung, Nahrungsaufnahme, Überwinterung und Sommerruhe, variieren stark in den letzten biotischen Kladen der Kreidezeit.

 

Ein gewaltiger Tsunami nähert sich der Hell Creek Formation und reißt alles mit sich. Im Bild sind auch die Blüten der in der Analyse untersuchten Pollen zu erkennen, sowie die Fische aus dem Paper von DePalma et al.. Das Bild stammt von Joschua Knüppe.

Aufgrund der erhobenem Daten postulieren During und ihre Kollegen, dass der Zeitpunkt des Chicxulub-Einschlags im borealen Frühling (auf der Südhalbkugel war stattdessen Herbst) stattfand. Dies deckt sich auch mit den Daten einer Studie von Robert DePalma aus dem vergangenen Jahr. Der Zeitpunkt des Einschlags könnte eine große Rolle für das selektive Überleben bestimmter Kladen am Beginn des Paläogens gespielt haben.


Kaiser, König und Königin: gab es drei Arten von Tyrannosaurus?

Alle bisher gefundenen Exemplare von Tyrannosaurus („Tyrannenechse“) wurden bisher nur einzigen Art zugeschrieben: T. rex. Allerdings besteht innerhalb der über 50 gefundenen Exemplare ein ungewöhnlich hohes Maß an Variationen im Bau des Skeletts: manche Exemplare sind robuster, andere eher grazil. Außerdem gibt es Unterschiede im Aufbau des Gebisses: bei manchen, sehr robusten Exemplaren befinden sich zwei kleine „Eckzähne“ im Kiefer, bei anderen robusten dann wieder nur ein einziger Eckzahn, und bei den grazilen ebenfalls nur ein Eckzahn.

 

Die unterschiedlichen Morphe von Tyrannosaurus werden auch in meinem Roman „Die Weißen Steine“ aufgegriffen. Dort handelt es sich aber um Männchen und Weibchen.

Für den berühmten Illustrator und Paläontologen Gregory S. Paul und seine Kollegen W. Scott Persons IV. und Jay Van Raalte vom College of Charlston (USA) ist dies Grund zur der in ihrer neuen Studie geäußerten Annahme, die in Fachkreisen nun heftig diskutiert wird: gab es womöglich mehrere Arten von Tyrannosaurus? Die Forscher können ihre Annahmen zurzeit auf folgende Indizien stützen: die verschiedenen Morphe wurden in verschiedenen stratigraphischen Ebenen gefunden, stammen also aus unterschiedlichen Zeiten. Der robuste Morph mit den beiden Eckzähnen kommt nur in den ältesten Schichten vor, die beiden anderen stammen nur aus den letzten 1,5 Ma der Kreidezeit.

 

Dreiteilung eines Dinosaurier-Superstars

Ontogenetische (verschiedene Altersstadien) und sexuelle (Unterschiede zw. Männchen u. Weibchen) Ursachen kommen für Paul und seine Kollegen aufgrund der von ihnen erhobenen Daten nicht in Betracht. Sie deuten die verschiedenen Morphen als eine Chronospezies, die sich im Laufe der späten kreide in zwei neue Arten aufspaltete. Die ältere, robuste Art mit den zwei Eckzähnen nannten sie T. imperator (lateinisch für „Kaiser“), die jüngere robuste mit einem Eckzahn bleibt T. rex („König“) und die gleichzeitig mit ihm lebende, grazile Art mit einem Eckzahn soll fortan T. regina („Königin“) heißen.

 

 

Die Holotypen der neuen Spezies T. imperator (links) und T. regina.

Die Arbeit von Paul et al., spöttisch schon als das „Rexit“-Paper bezeichnet, wird in Fachkreisen gerade aber heftig diskutiert. Kritiker merken einerseits an, dass die Unterscheidung der Morphe auf knochenhistoligischer Ebene noch gar nicht bestätigt wurde. Andererseits geisterte der Name „T. imperator“ inoffiziell schon für ein graziles Exemplar („Stan“) herum. Außerdem hat es für die grazile Form schon einmal eine eigene Beschreibung von Olshevsky & Ford (1995) gegeben, in der sie das Material als Dinotyrannis megagracilis beschrieben. Zumindest der Artname hätte gemäß den Regeln der zoologischen Nomenklatur (ICZN) gegenüber T. regina Vorrang, sollte sich die Hypothese einer eigenständigen Art wirklich bestätigen.


Kelumapusaura machi und Huallasaurus australis: zwei neue Entenschnabelsaurier aus Argentinien beschrieben

Sebastián Rozadilla vom Museo Argentino de Ciencias Naturales „Bernardino Rivadavia“ in Buenos Aires (Argentinien) und seine Kollegen beschreiben in ihrer neuesten Arbeit einen neuen Hadrosaurier aus der oberkreidezeitlichen Allen-Formation, von dem gleich mehrere Fossilien von unterschiedlich alten Individuen in einem Bonebed in der Provinz Río Negro im Nordwesten Patagoniens gefunden wurde.

 

Kelumapusaura machi soll der neue Dinosaurier heißen. „Kelumapu“ ist aus der Mapundun-Sprache abgeleitet und bedeutet „Rote Erde“, der Artname ist Mapuche und bedeutet „Schamane“. K. machi wurde 8 bis 9m lang und hatte im Vergleich zu anderen Hadrosauriern einen sehr niedrigen, länglichen Oberkiefer mit einer tiefen Rille an seinem vorderen Ende. Die gut erhaltenen Fossilien machen K. machi zu einem der vollständigsten bekannten Hadrosaurier Südamerikas, der viele Fragen über die Phylogenie (Verwandtschaft) der Entenschnabelsaurier auf der Südhalbkugel beantworten helfen kann.

 

Lebendrekonstruktion von Kelumapusaura von Cisiopurple.

So konnten Rozadilla und seine Kollegen mit den in ihrer Studie ermittelten Daten feststellen, dass auch die beiden Hadrosaurier Secernosaurus koerneri, Bonapartesaurus rionegrensis sowie ein zuvor als Kritosaurus australis beschriebener Hadrosaurier gültige Taxa sind.

 

Der letztere weist nach einer Neubetrachtung einige Alleinstellungsmerkmale auf, die ebenfalls die Beschreibung einer neuen Gattung legitimieren: Huallasaurus australis („südliche Enten-Echse“, ebenfalls aus der Mapundun-Sprache) war mit Kelumapusaura eng verwandt. Die (Wieder-)Entdeckung einer monophyletischen Gruppe südamerikanischer Hadrosaurier weist darauf hin, dass die Geschichte der Gruppe auf den Südkontinenten (Gondwana) noch längst nicht gut erforscht und verstanden ist.

 

Lebendrekonstruktion von Huallasaurus von Cisiopurple.

Ältester bekannter Dino-Knochen aus Brasilien: Dinosaurier lebten früher als gedacht in Südamerika

Die ältesten Dinosaurierskelette Südamerikas stammen aus Schichten des mittleren bis späten Karniums (Obertrias) und sind bis zu 230 Ma alt. Doch nahe Verwandte der frühen Dinosaurier, oder auch die ältesten echten Dinos, stammen aus Ablagerungen in Tansania und Sambia. Dort kommen sie schon in der Stufe des Anisiums vor und könnten bis zu 245 Ma alt sein. Die afrikanischen Exemplare, wie z.B. Nyasaurus, gelten als Schlüsseltaxa bei der Untersuchung der Entwicklungsgeschichte der Dinosaurier.

 

Rodrigo T. Müller von der Universidade Federal de Santa Maria in São João do Polêsine (Brasilien) und sein Team präsentieren in ihrer aktuellen Arbeit den ersten Dinosauromorphen aus Sedimenten der Mitteltrias Südamerikas, dessen fossile Überreste in der brasilianischen Pinheiros-Chiniquá-Sequenz entdeckt wurden. Es handelt sich allerdings nur um einen rechten Oberschenkelknochen, sodass eine genauere Klassifizierung geschweige denn eine eigene Namensgebung den Forschern nicht angemessen erschien. Dennoch ist das neue Exemplar möglicherweise der älteste Dinosauromorph aus Südamerika. Seine Entdeckung verringert die biogeografische Kluft zwischen Afrika und Argentinien, wo die Dinosaurier sich sehr wahrscheinlich zuerst entwickelt haben. Darüber hinaus belegt das neue Exemplar, dass Dinosaurier früher als erwartet und auch schon während des Ladiniums vor etwa 240 Ma in Südamerika lebten.


Bashanosaurus primivus: früher Stegosaurier aus Zentralchina

Die Entwicklungsgeschichte der Dinosaurier des frühen und mittleren Juras ist eines der größten Rätsel in der Paläontologie. Kurz nach einem der größten Massenaussterben der Erdgeschichte, vor etwa 201 Ma, ist die Überlieferung der Fossilien sehr lückenhaft. Insbesondere für die Klade der Stegosaurier herrscht noch große Unsicherheit, wann, wo und wie sie sich eigentlich entwickelten, obwohl sie ja mit zu den bekanntesten Dinos überhaupt gehören.

 

Eine Forschergruppe um Dai Hui vom Chongqing Laboratory of Geoheritage Protection and Research (China) beschreibt in ihrem neuen Paper einen bislang unbekannten, sehr basalen Stegosaurier. Bashanosaurus primivus wurde der Dinosaurier getauft, der schon 2016 in der zentralchinesischen Shaximiao-Formation, unweit der Mega-Metropole Chongqing entdeckt wurde. Die Region trug früher den Namen „Bashan“, wovon sich der Gattungsname ableitet. Der Artname spielt auf die basale Stellung im Stammbaum der Stegosaurier an.

 

Die Forscher datierten die Fossilien, darunter Rückenwirbel, das Schulterblatt, der Oberschenkel und mehrere spitze Rückenplatten, auf das Bajocium im frühen Mitteljura vor etwa 170 Ma. Die Merkmale lassen schon auf einen Stegosaurier schließen, doch erinnern sie auch noch an basale Thyreophoren wie Scelidosaurus. Bashanosaurus war ein relativ kleiner Dinosaurier, nur knapp 3m lang und einer der frühesten bekannte Stegosaurier. Offenbar war er eng verwandt mit dem etwas jüngeren Chungkingosaurus.


Diagonaler Doppelschritt: Neue Studie verrät, wie Riesen-Sauropoden gelaufen sind

Wie sind Dinosaurier eigentlich gelaufen? Neben anatomischen Studien sind die wichtigsten Anhaltspunkte zur Beantwortung dieser Phase fossile Trittsigel. Doch die Details der Fortbewegung, also ob z.B. ein Sauropode auch verschiedene Gangarten wie Trab oder Schritt beherrschte, sind nur schwierig zu erforschen. Lange Zeit galt es sogar als gänzlich unmöglich.

 

Doch der deutsche Paläontologe Jens N. Lallensack und sein britischer Kollege Peter L. Falkingham, beide von der John Moores University in Liverpool, präsentieren in ihrer neuen Studie einen grundlegend neuen Ansatz, der es ermöglicht, die Bewegungsphasen auf der Grundlage von Variationsmustern in langen Bahnen zu schätzen. Ihr Ansatz wurde zuerst zuverlässig an Fährten moderner Säugetiere getestet. Anschließend wandten die Forscher ihre Methode auf eine Fährte von riesigen Sauropoden an, die in der Unterkreide von Arkansas (USA) hinterlassen wurden. Wie die Dinosaurier wohl wirklich gelaufen sind, ist in diesem Video zu sehen:

 

Im Gegensatz zu früheren Annahmen deuten die neuen Ergebnisse auf einen sogenannten diagonalen Couplet-Gang in seitlicher Folge hin. Das heißt im Detail: wenn der Sauropode einen Schritt mit dem rechten Vorderbein machte, folgte ihm in rascher Folge das linke Hinterbein – also immer das diagonal gegenüberliegende. So entstanden Schritte mit großer Spurweite. Die neue Methode wird sicher dabei helfen, auch andere Gangparameter, Körpergröße und -form anhand fossiler Fährten einzuschränken und so mehr über ihre Verursacher herauszufinden.


Alle neuentdeckten Dinosaurier aus dem Jahr 2022 findest du auch in der Zusammenfassung in einem eigenen Artikel.

 


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Ich wünsche dir jetzt noch einen schönen Sonntag. Bleib gesund, genieße das herrliche Wetter, mach vielleicht mal einen schönen Spaziergang! Trotz aller Schreckensnachrichten der letzten Tage ist die Welt doch einfach viel zu schön und wunderbar, als dass wir sie nicht trotzdem genießen könnten. Und das versuche ich jetzt auch!

 

Mit den besten Grüßen

Markus Peter Kretschmer

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