PattyStandbild aus dem Patterson-Gimlin-Film
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Die neue Bigfoot-Dokumentation „Capturing Bigfoot“ schlägt im Netz hohe Wellen

Seit einigen Tagen kursieren im Netz Informationen, die den berühmten Patty-Film von 1967 als Schwindel, als Hoax entlarven sollen.

 

Patty
Standbild aus dem Patterson-Gimlin-Film

 

Was steckt dahinter?

Am 20. Oktober 1967 wurde von den Roger Patterson und Robert Gimlin ein etwa 59 Sekunden langer Film gedreht. Der Film wurde am Bluff Creek, einem Nebenfluss des Klamath Rivers in Nordkalifornien gedreht. Er zeigt, wie ein behaartes, auf zwei Beinen laufendes Wesen auf einer Sandbank eines kleinen Flusses vor den Beobachtern wegläuft. Dieses Wesen wird mit dem legendären Bigfoot bzw. Sasquatch gleichgesetzt, so dass der Film in der Kryptozoologie als Beleg bzw. Referenz für die Existenz dieses Kryptiden gilt.

Es gab einige Versuche, die Echtheit des Films zu beweisen bzw. zu widerlegen. Nach dem Zapruder-Film von der Ermordung John F. Kennedys ist der Patterson-Gimlin-Film (PG-Film) vermutlich die am häufigsten untersuchte Filmsequenz aus dem 20. Jahrhundert. Technisch war nie viel zu holen, zumal Unklarheiten über die Einstellung der Kamera bestand.

Dadurch wurde das gefilmte Wesen selbst zum Schwerpunkt der Untersuchungen. Aufgrund der schlechten Auflösung des Filmmaterials sind kaum Details sicher erkennbar. Das führt zu unterschiedlichen, teils hochspekulativen „Funden“ und entsprechenden Interpretationen. Hier prallen zwei Meinungen in der Kryptozoologie aufeinander, so dass der Film auch fast 60 Jahre nach seiner Entstehung immer noch heiß diskutiert wird.

 

Was ist neu?

Solche schwelenden Diskussionen werden in der Regel nur dann wieder „aufgewärmt“, wenn neues Material oder zumindest eine neue Entwicklung veröffentlicht werden soll. Das Bigfoot/Sasquatch-Phänomen spricht in den USA eine nennenswerte Zielgruppe an, so dass immer mal wieder Fernsehsendungen hierzu produziert werden. Oft werden die mir riesigem Tamtam angekündigt, können aber schon aufgrund ihrer Produktionsweise keine echten Ergebnisse liefern.

In diesem Fall hat sich der Dokumentarfilmer Marq Evans (tatsächlich mit q!) aufgemacht, um die Entstehung des PG-Films und dessen Hintergründe zu erforschen. Die Produktion mit dem Titel „Capturing Bigfoot“ wurde auf dem SXSW-Film & TV Festival am 16. März als kleiner Beitrag vorgestellt. Laut people-Magazin bietet sie tatsächlich neues Material: Ein kurzes Stück eines 16 mm Films, das 50 Jahre weggeschlossen gewesen sei (im Folgenden: Brooks-Film).

 

Wie kam es dazu?

„Hauptzeugin“ ist Teresa Brooks, Dozentin für Film am Olympic College (Bremerton, US-Staat Washington). Nach dem Tod ihres Vaters Norm Johnson wandte sie sich mit einer Rolle 16-mm-Film, die sie in einem verschlossenen Safe ihres Vaters gefunden hatte, an den Filmemacher und Kollegen Marq Evans. Norm Johnson hatte in den Jahren, in denen der Patterson-Gimlin-Film entstand, in einem Filmlabor von Boeing gearbeitet und stand über Johnsons Bruder Dave in Verbindung mit Patterson und Gimlin.

Evans entwickelte den Film und entdeckte einen 40-Sekunden-Clip aus dem Jahr 1966, ein Jahr vor dem PG-Film. Der Schnipsel zeigt mutmaßlich eine Generalprobe eines schlankeren „Bigfoots“, der durch ein Waldgebiet läuft, ähnlich wie im späteren PG-Film.

Evans erkannte, was er da sah, wandte sich an Cliff Patterson, den Sohn von Roger Patterson, und fragte ihn, ob er irgendwelche Informationen zu dem Probenmaterial habe. Evans war überrascht, dass der Sohn bereit war zu sprechen, erfuhr jedoch, dass dieser bereits über ein Enthüllungsbuch nachgedacht hatte, als er angesprochen wurde. Roger Patterson war gestorben, als er zwölf Jahre alt war, und er hatte seinen Sohn bezüglich des Filmmaterials belogen. Cliff habe etwa zehn Jahre zuvor von seiner Mutter erfahren, dass die Bigfoot-Sichtung ein Schwindel war.

 

Kamera und 16 mm Film
Künstlerische Darstellung einer 16 mm-Kamera und des passenden Films. Außen, außerhalb des Lochstreifens wurde u.a. das Herstellungsjahr dokumentiert

 

Was zeigt das Filmmaterial von „Capturing Bigfoot“?

Ich habe das Filmmaterial nicht gesehen und muss mich deswegen auf die Veröffentlichung im Netz verlassen. Dort steht, dass der Brooks-Film nur 40 Sekunden lang ist und an einer ähnlichen Stelle gedreht wurde, wie der PG-Film. Er soll einen etwas dünneren Bigfoot zeigen, als die bekannte Sequenz.

Markierungen am Rand des Filmmaterials zeigen, dass es 1966 aufgenommen wurde[1], im Jahr VOR der Veröffentlichung des PG-Films. Evans vermutet, dass es sich um eine Probeaufnahme handelt, die nie vernichtet wurde.

 

Welche Konsequenzen hat „Capturing Bigfoot“?

Falls es sich tatsächlich um eine Probeaufnahme handelt, ist davon auszugehen, dass der 1967 veröffentlichte PG-Film tatsächlich eine Fälschung darstellt. Der Film galt bisher als beste Aufnahme eines Bigfoots und war der Standard, an dem alle folgenden Maßnahmen gemessen wurden.

Stellt er sich als Fälschung heraus, bricht der US-Bigfoot-Szene eine wesentliche Säule weg. Das Wegbrechen ist jedoch kein Negativbeweis, letztlich hat er keinen Einfluß auf die Frage, ob es einen physischen Bigfoot gibt und wie er zoologisch einzuordnen ist.
Wenn es sich beim PG-Film um eine Fälschung handelt, zeigt sich wieder einmal, dass nur ein physischer Beweis in Form eines Körpers oder Teil davon ausreicht. Und diese fehlt nach 65 Jahren intensiver Nachsuche immer noch …

 

Bigfoot Cafe
Wer sich mit Bigfoot anlegt, trifft in den USA auf eine sehr große Gemeinde (Foto: Kingofthedead, Wikimedia Commons)

 

Plausibilität?

Natürlich muss man bei solchen (fast) 60 Jahre alten Zufallsfunden immer skeptisch sein. Daher ist eine tiefere, kritische Prüfung sinnvoll.

 

Wie sieht es inhaltlich aus?

Da ich den Film nicht gesehen habe, kann ich zum Inhalt keine Angaben machen. Zum PG-Film gab es Spekulationen, er sei einige Zeit vor dem angegebenen 20. Oktober gedreht worden, weil die Vegetation noch nicht so weit sei, also weniger herbstlich, als Ende Oktober zu erwarten. Dies lässt den Brooks-Films, der ja früher gedreht wurde, plausibler erscheinen: Wieso sollten sich Patterson und Gimlin nach einer Generalprobe mehr als ein Jahr Zeit lassen, das Ganze mit einem etwas abgeänderten Bigfoot-Kostüm noch einmal zu drehen? In der Zeit vergisst man möglicherweise, was gut und was schlecht geklappt hat – schneller ist besser.

 

Was ist mit den Schlüsselfiguren?

Die Hauptperson ist sicher Marq Evans. Angeblich ist er Dokumentarfilmer mit einigen kritischen Dokus. Die Wikipedia kennt ihn nicht, die IMDb führt nur eine Mini-Biographie mit drei Dokumentationen (2015, 2021 und 2025) vor „Capturing Bigfoot“ und ein paar Auszeichnungen. Ein bekannter Dokumentarfilmer ist er definitiv nicht.

Wieso kontaktierte Teresa Brooks also ausgerechnet ihn?

Doch richtig spannend wird es, recherchiert man ein wenig zu Teresa Brooks. Laut Veröffentlichung zu „Capturing Bigfoot“ ist sie Dozentin für Dokumentarfilm am Olympic College. Als solche sollte sie die Möglichkeit haben, den 1966er Film selbst zu entwickeln. Üblicherweise gehört die Arbeit mit heute eher ungebräuchlichen Chemiefilmen zur Ausbildung als Filmemacher, Chemikalien, eine Dunkelkammer und Know-How sollten also in ihrem Institut vorhanden sein. Da ihr bei Entdeckung der Filmdose nicht klar sein konnte, was der Film zeigt, wird sie wahrscheinlich eine mehr oder weniger relevante Sequenz aus dem Leben ihrer Eltern erwartet haben. Sowas entwickelt man selbst, wenn man die Möglichkeit hat.

Dazu erscheint merkwürdig, dass sie zwar das Material liefert, jedoch nicht selbst als Co-Produzentin auftritt, schließlich ist sie (angeblich?) vom Fach. Es scheint merkwürdig, dass sie eine Mitsprachemöglichkeit über die Deutungshoheit des Materials leichtfertig aus der Hand gibt, zumal sie familiär involviert ist.

Bisher erschien das nur seltsam, doch nun beginnen die Widersprüche: Das Olympic College führt eine Teresa Brooks auf seiner Webseite unter der Bezeichnung „Adjunct Faculty – Transitional Studies“, also als Lehrbeauftragte im Bereich Übergangsstudien. „Transitional Studies“ bezeichnet im Sinne des Colleges Kurse, die zur Qualifikation für das College-Studium führen, inhaltlicher oder sprachlicher Art. Zum Thema Dokumentarfilm finde ich dort nichts.

 

Ein Mockumentary?

Leider ist heute nicht auszuschließen, dass sich jemand auf irgend einer Ebene einen „Spaß“ erlaubt. Hat Marq Evans er das Material tatsächlich, liegt tatsächlich ein Chemiefilm vor oder ist „Capturing Bigfoot“ eher ein Mockumentary, also eine erfundene Dokumentation, deren vorgeblicher Zweck die Beobachtung der Bigfoot-Szene ist?

 

Wie so oft in Sachen Bigfoot: Man weiß es nicht.

 

Blick über Redwood-Wälder mit tiefhängenden Wolken
Wie so oft bei Bigfoot: Man weiß nicht, was die Wälder im pazifischen Westen so alles verbergen

 


Quellen

https://de.wikipedia.org/wiki/Patterson-Gimlin-Film

https://people.com/famous-1967-bigfoot-film-was-staged-says-director-of-new-doc-11926085

https://nextbestpicture.com/the-2026-sxsw-film-tv-festival-lineup/

https://en.wikipedia.org/wiki/Capturing_Bigfoot_(2026_documentary)

https://www.olympic.edu/directory/people/teresa-brooks

https://www.olympic.edu/academics/transitional-studies

https://www.imdb.com/de/name/nm6799172/?ref_=tt_cst_1_1

https://www.imdb.com/de/title/tt31457111/?

 

 

 

[1] Vorsicht! 16 mm Filmmaterial wurde am Rand mit dem Jahr der Herstellung gekennzeichnet. Normalerweise wurde solches Material schnell verbraucht, da es altert und damit die Farben verändert. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass Anfang (!) 1967 mit Material aus dem Produktionsjahr 1966 gedreht wurde. Evans weiß sicher mehr, wenn er die Jahreszeit der Aufnahme feststellen kann.

Von Tobias Möser

Tobias Möser ist Diplom-Biologie und hat zudem Geologie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Schon als Kind war er vor allem an großen Tieren, Dinosauriern, später Walen interessiert. Mit der Kryptozoologie kam er erst 2003 in näheren Kontakt. Seit dieser Zeit hat er sich vor allem mit den Wasserbewohnern und dem nordamerikanischen Sasquatch befasst. Sein heutiger Schwerpunkt ist neben der Entstehung und Tradierung von Legenden immer noch die Entdeckung „neuer“, unbekannter Arten. 2019 hat er diese Website aufgebaut und leitet seit dem die Redaktion.