PattyStandbild aus dem Patterson-Gimlin-Film
Lesedauer: etwa 10 Minuten

Die neue Bigfoot-Dokumentation „Capturing Bigfoot“ schlägt im Netz hohe Wellen

Seit einigen Tagen kursieren im Netz Informationen, die den berühmten Patty-Film von 1967 als Schwindel, als Hoax entlarven sollen.

 

Patty
Standbild aus dem Patterson-Gimlin-Film

 

Was steckt dahinter? Der Patterson-Gimlin-Film

Am 20. Oktober 1967 wurde von den Roger Patterson und Robert Gimlin ein etwa 59 Sekunden langer Film gedreht. Der Film wurde am Bluff Creek, einem Nebenfluss des Klamath Rivers in Nordkalifornien gedreht. Er zeigt, wie ein behaartes, auf zwei Beinen laufendes Wesen auf einer Sandbank eines kleinen Flusses vor den Beobachtern wegläuft. Dieses Wesen wird in der Kryptozoologie mit dem legendären Bigfoot bzw. Sasquatch gleichgesetzt, so dass der Film in der Kryptozoologie als Beleg bzw. Referenz für die Existenz dieses Kryptiden gilt.

Es gab einige Versuche, die Echtheit des Films zu beweisen bzw. zu widerlegen. Nach dem Zapruder-Film von der Ermordung John F. Kennedys ist der Patterson-Gimlin-Film (PG-Film) vermutlich die am häufigsten untersuchte Filmsequenz aus dem 20. Jahrhundert. Technisch war nie viel zu holen, zumal Unklarheiten über die Einstellung der Kamera bestand.

Dadurch wurde das gefilmte Wesen selbst zum Schwerpunkt der Untersuchungen. Aufgrund der schlechten Auflösung des Filmmaterials sind kaum Details sicher erkennbar. Das führt zu unterschiedlichen, teils hochspekulativen „Funden“ und entsprechenden Interpretationen. Eine Interpretation erkennt klar die Schwächen eines Kostüms, während andere die selben Details völlig anders deuten.

Hier prallen zwei Meinungen in der Kryptozoologie aufeinander, so dass der Film auch fast 60 Jahre nach seiner Entstehung immer noch heiß diskutiert wird.

 

Was ist neu?

Solche schwelenden Diskussionen werden in der Regel vor allem dann wieder „aufgewärmt“, wenn neues Material oder zumindest eine neue Entwicklung veröffentlicht werden soll. Das Bigfoot/Sasquatch-Phänomen spricht in den USA eine nennenswerte Zielgruppe an, so dass immer mal wieder Fernsehsendungen hierzu produziert werden. Oft werden die mir riesigem Tamtam angekündigt, können aber schon aufgrund ihrer Produktionsweise keine echten Ergebnisse liefern.

In diesem Fall hat sich der Dokumentarfilmer Marq Evans (tatsächlich mit q!) aufgemacht, um die Entstehung des PG-Films und dessen Hintergründe zu erforschen. Die Produktion mit dem Titel „Capturing Bigfoot“ wurde auf dem SXSW-Film & TV Festival am 16. März als kleiner Beitrag vorgestellt. Alle hier genannten Quellen sind Sekundärquellen, die Dokumentation selber ist bisher nicht der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Neben unterschiedlichen Medienberichten, u.a. aus dem people-Magazin gibt es eine Seite in der englischsprachigen Wikipedia, die hier als eine der Quellen genutzt wird.

Laut der Wikipedia-Seite bietet die 103 Minuten lange Dokumentation tatsächlich neues Material: Ein 40 Sekunden langes Stück eines 16 mm Films, das 50 Jahre weggeschlossen gewesen sei (im Folgenden: Brooks-Film).

 

Wie kam es dazu?

„Hauptzeugin“ ist Teresa Brooks, Dozentin für Film am Olympic College (Bremerton, US-Staat Washington). Nach dem Tod ihres Vaters Norm Johnson wandte sie sich mit einer Rolle 16-mm-Film, die sie in einem verschlossenen Safe ihres Vaters gefunden hatte, an den Filmemacher und Kollegen Marq Evans. Norm Johnson hatte in den Jahren, in denen der Patterson-Gimlin-Film entstand, in einem Filmlabor von Boeing gearbeitet und stand über Johnsons Bruder Dave in Verbindung mit Patterson und Gimlin.

Evans entwickelte den Film (Hierbei kann es sich um einen Interpretationsfehler meinerseits handeln. In mehreren Quellen steht „Evens developed the film“. Ich interpretiere das entsprechend der deutschen Verwendung von „Entwickeln“ so, dass er das belichtete Filmmaterial mit Entwickler und Fixierer behandelt hat und damit dann erst erkennbar machte. Ob die Bezeichnung „developed the film“ nicht auch bedeuten kann, dass ein bereits vorher in Entwickler und Fixierer behandelter Film digitalisiert und damit auf modernen Medien sichtbar gemacht wurde, kann ich allerdings nicht 100%ig ausschließen). Er entdeckte darin den 40-Sekunden-Clip aus dem Jahr 1966, ein Jahr vor dem PG-Film. Der Schnipsel zeigt mutmaßlich eine Generalprobe eines schlankeren „Bigfoots“, der durch ein Waldgebiet läuft, ähnlich wie im späteren PG-Film.

Evans erkannte, was er da sah, wandte sich an Clint Patterson, den Sohn von Roger Patterson, und fragte ihn, ob er irgendwelche Informationen zu dem Probenmaterial habe. Clint Patterson war der Inhalt des Filmschnipsels bekannt, angeblich habe dieser bereits über ein Enthüllungsbuch nachgedacht, als er angesprochen wurde. Roger Patterson war gestorben, als Clint zwölf Jahre alt war, und er hatte seinen Sohn bezüglich des Filmmaterials belogen. Clint habe etwa zehn Jahre zuvor von seiner Mutter erfahren, dass die Bigfoot-Sichtung ein Schwindel war.

 

Kamera und 16 mm Film
Künstlerische Darstellung einer 16 mm-Kamera und des passenden Films. Außen, außerhalb des Lochstreifens wurde u.a. das Herstellungsjahr dokumentiert

 

Was zeigt das Filmmaterial von „Capturing Bigfoot“?

Bisher wurde die Dokumentation „Capturing Bigfoot“ nur auf dem „South by Southwest (SXSW) music and film festival“ in Austin, Texas (USA) gezeigt. Neben der Brooks-Footage kommen hier zahlreiche Köpfe der US-Kryptozoologie- und/oder Bigfoot-Szene zu Wort, u.a. Bob Gimlin, Bob Hieronimus (der behauptet, im PG-Film das Kostüm getragen zu haben), Jeffrey Meldrum und Clint Patterson. Das Filmmaterial ist bisher (Stand 22.03.2026) nicht legal im Netz veröffentlicht.

 

Ich habe das Filmmaterial nicht gesehen und muss mich deswegen auf die Sekundärveröffentlichung im Netz verlassen. Dort steht, dass der Brooks-Film nur 40 Sekunden lang ist und an einer ähnlichen Stelle gedreht wurde, wie der PG-Film. Er soll einen etwas dünneren Bigfoot zeigen, als die bekannte Sequenz.

Markierungen am Rand des Filmmaterials zeigen, dass es 1966 aufgenommen wurde[1], im Jahr VOR der Veröffentlichung des PG-Films. Evans vermutet, dass es sich um eine Probeaufnahme handelt, die nie vernichtet wurde.

 

Welche Konsequenzen hat „Capturing Bigfoot“?

Falls es sich tatsächlich um eine Probeaufnahme handelt, ist davon auszugehen, dass der 1967 veröffentlichte PG-Film tatsächlich eine Fälschung darstellt. Der Film galt bisher als beste Aufnahme eines Bigfoots und war der Standard, an dem alle folgenden Maßnahmen gemessen wurden.

Stellt er sich als Fälschung heraus, bricht der US-Bigfoot-Szene eine wesentliche Säule weg. Das Wegbrechen ist jedoch kein Negativbeweis, letztlich hat er keinen Einfluss auf die Frage, ob es einen physischen Bigfoot gibt und wie er zoologisch einzuordnen ist.
Wenn es sich beim PG-Film um eine Fälschung handelt, zeigt sich wieder einmal, dass nur ein physischer Beweis in Form eines Körpers oder Teil davon ausreicht. Und diese fehlt nach 65 Jahren intensiver Nachsuche immer noch …

 

Bigfoot Cafe
Wer sich mit Bigfoot anlegt, trifft in den USA auf eine sehr große Gemeinde (Foto: Kingofthedead, Wikimedia Commons)

 

Plausibilität?

Natürlich muss man bei solchen (fast) 60 Jahre alten Zufallsfunden immer skeptisch sein. Daher ist eine tiefere, kritische Prüfung sinnvoll.

 

Wie sieht es inhaltlich aus?

Da ich den Film nicht gesehen habe, kann ich zum Inhalt keine Angaben machen.

Zum PG-Film gab es Spekulationen, er sei einige Zeit vor dem angegebenen 20. Oktober gedreht worden, weil die Vegetation noch nicht so weit sei, also weniger herbstlich, als Ende Oktober zu erwarten. Dies lässt den Brooks-Films, der ja früher gedreht wurde, plausibler erscheinen: Wieso sollten sich Patterson und Gimlin nach einer Generalprobe mehr als ein Jahr Zeit lassen, das Ganze mit einem etwas abgeänderten Bigfoot-Kostüm noch einmal zu drehen? In der Zeit vergisst man möglicherweise, was gut und was schlecht geklappt hat – schneller ist besser.

 

Ein paar Haken finde ich:

 

Liegt der Film 60 Jahre rum?

Natürlich ist es möglich, dass ein Stückchen Film 60 Jahre lang irgendwo rumliegt und nicht weiter beachtet wird. Ich melde dennoch Zweifel an dieser Version an: Ein Chemiefilm ist chemisch instabil. Das ist immanent, so funktioniert er: Licht fällt auf Silberbromid-Kristalle, einzelne Silberbromid-Kristalle zerfallen und scheiden Silber ab. Der Entwickler sorgt dafür, dass ein so betroffener Kristall komplett zerfällt und das Silber auf dem Filmmaterial verbleibt. Der anschließende Fixiervorgang sorgt dafür, dass die vorhandenen Silberbromid-Kristalle aus dem Filmmaterial herausgewaschen werden. Erst dann kann der Film ans Licht, ohne sich weiter zu verändern.

Der Faktor Zeit spielt hier keine unwesentliche Rolle. Silberbromid zerfällt mit der Zeit spontan und scheidet Silber ab, nicht umsonst werden 16 mm-Filme (und alle anderen) am Rand in regelmäßigen Abständen mit dem Produktionsjahr oder einem Code dafür beschriftet. Ältere Filme zeigen eine veränderte Lichtempfindlichkeit und verschobene Farben. Wenn der belichtete Film 60 Jahre irgendwo unangetastet in der Original-Kassette herum lag (und sei es in einem Safe), wird er nach dem Entwickeln zumindest sehr dunkle und seltsame Bilder zeigen.

Und genau hier beginnt die Sache ein wenig seltsam zu werden. Die meisten Leute, die irgendwo eine uralte Filmdose finden, werden sie aufmachen und reinschauen. Licht rein, Film kaputt, ab in die Tonne damit. Nicht so Teresa Brooks, die nicht nur eine 60 Jahre alte Filmdose/kassette als solche identifizieren kann, sondern auch direkt weiß, dass sie dort lieber nicht reinschaut und sich lieber an einen Dokumentarfilmer wendet, um sie entwickeln zu lassen.

 

Es gibt eine weitere Ecke, die nicht so ganz stimmig ist. Falls es sich um eine Probeaufnahme für die spätere Produktion des PG-Films handelt, wieso hat man sie nicht entwickelt und angeguckt? Wozu macht man sonst eine Probe?  Der einzige Grund, warum man diesen 40 Sekunden langen Film nie hat entwickeln lassen ist, dass die Probe so fürchterlich in die Hose ging, dass man mehr als nur Einzelteile des Vorhabens überdenken musste.

 

Was ist mit den Schlüsselfiguren?

Die Hauptperson ist sicher Marq Evans. Er tritt als Dokumentarfilmer auf und hat einige kritische, aber unbedeutende Dokus produziert. Die Wikipedia kennt ihn nicht, die IMDb führt nur eine Mini-Biographie mit drei Dokumentationen (2015, 2021 und 2025) vor „Capturing Bigfoot“ und ein paar Auszeichnungen. Ein bekannter Dokumentarfilmer ist er definitiv nicht.

Wieso kontaktierte Teresa Brooks also ausgerechnet ihn?

Doch richtig spannend wird es, recherchiert man ein wenig zu Teresa Brooks. Laut Veröffentlichung zu „Capturing Bigfoot“ ist sie Dozentin (in Teilzeit) für Dokumentarfilm am Olympic College. Als solche sollte sie die Möglichkeit haben, den 1966er Film selbst zu entwickeln. Üblicherweise gehört die Arbeit mit heute Chemiefilmen zur Ausbildung als Filmemacher. Chemikalien, eine Dunkelkammer und Know-How sollten also in ihrem Institut vorhanden sein. Da ihr bei Entdeckung der Filmdose nicht klar sein konnte, was der Film zeigt, wird sie wahrscheinlich eine mehr oder weniger relevante Sequenz aus dem Leben ihrer Eltern oder der Arbeit ihres Vaters bei Boeing erwartet haben. Sowas entwickelt man selbst, wenn man die Möglichkeit hat.

Dazu erscheint merkwürdig, dass sie zwar das Material liefert, jedoch nicht selbst als Co-Produzentin auftritt, schließlich ist sie (angeblich?) vom Fach. Sie gibt die Mitsprachemöglichkeit über die Deutungshoheit des Materials leichtfertig aus der Hand, obwohl sie familiär involviert ist.

Bisher erschien das nur seltsam, doch nun beginnen die Widersprüche: Das Olympic College führt eine Teresa Brooks auf seiner Webseite unter der Bezeichnung „Adjunct Faculty – Transitional Studies“, also als Lehrbeauftragte im Bereich Übergangsstudien. „Transitional Studies“ bezeichnet im Sinne des Colleges Kurse, die zur Qualifikation für das College-Studium führen, inhaltlicher oder sprachlicher Art. Zum Thema Dokumentarfilm finde ich dort nichts. Ich habe Mrs. Brooks allerdings nicht kontaktiert und befragt.

 

Ein Mockumentary?

Leider ist heute nicht auszuschließen, dass sich jemand auf irgend einer Ebene einen „Spaß“ erlaubt. Hat Marq Evans er das Material tatsächlich, liegt tatsächlich ein Chemiefilm vor oder ist „Capturing Bigfoot“ eher ein Mockumentary, also eine erfundene Dokumentation, deren vorgeblicher Zweck die Beobachtung der Bigfoot-Szene ist?

 

Fazit

Ein ernsthaftes Fazit ohne den Brooks-Film gesehen und näher untersucht zu haben, ist nicht möglich. Deswegen versuche ich gar nicht erst, ein solches zu ziehen. Leider kommen hier bereits im Vorfeld Zufälle, ungewöhnliches Verhalten der wichtigsten Beteiligten und mutmaßlich falsche Angaben zu den Schlüsselpersonen zusammen. Das legt den Verdacht eines Schwindels nahe, ohne irgend etwas beweisen zu können. Dennoch: Fragen bleiben, der Produzent ist uns ein paar Antworten schuldig.

 

Wie so oft in Sachen Bigfoot: Man weiß es nicht.

 

Blick über Redwood-Wälder mit tiefhängenden Wolken
Wie so oft bei Bigfoot: Man weiß nicht, was die Wälder im pazifischen Westen so alles verbergen

 


Quellen

https://de.wikipedia.org/wiki/Patterson-Gimlin-Film

https://people.com/famous-1967-bigfoot-film-was-staged-says-director-of-new-doc-11926085

https://nextbestpicture.com/the-2026-sxsw-film-tv-festival-lineup/

https://en.wikipedia.org/wiki/Capturing_Bigfoot_(2026_documentary)

https://www.olympic.edu/directory/people/teresa-brooks

https://www.olympic.edu/academics/transitional-studies

https://www.imdb.com/de/name/nm6799172/?ref_=tt_cst_1_1

https://www.imdb.com/de/title/tt31457111/?

 

 

 

[1] Vorsicht! 16 mm Filmmaterial wurde am Rand mit dem Jahr der Herstellung gekennzeichnet. Normalerweise wurde solches Material schnell verbraucht, da es altert und damit die Farben verändert. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass Anfang (!) 1967 mit Material aus dem Produktionsjahr 1966 gedreht wurde. Evans weiß sicher mehr, wenn er die Jahreszeit der Aufnahme feststellen kann.

 

Änderungen 22.03.2026:

  • Ich habe irrtümlich Roger Pattersons Sohn als „Cliff“ benannt. Er heißt Clint, das habe ich geändert.
  • Ausführungen zur Entwicklung von Chemiefilmen und die mögliche Fehlinterpretation des Begriffes „develope“
  • Ausdrucksweise etwas geschärft

Von Tobias Möser

Tobias Möser ist Diplom-Biologie und hat zudem Geologie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Schon als Kind war er vor allem an großen Tieren, Dinosauriern, später Walen interessiert. Mit der Kryptozoologie kam er erst 2003 in näheren Kontakt. Seit dieser Zeit hat er sich vor allem mit den Wasserbewohnern und dem nordamerikanischen Sasquatch befasst. Sein heutiger Schwerpunkt ist neben der Entstehung und Tradierung von Legenden immer noch die Entdeckung „neuer“, unbekannter Arten. 2019 hat er diese Website aufgebaut und leitet seit dem die Redaktion.