SeidenschwanzSeidenschwanz (Bombycilla garrulus)
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Seidenschwänze (Bombycilla garrulus) sind knapp starengroße Singvögel, die aus der Entfernung unscheinbar rostbraun wirken. Aus der Nähe fällt ihre attraktive und teils bunte Zeichnung sowie die aufrichtbare Federhaube auf.
Charakteristisch sind die Enden der Armschwingen, die in kleinen, leuchtend roten Tröpfchen enden, die wie aus Wachs aussehen. Dies hat ihnen den englischen Namen Waxwing beschert.

Die Tiere sind gesellig und treten meist in kleinen bis mittelgroßen Gruppen (typisch sind zweistellige Zahlen) auf. In der Brutzeit ernähren sie sich von Insekten, sonst von Beeren und größerem Obst (Ebereschen-, Wacholder-, Mistel-, Schneeball-, Liguster- und Weißdornbeeren, Hagebutten, Äpfel, Birnen und in Städten auch oft von wildem Wein). Ist ein Standort abgeerntet, zieht ein Trupp schnell weiter. Der Nahrungsbedarf der Tiere ist relativ hoch, sie benötigen täglich etwa das Doppelte Ihres Körpergewichtes. Seidenschwänze trinken relativ häufig und viel.

 

Seidenschwanz im Baum
Seidenschwanz in einer Nahrungspflanze

 

Wo kommen die Seidenschwänze her?

Seidenschwänze besiedeln die gesamte Taigazone der Nordhalbkugel, von Nordskandinavien über Sibirien, Kamtschatka, Alaska und Kanada bis zur Hudson Bay. Der Nordrand der Verbreitung entspricht hierbei dem Übergang zur Wandtundra. Die Südgrenze der Verbreitung ist weniger klimatisch, mehr durch regionale Einflüsse bedingt und kann daher stark variieren. Als Brutgebiete bevorzugen sie fichtendominierte Mischwälder mit reichem Unterholzbestand, aber auch lockere Lärchenwälder und trockene Birkenwälder nehmen sie an.

Die Tiere sind Standvögel oder Kurzstreckenzieher, die nur teilweise ziehen. Insbesondere die im Norden der Verbreitungsgebiete lebenden Tiere weichen dem Winter nach Süden aus.

 

Gruppe von Seidenschwänzen
Gruppe von Seidenschwänzen im Baum

 

Invasionsvögel?

Sporadisch kommt es zu massenhaften Invasionen der Seidenschwänze nach Mitteleuropa, teils bis in den Mittelmeerraum. Haupt-Auslöser hierzu scheint eine geringe Verfügbarkeit der Hauptnahrung im Winter, den Beeren der Eberesche zu sein. Nebenauslöser scheint eine hohe Populationsdichte zu sein, die durch vorhergehende milde Winter und mindestens eine erfolgreiche Brutsaison entsteht.

Entsteht diese Situation, wandern Seidenschwänze massenweise aus ihren gewohnten Überwinterungsquartieren ab, nach Mitteleuropa und teils bis in den Mittelmeerraum. Das letzte Mal ergab sich eine solche Situation im Winter 2008/2009, wo große Zahlen der Tiere vor allem in Bayern gezählt wurden. Ein Hinweis auf die plötzliche Häufigkeit dürfte die Tatsache sein, dass die Tiere bei der bürgerwissenschaftlichen Zählaktion „Stunde der Wintervögel“ als 15.-häufigste Art gezählt wurden.

Weitgehend unbekannt ist, ob sich die Tiere bei diesen Evasionen (Auswanderungen) totwandern oder ob sie wieder in geeignete Sommergebiete zurückkehren können. Nur ein geringer Teil der Tiere scheint tatsächlich in ihre „vorherigen“ Brutreviere zurückzufinden. Dies schließt jedoch nicht aus, dass nach einer Evasion andere geeignete Brutgebiete besiedelt werden.

 

Achtung: Invasionsvögel kommen, bleiben ein paar Wochen und verschwinden dann wieder. Sie sind nicht mit invasiven Arten zu verwechseln.

 

Seidenschwanz

 

Wo sind die Seidenschwänze aktuell?

Die diesjährige Invasion scheint im Nordosten Deutschlands zu beginnen. Aktuell werden die meisten Vögel in Vorpommern beobachtet. Jedoch ist überall rechts der Elbe, an der Ostseeküste und bis zur Weser im Westen und dem Harz im Norden mit den Tieren zu rechnen. Zusätzliche Beobachtungsschwerpunkte sind natürlich die Großstädte Berlin, Hannover und Hamburg, hier ist schwer zu bewerten, ob dies an der Zahl der Tiere oder der Beobachter liegt.

Eine aktuelle Karte der Verbreitung bringt die Plattform ornitho.de

 

Historisches

Die Invasion der attraktiven Vögel ist seit historischen Zeiten bekannt, die Gründe für das Einwandern nicht. Daher formten sich die Menschen im Mittelalter ihre eigenen Erklärungen, die in einer solchen Invasion meist ein böses Vorzeichen sahen. In den Niederlanden brachte man ihn mit Epidemien in Verbindung, so dass er dort immernoch „Pestvogel“ heißt. Ähnlich in der Schweiz, wo er Sterbevögeli genannt wird. Ein im Süden Deutschlands und in Österreich gebräuchlicher Name ist „Böhmer“ oder „böhmischer Vogel“,

Gelegentlich, aber nicht immer, gehen solche Invasionen auch mit starken Wintern in Mitteleuropa einher, so dass tatsächlich eine gewisse Koinzidenz besteht. Auch der letzte Invasionswinter 2008/2009 galt als „echter Winter“ mit heftigem Schneefall, niedrigen Temperaturen und ungewöhnlich stark zugefrorenen Gewässern.

Historische Abbildung
Historische Illustration eines Seidenschwanzes von Johann Jakob Wick, 1570. Der Künstler hat hier vermutlich ein totes Tier als Modell gehabt.

 

Weitere Einflugjahre

(die in den Jahreszahlen hinterlegten Links führen zur Quelle der Information, häufig pdf-Dateien, alle öffnen im neuen Tab)

 

Die gelegentlich in der Literatur erwähnte Invasion von Seidenschwänzen 1413 in der Nähe von Bern ist vermutlich hauptsächlich auf Bergfinken zurückzuführen. Conrad Justinger beschreibt die Tiere als „kleiner als Buchfinkel“.

1488* bei Winterthur und im Flaachthal (Schweiz), „fremde Vögel“, jedoch „größer als ein Buchfink“

1519* (zweifelhaft, nur durch eine erst 1571 verschriftlichte, mündliche Überlieferung belegt)

1552* bei Mainz und im Mainzer Bistum

Winter 1570/1571* in die Schweiz, hier wird besondere Kälte bemerkt, der Zürichsee sei überfroren und langwieriger Schnee folgte.

1662* wurden bei Zürich zahlreiche Seidenschwänze verkauft und als Bohembli bezeichnet. Sie galten als Vorboten von Unheil.

Winter 1806/1807 im Salzburger Land

Winter 1965/66, u.a. bis in die Schweiz und in Westfalen

Winter 1970/1971 u.a. im Harz (Link bei 1988/89)

Winter 1988/1989 in ganz Mitteleuropa**

Winter 1989/1990 in ganz Mitteleuropa**

Winter 2000/2001 in ganz Mitteleuropa**

Winter 2004/2005 u.a. in die Schweiz und nach  Österreich,  hier war dies die größte Invasion seit mindestens 40 Jahren, die Vögel wurden hier zwischen dem 22.11.2004 und dem 10.04.2005 beobachtet!

Winter 2012/13 in ganz Mitteleuropa

 

* Quelle

** Quelle


 

Danke an Hans-Jörg Vogel und André Kramer, die mich unabhängig voneinander auf das Thema aufmerksam machten.


 

Von Tobias Möser

Tobias Möser ist Diplom-Biologie und hat zudem Geologie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Schon als Kind war er vor allem an großen Tieren, Dinosauriern, später Walen interessiert. Mit der Kryptozoologie kam er erst 2003 in näheren Kontakt. Seit dieser Zeit hat er sich vor allem mit den Wasserbewohnern und dem nordamerikanischen Sasquatch befasst. Sein heutiger Schwerpunkt ist neben der Entstehung und Tradierung von Legenden immer noch die Entdeckung „neuer“, unbekannter Arten. 2019 hat er diese Website aufgebaut und leitet seit dem die Redaktion.