Gastbeitrag: Das schwierige Verhältnis der Zoologie zur Kryptozoologie

Lesedauer: etwa 7 Minuten
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Diesen Gastbeitrag aus Matt Bille’s Blog „Matt’s Sci/Tech Blog“ haben wir aus dem Englischen übernommen.

 

Autor ist: Matt Bille

 

Das schwierige Verhältnis der Zoologie zur Kryptozoologie

Ich mag Kryptozoologen, zumindest im Allgemeinen. Ich mag ihren nicht zu tötenden Optimismus, auch wenn er unvernünftig wird. Leute, die Rucksäcke umschnallen und in die Wälder wandern, in der Hoffnung, einen Sasquatch zu treffen, suchen zumindest nach etwas aus erster Hand. Dass Sasquatch-Jäger (ich will mich nicht nur auf „den Großen“ konzentrieren, aber er beherrscht das Thema wie ein Gigantopithecus eine Gruppe Zwergseidenäffchen) bisher nichts zur Zoologie beigetragen haben, hält mich nicht davon ab, sie zu unterstützen. Ich hoffe immer, dass sie trotz der überwältigenden Wahrscheinlichkeit, dass ein riesiges nordamerikanisches Säugetier unentdeckt bleibt, harte Beweise finden werden.

 

„Patty“, das Wesen im Patterson & Gimlin-Film, 1967 konnte nie falsifiziert werden – und ist eine Ikone der US-Kryptozoologie. Sie ist sehr auf Bigfoot / Sasquatch orientiert.

 

Falsifizierbare Hypothesen

Ich habe zuvor argumentiert, dass die Kryptozoologie theoretisch wissenschaftlich ist, allerdings sieht die Praxis anders aus. „Hier lebt Tier X“ ist eine falsifizierbare Hypothese. Allzu leicht vergisst man, dass die Kryptozoologie, trotz einer zu Recht kritisierten Überbetonung großer Tiere, ein breiteres wissenschaftliches Ansehen erlangte. Nessie und Sasquatch waren einst ernste Themen, vor allem in den 60er und 70er Jahren. Obwohl mehr Menschen denn je an die Existenz der „Star-Kryptiden“ glauben, setzen sich heute nur noch wenige Wissenschaftler damit auseinander. Das Feld ist durch sensationslüsterne oder gefälschte Fernsehsendungen, endlosen Wiederholungen der gleichen Fälle im Internet und unglaublich viele, kaum ernstzunehmende Berichten über Sasquatch-Sichtungen verbrannt.

 

Litoria mira
In anderen Teilen der Welt entdecken Kryptozoologen sogar regelmäßig unbekannte Tierarten, hier den Schokofrosch Litoria mira aus Papua-Neuguinea (Foto: Steve Richards).

 

Ich bin kein Wissenschaftler oder Feldforscher. Ich bilde meine Meinungen auf der Grundlage von gut 45 Jahren Interesses, Lesens und Diskussion ab. Sie ist in zwei sehr angesehenen Büchern und einem, einem lange verzögerten Dritten erschienen. Ich denke, die Kryptozoologie als Ganzes muss unscharfen Fotos, alten Zeitungen, angeblich verlorenen oder beschlagnahmten Beweisen (Beweise, die nicht vorlegen kann, sind keine!), entwachsen.

 

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Schatten der Existenz

Das Zeitalter der zoologischen Entdeckungen ist noch nicht vorbei. Jedes Jahr werden spektakuläre und aufregende neue Arten lokalisiert und klassifiziert, die unser Wissen über das Tierreich erweitern. Neue Wale, Hirsche, Schlangen, Haie und Vögel sind nur einige der Kreaturen, über die wir in den letzten zehn Jahren gelernt haben. Darüber hinaus verbergen die Meere und Wälder weiterhin ungelöste Geheimnisse der Zoologie. Gibt es in den Wäldern der Welt unentdeckte Großkatzen und nicht klassifizierte Affen? Lauern große Tiere unbekannter Art in tiefen Seen oder in den Ozeanen? Die Entdeckungen, Wiederentdeckungen, Kontroversen und Mysterien der modernen Zoologie sind hier in Shadows of Existence zusammengefasst, einem gründlich recherchierten und aktuellen Führer zu den Wundern der Natur.

 

Shadows of Existence: Discoveries and Speculations in Zoology ist das 2. zoologische Buch von Matt Bille. Es ist 2006 erschienen, hat 320 Seiten und ist nur antiquarisch zu bekommen.

 

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Mich stört der paranormale Faktor

Zu meinem Hauptpunkt: Der Punkt, der mich als Kryptozoologie-Sympathisant am meisten stört, ist der angeblich paranormale, psychische oder parapsychologische Faktor, der für einige Fälle vorgeschlagen wird. Ich bin mir bewusst, dass gesunde Menschen von „Erscheinungen“ berichtet haben, einschließlich tierähnlicher Erscheinungen, die psychischen Kontakt herstellten. Ich habe keinen Einblick in das, was hinter diesem Phänomen steht. Aber ich bin sicher, dass es jeden Zoologen verschreckt, wenn man ihm vorschlägt, dass Paranormales zu seinem Fachgebiet gehört.

 

Alles, was kein physisches Tier betrifft, ist nicht mehr Teil der Kryptozoologie oder gar der Zoologie. In Nick Redferns Buch Monster Diary ist ein Fall aufgeführt, in dem sich eine Säbelzahnkatze beobachtet wurde und sich in Luft aufgelöst hat. Die Tatsache, dass die Erscheinung in Form eines Tieres aufgetreten ist, macht das Ereignis nicht zum Thema der Kryptozoologie. Es kann Parapsychologie oder ein beliebiges anderes Gebiet sein, aber wenn es nicht Zoologie ist, ist es auch keine Kryptozoologie!

 

Sasquatch?
Ein Bilder mit dem vermeintlichen Sasquatch – im Gegensatz zu einer nichtmateriellen Kreatur stand er aber minutenlang still – ein Holzaufsteller vor einer Straßen-Überwachungskamera.

 

Auch Leute, die Sasquatches für nichtmaterielle Kreaturen halten, fallen unter diese Aussage. Das ist dann Teil des Themenbereiches um Erscheinungen, Geister und Paranormales. Das Ganze stellt auch keine falsifizierbare Hypothese dar: Man wird niemals beweisen können, dass eine solche Überzeugung falsch ist. Wenn bei einer gründlichen Suche ein Tier an dem Ort, an dem es gemeldet wurde, nicht gefunden wird, hat das Tier dort entweder nicht existiert oder ist weitergezogen. Einer solcher Überprüfung entzieht sich das Paranormale üblicherweise.

 

 

Echte Beobachtungen mit übernatürlichen Details?

Es gibt ein schönes Beispiel in Vietnam. Es gibt faszinierende Berichte über unbekannte Primaten, die manchmal als „Rock Apes“ bezeichnet werden. Das ist Kryptozoologie. Martin Caidins Buch Natural or Supernatural enthält einen Bericht über affenähnliche Primaten in Vietnam, die von Massenbeschuss automatischer Waffen aus nächster Nähe nicht betroffen waren. Das ist keine Kryptozoologie. (Die Leute haben zweifellos echte Begegnungen mit Tieren gehabt, die sie mit übernatürlichen Details verkleidet haben, aber solange diese Details angebracht sind, kann die Zoologie mit solchen Berichten nichts anfangen.)

 

Rhinopithecus avunculus
Der Tonking-Stumpfnasenaffe Rhinopithecus avunculus ist eine wenig bekannte Affenart aus Vietnam. Leider ist er nicht kugelsicher (Foto: Quyet Le)

 

Ich lehne die Möglichkeit einer immateriellen Realität nicht ab: Da ich an Gott glaube, glaube ich nicht, dass das materielle Universum alles ist, was existiert. Aber eine Erscheinung ist kein Tier. Es kann Berichte geben, dass sie wie ein Tier aussieht, sich sogar so verhält oder sich anhört, aber das ist nicht dasselbe. Die Kryptozoologie wird niemals der Respekt der Zoologie zurückgewinnen, wenn paranormale Wesen ein Teil davon sind. Die Erfahrungen der Menschen mit solchen „tierartigen“ Wesenheiten sind einfach Teil eines anderen Studiengebiets.

 


Der Autor Matt Bille

 

Matt Bille
Matt Bille (Foto: cryptozoonews.com)

Matt Bille ist Autor für Wissenschaft, Geschichte und Belletristik. Er schreibt vor allem zuhause im schönen Colorado Springs, Colorado, USA. Matts Interessen sind vielfältig, aber einige seiner Spezialgebiete sind Weltraum, Kryptozoologie und Landesverteidigung. Neben dem Schreiben von Büchern aktualisiert er regelmäßig Matts Sci-Tech-Blog, aus dem auch diese Kolumne stammt. Nachfolgend sind einige von Matts vielfältigen Leistungen aufgeführt.

 

Von 1982 bis 1994 arbeitete Matt als Offizier der US Air Force vor allem mit der Software von ballistischen Raketen. Nach seinem Ausscheiden 1994 hat ihn die Air Force als zivilen Berater, Analytiker und Forscher weiter beschäftigt.

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Gerüchte der Existenz

Nichts anderes heißt „Rumors of Existence“, mit vollem Titel; Gerüchte der Existenz – Neu entdeckte, vermutlich ausgestorbene und unbestätigte Bewohner des Königreichs der Tiere“ von Matt Bille. In seinem Erstlingswerk zur (Krypto) Zoologie stellt Bille seine persönliche, sehr amerikanische und recht nüchterne Sicht dieses Gebietes der Zoologie dar.
Auch wenn das Werk schon etwas älter ist, lohnt sich das Lesen besonders, denn Bille präsentiert uns andere Standpunkte, die von der oft zitierten, bigfoot-fixierten amerikanischen Kryptozoologie abweichen.

 

Rumors of Existence ist 1995 bei Hancock House erschienen und nur noch antiquarisch zu bekommen. Leider zahlt man bereits höhere Preise für brauchbare Exemplare.

 

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Spätestens seit 1992 beschäftigt sich Matt mit Zoologie, bereits im Jahr 1995 kam sein erstes Sachbuch „Rumors of Existence“ heraus, in dem er sich mit extrem seltenen Tieren befasst. Es folgten weitere Publikationen im Bereich Weltraumwissenschaften und Zoologie.  2006 folgte „Shadows of Existence„. 2008 stand er für eine Episode der Serie MonsterQuest über mysteriöse Bären vor der Kamera. Seine bisher letzte zoologische Veröffentlichung erfolgte 2011 in Form eines Artikels über Marine Monster in Legenden und Folklore.

 

Seinen Blog „Matt’s Sci/Tech Blog“ betreibt er mit großem Aufwand und viel Erfolg seit 2005.

One Reply to “Gastbeitrag: Das schwierige Verhältnis der Zoologie zur Kryptozoologie”

  1. Kryptozoologie, die nicht auf zoologisch beschreibbare Entdeckungen hinarbeitet, ist keine Kryptozoologie. Meine Rede..! 👍

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