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  • Der Ruby Creek-Vorfall

    von: Tobias Möser

     

    Bigfoot, oder Sasquatch, wie er in den westlichen Bundesstaaten der USA und in Kanada bevorzugt genannt wird, war bereits öfter Thema auf der Webseite. Diese Berichte waren sehr beliebt, so dass wir uns entschlossen haben, in lockerer Folge über mehr oder weniger bekannte Begegnungen zu berichten, sie zu hinterfragen und ihnen auf den Grund zu gehen. Der Fred-Beck-Vorfall war bereits Thema im Artikel über Bigfoots am Mount St. Helens. Hier folgt ein weiterer, ungewöhnlicher Vorfall:

    Am ruhigen Ruby Creek

    Der Ruby Creek ist eine kleine Ortschaft am Fraser River, etwa 130 km flussaufwärts von Vancouver. Sie liegt heute am Trans Canadian Highway und am Highway No. 7. Die Gegend um Ruby Creek ist traditionell von mehreren First Nations bewohnt, so die Musqueam, Sto:lo, St’at’imc, Secwepemc und Nlaka’pamux. Nachhaltig von den Weißen besiedelt wurde die Gegend in der Zeit um den Fraser-Canyon Goldrausch von 1858.  Der Goldrausch war jedoch genauso schnell vorbei, wie er gekommen war, 1860 waren die Sandbänke des Flusses ausgebeutet, viele Goldgräber zogen weiter und Ruhe kehrte ein. Damals wie heute musste jeder, der von Vancouver ins Inland wollte, an Ruby Creek vorbei. Händlern war das nur Recht.

    Lage von Ruby Creek am Fraser River in Kanada

    Reiche Fischgründe

    Die meisten der ansässigen First Nations leben zumindest teilweise vom Fischfang. Der Fraser-River ist Heimstatt für alle fünf Arten pazifischer Wildlachse, Stahlkopf-Forellen und weiße Störe Acipenser transmontanus*. Der Fischreichtum ist so hoch, dass die Fischerei immer schon die wirtschaftliche Macht hatte, jeglichen Dammbau im und am Hauptstrom zu verhindern. Traditionell werden Fische, die nicht frisch vermarktet werden, filetiert und unter Druck eingesalzen. Hierdurch verlieren sie Wasser und sind lange haltbar. So machte es auch die Familie Chapman, die in Ruby Creek lebte. Beobachter betonen, dass die Familie zu den First Nations gehörte (In Amerika ist es politisch unkorrekt, von Indianern zu sprechen. Hier hat das Wort aber einen anderen Klang, dennoch verwende ich die selbst gewählte Bezeichnung „indigen“ oder „first nations“).

    Bär mit einem Coho-Lachs: Bären sind auf den Salmon-Run angewiesen

    Lachswehr aus Ästen
    Wehr eines indigenen Volkes in British Columbia: Die Menschen sind genauso auf die Lachse angewiesen

    Der Vorfall 1941

    Die Sache begann im September 1941 (eine andere Quelle nennt den 21. Oktober), an einem klaren Tag, gegen 15 Uhr am Nachmittag. Der älteste Sohn der Familie, 9 Jahre alt, rannte zu seiner Mutter, Jeannie Chapman. Sichtlich verstört meldete er, eine Kuh käme die Berge heruntergerannt. Die beiden anderen Kinder, ein siebenjähriger Junge und ein fünfjähriges Mädchen spielten ungestört hinter dem Haus in der Nähe der Eisenbahntrasse. Die Mutter ging heraus um nachzusehen, denn der Junge war doch sichtlich verstört. Sie sah etwas, das sie zunächst für einen besonders großen Bären hielt.

    Sie rief die beiden Kinder zu sich und bat den größeren, ein Betttuch zu holen. Die Kinder kamen sofort, in der Zwischenzeit bemerkte sie, dass es sich nicht um einen Bären, sondern um einen gigantisches, menschenähnliches Wesen handelte, das mit langen Haaren bedeckt war. Es war ockerfarben und zeigte dunkle Haut an den Händen und ein dunkles Gesicht. Während der älteste Junge das Betttuch geholt hatte, konnte sich die Kreatur dem Haus auf 30 m nähern. Mrs. Chapman spannte sofort das Betttuch mit den Armen auf und baute so eine Sichtbarriere zwischen den Kindern und der Kreatur. So floh sie mit den Kindern flussabwärts ins Dorf.

    Die Kreatur drang ins Haus ein und durchwühlte das Nebengebäude gründlich. Dabei zerbrach sie eine 55-Gallonen-Tonne (fast 210 Liter) voll eingesalzenem Lachs und verteilte den Inhalt im Außenbereich. Ob die Tonne geworfen wurde oder mit einem Schlag zerbrochen wurde, ist unklar.

    Der Vater kommt nach Hause

    Gegen 6 Uhr abends kam George Chapman, Ehemann von Jeannie von seiner Arbeit als Bahnarbeiter nach Hause und fand riesige Fußspuren, den Außenbereich seines Hauses und den Schuppen verwüstet vor. Die Spuren seiner Frau und Kinder führten in Richtung des Dorfes, die riesigen Fußspuren folgten ihnen nicht. Halbwegs beruhigt durch diese Tatsache fasste George Chapman Mut und untersuchte sein Haus und den Schuppen. Im Haus fand er unter anderem braune Haare im Holz der Türstürze.

    Er fand weitere Fußspuren des Wesens stromaufwärts auf einer Sandbank, das Wesen kam aus einem alten Kartoffelfeld, war ohne besondere Richtung auf der Sandbank umhergelaufen und entfernte sich durch das Kartoffelfeld, seine Spuren verloren sich am Fuß der Hügel in dichter Vegetation. Nachdem er sicher war, dass das Wesen weg war, sammelte George Chapman seine Familie ein und bat seine Schwiegervater sowie zwei weitere Männer ein, auf sie aufzupassen, während er bei der Arbeit sei.

    Der Besucher kehrt nachts zurück

    Die Fußspuren bzw. ihre Verursacher erschien etwa eine Woche lang jede Nacht erneut, zweimal machten die Hunde, die die Chapmans mitgenommen hatten, um „exakt 2 Uhr Nachts“ einen Riesenlärm. Das oder die Wesen behelligten sie aber sonst nicht weiter und ließen Haus und Nebengebäude in Ruhe. Dennoch hielten die Chapmans es nicht aus und zogen weg, blieben aber in der Gegend.

    Der Salmon Run in British Columbia: Der Fluß ist voll mit Lachsen

    traditionell werden Lachse eingesalzen oder getrocknet

    Jeannie Chapman berichtete später, dass das Wesen etwa 7 ½ Fuß (knapp 2,30 m) groß war, einen vergleichsweise kleinen Kopf und kurzen Hals hatte. Der Körper erschien ihr sehr menschlich, außer dass die Brust gewaltig nd die Arme sehr lang waren. Die Schultern waren sehr breit und es hatte keine Brüste, so dass Mrs. Chapman es als Männchen ansah, obwohl die Genitalien im dichten Haarkleid verborgen waren. Die nackten Teile des Gesichtes und der Hände waren sehr viel dunkler als das Haar und erschienen fast schwarz.
    Außerdem berichtete Mrs. Chapman von einem gurgelnden Pfeifen, das das Wesen von sich gegeben habe.

    Vom Ruby-Creek-Zwischenfall gibt es abgepauste Fußspuren, außerdem hat es eine Untersuchung durch den US Deputy Sheriff Joe Dunn, der sich privat in dieser Gegend aufhielt.

    Bewertung

    Bei diesem Bericht gibt es eine große Menge Koinzidenten mit anderen Sasquatch-Sichtungen: Größe, Fußspuren, die Geräusche, die Jeannie Chapman beschreibt sowie die Beschreibung der schwarzen Hautfarbe.

    Das Verhalten des Sasquatch ist extrem ungewöhnlich. Die Wesen sind als sehr scheue Waldbewohner bekannt, die selbst im Falle einer Bedrohung eher mit Zeichen und Geräuschen auf sich aufmerksam machen, als sich sehen zu lassen. Doch dieser Sasquatch kommt am Tag nicht nur in offenes Gelände, das er vorher noch nicht untersucht hat. Er sucht offenbar die Nähe des Menschen bzw. zeigt offensives Interesse an Haus und Hof der Familie Chapman. Die Gründe hierfür sind unklar. Diese Wesen gelten als neugierig, aber vorsichtig. Hunger wäre sicher eine Möglichkeit, die einen Sasquatch dazu bringt, sich Menschen zu nähern, die Vorräte besitzen. Aber September bzw. Oktober (siehe oben) sollten Mastmonate für Sasquatches sein. Viele Pilze und Früchte sind reif, insbesondere Beeren und Nüsse, die letzten Lachse kommen den Fraser River hinauf. Es ist die Zeit, in der man erwarten sollte, dass Sasquatches die maximal gute Kondition erreicht haben.

    Revierverhalten ist auszuschließen. So reagiert kein Sasquatch, zumal die Siedlung am Ruby Creek, die Landwirtschaft und der Fischfang, der Bahnbau und sogar der Highway schon eine Weile existierten. In abgeschiedenen Gegenden wäre ein Angriff gegen die Hütte, wie bei Fred Beck am Ape Canyon, möglich. So etwas ist auch aus Nordkanada bekannt, aber in Ruby Creek? Zwischen Kartoffelfeldern, Weiden, der Eisenbahn und dem Highway? Das ist kein Sasquatch-Territorium mehr.

    Was tut der Sasquatch im Haus?

    Auch das Verhalten des Besuchers im Haus ist merkwürdig. Alleine die Tatsache, dass er in ein bis vor sehr kurzer Zeit von Menschen bewohntes Haus eindringt, ist ungewöhnlich. Zerstörungswut liegt Sasquatches fern. Bisher wird überall, wo sie auftreten, vorsichtiger Umgang mit menschlichen Gegenständen berichtet. Durch ihre Kraft und vermutlich eine gewisse Ungeschicklichkeit, aber auch Neugierde geht schon mal etwas zu Bruch. Aber dass sie ein Fass mit Vorräten in den Garten schmeißen und dabei zerbrechen, passt nicht recht zu dem, was sonst berichtet wird.
    Ebensowenig passt, dass George Chapman an jedem Türsturz Haare gefunden haben will. Sasquatches sind Waldbewohner. Die von ihnen offenbar bevorzugten gemäßigten Regenwälder der Westküste sind  gerade im US-Bundesstaat Washington und im Süden British Columbias extrem dicht. Ein Bewohner müsste also instinktiv immer darauf bedacht sein, sich nicht den Kopf an einem Ast zu stoßen. Da soll er sich in der Hütte an jedem Türsturz so gestoßen haben, dass er Haare dort lässt?

    Die Reaktion von Jeannie Chapman

    Nochmal zur Rekapitulation: Jeannie Chapman, mindestens dreifache Mutter, offenbar Hausfrau, erfährt von ihrem neunjährigen Sohn, dass eine Kuh den Berg herunter rennt. Der Sohn ist verstört. Wie kommt es, dass der Neunjährige ein zweibeiniges Wesen für eine Kuh hält, obwohl er zweifelsfrei Kühe kennen müsste? Welche Mutter versucht nicht zuerst, das Kind ins -vor Kühen- sichere Haus zu holen und zu beruhigen, als sich um die vermeintliche Kuh zu kümmern? Doch Jeannie Chapman den Angreifer als Bedrohung für sich und ihre Kinder, wähnt sich im Hause als nicht sicher und lässt eines ihrer Kinder ein Betttuch holen. Das ist eine geniale Idee, so kann sie gleichzeitig die Kinder vor einem Bären oder Puma verbergen und größer und bedrohlicher wirken. Hatte sie diesen Geistesblitz in diesem Moment oder gehört dieser Trick zum Repertoire ländlich lebender First Nations?

    Der Fraser River etwa auf der Hähe von Ruby Creek

    Ivan T. Sanderson in seinem Büro, 1965

    Was tut der Sasquatch, nachdem er die Hütte der Chapmans verwüstet hat? Er folgt der Familie nicht, was noch verständlich ist. Jeannie Chapman und die Kinder werden jeden Lärm geschlagen haben, zu dem sie fähig waren. Sasquatches meiden die menschliche Nähe, also auch den Lärm und es dürfte ihnen auch klar sein, dass Lärm weitere Menschen anlocken könnte. Statt ihr zu folgen, verzieht er sich durch ein -der Jahreszeit entsprechend- abgeerntetes Kartoffelfeld auf eine Sandbank im Fluss. Dort irrt er (scheinbar ziellos?) umher, um dann wieder über das Kartoffelfeld in den Wald zu verschwinden. Was macht er auf der Sandbank? Mir fällt hierzu nur eine Erklärung ein: Er hatte vom eingesalzenen Lachs gefressen und Durst bekommen. Das Umherirren könnte einfach nur bedeuten, dass er mehrere Stellen eines ihm unbekannten Geländes untersucht, ob er da ans Flusswasser kommt, ohne in den Fluß zu fallen. Danach hat er das getan, was Sasquatches tun: er ist im Wald verschwunden.

    Widersprüche

    Offenbar gibt es aber mehrere Erzählvarianten dieses Vorfalls. Die Quellen widersprechen sich im Datum des Vorfalls sowie im Verhalten der Menschen und des Sasquatch nach dem Vorfall.

    Die Location ist heute noch vorhanden und kann besucht werden. Das Haus und der Schuppen sind jedoch abgerissen worden und durch ein größeres Haus an einer benachbarten Stelle ersetzt worden. In der Nähe von Ruby Creek gibt es einen Sasquatch Provincial Park, einen ruhigen Park für Camping und Bootsfahrten.

     

    Korrekturen:

    Ich bin beim Verfassen des Artikels zwei Irrtümern aufgesessen. Ich habe George Allen Agogino als Ivan T. Sanderson abgebildet. Das Bild habe ich zwischenzeitlich ausgetauscht.
    Ivan T. Sanderson hat die Familie Chapman zweifelsfrei interviewt. Die Verwechslung mit Ivan Marx lag am Vornamen. Über die „Arbeit“ von Marx als Kryptozoologe schweigt des Autors Höflichkeit.

    Danke an Ulrich Magin für den Hinweis.

     


    Literatur:

    Wikipedia über Ivan T. Sanderson

    Wikipedia über den Fraser River Goldrausch

    Sanderson, I. T. (1960): True Magazine, March


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