Wie ein Wurm aus einer Schnecke einen Zombie macht

Lesedauer: etwa 6 Minuten
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Klassische Zombies sind nicht unbedingt mit den zerlumpten Gestalten aus Horrorfilmen identisch, die auf der Suche nach Gehirn lebender Menschen durch die Gegend schlurfen. Bei einer anderen Interpretation galten Zombies als Menschen, bei denen mittels einer – wie auch immer hergestellten – Droge der eigene Wille komplett unterdrückt wurde. Der Glaube an Zombies ist vor allem im Bereich des Voodoo weit verbreitet, weicht aber teilweise deutlich von diesen Darstellungen ab.

 

Zombie
Solche Zombies sind tatsächlich nur der menschlichen Fantasie entsprungen

 

So etwas gibt’s doch gar nicht!

Oh doch, so etwas gibt es. Im Tierreich kommt es weit häufiger vor, als allgemein bekannt ist. Einer der spektakulärsten Fälle kann sogar immer wieder in Deutschland beobachtet werden. Gerade in den feuchten Lagen Norddeutschlands, im Hinterland der Nord- und Ostsee kann man solchen Zombies begegnen.

 

Natürlich humpelt hier kein Untoter durch die Gegend, das wäre sicher bereits irgendwo in einer Zeitung erschienen. Nein, diese Zombies sind klein, erreichen gut 3 cm, aber werden selten größer als 5 cm. Sie sind gelb und tragen ihr Haus mit sich herum: Die Gemeine Bernsteinschnecke Succinea putris.

 

Bernsteinschnecke
Die kleine und eher unscheinbare Bernsteinschnecke Succinea putris (Foto: Michal Manas CC BY-SA 2.5)

 

Succinea putris lebt vor allem in feuchten Hochstaudenfluren, feuchten Wiesen, in der Nähe sumpfiger Ufer, Mooren oder verlandeter Flussarme. Als solches wären sie nicht weiter bemerkenswert, gäbe es hier nicht Leucochloridium paradoxum, einen parasitischen Saugwurm.

 

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Parasite – völlig anders und doch so ähnlich

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Klassenkampf, wie man ihn noch nicht gesehen hat.

 

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Der Wurm Leucochloridium paradoxum macht den Zombie

Leucochloridium paradoxum
Leucochloridium paradoxum, Sporozysten aus einer Bernsteinschnecke, Abb.: Arthur Looss in Heckert, G.A. 1889

Parasitische Saugwürmer (Trematoda) sind an sich nichts ungewöhnliches, es gibt sie in großer Zahl weltweit. Der bekannteste dürfte die Gattung Schistosoma sein, sie verursacht die Bilharziose beim Menschen. Doch Leucochloridium paradoxum wirkt sich völlig anders aus.

 

Die Bernsteinschnecken fressen Eier, die im Kot von Wirtsvögeln enthalten sind. Das können Rabenvögel, Spechte und Finken sein. Die Larven schlüpfen entweder noch vor dem Kontakt mit der Schnecke oder nachdem die Schnecke sie gefressen hat. Sie wandern in die Mitteldarmdrüse und differenzieren sich zu Cercarien. Diese Zwischenform hat bereits alle Organe des ausgewachsenen Tieres mit Ausnahme der Geschlechtsorgane.

Oft sind sie aber zu ungeschlechtlicher Vermehrung durch Teilung befähigt, und genau das geschieht in der Mitteldarmdrüse der Schnecke. Aus einer Cercarie können Hunderte werden. Typisch sind 100 bis 250 Cercarien.

Diese wandern dann in die Leber der Schnecke ein. Dort machen sie einen weiteren Differenzierungsschritt durch, einige wenige entwickeln sich zum Brutsack, der Sporocyste. In sie wandern die anderen Cercarien ein.

 

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Die Sporozysten bestehen aus einer Art Sack, der außer Muskulatur und Geschlechtsorganen keine weiteren abgegrenzten Organe besitzt. Sie benötigen gewaltige Mengen Nährstoffe, die sie über ihre Außenhülle aufnehmen und deren Stoffwechselprodukte sie auf dem gleichen Weg wieder abgeben. Dabei behindern sie auch andere Cercarien, sich zur Sporozyste zu entwickeln, so dass normalerweise nur eine oder zwei Sporozysten pro Schnecke entstehen.

 

Die Zombifizierung beginnt

Die Sporozysten von Leucochloridium paradoxum sind ungewöhnlich groß und sehr farbig. Sie erstrecken sich beinahe durch den ganzen Körper der Wirtsschnecke. Besonders auffällig sind sie, wenn sie die Fühler besiedeln. Hier zeigen sie eine pulsierende Bewegung (siehe Video), die durch die farbigen Bänder besonders auffällig wirkt. Die Fühler sind durch die Sporozysten enorm vergrößert, so dass die Schnecke sie nicht mehr einziehen kann.

 

Martin Siering fand diese infizierte Schnecke im Biosphärenreservat Spreewald

 

Durch Befall des Oberschlundganglions, dem Gehirn der Schnecke, verändert Leucochloridium paradoxum gezielt das Verhalten der Wirtsschnecke. Die Schnecke wird mobiler und flüchtet nicht mehr vor Licht, sondern sucht gut beleuchtete und damit sichtbare Blätter auf. Die raupenartige Bewegung der Sporozysten in den Fühlern lockt Vögel an. Sie fressen die ganze Schnecke oder wenigstens die Fühler.

 

Der Kreis schließt sich im Vogel

Im Verdauungstrakt des Vogels entwickeln sich die Sporozysten zu ausgewachsenen, geschlechtsreifen Würmern. Sie verpaaren sich in der Kloake des Vogels, die Weibchen legen Eier, die wiederum mit dem Kot ausgeschieden werden.

 

Der Vogel als Endwirt ist kaum durch diesen Wurmbefall geschwächt, zumal die adulten Tiere oft mit dem Kot ausgeschieden werden. Die Schnecke als Zwischenwirt überlebt einen Befall in der Regel nicht.

 

Diese infizierte Schnecke fand Menno Schilthuizen am Gein bei Amsterdam, 2012

 

Leucochloridium paradoxum wurde zunächst von einer Elbe-Insel bei Pillnitz nahe Dresden beschrieben. Heute kennt man Vorkommen in Polen, Weißrussland, der Umgebung von St. Petersburg, Dänemark, Schweden, Norwegen, in den Niederlanden, dem Vereinigten Königreich und in Japan. Dabei werden die Gemeine Bernsteinschnecke, Succinea putris, aber auch Succinea lauta und Omalonyx gayana befallen.

 

Bemerkenswert ist ein einziges Vorkommen auf der Südhalbkugel der Erde: Diese und/ oder eine sehr ähnliche Art befällt die endemische Schneckenart Omalonyx gayana. Diese Art gehört ebenfalls zu den Bernsteinschnecken, hat aber ein stark reduziertes Gehäuse.
Welche Vogelart als Endwirt agiert, ist ebenso unbekannt wie die Herkunft des Parasiten.

 

Wo Rodolfo Giunta diese Aufnahmen machte, ist leider nicht bekannt.

Ausblick

Es gibt noch weitere Parasiten, die ihre Wirte bis in gefährliche Situationen steuern, um ihren Zyklus zu vollenden. Wenn Interesse besteht, können wir hier ein weiteres, ähnlich spektakuläres Beispiel vorstellen. Schreibt einfach an Redaktion@netzwerk-kryptozoologie.de


Literatur:

Castillo, V.M.; González, H. (2021). „Evidence of parasitism in the semi-slug Omalonyx gayana d’Orbigny, 1835 with Leucochloridium paradoxum (Carus, 1835) sporocysts on Robinson Crusoe Island“ (PDF). Tentacle. 29: 34–35.

 

Nakao, Minoru; Sasaki, Mizuki; Waki, Tsukasa; Iwaki, Takashi; Morii, Yuta; Yanagida, Kazumi; Watanabe, Megumi; Tsuchitani, Yoshikazu; Saito, Takumi; Asakawa, Mitsuhiko (October 2019). „Distribution records of three species of Leucochloridium (Trematoda: Leucochloridiidae) in Japan, with comments on their microtaxonomy and ecology“. Parasitology International. 72: 101936. doi:10.1016/j.parint.2019.101936.

 

Carus, C.G. (1835). „Beobachtung über einen merkwürdigen schöngefärbten Eingeweidewurm, Leucochloridium paradoxum mihi, und dessen parasitische Erzeugung in einer Landschnecke, Succinea amphibia Drap. Helix putris Linn“. Nova Acta Physico-Medica. Academiae Caesareae Leopoldino Carolinae Naturae Curiosorum. 17 (2. s., v. 7, pt. 1): 85-100 + Pl. VII.

 

Heckert, G.A. 1889. Leucochloridium paradoxum. Monographische Darstellung der Entwicklungs- und Lebensgeschichte des Distomum macrostomum. Bibliotheca Zoologica. 4: 1-66 + Pls I-IV. Figure 1 on Plate 1.

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