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  • Das Nördliche Breitmaulnashorn – auferstanden von den Ausgestorbenen?

    Bekannt wurde das Nördliche Breitmaulnashorn durch Douglas Adams‘ Buch „Die letzten ihrer Art“. In diesem Buch besucht der Autor, der für komische Science Fiction bekannt ist, zusammen mit dem Zoologen Mark Carvadine einige Tiere, die vom Aussterben bedroht sind.

    Nashorn steht im trockenen, hohen Gras
    Der letzte Bulle, Sudan, im Ol Pejeta Nationalpark, 2010. Foto by Legani101, CC 3.0

    Zwischenzeitlich ist die Bedrohung Realität geworden. Nördliche Breitmaulnashörner waren einst weit verbreitet. Mit dem Austrocknen der Sahara zogen sie ins Niltal, wo sie die Ägypter antrafen – und verdrängten. Seit dem wurden die Bestände permanent dezimiert. in den 1970ern kamen sie bereits nur noch im Garamba-Nationalpark in Zaiire (heute DR Kongo) vor. Durch den Schutz paramilitärischer Wildhüter konnte der erste Tiefpunkt der Population überwunden werden. Die Anzahl der Tiere wuchs auf etwa 40 Tiere. Doch das Horn war zu wertvoll, und der Staat Zaiire brach zusammen. Gut ausgerüstete Wilderer, die über den Sudan eindrangen, schossen die Tiere in den 2000ern zusammen, das letzte bekannte freilebende Exemplar wurde 2008 erschossen.

    Die wenigen Zootiere waren nicht wirklich besser dran. Obwohl man sie in wenigen, hervorragenden Zoos zusammenzog, klappte es mit der Fortpflanzung nicht. Um sie in Stimmung zu bringen, brachte man die letzten, schon ziemlich alten Tiere nach Kenia. Die Hoffnung, sie würden unter der Sonne Afrikas „in Stimmung“ kommen, zerschlug sich bald. Permanent bewacht, blühten die Tiere zwar auf, aber Nachwuchs stellte sich nicht ein. Bis der letzte Bulle „Sudan“ am 19. März 2018 wegen Altersbeschwerden eingeschläfert werden musste.

    Damit war die Tierart de facto ausgestorben – obwohl noch zwei Weibchen lebten.

    Künstliche Besamung – künstliche Befruchtung

    Von Sudan und dem Bullen Suni liegen Spermaproben vor. Die Wissenschaftler, die mit dem Schutz der Nördlichen Breitmaulnashörner befasst sind, haben zunächst versucht, die Weibchen damit zu befruchten. Das schlug fehl, die Qualität der Samen war zu schlecht.

    Eine örtlich fixierte Eizelle, die mit einer dünnen Nadel angebohrt ist
    Injektion einer Samenzelle in eine Eizelle. Foto: Roger Abdelmassih

    Auch die Versuche, künstlicher Befruchtung wurde schwierig. Die Samenqualität ist so schlecht, dass die Samen selbst in der Retorte nicht in die Eizellen eindringen konnten. So war eine Übertragung der Kerne in die Eizellen notwendig. Auf diese Weise konnten sie sieben von zehn Eizellen erfolgreich befruchten. Ob sich aus den befruchteten Eizellen auch Embryonen entwickeln, ist ungewiss.
    Wenn Embryonen entstehen, kann man sie auch Kühen des nahe verwandten Südlichen Breitmaulnashorns implantieren. Das Verfahren ist bei anderen Arten erprobt und funktioniert routiniert.

    Und was, wenn nicht?

    Für den Fall, dass die erprobten Methoden nicht funktionieren, haben die Wissenschaftler noch einen letzten Plan in der Hinterhand. Das Tean um Cesare Galli von dem Labor Avantea in Cremona in Italien arbeitet an einer Stammzelltechnik. Sie versuchen, erhaltene Körperzellen auf den Status „Stammzelle“ zurück zu programmieren, um sie dann in Ei- und Spermazellen zu differenzieren. Damit könnte man dann die genetische Vielfalt schaffen, die für eine gesunde Population notwendig ist.


    Ein Vorgehen, das Fragen aufwirft, viele Fragen

    ein Kommentar von: Tobias Möser

    Wir haben es geschafft! Aus Profitgier und Dummheit hat die Menschheit eine der ikonischsten Tierarten auszurotten. Es gibt keinen anderen Grund für ihr Verschwinden, außer dass Menschen sie abschießen, um an das Material ihres Hornes zu kommen. Wir können hier keine Umweltveränderungen, Krankheiten, auf natürliche Weise einwandernde Tiere oder einen reduzierten Genpool vorschieben: Nur die Menschheit alleine ist an dem Aussterben schuld!

    Jetzt investieren wir vier Millionen Euro in diese Züchtung. Da bleibt eine einfache Rechnung: ein Kilo Nashorn, egal welcher Art, erzielt auf dem Schwarzmarkt etwa 54.000 Euro „Großhandelspreis“. Ein ausgewachsenes Nashorn trägt etwa 3 kg davon mit sich herum, es ist also etwa 162.000 Euro „wert“. Mit diesen vier Millionen könnte man also gut 25 Nashörner „finanzieren“. Mit dem 26. Nashorn würde man bereits Gewinn erzielen.

    Diese Überlegung ist böse, zugegeben. Doch so lange der Schwarzmarkt für das Horn noch existiert, werden sogar Zootiere in ihren Gehegen erschossen, selbst in Museen wird für das Horn eingebrochen. In dieser Situation wird kein Nashorn wirklich frei als Teil der Natur leben können. Wir schaffen also gut zu bewachende Zootiere.

    Nur Zootiere?

    Dermoplastik eines Riesenalkes
    Dermoplastik eines Riesenalkes, Museum Braunschweig

    Zootiere schaffen wir noch aus einem anderen Grund. Die genetische Basis ist sehr gering. Die Keimzellen stammen nur von vier Tieren, von denen eines der Vater von mindestens einem der Weibchen ist. Diese Basis reicht nicht aus, um eine gesunde Population zu bilden. Spätestens nach drei Generationen ist ein Inzuchtkoeffizient erreicht, der die Gesundheit der Tiere gefährdet. Missbildungen sind möglich. Bedrohlicher, aber weniger auffällig sind genetische Defekte, die in einer gesunden Population nicht auffallen würden, früher oder später aber homozygot auftreten.

    Bei einer Basis von vier Tieren kann man das Aussterben der Art also nur um 20 bis 60 Jahre verzögern.

    DNA oder Genome? Genome!

    Eine wirkliche Chance für die Wiederherstellung des Nördlichen Breitmaulnashorns sehe ich nicht. Die wenigen Tiere, die in einem solchen Projekt entstehen können, können selbst unter optimalen Umständen – keine Jagd, keine Lebensraumvernichtung mehr – die ökologische Funktion der Art nicht übernehmen. Selbst wenn aus 10 Museumsexemplaren weitere Keimzellen produziert werden könnten (was noch nicht fest steht), reicht auch hier eine Basis nicht aus.

    Bisher ist die Gewinnung von Keimzellen aus Körperzellen noch nicht etabliert, um es vorsichtig auszudrücken. Wie das mit Zellen aus konserviertem Museumsmaterial funktionieren soll, ist eine weitere Frage. DNA ist zwar sehr stabil, unter geeigneten Umständen – und die sind in Museumssammlungen durchaus vorhanden – kann sie über hunderte Jahre überdauern. Genauer gesagt: sie ist chemisch so stabil, dass Teile des Genoms sequenziert werden können. Für eine Keimzelle wird aber ein vollständiges, funktionelles Genom benötigt. Die Frage ist, wie es die Konservierung bei Bälgen, Dermoplastiken, Feucht- und Trockenpräparaten „überlebt“.

    Bildlich gesprochen könnte man hier folgenden Vergleich aufstellen: Das, was an DNA aus alten Präparaten sequenziert wird, entspricht einzelnen Textsequenzen eines geschredderten Buches, dessen Schnipsel einige brutale Behandlungen über sich ergehen lassen mussten. Im Vergleich dazu besteht ein Genom aus dem vollständigen, noch gebundenen Buch.

     

    Zootiere, wozu?

    Betrachtet man die Aktion aus einem anderen Blickwinkel, erscheint sie sinnvoller. Hier könnten weitere ausgestorbene Tiere erzeugt werden, beispielsweise die Wandertaube, der Carolina-Sittich oder der Beutelwolf. Sogar der Riesenalk, Quagga und Dodo kommen in Reichweite. Ziel kann nie eine ökologisch funktionierende Population sein, sondern eine Gruppe von Zootieren.

    Kolorierte Zeichnung eines Dodos und eines Meerschweinchens
    Die berühmte Zeichnung „The Dodo and the Guiney Pig“ von George Edwards. Stimmen die Propotionen des Vogels?

    Doch wozu der Aufwand für ein paar Zootiere? Wir würden eine Art Jurassic Park schaffen, aber mit Tieren, die im Anthropozän ausgestorben sind: Fancy Animals werden sie auf englisch genannt.
    Neben dem Show-Effekt kann man diese Tiere studieren. Die Hardware, also Anatomie und Morphologie zahlreicher, auch neuzeitlich ausgestorbener Tiere ist oft bekannt. Doch selbst bei angeblich relativ gut dokumentierten Tieren, wie dem Dodo ist ein natürlicher Habitus unbekannt: alle Abbildungen zeigen vermutlich mit Schiffszwieback fett gemästete Tiere. Das Verhalten, die Software, ist weitgehend unbekannt.

    Einige Verhaltensweisen sind genetisch fixiert, auch diese würde man dann bei solchen Tieren feststellen. Beim vor etwa 80 Jahren ausgestobenen Beutelwolf weiß man nur, wie er sich langsam fortbewegte. Einzelberichte zeugen von Hüpfen, wie bei den verwandten Kängurus. Stimmt das? Beschleunigte er so vielleicht?
    Eine festgeschriebene Software könnte so studieren, aber die freien Anteile fehlen: Alles das, was die Tiere an Traditionen hatten, die sie von ihren Eltern bzw. der Mutter lernen, ist mit dem Aussterben verschwunden. Großkatzen müssen den Tötungsbiss abgucken, Bären lernen, wie man Fische fängt. Viele Pflanzenfresser lernen durch Nachahmen, welche Pflanzen fressbar sind und welche nicht.

    Kann man solche Tiere aussetzen? Ist es vertretbar, Tiere in die Umwelt zu entlassen, von denen man annehmen muss, dass ihnen zum Überleben Wissen fehlt? Es passiert täglich tausenfach, mit Besatzfischen, für die Jagd gezüchteten Fasanen und anderen Tieren. Passiert das im Rahmen der Forschung, hat man wenigstens die Chance und die Möglichkeit, verhungernde Tiere wieder einzufangen. Aber man hat auch die Chance zu sehen, wie sie auf ihre Umwelt, Artgenossen und Konkurrenten reagieren.

    Ein ökologischer Ersatz sind sie nicht (mehr), selbst wenn man sie in großer Zahl nachziehen könnte: Die Umwelt hat sich ohne diese Arten verändert.

    (k)ein Platz mehr in der Umwelt?

    Kakapo-Portrait von Kimberley Collins
    Der Kakapo ist mittlerweile ein solches Fancy-Animal geworden. In den allermeisten Teilen seines Verbreitungsgebietes ausgestorben und nur noch mit Hilfe überlebensfähig.
    Foto: Kimberley Collins, auf Dusky Island

    Auf Tasmanien fehlt der Apex-Predator, Beutelteufel und Füchse nehmen teilweise seine Funktion ein. In Nordamerika fehlt ein Zugvogel, der zu zig Millionen den Kontinent besiedelt hat. Von so einem Vogel hängen Fressfeinde ab, aber auch Pflanzen, die er verbreitet, Zugwege, die er düngt, und so vieles mehr. Fehlt er, verschiebt sich die Baumgesellschaft in den Wäldern, die Pflanzenzusammensetzung der Plains, die Zahl der Räuber.

    Die so gezüchteten Tiere wären Fancy Animals, Liebhaber-Tiere. Mit ihrem (langsamen) Aussterben haben andere Tiere Teile ihrer ökologischen Funktion übernommen. Teilweise hat die Umwelt durch andere Anpassungen reagiert:

    Ein großer Pflanzenfresser wie das Nördliche Breitmaulnashorn ist ökologisch nicht einfach durch andere, kleinere Pflanzenfresser ersetzbar. Fehlt es, können diese zwar die frei werdende Biomasse fressen, vielleicht nimmt sogar ihre Zahl zu. Aber die Auswirkungen sind nicht dieselben. Wie viele Pflanzenarten sind auf die kurze Beweidung angewiesen. Was ist mit Pflanzen, die Zebras oder Schwarzbüffel stehen lassen würden? Wie viele Pflanzen sind auf die Verbreitung mit dem Kot von Nashörnern angewiesen, weil die Verdauungssysteme anderer Pflanzenfresser die Samen angreifen? Fehlt ein Knoten, verändert sich das Netzwerk. Wir merken es kaum, weil es zu langsam geht – und weil wir selbst wesentlich größere Umweltveränderungen verursachen.

    Lektion gelernt?

    Würden die Schafzüchter heute Beutelwölfe auf Tasmanien dulden? Könnten nordamerikanische Farmer damit leben, wenn 10 Millionen Wandertauben auf ihren Feldern Weizen fressen? Ist in 20 Jahren in Afrika überhaupt noch Platz für Nashörner?

    Einmal ausgerottet bleibt ausgerottet, selbst wenn dann einige Fancy-Animals in den Zoos etwas anderes suggerieren würden. Vielleicht ist das die Lektion, die die Menschheit aus der Sache lernen kann…

     


    * Warum wir wissenschaftliche Namen nicht kursiv schreiben:

    Wir wissen natürlich, dass man wissenschaftliche Namen in Texten kursiv schreibt. Wir würden das auch hier gerne machen, leider hat unser Template genau in dieser Funktion einen Bug (technischen Fehler). Dieser Fehler sorgt dafür, dass eine kursive Formatierung immer gleichzeitig fett hervorgehoben wird. Außerdem wird im Fließtext, jedoch nicht in Kurzzusammenfassungen und Suchmaschinentexten ein weiteres Leerzeichen vor und hinter dem Text angezeigt.
    Daher haben wir uns entschieden, wissenschaftliche Namen nicht kursiv zu schreiben, bis wir eine Lösung für das Problem gefunden haben.


  • Freitagnacht-Kryptos: Rätselhafte Dendrogramma

    Im Archiv kramte: Tobias Möser

     

    Kryptozoologie, wie sie im Internet meist verstanden wird, befasst sich mit großen und noch unentdeckten Tieren. Optimal ist noch, wenn sie furchteinflössend, legendär und ein wenig gefährlich sind. Yeti, Bigfoot, Nessie und wenns sein muss auch noch ein Kongamato, drunter ist es uninteressant. Dabei ist gerade bei den kleineren Tieren eine Menge zu finden. Es gibt Kryptide, die nahezu jedermann entdecken kann, ohne unglaubliches Glück zu haben. Hier gibt es Rätsel, die man sich bei den Großen nicht vorstellen kann.

    Die Dendrogramma sind so etwas. Doch was sind Dendrogramma?

    Hier folgt der Originalartikel vom 6.9.2014 aus dem Kryptozoologie-Online-Forum:

    Stämme sind die eine der höchsten systematischen Ordnungen im Tierreich. Derzeit werden bei den mehrzelligen Tieren etwa 30 Stämme unterschieden, z.B. die Arthropoden, Mollusken oder Chordatiere.

    Die meisten Stämme sind sehr artenreich und mannigfaltig, aber es gibt auch einige wenige kleinere. Dem entsprechend selten werden Organismen entdeckt, die keinem der bekannten Stämme zugeordnet werden können. Doch möglicherweise ist genau das vor kurzem wieder passiert.

    Rätselhafte Dendrogramma

    Dendrogramma ein Holotyp vor schwarzem Hintergrund
    Dendrogramma enigmatica, seitliche Sicht (oben), nach Schrumpfung durch Konservierung. Foto: Just J, Kristensen R, Olesen J, CC 4.0

    Bereits 1986 sammelten Forscher mit Hilfe eines Epibenthosschlittens zwei Tierarten auf dem Meeresboden vor Australien. Diese Geräte, eigentlich eine Art Korb, der über den Meeresboden gezogen wird, schneiden die oberste Schicht des Meeresbodens aus und nehmen alles mit, was darauf und darin lebt. Das wird in der Regel konserviert, archiviert und erst mal in einer Museumssammlung eingelagert. Dann muss man später „nur noch“ die Proben durchsuchen und bestimmen, was man denn da gefangen hat.

    Tatsächlich fand man dort auch unbekannte Tiere. Sie waren pilzförmig, 8 bis 11 mm hoch und hatten einen Durchmesser von bis zu 17 mm. Sie verfügen über einen kompletten Verdauungsapparat und möglicherweise sogar eine Art Schwimmboje.

    In 400 bzw. 1000 m Tiefe fanden die Forscher diese Organismen, die sie mit Dengrogramma enigmatica und D. discoides benannten. Nach 28 Jahren wurden sie von Dorte Janussen vom Senckenberg Forschungsinstitut in den Sammlungsproben entdeckt, und als etwas Besonderes erkannt, weil sie keinem der bekannten Stämme zugeordnet werden können.

    In Formaldehyd konserviert

    Zahlreiche Dendrogramma-Funde vor schwarzem Hintergrund mit Erklärungen
    Weitere Dendrogramma-Exemplare, ebenfalls nach Konservierung. Foto: Just J, Kristensen R, Olesen J, CC 4.0

    Leider erschwert die Konservierung auch die Bestimmung. Um die fragilen Körper zu schützen, haben die Forscher damals mit Formaldehyd fixiert. Hierdurch ist eine DNA-Analyse unmöglich. „Aufgrund seiner Formolfixierung eignet sich Dendrogramma leider nicht für molekularbiologische Untersuchungen, die seine Abstammung besser klären könnte“, erklärt Janussen.

    Dendrogramma teilt die Merkmale von Rippenquallen (Ctenophora) und Korallentierchen (Cnidaria), lässt sich aber gerade deswegen keinem der beiden Tierstämme zuordnen. Die Erstbeschreiber um Jean Just fanden bei den Tieren weder Nesselzellen noch Tentakeln – dann könnte man sie den Cnidariern zuordnen. Auch das typische Sinnesorgan der Ctenophora, das Apikalorgan, konnten sie nicht ausmachen.

    Janussen ist da anderer Meinung: sie findet Verbindungen zur heute noch rätselhaften Ediacara-Fauna, will aber Dendrogramma nicht einordnen. „Die Ähnlichkeit mit Ediacara-Fossilien ist zwar vorhanden, aber nicht aussagekräftig“, sagt die Meeresbiologin. „Schon die Zuordnung dieser Fossilien ist umstritten.“

    Um das Rätsel um die kleinen, pilzförmigen Tiere zu lösen, muss vor allem eins her: Mehr und besser konserviertes, im Idealfall auch lebendes Material.

    Die Wissenschaft hat festgestellt…

    Das war der Stand von 2014, als diese Meldung das erste Mal im damals schon im Niedergang begriffenen Forum von Kryptozoologie-online erschien. Zwischenzeitlich ist die Wissenschaft an frisches Material gekommen. Forscher haben genetische Analysen durchgeführt, lebende Tiere untersuchen können und sind schließlich zu einer Einordnung gekommen.

    Zunächst einmal die „schlechten Nachrichten“: zu einem der Stämme, aus denen sich die Ediacara-Fauna zusammensetzt, konnten die Dendrogramma nicht zugeordnet werden. Das wäre auch seltsam, da es bisher kaum wirkliche Aussagen über die Einordnung der Ediacara-Fauna gibt.

    Die Ediacara-Fauna

    Künstlerische Darstellung eines Biotops mit Ediacara-Lebewesen
    So stellt sich Künstler John Sibbick einen Biotop mit zahlreichen unterschiedlichen Ediacara-Lebewesen vor.

    Die Ediacara-Fauna ist nach den Ediacara-Hills im Outback von Australien, etwa 350 km nördlich von Adelaide benannt. Sie besteht aus präkambrischen Lebewesen, von denen Weichkörper fossil erhalten sind. Hartteile hat das Leben zu dieser Zeit noch nicht entwickelt. Die relativ artenarme Fossilgemeinschaft besteht aus etwa 280 Taxa, von denen etwa die Hälfte Spuren darstellt. Die Zuordnung der Organismen zu später lebenden Formen ist unklar und bestenfalls umstritten.

    Bisher ist nicht einmal klar, ob es sich um Einzeller, Pilze, Pflanzen oder Tiere handelt oder ob sie möglicherweise ein siebtes Reich (nach Bakterien und Archaeen) bilden. Um nicht namenlos zu bleiben, haben die Wissenschaftler den provisorischen Namen Vendobionten nach dem Zeitalter des Vendiums vergeben.

    Die meisten der Organismen leben auf dem Boden, einige Arten scheinen mobil gewesen zu sein. Nur wenige Arten zeigten Ansätze von Skelettstrukturen, viele Arten waren bilateralsymmetrisch und sehr dünn.

    Erste Formen der Ediacara-Fossilien traten nach derzeitigen Erkenntnissen vor etwa 610 Millionen Jahren auf. Die letzten Ediacara-Gemeinschaften fand man in Gesteinen, die etwa 542 Millionen Jahre alt waren. Damit starben sie an der Grenze zum Kambrium aus.

    Nicht nur in Ediacara

    Fossil einer großen Dickinsonia
    Fossil einer großen Dickinsonia

    Ediacara-Fossilien hat man nicht nur in den Ediacara-Hills gefunden, sondern an etwas mehr als vierzig Fundorten auf allen Kontinenten. Wichtige Fundorte sind neben den Ediacara-Hills der Südosten Neufundlands, die Küstenregion des Weißen Meeres in Russland und der Kalahari-Kraton in Namibia.

    Neuere Untersuchungen aus dem letzten Jahr zeigten eine für Tiere typischen Biomarker bei einem typischen Ediacara-Vertreter: Dickinsonia. Dieser ähnelt dem Cholesterin und entsteht, wenn tierische Fette zerfallen. Eine geringe Menge von Biomarkern deutet auf pilztypische Verbindungen hin, die für Einzeller charakteristischen Moleküle fehlten weitgehend. Ob man daraus schlussfolgern kann, dass es sich bei Dickinsonia um ein Tier handelt, muss jeder selbst entscheiden. Ein Schluss auf andere Ediacara-Fossilien, die nicht näher mit Dickinsonia verwandt waren, erscheint mir gewagt.

    Doch was sind die Dendrogramma nun?

    Durch die genetische Untersuchung konnte man die Dendrogramma tatsächlich einordnen. Sie stehen in einer bereits bekannten Familie, den Rhodalijdae in der Ordnung der Staatsquallen oder Siphonophorae, gehören also zum Stamm Nesseltiere.

    Sie stehen dort ziemlich am Rand, weitere Erkenntnisse könnten durchaus eine neue Einstufung ergeben. Andererseits: Die Staatsquallen gehören zu den ungewöhnlichsten Tieren überhaupt. Da passt so etwas ungewöhnliches wie die Dendrogramma ganz gut rein.

     


    Dieser Beitrag ist in der Reihe „Freitagnacht-Kryptos“ erschienen und unterliegt dem Urheberrecht des oben genannten Autors.

    Beiträge, die mit einem Autorennamen gekennzeichnet sind, geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

    Kontaktanfragen an den Autor bitte durch die Redaktion.


  • Die verlorene Stadt im Dschungel – ein Hotspot der Artenvielfalt

    Durch das Zusammentreffen von nordamerikanischer und südamerikanischer Fauna und Flora gilt die mittelamerikanische Landbrücke als eine der artenreichsten Regionen der Erde. Länder wie Belize haben sich die Vielfalt auf unterschiedliche Arten zunutze gemacht. Ökotourismus ist eine davon, Forschungslizenzen für Biotech-Konzerne ist eine andere.

    Doch im benachbarten Honduras hat man dieses Geschenk der Natur lange als – nunja- naturgegeben hingenommen. Urwaldrodung für Edelhölzer oder um Ackerland für die ständig wachsende Bevölkerung zu gewinnen, ist leider immernoch an der Tagesordnung. Die Regierung versucht mit großem Einsatz, Ökotourismus und damit eine nachhaltige Nutzung zu schaffen. Dennoch gehen jährlich 3000 km² Wald verloren.

    Eine versunkene Stadt

    Da hört es sich märchenhaft an, wenn eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern in einem abgelegenen Tal des Mosquitia-Regenwaldes eine verlassene Stadt findet. Eine Stadt, die sich der Dschungel zurückgeholt hat. Eine Stadt, die seit Jahrzehnten bekannt war, von der aber niemand genau wusste, wo sie lag. Die Legende von der „Weißen Stadt“ geht auf einen Bericht des Konquistadors Hernán Cortés zurück, der dort enorme Reichtümer vermutete.

    Arrangement aus Lederhut, Kompass und Notizbuch
    Verlorene Städte wirken magisch anziehend auf jede Art der Abenteurer

    Berg mit Maya-Ruine zwischen Bäumen
    Leider ist auch die Zahl der Maya-Städte, die noch im Dschungel verborgen sind, gering.

    Hueitapalan, so der überlieferte indigene Name der Stadt hat Abenteurer wie Schatzsucher seit Jahrzehnten fasziniert. Ein Ziel für die Indiana Jones‘ Mittelamerikas. Doch auch seriöse Forscher, vor allem Archäologen und Historiker waren an der „Weißen Stadt“ oder „Verlorenen Stadt des Affengottes“ mehr als interessiert. Der Legende nach soll die Stadt von hohen, weißen Mauern umgeben gewesen sein. Im Zentrum des Ortes soll sich eine gigantische Statue eines Affengottes erhoben haben. Niemand, den der Affengott sah, sei je zurückgekehrt, so die Legende.

    2012 wurde aus der Legende zumindest teilweise Gewissheit. Ein interdisziplinäres Team um die Filmproduzenten Steven Elkins and Bill Benenson  entdeckten erste konkrete Hinweise. Mittels Airborne Laser Mappings konnten sie Ruinen in der dichten Vegetation ausmachen. 2015 berichtete ein Team um den Archäologen Christopher Fisher von Artefakten aus der Gegend, einschließlich Ruinen und steinernen Tierskulpturen.


    Lage des Rio Plátano-Nationalparkes, die Weiße Stadt soll irgendwo in dem Nationalpark verborgen sein.

    Humanoide Figuren mit dreieckigem Kopf

    Vor Ort fanden die Forscher dann Überreste von Plätzen, Erdwällen und der fast unvermeidlichen Pyramide. Das US-amerikanisch-honduranische Team fand in den Ruinen über 200 Steinskulpturen. Die Bewohner hatten sie offenbar gezielt zusammengebracht und auf einem Boden aus rotem Lehm arrangiert. Im Zentrum stand eine rätselhafte und faszinierende Staute eines Geiers mit halb gespreizten Flügeln. Der Geier wiederum war von Ritualgefäßen umgeben, die mit weiteren Geiern oder Schlangen dekoriert waren. Einige dieser Gefäße trugen eine seltsame, humanoide Figur mit großem, dreieckigem Kopf, hohlen Augen und einem offenen Mund über einem wie ausgedörrt wirkendem Körper.

    Fisher interpretiert diese Figuren als „Todesfiguren“, möglicherweise ein getrockneter Leichnam eines Ahnen, der für ein Begräbnis vorbereitet wurde. Vor dem Hintergrund, dass diese Gefäße um eine Geierstatue arrangiert wurden und keine Gräber im Umfeld der Stadt zu finden waren, sind andere Interpretationen möglich.

    Eine Affengottstatue fanden die Archäologen nicht.

    Ein Todesritual für die Stadt?

    Die Forscher glauben, die wertvollen, aber nicht unbedingt nützlichen und schwer zu transportierenden Steingegenstände wurden gezielt in der Form eines Schreines aufgebaut. Viele Gefäße haben die Bewohner rituell unbrauchbar gemacht, in dem sie ihnen ein Loch in den Boden schlugen. Ebenso ein mehr als 90 cm langer Mahlstein aus wertvollem Basalt, der in sechs Teile zerbrochen war – offensichtlich mit Absicht, Basalt bricht nicht so schnell.

    Dschungelszene mit Baumstamm, Lianen und Palmfarn
    Im dichten Dschungel Mittelamerikas verbirgt sich möglicherweise noch mehr…

    Baum mit verschlungenen Brettwurzeln
    Warum haben die Bewohner die Weiße Stadt verlassen und wo sind sie hingezogen?

    All das deutet darauf hin, dass die Weiße Stadt nicht etwa ausstarb, sondern absichtlich verlassen wurde. Das Arrangieren und Unbrauchbarmachen der rituellen Skulpturen könnte ein Abschiedsritual gewesen sein – und gleichzeitig bittere Notwendigkeit:

    Wenn die Bevölkerung sich entschließt, warum auch immer eine Stadt zu verlassen, dann wird sie eher leichtere Gegenstände mitnehmen, die sie täglich braucht. Das nicht weniger wichtige Rituelle wird sich auf kleinere Gegenstände wie Figurinen beschränken.

    Auch das Zerbrechen der Kultgegenstände ist sinnvoll, so können sie nie wieder von anderen (möglicherweise von einem Feind) zu niederen Zwecken missbraucht werden. Dieses Vorgehen kennen Archäologen auch aus anderen Kulturen, auch aus Mitteleuropa. Ein berühmtes Beispiel ist der Fischerring des Papstes, der nach seinem Tod zerstört wird. Weniger „heilig“, aber mit der selben Intuition werfen Mitglieder slavischer Völker die Gläser an die Wand, wenn aus ihnen auf ein ganz besonderes Ereignis getrunken wurde.

    Die Kleinräumigkeit schafft Lebensräume

    Die noch unbenannten Bewohner von Hueitapalan lebten hier zwischen etwa 1000 n.Chr. und 1400, nach anderen Angaben etwa 1520, zur Zeit des ersten Kontaktes mit Europäern. Wieso sie die Weiße Stadt verlassen haben, ist unbekannt.

    Bekannt ist aber, dass sie mit ihrer Stadt und deren Verfall eine Vielzahl von Nischen für Pflanzen und Tiere schufen. Ein spezialisiertes Team von „Naturschutzwissenschaftlern“ der us-amerikanischen Non-Profit-Organisation Conservation International hatte bereits 2017 eine dreiwöchige Exkursion nach Hueitapalan unternommen. Sie fanden in der kurzen Zeit eine unglaubliche Artenvielfalt in der Weißen Stadt: 198 Vogelarten, 40 kleinere Säugetiere, 56 Amphibien- und Reptilienarten, 30 große Säugetiere und 94 Schmetterlingsarten konnten sie zählen. Ihr Bericht erschien Anfang Juli 2019.

    Zu den Arten, die den Wissenschaftlern über die Füße liefen, gehörten auch einige Arten, die in Honduras gar nicht mehr vorkommen sollen, oder die als ausgestorben galten. So fanden sie Peters Spießblattnase (Phylloderma stenops*), eine Langnasen-Fledermaus, die in Honduras lange nicht mehr nachgewiesen wurde. Besonders bemerkenswert war ein Sandlaufkäfer, der bisher nur aus Nicaragua bekannt war und als ausgestorben galt.

    Soldatenara
    Wie viele Großpapageien ist auch der Soldatenara vom Aussterben bedroht.

    Jaguar liegt im Schatten des Regenwaldes
    Auch Jaguare kommen in der Umgebung der Weißen Stadt vor – und wurden offenbar von ihren Bewohnern verehrt.

    Auch der große Soldatenara Ara ambiguus ambiguus kommt hier vor, ebenso wie 22 Tierarten, die bisher in Honduras nicht bekannt waren. Unter den großen Säugetieren war die gesamte „Prominenz“ Mittelamerikas vertreten: Jaguare, Ozelots, Pumas, Pekaris und viele andere. Eine Erstentdeckung ist auch dabei, ein lebendgebärender Fisch, der der Wissenschaft bisher unbekannt war.

    Wie in einem Indiana-Jones-Film

    „In der heutigen Welt scheint das wie eine Geschichte aus den ‘Indiana Jones’-Filmen zu klingen. Aber der sensationelle archäologische Fund in dem unerforschten Dschungel war für die Entdecker, die sich dorthin wagten, genauso wirklich wie überraschend.“
    Aus der Pressemeldung von Conservation Intl. vom 21. Juni 2019

    Tod Larson, der Leiter des Teams vor Ort fügte hinzu: “Die ‘Weiße Stadt’ ist eines der wenigen Gebiete in Mittelamerika, in denen ökologische und evolutionäre Prozesse intakt geblieben sind.” Daher sei es unmittelbar nötig, das Gebiet zu schützen: „Einer der Hauptgründe, warum wir einen so hohen Artenreichtum und eine so große Zahl bedrohter und weit verbreiteter Arten (z. B. Pekari) festgestellt haben, ist, dass die Wälder rund um die Weiße Stadt im Gegensatz zu weiten Teilen der Region unberührt sind.

    Dies macht das Gebiet zu einer hohen Schutzpriorität für die Aufrechterhaltung einer breiteren Landschaftskonnektivität, die für die langfristige Erhaltung der biologischen Vielfalt in Mittelamerika von wesentlicher Bedeutung ist.“

    Ein Hauptproblem sieht Larson im Drogenhandel, der seine Pfade gerade durch unberührte Gebiete zieht. Zum Glück ist die Regierung von Honduras gewillt, das Gebiet zu schützen. Seit 2005 ist die Gegend um die Weiße Stadt bereits geschützt, nun will man den Schutz verstärken.

    Offenbar ganz im Sinne von John Polisar, Mitglied im Team von Tod Larson, der betont:

    „Wir arbeiten seit 14 Jahren vor Ort in den Eingeborenen-Gebieten von La Moskitia, und dieser Ort hat sich als einfach großartig erwiesen. Aufgrund seiner gegenwärtig intakten Wälder und Fauna ist das Gebiet von außerordentlich hohem Naturschutzwert. Es verdient energischen und wachsamen Schutz, damit seine Schönheit und Tierwelt auch in Zukunft Bestand haben.“


    Quellen:

    Douglas Preston: See New Discoveries at the Mysterious City of the Jaguar, National Geographic, 2016

    Conrad Duncan: ‘Extinct’ creatures found alive in ‘lost city’ deep within Honduras rainforest, Independent, 2019

    wikipedia: Hueitapalan, 2018


    * Warum wir wissenschaftliche Namen nicht kursiv schreiben:

    Uns ist selbstverständlich bekannt, dass wissenschaftliche Namen in Texten kursiv geschrieben werden. Wir würden das auch hier gerne machen, leider hat unser Template genau in dieser Funktion einen Bug (technischen Fehler). Dieser Fehler sorgt dafür, dass eine kursive Formatierung immer gleichzeitig fett hervorgehoben wird. Außerdem wird im Fließtext, jedoch nicht in Kurzzusammenfassungen und Suchmaschinentexten ein weiteres Leerzeichen vor und hinter dem Text angezeigt.
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  • Heute vor 175 Jahren: das letzte Ei eines Riesenalkes wurde – zertreten

    Das Aussterben von Tierarten ist eine schlechte Nachricht fürs ökologische Netz. Dennoch registrieren wir es oft mit einem Kopfnicken und machen weiter, wie bisher. Doch anders als ein zerstörtes Kunstwerk oder eine abgebrannte Kathedrale ist eine Tierart nicht wieder herstellbar. Um so schlimmer, wenn sie im Wissen um ihre Verletzlichkeit ausgerottet wird.

    Gestatten: Pinguinus impennis, der Riesenalk

    Dermoplastik eines Riesenalkes
    Dermoplastik eines Riesenalkes, Museum Braunschweig

    Der Riesenalk war etwa 70 bis 85 cm groß, deutlich größer als seine heute lebenden Verwandten. Wie bei den meisten Alken war sein Körper für das Schwimmen im Wasser optimiert: Die Beine sind extrem weit nach hinten gewandert, die Flügel waren kurz und taugten nicht zum Fliegen. Seine Oberseite war schwarz, die Bauchseite weiß, der Schnabel von mittlerer Länge, kräftig und ebenfalls schwarz. Bemerkenswert ist ein weißer Fleck auf der Stirn. Sie sahen einem mittelgroßen Pinguin recht ähnlich.
    So gewandt Riesenalken im Wasser gewesen sein müssen, dies erkauften sie mit nahezu vollständiger Hilflosigkeit an Land. Auch dies ist eine Parallele zu den Pinguinen.

    Riesenalke besiedelten einst vermutlich die Küstengewässer des gesamten Nordatlantiks. Knochenfunde kennt man aus den Neuengland-Staaten, Labrador, dem Westen Grönlands, Island, der gesamten Norwegischen Küste, den britischen Inseln, Dänemark, Holland und der Bretagne. Im Süden wurden sie seltener, aber es gibt auch Funde aus Florida, Italien, Südwesteuropa und Marokko. Vermutlich hielten sich die Vögel zum Brüten in den kalten Gewässern des Nordens auf. So konnten sie den Fischreichtum, aber auch die langen Tage im Sommer nutzen, um dann im Winter in wärmere Gefilde abzuwandern.
    Anders als die meisten Seevögel der Nordhalbkugel war der Riesenalk flugunfähig. Daher musste er seine Brut auf kleine, flache Inseln vor der Küste verlegen, die für Beutegreifer wie den Eisbären, aber auch Braunbären und Wölfe nicht erreichbar waren. Insgesamt sind nur 8 Brutkolonien sicher belegt, vermutlich gab es jedoch einige weitere, sehr kleine Tochterkolonien.

    Das Aussterben

    Die völlige Hilflosigkeit an Land, Riesenalke konnten nur langsam und unbeholfen laufen, ermöglichte es Vogelfängern, sie in Massen zu erlegen. Im 18. Jahrhundert begann dann die eigentliche Ausbeutung der Bestände: Menschen ließen sich auf den Brutinseln nieder, errichteten Trichter aus Steinwällen, die so hoch waren, dass die Alken nicht darüber sehen konnten. So war es möglich, die Tiere ähnlich wie beim Reusenfang in kleine Kammern zu treiben, sie dort zu sammeln und bei Bedarf zu „entnehmen“. Genutzt wurden zunächst die Daunen: die erschlagenen Vögel wurden blanchiert und gerupft, der Kadaver bildete den Brennstoff zum Erhitzen des Wassers.

    Bereits 1785 warnte der Händler und Abenteurer Kapitän George Cartwright vor dem Aussterben. Er hatte vermutlich die als erstes geplünderten Neufundländischen Populationen beobachtet. 1808 tauchte das letzte Mal ein Exemplar auf den Färöer-Inseln auf. 1830 existierte nur noch die Brutkolonie auf Geirfuglasker bei Island und eine winzige Tochterkolonie am Fuße der nahen Felseninsel Eldey. Als Geirfuglasker 1830 bei einem Vulkanausbruch völlig zerstört wurde, war die Art in finale Bedrängnis geraten.


    Lage von Eldey vor der Küste Islands

     

    Rolle der Vogelsammler und Museen

    Portrait eines Riesenalkes, Museum Braunschweig
    Portrait eines Riesenalkes, Museum Braunschweig

    Innerhalb von nur wenigen Jahrzehnten war aus einem Vogel, der den gesamten Nordatlantik bewohnte eine extrem seltene Art geworden. Die Preise für Vogelbälge schossen in die Höhe, jeder Vogelsammler, der etwas auf sich hielt und jedes Museum „musste“ noch einen Balg bekommen, bevor die Art verschwunden war. An Schutz war nicht zu denken. Man ging landläufig davon aus, dass Gott keine seiner Schöpfungen aussterben ließe, auch wenn mahnende Stimmen etwas anderes, unbequemeres sagten (Das ist heute kaum anders!). Andererseits wäre ein Schutz-Gesetz auch nicht durchsetzbar gewesen. So wurden auf Eldey, dem letzten bekannten Brutplatz zwischen 1831 und 1844 noch eine zweistellige Zahl von Tieren erschlagen.
    Heute vor 175 Jahren, am Morgen des 3. Juni 1844 wurden die letzten beiden bekannten, brütenden Riesenalken von den Vogelsammlern Jón Brandsson und Sigurður Ísleifsson erwürgt. Das letzte Ei wurde aus unbekannten Gründen von Ketill Ketilson zertreten.

    Nachweise nach 1852

    Die letzte zuverlässig dokumentierte Sichtung eines Riesenalkes erfolgt 1852, seit dem gilt die Art als ausgestorben. Hierdurch bleiben zahlreiche Fragen zur Biologie der Vögel unbeantwortet. Unter anderem ist nicht bekannt, wie die überlieferte kurze Brutzeit und Nestzeit von nur 6 Wochen zur Aufzucht der Küken genutzt wurden. Nahmen sie die lange nicht ausgewachsenen und gemauserten Küken mit auf See? Wie ein Küken aussah, ist ebenfalls unbekannt. Der Natur fehlt der Riesenalk, er hinterlässt ein Loch im Netzwerk der Arten.

    Netzwerk-Mitglied Natale Guido Cincinnati hat eine große Zahl von Sichtungen nach 1852 zusammengetragen. Sein lesenswerter Artikel ist in einer der letzten Ausgaben des Kryptozoologie-Reportes erschienen. Er kann noch beim Thylacinus-Verlag bestellt werden.


  • Wandernde Geier – Update 5 –

    Was vorher geschah

    Mit „Brínzola“ ist ein besenderter Mönchsgeier auf dem Weg von Spanien über Mitteleuropa nach Norwegen. Das Proyecto Monachus und andere Vogelkundler beobachten ihn auf seinem Weg in den Norden. Der Vogel zog auf der Vogelfluglinie über den Fehmarnsund und Fehmarn weg. Nach letzten Meldungen hält sich die schwarze Schönheit jetzt in Norwegen auf.

    Seit gestern, 20. Mai 2019 wird ein weiterer, offenbar wandernder Mönchsgeier gemeldet. Damit sind mindestens drei Vögel weit außerhalb ihrer üblichen Streifgebiete unterwegs.

    Sonntag, 19. Mai 2019, Vogel Brínzola

    Karte mit dem Weg des Mönchsgeiers Brinzola durch Schweden und Norwegen am 17. und 18. Mai 2019
    Diesen Weg legte Brinzola am 18. Mai 2019 zurück. Quelle: Proyecto Monachus

    Am vergangenen Sonntag haben einige Beauftragte des Proyecto Monachus Brínzola gesucht, um ihre Verfassung zu überprüfen. Nach einigen Stunden Fußweg durch unwegsames Gelände konnten sie den Vogel finden. Zur allgemeinen Überraschung und Freude fraß sie an einem Rentier-Kadaver. Das Proyecto Monachus titulierte: „Brínzola frisst Rudolph“

    Dies belegt, dass die schwarze Schönheit in einer Gegend mit geeigneter Nahrung angekommen ist. Die Mitarbeiter des Proyecto Monachus hoffen, dass sie so genug Energie aufnehmen kann, um ihre unbeschreibliche Reise fortzusetzen – wo immer sie hin will: Wir bleiben dran.

    Abgesehen von einem zusammenfassenden Report in einer spanischen Tageszeitung ist es ruhig um Brínzola geworden, das Proyecto Monachus liefert aktuell keine Daten und von norwegischen Vogelfreunden kam bisher noch nichts bei der Redaktion an. Dennoch: Wir bleiben am Ball.


    Montag, 20. Mai 2019: Ein weiterer Mönchsgeier ist auf dem Weg nach Norden: „FUH“

    Nicht einmal zwei Wochen nach Brínzola ist ein weiterer Mönchsgeier in Belgien aufgetaucht. Das ist die dritte Registrierung von Mönchsgeiern in Belgien überhaupt. Das Tier ist mit einem weißen Ring markiert, der den schwarzen Code „FUH“ trägt. Der Vogel stammt aus einem der Projekte zur Wiedereinführung der Art in Frankreich. Dort werden Ringe dieser Farbe und mit diesem Schriftcode verwendet. Bevor Näheres über diesen Vogel bekannt ist, bezeichnen wir ihn provisorisch als Fuh. Eine E-Mail-Anfrage der NfK-Redaktion zu diesem Tier wurde vom Leiter des Projektes bisher nicht beantwortet.

    Die Belgier sind überrascht über diese unerwartete „Welle“ der Geier. Das belgische Naturbeobachter-Portal waarnemingen.be begleitet auch diesen großen, schwarzen Vogel sehr intensiv. Auf zahlreichen Bildern wird er gemeinsam mit einem unmarkierten Gänsegeier gezeigt. Die Vögel rasteten am 20. Mail ab etwa 19 Uhr auf einem Acker bei dem Ort Hees (Provinz Limburg) in der Nähe von Maastricht (allerdings auf belgischer Seite). Sie haben dort die Nacht verbracht und sind zwischen etwa 21:30 Uhr Montag und etwa 6:00 Uhr am Dienstag einige hundert Meter weiter nach Südwesten gezogen.

    Am Dienstag, den 21. Mai hat sich ein zweiter Gänsegeier den beiden angeschlossen. Am Nachmittag des selben Tages sind beide Gänsegeier aufgeflogen, die letzte Beobachtung stammt von 15:20 Uhr. Danach haben die belgischen Vogelfreunde sie nicht mehr gesehen.

    Fuh, der Mönchsgeier blieb noch bis Mittwoch, 22.5. vor Ort, die letzte Beobachung betrifft den Abflug des Tieres in südöstliche Richtung.


    Weitere Geier sind in Deutschland unterwegs

    Doch nicht nur Brìnzola ist unterwegs. In Deutschland gesellte sich kurzzeitig ein weiterer, nicht besenderter Mönchsgeier zu ihr. Seine Position ist naturgemäß schwieriger auszumachen, wir sind hier auf Meldungen von ornithologischen Beobachtern angewiesen.

    Zahlreiche Hobby-Ornithologen konnten einen juvenilen Mönchsgeier am Freitag, den 17. Mai 2019 auf Rügen beobachten. Mitte April bis Ostersonntag wurde ein Mönchsgeier auf der nahe gelegenen Insel Hiddensee beobachtet. Dieser Vogel war unberingt und im zweiten oder dritten Kalenderjahr, mit ziemlicher Sicherheit ein wild geschlüpfter Vogel. Vermutlich handelt es sich um zwei unterschiedliche Vögel.

    Ein Gänsegeier spreizt im Abendlicht die Flügel.

    Mehrere Vogelbeobachter-Portale melden übereinstimmend, dass ein Gänsegeier aus der halbwilden Population des Alpenzoos Innsbruck bereits seit Anfang Mai in einer Graureiher-Kolonie in Kolbermoor bei Rosenheim sitzt. Er ernährt sich offenbar von Graureiher-Küken und macht laut Meldung einen gesunden Eindruck. Das Tier war auch am Sonntag, den 19.5. noch vor Ort.

    Heute, 23. Mai 2019 erreichte eine weitere, noch unbestätigte Geier-Meldung die Redaktion: Zwei Gänsegeier sollen in Altenwalde bei Cuxhaven an der südlichen Elbemündung aufgetaucht sein. Wir verfolgen diese Meldung weiter und prüfen insbesondere, ob es sich um die beiden Tiere aus Hees in Belgien handeln könnte. 400 km Luftlinie wären für die beiden bei der gegenwärtigen Wetterlage an zwei Tagen zu schaffen.


    Vorhergehende Beiträge zu diesem Thema:

    Spanische Mönchsgeier in Mitteleuropa vom 15. Mai 2019 mit der Ausgangslage

    Wandernde Mönchsgeier – Update 1– vom 17. Mai 2019 mit Anmerkungen zu weiteren Einflügen von Mönchsgeiern nach Deutschland seit dem 2. Weltkrieg und einer Meldung aus Nord-Italien.

    Wandernde Mönchsgeier – Update 2 und 3 – mit weiteren Flugdaten.

    Wandernde Mönchsgeier – Update 4 – mit der Meldung aus Belgien und von Rügen.

    Quellen (auszugsweise):

    Proyecto Monachus

    Facebook-Seite des Projektes

    Das belgische Naturbeobachter-Portal waarnemingen.be mit Sichtungen und Fotos des Tieres

    Naturkundliche News der Natuschutzgesellschaft Küstenregion Vorpommern zum Mönchsgeier auf Hiddensee