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  • Ausstellung „Giganten der Meere“ ab heute in Rosenheim

    Ab heute (26.09.2019) zeigt der Rosenheimer Lokschuppen 22 lebensechte Meeressaurier als Modelle.

    Neben 200 Fossilien, Skeletten und einem „3D-Aquarium“ sind die in Originalgröße gehaltenen Modelle der Höhepunkt der Ausstellung. Die Ausstellungsmacher haben die Modelle nach dem neuesten Forschungsstand entwickelt. „Am wichtigsten ist die Diskussion am Anfang, wie das Modell aussehen muss. Die Haltung, die Haut, die Augen, die Größenverhältnisse – alles muss stimmen“, sagt der Kurator der Ausstellung Dr. Bernd Herkner.

    Modelle aus Italien – und aus Kunstharz

    Die Firma Prehistoric Minds aus Norditalien produziert schließlich die Modelle zusammen mit Wissenschaftlern, Kunsthandwerkern und Künstlern. Paläontologe Dr. Simone Maganuco und Zeichner Davide Bonnadonna gelten als kongeniales Team beim Sauriermodellbau, sie kombinieren neueste wissenschaftliche Erkenntnisse mit den Überlegungen, wie weit sich ein Tier innerhalb seiner Möglichkeiten bewegen wird.

    Zweibeinig laufender Saurier
    Dieses Baryonyx-Modell steht in einer anderen Wanderausstellung

    Aus Bonnadonnas Zeichnungen wird schließlich ein digitales 3D-Modell. Computergesteuerte Spezialwerkzeuge fräsen dann dieses Modell aus einem soliden Styroporblock. Anschließend wird es mit Kunstharz und Polyester überzogen. Die Hautschuppen fertigt er klassisch aus Ton. „Stets achten wir aber darauf, dass wir streng nach den wissenschaftlichen Vorlagen arbeiten“, erläutert Simone Maganuco diese Detailarbeit.
    Über den feuchten Ton ziehen die Mitarbeiter von Prehistoric Minds eine Hülle aus Kunstharz. Die Tonhaut drückte sich auf der Innenseite der Hülle mit allen Details ein. Die Hülle wurde danach abmontiert – so entstand eine Gussform für die einzelnen Abschnitte eines Saurierkörpers. Mit diesen Gussformen wurden dann die endgültigen Modelle gegossen. Die Produktion eines der großen Modelle dauert so bis zu 600 Stunden.

    Bis zu 12 m lang

    Mit einem Sattelschlepper kommen dann die Einzelteile der Meeressaurier nach Rosenheim. Vor Ort werden sie zu einem ganzen Tier zusammengesetzt – keine leichte Sache, bei einem Gewicht von bis zu 250 Kilogramm und einer Länge von bis zu 12 Metern.
    Die Modelle müssen aber auch noch in Szene gesetzt werden. Den Entwurf und die Planung der Ausstellungsarchitektur übernahm das Münchner „Atelier Hammerl und Dannenberg“. „Die großen Modelle im Lokschuppen zu platzieren und um diese Inszenierungen die originalen Exponate in den Vitrinen zu arrangieren – das war eine spannende Aufgabe für uns“, erklärt die Gestalterin Tanja Hammerl.

    Das Who-is-Who der mesozoischen Ozeane

    schlankes, schwimmendes Reptil mit Beinen und abenteuerlichen Zähnen
    Mosasaurus aus der Ausstellung im Löwentormuseum, Stuttgart

    Unter den dargestellten Tieren findet sich ein gewaltiger Tylosaurus, der zu den größten Mosasauriern gehört. Neben dem fast obligatorischen Liopleurodon und einem Spinosaurus sind aber auch verschiedene Ichthyosaurier, ein Pliosaurier und ein Plesiosaurier zu sehen. Bemerkenswert ist, dass die Ausstellungsmacher einen Nothosaurus zeigen, ein eher unspektakuläres Tier, mittelgroß, aber seine Überreste findet man an vielen Stellen in Deutschland.
    Prominent ist auch der Archelon, die größte bisher bekannte Schildkröte aller Zeiten.

    Auch Originale sind zu sehen

    Neben den Modellen sind auch Originalfossilien zu sehen. Mehr als 200 Ausstellungsstücke konnten die Aussteller nach Rosenheim holen und in Spezialvitrinen ausstellen. Sie stammen aus der Senckenberg-Sammlung und anderen renommierten Museen Europas. Teilweise werden sie das erste Mal der Öffentlichkeit präsentiert.

    Viel Mühe hat man sich auch mit dem 3D-Aquarium gegeben. Hier werden Szenen aus den mesozoischen Meeren dargestellt, nicht als Film, sondern in zufälliger Sequenz, so dass immer wieder mit Überraschungen gerechnet werden kann.

    Wohin die Ausstellung nach der Premiere in Rosenheim wandert, war zum Redaktionszeitpunkt noch nicht klar.
    Wir nutzen Bilder aus anderen Ausstellungen, da die Betreiber des Lokschuppens uns mit Strafe bedrohen, wenn wir ihre Pressefotos mit Ende der Ausstellung nicht von der Website entfernen. Das Risiko möchten wir nicht eingehen.

    Allgemeine Infos

    Die Ausstellung ist von heute an bis zum bis zum 13. Dezember 2020 im Lokschuppen Rosenheim täglich, auch Montags zu sehen. Nur am 24. und 31.12.19 ist der Lokschuppen geschlossen.

    Der Eintritt kostet für Erwachsene € 15,-, Kinder zahlen € 5,-. Es gibt zahlreiche Rabatte für Familien, Gruppen und an bestimmten Tagen. Tickets gibt es unter lokschuppen.de, bei den bekannten Vorverkaufsstellen und natürlich vor Ort.

    Der Lokschuppen ist für Rollstuhlfahrer geeignet, die zweite Ebene kann über einen Lift erreicht werden, der Boden ist gut befahrbar. Für Blinde und Sehbehinderte gibt es kontrastreiche Gestaltung und Audioguides, Blindenhunde sind in der Ausstellung zugelassen. Hörbehinderte profitieren von ausführlichen Ausstellungstexten, Audioguides mit Induktionsschleife für Hörgeräte sind an der Kasse erhältlich.


    Kommentar

    von Tobias Möser

    Soweit die allgemeinen Infos zur Ausstellung.Ausstellungen mit Sauriermodellen gibt es mittlerweile zahlreiche. Meist werden bekannte und spektakuläre Dinosaurier präsentiert, die mehr oder weniger gut ihren Vorbildern entsprechen. Teilweise sind sie animiert, oft brüllen sie, ich habe sie auch schon mit Nebelmaschinen gesehen. Viele der Modelle entsprechen den Tieren, die in der BBC-Serie „Walking with Dinosaurs“ und ihren Derivaten dargestellt werden. Ob es damit zu tun hat, dass diese Tiere dem breiten Publikum bekannt sind, oder dass hier 3D-Modelle vorliegen, weiß ich nicht.

    Ich habe die Ausstellung noch nicht gesehen (wie denn auch?). Auch hier rennen wieder vor allem die Tiere die aus den BBC-Serien herum.

    Das, was man von der Animation „3D-Aquarium“ sieht, erscheint nicht befriedigend. Die Tiere bewegen sich mit den selben „Fehlern“, wie man sie aus der Nigel Marven-Serie „Monster der Tiefe“ kennt. Gerade bei den Feinheiten ist die Animationstechnik nicht weiter gekommen.

    Die Ausschnitte, die ich gesehen habe, beziehen sich auch hauptsächlich auf möglichst spektakuläres Jagen und Fressen. Ob das nur für den Presse-Release so ist, oder ob sich die ganze Animation so darstellt, ist von hier aus nicht zu ermitteln. Einen Vorteil haben die Meeressaurier gegenüber den Land-Dinos: Unter Wasser ist das nervige Brüllen vieler Animationen nicht möglich.


  • An einem Tag wie heute – vor 66 Millionen Jahren

    von: Tobias Möser

     

    Seit Tagen ist die Welt nicht mehr so, wie sie sein sollte. In der Nacht ist ein kleiner, aber heller Punkt im sichtbar. Wie ein Komet zieht er einen Schweif hinter sich her, doch dieser wird seit Tagen kürzer und scheint am Abend in eine andere Richtung zu deuten, als vor Sonnenaufgang. Doch dies beunruhigt die Dinosaurier auf der Erde nicht. Selbst wenn sie es bemerken würden, würden sie nicht verstehen, was das aussagt.

    Chancen für die Räuber

    Beunruhigender sind andere Dinge. Der Komet ist mittlerweile so hell, dass viele Tiere in der Nacht halbwegs sehen können. Die Theropoden nutzen das aus, sie haben ihre Angriffe schnell auf die Nacht verlegt. Die Pflanzenfresser kommen nicht mehr zur Ruhe, ihre Warn- und Sammelrufe hallen ständig durch die Wälder. Aber die Jäger haben Vorteile. Trotz der besseren Sicht ist ihre Tarnung im Licht- und Schattenspiel der permanenten Dämmerung besser als am Tag. Sie sehen mehr als vorher, aber lange nicht alles. Das ist ihr strategischer Vorteil: sie müssen nur einen Pflanzenfresser von vielen finden, die Pflanzenfresser müssen aber jeden Räuber erkennen. Die hellen Nächte sind die Zeit der Räuber.

    Nachthimmel
    Wirkte der Bolide am Nachthimmel anfangs so? Zwei Schweife, die in unterschiedliche Richtungen zeigen, sind bei Kometen häufig

    Sauropode in der Nacht
    Die Sauropoden sind, wie nahezu alle Dinosaurier tagaktiv und können nachts nicht gut sehen

    Ein flacher, stachelbewehrter und stark gepanzerter Dinosaurier
    Doch jetzt sind die Räuber auch nachts unterwegs, daher sind die Ankylosaurier noch ungenießbarer

    zwei zweibeinige Dinosaurier in der Nacht
    Auch diese Hadrosaurier sehen kaum etwas und finden keine Ruhe. Sie flüchten bei jeder Beunruhigung unkontrolliert

    Drei kleine Flrischfresser greifen ein größeres Tier an
    Zu Recht, denn die Jäger haben nachts noch mehr Erfolg als tagsüber

    Tyrannosaurus frisst an einem Kadaver
    Und sogar die großen Tyrannosaurier haben machen jetzt nachts Beute.

    Für sie hat sich die Welt verbessert, wären da nicht die Sternschnuppen und sogar Meteore, die immer wieder kleinere und größere Lichtstreifen über den Himmel ziehen. Immer häufiger wirken sie sich auf der Erde aus. Feuerstreif, Überschallknall und schon rennen die sowieso bereits übernervösen Pflanzenfresser in heller Panik davon. Jeder noch so gut gelegte Hinterhalt ist dahin.

    Die Apokalypse?

    Der Tag versprach, noch schlimmer zu werden. Noch mehr Meteoriten, als in den letzten Tagen jagten über den Himmel, längst war „der Große“ auch am Tage zu sehen, doch nun schien er auch noch Hitze auszustrahlen. Die folgenden Ereignisse kann kein Augenzeuge überlebt haben: Als der etwa 10 km große Hauptkörper des Meteoriten in 100 km Höhe in die Atmosphäre eintrat, wurde er zunächst nur langsam vom Luftwiderstand abgebremst. Zwischen drei und zehn Sekunden brauchte der Brocken aus iridiumhaltigem Gestein und gefrorenen Gasen, um die Atmosphäre zu durchqueren und im Flachmeer des heutigen Golfes von Mexiko einzuschlagen.

    Komet mit langem, breiten Schweif am Abendhimmel
    Ähnlich wie der Koment McNaught 2006 könnte auch der KP-Bolide kurz vor dem Impakt ausgesehen haben. (Foto: Europäische Südsternwarte)

    Der Bolide erreicht tiefere Zonen der Erdatmosphäre
    Frühe Phase des Impaktes. Der etwa 10 km große Kern des Hauptkörpers trifft auf die Atmosphäre und fängt an, durch die Reibungshitze zu verdampfen.

    Hierbei wurde seine Bewegungsenergie in Wärme umgewandelt, der gesamte Meteor verdampfte. Natürlich führte das zu einer gewaltigen Explosion, deren Druckwelle um den ganzen Erdball lief. Das Meerwasser verdampfte schlagartig, die eingeschlossenen Gase wurden frei, die Einschlagenergie war so gewaltig, dass das Grundgestein aufschmolz und vom verdunstenden Wasser in die Höhe gerissen wurde. Eine oder mehrere Erdbebenwellen der Stärke 11 oder 12 liefen durch die Erdkruste in alle Richtungen.

    Der Einschlag verdrängte aber auch große Mengen Wasser, die nicht vollständig verdampften. Diese Massen wurden zum ersten Tsunami, der sich ringförmig mit dreifacher Schallgeschwindigkeit vom Impakt entfernte. Kaum flossen die ersten Wellen zurück, sorgte die ungeheure Menge von aufgeworfenem und herabfallendem Gestein für eine zweite Flutwelle, die der ersten folgte und sich teilweise mit ihr vereinte.

    Der erste Killer: Der Einschlag

    So gewaltig der Einschlag auch war, er war der erste, aber nur regionale Killer. Neben den unzähligen Gesteinsbomben von Sandkorn bis Felsgröße töte er vor allem durch die ungeheure Hitze. Wasser verdunstete mehr oder weniger schlagartig, Heißdampf verbrühte alles Leben, Wälder verdorrten schneller, als sie sich entzünden konnten. Die dabei entstehende Thermik sorgte für lokale Stürme, die alle Feuer anfachten – bis die Druckwelle kam.

    Doch der Einschlag hatte noch weitere, längerfristige Folgen. Das Material, aus dem der Bolide bestand, ist verdunstet und befindet sich in der Atmosphäre, zunächst als Gas, dann als Staub. Der Boden, den der Meteorit traf, bestand aus sulfat- und kohlenwasserstoffreichem Kalkstein. Kalkstein zerlegt sich bei Hitze, hierbei wird unter anderen Kohlendioxid frei. Dieses Kohlendioxid verblieb zunächst in der Atmosphäre und begann, für einen Treibhauseffekt zu sorgen. Das Sulfat gelangte als Schwefeldioxid ebenfalls in die Atmosphäre, während die Kohlenwasserstoffe zu Ruß und Kohlendioxid verbrannten. Zusammen mit dem iridiumhaltigen Staub schatten Ruß und Schwefeldioxid die Erde ab, was nach einigen Tagen zu einem rapiden Temperaturabfall und schließlich zu einem Impaktwinter führte.

    Der zweite Killer: Die Druckwelle

    Die überschallschnelle Druckwelle raste durch die Atmosphäre. Sie war der zweite Killer. Bäume wurden entwurzelt und davon geweht, Äste, Geröll, ja sogar Sand und Blätter wurden zu tödlichen Geschossen. Die Winde erreichten alles, was nicht zufällig im Windschatten sehr solider Felsen lag, und dort bestand die Gefahr, von schwereren mitgerissenen Körpern erschlagen oder von Sand und Kies bedeckt zu werden. Wer nicht in Höhlen Schutz suchen konnte, war verloren.

    Weltkarte mit den Kontinenten am Ende der Kreidezeit
    Karte der Erde vor etwa 69,4 Millionen Jahren. Rot markiert der Chixulub-Krater, Gelb der Réunion-Plume, der die Dekkan-Trapps ausspieh

    Schwarzweißbild mit unzähligen in eine Richtung umgeworfenen Baumstämmen
    Das Tunguska-Ereignis 1927 hat „nur“ große Waldflächen in Mitleidenschaft gezogen. So etwas ist am besagten Tag auch passiert.

    Zunächst löschte die Druckwelle die Feuer, wie wenn man eine Kerze oder ein Streichholz ausbläst. Aber das Brennmaterial kühlte in der Impakthitze nicht ab, so brachen die Feuer schnell wieder aus. Meteoriten und geschmolzenes Gestein aus dem Impakt fachten weitere Brände an. Gewaltige Brände, die in den folgenden Stürmen genug Sauerstoff bekamen, um zu verheeren. Ein Feuersturm zog über den Südosten Nordamerikas und das heutige Mexiko hinweg. Aber nicht lange.

    Der dritte Killer: Die Erdbeben

    Ebenso schnell wie die Druckwelle begann sich ein Erdbeben vom Einschlagkrater weg zu bewegen. Anders als die Luft wurde es nicht verlangsamt, sondern bewegte sich mit Schallgeschwindigkeit durch Erdkruste und Erdmantel. Die ursprüngliche Stufe 11 oder 12 wird es nicht an jedem Ort erreicht haben, aber nahezu überall wird es schwere Schäden angerichtet haben. Lose Flanken an Bergen lösten sich und fielen als Lawinen zu Boden, sie werden auch lokal erste Tsunamis ausgelöst haben. Schwemmlandböden wurden kurzzeitig weich, Lockergesteine zerfielen, so dass Dünen und Flussterrassen einbrachen. So wurden die Erdbeben zu den dritten Killern, Killern mit Langzeiteffekt:

    Einbrechende Flussterrassen oder Berghänge haben Flüsse kurz oder lang aufgestaut. Stauseen sind entstanden, die sich bald mit ausgerissenen Bäumen füllten. Diese Biomasse war zu viel für die Seen, viele von ihnen kippten um. Gleichzeitig wurden durch die Beben ungeheure Mengen Sedimente mobilisiert. Sie trübten Bach- und Flussläufe und gelangten früher oder später ins Meer.

    blaues Wasser mit einem abgestorbenen Baum
    Der saure Regen und die ungeheuren Mengen Biomasse lassen die Gewässer umkippen

    Schäumender Gebirgsfluss
    Erdbeben lassen Seen ablaufen und stauen Flußläufe auf. Die Landschaft verändert sich

    Die Erdbebenwellen erreichten aber noch weitere Zerstörungen. Durch die starken Beben lösten sich lokale Verspannungen der Kontinentalplatten. Das führte zu weiteren Nachbeben, oft noch Tage oder Wochen später. Hierdurch verschoben sich auch Vulkanschlote unter den bisher abdichtenden Kratern. Insgesamt stieg die vulkanische Aktivität an.

    Am dem Einschlag entgegengesetzten Teil der Erde trafen sich die Schockwellen und addierten sich. Dieser Punkt liegt im Indischen Ozean, etwa dort, wo sich heute der Reunion-Plume befindet. Vor 66 Millionen Jahren lag die Landmasse des Indischen Subkontinentes über diesem vulkanischen Hotspot. So kam es zu den Ausbrüchen, aus denen die Dekkan-Trapps entstanden, bis zu 2000 m mächtige Schichten aus Basalt, die sich ursprünglich über mehr als 1,5 Millionen Quadratkilometer erstreckten. Sie entstanden in einem Zeitraum zwischen 500.000 und 9 Millionen Jahren. Vermutlich war der Einschlag des Meteoriten am besagten Tag Auslöser für die vulkanische Aktivitäten.

    Der vierte Killer: Flutwellen

    Luftdruckwelle, Erdbeben und die daraus resultierenden Bergstürze werden lokale, vielleicht regionale Tsunamis ausgelöst haben, doch der größte Tsunami war bereits unterwegs. Während am heutigen Golf immer noch Gestein vom Himmel regnete und sich im Laufe eines Tages zu einem Kraterring von 130 m Höhe auftürmte, rasten Wassermassen als vierter Killer den Kontinenten entgegen. Das erste Land, das sie erreichten, war das flache Schwemmland im heutigen südlichen und mittleren Westen der USA. Er rollte weiter durch den nach Süden offenen Western Interior Seaway, erreichte die Molassegebiete am Fuße der Rocky Mountains und wälzte sich weit auf den Kontinent, bis ins heutige Illinois. Der Tsunami begrub alles unter sich, brennende Wälder, frisch zerrüttete Schwemmländer – und Dinosaurier. Die sich zurückziehenden Wassermassen spülten die verbrannte Vegetation ins Meer. Zurück blieb ein völlig verwüstetes Land, über das möglicherweise noch weitere Tsunamis hereinbrachen.

    Doch nur eine regionale Katastrophe?

    In schwächerer Form erreichten die Tsunamis auch Südamerika, Nordwest-Afrika und Europa. Auch hier richteten sie großflächige Verwüstungen an. Dennoch war die Zerstörung bei weitem nicht so verheerend wie in Nordamerika. Kleinere Meteoriten werden auch hier eingeschlagen sein, was zu lokalen Bränden geführt hat. Und nicht zu vergessen: Erdbeben der Stärke 10 bis 12 sind gewaltige Killer, selbst wenn man nicht in Gebäuden lebt.

    Zwei Männer mit Pferden in hüfttiefem Schlamm und Staub
    So heftig die Schäden am Mt. St. Helens 1980 auch waren, bald begann die Natur, die Verwüstung zurück zu erobern. (Foto: US Geological Service)

    der ausgebrochene Mount St. Helens ohne Spitze und der davor liegende Spirit Lake voller Baumstämme
    Seen sind voller Baumstämme und Schlamm, oft ist der Abfluss blockiert, bis…. (Foto: US Forest Service)

    Durch die Druckwelle und die Erdbeben hatte sich die Landschaft in wenigen Minuten gewaltig verändert. Viele, vor allem die großen Tiere werden diesen Kräften direkt zum Opfer gefallen sein, kleinere sollten erst später ernsthafte Probleme bekommen. Generell ist aber nichts passiert, was die Natur nicht hätte wegstecken können.

    Der Overkill erfolgt durch Vulkane

    Doch da waren ja noch die Vulkane. Sie stießen gewaltige Mengen schwefelhaltige Verbindungen aus. Diese reflektieren das Sonnenlicht und führten zu einer Abkühlung des Klimas. Damals, so schätzen Wissenschaftler, wurden über 300 Milliarden Tonnen Material in die Atmosphäre gepumpt, durch den Impakt, die Feuer und Vulkanismus. Die globale Temperatur sinkt nach dem Hitzepeak des direkten Einschlages um sagenhafte 26°C. Zum ersten Mal seit mindestens 100 Millionen Jahren sinkt die globale Durchschnittstemperatur unter den Gefrierpunkt.

    Ausbruch eines Vulkanes mit glühender Lava und dunklen Aschewolken
    Dünnflüssige Lava wie die der Dekkan-Trapps tritt heute auf Hawaii zutage, doch in Indien waren es mehrere Jahrmillionen.

    Grünes Farn zwischen Lava-Gestein
    Das Leben findet seinen Weg, auch die Lavafelder der Dekkan-Trapps wurden schnell besiedelt

    Anders als der Krakatau, dessen Ausbruch nur fünf Tage dauert, spien die Vulkane der Dekkan-Trapps viele hunderttausend Jahre basaltige Lava. So wurde über sehr lange Zeit das Sonnenlicht gefiltert, die Temperatur der Erde sank. Pflanzen fehlten Wärme und Licht zum Wachsen, denn der Impakt und die Vulkane verschoben die Klimazonen zum Äquator. Wo es vor wenigen Tagen noch subtropisch war, herrschte nun kaltgemäßigtes Klima, wo es kaltgemäßigt war, drohten nun subpolare Bedingungen. Dies war das Ende für viele Nahrungsketten an Land: die kleineren Tiere fanden nichts zu fressen, nachdem die Kadaver der Großtiere aufgebraucht waren.

    Die Nahrungsketten im Süßwasser wurden auf ähnliche Weise unterbrochen. Sie bekamen zusätzlich noch die neue, starke Sedimentfracht zu spüren: Bodenlebewesen wurden zugedeckt, Laich von Fischen und Amphibien konnte sich nicht entwickeln. Wasserpflanzen und Algen hatten nicht genug Licht, das erste Mal seit mehreren Millionen Jahren froren die Gewässer außerhalb der Antarktis zu. Dazu kam eine Überfrachtung mit Nährstoffen aus toten Tieren und Pflanzen. Viele Gebirgsflüsse werden aufgestaut worden sein, überall dort, wo Wasser stagniert, reichte der Sauerstoff nicht mehr aus, um die Nährstoffe oxidativ abzubauen, die Gewässer kippten um. Fische erstickten, Landtiere starben am vergifteten Wasser.

    Der Regen als Vollstrecker

    Durch den Impakt verdunsteten enorme Mengen Wasser. Sie verteilten sich schnell in der aufgeheizten Atmosphäre, aber fielen genauso schnell als Regen wieder herunter, sobald sich die Atmosphäre abkühlte.

    Dabei vollstreckten sie, was die anderen Reiter der Apokalypse begonnen hatten. Sie wuschen Staub aus der Luft, der als Schlamm in allen Gewässern landete. Was für Landtiere nur lästig war, wurde im Wasser zum ernsten Problem. Die Wasserkörper trübten sich ein, das sowieso schon schwache Sonnenlicht drang nicht mehr zu den Wasserpflanzen, planktonischen Algen und nicht zuletzt zu den Korallen durch, sie begannen, abzusterben.

    Schlammiges Ufer mit abgestorbenen Baumstümpfen
    Schlamm, wohin das Auge blickt. Die Korallenriffe sind unter diesem Leichentuch begraben

    Lehmiger Fluss
    Der Regen nimmt den Staub und die Asche vom Land, gräbt Rinnsale und trägt sie in die Flüsse

    Auf dem Land fehlte die Vegetation, die den Humus fixiert, fehlte. So konnte Regen große Mengen davon ausspülen. Flüsse brachten ihn ins Meer, wo sich die feinen Humuspartikel mit der Strömung verteilten. Sie deckten sich wie ein Leichentuch über sterbende Korallenriffe und Seegraswiesen.

    Aber selbst diese apokalyptischen Zustände sind noch zu toppen. Und wieder ist es der Regen, diesmal gemeinsam mit den Vulkanen, der es vollbringt. In der Atmosphäre reagieren Kohlendioxid, Schwefeldioxid und Schwefeltrioxid mit der Luftfeuchtigkeit. Es entsteht genau das, was schon in den 1980er Jahren ein großes Umweltthema war: saurer Regen. Nicht ein bisschen, von ein paar tausend Tonnen Braunkohle, sondern weltweit und von vielen Millionen Tonnen vulkanischem Auswurfmaterial. Über mindestens 500.000 Jahre. Böden laugten aus, Pflanzen wurden verätzt und die Meere versauerten.

    Der Zusammenbruch des Nahrungsnetzes im Meer

    Der saure Regen wird es am Ende gewesen sein: Mindestens 90% des Planktons verschwand, insbesondere Arten mit Kalkschalen. Auf dem Plankton bauen nahezu alle marinen Organismen ihre Nahrungsgrundlage auf. Fehlt es, verhungern die Planktonfresser, die kleinen Raubfische haben nichts zu fressen und die größeren Tiere schwimmen nur noch suchend durch die Meere. Der Zusammenbruch dauerte vermutlich einige tausend Jahre länger als an Land, war aber mindestens genauso nachhaltig.

    Das Ende der Dinosaurier

    Der Impakt hat regional, vor allem in Nord- und Mittelamerika, Teilen von Südamerika und Afrika sofort nahezu alles an Leben zerstört. Hier hat kaum ein Dinosaurier den Einschlag überlebt, und wenn doch, wird er kurze Zeit später verhungert sein.

    In Europa, Teilen Afrikas, Südamerikas, Asiens, in Australien und auf der Indischen Insel wird es anders gewesen sein. Der Impakt hat große Opfer gefordert, möglicherweise sind ganze Tierarten direkt durch ihn ausgestorben. Aber er hat nicht so verheert wie in den Amerikas. Ohne die Vulkanausbrüche mag es 5.000 bis 10.000 Jahre gedauert haben, bis sich die Natur von den Impaktschäden erholt hat. Viele, vor allem große Tierarten wären ausgestorben, aber kleinere Arten, auch Dinosaurier hätten überlebt. Dass sie das Potenzial hatten, wieder zu Riesen heranzuwachsen, hatten sie mehrfach bewiesen.

    Doch die fehlende Wärme und das fehlende Licht bringen die Land-Ökosysteme zum Zusammenbruch. Vielleicht hat es noch eine Generation Dinosaurier geschafft, sich fortzupflanzen. Wenn, dann war vermutlich die Gegend, in der heute Pakistan liegt, die letzte Bastion. Bis hier hatten sich die Folgen des Impaktes nur sehr abgeschwächt zu spüren bekommen, die Vulkanwolken wurden vom tropischen Windsystem zunächst vermutlich auf der Südhalbkugel gehalten und die Sonne sorgte noch für angenehme Temperaturen. Vermutlich waren es kleine bis mittelgroße Tiere, die sowohl von Aas wie von kleinen Tieren leben konnten. Sie fanden anfangs Nahrung, ihre Feinde waren größtenteils verschwunden, wenn sich Paare gefunden haben, werden sie sich vermehrt haben – bis ihnen die Nahrung ausging.

    Wie starb der letzte Dinosaurier?

    Im Zwielicht des Tages stapft er durch den Matsch. Einzelne Büschel Farn, vielleicht auch Gras sind gewachsen, sie reichen bei Weitem nicht, um den Boden zu bedecken. Eiskristalle knirschen unter seinen Füßen, deren Haut ist aufgeweicht, zerschnitten, entzündet. So sehr, dass er kaum auftreten kann. Seine Federn sind zur Unkenntlichkeit verschlissen, die Augen trüb und gelb verkrustet. So richtig kann er nicht mehr hören und die Knie machen auch nicht mehr das, was er will. Er ist weit gewandert, in der Hoffnung, hier Wasser zu finden – Wasser und vielleicht einen toten Fisch, eine Eidechse oder sogar ein leckeres Ei eines größeren Tieres.

    Doch außer altem Holz wittert er nicht viel. Bevor er sich ran macht, mit den Krallen einen der morschen Stämme aufzukratzen, um wenigstens ein paar Käferlarven zu finden, möchte er einen Schluck Wasser trinken. Danach geht es im sicher besser. Am Ufer angekommen beugt er sich vor, legt den Unterkiefer ins Wasser, wie er es immer getan hat. Doch diesmal versagen die Knie den Dienst, der letzte Dinosaurier kippt auf die Seite. Noch einmal durchatmen…

    Ein Ammoniten-Schlachtfeld
    Am Strand wurden massenhaft tote Ammoniten angeschwemmt,

    Ein frühes Säugetier beobachtet den letzten Dinosaurier
    Starb der letzte Dinosaurier, ohne wirklich gelebt zu haben?

    Oder war es weniger dramatisch?

    Schon tagsüber war das Piepsen zwischen den Eiern im Sand zu hören, dem letzten Nest eines Dinosauriers. Von zehn Eiern hat sich in der vergifteten Atmosphäre nur eines entwickelt. Doch wider Erwarten konnte das Tier schlüpfen. Eine kleine Schnauze durchbricht bei Sonnenuntergang die Eierschale, wenige Minuten später schaut der Kopf aus dem Ei. Er erblickt den Sand um sich herum und ein paar dürre Ästchen, die sich nach dem fahlen Licht einer staubigen Sonne recken. Eine Mutter hat das Junge nicht mehr, sie ist vor Tagen gestorben.
    Selbst wenn das Küken gesund wäre, ist das Verlassen der Eierschale ohne die Hilfe der Mutter ein schwieriger Akt. Aber es ist nicht gesund, Arme und Beine sind verkrüppelt, die Knochen verkrümmt und zu weich. Die Eierschale zu zerbrechen und einige Schritte zu laufen, so dass sich der schwarzgrüne Schwanz entfalten kann, hat seine ganze Energie verbraucht. Wie zusammengebrochen liegt es im Nest. Vorsichtig nähert sich ein braun-weiß gezeichnetes, haariges Tier. Sein Instinkt sagt dem Küken, dass es jetzt piepsen soll. Der Instinkt trügt…

    Kaum wurde es kalt, wurde es auch schon wieder warm

    In der Wissenschaft herrscht Uneinigkeit, wie lange die Kältephase dauerte. Einig sind die Forscher, dass an ihrem Ende eine rapide Erwärmung der Erde stattfand. Das Kohlendioxid aus dem Impakt und vulkanisches Kohlendioxid aus den Dekkan-Trapps sorgten für ein Treibhausklima, so dass die Temperaturen von vor dem Impakt für etwa 50.000 Jahre sogar übertroffen wurden. Welchen Einfluss das auf das Massenaussterben hatte, wird kontrovers diskutiert.

    Sind alle Dinosaurier ausgestorben?

    Natürlich sind nicht alle Dinosaurier ausgestorben. Mittlerweile weiß jedes Kind, dass sie in Form der Vögel weiter existieren. Doch die Nicht-Vogeldinosaurier haben dieses Inferno vor 66,04 Millionen Jahren nicht überlebt. Ob sie nun direkt beim Impakt oder einige Jahre später gestorben sind, spielt erdgeschichtlich keine Rolle.

    Mit den großartigsten Tieren aller Zeiten starben auch alle Meeresreptilien bis auf die Wasserschildkröten. Die Ammoniten wurden vom Antlitz des Planeten gefegt, ebenso verschwanden viele andere kalkschalige Meerestiere. Was kaum jemand weiß: auch die Vögel mussten Federn lassen. Alle archaischen Gruppen, z.B. Enantiornithes, Ichthyornithes, Hesperornithes sind ausgestorben, nur die „modernen“ Vögel der Neornithes überlebten den Impakt.

    Sonnenuntergang hinter einem Wald mit einem fliegenden Schwarm Vögel
    Vögel sind die Nachkommen der Dinosaurier, aber auch sie mussten Federn lassen

    Sitzender Emu mit goldenen Augen
    … wer weiß, wieviel Dinosaurier noch im Blick dieses Emu steckt?

    Insgesamt nimmt man heute an, dass die Detritus-Fresser, die am unteren Rand des Nahrungsnetzes stehen, eine Schlüsselfunktion beim Überleben nach der Impakt-Katastrophe hatten. Detritus ist in großer Menge angefallen, wie ja auch oben mehrfach geschildert. Wer von Detritus lebte, hatte eine gute Chance, zu überleben. Genauso wie kleinere Generalisten, während spezialisierte Fleisch- oder Pflanzenfresser unter den Säugern ausstarben. Eidechsen und Schlangen wurden hart getroffen, Krokodile schienen den Impakt vergleichsweise gut weggesteckt zu haben. Kein Landtier mit mehr als 15 bis 25 kg überstand die Krise, hier darf spekuliert werden, ob Trinkwasser die limitierende Ressource war.
    Süßwasserbiotope waren wohl ein vergleichsweise sicherer Lebensraum, denn hier sind „nur“ 50% der Arten verschwunden.

    Letztlich verursachte der Impakt, der als Chicxulub-Einschlag bekannt wurde, eines der einschneidendsten Massenaussterben der Erdgeschichte. Ob es der einzige Grund war, dass Säugetiere die „Herrschaft“ von den Dinosauriern übernehmen konnten, ist unklar. Vermutlich wäre mit einer langsameren, über Jahrmillionen laufenden „Übergabe“ zu rechnen gewesen. Möglicherweise gäbe es Nichtvogel-Dinosaurier sogar heute noch.

    Eine Bisonherde mit Jungtieren
    Hätten sich die Säugetiere durchsetzen können, ohne die Konkurrenz der Dinosaurier?

    Rekonstruktion eines großen Fleischfressers vor Hochhäusern
    Wer weiß, vielleicht ist es doch besser, dass sie ausgestorben sind?

    Sind die Dinos wirklich ausgestorben?

    Graphic Design zum KongressOder haben einzelne Dinosaurier doch bis heute überlebt? Auf der Vortragsreihe „Auf der Suche nach Mokele Mbembe“ am 12. Oktober diskutieren wir das mit drei internationalen Referenten die Frage, ob es im Kongo-Raum noch überlebende Dinosaurier gibt.

    Immer wieder gibt es entsprechende Beobachtungen, auch einige Pygmäenvölker berichten von unheimlichen Riesentieren, die sogar Elefanten töten.

    12. Oktober 2019 im Galileo-Park in Lennestadt-Meggen im Sauerland. Noch gibt es Restkarten!


    Literatur:

    Gulik et al. (2019): The first day of the Cenozoic; https://www.pnas.org/content/early/2019/09/04/1909479116

    Robertson et al. (2004): Survival in the first hour of the Cenozoic; https://doi.org/10.1130/B25402.1

    Robertson et al. (2013): K‐Pg extinction: Reevaluation of the heat‐fire hypothesis; https://doi.org/10.1002/jgrg.20018

    Brugger et al. (2016): Baby, it’s cold outside: Climate model simulations of the effects of the asteroid impact at the end of the Cretaceous; https://doi.org/10.1002/2016GL072241

    Longrich et al. (2011): Mass extinction of birds at the Cretaceous–Paleogene (K–Pg) boundary; https://doi.org/10.1073/pnas.1110395108

    Europäische Südsternwarte mit dem Foto des Kometen McNaught


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  • Das Nördliche Breitmaulnashorn – auferstanden von den Ausgestorbenen?

    Bekannt wurde das Nördliche Breitmaulnashorn durch Douglas Adams‘ Buch „Die letzten ihrer Art“. In diesem Buch besucht der Autor, der für komische Science Fiction bekannt ist, zusammen mit dem Zoologen Mark Carvadine einige Tiere, die vom Aussterben bedroht sind.

    Nashorn steht im trockenen, hohen Gras
    Der letzte Bulle, Sudan, im Ol Pejeta Nationalpark, 2010. Foto by Legani101, CC 3.0

    Zwischenzeitlich ist die Bedrohung Realität geworden. Nördliche Breitmaulnashörner waren einst weit verbreitet. Mit dem Austrocknen der Sahara zogen sie ins Niltal, wo sie die Ägypter antrafen – und verdrängten. Seit dem wurden die Bestände permanent dezimiert. in den 1970ern kamen sie bereits nur noch im Garamba-Nationalpark in Zaiire (heute DR Kongo) vor. Durch den Schutz paramilitärischer Wildhüter konnte der erste Tiefpunkt der Population überwunden werden. Die Anzahl der Tiere wuchs auf etwa 40 Tiere. Doch das Horn war zu wertvoll, und der Staat Zaiire brach zusammen. Gut ausgerüstete Wilderer, die über den Sudan eindrangen, schossen die Tiere in den 2000ern zusammen, das letzte bekannte freilebende Exemplar wurde 2008 erschossen.

    Die wenigen Zootiere waren nicht wirklich besser dran. Obwohl man sie in wenigen, hervorragenden Zoos zusammenzog, klappte es mit der Fortpflanzung nicht. Um sie in Stimmung zu bringen, brachte man die letzten, schon ziemlich alten Tiere nach Kenia. Die Hoffnung, sie würden unter der Sonne Afrikas „in Stimmung“ kommen, zerschlug sich bald. Permanent bewacht, blühten die Tiere zwar auf, aber Nachwuchs stellte sich nicht ein. Bis der letzte Bulle „Sudan“ am 19. März 2018 wegen Altersbeschwerden eingeschläfert werden musste.

    Damit war die Tierart de facto ausgestorben – obwohl noch zwei Weibchen lebten.

    Künstliche Besamung – künstliche Befruchtung

    Von Sudan und dem Bullen Suni liegen Spermaproben vor. Die Wissenschaftler, die mit dem Schutz der Nördlichen Breitmaulnashörner befasst sind, haben zunächst versucht, die Weibchen damit zu befruchten. Das schlug fehl, die Qualität der Samen war zu schlecht.

    Eine örtlich fixierte Eizelle, die mit einer dünnen Nadel angebohrt ist
    Injektion einer Samenzelle in eine Eizelle. Foto: Roger Abdelmassih

    Auch die Versuche, künstlicher Befruchtung wurde schwierig. Die Samenqualität ist so schlecht, dass die Samen selbst in der Retorte nicht in die Eizellen eindringen konnten. So war eine Übertragung der Kerne in die Eizellen notwendig. Auf diese Weise konnten sie sieben von zehn Eizellen erfolgreich befruchten. Ob sich aus den befruchteten Eizellen auch Embryonen entwickeln, ist ungewiss.
    Wenn Embryonen entstehen, kann man sie auch Kühen des nahe verwandten Südlichen Breitmaulnashorns implantieren. Das Verfahren ist bei anderen Arten erprobt und funktioniert routiniert.

    Und was, wenn nicht?

    Für den Fall, dass die erprobten Methoden nicht funktionieren, haben die Wissenschaftler noch einen letzten Plan in der Hinterhand. Das Tean um Cesare Galli von dem Labor Avantea in Cremona in Italien arbeitet an einer Stammzelltechnik. Sie versuchen, erhaltene Körperzellen auf den Status „Stammzelle“ zurück zu programmieren, um sie dann in Ei- und Spermazellen zu differenzieren. Damit könnte man dann die genetische Vielfalt schaffen, die für eine gesunde Population notwendig ist.


    Ein Vorgehen, das Fragen aufwirft, viele Fragen

    ein Kommentar von: Tobias Möser

    Wir haben es geschafft! Aus Profitgier und Dummheit hat die Menschheit eine der ikonischsten Tierarten auszurotten. Es gibt keinen anderen Grund für ihr Verschwinden, außer dass Menschen sie abschießen, um an das Material ihres Hornes zu kommen. Wir können hier keine Umweltveränderungen, Krankheiten, auf natürliche Weise einwandernde Tiere oder einen reduzierten Genpool vorschieben: Nur die Menschheit alleine ist an dem Aussterben schuld!

    Jetzt investieren wir vier Millionen Euro in diese Züchtung. Da bleibt eine einfache Rechnung: ein Kilo Nashorn, egal welcher Art, erzielt auf dem Schwarzmarkt etwa 54.000 Euro „Großhandelspreis“. Ein ausgewachsenes Nashorn trägt etwa 3 kg davon mit sich herum, es ist also etwa 162.000 Euro „wert“. Mit diesen vier Millionen könnte man also gut 25 Nashörner „finanzieren“. Mit dem 26. Nashorn würde man bereits Gewinn erzielen.

    Diese Überlegung ist böse, zugegeben. Doch so lange der Schwarzmarkt für das Horn noch existiert, werden sogar Zootiere in ihren Gehegen erschossen, selbst in Museen wird für das Horn eingebrochen. In dieser Situation wird kein Nashorn wirklich frei als Teil der Natur leben können. Wir schaffen also gut zu bewachende Zootiere.

    Nur Zootiere?

    Dermoplastik eines Riesenalkes
    Dermoplastik eines Riesenalkes, Museum Braunschweig

    Zootiere schaffen wir noch aus einem anderen Grund. Die genetische Basis ist sehr gering. Die Keimzellen stammen nur von vier Tieren, von denen eines der Vater von mindestens einem der Weibchen ist. Diese Basis reicht nicht aus, um eine gesunde Population zu bilden. Spätestens nach drei Generationen ist ein Inzuchtkoeffizient erreicht, der die Gesundheit der Tiere gefährdet. Missbildungen sind möglich. Bedrohlicher, aber weniger auffällig sind genetische Defekte, die in einer gesunden Population nicht auffallen würden, früher oder später aber homozygot auftreten.

    Bei einer Basis von vier Tieren kann man das Aussterben der Art also nur um 20 bis 60 Jahre verzögern.

    DNA oder Genome? Genome!

    Eine wirkliche Chance für die Wiederherstellung des Nördlichen Breitmaulnashorns sehe ich nicht. Die wenigen Tiere, die in einem solchen Projekt entstehen können, können selbst unter optimalen Umständen – keine Jagd, keine Lebensraumvernichtung mehr – die ökologische Funktion der Art nicht übernehmen. Selbst wenn aus 10 Museumsexemplaren weitere Keimzellen produziert werden könnten (was noch nicht fest steht), reicht auch hier eine Basis nicht aus.

    Bisher ist die Gewinnung von Keimzellen aus Körperzellen noch nicht etabliert, um es vorsichtig auszudrücken. Wie das mit Zellen aus konserviertem Museumsmaterial funktionieren soll, ist eine weitere Frage. DNA ist zwar sehr stabil, unter geeigneten Umständen – und die sind in Museumssammlungen durchaus vorhanden – kann sie über hunderte Jahre überdauern. Genauer gesagt: sie ist chemisch so stabil, dass Teile des Genoms sequenziert werden können. Für eine Keimzelle wird aber ein vollständiges, funktionelles Genom benötigt. Die Frage ist, wie es die Konservierung bei Bälgen, Dermoplastiken, Feucht- und Trockenpräparaten „überlebt“.

    Bildlich gesprochen könnte man hier folgenden Vergleich aufstellen: Das, was an DNA aus alten Präparaten sequenziert wird, entspricht einzelnen Textsequenzen eines geschredderten Buches, dessen Schnipsel einige brutale Behandlungen über sich ergehen lassen mussten. Im Vergleich dazu besteht ein Genom aus dem vollständigen, noch gebundenen Buch.

     

    Zootiere, wozu?

    Betrachtet man die Aktion aus einem anderen Blickwinkel, erscheint sie sinnvoller. Hier könnten weitere ausgestorbene Tiere erzeugt werden, beispielsweise die Wandertaube, der Carolina-Sittich oder der Beutelwolf. Sogar der Riesenalk, Quagga und Dodo kommen in Reichweite. Ziel kann nie eine ökologisch funktionierende Population sein, sondern eine Gruppe von Zootieren.

    Kolorierte Zeichnung eines Dodos und eines Meerschweinchens
    Die berühmte Zeichnung „The Dodo and the Guiney Pig“ von George Edwards. Stimmen die Propotionen des Vogels?

    Doch wozu der Aufwand für ein paar Zootiere? Wir würden eine Art Jurassic Park schaffen, aber mit Tieren, die im Anthropozän ausgestorben sind: Fancy Animals werden sie auf englisch genannt.
    Neben dem Show-Effekt kann man diese Tiere studieren. Die Hardware, also Anatomie und Morphologie zahlreicher, auch neuzeitlich ausgestorbener Tiere ist oft bekannt. Doch selbst bei angeblich relativ gut dokumentierten Tieren, wie dem Dodo ist ein natürlicher Habitus unbekannt: alle Abbildungen zeigen vermutlich mit Schiffszwieback fett gemästete Tiere. Das Verhalten, die Software, ist weitgehend unbekannt.

    Einige Verhaltensweisen sind genetisch fixiert, auch diese würde man dann bei solchen Tieren feststellen. Beim vor etwa 80 Jahren ausgestobenen Beutelwolf weiß man nur, wie er sich langsam fortbewegte. Einzelberichte zeugen von Hüpfen, wie bei den verwandten Kängurus. Stimmt das? Beschleunigte er so vielleicht?
    Eine festgeschriebene Software könnte so studieren, aber die freien Anteile fehlen: Alles das, was die Tiere an Traditionen hatten, die sie von ihren Eltern bzw. der Mutter lernen, ist mit dem Aussterben verschwunden. Großkatzen müssen den Tötungsbiss abgucken, Bären lernen, wie man Fische fängt. Viele Pflanzenfresser lernen durch Nachahmen, welche Pflanzen fressbar sind und welche nicht.

    Kann man solche Tiere aussetzen? Ist es vertretbar, Tiere in die Umwelt zu entlassen, von denen man annehmen muss, dass ihnen zum Überleben Wissen fehlt? Es passiert täglich tausenfach, mit Besatzfischen, für die Jagd gezüchteten Fasanen und anderen Tieren. Passiert das im Rahmen der Forschung, hat man wenigstens die Chance und die Möglichkeit, verhungernde Tiere wieder einzufangen. Aber man hat auch die Chance zu sehen, wie sie auf ihre Umwelt, Artgenossen und Konkurrenten reagieren.

    Ein ökologischer Ersatz sind sie nicht (mehr), selbst wenn man sie in großer Zahl nachziehen könnte: Die Umwelt hat sich ohne diese Arten verändert.

    (k)ein Platz mehr in der Umwelt?

    Kakapo-Portrait von Kimberley Collins
    Der Kakapo ist mittlerweile ein solches Fancy-Animal geworden. In den allermeisten Teilen seines Verbreitungsgebietes ausgestorben und nur noch mit Hilfe überlebensfähig.
    Foto: Kimberley Collins, auf Dusky Island

    Auf Tasmanien fehlt der Apex-Predator, Beutelteufel und Füchse nehmen teilweise seine Funktion ein. In Nordamerika fehlt ein Zugvogel, der zu zig Millionen den Kontinent besiedelt hat. Von so einem Vogel hängen Fressfeinde ab, aber auch Pflanzen, die er verbreitet, Zugwege, die er düngt, und so vieles mehr. Fehlt er, verschiebt sich die Baumgesellschaft in den Wäldern, die Pflanzenzusammensetzung der Plains, die Zahl der Räuber.

    Die so gezüchteten Tiere wären Fancy Animals, Liebhaber-Tiere. Mit ihrem (langsamen) Aussterben haben andere Tiere Teile ihrer ökologischen Funktion übernommen. Teilweise hat die Umwelt durch andere Anpassungen reagiert:

    Ein großer Pflanzenfresser wie das Nördliche Breitmaulnashorn ist ökologisch nicht einfach durch andere, kleinere Pflanzenfresser ersetzbar. Fehlt es, können diese zwar die frei werdende Biomasse fressen, vielleicht nimmt sogar ihre Zahl zu. Aber die Auswirkungen sind nicht dieselben. Wie viele Pflanzenarten sind auf die kurze Beweidung angewiesen. Was ist mit Pflanzen, die Zebras oder Schwarzbüffel stehen lassen würden? Wie viele Pflanzen sind auf die Verbreitung mit dem Kot von Nashörnern angewiesen, weil die Verdauungssysteme anderer Pflanzenfresser die Samen angreifen? Fehlt ein Knoten, verändert sich das Netzwerk. Wir merken es kaum, weil es zu langsam geht – und weil wir selbst wesentlich größere Umweltveränderungen verursachen.

    Lektion gelernt?

    Würden die Schafzüchter heute Beutelwölfe auf Tasmanien dulden? Könnten nordamerikanische Farmer damit leben, wenn 10 Millionen Wandertauben auf ihren Feldern Weizen fressen? Ist in 20 Jahren in Afrika überhaupt noch Platz für Nashörner?

    Einmal ausgerottet bleibt ausgerottet, selbst wenn dann einige Fancy-Animals in den Zoos etwas anderes suggerieren würden. Vielleicht ist das die Lektion, die die Menschheit aus der Sache lernen kann…

     


    * Warum wir wissenschaftliche Namen nicht kursiv schreiben:

    Wir wissen natürlich, dass man wissenschaftliche Namen in Texten kursiv schreibt. Wir würden das auch hier gerne machen, leider hat unser Template genau in dieser Funktion einen Bug (technischen Fehler). Dieser Fehler sorgt dafür, dass eine kursive Formatierung immer gleichzeitig fett hervorgehoben wird. Außerdem wird im Fließtext, jedoch nicht in Kurzzusammenfassungen und Suchmaschinentexten ein weiteres Leerzeichen vor und hinter dem Text angezeigt.
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  • Freitagnacht-Kryptos: Rätselhafte Dendrogramma

    Im Archiv kramte: Tobias Möser

     

    Kryptozoologie, wie sie im Internet meist verstanden wird, befasst sich mit großen und noch unentdeckten Tieren. Optimal ist noch, wenn sie furchteinflössend, legendär und ein wenig gefährlich sind. Yeti, Bigfoot, Nessie und wenns sein muss auch noch ein Kongamato, drunter ist es uninteressant. Dabei ist gerade bei den kleineren Tieren eine Menge zu finden. Es gibt Kryptide, die nahezu jedermann entdecken kann, ohne unglaubliches Glück zu haben. Hier gibt es Rätsel, die man sich bei den Großen nicht vorstellen kann.

    Die Dendrogramma sind so etwas. Doch was sind Dendrogramma?

    Hier folgt der Originalartikel vom 6.9.2014 aus dem Kryptozoologie-Online-Forum:

    Stämme sind die eine der höchsten systematischen Ordnungen im Tierreich. Derzeit werden bei den mehrzelligen Tieren etwa 30 Stämme unterschieden, z.B. die Arthropoden, Mollusken oder Chordatiere.

    Die meisten Stämme sind sehr artenreich und mannigfaltig, aber es gibt auch einige wenige kleinere. Dem entsprechend selten werden Organismen entdeckt, die keinem der bekannten Stämme zugeordnet werden können. Doch möglicherweise ist genau das vor kurzem wieder passiert.

    Rätselhafte Dendrogramma

    Dendrogramma ein Holotyp vor schwarzem Hintergrund
    Dendrogramma enigmatica, seitliche Sicht (oben), nach Schrumpfung durch Konservierung. Foto: Just J, Kristensen R, Olesen J, CC 4.0

    Bereits 1986 sammelten Forscher mit Hilfe eines Epibenthosschlittens zwei Tierarten auf dem Meeresboden vor Australien. Diese Geräte, eigentlich eine Art Korb, der über den Meeresboden gezogen wird, schneiden die oberste Schicht des Meeresbodens aus und nehmen alles mit, was darauf und darin lebt. Das wird in der Regel konserviert, archiviert und erst mal in einer Museumssammlung eingelagert. Dann muss man später „nur noch“ die Proben durchsuchen und bestimmen, was man denn da gefangen hat.

    Tatsächlich fand man dort auch unbekannte Tiere. Sie waren pilzförmig, 8 bis 11 mm hoch und hatten einen Durchmesser von bis zu 17 mm. Sie verfügen über einen kompletten Verdauungsapparat und möglicherweise sogar eine Art Schwimmboje.

    In 400 bzw. 1000 m Tiefe fanden die Forscher diese Organismen, die sie mit Dengrogramma enigmatica und D. discoides benannten. Nach 28 Jahren wurden sie von Dorte Janussen vom Senckenberg Forschungsinstitut in den Sammlungsproben entdeckt, und als etwas Besonderes erkannt, weil sie keinem der bekannten Stämme zugeordnet werden können.

    In Formaldehyd konserviert

    Zahlreiche Dendrogramma-Funde vor schwarzem Hintergrund mit Erklärungen
    Weitere Dendrogramma-Exemplare, ebenfalls nach Konservierung. Foto: Just J, Kristensen R, Olesen J, CC 4.0

    Leider erschwert die Konservierung auch die Bestimmung. Um die fragilen Körper zu schützen, haben die Forscher damals mit Formaldehyd fixiert. Hierdurch ist eine DNA-Analyse unmöglich. „Aufgrund seiner Formolfixierung eignet sich Dendrogramma leider nicht für molekularbiologische Untersuchungen, die seine Abstammung besser klären könnte“, erklärt Janussen.

    Dendrogramma teilt die Merkmale von Rippenquallen (Ctenophora) und Korallentierchen (Cnidaria), lässt sich aber gerade deswegen keinem der beiden Tierstämme zuordnen. Die Erstbeschreiber um Jean Just fanden bei den Tieren weder Nesselzellen noch Tentakeln – dann könnte man sie den Cnidariern zuordnen. Auch das typische Sinnesorgan der Ctenophora, das Apikalorgan, konnten sie nicht ausmachen.

    Janussen ist da anderer Meinung: sie findet Verbindungen zur heute noch rätselhaften Ediacara-Fauna, will aber Dendrogramma nicht einordnen. „Die Ähnlichkeit mit Ediacara-Fossilien ist zwar vorhanden, aber nicht aussagekräftig“, sagt die Meeresbiologin. „Schon die Zuordnung dieser Fossilien ist umstritten.“

    Um das Rätsel um die kleinen, pilzförmigen Tiere zu lösen, muss vor allem eins her: Mehr und besser konserviertes, im Idealfall auch lebendes Material.

    Die Wissenschaft hat festgestellt…

    Das war der Stand von 2014, als diese Meldung das erste Mal im damals schon im Niedergang begriffenen Forum von Kryptozoologie-online erschien. Zwischenzeitlich ist die Wissenschaft an frisches Material gekommen. Forscher haben genetische Analysen durchgeführt, lebende Tiere untersuchen können und sind schließlich zu einer Einordnung gekommen.

    Zunächst einmal die „schlechten Nachrichten“: zu einem der Stämme, aus denen sich die Ediacara-Fauna zusammensetzt, konnten die Dendrogramma nicht zugeordnet werden. Das wäre auch seltsam, da es bisher kaum wirkliche Aussagen über die Einordnung der Ediacara-Fauna gibt.

    Die Ediacara-Fauna

    Künstlerische Darstellung eines Biotops mit Ediacara-Lebewesen
    So stellt sich Künstler John Sibbick einen Biotop mit zahlreichen unterschiedlichen Ediacara-Lebewesen vor.

    Die Ediacara-Fauna ist nach den Ediacara-Hills im Outback von Australien, etwa 350 km nördlich von Adelaide benannt. Sie besteht aus präkambrischen Lebewesen, von denen Weichkörper fossil erhalten sind. Hartteile hat das Leben zu dieser Zeit noch nicht entwickelt. Die relativ artenarme Fossilgemeinschaft besteht aus etwa 280 Taxa, von denen etwa die Hälfte Spuren darstellt. Die Zuordnung der Organismen zu später lebenden Formen ist unklar und bestenfalls umstritten.

    Bisher ist nicht einmal klar, ob es sich um Einzeller, Pilze, Pflanzen oder Tiere handelt oder ob sie möglicherweise ein siebtes Reich (nach Bakterien und Archaeen) bilden. Um nicht namenlos zu bleiben, haben die Wissenschaftler den provisorischen Namen Vendobionten nach dem Zeitalter des Vendiums vergeben.

    Die meisten der Organismen leben auf dem Boden, einige Arten scheinen mobil gewesen zu sein. Nur wenige Arten zeigten Ansätze von Skelettstrukturen, viele Arten waren bilateralsymmetrisch und sehr dünn.

    Erste Formen der Ediacara-Fossilien traten nach derzeitigen Erkenntnissen vor etwa 610 Millionen Jahren auf. Die letzten Ediacara-Gemeinschaften fand man in Gesteinen, die etwa 542 Millionen Jahre alt waren. Damit starben sie an der Grenze zum Kambrium aus.

    Nicht nur in Ediacara

    Fossil einer großen Dickinsonia
    Fossil einer großen Dickinsonia

    Ediacara-Fossilien hat man nicht nur in den Ediacara-Hills gefunden, sondern an etwas mehr als vierzig Fundorten auf allen Kontinenten. Wichtige Fundorte sind neben den Ediacara-Hills der Südosten Neufundlands, die Küstenregion des Weißen Meeres in Russland und der Kalahari-Kraton in Namibia.

    Neuere Untersuchungen aus dem letzten Jahr zeigten eine für Tiere typischen Biomarker bei einem typischen Ediacara-Vertreter: Dickinsonia. Dieser ähnelt dem Cholesterin und entsteht, wenn tierische Fette zerfallen. Eine geringe Menge von Biomarkern deutet auf pilztypische Verbindungen hin, die für Einzeller charakteristischen Moleküle fehlten weitgehend. Ob man daraus schlussfolgern kann, dass es sich bei Dickinsonia um ein Tier handelt, muss jeder selbst entscheiden. Ein Schluss auf andere Ediacara-Fossilien, die nicht näher mit Dickinsonia verwandt waren, erscheint mir gewagt.

    Doch was sind die Dendrogramma nun?

    Durch die genetische Untersuchung konnte man die Dendrogramma tatsächlich einordnen. Sie stehen in einer bereits bekannten Familie, den Rhodalijdae in der Ordnung der Staatsquallen oder Siphonophorae, gehören also zum Stamm Nesseltiere.

    Sie stehen dort ziemlich am Rand, weitere Erkenntnisse könnten durchaus eine neue Einstufung ergeben. Andererseits: Die Staatsquallen gehören zu den ungewöhnlichsten Tieren überhaupt. Da passt so etwas ungewöhnliches wie die Dendrogramma ganz gut rein.

     


    Dieser Beitrag ist in der Reihe „Freitagnacht-Kryptos“ erschienen und unterliegt dem Urheberrecht des oben genannten Autors.

    Beiträge, die mit einem Autorennamen gekennzeichnet sind, geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

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  • Die verlorene Stadt im Dschungel – ein Hotspot der Artenvielfalt

    Durch das Zusammentreffen von nordamerikanischer und südamerikanischer Fauna und Flora gilt die mittelamerikanische Landbrücke als eine der artenreichsten Regionen der Erde. Länder wie Belize haben sich die Vielfalt auf unterschiedliche Arten zunutze gemacht. Ökotourismus ist eine davon, Forschungslizenzen für Biotech-Konzerne ist eine andere.

    Doch im benachbarten Honduras hat man dieses Geschenk der Natur lange als – nunja- naturgegeben hingenommen. Urwaldrodung für Edelhölzer oder um Ackerland für die ständig wachsende Bevölkerung zu gewinnen, ist leider immernoch an der Tagesordnung. Die Regierung versucht mit großem Einsatz, Ökotourismus und damit eine nachhaltige Nutzung zu schaffen. Dennoch gehen jährlich 3000 km² Wald verloren.

    Eine versunkene Stadt

    Da hört es sich märchenhaft an, wenn eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern in einem abgelegenen Tal des Mosquitia-Regenwaldes eine verlassene Stadt findet. Eine Stadt, die sich der Dschungel zurückgeholt hat. Eine Stadt, die seit Jahrzehnten bekannt war, von der aber niemand genau wusste, wo sie lag. Die Legende von der „Weißen Stadt“ geht auf einen Bericht des Konquistadors Hernán Cortés zurück, der dort enorme Reichtümer vermutete.

    Arrangement aus Lederhut, Kompass und Notizbuch
    Verlorene Städte wirken magisch anziehend auf jede Art der Abenteurer

    Berg mit Maya-Ruine zwischen Bäumen
    Leider ist auch die Zahl der Maya-Städte, die noch im Dschungel verborgen sind, gering.

    Hueitapalan, so der überlieferte indigene Name der Stadt hat Abenteurer wie Schatzsucher seit Jahrzehnten fasziniert. Ein Ziel für die Indiana Jones‘ Mittelamerikas. Doch auch seriöse Forscher, vor allem Archäologen und Historiker waren an der „Weißen Stadt“ oder „Verlorenen Stadt des Affengottes“ mehr als interessiert. Der Legende nach soll die Stadt von hohen, weißen Mauern umgeben gewesen sein. Im Zentrum des Ortes soll sich eine gigantische Statue eines Affengottes erhoben haben. Niemand, den der Affengott sah, sei je zurückgekehrt, so die Legende.

    2012 wurde aus der Legende zumindest teilweise Gewissheit. Ein interdisziplinäres Team um die Filmproduzenten Steven Elkins and Bill Benenson  entdeckten erste konkrete Hinweise. Mittels Airborne Laser Mappings konnten sie Ruinen in der dichten Vegetation ausmachen. 2015 berichtete ein Team um den Archäologen Christopher Fisher von Artefakten aus der Gegend, einschließlich Ruinen und steinernen Tierskulpturen.


    Lage des Rio Plátano-Nationalparkes, die Weiße Stadt soll irgendwo in dem Nationalpark verborgen sein.

    Humanoide Figuren mit dreieckigem Kopf

    Vor Ort fanden die Forscher dann Überreste von Plätzen, Erdwällen und der fast unvermeidlichen Pyramide. Das US-amerikanisch-honduranische Team fand in den Ruinen über 200 Steinskulpturen. Die Bewohner hatten sie offenbar gezielt zusammengebracht und auf einem Boden aus rotem Lehm arrangiert. Im Zentrum stand eine rätselhafte und faszinierende Staute eines Geiers mit halb gespreizten Flügeln. Der Geier wiederum war von Ritualgefäßen umgeben, die mit weiteren Geiern oder Schlangen dekoriert waren. Einige dieser Gefäße trugen eine seltsame, humanoide Figur mit großem, dreieckigem Kopf, hohlen Augen und einem offenen Mund über einem wie ausgedörrt wirkendem Körper.

    Fisher interpretiert diese Figuren als „Todesfiguren“, möglicherweise ein getrockneter Leichnam eines Ahnen, der für ein Begräbnis vorbereitet wurde. Vor dem Hintergrund, dass diese Gefäße um eine Geierstatue arrangiert wurden und keine Gräber im Umfeld der Stadt zu finden waren, sind andere Interpretationen möglich.

    Eine Affengottstatue fanden die Archäologen nicht.

    Ein Todesritual für die Stadt?

    Die Forscher glauben, die wertvollen, aber nicht unbedingt nützlichen und schwer zu transportierenden Steingegenstände wurden gezielt in der Form eines Schreines aufgebaut. Viele Gefäße haben die Bewohner rituell unbrauchbar gemacht, in dem sie ihnen ein Loch in den Boden schlugen. Ebenso ein mehr als 90 cm langer Mahlstein aus wertvollem Basalt, der in sechs Teile zerbrochen war – offensichtlich mit Absicht, Basalt bricht nicht so schnell.

    Dschungelszene mit Baumstamm, Lianen und Palmfarn
    Im dichten Dschungel Mittelamerikas verbirgt sich möglicherweise noch mehr…

    Baum mit verschlungenen Brettwurzeln
    Warum haben die Bewohner die Weiße Stadt verlassen und wo sind sie hingezogen?

    All das deutet darauf hin, dass die Weiße Stadt nicht etwa ausstarb, sondern absichtlich verlassen wurde. Das Arrangieren und Unbrauchbarmachen der rituellen Skulpturen könnte ein Abschiedsritual gewesen sein – und gleichzeitig bittere Notwendigkeit:

    Wenn die Bevölkerung sich entschließt, warum auch immer eine Stadt zu verlassen, dann wird sie eher leichtere Gegenstände mitnehmen, die sie täglich braucht. Das nicht weniger wichtige Rituelle wird sich auf kleinere Gegenstände wie Figurinen beschränken.

    Auch das Zerbrechen der Kultgegenstände ist sinnvoll, so können sie nie wieder von anderen (möglicherweise von einem Feind) zu niederen Zwecken missbraucht werden. Dieses Vorgehen kennen Archäologen auch aus anderen Kulturen, auch aus Mitteleuropa. Ein berühmtes Beispiel ist der Fischerring des Papstes, der nach seinem Tod zerstört wird. Weniger „heilig“, aber mit der selben Intuition werfen Mitglieder slavischer Völker die Gläser an die Wand, wenn aus ihnen auf ein ganz besonderes Ereignis getrunken wurde.

    Die Kleinräumigkeit schafft Lebensräume

    Die noch unbenannten Bewohner von Hueitapalan lebten hier zwischen etwa 1000 n.Chr. und 1400, nach anderen Angaben etwa 1520, zur Zeit des ersten Kontaktes mit Europäern. Wieso sie die Weiße Stadt verlassen haben, ist unbekannt.

    Bekannt ist aber, dass sie mit ihrer Stadt und deren Verfall eine Vielzahl von Nischen für Pflanzen und Tiere schufen. Ein spezialisiertes Team von „Naturschutzwissenschaftlern“ der us-amerikanischen Non-Profit-Organisation Conservation International hatte bereits 2017 eine dreiwöchige Exkursion nach Hueitapalan unternommen. Sie fanden in der kurzen Zeit eine unglaubliche Artenvielfalt in der Weißen Stadt: 198 Vogelarten, 40 kleinere Säugetiere, 56 Amphibien- und Reptilienarten, 30 große Säugetiere und 94 Schmetterlingsarten konnten sie zählen. Ihr Bericht erschien Anfang Juli 2019.

    Zu den Arten, die den Wissenschaftlern über die Füße liefen, gehörten auch einige Arten, die in Honduras gar nicht mehr vorkommen sollen, oder die als ausgestorben galten. So fanden sie Peters Spießblattnase (Phylloderma stenops*), eine Langnasen-Fledermaus, die in Honduras lange nicht mehr nachgewiesen wurde. Besonders bemerkenswert war ein Sandlaufkäfer, der bisher nur aus Nicaragua bekannt war und als ausgestorben galt.

    Soldatenara
    Wie viele Großpapageien ist auch der Soldatenara vom Aussterben bedroht.

    Jaguar liegt im Schatten des Regenwaldes
    Auch Jaguare kommen in der Umgebung der Weißen Stadt vor – und wurden offenbar von ihren Bewohnern verehrt.

    Auch der große Soldatenara Ara ambiguus ambiguus kommt hier vor, ebenso wie 22 Tierarten, die bisher in Honduras nicht bekannt waren. Unter den großen Säugetieren war die gesamte „Prominenz“ Mittelamerikas vertreten: Jaguare, Ozelots, Pumas, Pekaris und viele andere. Eine Erstentdeckung ist auch dabei, ein lebendgebärender Fisch, der der Wissenschaft bisher unbekannt war.

    Wie in einem Indiana-Jones-Film

    „In der heutigen Welt scheint das wie eine Geschichte aus den ‘Indiana Jones’-Filmen zu klingen. Aber der sensationelle archäologische Fund in dem unerforschten Dschungel war für die Entdecker, die sich dorthin wagten, genauso wirklich wie überraschend.“
    Aus der Pressemeldung von Conservation Intl. vom 21. Juni 2019

    Tod Larson, der Leiter des Teams vor Ort fügte hinzu: “Die ‘Weiße Stadt’ ist eines der wenigen Gebiete in Mittelamerika, in denen ökologische und evolutionäre Prozesse intakt geblieben sind.” Daher sei es unmittelbar nötig, das Gebiet zu schützen: „Einer der Hauptgründe, warum wir einen so hohen Artenreichtum und eine so große Zahl bedrohter und weit verbreiteter Arten (z. B. Pekari) festgestellt haben, ist, dass die Wälder rund um die Weiße Stadt im Gegensatz zu weiten Teilen der Region unberührt sind.

    Dies macht das Gebiet zu einer hohen Schutzpriorität für die Aufrechterhaltung einer breiteren Landschaftskonnektivität, die für die langfristige Erhaltung der biologischen Vielfalt in Mittelamerika von wesentlicher Bedeutung ist.“

    Ein Hauptproblem sieht Larson im Drogenhandel, der seine Pfade gerade durch unberührte Gebiete zieht. Zum Glück ist die Regierung von Honduras gewillt, das Gebiet zu schützen. Seit 2005 ist die Gegend um die Weiße Stadt bereits geschützt, nun will man den Schutz verstärken.

    Offenbar ganz im Sinne von John Polisar, Mitglied im Team von Tod Larson, der betont:

    „Wir arbeiten seit 14 Jahren vor Ort in den Eingeborenen-Gebieten von La Moskitia, und dieser Ort hat sich als einfach großartig erwiesen. Aufgrund seiner gegenwärtig intakten Wälder und Fauna ist das Gebiet von außerordentlich hohem Naturschutzwert. Es verdient energischen und wachsamen Schutz, damit seine Schönheit und Tierwelt auch in Zukunft Bestand haben.“


    Quellen:

    Douglas Preston: See New Discoveries at the Mysterious City of the Jaguar, National Geographic, 2016

    Conrad Duncan: ‘Extinct’ creatures found alive in ‘lost city’ deep within Honduras rainforest, Independent, 2019

    wikipedia: Hueitapalan, 2018


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