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  • Freitagnacht-Kryptos: Geweihfehlbildung bei Rehen

    In den Archiven kramte: Markus Bühler

     

    Heute soll es mal wieder um Miss-und Fehlbildungen gehen, genauer um die Fehl-und Missmildunge bei Rehgeweihen. Dass ich ausgerechnet Rehe hier anführe hat einen einfachen Grund. Denn da diese die häufigsten Hirsche in Mitteleuropa sind, und auch noch dort vorkommen wo es schon lange keine Rothirsche mehr gibt und auch keine ohnehin nicht heimischen Damhirsche oder andere Arten eingeführt sind, finden sich auch entsprechend viele ungewöhnliche Geweihe. Natürlich kommen auch bei den anderen Hirsche gelegentlich sehr seltsame Geweihe vor, aber davon habe ich leider bei weitem nicht so viel Bildmaterial wie für Rehe. Die hier gezeigten Geweihe stammen allesamt, mal wieder, aus dem Jagd-und Forstmuseum im dänischen Hørsholm. Die Anzahl von dort ausgestellten Abnormitäten ist wirklich enorm, und ich muss mich hier leider auf einige besonders interessante Fälle beschränken.

    Wand mit zahlreichen Kopf- und Geweihpräparaten
    Die hier gezeigten Geweihe stammen allesamt aus dem Jagd-und Forstmuseum im dänischen Hørsholm.

    Vielfältige Gründe für Missbildungen

    Wenn man sich all jene Abnormitäten ansieht, fragt man sich natürlich, wie es überhaupt zu so etwas kommen kann. Tatsächlich sind die Ursachen dafür äußerst vielfältig. Zum Einen kann eine Verletzung der Geweihknospen, zumal in der Jugend, zu verschiedensten Fehlformen des Geweihs führen, die dann auch zweitlebens beibehalten werden. Andererseits kann auch lediglich das im Wachstum begriffene, und noch weiche Geweih durch Verletzungen (und wahrscheinlich auch Krankheiten) deformiert oder verletzt werden, wobei in einem solchen Fall aber die Fehlbildung auch einmalig sein kann, also bei später geschobenen Geweihen nicht mehr auftritt.

    Es gibt natürlich auch genetisch bedingte Abnormitäten, tatsächlich ist es sogar so, dass die allermeisten Hirsche (ich weiß nicht wie es bei Rehen ist, da ihr Geweih weit weniger komplex ist) gewisse Abnormitäten zeigen, freilich in verschiedenem Grade. Wenn man sich einmal die Geweihe großer Mengen von Hirschen, oder eben wie hier auch Rehen ansieht, merkt man schnell dass ein enormes Potential bezüglich der individuellen Variabilität besteht. Es gibt sehr kurze und sehr lange, sehr dicke und sehr dünne, mehr oder weniger stark gebogene Geweihe. Natürlich ist das immer auch teilweise vom Alter abhängig, sowie dem Ernährungszustand, aber nichtsdestotrotz sind die individuellen Grundformen im Allgemeinen genetisch festgelegt.

    Geweihpräparat mit Fehlbildung
    Hier wirkt es so, als gäbe es eine dritte Stange

    Geweihpräparat mit Fehlbildung
    Ungleichmäßige Geweibildung

    Geweihpräparat mit Fehlbildung
    Beide Stangen machen denselben Bogen

    Geweihpräparat mit Fehlbildung
    Ebenfalls gebogene Stangen, diesmal von oben
    Geweihpräparat mit Fehlbildung
    Ricke mit kleinen Geweihstangen

    Ricken mit Geweih

    Ein besonderes Kuriosum sind Rehkühe welche leichte Geweihe entwickeln. Unter den Hirschen bilden normalerweise lediglich bei den Rentieren auch die Weibchen ein Geweih aus, bei anderen Arten ist so etwas abnorm. Auch erreichen die Geweihe weiblicher Hirsche nicht die Größe jener der Männchen, wie man auch bei der unten gezeigten Rehkuh mit Geweih sieht.. Die Ursachen liegen dabei vermutlich bei Hormonstörungen.

    Wie Einhörner oder Antilopen

    Gelegentlich können Verletzungen auch zum völligen Verlust eines einzelnen Geweihsprosses führen, so dass nur noch ein einzelner Ast ausgebildet wird. Man achte auch auf die ungewöhnlich langen und schlanken Geweihe welche man hier neben dem „Einhorn“ sieht. Besonders das Geweih ganz rechts sieht beinahe schon etwas aus wie die Hörner einer Antilope, da keinerlei Gabelung vorhanden ist.

    Geweihpräparate mit Fehlbildungen
    Vier Geweihpräparate mit antilopenartig wirkenden Fehlbildungen
    Geweihpräparat mit Fehlbildung
    Fast wie ein Einhorn

     

    Perückenböcke

    Eine der spektakulärsten Fehlbildungen von Hirschgeweihen, sind die sogenannten Perücken. Sie zeigen auf besonders eindrucksvolle Weise wie stark die Geweihbildung von Hormonen bestimmt wird, insbesondere von Testosteron. Wird beispielsweise ein junger Rehbock, bzw irgend ein anderer männlicher Hirsch, im frühen Alter kastriert, bildet er gar kein Geweih aus. Die einzige Ausnahme mache hier die Rentiere, da bei ihnen die Geweihbildung nicht geschlechtsabhängig ist, und ja auch die Weibchen ein Geweih bekommen.

    Werden bei einem bereits geschlechtsreifen Hirsch die Hoden während der Geweihbildung geschädigt oder entfernt (sowas passiert manchmal bei schlechten Schüssen, wie es auch eine ganz Reihe anderer äußerst unappetitlicher Verletzungen gibt, welche durch schlechte Treffer bei der Jagd passieren können, und den Tieren oftmals grauenhafte aber vielfach nicht gleich tödliche Verletzungn zufügen), kommt es zu einem Perückengeweih, der Bast wuchert einfach immer weiter. Kommt es aber zu einem Verlust der Testosteron-bildenen Zellen wenn der Bast bereits abgestreift ist, so wird das Geweih sofort abgeworfen, und ein neues Geweih fängt an zu wachsen, welches aber nicht mehr besonders groß wird, ständig mit Bast bedeckt ist, und auch nicht mehr abgestoßen wird.

    Perückenbock-Kopfpräparat
    Der Name Perückenbock wirkt passend

    stark ausgebildete Perücke
    Perücke in ihrer extremen Ausbildung

    Der Bock sieht fast nichts mehr
    Dieser Perückenbock sieht (fast?) nichts mehr

    Schädelplatte mit misgebildetem Geweih
    Vermutlich ein Perückengeweih, bei welchem der Bast entfernt wurde.

    Es gibt noch andere Störungen und Merkwürdigkeiten, welche zu gestörtem Wachstum des Geweihs führen können. So kann man durch Einspritzen von weiblichen Geschlechtshormonen bei einem in der Geweihbildung befindlichen Hirsch bereits vorhandenes knorpeliges Kolbengeweih vorzeitig zum Verkalken bringen.

     


    Literatur:

    Markus Bühlers Bestiarium: Bizarre Hirsche Teil 6


    Dieser Beitrag ist in der Reihe „Freitagnacht-Kryptos“ erschienen und unterliegt dem Urheberrecht des oben genannten Autors.

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  • Freitagnacht-Kryptos: Bizarre Fehlbildungen – Abnormes Zahnwachstum bei Hasen

    Von: Markus Bühler

     

    Hasen haben zeitlebens wachsende Schneidezähne, die sich wie jene der Nagetiere nicht nur am Futter, sondern auch aneinander abschleifen. Wenn dies aus irgendwelchen Gründen nicht passiert, etwa durch eine Zahnfehlstellung, oder weil beispielsweise aus welchen Gründen auch immer die abschleifenden Zähne im Gegenkiefer verloren gehen, wachsen die Zähne immer weiter. Dabei können sie groteske Ausmaße annehmen.

    Hasenschädel mit abnormal verlängerten Unterkiefern in einer Ausstellung vor schwarzem Hintergrund und Foto seinerselbst
    Hasenschädel mit abnorm verlängerten Zähnen des Unteriefers und teilweise fehlenden oberen Schneidezähnen

    derselbe schädel als detailaufnahme
    Der selbe Schädel noch einmal aus der Nähe.

    Hasenschädel mit ringartig nach hinten verlängerten oberen Nagezähnen
    Schädel eines Hasen, hier sind die oberen Nagezähne pathologisch verlängert.

    Übrigens gehören Hasen nicht, wie allgemein of angenommen, zu den Nagetieren, sondern zu den Hasenartigen oder Hasentiere (Lagomorpha), welche sich von den Nagetieren schon vor mindestens 60 Millionen Jahren trennten. Was passiert, wenn sich die Zähne von Hasen nicht gegenseitig abschleifen, kann man bei diesen Photos dem Jagdmuseum in Hørsholm.

     

    Literatur:

    Der Artikel ist auf Markus Bühlers Bestiarium am 6. August 2010 erschienen.


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  • Ein bizarrer Hybride aus Narwal und Beluga – Teil 2

    Liebe Leserinnen und Leser,

    aufgrund eines Fehlers wurde dieser Artikel nicht, wie geplant, am 9. Juli 2019 veröffentlicht. Jetzt erscheint er einen Tag später am 10. Juli. Wir bitten alle ungeduldig Wartenden zum Entschuldigung und übergeben nun Markus Bühler das Wort.

    Die Redaktion


    Wie ich den merkwürdigsten Wal der Welt rekonstruierte

    von: Markus Bühler

    Teil 1 des Artikels ist am 2. Juli 2019 hier erschienen.

    Kürzliche erregten neue Forschungsergebnisse um einen bizarren Hybriden aus Narwal (Monodon monoceros*) und Beluga (Delphinapterus leucas) weltweite Aufmerksamkeit. Er wurde nach Angaben eines grönländischen Inuit namens Jens Larsen 1986 oder 1987 in der Disko-Bucht im Westen Grönlands geschossen. Das Tier wies unter anderem einige äußerst ungewöhnliche Besonderheiten der Zähne auf. Der Wal soll grau gefärbt gewesen sein, und seine Brustflossen denen eines Belugas, die Schwanzflosse dagegen eher der eines Narwals geähnelt haben. Larsen beschloss aufgrund des ungewöhnlichen Aussehens des Wals dessen Schädel aufzuheben. Etwa zur gleichen Zeit sollen in der Gegend noch zwei ähnliche Exemplare geschossen worden sein, von denen jedoch eines versank und nicht geborgen werden konnte. Der Kopf des dritten Exemplars wurde zum Skelettieren an der Küste ausgelegt, allerdings niemals wiedergefunden, so dass als einziges physisches Relikt der von Larsen aufbewahrte Schädel verblieb.

    Der merkwürdigste Wal der Welt

    Drei Walschädel im direkten Vergleich
    Vergleich der Schädel von Narwal (a), Narluga (b) und Beluga (c). Mikkel Høegh Post, Zoologisches Museum Kopenhagen

    Seit ich 2007 zum ersten Mal von diesem bizarren Wal gelesen habe, war ich fasziniert von ihm. Die ursprüngliche Veröffentlichung von Mads Peter Heide-Jørgensen war damals noch nicht im Internet frei verfügbar war. Ich schrieb ich ihn an und bekam freundlicherweise eine digitale Version von ihm zugsendet. Die gescannte Version des Drucks beinhaltete eine ganze Reihe von interessanten Fotos, allerdings leider in sehr unzufriedenstellender Bildqualität. Zudem gab es einige weitere Fotos des Schädels im Internet, viele seiner Details ließen sich aber auch bei ihnen nicht vollständig erkennen.

    Ein Jahrzehnt später, im Frühsommer 2017, bekam ich die Möglichkeit den Narlugaschädel im Original im Archiv des Zoologischen Museums in Kopenhagen zu begutachten, und seine Anatomie vor Ort zu studieren. An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bei Eline Lorenzen und auch vor allem bei Daniel Klingberg-Johanson dafür bedanken den Schädel und viele andere faszinierende Stücke im nichtöffentlichen Archiv des Museums ansehen zu können.

    Wie hat der Narluga ausgesehen?

    Was mich ganz besonders interessierte, war wie dieser Wal wohl zu Lebzeiten ausgesehen haben könnte. Da lediglich der isolierte Schädel, die Verwandtschaftsverhältnisse und die sehr vage Beschreibung von Jens Larsen vorhanden waren, stellte sich hier eine Aufgabe, welche viel eher der Rekonstruktion eines nur von Fossilien bekannten ausgestorbenen Tieres vergleichbar war (etwa meiner Basilosaurus-Rekonstruktion). Bisher gab es keinerlei Bilder welche einen Eindruck vermittelten wie der Hybrid einmal ausgesehen haben könnte. Es gab eine einzige Darstellung, welche allerdings lediglich eine digitale Kombination aus einem Narwal und einem Beluga darstellte, und weder die Zähne noch die beschriebene Farbe berücksichtigte, was seine Rekonstruktion umso interessanter machte.

    Die Weichteile des Kopfes verursachen Kopfzerbrechen

    Da das einzigartige Gebiss das hervorstechendste Merkmal des Narlugas war, sollte es bei der Rekonstruktion auch entsprechend gut erkennbar sein. Daher entschloss ich mich direkt ein Bild des komplett artikulierten Schädels aus einer vor längerer Zeit erfolgten Pressemitteilung als Basis zu verwenden. Bei Zahnwalen im Allgemeinen und bei Gründelwalen wie dem Narwal und Beluga im Speziellen wird der Schädel von einer großen Menge Weichgewebe umschlossen. Vor allem die Melone, das Echolotorgan welches oberhalb des Schädels sitzt, nimmt einen sehr großen Raum ein. Dazu kommen noch die Bereiche in denen die komplexen Strukturen zum Blasloch führen, sowie die Lippen und natürlich das dicke Unterhautfettgewebe. Eine sehr hilfreiche Illustration zum besseren Verständnis der Anatomie eines Belugakopfes kann man hier sehen.

    Bei Belugas kommt noch hinzu, dass sie durch Muskelkontraktion die Form ihrer Melone in gewissem Rahmen verändern können, was das Heranziehen von Referenzbildern noch problematischer machte, denn selbst bei ein und demselben Individuum kann auf verschiedenen Bildern die Melone unterschiedlich geformt sein. Belugas besitzen auch für Wale ungewöhnlich gut ausgebildete und bewegliche Lippen. Das alles musste bedacht werden, selbst wenn hier selbstverständlich einiges an künstlerischer Freiheit einfloss. In seiner Kopfform steht der Narluga nun zwischen jenen der beiden Elternarten. Er zeigt die eher stärker verrundeten Formen des Narwals, aber eine schlankeren Halspartie und etwas voluminösere Oberlippen, um dem Belugaerbe gerecht zu werden.

     

    Der Schädel des Narlugas, mit hellen und bräunlichen Knochen und einigen seltsam geformten Zähnen
    Schädel das Narlugas. Foto Mikkel H. Post, Zoologisches Museum Kopenhagen

    Rekonstruktion der Kopfform des Narlugas anhand des Schädels
    Rekonstruktion der Kopfform des Narlugas anhand des Schädels (Bild: Markus Bühler)

    Narluga-Kopf-Rekonstruktion
    Narlugakopf mit rekonstruiertem vierten linken Zahn im Unterkiefer (Bild: Markus Bühler)

    Der letzte Zahn

    Den fehlenden letzten Zahn auf der linken Unterkieferseite rekonstruierte ich anhand der Größe und Ausrichtung des leeren Zahnfachs im Kiefer. Man sieht nun ganz gut die starke Asymmetrie in der Position und Form der Zähne im Unterkiefer. Bei der Pigmentierung des Maulinneren verwendete ich das Foto eines Narwalmauls als Referenz. Bei Walen findet sich nicht wie sonst bei Säugern üblich eine klare Abgrenzung zwischen dem normalweise von Schleimhaut ausgekleideten Maulinneren und den von Epidermis bedeckten Lippen.

    Rekonstruktion des Körpers

    Bei der Körperform stützte ich mich auf die skelettalen Proportionen von Belugas, um anhand des Schädels die dazugehörigen Dimensionen des Körpers festzulegen. Auch hier versuchte ich einen Mittelweg zwischen den zwei Elternarten zu finden. Bei Narwalen ist der Körper sehr stromlinienförmig und glatt, während Belugas einen sehr stark vom Körper abgesetzten Kopf und seitlich am Körper liegende Fettpolster und Längsfalten besitzen. Auch haben sie noch einen wahrnehmbaren, leicht eckigen Rückenkiel, während bei Narwalen die Rückenflosse bis auf eine Linie von kleinen, kaum erkennbaren Hauttuberkeln zurückgebildet ist. Belugas haben größere und deutlich breitere Brustflossen als Narwale, weshalb ich sie aufgrund der Beschreibung Larsens auch als Referenz verwendete. Bei der Schwanzflosse dagegen orientierte ich mich an den stark halbkreisförmig ausgebildeten Flossenlappen des männlichen Narwals. Interessanterweise findet sich bei Narwalen ein Geschlechtsdimorphismus bei der Form der Schwanzflosse, welche allem Anschein nach mit den hydrodynamischen Auswirkungen des Stoßzahns zusammenhängt.

    Grauer Gründelwal mit auffälligen Zähnen im Wasser
    Narluga mit hypothetischen Farbschema (Bild: Markus Bühler)

    Welche Farbe hatte der Narluga?

    Die Farbe des Narluga wurde als grau beschrieben. Insofern unterscheidet sie sich deutlich von der weißen, beziehungsweise weiß-schwarz marmorierten Farbe von Belugas und Narwalen. Allerdings sind bei beiden Arten die Jungtiere noch grau gefärbt. Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass bei dem Hybriden möglicherweise atavistische Anlagen zum Vorschein kamen. Sie stammen aus der Zeit, als ihre Vorfahren noch nicht in polaren Gebieten lebten. Vermutlich waren sie auch noch nicht von weißer Grundfarbe. Daher bekam der Narluga ein Farbschema welches sich an den Jungtieren der beiden Elternarten orientierte. Im Kopf- und Halsbereich deutete ich eine leichte graue Marmorierung an, welche mehr einem jungen Narwal entspricht, der hintere Körperbereich dagegen der homogeneren Farbe junger Belugas. Zudem nahm ich mir die kreative Freiheit die Brustflossen etwas dunkler vom Körper abzusetzen, wie es in stärkerer Form bei Narwalen der Fall ist.

    Um den Hintergrund noch ein bisschen interessanter zu gestalten fügte ich einen kleinen Schwarm Polardorsche (Boreogadus saida) ein. Diese Fischart lebt auch in der Disko-Bucht. Sie kommt sowohl vor Flussmündungen bis hinab in Tiefen von 900 m vor. Diese Fische stellen auch eine wichtige Nahrung für Belugas und vor allem Narwale dar.

    Grauer Zahnwal mit kräftigem Körperbau, großen Flippern und Narwalfluke schwimmt durchs Wasser
    Lebendrekonstruktion der Narwal x Beluga-Hybriden

    Insgesamt arbeitete ich an der Rekonstruktion mehrere Monate, und trotz mancher Ungewissheiten und künstlerischer Freiheiten bestimmter Details hoffe ich doch sehr, dass sie zumindest einen realistischen Eindruck dieses außergewöhnlichen Wals vermitteln kann.


    Quellen:

    Fontanella, J. E., Fish, F. E., Rybczynski, N., Nweeia, M. T. and Ketten, D. R.
    (2011). Three-dimensional geometry of the narwhal (Monodon monoceros) flukes in relation to hydrodynamics. Mar. Mamm. Sci. 27, 889-898.

    Heide-Jørgensen, M. P. & Reeves, R. R. Description of an anomalous Monodontid skull from west Greenland: A possible hybrid? Mar. Mamm. Sci.9, 258–268 (1993).

    Nweeia, M.T., et al. 2009. Considerations of anatomy, morphology, evolution, and function for narwhal dentition. The Anatomical Record 295, 6: 1006-1016.

    1. Skovrind et al. Hybridization between two high Arctic cetaceans confirmed by genomic analysis. Scientific Reports. Vol. 9, June 20, 2019. doi:10.1038/s41598-019-44038-0.

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    Dieser Beitrag ist zunächst in Markus Bühler’s Blog „Bestiarium“ erschienen und unterliegt dem Urheberrecht des Autors. Vielen Dank für die Erlaubnis, ihn hier verwenden zu dürfen.

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  • Ein bizarrer Hybride aus Narwal und Beluga – Teil 1

    Wie ich den merkwürdigsten Wal der Welt rekonstruierte

    von: Markus Bühler

    Kürzliche erregten neue Forschungsergebnisse um einen bizarren Hybriden aus Narwal (Monodon monoceros*) und Beluga (Delphinapterus leucas) weltweite Aufmerksamkeit (Wir berichteten bereits kurz). Er wurde nach Angaben eines grönländischen Inuit namens Jens Larsen 1986 oder 1987 in der Disko-Bucht im Westen Grönlands geschossen. Das Tier wies unter anderem einige äußerst ungewöhnliche Besonderheiten der Zähne auf. Der Wal soll grau gefärbt gewesen sein, und seine Brustflossen denen eines Belugas, die Schwanzflosse dagegen eher der eines Narwals geähnelt haben. Larsen beschloss aufgrund des ungewöhnlichen Aussehens des Wals dessen Schädel aufzuheben. Etwa zur gleichen Zeit sollen in der Gegend noch zwei ähnliche Exemplare geschossen worden sein, von denen jedoch eines versank und nicht geborgen werden konnte. Der Kopf des dritten Exemplars wurde zum Skelettieren an der Küste ausgelegt, allerdings niemals wiedergefunden, so dass als einziges physisches Relikt der von Larsen aufbewahrte Schädel verblieb.

    Bucht mit Eisbergen und Festland am Horizont unter orangefarbenem Himmel
    Die Disko-Bucht im Zwielicht. Hier wurden die Narlugas gefangen

    Zwei Männer in einem Kunststoffboot mit Außenborder
    Zwei moderne Inuit-Jäger in einem heute verwendeten Boot.

    Ein ungewöhnlicher Schädel

    Als 1990 der dänische Zoologe und Walexperte Mads Peter Heide-Jørgensen den Schädel auf dem Dach eines Werkzeugschuppens im grönländischen Kitsissuarsuit entdeckte, erkannte er direkt, dass es sich dabei um etwas wirklich Außergewöhnliches handelte. Larsen stiftete den Schädel für weitere Untersuchungen, woraufhin dieser nach Kopenhagen gebracht wurde. Seine Anatomie zeigte Ähnlichkeiten zu jener von Narwalen und Belugas, wies aber auch eine Reihe von Merkmalen auf, die völlig einzigartig waren, und sich von allen anderen bekannten Walen unterschieden. Anhand der teilweise verwachsenen Suturen (Knochennähte) von Oberkiefer und Zwischenkiefer ließ sich erkennen, dass es sich um ein erwachsenes und bereits älteres Tier gehandelt hatte. Beim Vergleich mit den Schädeln von Belugas und Narwalen lagen die Proportion dieses Schädels etwa zwischen beiden Arten, in seinen Größendimensionen allerdings etwas über deren durchschnittlicher Größen. Bereits vor einigen Jahren wurde für den Hybriden der Begriff „Narluga“ geprägt, welchen ich hier auch verwenden möchte.

    Besonders ungewöhnlich waren allerdings die Zähne, welche sich sowohl in Anzahl, Form als auch Größe von jenen von Belugas und Narwalen unterschieden. Belugas besitzen im Ober- und Unterkiefer je 8-11 Zähne auf jeder Seite.

    Die Zähne von Belugas sind zapfenförmig, und nutzen sich vor allem im Oberkiefer oft auf typische Weise löffelförmig ab.

    Bizarr geformter Walschädel vor hellem Hintergrund
    Belugaschädel im Zoologischen Museum Kiel. Foto Markus Bühler

    Spitze eines Beluga-Schädels
    Nahansicht der Beluga-Zähne mit den unterschiedlichen Abrasionsformen in Ober-und Unterkiefer. Foto Markus Bühler

    Narwal-Schädel sind etwas Besonderes

    Beim Narwal dagegen besitzen üblicherweise nur die Männchen einen einzigen funktionellen Zahn, bei welchem es sich um einen massiv modifizierten linken oberen Eckzahn handelt. Er entstammt dem Oberkiefer und nicht dem Zwischenkieferknochen, ist also kein Schneidezahn. Der Zahn wächst außerhalb des Mauls durch die Haut der Oberlippe. Normalerweise ist er nur auf einer Seite ausgeprägt. Der deutlich kleinere und auch nicht gedrehte rechte Eckzahn verbleibt üblicherweise im Kieferknochen. Bei weiblichen Narwalen finden sich derartige im Kiefer verbleibenden Eckzähne sowohl rechts als auch links.

    Narwalschädel, ohne Kieferzähne, nur der linke Eckzahn ist zum Stoßzahn ausgebildet
    Narwalschädel im Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart. Foto Markus Bühler

    Natwalschädel mit Öffnung, um den zweiten Stoßzahn zu zeigen
    Dieser Schädel eines Narwals wurde geöffnet, um den zweiten, nicht herausgewachsenen Eckzahn zu zeigen. Foto: Tobias Möser, aufgenommen im NHM, London

    Kegelförmiges Objekt in einer Vitrine
    Nicht durchgebrochener rechter Eckzahn eines Narwals, Kunstkammer im Landesmuseum Württemberg im Alten Schloss Stuttgart. Foto Markus Bühler

    aufgeschnittener Narwalschädel mit Rudiment des zweiten Stoßzahns
    Detail des Zahnfaches des zweiten, nicht herausgewachsenen Eckzahns. Foto: Tobias Möser, aufgenommen im NHM, London

    Eine derartig extrem ausgeprägte dentale Asymmetrie wie bei Narwalen ist einzigartig unter den lebenden Säugetieren. Gelegentlich finden sich allerdings auch Exemplare mit einem auch rechts teilweise oder sogar voll ausgebildeten Stoßzahn. Selten kommen auch Weibchen mit einem oder sogar zwei Stoßzähnen vor. Das eigentliche Maulinnere ist dagegen völlig zahnlos. Gelegentlich finden sich auch kleine verkümmerte Zähne an der Basis des Stoßzahns im Knochen des Oberkiefers, welche allerdings nicht durchbrechen.

    Zwei Narwalschädel, einer trägt den linken, einer trägt zwei Stoßzähne
    Vergleich zweier Narwalschädel, der obere ist normal ausgebildet, der untere trägt zwei Stoßzähne. Solche Schädel sind sehr selten. Fotos: Tobias Möser, aufgenommen im Natural History Museum (NHM), London

    Sehr merkwürdige Zähne

    Der Schädel des Wals aus der Diskobucht hatte dagegen ursprünglich im Oberkiefer auf jeder Seite je 5 und im Unterkiefer je 4 Zähne, von denen allerdings ein oberer und ein unterer postmortal verloren gingen. Aufgrund von Abrasionen und ihrer Position im Knochen kann man davon ausgehen, dass sechs oder sieben der zehn Oberkieferzähne zu Lebzeiten in die Mundhöhle ragten.

    Die drei oder vier vordersten Zähne lagen horizontal im Knochen und sind nie in die Mundhöhle durchgebrochen. Ihre sehr langgestreckte gerade Form erinnert etwas an die nicht durchbrechenden Stoßzähne von Narwalen. Die für diese typische Verdickung an der Wurzelspitze fehlt allerdings. Die vorderen Zähne ließen sich nicht ohne Beschädigung des umliegenden Knochens entfernen. Anhand von Röntgenaufnahmen ließ sich ihre Form und Länge aber ermitteln. Dies ergab eine stattliche Länge von 25,6 cm für den linken ersten Oberkieferzahn und 24,8 cm für den rechten ersten Oberkieferzahn. Die zweiten hatten immerhin noch eine Länge von 19,6 cm und 21,5 cm. Die weiter hinten liegenden nahmen immer weiter an Länge ab. Dafür wiesen sie aber auch eine mehr oder weniger starke Krümmung auf. Nach Angaben von Jens Larsen hatte der Narluga, welcher im Wasser verloren gegangen war, auch sichtbare vordere Zähne im Oberkiefer.

     

    Gaumen des Narluga mit größtenteils leeren Zahntaschen
    Ansicht des Oberkiefers von der Gaumenseite mit erkennbaren Bereichen der im Knochen verliebenen vordersten Zähne. Foto Markus Bühler

    Einige Narluga-Zähne
    Einige der aus dem Kiefer entfernten Zähne. Foto Eline Lorenzen, Zoologisches Museum Kopenhagen

    Kieferstück mit drei Zähnen
    Nahansicht der Zähne im rechten Unterkiefer. Foto Markus Bühler

    Linke Unterkieferhälfte
    Ansicht der linken Unterkieferhälfte. Man erkennt das leere Zahnfach des deutlich kleineren und weiter hinten liegenden letzten Zahns. Weiter unten liegt der Austritt des Nervus mentalis aus dem Foramen mentale. Foto Markus Bühler

    Auch im Unterkiefer

    Die Zähne im Unterkiefer zeigten ebenfalls eine Reihe von Besonderheiten. Zunächst waren sie ausgesprochen groß und massiv gebaut, deutlich größer als die Zähne von Belugas. Auch der gesamte vordere Bereich des Unterkiefers war äußerst breit und massiv. Aufgrund ihrer Form und Größe müssen die unteren Zähne sogar noch bei geschlossenem Maul teilweise sichtbar gewesen sein. Einige waren merkwürdig verdreht und zeigten vage Andeutungen von Längsrillen, vergleichbar den Stoßzähnen von Narwalen. Die ungleichmäßigen Abrasionsmuster ließen ebenfalls erkennen, dass sie sich während des Wachstums leicht um die eigene Achse gedreht haben müssen.

    Die vier rechten und ersten drei linken Unterkieferzähne standen alle recht dicht beieinander. Sie waren von ähnlicher Größe und deutlich noch vorne geneigt. Der leider nicht mehr vorhandene vierte linke Zahn saß dabei aber deutlich weiter hinten im Kiefer als sein Pendant auf der rechten Seite. Zudem konnte man anhand des leeren Zahnfachs erkennen, dass er nicht nur deutlich kleiner gewesen sein muss, sondern auch sichtlich nach hinten geneigt war.

    Mein erster Kontakt mit dem Schädel

    Unterseite eines Walschädels mit Teilen des Unterkiefers in einer Kiste
    Schädel des Narluga im Archiv des Zoologischen Museums Kopenhagen. (Foto Markus Bühler)

    Als der Schädel erstmals untersucht wurde, war seine genaue Identität noch nicht abschließend geklärt. Ursprünglich hielt man auch einen Narwal mit starken dentalen Anomalien für möglich, zog die Möglichkeit eines Hybriden allerdings auch schon in Betracht. Kürzlich vorgenommene Untersuchungen seines Erbgutes durch eine Forschergruppe um Eline Lorenzen vom Zoologischen Museum Kopenhagen konnten nun tatsächlich die Vermutung um seine hybride Herkunft bestätigten. Zudem konnte ermittelt werden, dass es sich bei diesem wirklich ungewöhnlichen Exemplar um eine Kreuzung aus einem weiblichen Narwal und einem männlichen Beluga handelte. Die Beschreibung der beiden anderen mutmaßlichen Hybriden durch Jens Larsen ist auch insofern bemerkenswert, weil sich hierbei die Frage stellt, ob diese alle unabhängig voneinander gezeugt wurden, oder ob sie möglicherweise alle die selbe Mutter oder den selben Vater hatten. Ohne verbliebene körperliche Relikte dieser beiden Exemplare wird sich diese Frage allerdings nie beantworten lassen.

    In der Diskobucht kommen sowohl Narwale als auch Belugas vor. Sie ist auch eine der wenigen Gegenden in welcher beide Arten auch zu ihrer jeweils unterschiedlichen Paarungszeit anzutreffen sind. Gelegentlich schließen sich einzelne Belugas auch Gruppen von Narwalen an, aber auch einzelne Narwale in Belugaschulen kommen gelegentlich vor. So hat sich ein junges und möglicherweise verirrtes Narwalmännchen sich im kanadischen Sankt-Lorenz-Strom den dort lebenden Belugas angeschlossen.

    Zwischen verschiedenen Walspezies gibt eine ganze Reihe von dokumentierten Hybriden. Sie treten sowohl unter Zahnwalen wie Delfinen oder Schweinswalen, als auch bei Bartenwalen auf.

    Ungewöhnliche Auswirkung der Genkombination

    Die Interaktion der unterschiedlichen Erbanlagen ist wirklich erstaunlich. Besonders dahingehend, dass jene Gene welche beim Narwal das Größenwachstum und die Torsion des Stoßzahns steuern, sich im stärkeren Maße auf die Zähne des Unterkiefers ausgewirkt haben, als auf jene im Oberkiefer. Es wäre sehr interessant zu wissen ob sich bei der umgekehrten Kreuzung zwischen einem Narwalmännchen und einem Belugaweibchen die Genkombinationen anders ausgewirkt hätten.

    Eine weitere erstaunliche Erkenntnis ergab die Untersuchung der Kohlenstoff- und Stickstoffisotpe im Kollagen des Knochens. Demnach ernährte sich der Narluga nicht von den gleichen Beutetieren wie Belugas oder Narwale. Er erbeutete vor allem Fische in tieferen Wasserschichten. Möglicherweise bevorzugte er aufgrund seiner ungewöhnlichen Bezahnung bestimmte Beute, die er nur in tieferen Wasserschichten finden konnte.

     

    Der 2. Teil des Artikels wird in einer Woche, am 7. Juli 2019 hier erscheinen


    * Warum wir wissenschaftliche Namen nicht kursiv schreiben:

    Uns ist selbstverständlich bekannt, dass wissenschaftliche Namen in Texten kursiv geschrieben werden. Wir würden das auch hier gerne machen, leider hat unser Template genau in dieser Funktion einen Bug (technischen Fehler). Dieser Fehler sorgt dafür, dass eine kursive Formatierung immer gleichzeitig fett hervorgehoben wird. Außerdem wird im Fließtext, jedoch nicht in Kurzzusammenfassungen und Suchmaschinentexten ein weiteres Leerzeichen vor und hinter dem Text angezeigt.
    Daher haben wir uns entschieden, wissenschaftliche Namen nicht kursiv zu schreiben, bis wir eine Lösung für das Problem gefunden haben.


    Dieser Beitrag ist zunächst in Markus Bühler’s Blog „Bestiarium“ erschienen und unterliegt dem Urheberrecht des oben genannten Autors. Vielen Dank für die Erlaubnis, ihn hier verwenden zu dürfen.

    Beiträge, die mit einem Autorennamen gekennzeichnet sind, geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

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