Vom Butzkopf und weiteren Orcas in deutschen Gewässern

Lesedauer: etwa 6 Minuten
image_pdfimage_print

Sagen erzählen uns vom Außergewöhnlichen und Übernatürlichen und erheben zumindest den Anspruch, wahr zu sein. Oft haben sie sehr fantastische Inhalte und erzählen und von magischen Wesenheiten und Kreaturen.

In einer deutschen Sagensammlung finden wir hier unter der Überschrift „Von einigen Ungeheuern in der Elbe“ eine ungemein sachliche Beschreibung:

 

 

„1658, am 1. September, wurde bei Blankenese von den Fischern ein merkwürdiger Fisch erhascht, den die Seefahrer „Butzkopf“ nannten.

Es war nur ein Weiblein, aber dennoch in der Runde drei Ellen dick und 28 Fuß lang ohne den Steert. Er wurde bei Hamburg an den Strand gebracht, und gegen eine geringe Ergötzlichkeit für die Fischer jedermann gezeigt, woselbst ihn auch Herr Magister Petrus Hesselius, der Pesthof-Prediger auf dem Hamburger Berge, gesehen hat. Derselbige vermeldet, man habe wegen des großen Gestanks nicht lange bei dem Besehen ausdauern können, weshalb viele ihn auch den Stinkfisch geheißen; als es damit zu arg geworden, seien aus ihm viele Tonnen Tran gebrannt, und schließlich meint Magister Hesselius, der ihn auch hat zeichnen und in Kupfer stechen lassen, daß die Bedeutung dieses an solchem Ort so ganz ungewöhnlichen Fischfang allein Gott bekannt sei.“ (1)

 

 

Ein gut 8,5 Meter (28 Fuß) langes Meeresgetier, das in der Elbe gefangen wurde, muss seinerzeit für erhebliches Aufsehen gesorgt haben. Dass die Seeleute ihn sogleich als „Butzkopf“ benannten, deutet darauf hin, dass ihnen dieses Tier nicht unbekannt war (im Gegensatz sicherlich zu den Städtern).
Tatsächlich bezeichnet der Butzkopf den Schwertwal oder Orca (Orcinus orca) (2). Ein deutsches Wörterbuch aus dem frühen 19. Jahrhundert führt hierzu aus, der Butzkopf sei:

 

„eine Art Delphine, welche sich in den mitternächtigen Gewässern aufhält, zwanzig bis fünf und zwanzig Schuh lang wird, und einen stumpfen Kopf hat; Orca, L. Von dieser stumpfen Gestalt seines Kopfes hat er auch den Nahmen erhalten; denn im Nieders. bedeutet butt, stumpf.“ (3)

 

 

Orca-Männchen
So dürften die Seeleute den „Butzkopf“ am ehesten zu Gesicht bekommen haben

 

Orcas sind meist nur durchziehende Gäste

Der größte Delfinverwandte ist ein höchst-effizienter Jäger und lebt bevorzugt in küstennahen Gewässern höherer Breitengrade. Orcas in deutschen Gewässern sind überaus ungewöhnlich, kommen aber als Ausnahmegäste immer wieder vor, wie folgende Chronologie aufzeigen soll:

 

Anzeige

Von Walen und Menschen – Eine Reise durch die Jahrhunderte

Der Wal gehört zu den größten und mächtigsten Tieren, die je auf dieser Erde lebten. Für Jahrhunderte war klar: Aus dem Fang dieser Kolosse lässt sich kein Profit schlagen zu gefährlich waren die wochenlangen Schifffahrten und Jagden. Mit dem Einsatz von Motorbooten, modernen Harpunen und Geschützen änderte sich das jedoch… Andreas Tjernshaugen erzählt auf spannende Weise, wie Wale Jahr für Jahr große Reisen von den Eismeeren in wärmere Gewässer wagen. Er zeichnet detailgetreue Bilder der lebensgefährlichen Expeditionen der ersten Walfänger, die bis in die Polarmeere reichten.

 

Von Walen und Menschen – Eine Reise durch die Jahrhunderte hat 256 Seiten und ist 2019 in deutscher Sprache erschienen.

 

Mit dem Kauf über den Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website.

 

Aus deutschen Gewässern sind folgende Fälle bekannt:

Nordsee bzw. Wattenmeer:

  • 1841: Ein Orca strandet vor Sylt in der Nordsee. Der Schädel befindet sich heute im Zoologischen Museum von Kiel. (4)
  • 1864: In Büsum strandet ein Orca. Das Skelett befindet sich heute im Zoologischen Museum von Kiel. (4)
  • 1943: Auf der niedersächsischen Insel Juist wird im August des Jahres ein gestrandeter Orca entdeckt (8)
  • 1945: Vor Westerland auf Sylt wird ein Orca am 16.03. des Jahres mit einer Flak beschossen, da er für ein U-Boot gehalten wird und sein Kadaver verspeist. (4)
  • 1956: Im November strandet ein Orca auf Wangerooge in Niedersachsen (6).
  • 1965: Ein Orca strandet am 17.09. bei Rantum auf Sylt. Das Skelett wird im Zoologischen Museum in Kiel ausgestellt. (4)

 

Orca-Skelett
1965 in Rantum auf Sylt gestrandeter Orca im Zoologischen Museum in Kiel (Foto: André Kramer)

 

  • 1967: Auf Borkum in Niedersachsen strandet im Juni ein Orca (7).
Orca Strandung Borkum 1967
Auf Borkum 1967 gestrandeter Orca. Das Interesse war groß… (Foto: D.-H. Akkermann, Borkum)
  • 1988: Ein Orca verendet bei Föhr in der Nordsee.
  • 2016: Ein junger Orca von 2,50 Meter Länge landet am Strand von Rantum auf Sylt (8).

 

Ostsee

  • 1545: Am 30. März wird ein Orca im Flachmeerbereich des Greifswalder Boddens in der vorpommerschen Ostsee entdeckt (5)
  • 1851: Am Strand von Rügen in Mecklenburg-Vorpommern in der Ostsee strandet ein Orca (5).

 

Flüsse

  • 1688: Im Rhein wird ein Seeungeheuer gesichtet und mit Musketen getötet. Das Tier wird am Ufer im Kölner Stadtteil Niehl angeschwemmt und als Orca identifiziert (4).
  • 1921: vom November an treibt sich ein Orca in der Gegend um Fliegenberg bei Hamburg in der Elbe herum und wird am 11.12. des Jahres geschossen. Das Skelett befindet sich im Zoologischen Museum in Hamburg. (4)

 

Hierbei dürfte es sich um eine vollständige Aufzählung der bekannten Nachweise handeln. Die Auflistung von Kinze, Czeck et al. (12) beginnt ab 1841 und weist ebenfalls nur die genannten neun Fälle auf, nicht jedoch die drei hier aufgeführten früheren Fälle.

 

Weitere Fälle liegen in Dänemark, Schweden, den Niederlanden und dem britischen Teil der Nordsee vor. Es zeigt sich also, dass dieser Exot in unseren Gewässern ein gar nicht so seltener Ausnahmegast ist.


Quellen:

  1. Klein, Diethard H.; Rosbach, Heike: Deutsche Sagenreise. Köln: Naumann & Göbel 1985
  2. Schultz, Wolfhart: Der Schwertwal – Orcinus Orca (Linnaeus, 1758). Einige Bemerkungen zum Fund des gestrandeten Schwertwales bei Rantum/Sylt (am 17.09.1965). In: Zeitschrift für Säugetierkunde Nr. 32/1966
  3. Adelung, Johann Christoph: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der deutschen Mundart. Wien: P. H. Bauer 1811
  4. Borkenhagen, Peter: Die Säugetiere Schleswig-Holsteins.Husum: Faunistisch-Ökologische Arbeitsgemeinschaft Schleswig-Holstein 2011
  5. Schultz, Wolfhart: Der Schwertwal – Orcinus Orca (Linnaeus, 1758). Einige Bemerkungen zum Fund des gestrandeten Schwertwales bei Rantum/Sylt (am 17.09.1965). In: Zeitschrift für Säugetierkunde Nr. 32/1966
  6. A.: Die erste Seeschlange dieses Sommers. In: Badische Neueste Nachrichten 07.07.1949
  7. Zell, Dr. Th.: Merkwürdige Seetiere an der pommerschen Küste. In: Berliner Tagblatt und Handels-Zeitung: Abend-Ausgabe 29.07.1903
  8. Schultz, Wolfhart: Der Schwertwal – Orcinus Orca (Linnaeus, 1758). Einige Bemerkungen zum Fund des gestrandeten Schwertwales bei Rantum/Sylt (am 17.09.1965). In: Zeitschrift für Säugetierkunde Nr. 32/1966
  9. Zwoch, Imke: Historie der Strandungen von Pottwalen und anderen Großwalen an der Nordseeküste. Auf: https://www.nationalpark-wattenmeer.de/sites/default/files/media/pdf/pottwalstrandungen_nordsee_und_wattenmeer_0.pdf o. J., gesichtet am 18.05.2019
  10. Zwoch, Imke: Historie der Strandungen von Pottwalen und anderen Großwalen an der Nordseeküste. Auf: https://www.nationalpark-wattenmeer.de/sites/default/files/media/pdf/pottwalstrandungen_nordsee_und_wattenmeer_0.pdf o. J., gesichtet am 18.05.2019
  11. A.: Toter Orca auf Sylt angespült/Delfine vor Flensburg. In: Ostholsteiner Anzeiger 09.02.2016
  12. Christian Kinze C, Czeck R, Herr H, Siebert U. Cetacean strandings along the German North Sea coastline 1604– 2017. Journal of the Marine Biological Association of the United Kingdom 1–20. https://doi.org/10.1017/S0025315421000503 2021

One Reply to “Vom Butzkopf und weiteren Orcas in deutschen Gewässern”

  1. Interessant, aber das das Ungeheuer im Rhein 1688/1689 ein Orca war, ist beine wissenschaftliche Ente. Das Tier wurde zwar in den zwei Jahren, in denen von ihm berichtet wurde, ganz unterschiedlich beschrieben, aber nie wie ein Orca. Einmal hat es „zwei Hörner“ am Kopf und ist eine „Meerkuh“, dann wieder ist es in „Grösse und Farbe einem schwartzen Pferd gleich, mit langen Ohren und einem breiten Schweiff“ – wer mag darin einen Orca sehen?
    Gestrandet ist das Ungeheuer nicht nur in Köln, sondern zuvor schon im April 1989 in Worms, dann kurz darauf in Koblenz und schließlich am 8. April beim Dorf Stammel (Stammheim) und danach bei Niehl bei Köln. Man kann das nachlesen in meinem Buch „Magischer Mittelrhein“. Im Übrigen hat der Hofmaler Hermann Heinrich Quiter das tote Tier von Köln porträtiert – auch hier keine Ähnlichkeit mit einem Orca.
    Was da genau im Rhein war, warum es zweimal vom Tod zu neuem Leben erwachte, und wie viel Vertrauen man in die extrem abweichenden Berichte von damals setzen kann, das ist eine Frage, die sich nicht beantworten lässt. Ein Orca aber war es ganz sicher nicht – das Tier wird mit einem Pferd oder eine Kuh verglichen (einmal auch mit einem großen Fisch und einmal mit einem Wal), aber die schwarzweiße Färbung eines Orca kommt in den ca. 20 zeitenössischen Berichten kein einziges Mal vor.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert