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  • Der Loch Ness-Aal – oder was die eDNA-Analyse (nicht) geliefert hat

    von: Tobias Möser

    Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
    Den Vorhang zu und alle Fragen offen.
    Berthold Brecht

    Professor Neil Gemmell hat mit der Ankündigung, in seinen eDNA-Proben aus Loch Ness sei etwas ungewöhnliches, einen großen Medienzirkus heraufbeschworen. Die Pressekonferenz letzte Woche in Drumnadrochit am Ort der meisten Nessie-Sichtungen war gut besucht, The Sun hat sie sogar live gestreamt.

    „Nur“ Aal-DNA

    Direkt zu Anfang hat Gemmell, der von der Universität in Otago auf der Südinsel Neuseelands kommt, einige Spekulationen ausgeschlossen. So hat er keine reptilische DNA im Loch gefunden, ebenso fehlte die DNA von Haien, Stören und Welsen. Auf der Pressekonferenz wies Gemmell mehrfach darauf hin, dass seine Arbeitsgruppe in jeder Probe Aale nachweisen konnte.

    Kasten: eDNA

    Die Methode der Lebensraumuntersuchung mit eDNA ist vergleichsweise jung. Jedes Lebewesen verliert permanent DNA-haltiges Material (wie man spätestens aus den CSI-Serien weiß). Diese DNA gelangt in die Umwelt und wird dort mehr oder weniger schnell abgebaut. Mittels moderner Methoden der Vervielfältigung (PCR) kann man sehr kleine DNA-Mengen finden und analysieren, so dass Wasserproben von einigen 100 ml ausreichen, um ein Lebewesen in einem Lebensraum nachzuweisen.
    Prof. Gemmell und sein Team haben 250 Wasserproben aus allen möglichen Ecken des Loches genommen und analysiert.

    Leider hat die Arbeitsgruppe bisher noch keine vollständige Liste der Vergleichssequenzen und der Treffer veröffentlicht. Die Daten der Pressekonferenz sind also als teilweise Vorveröffentlichung zu werten.

    „Wir fanden erhebliche Mengen menschlicher DNA und vieler Arten, die direkt mit uns zusammenleben, so wie Hunde, Schafe und Rinder“ beschreibt er seine Funde. „Außerdem fanden wir Wildtiere wie Hirsche, Dachse, Füchse, Hasen, Wühlmäuse und zahlreiche Vögel.“

    Tafel, die Plesiosaurier, Haie und Welse als Nessie ausschließt und einen Riesenaal vorschlägt
    Der Stein bzw. die Tafel des Anstoßes. Gemmell et al. fanden riesige Mengen Aal-DNA, aber keine Menge Riesenaal-DNA. Image Credit: University of Otago

    Was tatsächlich Aufsehen erregte

    Gemmell betonte auch bei der Pressekonferenz, dass er große Mengen Aal-DNA feststellen konnte. Er stellte sich selbst die Frage, ob sie von vielen kleinen Aalen oder von einem großen Aal stamme. Dabei passierte ihm offensichtlich eine Verwechslung von Meter und Fuß, als er sagte „Aale können 4 bis 6 Meter lang werden“. Diesen Fehler konnte er auf der Pressekonferenz nicht mehr korrigieren, jedoch auf einer später herausgegebenen Tafel. Hier wird der größte bekannte Europäische Aal mit 6 Fuß Länge gezeigt. Diese Tafel ist in mehrfacher Hinsicht eindeutig: bei den von Gemmell festgestellten Aalen handelt es sich um Europäische Aale Anguilla anguilla* und nicht um Meeraale wie Conger conger, die durchaus größer werden. Gleichzeitig gibt sie eine Maximallänge von 1,8 m (oder 6 Fuß) an. Das ist bereits sehr optimistisch.

    Neil Gemmell kommt aus Neuseeland. Der dort vorkommende Neuseeländische Langflossenaal Anguilla dieffenbachii erreicht tatsächlich eine Länge von 1,8 m und etwa 15 kg. Könnte das der Grund einer Verwechslung sein?

    Wie groß können Europäische Aale werden?

    Ein Mann in einem feinen Anzug hält einen großen, toten Aal hoch
    Rekordfang 1960 im Steinhuder Meer, ein Aal von 123 cm und über 5 kg.

    Dekker et al. untersuchten fast 100.000 Silberaale, also potenziell geschlechtsreife Tiere aus dem Ijsselmeer und fanden eine Maximallänge von 101 cm, bei einem Gewicht von 2137 g.

    Fishbase liefert ähnliche Größen. Ein sehr großer Aal wurde 105,0 cm lang und stammte aus der Laguna Comacchio bei Ravenna in Italien. Weitere Tiere mit 112 cm und 135 cm stammen aus Frankreich und Italien. Angaben von 143 cm und 150 cm aus Irland werden als zweifelhaft erachtet.

    Schottische Aale wurden ebenfalls intensiv untersucht, so in Loch Davan und Loch Kinord. Der größte in Loch Davan nachgewiesene Aal stammt aus einer Untersuchung von 1999 und maß 69 cm in der Gesamtlänge. Das größte Tier aus dem Loch Kinord wurde mit 71 cm nur unwesentlich größer (Carss et al.).

    Die Einträge auf Sportfischerseiten zeigen etwas größere Tiere, die als Rekorde gelten. So werden bei fishing-worldrecords.com folgende Daten angegeben:

    • 123 cm, 5,38 kg aus dem Steinhuder Meer im Jahr 1960, mit Bildbeleg.
    • 7,00 kg ohne Länge aus dem Orlik Reservoir in der tschechischen Republik, 1987
    • 8,25 kg ohne Länge aus dem Cuckmere River im Vereinigten Königreich in den 1920ern.

    Größere Längenangaben stammen meist aus populären Werken oder Übersichtspostern und sind nicht durch nachgewiesene Untersuchungen belegt.

    Was passiert, wenn…

    Aal auf dem Boden eines Aquariums
    Der Europäische Aal Anguilla anguilla (Foto by Gerhard M, CC 3.0)

    Europäische Aale beginnen im Alter von 15 bis 20 Jahren, kurz vor der Geschlechtsreife in den Atlantik zu wandern. Dort schwimmen sie in großen Tiefen in die Sargassosee vor der Ostküste der USA, wo sie laichen und sterben. Was genau dort passiert, ist nicht im Detail erforscht. Auf dem Weg in die Sargassosee werden die Geschlechtsorgane stark vergrößert, insbesondere die Weibchen wandeln einen großen Teil der Muskelmasse, aber auch innerer Organe in Laich um.

    Was passiert, wenn man die Tiere am Abwandern hindert? Wachsen sie unaufhörlich weiter und erreichen so deutlich mehr Gewicht und Länge als oben angegeben? Ist so ein Loch Ness-Aal entstanden?

    Bisher gibt es keine Belege dafür, dass so etwas passiert. Aale werden seit dem Beginn der Zoo-Aquaristik in den 1880er Jahren in Aquarien gehalten. Sie halten sich in ausreichend großen und passend eingerichteten Behältern sehr gut und erreichen im Vergleich zu freilebenden Tieren ein biblisches Alter. Sie werden im Aquarium oft 40 Jahre und älter. Das älteste in einem Zoo belegte Exemplar wurde 88 Jahre alt. 2014 starb der mutmaßlich älteste Aal in einem Hausbrunnen in Schweden in einem Alter von 155 Jahren. Bei keinem dieser Tiere wird eine ungewöhnliche Größe gemeldet.

    Was wäre mit einer Mutation?

    Spielfigur "Hulk"
    Groß, stark und vor allem grün. So funktionieren Mutationen in Hollywood, aber nicht in der Biologie

    Die populären Vorstellungen zu Mutationen sind sehr divers und unterscheiden sich oft grundlegend vom tatsächlichen Ablauf. Hollywood hat hier je nach Mode verschiedene Gründe geschaffen, von „Weltraumstrahlung“ über Radioaktivität, Gifte (vor allem grüne) und nicht näher benannte Maschinen sind hier sehr beliebt. Meist wird ein Tier oder Mensch mehr oder weniger absichtlich und lange diesem ausgesetzt und hinterher kommt wahlweise ein Riese, Hulk, Spiderman, Tier-Mensch-Mischwesen oder sonst etwas heraus, das dann in der Geschichte wahlweise Probleme bereitet oder sie löst.

    Doch die Biologie macht es etwas anders. Hier wird komplett auf Knall- und Raucheffekte verzichtet, auch grüner Schleim spielt nur selten eine Rolle. Strahlung und mutagene Substanzen, beispielsweise Benzol sind die wichtigsten äußeren Faktoren.

    In aller Regel gehen Mutationen „ins Leere“, sie wirken sich nicht auf den Organismus aus. Entweder kann eine Zelle die durch die Mutation entstandenen Schäden auffangen oder geht zugrunde. Weitere Folgen sind in extrem seltenen Fällen Tumore. Damit Mutationen für ein besonderes Größenwachstum sorgen, müssen ganz bestimmte Gene betroffen sein. Dies können Gene sein, die das Größenwachstum begrenzen, in dem sie die Freisetzung von Wachstumshormonen steuern.

    Der größte, aktuell lebende Mensch ist vermutlich Sultan Kösen. Der Kurde misst 251 cm und wiegt 155 kg. Damit hat er einen ziemlich normalen Körperbau und ist „nur“ viel größer als die meisten anderen Menschen. Für Statistiker sehr praktisch: er ist 1,41 mal so groß, wie ein Durchschnittsmensch und wiegt ziemlich genau 2 x soviel.

    Ein wenig Statistik

    Gaußsche Normalverteilungskurve in Blau und Weiß
    So sieht die Gauß’sche Normalverteilung aus, wenn man sie grafisch darstellt.

    Wie bei Menschen gibt es auch bei Aalen mittelgroße Tiere, sehr große Tiere, sehr kleine Tiere und alles dazwischen. Je mehr man sich einem Mittelwert annähert, um so mehr Aale dieser Größe finden sich. Diese Verteilung hat Carl Friedrich Gauß als Normalverteilungskurve bezeichnet (siehe Bild). Sie besagt einiges, was auf den ersten Blick nicht sichtbar ist:

    • Der Mittelwert ist ablesbar
    • Die Standardabweichung σ (Sigma) beschreibt die Breite der Verteilung. Dabei gilt:
    • 50% aller Messwerte haben eine Abweichung von höchstens 0,675 σ
    • 90% aller Messwerte haben eine Abweichung von höchstens 1.645 σ
    • 95% aller Messwerte haben eine Abweichung von höchstens 1,960 σ
    • 99% aller Messwerte haben eine Abweichung von höchstens 2,576 σ
    • 68,27% aller Messwerte weichen weniger als 1 σ vom Mittelwert ab oder
    • „je 15,865 % der Messwerte sind größer als Mittelwert + σ bzw. kleiner als Mittelwert – σ“.
    • 95,45% aller Messwerte weichen weniger als 2 σ vom Mittelwert ab oder
    • „je 2,275 % der Messwerte sind größer als Mittelwert + 2σ bzw. kleiner als Mittelwert – 2σ“.
    • 99,73% aller Messwerte weichen weniger als 3 σ vom Mittelwert ab oder
    • „je 0,135 % der Messwerte sind größer als Mittelwert + 3σ bzw. kleiner als Mittelwert – 3σ“.

    Je weiter ich mich vom Erwartungswert, dem „Mittelwert“ der Verteilung entferne, desto unwahrscheinlicher ist ein Wert.

    Am Beispiel der Aale

    Einzelmaße der Aale und eine einfache Statistik
    Längenverteilung der Aale im Text und eine einfache Auswertung

    Um das Beispiel mit der Körpergröße wieder aufzugreifen: Bei einer (realen) Stichprobe wurden die Gesamtlängen von 37 gefangenen Aalen gemessen. Die Ausgangswerte kann man hier nachlesen: Growth parameters for Anguilla anguilla. Ich habe die beiden größten und kleinsten Werte als Ausreißer nicht zugelassen und so 37 Längenangaben für europäische Aale in der Rechnung. Die Durchschnittslänge liegt bei 75,8 cm, die Standardabweichung bei 21,9 cm.

    Daraus lässt sich erwarten, dass

    • 68% eine Körperlänge im Bereich 75,8 cm ± 21,9 cm und
    • 95% im Bereich 75,8 cm ± 43,8 cm haben und
    • 99,7% im Bereich 75,8 cm ± 65,7 cm haben
    • 0,15% größer als 141,5 cm sind, in dieser Stichprobe wären diese Gruppe nicht vertreten.

    68 % von 37 Aalen sind 25 Tiere. Diese 25 Tiere müssten im Bereich zwischen 53,9 und 97,7 cm liegen. Tatsächlich liegen 23 Tiere in diesem Bereich.

    95% von 37 Aalen sind 35 Tiere. Diese 35 Tiere müssten im Bereich zwischen 32 cm und 119,6 cm liegen. Tatsächlich liegen 36 Tiere in diesem Bereich.

    Ein Aal von „nur“ 2 m Länge liegt bereits 5,67 Standardabweichungen vom Mittelwert entfernt. Seine mathematische Wahrscheinlichkeit in dieser Stichprobe liegt bei etwa 1: 100.000.000. Und das nur, wenn biologische Gründe nicht dagegen stehen:

    Der Korpulenzfaktor, zum Ausschluß des „Aal-Syndroms“

    Zwei Dampfloks, eine normal groß und eine auf die doppelte Länge verlängert
    Auch wenn es so aussieht: die Lok unten ist nicht doppelt so groß, wie die Lok oben. Nur doppelt so lang. Höhe und Breite sind gleich geblieben.

    In vielen Berichten sind außergewöhnlich lange Fische für ihre Länge zu leicht. Eine Verdoppelung der Länge bedeutet nicht eine Verdoppelung des Gewichtes. Ich habe das am Beispiel des Dampflokmodells rechts dargestellt: Der Fisch wäre einfach nur in die Länge genudelt: aus einem Barsch wird ein Aal, das „Aal-Syndrom“.

    Eine Verdoppelung der Länge unter Beibehaltung der Körperproportionen bedeutet, dass sich auch Körpertiefe und Körperhöhe verdoppeln, das Gewicht also in der dreifachen Potenz zunimmt. Um dieses zu überprüfen, liefert der Korpulenzfaktor (KoFa). Er berechnet sich aus Gewicht (g) x 100 / Länge (cm)³.

    Der Rekordaal aus dem Steinhuder Meer von 1960 wog 5,38 kg bei 123 cm Länge. Hieraus ergibt sich ein Korpulenzfaktor von 289,11 oder etwa 290.

    Ein 200 cm-Aal würde mit einem ähnlichen KoFa würde bereits 23 kg wiegen. Man beachte die oben genannten Rekordmaße von 7,00 kg und 8,25 kg. Das Tier wäre bereits fast dreimal so schwer, wie der bisher schwerste je gefangene Europäische Aal.

    Ein von Gemmell postulierter Aal mit 4 m Länge hätte bei dem gleichen KoFa ein Gewicht von satten 185 kg. Wie soll ein Tier, dessen ganzer Körperbau auf etwa 2 bis 4 kg ausgelegt ist, ein solches Vielfaches dieses Gewichtes überhaupt anfressen, erhalten und dann auch noch (schnell) bewegen?

    Was Gemmell nicht gefunden hat: den Riesenaal!

    Ein freundlich aussehnder, kahlköpfiger Mann im Portrait
    Prof. Neil Gemmell, Leiter der Studie

    Die Arbeitsgruppe um Neil Gemmell hat keinen Riesenaal gefunden. Sie haben viel Aal-DNA gefunden. Die DNA-Proben geben keinen Hinweis auf die Größe der Aale, das hat er selbst in der Pressekonferenz betont. Dennoch ließ sich der Professor auf Spekulationen über einen Riesenaal ein. Bereits die von ihm angegebenen „normalen“ Maße sind für europäische Aale jenseits des Erreichbaren. Dass sein „um 50% größerer“ Aal jetzt auf einmal doppelt so lang ist, also achtmal so schwer ist, scheint nicht aufzufallen. Leider kennen sich Genetiker oft in der Zoologie ihrer eigenen Untersuchungsobjekte nicht wirklich aus.

    So hat Prof. Gemmell Spekulationen über einen Riesenaal Tür und Tor geöffnet. Alle möglichen Phantasten springen jetzt in diese Lücke und spekulieren bereits über „verborgene Populationen“ von Riesenaalen im Loch Ness.


    Leseempfehlung:

    18. Juni 2019: eDNA-Analyse findet „etwas ungewöhnliches“ in Loch Ness – Professor Gemmell hält die Welt in Atem

    05. September 2019: eDNA-Analyse: Geheimnis um Nessie „gelüftet“


    Literatur:

    Sci News: Scientists Find Significant Amount of Eel DNA in Loch Ness

    Carss, et al. (2005): Spatial and temporal trends in unexploited yellow eel stocks in two shallow lakes and associated streams. J. Fish Biol. 55(3):636-654.

    Dekker, et al. (2008): Minimal and maximal size of eel. Bull. Fr. Pêche Piscic. Number 349: 195-197.

    Fishing World Records: Website Anguilla anguilla

    ORF.at: Mutmaßlich ältester Aal der Welt verendet


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    Daher haben wir uns entschieden, wissenschaftliche Namen nicht kursiv zu schreiben, bis wir eine Lösung für das Problem gefunden haben.


  • eDNA-Analyse: Geheimnis um Nessie „gelüftet“

    von: Tobias Möser

     

    was vorher geschah: eDNA-Analyse an Loch Ness: Professor Gemmell hält die Welt in Atem

    eDNA steht für envirnonmental DNA oder Umwelt-DNA. Ihre Analyse ist eine Möglichkeit, umfassend die Organismen eines Lebensraumes zu erfassen. Bei dieser Analyse gehen die Wissenschaftler davon aus, dass jeder Organismus DNA an die Umwelt abgibt. Das passiert über abgeriebene Hautzellen, Haare, Federn, Schuppen, Darmzellen im Kot, Zellen und Zellreste im Urin, kleinere Verletzungen und Ähnliches. DNA ist in der Umwelt halbwegs stabil. In einem Wasserkörper baut sie sich innerhalb von einer bis zwei Wochen ab, im Sediment kann sie länger überdauern. Eine Probe kann also immer nur einen kurzen Zeitraum repräsentieren.

    Ein freundlich aussehnder, kahlköpfiger Mann im Portrait
    Prof. Neil Gemmell, University of Otago (NZ), Leiter der Studie

    Die Laborarbeit

    Aus der Probe braucht der Wissenschaftler dann „nur noch“ die DNA heraus zu filtern und mit einer Polymerase-Kettenreaktion (PCR) zu vervielfachen. Dann kann er ihre Sequenz lesen und diese mit vorhandenen Sequenzen in Datenbänken vergleichen. So bekommt er (oder sie) dann drei mögliche Ergebnisse:

    1. Die gefundene Sequenz entspricht so sehr einer bereits bekannten Sequenz, dass sie sicher oder mit hoher Signifikanz einer bekannten Art zugeordnet werden kann.
    2. Die Sequenz kann nicht mit Sicherheit oder hoher Signifikanz einer Art zugeordnet werden, die nächstwahrscheinlichen Arten sind mit XY% diese Art und mit YZ% folgende Arten oder Gruppe.
    3. Die gefundene Sequenz kann keiner bekannten Art zugeordnet werden, zeigt jedoch in bestimmten Bereichen typische Sequenzen für folgende Gruppen: …

    Die letzte mögliche Variante „Die gefundene Sequenz entspricht keiner bekannten Gruppe“ tritt heute kaum noch auf. Die seit über 30 Jahren gepflegten Gen-Datenbanken sind mittlerweile so vielfältig bestückt, dass nahezu jedes Lebewesen zugeordnet werden kann.

    eDNA-Beprobung von Loch Ness

    Ausgerechnet die University of Otago aus Neuseeland kam auf die Idee, im schottischen Loch Ness eDNA-Proben zu nehmen. Dass hierbei auch Nessie „beprobt“ würde, war dem Projektleiter, Prof. Neil Gemmell klar: Ziel ist ein detailliertes Profil der einzelnen Organismen in diesem See, nicht die Identifikation eines Monsters. Er bezweifle, dass es so etwas wie ein Monster in diesem See gäbe, aber würde sich von seinen Ergebnissen vom Gegenteil überzeugen lassen.

    Eine andere Zielrichtung wird hierbei nicht thematisiert: die Methodik der eDNA ist relativ neu. Dennoch scheint sie ein valides Mittel zu sein, mit wenig Aufwand die Biodiversität eines Lebensraumes zu beurteilen. Mit der Auswahl des legendären Loch Ness und seiner Medienstrategie hofft Neil Gemmell vermutlich, damit zum „Gesicht“ dieser Methodik zu werden.


    Der Ness ist nur 10 km lang und verbindet den Loch mit dem Firth of Moray

    Ein mäßig breiter, flacher Fluß in einer gut begrünten Innenstadt
    Der Ness-River vom Castle Hill in Inverness aus gesehen.

    eine ruhige Wasserfläche mit wenigen Wellen, in der Mitte ein Gegenstand unbestimmbarer Größe, aus dem ein langer Fortsatz in einem flachen Bogen nach oben geht und dort wie abgeknickt wirkt
    Das berühmte Nessie-Foto von Robert Wilson von April 1934.

    „Umwelt-DNA ist eine neue Herangehensweise und hat Elemente einer Neuheit. Aber wenn man ihre Fähigkeiten, Leben in einem definierten System zu dokumentieren an einem der bekanntesten Gewässer der welt, in dem das Monster ‚Nessie‘ leben soll, kombiniert, nehmen die Leute wirklich Notiz.“ beschreibt Neil Gemmell die Motivation, ausgerechnet am anderen Ende der Welt (von Neuseeland aus gesehen) zu arbeiten.

    250 Wasserproben und ein Katalog

    Im Juni 2018 haben Neil Gemmell und sein Team 250 Wasserproben „in der ganzen Länge, Breite und Tiefe des Loch Ness“ genommen. Darin fanden sie sagenhafte 500 Millionen DNA-Sequenzen, die sie mit den vorhandenen Datenbanken abglichen. Keine Frage, so etwas dauert ein wenig. Die ersten Vorab-Meldungen im Juni 2019 berichtete Prof. Gemmell von 15 Fischarten und 3000 Bakterienarten im Loch. Da man eine solche Untersuchung trotz maximaler wissenschaftlicher Coolness nicht ohne den Gedanken an Nessie durchführen kann, fügte er hinzu: “Wir haben jede einzelne der Haupthypothesen zum Loch Ness Monster geprüft. Bei drei von ihnen können wir vermutlich sagen, dass sie falsch sind und eine von ihnen könnte ein Treffer sein.“ Dies sagte er der Tageszeitung „The Scotsman“ im Juni.

    Der vollständige Katalog der Arten, „die Loch Ness ein Zuhause nennen“, wurde heute, am 5. September 2019 auf einer Pressekonferenz im Loch Ness Centre and Exhibition, Drumnadrochit, an den Gestaden des Loches enthüllt. Für 15 Fischarten und 3000 Bakterien ein ziemlicher Aufwand, aber Gespür für Dramatik hat Neil Gemmell allemal!

    Lokaler Widerstand

    Unter der lokalen Bevölkerung gab es Widerstand gegen die Studie. Die Beprobung selbst war kein Problem. Die Tatsache, dass Gemmell das Loch Ness Monster untersuchen will, stieß auf Unmut. Es ist längst Teil der regionalen Kultur geworden. Da es als Leuchtturm den Tourismus immer wieder ankurbelt, hat es auch eine große wirtschaftliche Bedeutung.
    So kam die Idee auf, die Studie zu sabotieren, indem man den See mit völlig auszuschließender DNA kontaminiert. „Leider“ kam die Kotprobe eines Leistenkrokodils aus einem Zoo in England nicht an, wie das NfK aus ungewöhnlich gut informierten Kreisen erfuhr.

    Stele mit der Bezeichnung "Loch Ness", der See im Hintergrund
    Für die, die nicht wissen, wo sie sind…

    Vier Menschen mit Schwimmwesten im Heck eines Bootes, im Hintergrund Urquhart Castle
    Studienteilnehmer bei der Beprobung: Cristina DiMuri (University of Hull), Professor Neil Gemmell, Adrian Shine (Loch Ness Project), Gert-Jan Jeunen (University of Otago); Foto: Kieran Hennigan, Presserelease

    Ein langhalsiges Wesen mit zwei flachen Flippern und Walschwanz, und zwei kurzen Hörnchen
    Nessie, wie sie sich die Macher der „Monster“-Sonderausstellung des Naturkundemuseum Kassel vorstellen: Ein bißchen Plesiosaurier, ein bißchen Wal, zwei Buckel und winzige Hörner

    Gemmells Haupthypothesen

    Da Neil Gemmell Zoologe und Genetiker ist und biologisch arbeitet, wird jede der von ihm überprüften „Haupthypothesen“ mit einem Tier bzw. einer Tiergruppe zu tun haben. Dinge wie Baumstämme, umgedrehte Boote und aufsteigendes CO2, sowie Phänomene wie stehende Wellen und Luftspiegelungen und absichtliche Täuschungsmanöver sind somit auszuschließen.

    Eine Lederschildkröte am Strand auf dem weg ins Wasser
    Dass Lederschildkröten nach Schottland kommen, ist bekannt. Im Loch wurden sie noch nicht gesehen

    Mehrere Rothirsche an einem halb mit Gras bewachsenen Schotterstrand
    Rothirsche der Isle of Rum, in Schottland ein häufiges Bild

    Eine Otterfamilie in einem Meeresarm
    Eine Familie Fischotter in Loch Dunvegan bei Skye/ Schottland. So wirken sie fast wie eine Schlange

    Große Reptilien

    Hierzu zählen sowohl mesozoische Überlebende wie rezente Tiere. Mesozoische Überlebende, insbesondere die gerne gezeichneten Plesiosaurier sind aus zahlreichen Gründen unwahrscheinlich. Abgesehen von 65 Millionen Jahre fehlender Fossilüberlieferung ist Loch Ness ein glazialer See, der während der letzten Eiszeiten durch die Vereisung geformt wurde.

    Die einzigen größeren Reptilien, die zumindest zeitweise bis nach Schottland kommen, sind Lederschildkröten. Nicht völlig auszuschließen ist, dass einzelne Tiere durch den Ness in den Loch gewandert sind. Unter Umständen sind sie dann auch durch eDNA nachweisbar, jedoch sind sie hier kaum überlebensfähig.

    Über eine Lederschildkröte, die in Kanada in einem Fjord gefangen war, berichteten wir vor Kurzem.

    Rothirsche

    Rothirsche sind in den schottischen Highlands ein gewohntes Bild. Hält man sich abends an den etwas ruhigeren, offenen Ecken am Loch auf, ist es kaum möglich, sie zu verpassen. Die Tiere äsen in der Nähe des Lochs, trinken sein Wasser und hinterlassen so Haare, Hautschuppen und Fäkalien. Sie müssten also in der eDNA-Untersuchung nachweisbar sein.

    Rothirsche sind ausdauernde Schwimmer, die den Loch durchqueren können. Eine in Reihe schwimmende Gruppe Rothirsche kann durchaus für ein großes, schlangenartiges Tier mit mehreren Buckeln gehalten werden.

    Otter

    Fischotter sind in Schottland weitaus häufiger als in Deutschland. Loch Ness bietet ihnen für die Jagd eher schlechte Bedingungen. Die relativ steilen Ufer und die nur kleinen Flachwasserzonen erlauben es den Fischen, in Tiefen zu fliehen, in die Fischotter nicht tauchen können. Um diesen Nachteil auszugleichen, bleiben Familienverbände oft über längere Zeit zusammen und jagen in einer koordinierten Treibjagd, bei der die Fische ins Flachwasser getrieben werden. Das passiert nicht nur am Loch Ness, sondern auch im Meer. Solche Familienverbände sieht man dort häufiger. Sie legen größere Strecken ebenfalls oft im „Gänsemarsch“ zurück, mit demselben optischen Effekt wie bei Rothirschen, nur dass Otter „etwas“ kleiner sind.

    Große Fische

    Lachse

    Auch große Fische werden immer wieder als Grund für Nessie-Sichtungen genannt. Doch es ist gar nicht so einfach, hier einen Urheber zu finden. Loch Ness ist als Lachsgewässer bekannt. Der größte in britischen Gewässern gefangene Lachs wurde 1922 hier geangelt. Er maß 4 Fuß, 6 Inch, also etwa 137 cm, sein Abguss befindet sich im Inverness-Museum.

    Es wäre unrealistisch, zu vermuten, dass Prof. Gemmell keine Lachs-DNA nachgewiesen hätte.

    Abguss eines riesigen Lachses
    Rekordlachs aus dem Jahr 1922 im Inverness-Museum. Das Tier war sagenhafte 137 cm lang

    Ein langer, schlanker, urtümlich wirkender Fisch in flachem Wasser
    Ein Stör von etwa 1,5 m Länge sonnt sich im Flachwasser eines Schauteiches

    ein gestreckter, gefleckter Fisch in einem Aquarium
    Europäischer Wels Siluris glanis, Foto von Akos Harka. Die Art kommt in Schottland nicht vor.

    Störe

    Ein weiterer großer Fisch, der zum Ablaichen ins Süßwasser wandert, ist der Stör. Auch hierfür gibt es Nachweise, so wurde schon 1661 ein über 3 m langer Stör bei Inverness beobachtet. Vermutlich handelt es sich hierbei um den eher kältetoleranten Atlantischen Stör Acipenser oxyrinchus*. Ähnlich wie der europäische Stör A. sturio erreicht er Längen von über 3,5 m und wandert zum Laichen in Süßgewässer ein.
    Fische dieser Größe, die in Flachgewässer eindringen, sollten eigentlich der lokalen Bevölkerung bekannt sein. Da Störe, trotz des Rufes als „sibirische Fische“ eher wärmere Gewässer bevorzugen, werden sie die schottischen Flüsse nur in sehr warmen Jahren besucht haben. 2018 war jedoch ein solches „warmes Jahr“, in Schottland das wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Sind Störe in den Loch eingewandert?

    Der Wels

    Der dritte „Große“ im Bunde ist der Wels Silurus glanis. Dieser Fisch, der für einen Süßwasserfisch sehr groß wird, kommt ursprünglich auf den britischen Inseln nicht vor. Ab 1880 hat man im Süden Englands die ersten Welse ausgesetzt. Die Tiere konnten sich aber nur in Seen und Talsperren etablieren. Flüsse haben sie hier nie dauerhaft erfolgreich besiedelt. Von der nördlichsten Verbreitung in der Nähe von Birmingham bis zum Loch Ness sind es über 500 km, und zahlreiche Wasserscheiden, die überwunden werden müssen. Hinzu kommt die klimatische Grenze: sind die Flüsse im Süden Englands schon zu kalt, so gilt das für Schottland erst recht: Welse sind hier nicht zu erwarten.

    Große Aale

    Aale sind in Schottland nichts Neues. Sie kommen regelmäßig als Europäischer Aal Anguilla anguilla vor, der als Jungtier ins Süßwasser wandert, dort heranwächst und als geschlechtsreifes Tier in die Sargassosee wandert, um dort zu laichen und zu sterben. Weibchen erreichen dabei Längen bis zu 1,5 m, oder britisch: 5 Fuß. Im Meer leben Meerale der Art Conger conger, die wesentlich größer werden. Sie erreichen regelmäßig über 2 m Länge, auch 3 m sind möglich. Allerdings wandert diese Art nicht ins Süßwasser.

    Immer wieder gibt es Gerüchte um riesige Aale, die wesentlich größer werden, als bekannt. Belege gibt es hier nicht, dennoch kommen such sie als Erklärung für Nessie in Frage.

    Meeressäuger

    Die schottische See ist reich an Meeressäugern. Seehunde und Kegelrobben sind nahezu allgegenwärtig, das gilt auch für Hafen-Schweinswale. Vor der Ness-Mündung im Moray-Firth lebt die nördlichste stationäre Population Großer Tümmler. Auch andere Wale werden hier mehr oder weniger regelmäßig gesehen.

    Mehrere Seehunde ruhen auf einem kleinen Felsen
    Seehunde sind an der schottischen Küste allgegenwärtig

    ein mittelgroßer Fluss im Wald mit einer bewachsenen Insel in der Mitte
    Der Ness etwas stromaufwärts von Inverness Zentrum. Hier sollen regelmäßig Seehunde vorkommen

    Zwei große Tümmler im Meer, einer taucht zu einem Drittel aus dem Wasser
    Große Tümmler bilden vor der Ness-Mündung die nördlichste stationäre Population, aber sie sind nicht dafür bekannt, in den Fluss zu wandern

    Von Seehunden ist es bekannt, dass sie oft den Ness hinauf wandern. Stromaufwärts des Zentrums von Inverness tauchen sie so regelmäßig auf, dass sie auf Stadtrundfahrten und in Reiseführern erwähnt werden. Stimmt das Nahrungsangebot, wandern sie selbstverständlich auch weiter stromaufwärts in dem Loch.

    Die Berufsfischer im Loch kennen die Seehunde auch. Früher wurden gefangene Seehunde als Konkurrenz erschlagen, versenkt und totgeschwiegen. Das geht heute zum Glück nicht mehr, zum einen gibt es kaum noch Berufsfischer am Loch Ness, aber auch die permanente „Überwachung“ durch Nessie-Sucher und Webcams macht das unmöglich.

    Wale werden vermutlich nur im Notfall in den flachen Ness einwandern, verlieren sie die Orientierung, könnten sie dann auch in den Loch schwimmen und dort sicherlich eine Weile überleben. Man denke hier an den Beluga im Rhein 1966 oder den Schnabelwal in der Themse 2006.

    Die Pressekonferenz

    Die Publikation der Studie sich deutlich verzögert. Es gab Verspätungen, unter anderem, weil ein Kamerateam die Arbeiten begleiten wollte. Loch Ness und das dazugehörige Monster spielen eine wichtige eine Rolle. Daher darf spekuliert werden, dass sich die Zeitschrift, die das Resultat am Ende abdruckt, im Peer-review-Prozess doppelt und dreifach abgesichert hat.

    So kam es, dass die Ergebnisse nicht, wie geplant im Januar 2019 veröffentlicht wurden, sondern nach einer kurzen Vorab-Publikation im Juni erst im September vorgestellt wurden. Doch bereits im Juni wurden interessante Details bekannt, unter anderem die oben genannten 15 Fischarten.

    “Gibt es in dem See etwas Mysteriöses? Mhm, das hängt davon ab, was man glaubt,“ sagt Gemmell. „Gibt es etwas Überraschendes? Ja, einige Befunde haben uns verblüfft.“ Der letzte Satz reichte aus, um die Pressekonferenz heute in Drumnadrochit zu füllen.

    Loch Ness mit Bergketten an beiden Ufern und der Sonne hinter Wolken am gegenüberliegenden Ende
    Wie verschlossen liegt Loch Ness an diesem Abend da, kaum eine Welle, und selbst das Licht wirkt bleiern. Noch birgt es seine Geheimnisse.

    Die Ergebnisse

    Im Rahmen der Studie haben die Wissenschaftler ja nicht nur nach Nessie gesucht, sondern zahlreiche Organismen feststellen können. Überraschend ist die hohe Zahl der ermittelten Organismen. Man wusste zwar, dass Süßwasser-Ökosysteme sehr viele mikroskopische Arten beinhalten, aber 30900 verschiedene Arten ist eine hohe Zahl. Natürlich hat Neil Gemmell die Pressekonferenz spannend gemacht, aber direkt mit der brennendsten Frage begonnen: „Gibt es einen Plesiosaurier in Loch Ness? – Nein. Es gibt absolut keinen Hinweis auf reptilische Sequenzen in unseren Proben. Wir können daher sicher sagen, dass kein großes, schuppiges Reptil in Loch Ness schwimmt. Es gibt keinen Beweis für einen Plesiosaurier oder andere Reptilien.“
    Kurz drauf wurde er konkreter: Wels-DNA und Stör-DNA hat er keine gefunden.

    „Wir haben große Mengen Aal-DNA in Loch Ness gefunden. (…) An jeder untersuchten Stelle gab es Aal-DNA, die schiere Menge hat uns überrascht. (…) Gibt es einen riesigen Aal? Möglich, wir wissen nicht, ob die DNA von einem großen oder kleinen Aal stammt. (…) Ich weiß nicht, ob das etwas ist, was wir plausibel testen können.“

    Im nächsten Satz könnte Gemmell Meter und Fuß verwechselt haben: „Sie wachsen normalerweise zu vier bis sechs Metern Länge, aber einige Leute sagen, sie hätten größere Aale gesehen. (…) Es ist plausibel, dass da ein oder zwei sein könnten, die zu einer extremen Größe heranwachsen, möglicherweise 50% größer als normal, möglicherweise noch größer.“

    Gemmell gibt zu, dass Loch Ness ein sehr großer Wasserkörper ist und ihm mit 250 Wasserproben möglicherweise etwas entgangen ist: „Es könnte ein Monster in Loch Ness geben. Wir wissen es nicht, wir haben es nicht gefunden.“

    „So that’s the hunt. The hunt ist done.“

    Die groß angekündigten „verblüffenden Befunde“ haben dann doch sehr enttäuscht. Nessie soll also ein Aal sein, nur weil Gemmell Aal-DNA in sehr vielen Proben gefunden hat. Dass Aale in Loch Ness vorkommen, war kein Geheimnis. Jeder Fischer weiß, dass Aale große Mengen Schleim produzieren und damit auch eine Menge DNA in die Umwelt entlassen. Dass Gemmell viel davon gefunden hat, ist also keine Überraschung.

    Überraschender ist, wie schlecht sich der Biologie-Professor Neil Gemmell mit klassischer Zoologie auskennt. Europäische Aale, die er in Loch Ness nachgewiesen hat, werden keine vier, geschweige denn sechs Meter lang. 1,5 m sind für geschlechtsreife Weibchen ein gutes Maß, 1,8 m schon sehr groß. Auch die Einschätzung „einer oder zwei werden eben 50% größer sein“ begründet er mit der These, dass diese Tiere nicht auf die Laichwanderung gehen und daher immer weiter wachsen. Die These ist bekannt, jedoch unbelegt. Ein Aal, der 50% länger ist, als ein normales Exemplar wiegt mehr als das dreifache, denn er wächst ja auch in Tiefe und Höhe. Das macht in der Regel ein Körperbau nicht mit, auch nicht bei Fischen.

    „Nur weil etwas nicht gefunden wird, heißt es nicht…

    …, dass es nicht da ist.“ Neben der Charakterisierung zahlreicher Arten des Loch Ness Ökosystems (die man gar nicht zu hoch loben kann), hat die Arbeit den (erwarteten) genetischen Nachweis von Aalen in Loch Ness erbracht. Das ist nichts, womit ein Schotte nicht gerechnet hätte…

    Ruine einer Burg vor dem Wasser des Loch Ness
    Die malerische Ruine von Urquhart Castle steht noch …

    Hinweisschild zum Loch Ness Nessie Shop
    … und auch Nessie-Devotionalien werden weiterhin verkauft. Ob Professor Gemmell auch ein Nessie-Stofftier gekauft hat?

    Spielzeug-Nessie sitzt auf einem Stein am Ufer
    Die einzige, wirklich klare Aufnahme von Nessie widerspricht jedenfalls der Studie – und lässt alle Fragen offen.

    Die eisenharten Nessie-Gläubigen halten sich an Gemmells Satz „Es könnte ein Monster in Loch Ness geben. Wir wissen es nicht, wir haben es nicht gefunden.“ fest: Die DNA war halt nur nicht in den Proben enthalten.

    Eins dürfte sicher sein: Es wird auch in Zukunft Nessie-Sichtungen geben, Nessie-Devotionalien werden sich gut verkaufen, in Urquhart Castle werden die Besucherströme nicht zusammenbrechen und vielleicht hat der Professor ja doch nicht richtig hingesehen…


    * Warum wir wissenschaftliche Namen nicht kursiv schreiben:

    Natürlich wissen wir, dass man wissenschaftliche Namen in Texten kursiv schreibt. Wir würden das auch hier gerne machen, leider hat unser Template genau in dieser Funktion einen Bug (technischen Fehler). Dieser Fehler sorgt dafür, dass eine kursive Formatierung immer gleichzeitig fett hervorgehoben wird. Außerdem wird im Fließtext, jedoch nicht in Kurzzusammenfassungen und Suchmaschinentexten ein weiteres Leerzeichen vor und hinter dem Text angezeigt.
    Daher haben wir uns entschieden, wissenschaftliche Namen nicht kursiv zu schreiben, bis wir eine Lösung für das Problem gefunden haben.


    Dieser Beitrag unterliegt dem Urheberrecht des oben genannten Autors.

    Beiträge, die mit einem Autorennamen gekennzeichnet sind, geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

    Kontaktanfragen an den Autor bitte durch die Redaktion.


  • Presseschau Kalenderwoche 34/2019

    Obwohl die Politik in vielen Ländern verrückt spielt, haben die Medien noch genug Raum übrig, um auch Bemerkenswertes aus dem Mensch-Tier-Kontakt, der Natur oder auch der Kryptozoologie zu bringen. Dort, wo dann die Zeitung doch schon voll ist, helfen die sozialen Medien. Wir haben diese Woche wieder einiges für euch zusammengestellt.

    Viel Spaß beim Lesen.


    eDNA-Studie deutet auf plausible Erklärung für Nessie hin

    eine ruhige Wasserfläche mit wenigen Wellen, in der Mitte ein Gegenstand unbestimmbarer Größe, aus dem ein langer Fortsatz in einem flachen Bogen nach oben geht und dort wie abgeknickt wirkt
    Das berühmte Nessie-Foto von Robert Wilson von April 1934.

    Wir hatten schon berichtet, dass Prof. Neil Gemmell unter anderem die eDNA des Loch Ness untersucht hat. Mit einiger Verzögerung wird er am Donnerstag, 05. September 2019 die Studie auf einer Pressekonferenz in Drumnadrochit an den Gestaden des berühmten Sees vorstellen.

    Neben 15 Fischarten konnte er 3000 verschiedene Bakterienarten identifizieren, und drei von vier Haupthypothesen zu Nessie ausschließen. Welches die Haupthypothesen waren und welche davon plausibel erscheint, werden wir erst auf der Pressekonferenz erfahren.

    Wir bleiben am Ball und bitten jetzt schon einmal um Entschuldigung dafür, dass der Artikel, der am 5.9. geplant ist, erst am frühen Nachmittag, nach der Pressekonferenz erscheinen wird.

    Link zur Ankündigung der Pressekonferenz


    11.000 Vögel fallen tot vom Himmel

    Montana, USA – mehr als 11.000 Wasservögel sind letzte Woche an den Grenzen der Big Lake Wildlife Management Area in Montana vom Himmel gefallen. Es handelte sich hauptsächlich um Pelikane, Enten, Ohrenscharben und Watvögel, die in großer Zahl an dem See vorkommen.

    Die Landschaft war teilweise mit toten und schwer verletzten Vögeln übersät, ein verstörender Anblick, „tote Enten und Watvögel mit gebrochenen Flügeln, zerschmetterten Schädeln, inneren Verletzungen und anderen stumpfen Traumata“, berichten die Montana Fish, Wildlife, and Parks (FWP). Nahezu 5% aller Enten und 40% der Kormorane und Pelikane zeigen Verletzungen oder sind gestorben.

    Wie kam es zu diesem apokalyptischen Vorfall? In den USA kommt es aufgrund der beiden in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Gebirge regelmäßig zum Kontakt von warmer, feuchter Luft aus dem Süden und kalter Polarluft. Je größer die Temperaturunterschiede sind, um so heftiger verläuft der Kontakt, es kommt zu schweren lokalen Stürmen, Unwettern und Tornados. Genau so etwas ist in Montana passiert, orkanartige Winde von mehr als 110 km/h und Hagelkörner von Baseballgröße haben ihren Tribut gefordert.

    Doch, so FWP Wildlife-Biologe Justin Paugh: „Der See ist immernoch voll gesunder, lebendiger Wasservögel. Das Leben wird weiter gehen!“


    Seltener „Strawberry-Leopard“ in Südafrika fotografiert

    Strawberry Leopard by Alan Watson Black Leopard Lodghe
    Alan Watsons Wildkamera-Foto des „Strawberry Leopards“, den er mittlerweile Goldie genannt hat.

    Bereits Ende Juli wurde im Thaba Tholo Wilderness Reserve im Nordosten Südafrikas ein seltener „Stawberry-Leopard“ fotografiert. Die große Katze fraß an dem Kadaver einer durch ein Unwetter umgekommenen Giraffe, als Alan und Lynsey Watson sie auf Chip bannen konnten. Die Watsons betreiben eine Lodge und bieten Wildlife-Safaris an.

    „Soweit wir wissen, ist das die seltenste Farbvariante eines Leoparden. Wir hoffen, sie wird mehr Leute zur Lodge bringen.“ erzählt Alan weiter. Die strawberry-Fellfarbe trat das erste Mal 2012, 300 km weit entfernt, in Botswana auf. Es handelt sich um eine erythristische Farbmangelmutante. Sie wird ähnlich wie Albinismus rezessiv vererbt. Hier werden rote Pigmente in großer Zahl produziert, während schwarze Pigmente nicht oder in zu geringer Menge ausgebildet werden. Die charakteristischen schwarzen Flecken des Leoparden wirken rotbraun, das Tier wirkt unwirklich, fast rosa. Beinahe ein Pink Panther.

    Erythismus kommt bei Leoparden sehr selten vor. „Nach unserer Kenntnis gab es vor den Fotos von 2012 keine Dokumentation hiervon“ schreibt das Ingwe Leopard Research Team der University of Reading.  Ein Guide hatte 2012 im Madikwe Game Reserve im Nordwesten Südafrikas einen männlichen „Strawberry“-Leopard fotografiert. Das Team identifizierte zwei Leoparden mit dieser Mutation. Mit Hilfe von Rangern, Naturschützern, der lokalen Bevölkerung und den Sozialen Medien konnten sie insgesamt sieben „Strawberry“-Leoparden in Südafrika identifizieren.

    Nationalgeographic mit der ersten Meldung eines Strawberry-Leoparden von 2012

    Daily Mail mit der Meldung der aktuellen Sichtung


    Die Äskulap-Natter, ein Problem?

    Die nach dem römischen Gott der Heilkunst Äskulap benannte Natter ist eine der größten Schlangen Europas. Sie erreicht normalerweise 1,4 bis 1,6 m und kann in Ausnahmefällen auch mal an die 2 m-Marke heranreichen. Da sie relativ kräftig gebaut ist, wirkt sie deutlich größer, als eine gleich lange, schlanke Ringelnatter.

    In Deutschland kommt die ungiftigen Äskulapnatter (Zamenis longissimus*) nur an wenigen Stellen vor. Der Ort Schlangenbad im Rheingau ist vermutlich nach dem Vorkommen benannt worden, ansonsten findet man sie bei Passau an der Donau und im Ulfenbachtal (Odenwald) in Hessen. Dort wurde 2009 ein Schutzprojekt für die Schlange eingerichtet, das offenbar sehr erfolgreich war. So erfolgreich, dass es jetzt Konflikte mit einzelnen Gartenbesitzern gibt. Die „Riesenschlangen“ bewegen sich in den Gärten und kommen gelegentlich sogar ins Haus. Auch einzelne Jungkaninchen sind ihnen angeblich zum Opfer gefallen. Die „geplagte“ Anwohnerin Martina Travaglione entblödet sich auf n-tv nicht, ihren Vorbehalten Luft machen, frei nach dem Motto: „Natur ja, aber bitte woanders. Wir wollen im Garten und am Wald nicht davon gestört werden.“

    Immerhin bekommen die Anwohner demnächst Hilfe von einem Fachmann. Er zeigt ihnen, wie sie die Schlangen fachgerecht aus dem Haus bringen, so dass sie sie nicht mehr mit Schrubber und Besen drangsalieren müssen.


    Israel will Mammuts zur bedrohten Art erklären

    Mammut-Nachbildung mit Neanderthaler im LVL-Museum für Naturkunde Münster
    Mammut im Naturkundemuseum Münster, gemeinsam mit einem Neanderthaler und anderen eiszeitlichen Tieren.

    Alle Mammuts sind spätestens vor 5000 Jahren ausgestorben. Alle? Ein kleines, unbeugsames Land im Nahen Osten ist offenbar anderer Meinung und hat auf der Genfer Artenschutzkonferenz den Antrag gestellt, Mammuts unter Schutz zu stellen und so den Handel mit Mammutprodukten einzuschränken bzw. zu verbieten.

    Spinnen die Israelis? Nein, ganz im Gegenteil! Die Unterschutzstellung der Mammuts ist ein durchdachter Schritt gegen den Handel mit Elfenbein von rezenten Elefanten. Wir haben schon häufiger von Permafrost-Mumien berichtet (beispielsweise hier und hier), aber die spektakulärsten Tiere des Permafrostes blieben bisher außen vor: Die Mammuts.

    Ihre Stoßzähne sind oft so gut erhalten, dass das Elfenbein nach Asien verkauft wird, wo es zu kunstvollen Schnitzereien verarbeitet wird. Besonders begehrt ist das edle Material für Siegel, ohne die in Japan und anderen asiatischen Staaten kaum ein Rechtsgeschäft abgeschlossen werden kann.
    Dagegen ist nichts einzuwenden, der wissenschaftliche Wert der Stoßzähne ist gering, das Mammut bereits seit tausenden Jahren tot. Aber immer wieder wird Elfenbein rezenter Elefanten aus Afrika oder Asien als Mammutelfenbein (um-) deklariert. Am Erscheinungsbild ist kaum festzumachen, von welchem Tier Stoßzähne oder Rohlinge stammen und dem Zoll steht auch nicht immer und überall die Möglichkeit zum genetischen Test offen.

    Wenn Mammuts zur bedrohten Art erklärt werden, wird der Handel mit Mammutelfenbein reguliert und die Möglichkeit, „rezentes Elfenbein“ darunter zu schmuggeln, sinkt zwangsläufig. Ein cleverer Schachzug.


    Feld-Ornithologisches

    Auch diese Woche gibt es ein paar interessante Vogelbeobachtungen in Deutschland, die wir -wie immer- aus verschiedenen Ornitho-Portalen zusammengesammelt haben:

    • Der Kaiseradler, der in den letzten Monaten fast regelmäßig im Randowbruch in Vorpommern beobachtet wurde, ist wieder da.
    • Der Schwarzbrauen-Albatros, der in den letzten Sommern regelmäßig die Nordsee besucht (wir berichteten), wurde offshore vor dem Ellenbogen bei List auf Sylt gesehen.
    • In Langenau bei Ulm ist ein Adlerbussard aufgetaucht und blieb dort mindestens einige Tage
    • Der Rosapelikan auf dem Meldorfer Speicherkoog ist zuletzt am vergangenen Montag beobachtet worden.
    • Bei Bargfeld in der Nähe von Norderstedt hat sich ein Trupp Bindenkreuzschnäbel Loxia bifasciata* über mehrere Tage sehen lassen

    Zur Existenz von Bielefeld

    Ortseingangsschild von Bielefeld
    Nunja … Bielefeld eben.

    Die drei größten Verschwörungen der Moderne lauten ja bekanntermaßen „In Roswell ist ein Wetterballon abgestürzt, John F. Kennedy wurde von einem Einzeltäter erschossen und Bielefeld ist eine ganz normale Stadt in Ostwestfalen“. Zumindest die Existenz von Bielefeld wird immer wieder angezweifelt, so dass die Bielefeldverschwörung als eines der bekanntesten Elemente der Nerd-Kultur in Deutschland gilt.

    Die Stadtverwaltung Bielefeld (das sind die, die die verwalten, die von sich behaupten, in Bielefeld zu wohnen oder zu arbeiten) hat nun ein Preisgeld von 1.000.000 € ausgeschrieben: Wer den Beweis der Nichtexistenz der Stadt erbringt, bekommt die Summe ausbezahlt.

    Mit der Umkehr der Beweislast hat es sich die Organisation einfach gemacht: ein negativer Beweis ist in einem offenen System so gut wie unmöglich zu führen.

    Nebenbei: Wenn man beweist, dass Bielefeld nicht existiert, existiert die Stadtverwaltung von Bielefeld ebenfalls nicht. Wer soll dann die Bielefeld-Million auszahlen?

    tagesschau mit der Meldung als Schlußlicht


    * Warum wir wissenschaftliche Namen nicht kursiv schreiben:

    Wir wissen natürlich, dass man wissenschaftliche Namen in Texten kursiv schreibt. Wir würden das auch hier gerne machen, leider hat unser Template genau in dieser Funktion einen Bug (technischen Fehler). Dieser Fehler sorgt dafür, dass eine kursive Formatierung immer gleichzeitig fett hervorgehoben wird. Außerdem wird im Fließtext, jedoch nicht in Kurzzusammenfassungen und Suchmaschinentexten ein weiteres Leerzeichen vor und hinter dem Text angezeigt.
    Daher haben wir uns entschieden, wissenschaftliche Namen nicht kursiv zu schreiben, bis wir eine Lösung für das Problem gefunden haben.


    Presseschau der vergangenen Woche