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  • 14.000 Jahre alte DNA, na und? Was die Tumat-Welpen so besonders macht

    von: Tobias Möser

    Die Geschichte beginnt bereits skurril, zumindest für westliche Ohren, bevor sie eine völlig unerwartete Wendung nimmt: Elfenbein ist eines der wichtigsten Exportartikel Sibiriens, und das, obwohl so hoch im Nordosten Asiens gar keine Elefanten leben. Dafür benötigen die Elfenbeinjäger auch keine Gewehre, sondern Schaufeln und Äxte: Sie graben Stoßzähne von Mammuts aus dem Permafrostboden.

    Die Klimaerwärmung sorgt für ansteigende Temperaturen, auch in Sibirien. Der Permafrost taut auch an Stellen auf, die nie zuvor ein Mensch gesehen hat. Solche Stellen suchen die modernen Mammutjäger und fanden – eine kleine Schnauze, die aus dem Boden lugte.

     

    Die Tumat-Welpen

    Das war 2011. Glücklicherweise alarmierten die beiden Jäger sofort den russischen Professor Sergei Fjodorov, Leiter der Ausstellungen im Mammutmuseum der Nordöstlichen Föderalen Universität in der regionalen Hauptstadt von Jakutsk. Er setzte sich sofort in ein Flugzeug und warf einen ersten Blick auf den Welpen, zu dem die Schnauze gehörte. Er konnte das Jungtier bergen.


    Lage von Tumat

    Mumie eines der beiden Wolfsbabies
    Einer der beiden Tumat-Welpen

    Graues Wolfsbaby im Gras
    Rezentes Wolfsbaby, etwa im Alter wie die Tumat-Welpen

    2015 kam er zurück in die Gegend, 130 km von der Laptew-See entfernt, um die Fundstelle intensiver zu untersuchen. Tatsächlich fand er einen zweiten Welpen, nur wenige Meter von der Fundstelle des ersten Tieres entfernt, weiter unten am Hang.

    Beide Welpen waren zum Zeitpunkt des Todes etwa 3 Monate alt. Sie starben vor etwa 12.460 Jahren und stammen vermutlich aus dem selben Wurf. Sie wurden nach dem nahegelegenen Dorf „Tumat-Welpen“ genannt.

     

    Begleiter des Menschen?

    Bei der Grabung wurden auch Mammut-Überreste entdeckt. Fjodorow deutete an, dass sie vermutlich aus einer Schlachtung stammten und Teile des Mammuts verbrannt wurden. Das deutet auf die Anwesenheit von Menschen hin.

    Ein Wolf, der seine gerade drei Monate alten Jungtiere in die Nähe des Lagers seiner größten Feinde bringt? Das klingt unwahrscheinlich. Natürlich sind auch archäologische Grabungen zeitlich nicht so scharf, dass man genau sagen kann, ob Mensch und Wolf gleichzeitig vor Ort waren oder wer wem gefolgt ist.

    Die Alternative ist ein Wolf, der seine gerade drei Monate alten Jungtiere im Lager seiner besten Freunde lässt. Ein Wolf, der unter Menschen lebt – ein Hund.

    Wolf auf einem bemoosten Felsen
    War es nun ein Wolf- oder doch eher ein Hund?

    DNA-Phantome
    Die DNA ist nicht die einzige Strutur in der Zelle, aber nahezu gar nichts sagt

    Der kaum erkennbare Kopf eines Wolfes aus dem Permafrost
    Dieser Kopf war im Frühjahr in den Schlagzeilen
    Albert Protopopov / Siberian Times

    „Bis jetzt sind die Linien der Wölfe, die wahrscheinlich Hunde hervorgebracht haben, noch nicht entdeckt worden und es ist möglich, dass diese Welpen auf dieser Linie sein könnten, was sehr aufregend wäre“, sagte der Evolutionsbiologe Greger Larson von der Universität Oxford. Die Antwort kann nur die Sequenzierung des Genoms erbringen – und sie brachte eine weitere überraschende Wendung mit sich.

     

    Alte DNA

    Die Aufarbeitung von alter oder aDNA beschreibt Bestseller-Autor Michael Crighton in „Jurassic Park“ erstaunlich genau und weitgehend richtig. Als das Buch 1990 erschien, war dies noch Science Fiction. Heute ist es routinemäßig möglich, alte DNA aus allen möglichen organischen Fundstücken zu gewinnen und zu bestimmen. Zu den ältesten überlieferten und sequenzierten DNA gehören das Erbgut eines Zwergmammuts aus Kreta, das etwa 800.000 Jahre alt ist, und ein Pferdeknochen aus dem Permafrostboden in Kanada, der nur unwesentlich jünger ist.

    Die Chancen, bei etwa 12500 Jahre alten, gut erhaltenen Permafrostmumien auf brauchbare DNA zu stoßen, sind also groß.

    Und so geschah es: Aus den beiden Mumien konnten die Wissenschaftler um Oliver Smith von der Universität Kopenhagen problemlos DNA extrahieren und sequenzieren. Und noch mehr: Sie fanden RNA.

    Bedeutung von RNA: Transkription

    Wenn die Zelle arbeiten will, d.h. jegliche Form von Stoffwechsel betreiben oder sich teilen möchte, werden Eiweiße benötigt. Grob gesagt entstehen diese Eiweiße, indem DNA im Zellkern abgelesen und in RNA übersetzt wird. Diese RNA gelangt aus dem Zellkern heraus zu den Ribosomen, wo nach ihrem Vorbild Aminosäuren zu Ketten verknüpft werden. Diese Ketten falten sich aus sich selbst heraus oder mit Hilfe anderer Moleküle. Nach einer Aktivierung können sie ihre Funktion in der Zelle übernehmen.

    Das macht RNA interessant. Wenn in der Zelle RNA-Abschriften eines bestimmten Gens vorliegt, kann man daraus schließen, dass dieses Gen abgelesen wurde, sein Produkt also benötigt wird. RNA zeigt also an, was die Zelle in diesem Moment macht – bzw. machte, als der Welpe starb.

    Wolf im Schnee
    So könnten die sibirischen Wölfe vor 12460 Jahren ausgesehen haben

    Wolfsbaby im Gras
    oder so?

    Permafrost-Schichten am Ufer eines Flusses in Yakutien (Foto: Luke Griswold-Tergis)

    Man könnte sagen: Die DNA hat alle Gene, während in den RNA-Kopien nur die zu finden sind, die auch wirklich genutzt werden. Beides kann eine Menge über den Organismus sagen und in Kombination ist es am meisten wert.

    Den Forschern ist es gelungen, so viel RNA aus Leberzellen zu gewinnen, dass sie die RNA mit der moderner Hunde – und Wölfe vergleichen können. Wer genau wissen möchte, was heraus gekommen ist, kann sich mit der Originalarbeit bei den PLOS befassen. Sie steht komplett im Netz.

     

    Durchbrechen des Dogmas

    Damit in der Zelle nicht Unmengen von Kopien der DNA vorliegen, die gar nicht mehr gebraucht werden, wird RNA schnell abgebaut. Sie ist aber auch aufgrund ihrer Struktur (eine einzelne, keine doppelte Helix und ein oxidierter Zucker) instabiler als DNA. So ging man davon aus, dass RNA nahezu nie überliefert wird. Die bisher älteste sequenzierte RNA stammt aus einem Insektenvirus und ist 700 Jahre alt. Die älteste bekannte, aber nicht mehr sequenzierbare RNA ist etwa 5000 Jahre alt – und stammt von keinem geringeren als dem Ötzi.

    Hier wurde die Grenze für sequenzierbare RNA „mal eben“ um fast das zwanzigfache herausgeschoben – eine großartige wissenschaftliche Leistung.

    Fazit

    Die Extraktion und Sequenzierung der uralten RNA ist eine tolle wissenschaftliche Leistung, die hoffentlich für die Akteure auch entsprechend „Früchte trägt“. Der Öffentlichkeit interessiert jedoch vermutlich wesentlich mehr die Frage: „Sind die beiden Welpen nun Wölfe oder schon Hunde?“ Diese Frage beantworten die Wissenschaftler nur nebenher. Sie schreiben „Wir nutzen den Begriff „Wolf“ in Anführungszeichen, weil der Status der Domestikation unsicher ist.

    Schade, wenigstens die Frage, ob die beiden Tiere auf der Linie vorkamen, die vom Wolf zum Hund führt, hätte man wohl beantworten können.


    Literatur

    Originalarbeit https://journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.3000166#pbio.3000166.s026

    Crighton, Michael, 1990: Dino-Park (zahlreiche Auflagen und Verläge)

    Zur aDNA in einem 700.000 Jahre alten Pferdeknochen: doi:10.1038/nature12323

    Zur aDNA in einem 800.000 Jahre alten Zwergmammut: doi:10.1098/rsbl.2006.0467


    Der Autor:

    Tobias Möser studierte Biologie in Düsseldorf und Bonn, Geologie als Nebenfach. Gerne bezeichnet er sich als Planetologen und Bildungsjunkie. Neben der Paläontologie ist die Aquaristik ein wichtiges Hobby, aber die meiste Zeit nimmt die Produktion und Kuration von planetologischen Inhalten ein. Seit dem Jahr 2003 befasst er sich mit Kryptozoologie. Themenschwerpunkt seines kryptoozologischen Interesses waren zunächst Wasser-Kryptide, später erweiterte sich der Themenbereich. Als „Wissenschaftsnomade“ hat es ihn beruflich durch halb Deutschland und das Ausland verschlagen, zur Zeit lebt er in Bochum.


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  • Riesiger Laufvogel auf der Krim entdeckt

    von André Kramer:

    Russischen Wissenschaftlern gelang der Fund einer paläontologischen Sensation. Hinter dem wissenschaftlichen Namen Pachystruthio dmanizensis verbirgt sich der aktuelle Fund des ersten Riesenvogels Europas bzw. der nördlichen Hemisphäre generell. Der Fund der ca. 1,8 Millionen Jahre alten Fossilien des 450 Kilogramm schweren Tieres wurde in der erst kürzlich entdeckten Taurida-Höhle auf der Krim-Halbinsel am Schwarzen Meer gemacht.

    Zwei Wisente auf einer abschüssigen Wiese mit einem entrindeten Baumstamm
    Wisente der Gattung Bison gehörten zu den Vertretern einer pleistozänen Fauna, genauso wie…

    Eine Gruppe fahler Pferde auf einer Weide vor Bruchvegetation
    … Wildpferde, hier vertreten durch Dülmener Pferde, halbwild im Merfelder Bruch.

    Gemeinsam mit ihm fand man die Reste von Vertretern der pleistozänen Riesen-Säugetier-Fauna, wie unter anderem Südelefanten (Archidiskodon), Nashörnern (Elasmotherien), Pferden (Equus), ausgestorbenen Rindern (Leptobos) und Bisons, aber auch Raubtieren. Zu diesen gehören riesige, heute ausgestorbenen Hyänen (Pachycrocuta) und Wölfen (Canis).

    Der erste große Laufvogel auf der Nordhalbkugel

    Pachystruthio dmanizensis in einer pleistozänen Landschaft
    Pachystruthio dmanizensis ist (bisher?) der einzige bekannte Laufvogel Europas (Bild dpa)

    Die Sensation hinter diesem Fund liegt vor allem darin, dass ausgestorbene flugunfähige Vögel dieser Größenordnung bislang nur von der Südhalbkugel bekannt waren. Hier sind vor allem die Elefantenvögel (Aepyornithidae) Madagaskars zu nennen, die bis zu 700 Kilogramm schwer wurden und gemeinsam mit dem bis zu 270 Kilogramm schweren Moas Neuseelands erst in historischen Zeiten durch den Menschen ausgerottet worden sind.

    Ein ebenfalls quartärer Riesenvogel, dessen Überreste in Nordamerika (Titanis walleri) gefunden wurden, kam indes lediglich auf ein geschätztes Gewicht von 150 Kilogramm. Das entspricht in etwa dem Gewicht des rezenten Vogelstrauß.

    Pachystruthio dmanizensis ist damit einer der größten flugunfähigen Vögel überhaupt.

    Zusammen mit den ersten Menschen eingewandert?

    Die Forscher der russischen Akademie der Wissenschaften vermuten, dass der Riesenvogel gemeinsam mit der Riesen-Säugetier-Fauna und den frühen Vertretern der Gattung Homo über den südlichen Kaukasus und Anatolien die Schwarzmeerregion erreichten. Für sie reiht sich der europäische Riesenvogel gut in die Fauna seiner Zeit ein.

    Moa-Skelett aus dem Naturkundemuseum Braunschweig

    Moderne Laufvögel, wie die Nandus, gibt es in Europa nicht.

    Die gut erhaltenen Oberschenkelknochen verweisen auf einen guten Läufer, was ihn von den insularen Moas und Elefantenvögeln unterscheidet. Während jene bis zum Erreichen des Menschen auf den Inseln ohne natürliche Feinde lebten und eine schnelle Flucht entsprechend evolutionär nicht vonnöten war, gilt dies nicht für Pachystruthio dmanizensis. Die Pleistozäne Megafauna war voll von möglichen Fressfeinden, sodass eine schnelle Flucht hier überlebenswichtig war.

    Die taxonomische Einordnung gestaltet sich indes schwierig. Eine Zuordnung zur Gattung Struthio, den Straußen, muss noch bestätigt werden.


    Quellen:

    Nikita V. Zelenkov, Alexander V. Lavrov, Dmitry B. Startsev, Innessa A. Vislobokova & Alexey V. Lopatin (2019): A giant early Pleistocene bird from eastern Europe: unexpected component of terrestrial faunas at the time of early Homo arrival, Journal of Vertebrate Paleontology,
    DOI: 10.1080/02724634.2019.1605521


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    * Warum wir wissenschaftliche Namen nicht kursiv schreiben:

    Uns ist selbstverständlich bekannt, dass wissenschaftliche Namen in Texten kursiv geschrieben werden. Wir würden das auch hier gerne machen, leider hat unser Template genau in dieser Funktion einen Bug (technischen Fehler). Dieser Fehler sorgt dafür, dass eine kursive Formatierung immer gleichzeitig fett hervorgehoben wird. Außerdem wird im Fließtext, jedoch nicht in Kurzzusammenfassungen und Suchmaschinentexten ein weiteres Leerzeichen vor und hinter dem Text angezeigt.
    Daher haben wir uns entschieden, wissenschaftliche Namen nicht kursiv zu schreiben, bis wir eine Lösung für das Problem gefunden haben.


  • Eine zweite Zwergmenschenart – von den Philippinen

    Diese Woche ist bei den Hominiden richtig etwas los.

    Schon wieder haben Wissenschaftler eine „neue“ Menschenart beschrieben und schon wieder von einer Insel. Diesmal aber nicht aus Indonesien, sondern von den Philippinen. Die neu beschriebene Art heißt Homo luzonensis und lebte vor etwa 67.000 Jahren auf der Hauptinsel der Philippinen, Luzon.


    Lage der Höhle auf der Philippinischen Hauptinsel Luzon

    Bereits 2007 hatten Ausgräber in der nahe gelegenen Callao-Höhle einen ungewöhnlich kleinen Mittelfußknochen gefunden. Er wurde auf ein Alter von 67.000 Jahren datiert, könnte also zum modernen Menschen Homo sapiens gehören. Dies war aber anatomisch nicht möglich, denn er war nur 61 mm lang.

    Luzon ist ein Hotspot der Evolution

    Die Insel Luzon liegt isoliert im Meer, alle Lebewesen, die hier hin kamen, sind übers Meer gereist. Dem entsprechend kleine Gründerpopulationen und eine vermutlich andere Umwelt als in dem Heimartgebieten begünstigen die Entstehung neuer Arten. Hat sich der Mensch auf Luzon auch den Gegebenheiten der Insel angepasst?

    Die Callao-Höhle ist gewaltig, ihr erster Raum (von sieben begehbaren) wirkt Kathedralen ähnlich.
    Callao Cave Archaeology Project

    Die Callao-Höhle ist eine Karsthöhle im Kalkgestein des Kreises Peñablanca in der Provinz Cagayan im Norden der philippinischen Hauptinsel Luzon. Sie ist eine von 300 Karstlöchern und Höhlen im Landschaftsschutzgebiet der nördlichen Sierra Madre Mountains. Die Höhle ist relativ einfach mit dem PKW zu erreichen, so dass man den ersten Raum zu einer Schauhöhle ausgebaut hat. Dieser natürliche Dom hat einen Durchmesser von etwa 50 m und eine Höhe von 36 m. Seine Kathedralen ähnliche Aura erhält er auch durch eine Öffnung in der Höhlendecke, die einen Lichtstrahl eintreten lässt. Die einheimischen Christen nutzen die Höhle oft für ihre Gottesdienste. Neben der Callao-Höhle gibt es in unmittelbarer Nähe weitere große Höhlensysteme, die Funde versprechen.

    Eine bisher unbekannte Menschenart

    Zähne des Homo luzonensis Individuume CCH6. Von links nach rechts: Zwei Prämolare und drei Molare.
    Callao Cave Archaeology Project

    Der Fußknochen von 2007 blieb nicht lange alleine. Florent Détroit vom Naturhistorischen Museum Paris und Armand Salvador Mijares von der University of the Philippines gruben mit ihren Teams weiter in de Callao-Höhle. Sie fanden insgesamt zwölf weitere Skelettteile, darunter weitere Fußknochen, Handknochen, fünf Zähne und einen Oberschenkelknochen. Sie gehörten zu mindestens drei verschiedenen Individuen. Die neuen Funde stammten aus der selben Schicht wie der 2007 gefundene Mittelfußknochen. Leider konnten sie keine Schädelknochen oder DNA-haltiges Material bergen.

    Ähnlich dem Flores-Hobbit, aber doch nicht ähnlich genug

    Die geringe Größe der Knochen und Zähne deutet auf den „Hobbit“ hin, Homo floresiensis. Diese verzwergte Menschenart lebte etwa zeitgleich mit den Funden von Luzon auf Flores. Flores ist eine Insel in Indonesien und etwa 3000 km von den Fundorten auf Luzon entfernt.

    sehr kleiner Fußknochen
    Phalanx proximalis des Fußes von Homo luzonensis CCH4 von der Seite.
    Callao Cave Archaeology Project

    In der Erstbeschreibung stellen die Wissenschaftler die „Luzon-Hobbits“ als Homo luzonensis in die Gattung Homo, arbeiten aber gleichzeitig deutliche Unterschiede zu Homo sapiens und Homo floresiensis heraus. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass die beiden Zwergmenschen einen gemeinsamen Ursprung haben. Sie könnten beide während einer Periode niedrigen Wasserstandes vom „Sundaland“ auf ihre jeweiligen Inseln verdriftet worden sein.

    Ein Jäger

    Nach den derzeitigen Kenntnissen war Homo luzonensis mit etwa 1,2 m etwas größer als Homo floresiensis mit 0,9 bis 1,1 m Körperhöhe. Wie seine (und unsere) Cousins auf Flores war auch der Luzon-Hobbit ein Jäger. Zusammen mit den Knochen fanden die Forscher Knochen von Philippinenhirschen (Cervus mariannus), Philippinen-Pustelschweinen (Sus philippinensis) und einer nicht identifizierten, vermutlich ausgestorbenen Rinderart. Die Luzon-Hobbits hatten offenbar deutliches Geschick im Umgang mit Werkzeugen, auch wenn bisher keine gefunden wurden.

    „Die Entdeckung aus Callao (…) ist einer der ältesten, wenn nicht der älteste Fund von menschlichen Überresten im Pazifikraum.“ sagte Armand Salvador Mijares, Archäologe an der University of the Philippines.


    Kommentar: zur Einordnung

    von Tobias Möser

    Homo luzonensis ist gerade erst beschrieben worden. Die Funde sind der Wissenschaft nicht ganz neu und werden schon eine Weile diskutiert. Die Erstbeschreibung basiert nicht zwangsläufig auf einem Konsens der Paläoanthropologen und wird in Zukunft angezweifelt werden. Ähnlich war es bei Homo floresiensis, bei dem weitere Funde und Befunde in den letzten Jahren eher unterschwellig zur allgemeinen Akzeptanz führten.

    13 Knochen von drei Individuen sind sehr wenig, aber bei der Größe des Höhlensystems und zahlreicher weiterer Höhlen ist es vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis weitere Funde gelingen. Sie könnten dann viele Fragen beantworten, über die heute nur spekuliert wird, u.a. die Abstammung der Luzon-Hobbits.

    Interessant ist die Tatsache, dass hier eine zweite, verzwergte Inselart des Menschen gelebt hat. Es gibt Hinweise von Sulawesi auf eine dritte Hobbit-Art. Die Funde von Lee Berger auf Palau wurden vor einigen Jahren als kleine und schlanke, aber moderne Menschen interpretiert. Werden sie jetzt hinterfragt?


    Literatur:

    Florent Détroit, Armand Salvador Mijares, Julien Corny, Guillaume Daver, Clément Zanolli, Eusebio Dizon, Emil Robles, Rainer Grün & Philip J. Piper, A new species of Homo from the Late Pleistocene of the Philippines, Nature, Vol. 568, pp. 181–186

    Anna Valmero (August 5, 2010). „Callao man could be ‚oldest‘ human in Asia Pacific, says Filipino archaeologist“ aus dem Webarchive.org


  • Ein geheimnisvoller Menschenaffe aus dem Pleistozän Indonesiens

    Indonesien ist aufgrund seiner zersplitterten Insellage in den letzten Jahrmillionen ein Hotspot der Evolution gewesen. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich auch die Hominiden in der Inselwelt aufgespalten haben.

    Große Vielfalt von Menschenartigen

    Bekannt sind die heute noch lebenden Orang Utans mit drei Arten (der Borneo-Orang-Utan Pongo pygmaeus, der Sumatra-Orang-UtanPongo abeliiund der erst 2017 beschriebene Tapanuli-Orang-UtanPongo tapanuliensis).Der als Hobbit bekannteHomo floresiensis wurde von der kleinen Insel Flores beschrieben. In mittleren Pleistozän lebten auf anderen Inseln einige geheimnisvolle Taxa, die allgemein als Synonyme von Homo erectus galten.


    Lage des Urmenschenmuseums in Sangiram, in der Nähe des Fundortes.

    Ein internationales Team um Clément Zanolli, Ottmar Kullmer und Roberto Macchiarelli hat nun Zähne aus Altfunden neu untersucht. Mit erstaunlichem Ergebnis: unter den Altfunden war mindestens eine weitere Hominiden-Art, die nicht in der menschlichen Abstammungslinie liegt.

    erste Funde von Homo erectus
    Zeichnung der ersten Funde von Homo erectus durch Dubois. Der Backenzahn unten links war Teil der Studie

    „In der Vergangenheit gab es aber immer wieder wissenschaftliche Kontroversen über den ‚mysteriösen Hominiden Meganthropus’; aber keine gesicherten Belege für dessen Existenz“, erklärt PD Dr. Ottmar Kullmer vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt und fährt fort: „Bekannt ist, dass Homo erectus sich auf Java zur Zeit des Pleistozäns, vor etwa einer Million Jahre, in Gesellschaft von Vorläufern des heutigen Orang-Utans befand. Wir konnten nun nachweisen, dass es zeitgleich sogar noch eine weitere Menschenaffenart gab.“

    An den Zähnen sollst du sie erkennen!

    Unterkieferbruchstück mit drei Zähnen
    Unterkieferbruchstück von Meganthropus.
    Foto: Senckenberg

    Bei den Zahnuntersuchungen hat das Team um Kullmer die Dicke und Verteilung, aber auch Abnutzungsmuster des Zahnschmelzes analysiert. Bekannt ist, dass sich die Position der Höcker auf den Kauflächen der Backenzähne bei Homo und den Menschenaffen deutlich unterscheiden. Die Art der Nahrung ist ausschlaggebend für die Abnutzungsform des Zahnschmelzes. „Unsere mikro-computertomographischen Untersuchungen und die Analyse des Zahnschmelzes zeigen, dass die Zähne weder zu Homo erectus noch zu Orang-Utans gehören“, erläutert Zanolli und ergänzt: „Es gibt zudem keinerlei Hinweise darauf, dass es sich um Vorfahren des heutigen Menschen handelt.“ Das Abnutzungsmuster der Backenzähne von Meganthropus entspricht dem fossiler und heutiger Orang-Utans. Kullmer hierzu: „Wir gehen daher davon aus, dass sich die ‚wiederbenannte’ Art ähnlich wie die modernen Orang-Utans, hauptsächlich von Früchten und anderen über der Erde wachsenden Pflanzenteilen, ernährte.

    Zwei Unterkiefer und ein Unterkieferbruchstück
    Vergleich eines Meganthropus- Unterkieferfragment mit einem rezenten Orang-Utan- Kiefer und einer Homo erectus- Kieferrekonstruktion
    Foto: Senckenberg

    Laut der aktuellen Studie gilt es nun als gesichert, dass vor etwa einer Million Jahre – neben Homo erectus – mindestens zwei Hominiden-Gattungen in den Wäldern der heutigen indonesischen Inseln lebten. Eine höhere Vielfalt, als bisher angenommen – „eventuell kommt sogar noch eine weitere Gattung, der als Gigantopithecus bekannte Riesenmenschenaffe, hinzu. Hier fehlt uns bisher aber der eindeutige Nachweis“, schließt der Frankfurter Paläoanthropologe.

    Orang-Utan sitzt auf einer steilen Flußböschung auf Borneo
    Wer weiß, welche Menschenaffen und Menschenartige früher noch in Indonesien lebten? Sie? Orang Utans machen stets den Eindruck, bereits alle Fragen beantwortet zu haben.

    Quellen:

    Clément Zanolli, Ottmar Kullmer, Jay Kelley, Anne-Marie Bacon, Fabrice Demeter, Jean Dumoncel, Luca Fiorenza, Frederick E. Grine, Jean-Jacques Hublin, Nguyen Anh Tuan, Nguyen Thi Mai Huong, Lei Pan, Burkhard Schillinger, Friedemann Schrenk, Matthew M. Skinner, Xueping Ji & Roberto Macchiarelli (2019): Evidence for increased hominid diversity in the Early to Middle Pleistocene of Indonesia. Nature Ecology & Evolution.

    DOI: 10.1038/s41559-019-0860-z

    Pressemeldung der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung

    Publikation bei Nature ecology & evolution: Evidence for increased hominid diversity in the Early to Middle Pleistocene of Indonesia