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  • Der Loch Ness-Aal – oder was die eDNA-Analyse (nicht) geliefert hat

    von: Tobias Möser

    Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
    Den Vorhang zu und alle Fragen offen.
    Berthold Brecht

    Professor Neil Gemmell hat mit der Ankündigung, in seinen eDNA-Proben aus Loch Ness sei etwas ungewöhnliches, einen großen Medienzirkus heraufbeschworen. Die Pressekonferenz letzte Woche in Drumnadrochit am Ort der meisten Nessie-Sichtungen war gut besucht, The Sun hat sie sogar live gestreamt.

    „Nur“ Aal-DNA

    Direkt zu Anfang hat Gemmell, der von der Universität in Otago auf der Südinsel Neuseelands kommt, einige Spekulationen ausgeschlossen. So hat er keine reptilische DNA im Loch gefunden, ebenso fehlte die DNA von Haien, Stören und Welsen. Auf der Pressekonferenz wies Gemmell mehrfach darauf hin, dass seine Arbeitsgruppe in jeder Probe Aale nachweisen konnte.

    Kasten: eDNA

    Die Methode der Lebensraumuntersuchung mit eDNA ist vergleichsweise jung. Jedes Lebewesen verliert permanent DNA-haltiges Material (wie man spätestens aus den CSI-Serien weiß). Diese DNA gelangt in die Umwelt und wird dort mehr oder weniger schnell abgebaut. Mittels moderner Methoden der Vervielfältigung (PCR) kann man sehr kleine DNA-Mengen finden und analysieren, so dass Wasserproben von einigen 100 ml ausreichen, um ein Lebewesen in einem Lebensraum nachzuweisen.
    Prof. Gemmell und sein Team haben 250 Wasserproben aus allen möglichen Ecken des Loches genommen und analysiert.

    Leider hat die Arbeitsgruppe bisher noch keine vollständige Liste der Vergleichssequenzen und der Treffer veröffentlicht. Die Daten der Pressekonferenz sind also als teilweise Vorveröffentlichung zu werten.

    „Wir fanden erhebliche Mengen menschlicher DNA und vieler Arten, die direkt mit uns zusammenleben, so wie Hunde, Schafe und Rinder“ beschreibt er seine Funde. „Außerdem fanden wir Wildtiere wie Hirsche, Dachse, Füchse, Hasen, Wühlmäuse und zahlreiche Vögel.“

    Tafel, die Plesiosaurier, Haie und Welse als Nessie ausschließt und einen Riesenaal vorschlägt
    Der Stein bzw. die Tafel des Anstoßes. Gemmell et al. fanden riesige Mengen Aal-DNA, aber keine Menge Riesenaal-DNA. Image Credit: University of Otago

    Was tatsächlich Aufsehen erregte

    Gemmell betonte auch bei der Pressekonferenz, dass er große Mengen Aal-DNA feststellen konnte. Er stellte sich selbst die Frage, ob sie von vielen kleinen Aalen oder von einem großen Aal stamme. Dabei passierte ihm offensichtlich eine Verwechslung von Meter und Fuß, als er sagte „Aale können 4 bis 6 Meter lang werden“. Diesen Fehler konnte er auf der Pressekonferenz nicht mehr korrigieren, jedoch auf einer später herausgegebenen Tafel. Hier wird der größte bekannte Europäische Aal mit 6 Fuß Länge gezeigt. Diese Tafel ist in mehrfacher Hinsicht eindeutig: bei den von Gemmell festgestellten Aalen handelt es sich um Europäische Aale Anguilla anguilla* und nicht um Meeraale wie Conger conger, die durchaus größer werden. Gleichzeitig gibt sie eine Maximallänge von 1,8 m (oder 6 Fuß) an. Das ist bereits sehr optimistisch.

    Neil Gemmell kommt aus Neuseeland. Der dort vorkommende Neuseeländische Langflossenaal Anguilla dieffenbachii erreicht tatsächlich eine Länge von 1,8 m und etwa 15 kg. Könnte das der Grund einer Verwechslung sein?

    Wie groß können Europäische Aale werden?

    Ein Mann in einem feinen Anzug hält einen großen, toten Aal hoch
    Rekordfang 1960 im Steinhuder Meer, ein Aal von 123 cm und über 5 kg.

    Dekker et al. untersuchten fast 100.000 Silberaale, also potenziell geschlechtsreife Tiere aus dem Ijsselmeer und fanden eine Maximallänge von 101 cm, bei einem Gewicht von 2137 g.

    Fishbase liefert ähnliche Größen. Ein sehr großer Aal wurde 105,0 cm lang und stammte aus der Laguna Comacchio bei Ravenna in Italien. Weitere Tiere mit 112 cm und 135 cm stammen aus Frankreich und Italien. Angaben von 143 cm und 150 cm aus Irland werden als zweifelhaft erachtet.

    Schottische Aale wurden ebenfalls intensiv untersucht, so in Loch Davan und Loch Kinord. Der größte in Loch Davan nachgewiesene Aal stammt aus einer Untersuchung von 1999 und maß 69 cm in der Gesamtlänge. Das größte Tier aus dem Loch Kinord wurde mit 71 cm nur unwesentlich größer (Carss et al.).

    Die Einträge auf Sportfischerseiten zeigen etwas größere Tiere, die als Rekorde gelten. So werden bei fishing-worldrecords.com folgende Daten angegeben:

    • 123 cm, 5,38 kg aus dem Steinhuder Meer im Jahr 1960, mit Bildbeleg.
    • 7,00 kg ohne Länge aus dem Orlik Reservoir in der tschechischen Republik, 1987
    • 8,25 kg ohne Länge aus dem Cuckmere River im Vereinigten Königreich in den 1920ern.

    Größere Längenangaben stammen meist aus populären Werken oder Übersichtspostern und sind nicht durch nachgewiesene Untersuchungen belegt.

    Was passiert, wenn…

    Aal auf dem Boden eines Aquariums
    Der Europäische Aal Anguilla anguilla (Foto by Gerhard M, CC 3.0)

    Europäische Aale beginnen im Alter von 15 bis 20 Jahren, kurz vor der Geschlechtsreife in den Atlantik zu wandern. Dort schwimmen sie in großen Tiefen in die Sargassosee vor der Ostküste der USA, wo sie laichen und sterben. Was genau dort passiert, ist nicht im Detail erforscht. Auf dem Weg in die Sargassosee werden die Geschlechtsorgane stark vergrößert, insbesondere die Weibchen wandeln einen großen Teil der Muskelmasse, aber auch innerer Organe in Laich um.

    Was passiert, wenn man die Tiere am Abwandern hindert? Wachsen sie unaufhörlich weiter und erreichen so deutlich mehr Gewicht und Länge als oben angegeben? Ist so ein Loch Ness-Aal entstanden?

    Bisher gibt es keine Belege dafür, dass so etwas passiert. Aale werden seit dem Beginn der Zoo-Aquaristik in den 1880er Jahren in Aquarien gehalten. Sie halten sich in ausreichend großen und passend eingerichteten Behältern sehr gut und erreichen im Vergleich zu freilebenden Tieren ein biblisches Alter. Sie werden im Aquarium oft 40 Jahre und älter. Das älteste in einem Zoo belegte Exemplar wurde 88 Jahre alt. 2014 starb der mutmaßlich älteste Aal in einem Hausbrunnen in Schweden in einem Alter von 155 Jahren. Bei keinem dieser Tiere wird eine ungewöhnliche Größe gemeldet.

    Was wäre mit einer Mutation?

    Spielfigur "Hulk"
    Groß, stark und vor allem grün. So funktionieren Mutationen in Hollywood, aber nicht in der Biologie

    Die populären Vorstellungen zu Mutationen sind sehr divers und unterscheiden sich oft grundlegend vom tatsächlichen Ablauf. Hollywood hat hier je nach Mode verschiedene Gründe geschaffen, von „Weltraumstrahlung“ über Radioaktivität, Gifte (vor allem grüne) und nicht näher benannte Maschinen sind hier sehr beliebt. Meist wird ein Tier oder Mensch mehr oder weniger absichtlich und lange diesem ausgesetzt und hinterher kommt wahlweise ein Riese, Hulk, Spiderman, Tier-Mensch-Mischwesen oder sonst etwas heraus, das dann in der Geschichte wahlweise Probleme bereitet oder sie löst.

    Doch die Biologie macht es etwas anders. Hier wird komplett auf Knall- und Raucheffekte verzichtet, auch grüner Schleim spielt nur selten eine Rolle. Strahlung und mutagene Substanzen, beispielsweise Benzol sind die wichtigsten äußeren Faktoren.

    In aller Regel gehen Mutationen „ins Leere“, sie wirken sich nicht auf den Organismus aus. Entweder kann eine Zelle die durch die Mutation entstandenen Schäden auffangen oder geht zugrunde. Weitere Folgen sind in extrem seltenen Fällen Tumore. Damit Mutationen für ein besonderes Größenwachstum sorgen, müssen ganz bestimmte Gene betroffen sein. Dies können Gene sein, die das Größenwachstum begrenzen, in dem sie die Freisetzung von Wachstumshormonen steuern.

    Der größte, aktuell lebende Mensch ist vermutlich Sultan Kösen. Der Kurde misst 251 cm und wiegt 155 kg. Damit hat er einen ziemlich normalen Körperbau und ist „nur“ viel größer als die meisten anderen Menschen. Für Statistiker sehr praktisch: er ist 1,41 mal so groß, wie ein Durchschnittsmensch und wiegt ziemlich genau 2 x soviel.

    Ein wenig Statistik

    Gaußsche Normalverteilungskurve in Blau und Weiß
    So sieht die Gauß’sche Normalverteilung aus, wenn man sie grafisch darstellt.

    Wie bei Menschen gibt es auch bei Aalen mittelgroße Tiere, sehr große Tiere, sehr kleine Tiere und alles dazwischen. Je mehr man sich einem Mittelwert annähert, um so mehr Aale dieser Größe finden sich. Diese Verteilung hat Carl Friedrich Gauß als Normalverteilungskurve bezeichnet (siehe Bild). Sie besagt einiges, was auf den ersten Blick nicht sichtbar ist:

    • Der Mittelwert ist ablesbar
    • Die Standardabweichung σ (Sigma) beschreibt die Breite der Verteilung. Dabei gilt:
    • 50% aller Messwerte haben eine Abweichung von höchstens 0,675 σ
    • 90% aller Messwerte haben eine Abweichung von höchstens 1.645 σ
    • 95% aller Messwerte haben eine Abweichung von höchstens 1,960 σ
    • 99% aller Messwerte haben eine Abweichung von höchstens 2,576 σ
    • 68,27% aller Messwerte weichen weniger als 1 σ vom Mittelwert ab oder
    • „je 15,865 % der Messwerte sind größer als Mittelwert + σ bzw. kleiner als Mittelwert – σ“.
    • 95,45% aller Messwerte weichen weniger als 2 σ vom Mittelwert ab oder
    • „je 2,275 % der Messwerte sind größer als Mittelwert + 2σ bzw. kleiner als Mittelwert – 2σ“.
    • 99,73% aller Messwerte weichen weniger als 3 σ vom Mittelwert ab oder
    • „je 0,135 % der Messwerte sind größer als Mittelwert + 3σ bzw. kleiner als Mittelwert – 3σ“.

    Je weiter ich mich vom Erwartungswert, dem „Mittelwert“ der Verteilung entferne, desto unwahrscheinlicher ist ein Wert.

    Am Beispiel der Aale

    Einzelmaße der Aale und eine einfache Statistik
    Längenverteilung der Aale im Text und eine einfache Auswertung

    Um das Beispiel mit der Körpergröße wieder aufzugreifen: Bei einer (realen) Stichprobe wurden die Gesamtlängen von 37 gefangenen Aalen gemessen. Die Ausgangswerte kann man hier nachlesen: Growth parameters for Anguilla anguilla. Ich habe die beiden größten und kleinsten Werte als Ausreißer nicht zugelassen und so 37 Längenangaben für europäische Aale in der Rechnung. Die Durchschnittslänge liegt bei 75,8 cm, die Standardabweichung bei 21,9 cm.

    Daraus lässt sich erwarten, dass

    • 68% eine Körperlänge im Bereich 75,8 cm ± 21,9 cm und
    • 95% im Bereich 75,8 cm ± 43,8 cm haben und
    • 99,7% im Bereich 75,8 cm ± 65,7 cm haben
    • 0,15% größer als 141,5 cm sind, in dieser Stichprobe wären diese Gruppe nicht vertreten.

    68 % von 37 Aalen sind 25 Tiere. Diese 25 Tiere müssten im Bereich zwischen 53,9 und 97,7 cm liegen. Tatsächlich liegen 23 Tiere in diesem Bereich.

    95% von 37 Aalen sind 35 Tiere. Diese 35 Tiere müssten im Bereich zwischen 32 cm und 119,6 cm liegen. Tatsächlich liegen 36 Tiere in diesem Bereich.

    Ein Aal von „nur“ 2 m Länge liegt bereits 5,67 Standardabweichungen vom Mittelwert entfernt. Seine mathematische Wahrscheinlichkeit in dieser Stichprobe liegt bei etwa 1: 100.000.000. Und das nur, wenn biologische Gründe nicht dagegen stehen:

    Der Korpulenzfaktor, zum Ausschluß des „Aal-Syndroms“

    Zwei Dampfloks, eine normal groß und eine auf die doppelte Länge verlängert
    Auch wenn es so aussieht: die Lok unten ist nicht doppelt so groß, wie die Lok oben. Nur doppelt so lang. Höhe und Breite sind gleich geblieben.

    In vielen Berichten sind außergewöhnlich lange Fische für ihre Länge zu leicht. Eine Verdoppelung der Länge bedeutet nicht eine Verdoppelung des Gewichtes. Ich habe das am Beispiel des Dampflokmodells rechts dargestellt: Der Fisch wäre einfach nur in die Länge genudelt: aus einem Barsch wird ein Aal, das „Aal-Syndrom“.

    Eine Verdoppelung der Länge unter Beibehaltung der Körperproportionen bedeutet, dass sich auch Körpertiefe und Körperhöhe verdoppeln, das Gewicht also in der dreifachen Potenz zunimmt. Um dieses zu überprüfen, liefert der Korpulenzfaktor (KoFa). Er berechnet sich aus Gewicht (g) x 100 / Länge (cm)³.

    Der Rekordaal aus dem Steinhuder Meer von 1960 wog 5,38 kg bei 123 cm Länge. Hieraus ergibt sich ein Korpulenzfaktor von 289,11 oder etwa 290.

    Ein 200 cm-Aal würde mit einem ähnlichen KoFa würde bereits 23 kg wiegen. Man beachte die oben genannten Rekordmaße von 7,00 kg und 8,25 kg. Das Tier wäre bereits fast dreimal so schwer, wie der bisher schwerste je gefangene Europäische Aal.

    Ein von Gemmell postulierter Aal mit 4 m Länge hätte bei dem gleichen KoFa ein Gewicht von satten 185 kg. Wie soll ein Tier, dessen ganzer Körperbau auf etwa 2 bis 4 kg ausgelegt ist, ein solches Vielfaches dieses Gewichtes überhaupt anfressen, erhalten und dann auch noch (schnell) bewegen?

    Was Gemmell nicht gefunden hat: den Riesenaal!

    Ein freundlich aussehnder, kahlköpfiger Mann im Portrait
    Prof. Neil Gemmell, Leiter der Studie

    Die Arbeitsgruppe um Neil Gemmell hat keinen Riesenaal gefunden. Sie haben viel Aal-DNA gefunden. Die DNA-Proben geben keinen Hinweis auf die Größe der Aale, das hat er selbst in der Pressekonferenz betont. Dennoch ließ sich der Professor auf Spekulationen über einen Riesenaal ein. Bereits die von ihm angegebenen „normalen“ Maße sind für europäische Aale jenseits des Erreichbaren. Dass sein „um 50% größerer“ Aal jetzt auf einmal doppelt so lang ist, also achtmal so schwer ist, scheint nicht aufzufallen. Leider kennen sich Genetiker oft in der Zoologie ihrer eigenen Untersuchungsobjekte nicht wirklich aus.

    So hat Prof. Gemmell Spekulationen über einen Riesenaal Tür und Tor geöffnet. Alle möglichen Phantasten springen jetzt in diese Lücke und spekulieren bereits über „verborgene Populationen“ von Riesenaalen im Loch Ness.


    Leseempfehlung:

    18. Juni 2019: eDNA-Analyse findet „etwas ungewöhnliches“ in Loch Ness – Professor Gemmell hält die Welt in Atem

    05. September 2019: eDNA-Analyse: Geheimnis um Nessie „gelüftet“


    Literatur:

    Sci News: Scientists Find Significant Amount of Eel DNA in Loch Ness

    Carss, et al. (2005): Spatial and temporal trends in unexploited yellow eel stocks in two shallow lakes and associated streams. J. Fish Biol. 55(3):636-654.

    Dekker, et al. (2008): Minimal and maximal size of eel. Bull. Fr. Pêche Piscic. Number 349: 195-197.

    Fishing World Records: Website Anguilla anguilla

    ORF.at: Mutmaßlich ältester Aal der Welt verendet


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  • Riesiger Laufvogel auf der Krim entdeckt

    von André Kramer:

    Russischen Wissenschaftlern gelang der Fund einer paläontologischen Sensation. Hinter dem wissenschaftlichen Namen Pachystruthio dmanizensis verbirgt sich der aktuelle Fund des ersten Riesenvogels Europas bzw. der nördlichen Hemisphäre generell. Der Fund der ca. 1,8 Millionen Jahre alten Fossilien des 450 Kilogramm schweren Tieres wurde in der erst kürzlich entdeckten Taurida-Höhle auf der Krim-Halbinsel am Schwarzen Meer gemacht.

    Zwei Wisente auf einer abschüssigen Wiese mit einem entrindeten Baumstamm
    Wisente der Gattung Bison gehörten zu den Vertretern einer pleistozänen Fauna, genauso wie…

    Eine Gruppe fahler Pferde auf einer Weide vor Bruchvegetation
    … Wildpferde, hier vertreten durch Dülmener Pferde, halbwild im Merfelder Bruch.

    Gemeinsam mit ihm fand man die Reste von Vertretern der pleistozänen Riesen-Säugetier-Fauna, wie unter anderem Südelefanten (Archidiskodon), Nashörnern (Elasmotherien), Pferden (Equus), ausgestorbenen Rindern (Leptobos) und Bisons, aber auch Raubtieren. Zu diesen gehören riesige, heute ausgestorbenen Hyänen (Pachycrocuta) und Wölfen (Canis).

    Der erste große Laufvogel auf der Nordhalbkugel

    Pachystruthio dmanizensis in einer pleistozänen Landschaft
    Pachystruthio dmanizensis ist (bisher?) der einzige bekannte Laufvogel Europas (Bild dpa)

    Die Sensation hinter diesem Fund liegt vor allem darin, dass ausgestorbene flugunfähige Vögel dieser Größenordnung bislang nur von der Südhalbkugel bekannt waren. Hier sind vor allem die Elefantenvögel (Aepyornithidae) Madagaskars zu nennen, die bis zu 700 Kilogramm schwer wurden und gemeinsam mit dem bis zu 270 Kilogramm schweren Moas Neuseelands erst in historischen Zeiten durch den Menschen ausgerottet worden sind.

    Ein ebenfalls quartärer Riesenvogel, dessen Überreste in Nordamerika (Titanis walleri) gefunden wurden, kam indes lediglich auf ein geschätztes Gewicht von 150 Kilogramm. Das entspricht in etwa dem Gewicht des rezenten Vogelstrauß.

    Pachystruthio dmanizensis ist damit einer der größten flugunfähigen Vögel überhaupt.

    Zusammen mit den ersten Menschen eingewandert?

    Die Forscher der russischen Akademie der Wissenschaften vermuten, dass der Riesenvogel gemeinsam mit der Riesen-Säugetier-Fauna und den frühen Vertretern der Gattung Homo über den südlichen Kaukasus und Anatolien die Schwarzmeerregion erreichten. Für sie reiht sich der europäische Riesenvogel gut in die Fauna seiner Zeit ein.

    Moa-Skelett aus dem Naturkundemuseum Braunschweig

    Moderne Laufvögel, wie die Nandus, gibt es in Europa nicht.

    Die gut erhaltenen Oberschenkelknochen verweisen auf einen guten Läufer, was ihn von den insularen Moas und Elefantenvögeln unterscheidet. Während jene bis zum Erreichen des Menschen auf den Inseln ohne natürliche Feinde lebten und eine schnelle Flucht entsprechend evolutionär nicht vonnöten war, gilt dies nicht für Pachystruthio dmanizensis. Die Pleistozäne Megafauna war voll von möglichen Fressfeinden, sodass eine schnelle Flucht hier überlebenswichtig war.

    Die taxonomische Einordnung gestaltet sich indes schwierig. Eine Zuordnung zur Gattung Struthio, den Straußen, muss noch bestätigt werden.


    Quellen:

    Nikita V. Zelenkov, Alexander V. Lavrov, Dmitry B. Startsev, Innessa A. Vislobokova & Alexey V. Lopatin (2019): A giant early Pleistocene bird from eastern Europe: unexpected component of terrestrial faunas at the time of early Homo arrival, Journal of Vertebrate Paleontology,
    DOI: 10.1080/02724634.2019.1605521


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  • Der Sasquatch und das FBI

    In Filmen und Serien, auch in manchen Büchern ist das FBI, kurz für Federal Bureau of Investigation eine machtvolle Behörde. Je nach Ausrichtung sind sie mal die Guten und mal der Teufel in Amtsform. Dem NfK liegt allerdings nichts daran, die Moralität der zentralen Sicherheitsbehörde der Vereinigten Staaten zu bewerten. Wir werden erst aktiv, wenn es um Kryptozoologie geht.

    Und genau mit Kryptozoologie hat sich auch das FBI befasst. Der amerikanische „Freedom of Information Act“, das Gesetz zur Informationsfreiheit von 1967 gibt jedem Menschen auf der Welt das Recht, nach Informationen zu fragen, die in Akten einer Behörde der Vereinigten Staaten stehen und noch nicht veröffentlicht wurden. Ausnahmen betreffen geheimes Material, behördeninterne Kommunikation und nicht gerechtfertigtes Eindringen in die Privatsphäre einzelner Menschen.

    Hat das FBI Sasquatch-Proben untersucht?

    Auszug aus dem Atlas mit Bigfoot-Nachweisen
    Auszug aus dem Atlas des US Army Corps of Engineers mit einer Karte von Spuren und einer Sasquatch-Zeichnung.

    In diesem Rahmen forderte das „Bigfoot Information Center and Exhibition (BIC)“ Informationen vom FBI über den Sasquatch an – 1976. Die Idee, das FBI zu kontaktieren, kam dem BIC durch einen Scherz des US Army Corp of Engineers. Die Engineers publizierten zu dieser Zeit regelmäßig lokale Kartenwerke mit einer detailierten Darstellung der Fauna und Flora der USA. In der Ausgabe zum Pazfischen Nordwesten von 1975 gab es eine Referenz zum Sasquatch: Eine vollständige Karte mit möglichen Sichtungen und einem kryptischen Hinweis auf das FBI: „Angebliche Sasquatch-Haarproben, die von FBI-Laboratorien untersucht wurden, führten zu der Schlussfolgerung, dass bei keinem Menschen oder derzeit bekannten Tier, das darauf untersucht wurde, solche Haare vorhanden sind.“

    Jede Menge Anfragen

    Natürlich blieb dieses bisschen Information nicht ungelesen. Der eine Satz verursachte eine ganze Reihe von Nachrichtenmeldungen, das FBI bekam natürlich eine Menge Anfragen zum genauen Ergebnis der Haaranalyse.

    So bat auch Peter Byrne, damals Direktor des BIC, das FBI am 26.08.1976 um Aufklärung.

    Die Antwort des FBI

    Flußtal in Nordamerika
    Auf dieser Sandbank soll in den 1970er Jahren ein Sasquatch gesehen worden sein. War das ein Irrtum?

    Die Behörde antwortete, dass sie bisher keine Analyse von Haaren eines Kryptiden durchgeführt habe und daher auch keine weiteren Informationen zum Thema liefern könne. Doch die BIC wäre nicht die BIC, wenn Byrne dem FBI nicht hätte weiterhelfen können. Er schickte ein Paket mit einer Probe aus 15 Haaren auf einem Stückchen Haut nach Washington D.C. Er und sein Team könnten es nicht analysieren, ob das FBI nicht helfen könne.

    Das FBI konnte helfen. Obwohl man in erster Linie nach Beweisen für die Strafverfolgung suche, könnte man in Einzelfällen Ausnahmen machen, insbesondere wenn öffentliches oder wissenschaftliches Interesse bestehe, schrieb der damalige Assistant Director Jay Cochran am 24.02.1977 zurück. „Ergebnis unserer Untersuchungen war, dass die Haare von einem Tier aus der Familie der Hirsche stammen.“

    Nichts Neues aus Washington

    Fall geschlossen. Es gibt keinen Sasquatch, jedenfalls was die einzige bekannte Haaruntersuchung des FBI in der Kryptozoologie angeht.

    Quelle:

    Motherboard: The FBI has published its cache of Bigfoot Files

    FBI: Kopien des Vorganges


    Kommentar

    Von Tobias Möser

    Blick über Redwood-Wälder mit tiefhängenden Wolken
    Abends hört man aus den Redwood-Wäldern oft unheimliche Rufe und Trommeln. Nur ein Tier?

    Diese Meldung ist vorgestern auf dem Internetportal vice.com veröffentlicht worden und wurde in den sozialen Medien stark geteilt und diskutiert. Neu ist daran nichts, selbst die älteste „neue“ Tatsache, ist über 40 Jahre alt: 1976 hatte jemand beim FBI genug Interesse an Kryptozoologie, um die Anfrage von Peter Byrne nicht umgehend abzulehnen und den Brief zurückzuschicken.

    Allerdings hat sich seit der Antwort des FBI in Sachen Sasquatch nichts Substanzielles getan. Gute Aufnahmen fehlen nach wie vor, es gibt ein paar hundert vermeintliche Fußabdrücke, Wegzeichen und Berichte von Lautäußerungen. Eine groß angelegte, angeblich wissenschaftliche Studie haben unerfahrene Labormitarbeiter so sehr versaut, dass sich keine Peer-Review-Zeitschrift zur Publikation fand.

    Einzelne Projekte geben immer wieder an, sie hätten eine neue, heisse Spur. Die einen haben den Abdruck eines im Matsch sitzenden und Äpfel schmausenden Bigfoot. Die anderen kommen mit einer Nahaufnahme, die so sehr nach der Star Wars Figur Chewbakka aussah, dass man sich fragt, wo George Lukas bei seinen Nebenfiguren geholfen hat.


  • Kenia: Riesiges Raubtier versteckte sich 40 Jahre im Museum

    Die reiche fossile Fauna Kenias ist um eine weitere Art reicher. Die Paläontologen Matthew Borths und Nancy Stevens von der Ohio University beschrieben die ArtSimbakubwa kutokaafrika

    aus dem frühen Miozän vor etwa 20 Millionen Jahren. Auch wenn der Name Bezug auf den Löwen („Simba“ auf Suaheli = Macht oder Löwe) nimmt, hat das neu entdeckte Tier wenig mit den heutigen Löwen gemein.

    Ein Hyaenodont

    Ein Hyaenodon steht auf einer Wiese vor Palmen und fletscht die Zähne vom Betrachter abgewandt
    Hyaenodon ist die Typusgattung der ganzen Familie, mögliches Aussehen in einem Bild von Heinrich Harder

    Schon 2013 forschte der Paläontologe Matt Borths am Nairobi National Museum in Kenia über Hyaenodonten. Diese Tiere stellen eine bis heute etwas rätselhafte Gruppe fleischfressender Säugetiere dar, die möglicherweise mit den heutigen Raubtieren und den Schuppentieren eine eigene Kladde namens Ferae bildet.
    Die meisten Hyaenodonten ähnelten modernen Hunden oder Hyänen. Sie waren als Zehen- oder Sohlengänger für schnelles Laufen angepasst, trugen oft vergleichsweise große Schädel mit langen, schmalen Schnauzen. Sie waren spezialisierte Fleischfresser. Die Backenzähne waren als Brech- und Fleischschere ausgebildet, bei ihnen lag der Schwerpunkt auf dem zweiten Backenzahn im Oberkiefer und dem dritten Backenzahn im Unterkiefer. Bei den modernen Raubtieren liegt die Schere weiter vorne, sie wird vom vierten Prämolar im Oberkiefer und dem ersten Backenzahn des Unterkiefers gebildet.

    Die ersten fossilen Hyaenodonten traten vor 61 Millionen Jahren auf. Sie waren zunächst sehr klein, so war ein in Messel gefundenes Fossil der GattungLesmesodonmit etwa 20 cm ausgewachsen. Die größten Formen, zu denen auch die neu entdeckte Art gehört, waren ziemlich sicher größer als heutige Großkatzen. Sie starben im Oligozän in Europa aus, während sie in Afrika und Asien noch bis vor etwa 11 Millionen Jahren überlebten.

    Lächelnder Mann zeigt einen Unterkieferast mit drei Zähnen, der so breit ist, wie seine Schultern
    Matth Borths zeigt den Unterkiefer des neu beschriebenen Fossils. (Duke University)

    Die Hyaenodonten waren eine sehr erfolgreiche Tiergruppe, sie besiedelten mit Nordamerika, Europa, Afrika und Asien alle über Landbrücken erreichbaren Kontinente. Hierbei bildeten sie eine Vielzahl von Arten. Die neueste Revision der Gruppe zählt beinahe 100 Gattungen in 12 Gruppen. Die interne Systematik ist jedoch noch nicht ausreichend geklärt.

    Dem breiten Publikum wurden die Hyaenodonten durch die BBC-Animationsserie „Walking with beasts – Die Erben der Saurier“ bekannt. Im dritten Teil der Serie, der im späten Oligozän der Mongolei spielt, fressen sie die Todgeburt eines riesigen Huftieres.

    Simbakubwa kutokaafrika

    Bei der Suche nach bisher nicht untersuchten Fossilien in der Sammlung des Museums traf Matt Borths auf Teile des Schädels, Unterkiefers und anderer Knochen. Sie wurden 1978 und 1980 bei einer Ausgrabung an der Fundstelle Meswa Bridge, 1,5 Kilometer nördlich von Muhoroni in Kenia gefunden. Man hatte dort ursprüngliche Affen gefunden:Proconsul meswae. Er ist einer der frühesten bekannten Vertreter der Menschenaffen.

    Schädel eines rezenten Löwen und der Unterkiefer von Simbakubwa. Der Unterkiefer ist länger als der ganze Schädel
    Schädel eines modernen Löwen (oben) aus Kenia über dem Kieferfragment von Simbakubwa. Auch wenn der Schädel des Hyaenodontiers annähernd doppelt so groß war, wie der rezente Löwe, war das Tier selber „nur“ 15 bis 25% größer. Foto: Matt Borths

    Die Knochen vonSimbakubwawurden falsch als „Hyaene (?)“ beschriftet, was bei Nicht-Zielarten von Ausgrabungen regelmäßig vorkommt. Sie zeichnen sich durch eine beeindruckende Größe aus, so ist der nicht vollständig erhaltene linke Unterkiefer-Ast länger als der Schädel eines rezenten Löwen. Auf dem Fossil sind drei Zähne erhalten geblieben: ein Eckzahn, ein Vorbackenzahn und der letzte Backenzahn. Auch im Oberkiefer sind Zähne erhalten geblieben. Aufgrund der sehr geringen Abnutzung gehen die Erstbeschreiber von einem jungen, beinahe erwachsenen Tier aus.

     

    Probleme der Rekonstruktion

    Mauricio Antons Bild von Simbakubwa
    Simbakubwa war ein mächtiger Räuber. (Grafik: Mauricio Anton)

    Die Zähne vereinfachen die Rekonstruktion des Tieres deutlich:Simbakubwa„vereint Zahninformationen, ein wenig Schädelinformationen und ein paar Skelettinformationen. So kann man einen Großteil des Materials zu vereinen, das herumschwirrt. Es hilft wirklich, diese ganze Gruppe riesiger Fleischesser zu kontextualisieren“, sagt Borths. Er bezieht sich auch auf das Problem, dass die meisten Hyaenotontier nur durch bruchstückhafte Fossilien überliefert sind.

    Die Bruchstücke von Schädel und Kiefer lassen auf einen sehr großen Kopf und damit ein spektakulär großes Tier schließen. Leider ist nicht viel des Körperskelettes überliefert. So können Borths und Stevens über die tatsächliche Größe vonSimbakubwa kutokaafrikanur sehr unsichere Schätzungen abgeben. Sie nutzen drei Methoden, um das Gesamtgewicht des Tieres anhand der vorhandenen Knochen und Zähne abzuschätzen.

    • Methode 1 (Morlo 1999) wurde zur Größen- und Gewichtsabschätzung von Hyaenodontiern des Eozäns aus Nordamerika und Mitteleuropa entwickelt. Sie bezieht sich jedoch nur auf kleine bis mittelgroße Tiere von bis zu 10 kg. Nutzt man diese Methode, erhält man ein errechnetes Endgewicht von 1308 kg.
    • Methode 2 (Friscia & Van Valkenburgh 2010) nutzt die Länge des dritten Backenzahns, um die Körpermaße abzuschätzen. Sie bezieht sich auf Katzenartige, die aber ausreichend Ähnlichkeit im Körperbau haben, so Borths und Stevens. Nutzt man diese Methode, erhält man ein errechnetes Endgewicht von 1554 kg.
    • Methode 3 stammt von Van Valkenburgh 1999 und nutzt ebenfalls die Maße des dritten Backenzahns. Sie bezieht sich ausdrücklich auf Raubtiere über 100 kg. Sie schließt in ihrer Datenbasis stärker und weniger stark spezialisierte Fleischfresser mit ein. Nutzt man diese Methode, erhält man ein errechnetes Endgewicht von 280 kg.
    Simbakubwa im Größenvergleich zu einem rezenten Mensch. Er war gewaltig - und für die damals dort lebenden Tiere
    Silhouetten von Simbakubwa und Maßstabsmensch im Vergleich. Bild: Matt Borths / Mauricio Anton.

    Schlagartig populär

    Diese Riesenmaße lassen aufhorchen. Ein Fleischfresser von über 1,5 t Gewicht und das bei einem nicht ausgewachsenen Tier! Das muss doch der reinste Höllenhund gewesen sein! Dem entsprechend reagieren auch die Sozialen Netzwerke, die Nachricht über dieses Tier wird unkritisch hin und her geschoben.

     


    Kommentar: Methoden der Rekonstruktion und wahrscheinliche Ergebnisse

    von Tobias Möser

    Hinterfragt man die Methoden genauer, so kommen schnell Zweifel an den Maßen auf. Zunächst entsteht der generelle Zweifel, ob ein landbewohnender Fleischfresser von 1500 kg überhaupt in der Lage ist, sich zu ernähren. Die größten, heute lebenden Fleischfresser auf dem Land sind die Braunbären von Kodiak und Kamtschatka. Sie erreichen in Extremfällen und mit viel Winterspeck 750 kg. Das ist gerade einmal die Hälfte der Schätzung und bezieht sich zudem auf ein Tier mit massigerem Körperbau, das sich einen Großteil der Masse als Winterspeck mit Früchten und Fisch angefressen hat.

    Vergleich des Körperbaus von Simbakubwa und Panthera leo
    Vergleich des Körperbaus von Simbakubwa und einem rezenten Löwenmännchen. Der Mensch ist im gleichen Maßstab wie Simbakubwa, der Löwe wurde auf die Schulterhöhe von Simbakubwa vergrößert. (Bild: Borths/ Anton/ Möser)

    Die nächsten Zweifel entstehen, wenn man die Silhouette der Rekonstruktion näher betrachtet. Sie erscheint nicht übermäßig massig, sondern eher gestreckt. Ich habe zum Vergleich einmal die Silhouette eines rezenten Löwen (grün) darüber gelegt und diesen auf die Größe des Hyaenodonten vergrößert.
    Simbakubwaist etwas gestrecker und seine abfallende Hüfte und ein weiter vorgestreckter Kopf fallen auf. Daher dürfte das Gewicht des Körpers etwas unter dem eines gleich langen, hypothetischen Löwen liegen. Hier kommt aber zusätzlich das Gewicht des längeren Schädels und sicherlich auch stärkerer Nackenmuskulatur hinzu.

    Zahlen bitte!

    Zur weiteren Abschätzung habe ich mich an die Schattenrisszeichnung gehalten, die dem Pressematerial zur Originalarbeit beiliegt. Sie suggeriert als ungefähre Daten eine Schulterhöhe von 1,25 m und eine Kopf-Rumpflänge von 2,60 m (so, wie gezeichnet) bzw. 2,90 m (gestreckt). Dies entspricht etwa dem größten (ausgestorbenen) amerikanischen Löwen, der je gefunden wurde. Hier sind 1,25 m Schulterhöhe und 2,60 m Kopf-Rumpflänge (gestreckt) gemessen worden. Auch ein Liger (Löwe x Tiger Hybrid) kann als Vergleich herangezogen werden. Dieser hat den Vorteil, dass er heute lebt und man ihn relativ einfach wiegen kann. Hier sind Gewichte von über 300 kg bis zu 400 kg bekannt.  Hieraus würde sich ein realistisches Gewicht fürSimbakubwavon etwa 350 kg bis 450 kg ergeben.

    Größenvergleich zwischen Simbakubwa und einem männlichen Königstiger mit einer Schulterhöhe von 0,95 m. Der Mensch ist 1,8 m groß, alle Tiere sind im gleichen Maßstab gezeichnet.

    Eine andere Möglichkeit ist, aus den gegebenen Maßen zu extrapolieren. Ein männlicher Königstiger mit 95 cm Schulterhöhe und einer KRL von 200 cm bringt etwa 180 bis 230 kg auf die Waage. Dies habe ich in der Silhouetten-Zeichnung dargestellt, Tiger in orange.
    Hier kann man einfach extrapolieren (Simbakubwaist etwa 1,45 mal so lang, 1,19 mal so hoch, die Körperbreite lässt sich nur spekulieren, ich rechne je einmal mit 1,19 und 1,45). Hieraus ergibt sich eine Spanne zwischen 370 kg und 575 kg, am wahrscheinlichsten bei ca. 470 kg.

    Ungeeignete Schätzverfahren?

    Recherchiert man ein wenig im Netz, erhält man regelmäßig Abweichungen um ein Vielfaches bei der Gewichtsschätzung von Hyaenodonten. Ich gehe davon aus, dass mindestens eine der Methoden, die angewandt werden, grob fehlerhaft ist und deswegen so starke Abweichungen zustande kommen. Von vielen Hyaenodonten ist nur wenig Material und dann hauptsächlich Schädel- und Kieferknochen überliefert. Hinzu kommt, dass Hyaenodonten ein großes Spektrum an Körpergrößen abdeckten, von Wieselgröße bis jenseits rezenter Großkatzen, teilweise sogar innerhalb derselben Gattung. Dies ist zwangsläufig mit unterschiedlichen Proportionen verbunden, die unterschiedliche Gewichtsberechnungen erfordern.
    Da ist es verlockend, deren Maße in erprobte Formeln für Katzen- oder Hundeartige einzugeben. Hyaenodonten scheinen aber im Vergleich zu diesen moderneren Räubern einen wesentlich längeren Schädel und vor allem Kieferbereich gehabt zu haben. In nahzu allen wissenschaftlichen Darstellungen werden sie als massig, aber länger als gleichhohe Katzen dargestellt.

    Dennoch: ein Tier von 2,90 m KRL und 1300 bis 1550 kg wäre gebaut wie ein kleines Flusspferd. Wie dies den Realitätscheck des Autors und das Peer Review überstanden hat, ist mir unklar.


    Links

    Die Originalarbeit:
    Matthew R. Borths & Nancy J. Stevens (2019) Simbakubwa kutokaafrika, gen. et sp. nov. (Hyainailourinae, Hyaenodonta, ‘Creodonta,’ Mammalia), a gigantic carnivore from the earliest Miocene of Kenya, Journal of Vertebrate Paleontology, DOI: 10.1080/02724634.2019.1570222

    Abstract der 1. In der Originalarbeit verwendeten Methode, um das Gewicht des Tieres zu bestimmen:

    Michael Morlo (1999) Niche structure and evolutionin creodont (Mammalia) faunas of the European and North American EoceneNiches écologiques et évolution des faunes de créodontes (Mammalia) de l’Eocène de l’Europe et de l’Amérique du Nord, Geobios, DOI: 10.1016/S0016-6995(99)80043-6

     


  • Größte Biene der Welt wieder entdeckt

    Die größte Biene der Welt war die Wallace RiesenbieneMegachile pluto. Schwarz und etwa 4 cm lang erschien sie so etwas wie der Albtraum eines Insekten-Phobikers. Doch sie kam nur auf den indonesischen Inseln der nördlichen Molukken. Außerdem galt sie seit 1981 als ausgestorben.

    "AFP PHOTO / GLOBAL WILDLIFE CONSERVATION / CLAY BOLT"
    Dieses Foto wurde von der Global Wildlife Conservation am 21. Februar 2019 angeboten. Es zeigt den Entomologen und Bienenexperten Ely Wyman mit dem ersten entdeckten Exemplar der Wallace Riesenbiene (Megachile pluto) auf einer indonesischen Insel der Nordmolukken.
    „AFP PHOTO / GLOBAL WILDLIFE CONSERVATION / CLAY BOLT“

    Von Wallace entdeckt und beschrieben

    Alfred Russel Wallace, ein britischer Naturforscher sammelte ein einziges Exemplar der Biene 1859 im nördlichen Bereich der Molukken. Er beschrieb sie als „großes, schwarzes wespenähnliches Insekt mit gewaltigen Kiefern wie ein Hirschkäfer“. Danach verschwand die Megachile pluto für über 100 Jahre und wurde von keinem Wissenschaftler mehr registriert. 1981 untersuchte der Entomologe Adam Messer ihr Verhalten auf einer Reihe kleiner Inseln: Bacab, Halmahera und Tidore. Weitere Angaben sind widersprüchlich, nach seinem eigenen Bericht sind die Tiere den Einheimischen nicht bekannt gewesen. Er überlieferte dennoch den Namen „Raja ofu“: König der Bienen.

    Fotograf Clay Bolt fotografiert die größte Biene der Welt
    Die größte Biene der Welt an ihrem Nest. Nester werden nur von wenigen Weibchen genutzt, um dort Eier abzulegen.
    „AFP PHOTO / GLOBAL WILDLIFE CONSERVATION / CLAY BOLT“

    Die Weibchen sind tiefschwarz gefärbt und haben eine Gesamtlänge von bis zu 39 mm. Die Flügelspannweite kann 63 mm betragen. Auffällig sind die schon von Wallace beschriebenen Mandibeln („Zangen“), die drei Zähne tragen. Der Brustbereich und Hinterleib sind mit kurzen, schwarzen Haaren Bedeckt, am vorderen Hinterleib tragen sie eine dünne, helle Binde. Männchen bleiben deutlich kleiner und erreichen nur 18 bis 23 mm.

    Seit 1981 hat niemand mehr von einem Zusammentreffen mit der Riesenbiene berichtet. Sie galt als ausgestorben.

    Ist die größte Biene der Welt doch nicht ausgestorben?

    „Galt“, denn nun ist sie wieder entdeckt worden. Die Wiederentdeckung war kein Zufall. Clay Bolt, ein bekannter Naturfotograf und Bienenspezialist dokumentierte die Biene im letzten Monat. Dem Fund gingen Jahre harter Arbeit und Planung von Bolt voraus: Zusammen mit dem Bienenspezialisten Eli Wyman von der Princeton University planten sie die Suche nach Megachile pluto: „Wir wussten nicht, wo wir anfangen sollten, zu suchen“, sagte Bolt dem online-Magazin „Earther“. Über die Wallace-Riesenbiene ist nur sehr wenig bekannt, schon die Suche nach geeigneten Lebensräumen gestaltete sich schwierig.“


    Lage der nördlichen Molukken, die Insel Bacab ist markiert.

    Als dann Anfang 2018 ein Exemplar der Riesenbiene für 9000 US$ bei ebay versteigert wurde, bekam die Suche Dringlichkeit. „Wir entschieden, dass wir dahin fahren mussten“, sagte Bolt. „Erstens um sie in der Wildnis zu sehen, um sie zu dokumentieren, aber auch um die vor Ort Kontakte zu knüpfen, die zum Schutz der Biene beitragen können.“ – „Mein Traum ist es jetzt, diese Biene zu einem Symbol des Umweltschutzes in diesem Teil Indonesiens zu machen“, sagte der Fotograf.


    Empfehlung der Redaktion: Ton abstellen, auf der Tonspur kommen keine Informationen und die Musik nervt.

    Links:

    Spiegel online: Die größte Biene der Welt lebt doch noch

    Earther-tv: World’s Biggest Bee, Once Thought Extinct, Has Been Found Alive

    Vielen Dank an Lino für die Meldung