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  • eDNA-Analyse: Geheimnis um Nessie „gelüftet“

    von: Tobias Möser

     

    was vorher geschah: eDNA-Analyse an Loch Ness: Professor Gemmell hält die Welt in Atem

    eDNA steht für envirnonmental DNA oder Umwelt-DNA. Ihre Analyse ist eine Möglichkeit, umfassend die Organismen eines Lebensraumes zu erfassen. Bei dieser Analyse gehen die Wissenschaftler davon aus, dass jeder Organismus DNA an die Umwelt abgibt. Das passiert über abgeriebene Hautzellen, Haare, Federn, Schuppen, Darmzellen im Kot, Zellen und Zellreste im Urin, kleinere Verletzungen und Ähnliches. DNA ist in der Umwelt halbwegs stabil. In einem Wasserkörper baut sie sich innerhalb von einer bis zwei Wochen ab, im Sediment kann sie länger überdauern. Eine Probe kann also immer nur einen kurzen Zeitraum repräsentieren.

    Ein freundlich aussehnder, kahlköpfiger Mann im Portrait
    Prof. Neil Gemmell, University of Otago (NZ), Leiter der Studie

    Die Laborarbeit

    Aus der Probe braucht der Wissenschaftler dann „nur noch“ die DNA heraus zu filtern und mit einer Polymerase-Kettenreaktion (PCR) zu vervielfachen. Dann kann er ihre Sequenz lesen und diese mit vorhandenen Sequenzen in Datenbänken vergleichen. So bekommt er (oder sie) dann drei mögliche Ergebnisse:

    1. Die gefundene Sequenz entspricht so sehr einer bereits bekannten Sequenz, dass sie sicher oder mit hoher Signifikanz einer bekannten Art zugeordnet werden kann.
    2. Die Sequenz kann nicht mit Sicherheit oder hoher Signifikanz einer Art zugeordnet werden, die nächstwahrscheinlichen Arten sind mit XY% diese Art und mit YZ% folgende Arten oder Gruppe.
    3. Die gefundene Sequenz kann keiner bekannten Art zugeordnet werden, zeigt jedoch in bestimmten Bereichen typische Sequenzen für folgende Gruppen: …

    Die letzte mögliche Variante „Die gefundene Sequenz entspricht keiner bekannten Gruppe“ tritt heute kaum noch auf. Die seit über 30 Jahren gepflegten Gen-Datenbanken sind mittlerweile so vielfältig bestückt, dass nahezu jedes Lebewesen zugeordnet werden kann.

    eDNA-Beprobung von Loch Ness

    Ausgerechnet die University of Otago aus Neuseeland kam auf die Idee, im schottischen Loch Ness eDNA-Proben zu nehmen. Dass hierbei auch Nessie „beprobt“ würde, war dem Projektleiter, Prof. Neil Gemmell klar: Ziel ist ein detailliertes Profil der einzelnen Organismen in diesem See, nicht die Identifikation eines Monsters. Er bezweifle, dass es so etwas wie ein Monster in diesem See gäbe, aber würde sich von seinen Ergebnissen vom Gegenteil überzeugen lassen.

    Eine andere Zielrichtung wird hierbei nicht thematisiert: die Methodik der eDNA ist relativ neu. Dennoch scheint sie ein valides Mittel zu sein, mit wenig Aufwand die Biodiversität eines Lebensraumes zu beurteilen. Mit der Auswahl des legendären Loch Ness und seiner Medienstrategie hofft Neil Gemmell vermutlich, damit zum „Gesicht“ dieser Methodik zu werden.


    Der Ness ist nur 10 km lang und verbindet den Loch mit dem Firth of Moray

    Ein mäßig breiter, flacher Fluß in einer gut begrünten Innenstadt
    Der Ness-River vom Castle Hill in Inverness aus gesehen.

    eine ruhige Wasserfläche mit wenigen Wellen, in der Mitte ein Gegenstand unbestimmbarer Größe, aus dem ein langer Fortsatz in einem flachen Bogen nach oben geht und dort wie abgeknickt wirkt
    Das berühmte Nessie-Foto von Robert Wilson von April 1934.

    „Umwelt-DNA ist eine neue Herangehensweise und hat Elemente einer Neuheit. Aber wenn man ihre Fähigkeiten, Leben in einem definierten System zu dokumentieren an einem der bekanntesten Gewässer der welt, in dem das Monster ‚Nessie‘ leben soll, kombiniert, nehmen die Leute wirklich Notiz.“ beschreibt Neil Gemmell die Motivation, ausgerechnet am anderen Ende der Welt (von Neuseeland aus gesehen) zu arbeiten.

    250 Wasserproben und ein Katalog

    Im Juni 2018 haben Neil Gemmell und sein Team 250 Wasserproben „in der ganzen Länge, Breite und Tiefe des Loch Ness“ genommen. Darin fanden sie sagenhafte 500 Millionen DNA-Sequenzen, die sie mit den vorhandenen Datenbanken abglichen. Keine Frage, so etwas dauert ein wenig. Die ersten Vorab-Meldungen im Juni 2019 berichtete Prof. Gemmell von 15 Fischarten und 3000 Bakterienarten im Loch. Da man eine solche Untersuchung trotz maximaler wissenschaftlicher Coolness nicht ohne den Gedanken an Nessie durchführen kann, fügte er hinzu: “Wir haben jede einzelne der Haupthypothesen zum Loch Ness Monster geprüft. Bei drei von ihnen können wir vermutlich sagen, dass sie falsch sind und eine von ihnen könnte ein Treffer sein.“ Dies sagte er der Tageszeitung „The Scotsman“ im Juni.

    Der vollständige Katalog der Arten, „die Loch Ness ein Zuhause nennen“, wurde heute, am 5. September 2019 auf einer Pressekonferenz im Loch Ness Centre and Exhibition, Drumnadrochit, an den Gestaden des Loches enthüllt. Für 15 Fischarten und 3000 Bakterien ein ziemlicher Aufwand, aber Gespür für Dramatik hat Neil Gemmell allemal!

    Lokaler Widerstand

    Unter der lokalen Bevölkerung gab es Widerstand gegen die Studie. Die Beprobung selbst war kein Problem. Die Tatsache, dass Gemmell das Loch Ness Monster untersuchen will, stieß auf Unmut. Es ist längst Teil der regionalen Kultur geworden. Da es als Leuchtturm den Tourismus immer wieder ankurbelt, hat es auch eine große wirtschaftliche Bedeutung.
    So kam die Idee auf, die Studie zu sabotieren, indem man den See mit völlig auszuschließender DNA kontaminiert. „Leider“ kam die Kotprobe eines Leistenkrokodils aus einem Zoo in England nicht an, wie das NfK aus ungewöhnlich gut informierten Kreisen erfuhr.

    Stele mit der Bezeichnung "Loch Ness", der See im Hintergrund
    Für die, die nicht wissen, wo sie sind…

    Vier Menschen mit Schwimmwesten im Heck eines Bootes, im Hintergrund Urquhart Castle
    Studienteilnehmer bei der Beprobung: Cristina DiMuri (University of Hull), Professor Neil Gemmell, Adrian Shine (Loch Ness Project), Gert-Jan Jeunen (University of Otago); Foto: Kieran Hennigan, Presserelease

    Ein langhalsiges Wesen mit zwei flachen Flippern und Walschwanz, und zwei kurzen Hörnchen
    Nessie, wie sie sich die Macher der „Monster“-Sonderausstellung des Naturkundemuseum Kassel vorstellen: Ein bißchen Plesiosaurier, ein bißchen Wal, zwei Buckel und winzige Hörner

    Gemmells Haupthypothesen

    Da Neil Gemmell Zoologe und Genetiker ist und biologisch arbeitet, wird jede der von ihm überprüften „Haupthypothesen“ mit einem Tier bzw. einer Tiergruppe zu tun haben. Dinge wie Baumstämme, umgedrehte Boote und aufsteigendes CO2, sowie Phänomene wie stehende Wellen und Luftspiegelungen und absichtliche Täuschungsmanöver sind somit auszuschließen.

    Eine Lederschildkröte am Strand auf dem weg ins Wasser
    Dass Lederschildkröten nach Schottland kommen, ist bekannt. Im Loch wurden sie noch nicht gesehen

    Mehrere Rothirsche an einem halb mit Gras bewachsenen Schotterstrand
    Rothirsche der Isle of Rum, in Schottland ein häufiges Bild

    Eine Otterfamilie in einem Meeresarm
    Eine Familie Fischotter in Loch Dunvegan bei Skye/ Schottland. So wirken sie fast wie eine Schlange

    Große Reptilien

    Hierzu zählen sowohl mesozoische Überlebende wie rezente Tiere. Mesozoische Überlebende, insbesondere die gerne gezeichneten Plesiosaurier sind aus zahlreichen Gründen unwahrscheinlich. Abgesehen von 65 Millionen Jahre fehlender Fossilüberlieferung ist Loch Ness ein glazialer See, der während der letzten Eiszeiten durch die Vereisung geformt wurde.

    Die einzigen größeren Reptilien, die zumindest zeitweise bis nach Schottland kommen, sind Lederschildkröten. Nicht völlig auszuschließen ist, dass einzelne Tiere durch den Ness in den Loch gewandert sind. Unter Umständen sind sie dann auch durch eDNA nachweisbar, jedoch sind sie hier kaum überlebensfähig.

    Über eine Lederschildkröte, die in Kanada in einem Fjord gefangen war, berichteten wir vor Kurzem.

    Rothirsche

    Rothirsche sind in den schottischen Highlands ein gewohntes Bild. Hält man sich abends an den etwas ruhigeren, offenen Ecken am Loch auf, ist es kaum möglich, sie zu verpassen. Die Tiere äsen in der Nähe des Lochs, trinken sein Wasser und hinterlassen so Haare, Hautschuppen und Fäkalien. Sie müssten also in der eDNA-Untersuchung nachweisbar sein.

    Rothirsche sind ausdauernde Schwimmer, die den Loch durchqueren können. Eine in Reihe schwimmende Gruppe Rothirsche kann durchaus für ein großes, schlangenartiges Tier mit mehreren Buckeln gehalten werden.

    Otter

    Fischotter sind in Schottland weitaus häufiger als in Deutschland. Loch Ness bietet ihnen für die Jagd eher schlechte Bedingungen. Die relativ steilen Ufer und die nur kleinen Flachwasserzonen erlauben es den Fischen, in Tiefen zu fliehen, in die Fischotter nicht tauchen können. Um diesen Nachteil auszugleichen, bleiben Familienverbände oft über längere Zeit zusammen und jagen in einer koordinierten Treibjagd, bei der die Fische ins Flachwasser getrieben werden. Das passiert nicht nur am Loch Ness, sondern auch im Meer. Solche Familienverbände sieht man dort häufiger. Sie legen größere Strecken ebenfalls oft im „Gänsemarsch“ zurück, mit demselben optischen Effekt wie bei Rothirschen, nur dass Otter „etwas“ kleiner sind.

    Große Fische

    Lachse

    Auch große Fische werden immer wieder als Grund für Nessie-Sichtungen genannt. Doch es ist gar nicht so einfach, hier einen Urheber zu finden. Loch Ness ist als Lachsgewässer bekannt. Der größte in britischen Gewässern gefangene Lachs wurde 1922 hier geangelt. Er maß 4 Fuß, 6 Inch, also etwa 137 cm, sein Abguss befindet sich im Inverness-Museum.

    Es wäre unrealistisch, zu vermuten, dass Prof. Gemmell keine Lachs-DNA nachgewiesen hätte.

    Abguss eines riesigen Lachses
    Rekordlachs aus dem Jahr 1922 im Inverness-Museum. Das Tier war sagenhafte 137 cm lang

    Ein langer, schlanker, urtümlich wirkender Fisch in flachem Wasser
    Ein Stör von etwa 1,5 m Länge sonnt sich im Flachwasser eines Schauteiches

    ein gestreckter, gefleckter Fisch in einem Aquarium
    Europäischer Wels Siluris glanis, Foto von Akos Harka. Die Art kommt in Schottland nicht vor.

    Störe

    Ein weiterer großer Fisch, der zum Ablaichen ins Süßwasser wandert, ist der Stör. Auch hierfür gibt es Nachweise, so wurde schon 1661 ein über 3 m langer Stör bei Inverness beobachtet. Vermutlich handelt es sich hierbei um den eher kältetoleranten Atlantischen Stör Acipenser oxyrinchus*. Ähnlich wie der europäische Stör A. sturio erreicht er Längen von über 3,5 m und wandert zum Laichen in Süßgewässer ein.
    Fische dieser Größe, die in Flachgewässer eindringen, sollten eigentlich der lokalen Bevölkerung bekannt sein. Da Störe, trotz des Rufes als „sibirische Fische“ eher wärmere Gewässer bevorzugen, werden sie die schottischen Flüsse nur in sehr warmen Jahren besucht haben. 2018 war jedoch ein solches „warmes Jahr“, in Schottland das wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Sind Störe in den Loch eingewandert?

    Der Wels

    Der dritte „Große“ im Bunde ist der Wels Silurus glanis. Dieser Fisch, der für einen Süßwasserfisch sehr groß wird, kommt ursprünglich auf den britischen Inseln nicht vor. Ab 1880 hat man im Süden Englands die ersten Welse ausgesetzt. Die Tiere konnten sich aber nur in Seen und Talsperren etablieren. Flüsse haben sie hier nie dauerhaft erfolgreich besiedelt. Von der nördlichsten Verbreitung in der Nähe von Birmingham bis zum Loch Ness sind es über 500 km, und zahlreiche Wasserscheiden, die überwunden werden müssen. Hinzu kommt die klimatische Grenze: sind die Flüsse im Süden Englands schon zu kalt, so gilt das für Schottland erst recht: Welse sind hier nicht zu erwarten.

    Große Aale

    Aale sind in Schottland nichts Neues. Sie kommen regelmäßig als Europäischer Aal Anguilla anguilla vor, der als Jungtier ins Süßwasser wandert, dort heranwächst und als geschlechtsreifes Tier in die Sargassosee wandert, um dort zu laichen und zu sterben. Weibchen erreichen dabei Längen bis zu 1,5 m, oder britisch: 5 Fuß. Im Meer leben Meerale der Art Conger conger, die wesentlich größer werden. Sie erreichen regelmäßig über 2 m Länge, auch 3 m sind möglich. Allerdings wandert diese Art nicht ins Süßwasser.

    Immer wieder gibt es Gerüchte um riesige Aale, die wesentlich größer werden, als bekannt. Belege gibt es hier nicht, dennoch kommen such sie als Erklärung für Nessie in Frage.

    Meeressäuger

    Die schottische See ist reich an Meeressäugern. Seehunde und Kegelrobben sind nahezu allgegenwärtig, das gilt auch für Hafen-Schweinswale. Vor der Ness-Mündung im Moray-Firth lebt die nördlichste stationäre Population Großer Tümmler. Auch andere Wale werden hier mehr oder weniger regelmäßig gesehen.

    Mehrere Seehunde ruhen auf einem kleinen Felsen
    Seehunde sind an der schottischen Küste allgegenwärtig

    ein mittelgroßer Fluss im Wald mit einer bewachsenen Insel in der Mitte
    Der Ness etwas stromaufwärts von Inverness Zentrum. Hier sollen regelmäßig Seehunde vorkommen

    Zwei große Tümmler im Meer, einer taucht zu einem Drittel aus dem Wasser
    Große Tümmler bilden vor der Ness-Mündung die nördlichste stationäre Population, aber sie sind nicht dafür bekannt, in den Fluss zu wandern

    Von Seehunden ist es bekannt, dass sie oft den Ness hinauf wandern. Stromaufwärts des Zentrums von Inverness tauchen sie so regelmäßig auf, dass sie auf Stadtrundfahrten und in Reiseführern erwähnt werden. Stimmt das Nahrungsangebot, wandern sie selbstverständlich auch weiter stromaufwärts in dem Loch.

    Die Berufsfischer im Loch kennen die Seehunde auch. Früher wurden gefangene Seehunde als Konkurrenz erschlagen, versenkt und totgeschwiegen. Das geht heute zum Glück nicht mehr, zum einen gibt es kaum noch Berufsfischer am Loch Ness, aber auch die permanente „Überwachung“ durch Nessie-Sucher und Webcams macht das unmöglich.

    Wale werden vermutlich nur im Notfall in den flachen Ness einwandern, verlieren sie die Orientierung, könnten sie dann auch in den Loch schwimmen und dort sicherlich eine Weile überleben. Man denke hier an den Beluga im Rhein 1966 oder den Schnabelwal in der Themse 2006.

    Die Pressekonferenz

    Die Publikation der Studie sich deutlich verzögert. Es gab Verspätungen, unter anderem, weil ein Kamerateam die Arbeiten begleiten wollte. Loch Ness und das dazugehörige Monster spielen eine wichtige eine Rolle. Daher darf spekuliert werden, dass sich die Zeitschrift, die das Resultat am Ende abdruckt, im Peer-review-Prozess doppelt und dreifach abgesichert hat.

    So kam es, dass die Ergebnisse nicht, wie geplant im Januar 2019 veröffentlicht wurden, sondern nach einer kurzen Vorab-Publikation im Juni erst im September vorgestellt wurden. Doch bereits im Juni wurden interessante Details bekannt, unter anderem die oben genannten 15 Fischarten.

    “Gibt es in dem See etwas Mysteriöses? Mhm, das hängt davon ab, was man glaubt,“ sagt Gemmell. „Gibt es etwas Überraschendes? Ja, einige Befunde haben uns verblüfft.“ Der letzte Satz reichte aus, um die Pressekonferenz heute in Drumnadrochit zu füllen.

    Loch Ness mit Bergketten an beiden Ufern und der Sonne hinter Wolken am gegenüberliegenden Ende
    Wie verschlossen liegt Loch Ness an diesem Abend da, kaum eine Welle, und selbst das Licht wirkt bleiern. Noch birgt es seine Geheimnisse.

    Die Ergebnisse

    Im Rahmen der Studie haben die Wissenschaftler ja nicht nur nach Nessie gesucht, sondern zahlreiche Organismen feststellen können. Überraschend ist die hohe Zahl der ermittelten Organismen. Man wusste zwar, dass Süßwasser-Ökosysteme sehr viele mikroskopische Arten beinhalten, aber 30900 verschiedene Arten ist eine hohe Zahl. Natürlich hat Neil Gemmell die Pressekonferenz spannend gemacht, aber direkt mit der brennendsten Frage begonnen: „Gibt es einen Plesiosaurier in Loch Ness? – Nein. Es gibt absolut keinen Hinweis auf reptilische Sequenzen in unseren Proben. Wir können daher sicher sagen, dass kein großes, schuppiges Reptil in Loch Ness schwimmt. Es gibt keinen Beweis für einen Plesiosaurier oder andere Reptilien.“
    Kurz drauf wurde er konkreter: Wels-DNA und Stör-DNA hat er keine gefunden.

    „Wir haben große Mengen Aal-DNA in Loch Ness gefunden. (…) An jeder untersuchten Stelle gab es Aal-DNA, die schiere Menge hat uns überrascht. (…) Gibt es einen riesigen Aal? Möglich, wir wissen nicht, ob die DNA von einem großen oder kleinen Aal stammt. (…) Ich weiß nicht, ob das etwas ist, was wir plausibel testen können.“

    Im nächsten Satz könnte Gemmell Meter und Fuß verwechselt haben: „Sie wachsen normalerweise zu vier bis sechs Metern Länge, aber einige Leute sagen, sie hätten größere Aale gesehen. (…) Es ist plausibel, dass da ein oder zwei sein könnten, die zu einer extremen Größe heranwachsen, möglicherweise 50% größer als normal, möglicherweise noch größer.“

    Gemmell gibt zu, dass Loch Ness ein sehr großer Wasserkörper ist und ihm mit 250 Wasserproben möglicherweise etwas entgangen ist: „Es könnte ein Monster in Loch Ness geben. Wir wissen es nicht, wir haben es nicht gefunden.“

    „So that’s the hunt. The hunt ist done.“

    Die groß angekündigten „verblüffenden Befunde“ haben dann doch sehr enttäuscht. Nessie soll also ein Aal sein, nur weil Gemmell Aal-DNA in sehr vielen Proben gefunden hat. Dass Aale in Loch Ness vorkommen, war kein Geheimnis. Jeder Fischer weiß, dass Aale große Mengen Schleim produzieren und damit auch eine Menge DNA in die Umwelt entlassen. Dass Gemmell viel davon gefunden hat, ist also keine Überraschung.

    Überraschender ist, wie schlecht sich der Biologie-Professor Neil Gemmell mit klassischer Zoologie auskennt. Europäische Aale, die er in Loch Ness nachgewiesen hat, werden keine vier, geschweige denn sechs Meter lang. 1,5 m sind für geschlechtsreife Weibchen ein gutes Maß, 1,8 m schon sehr groß. Auch die Einschätzung „einer oder zwei werden eben 50% größer sein“ begründet er mit der These, dass diese Tiere nicht auf die Laichwanderung gehen und daher immer weiter wachsen. Die These ist bekannt, jedoch unbelegt. Ein Aal, der 50% länger ist, als ein normales Exemplar wiegt mehr als das dreifache, denn er wächst ja auch in Tiefe und Höhe. Das macht in der Regel ein Körperbau nicht mit, auch nicht bei Fischen.

    „Nur weil etwas nicht gefunden wird, heißt es nicht…

    …, dass es nicht da ist.“ Neben der Charakterisierung zahlreicher Arten des Loch Ness Ökosystems (die man gar nicht zu hoch loben kann), hat die Arbeit den (erwarteten) genetischen Nachweis von Aalen in Loch Ness erbracht. Das ist nichts, womit ein Schotte nicht gerechnet hätte…

    Ruine einer Burg vor dem Wasser des Loch Ness
    Die malerische Ruine von Urquhart Castle steht noch …

    Hinweisschild zum Loch Ness Nessie Shop
    … und auch Nessie-Devotionalien werden weiterhin verkauft. Ob Professor Gemmell auch ein Nessie-Stofftier gekauft hat?

    Spielzeug-Nessie sitzt auf einem Stein am Ufer
    Die einzige, wirklich klare Aufnahme von Nessie widerspricht jedenfalls der Studie – und lässt alle Fragen offen.

    Die eisenharten Nessie-Gläubigen halten sich an Gemmells Satz „Es könnte ein Monster in Loch Ness geben. Wir wissen es nicht, wir haben es nicht gefunden.“ fest: Die DNA war halt nur nicht in den Proben enthalten.

    Eins dürfte sicher sein: Es wird auch in Zukunft Nessie-Sichtungen geben, Nessie-Devotionalien werden sich gut verkaufen, in Urquhart Castle werden die Besucherströme nicht zusammenbrechen und vielleicht hat der Professor ja doch nicht richtig hingesehen…


    * Warum wir wissenschaftliche Namen nicht kursiv schreiben:

    Natürlich wissen wir, dass man wissenschaftliche Namen in Texten kursiv schreibt. Wir würden das auch hier gerne machen, leider hat unser Template genau in dieser Funktion einen Bug (technischen Fehler). Dieser Fehler sorgt dafür, dass eine kursive Formatierung immer gleichzeitig fett hervorgehoben wird. Außerdem wird im Fließtext, jedoch nicht in Kurzzusammenfassungen und Suchmaschinentexten ein weiteres Leerzeichen vor und hinter dem Text angezeigt.
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  • Die verlorene Stadt im Dschungel – ein Hotspot der Artenvielfalt

    Durch das Zusammentreffen von nordamerikanischer und südamerikanischer Fauna und Flora gilt die mittelamerikanische Landbrücke als eine der artenreichsten Regionen der Erde. Länder wie Belize haben sich die Vielfalt auf unterschiedliche Arten zunutze gemacht. Ökotourismus ist eine davon, Forschungslizenzen für Biotech-Konzerne ist eine andere.

    Doch im benachbarten Honduras hat man dieses Geschenk der Natur lange als – nunja- naturgegeben hingenommen. Urwaldrodung für Edelhölzer oder um Ackerland für die ständig wachsende Bevölkerung zu gewinnen, ist leider immernoch an der Tagesordnung. Die Regierung versucht mit großem Einsatz, Ökotourismus und damit eine nachhaltige Nutzung zu schaffen. Dennoch gehen jährlich 3000 km² Wald verloren.

    Eine versunkene Stadt

    Da hört es sich märchenhaft an, wenn eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern in einem abgelegenen Tal des Mosquitia-Regenwaldes eine verlassene Stadt findet. Eine Stadt, die sich der Dschungel zurückgeholt hat. Eine Stadt, die seit Jahrzehnten bekannt war, von der aber niemand genau wusste, wo sie lag. Die Legende von der „Weißen Stadt“ geht auf einen Bericht des Konquistadors Hernán Cortés zurück, der dort enorme Reichtümer vermutete.

    Arrangement aus Lederhut, Kompass und Notizbuch
    Verlorene Städte wirken magisch anziehend auf jede Art der Abenteurer

    Berg mit Maya-Ruine zwischen Bäumen
    Leider ist auch die Zahl der Maya-Städte, die noch im Dschungel verborgen sind, gering.

    Hueitapalan, so der überlieferte indigene Name der Stadt hat Abenteurer wie Schatzsucher seit Jahrzehnten fasziniert. Ein Ziel für die Indiana Jones‘ Mittelamerikas. Doch auch seriöse Forscher, vor allem Archäologen und Historiker waren an der „Weißen Stadt“ oder „Verlorenen Stadt des Affengottes“ mehr als interessiert. Der Legende nach soll die Stadt von hohen, weißen Mauern umgeben gewesen sein. Im Zentrum des Ortes soll sich eine gigantische Statue eines Affengottes erhoben haben. Niemand, den der Affengott sah, sei je zurückgekehrt, so die Legende.

    2012 wurde aus der Legende zumindest teilweise Gewissheit. Ein interdisziplinäres Team um die Filmproduzenten Steven Elkins and Bill Benenson  entdeckten erste konkrete Hinweise. Mittels Airborne Laser Mappings konnten sie Ruinen in der dichten Vegetation ausmachen. 2015 berichtete ein Team um den Archäologen Christopher Fisher von Artefakten aus der Gegend, einschließlich Ruinen und steinernen Tierskulpturen.


    Lage des Rio Plátano-Nationalparkes, die Weiße Stadt soll irgendwo in dem Nationalpark verborgen sein.

    Humanoide Figuren mit dreieckigem Kopf

    Vor Ort fanden die Forscher dann Überreste von Plätzen, Erdwällen und der fast unvermeidlichen Pyramide. Das US-amerikanisch-honduranische Team fand in den Ruinen über 200 Steinskulpturen. Die Bewohner hatten sie offenbar gezielt zusammengebracht und auf einem Boden aus rotem Lehm arrangiert. Im Zentrum stand eine rätselhafte und faszinierende Staute eines Geiers mit halb gespreizten Flügeln. Der Geier wiederum war von Ritualgefäßen umgeben, die mit weiteren Geiern oder Schlangen dekoriert waren. Einige dieser Gefäße trugen eine seltsame, humanoide Figur mit großem, dreieckigem Kopf, hohlen Augen und einem offenen Mund über einem wie ausgedörrt wirkendem Körper.

    Fisher interpretiert diese Figuren als „Todesfiguren“, möglicherweise ein getrockneter Leichnam eines Ahnen, der für ein Begräbnis vorbereitet wurde. Vor dem Hintergrund, dass diese Gefäße um eine Geierstatue arrangiert wurden und keine Gräber im Umfeld der Stadt zu finden waren, sind andere Interpretationen möglich.

    Eine Affengottstatue fanden die Archäologen nicht.

    Ein Todesritual für die Stadt?

    Die Forscher glauben, die wertvollen, aber nicht unbedingt nützlichen und schwer zu transportierenden Steingegenstände wurden gezielt in der Form eines Schreines aufgebaut. Viele Gefäße haben die Bewohner rituell unbrauchbar gemacht, in dem sie ihnen ein Loch in den Boden schlugen. Ebenso ein mehr als 90 cm langer Mahlstein aus wertvollem Basalt, der in sechs Teile zerbrochen war – offensichtlich mit Absicht, Basalt bricht nicht so schnell.

    Dschungelszene mit Baumstamm, Lianen und Palmfarn
    Im dichten Dschungel Mittelamerikas verbirgt sich möglicherweise noch mehr…

    Baum mit verschlungenen Brettwurzeln
    Warum haben die Bewohner die Weiße Stadt verlassen und wo sind sie hingezogen?

    All das deutet darauf hin, dass die Weiße Stadt nicht etwa ausstarb, sondern absichtlich verlassen wurde. Das Arrangieren und Unbrauchbarmachen der rituellen Skulpturen könnte ein Abschiedsritual gewesen sein – und gleichzeitig bittere Notwendigkeit:

    Wenn die Bevölkerung sich entschließt, warum auch immer eine Stadt zu verlassen, dann wird sie eher leichtere Gegenstände mitnehmen, die sie täglich braucht. Das nicht weniger wichtige Rituelle wird sich auf kleinere Gegenstände wie Figurinen beschränken.

    Auch das Zerbrechen der Kultgegenstände ist sinnvoll, so können sie nie wieder von anderen (möglicherweise von einem Feind) zu niederen Zwecken missbraucht werden. Dieses Vorgehen kennen Archäologen auch aus anderen Kulturen, auch aus Mitteleuropa. Ein berühmtes Beispiel ist der Fischerring des Papstes, der nach seinem Tod zerstört wird. Weniger „heilig“, aber mit der selben Intuition werfen Mitglieder slavischer Völker die Gläser an die Wand, wenn aus ihnen auf ein ganz besonderes Ereignis getrunken wurde.

    Die Kleinräumigkeit schafft Lebensräume

    Die noch unbenannten Bewohner von Hueitapalan lebten hier zwischen etwa 1000 n.Chr. und 1400, nach anderen Angaben etwa 1520, zur Zeit des ersten Kontaktes mit Europäern. Wieso sie die Weiße Stadt verlassen haben, ist unbekannt.

    Bekannt ist aber, dass sie mit ihrer Stadt und deren Verfall eine Vielzahl von Nischen für Pflanzen und Tiere schufen. Ein spezialisiertes Team von „Naturschutzwissenschaftlern“ der us-amerikanischen Non-Profit-Organisation Conservation International hatte bereits 2017 eine dreiwöchige Exkursion nach Hueitapalan unternommen. Sie fanden in der kurzen Zeit eine unglaubliche Artenvielfalt in der Weißen Stadt: 198 Vogelarten, 40 kleinere Säugetiere, 56 Amphibien- und Reptilienarten, 30 große Säugetiere und 94 Schmetterlingsarten konnten sie zählen. Ihr Bericht erschien Anfang Juli 2019.

    Zu den Arten, die den Wissenschaftlern über die Füße liefen, gehörten auch einige Arten, die in Honduras gar nicht mehr vorkommen sollen, oder die als ausgestorben galten. So fanden sie Peters Spießblattnase (Phylloderma stenops*), eine Langnasen-Fledermaus, die in Honduras lange nicht mehr nachgewiesen wurde. Besonders bemerkenswert war ein Sandlaufkäfer, der bisher nur aus Nicaragua bekannt war und als ausgestorben galt.

    Soldatenara
    Wie viele Großpapageien ist auch der Soldatenara vom Aussterben bedroht.

    Jaguar liegt im Schatten des Regenwaldes
    Auch Jaguare kommen in der Umgebung der Weißen Stadt vor – und wurden offenbar von ihren Bewohnern verehrt.

    Auch der große Soldatenara Ara ambiguus ambiguus kommt hier vor, ebenso wie 22 Tierarten, die bisher in Honduras nicht bekannt waren. Unter den großen Säugetieren war die gesamte „Prominenz“ Mittelamerikas vertreten: Jaguare, Ozelots, Pumas, Pekaris und viele andere. Eine Erstentdeckung ist auch dabei, ein lebendgebärender Fisch, der der Wissenschaft bisher unbekannt war.

    Wie in einem Indiana-Jones-Film

    „In der heutigen Welt scheint das wie eine Geschichte aus den ‘Indiana Jones’-Filmen zu klingen. Aber der sensationelle archäologische Fund in dem unerforschten Dschungel war für die Entdecker, die sich dorthin wagten, genauso wirklich wie überraschend.“
    Aus der Pressemeldung von Conservation Intl. vom 21. Juni 2019

    Tod Larson, der Leiter des Teams vor Ort fügte hinzu: “Die ‘Weiße Stadt’ ist eines der wenigen Gebiete in Mittelamerika, in denen ökologische und evolutionäre Prozesse intakt geblieben sind.” Daher sei es unmittelbar nötig, das Gebiet zu schützen: „Einer der Hauptgründe, warum wir einen so hohen Artenreichtum und eine so große Zahl bedrohter und weit verbreiteter Arten (z. B. Pekari) festgestellt haben, ist, dass die Wälder rund um die Weiße Stadt im Gegensatz zu weiten Teilen der Region unberührt sind.

    Dies macht das Gebiet zu einer hohen Schutzpriorität für die Aufrechterhaltung einer breiteren Landschaftskonnektivität, die für die langfristige Erhaltung der biologischen Vielfalt in Mittelamerika von wesentlicher Bedeutung ist.“

    Ein Hauptproblem sieht Larson im Drogenhandel, der seine Pfade gerade durch unberührte Gebiete zieht. Zum Glück ist die Regierung von Honduras gewillt, das Gebiet zu schützen. Seit 2005 ist die Gegend um die Weiße Stadt bereits geschützt, nun will man den Schutz verstärken.

    Offenbar ganz im Sinne von John Polisar, Mitglied im Team von Tod Larson, der betont:

    „Wir arbeiten seit 14 Jahren vor Ort in den Eingeborenen-Gebieten von La Moskitia, und dieser Ort hat sich als einfach großartig erwiesen. Aufgrund seiner gegenwärtig intakten Wälder und Fauna ist das Gebiet von außerordentlich hohem Naturschutzwert. Es verdient energischen und wachsamen Schutz, damit seine Schönheit und Tierwelt auch in Zukunft Bestand haben.“


    Quellen:

    Douglas Preston: See New Discoveries at the Mysterious City of the Jaguar, National Geographic, 2016

    Conrad Duncan: ‘Extinct’ creatures found alive in ‘lost city’ deep within Honduras rainforest, Independent, 2019

    wikipedia: Hueitapalan, 2018


    * Warum wir wissenschaftliche Namen nicht kursiv schreiben:

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  • Mal wieder: Alien Big Cats in England

    Das britische Boulevard-Magazin Daily Star meldete bereits am 27. April den Fund eines Hirschskelettes, das angeblich von einer Großkatze hinterlassen wurde. In der Nähe des Weilers Tehidy an der Nordküste Cornwalls hat eine Naturfreundin ein skelettiertes Teilskelett eines Hirsches gefunden. Spekulationen legen nahe, eine Großkatze habe das Tier erbeutet.

    Ungewöhnliche Fundumstände

    „Ich wanderte durch die wunderschönen Glockenblumen in einem Eichenwald, als meine Hunde plötzlich stehen blieben. Wir standen vor den Überresten eines Hirsches, die völlig offen vor uns auf dem Weg lagen“. So schildert Lynne Norton den Fund in einem Wald bei Tehidy, nordwestlich von Redruth, Cornwall. Lynne fotografierte das Teilskelett und beurteilte es als „frischen Kadaver eines Hirsches, aber ungewöhnlich stark skelettiert. Das Tier wurde erst kürzlich getötet, es begann erst zu riechen.“

    Ein Teil eines Hirschskelettes liegt auf einem Weg
    Der skelettierte Hirschkadaver liegt auf einem Weg. Foto: Cornwall Live

    Mattschpfütze mit angblichem Pfotenabdruck
    Dieser Abdruck wird von James Stephenson einer Großkatze zugeschrieben. Foto: James Stephenson


    Weg von Tehidy Woods nach Harrowbarrow. Hat die mutmaßliche Großkatze eine solche Strecke in knapp einem Monat zurückgelegt?

    Vier Wochen vorher, 75 km entfernt

    Kurze Zeit vor dem Fund des Hirschkadavers wurde James Stephenson im etwa 75 km entfernten Harrowbarrow Zeuge, wie eine große, schwarze Katze seinen jungen Hund angriff. Der Hundebesitzer hielt die Katze für einen Panther. In dem Dorf sind zahlreiche Katzen verschwunden und ein Hund wurde verletzt.
    Der Hundebesitzer James Stephenson hat am 28. März 2019 eine große Katze aus seinem Garten heraus beobachtet, die ein Lamm im Maul trug. Er konnte auch Fußspuren fotografieren, die er einer großen Katze zuordnet.


    Kommentar:

    Von Tobias Möser

    In Großbritannien sind keine größeren Beutegreifer als Füchse, Wildkatzen und Adler bekannt. Letztere kommen im Süden des Königreiches nicht vor. Daher ist davon auszugehen, dass der Hirsch eines natürlichen Todes, im Verkehr oder durch einen wildernden Hund gestorben ist – oder eben eine Alien Big Cat.
    Das Skelett ist stark abgefressen, was nicht zwangsläufig ein Hinweis auf eine Großkatze sein muss. Füchse, Dachse und viele kleinere Tiere bis hin zu Staren und kleinen Singvögeln fressen Aas und lösen so einen Kadaver auf. Den Rest schaffen spezialisierte Insekten.

    Die Überreste des Hirsches, wie sie auf dem Weg liegen: Schädel, Wirbelsäule, Hüfte und Hinterläufe wiegen nur wenige Kilogramm. Die kann ein Fuchs problemlos wegschleifen. Die Lage spricht dafür, dass das Tier bewegt wurde, sonst wäre er an den vorher gehenden Tagen von Wanderern bemerkt worden. Auch in Großbritannien nehmen viele Leute die Woche nach Ostern frei – und Wandern ist dort mindestens so beliebt wie hier (Ostersonntag war am 21.04.2019, knapp eine Woche, bevor die Daily Star diese Meldung brachte).

    Quelle:

    Daily Star (27.04.2019): Savaged deer carcass found in UK woods sparks big cat fears


    Hintergrund „Alien Big Cats“

    1980 eingefangener Puma Felicity im Museum Inverness
    Dermoplastik des 1980 in Schottland eingefangenen Pumas Felicity im Museum Inverness

    Mit Alien Big Cats sind keine außerirdischen Katzen gemeint, sondern schlicht „ortsfremde“ Großkatzen. Typische out-of-place-Sichtungen im Sinne der Kryptozoologie. Die Beobachtung von Raubkatzen im Vereinigten Königreich hat eine vergleichsweise lange Tradition. Die ersten neuzeitlichen Sichtungen traten noch punktuell in den 1950ern auf. Seit den 1970ern sind sie verbreiteter, der erste „moderne“ Bericht stammt von 1980 aus Schottland. Seit dem stehen sie mehr oder weniger regelmäßig in den Schlagzeilen der Boulevard-Medien. Auch in der Umgebung von St Albans wurden angeblich Großkatzen gesehen. Aus dieser Stadt in der Nähe von London war im Januar eine Cupacabra-Sichtung gemeldet worden.

    Beweise indes sind selten. 1980 konnte in Schottland ein Puma eingefangen werden, der in guter Kondition noch einige Jahre im Highland Wildlife Park lebte. Heute steht er als Dermoplastik im Inverness Museum.

    Alien Big Cats sind auch aus anderen Teilen der Welt bekannt. Viele Sichtungen gibt es aus New South Wales in Australien, aus Neuseeland, aber auch gelegentlich aus Mitteleuropa. Interessanterweise sind ein Großteil der beschriebenen Alien Big Cats schwarz, obwohl Schwärzlinge von Großkatzen in der Natur eher selten sind.

    Kaum Angriffe auf Menschen

    Bisher sind zwei Angriffe auf Menschen bekannt geworden. Im Jahr 2000 wurde ein elfjähriger Junge in Monmountshire von etwas angegriffen, das er als große schwarze Katze beschreibt. Die Polizei dokumentierte fünf lange Kratzer von Krallen auf seiner linken Wange und zog einen Großkatzen-Experten hinzu. Erfolglos.
    Ebenfalls von einer schwarzen Großkatze wurde ein Mann angegriffen, der in Sydenham Park im Südosten Londons lebte. Sein Garten grenzte an eine Eisenbahnlinie, von dort aus wurde er angegriffen und überall am Körper zerkratzt. Ein Polizist beschreibt eine Katze von der Größe eines Labradors.

    2011 ließ das Centre for Fortean Zoology Haare testen, die in Nord-Devon gesammelt wurden. Der DNA-Test der Durham University belegte, dass ein Leopard in der Gegend lebte. Im folgenden Jahr konnte an zwei Hirschkadavern in Gloustershire nur Fuchs-DNA festgestellt werden. Es gab zahlreiche Berichte von Großkatzen in dieser Gegend.

    Wo kommen die Katzen her?

    Die Kryptozoologie hat unterschiedliche Erklärungen für die Sichtungen und anderen Nachweise von Großkatzen im vereinigten Königreich. Seit 1976 gilt in UK der „Dangerous Wild Animals Act“, der die Haltung bestimmter Wildtiere verbietet. Um Probleme mit dem Gesetz zu vermeiden, sollen einige Wildtierhalter Großkatzen wie Pumas oder Leoparden einfach frei gelassen haben. Einige Großkatzen haben sicherlich das Potenzial, sich in Großbritannien dauerhaft zu etablieren. Dafür sind die Sichtungen aber deutlich zu selten.

    Viele der Sichtungen fallen aber auf „mittelgroße“ Katzen wie Luchse, Servale oder Ozelots zurück. Auch diese wurden als Heimtiere gehalten, teilweise heute noch. Der Europäische Luchs Lynx lynx war in Großbritannien heimisch, wurde aber bereits zwischen 500 und 700 n. Chr. ausgerottet. Eine Wildpopulation existiert nicht mehr und es gab bisher keine Ansiedlungsversuche.

    Eine dritte Möglichkeit sind die in GB sehr beliebten Main Coon-Katzen. Diese Hauskatzenrasse ist eine der größten Rassen überhaupt, große Männchen können beinahe das Gewicht eines kleinen Luchses erreichen. Viele Sichtungen sind durch diese Tiere erklärbar.


  • Erstes mesophotische Korallenriff in der Adria entdeckt

    Korallenriffe kennen die meisten Menschen aus dem Fernsehen oder aus dem Tropenurlaub: Sie liegen im warmen, lichtdurchfluteten Flachwasser vor Inseln oder dem Festland. Die Korallen hier leben mit symbiontischen Algen zusammen, die Photosynthese betreiben und den Korallenpolypen mit Energie in Form von Kohlehydraten versorgen.

    Die „dunklen Riffe“

    Orangefarbene Korallen in einem Tiefwasserriff im Mittelmeer
    Orangefarbene Korallen in einem Tiefwasserriff im Mittelmeer

    Doch in den Meeren gibt es noch eine zweite Art Korallenriffe, die wesentlich weniger bekannt sind: die „dunklen Riffe“. Sie sind -anders als die ähnlichen Biotope im Flachwasser- nicht auf Sonnenlicht angewiesen und können daher wesentlich tiefer vorkommen. Sie sind hauptsächlich als Tiefwasserriffe ab etwa 200 m bis mehrere Tausend Metern Tiefe bekannt. In diese Tiefen dringt kein Licht mehr. Typische Fundorte sind die norwegischen Fjorde.

    Es gibt diese nicht auf Sonnenlicht angewiesenen Korallenriffe aber auch in wärmeren und flacheren Gewässern. Man spricht von mesophotischen Riffen, die noch Reste des Sonnenlichtes bekommen. Es reicht jedoch nicht mehr zu ergiebiger Photosynthese. Riffe dieser Art kommen ab Tiefen von 30 m vor, ab etwa 50 bis 60 m Tiefe reicht das Licht nicht mehr für irgendeine Form der Photosynthese aus. Die Korallen sind daher auf den Fang von Plankton angewiesen.

    Jetzt haben Biologen in der Gegend von Bari in der Adria ein solches Riff entdeckt. Mit 35 bis 50 m Wassertiefe gehört es zu den mesophotischen Riffen. Tiefwasserriffe sind schon seit einiger Zeit aus dem Mittelmeer bekannt, aber mesophotische Riffe kannte man bisher nicht.

    Riffe als Zentrum der Artenvielfalt

    Das bisher unbenannte Riff liegt vor der Küste Apuliens bei dem Städtchen Monopoli, zwischen Bari und Brindisi. Bisher sind nur 2,5 km bekannt, es könnte sich aber viele Kilometer entlang der Küste oder in die Adria hinein erstrecken. Da hier die algentragenden Korallen fehlen, ist es weitaus weniger farbenprächtig, als die tropischen Pendants. Dennoch erwarten Forscher eine große Artenvielfalt.


    Das Riff liegt nur wenige hundert Meter vor dem Hafen von Monopoli.

    Das Riff liegt in der Reichweite der Tech-Diver, Taucher, die mit speziellen Atemgasgemischen tauchen. Daher könnte es eine kleine Touristenattraktion werden.

    Links:

    ntv: Italien: Forscher entdecken erstes Korallenriff vor Monopoli

    Danke an Lino für den Hinweis.