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Der Weihnachtsfisch Latimeria chalumnae

„Kannst du mal vorbeikommen? Ich glaube, ich habe etwas Interessantes für dich.“ – „Ja, ich mache mich auf den Weg.“

So oder so ähnlich könnten sich die Worte angehört haben, mit denen am 22.12.1938, also beinahe heute vor 81 Jahren, Geschichte geschrieben wurde. Anrufer war ein gewisser Hendrik Goosen, Kommandeur eines Fischdampfers, der vor der südafrikanischen Küste fischte. Er rief Marjorie Courtenay-Latimer an, die als Kuratorin das East London Museum bei Kapstadt leitete.

Ein blauer Riesenfisch

Unter den gefangenen Fischen war ein außergewöhnliches Exemplar. Es maß deutlich über einen Meter, war massiv gebaut mit einem kräftigen Kopf und dicken, rauen Schuppen. Ungewöhnlich waren die Flossen, die auf einer Art muskulösem Stiel saßen. Frau Courtenay-Latimer war ratlos und schrieb am folgenden Tag einen Brief mit einer Skizze an den Chemiker und Amateur-Ichthyologen James L. B. Smith. Dieser antwortete erst Anfang Januar, dann aber sehr eindringlich: „Aus Ihrer Zeichnung und Beschreibung gleicht der Fisch Formen, die seit vielen Jahren ausgestorben sind. (…) Es wäre sehr bemerkenswert, sollte es mehr enge Zusammenhänge mit dem Prähistorischen zeigen. Passen Sie gut darauf auf und riskieren Sie nicht, ihn zu verschicken. Ich habe das Gefühl, er ist von großem wissenschaftlichen Wert.“

Marjorie Courtenay-Latimer mit ihrem blauen Riesenfisch

Quastenflosser im Naturkundemuseum Kopenhagen (Foto: Markus Bühler)

Die Worte waren wohl untertrieben oder britisches Understatement. Smith wird damals schon richtig vermutet haben, dass Frau Courtenay-Latimer einen Coelacanth in ihrem Labor hatte. Diese Fischgruppe galt als ausgestorben, spätestens seit dem Kreide-Tertiär-Übergang vor 65,5 Millionen Jahren.

Der Satz „Ich wäre kaum erstaunter gewesen, wenn ich auf der Straße einem Dinosaurier begegnet wäre“ wird oft in der Literatur als Smith’s erste Reaktion genannt, kommt aber (leider?) im Briefwechsel nicht vor.

Genauere Beschreibung

In einem weiteren Brief beschrieb Latimer den Fisch genauer. „Er hatte kein Skelett. Das Rückgrat war eine Säule aus weichem knorpelartigen Material, die vom Schädel bis zum Schwanz verlief. Sie hatte etwa 1 Inch Durchmesser und war mit Öl gefüllt. Dieses spritzte heraus, als sie angeschnitten wurde. Das Fleisch war weich und konnte wie Lehm geformt werden, der Magen war leer. Das Tier wog 127 Pfund (ca. 53,5 kg) und war in gutem Zustand, aber da es sehr warm war, musste er sofort bearbeitet werden.

Die Kiemen hatten kleine Reihen mit feinen Dornen, aber wurden mit dem Körper weggeworfen.

Mr. Center (der Präparator) hat das Tier beinahe fertig aufgebaut, es macht sich nicht schlecht. Das Öl tropft nach wie vor aus der Haut, sie scheint unter jeder Schuppe Ölzellen zu haben.

Portrait eines Quastenflossers, NHM Wien (Foto: Markus Bühler)

Quaste am Schwanz des Quastenflossers, NHM Wien (Foto: Markus Bühler)

Die Schuppen sind wie eine Rüstung und sitzen tief in den Taschen (damit meine ich hart und schwer).

Der Schädel ist noch im Präparat, ich sagte Mr. Center, er solle den Fisch mit offenem Maul darstellen. Ich habe die Zunge oder eine harte Mundplatte hier.“

Leider hatte der Präparator des East London Museum die Innereien, einschließlich der Schwimmblase und Skelett des Tieres entsorgt. Bei der Nachforschung stellte sich heraus, dass sie ins Meer gekippt worden waren. Smith‘ Unruhe wuchs, zumal es damals in Südafrika kaum möglich war, mal eben in East London anzurufen und wichtige Dinge zu besprechen.

Eine 65 Millionen-Jahre-Entdeckung

Die Nachricht, einen Quastenflosser entdeckt zu haben, verbreitete sich unter Ichthyologen und Paläontologen wie ein Lauffeuer. 1939 beschrieb Smith die Art als Latimeria chalumnae in der Arbeit „A living fish of Mesozoic type“ in der Fachzeitschrift Nature. Ein Hinweis, wie heiß die Nachricht gehandelt wurde, zeigt sich darin, dass die Erstbeschreibung bereits am 18. März publiziert wurde. Und das, obwohl außer der Haut und dem Schädel samt Zunge nichts mehr von dem ursprünglichen Fisch vorhanden war.

Mawsonia gigas, ein kreidezeitlicher Quastenflosser (Museum f. Naturkunde, Berlin)

Fossil eines nicht einmal handlangen Quastenflossers aus dem Jura

Der Quastenflosser war 1939 zwar aus zahlreichen Fossilien bekannt, aber galt als ausgestorben. Man stellte ihn an die Stelle im Stammbaum der Wirbeltiere, an der sich die landbewohnenden Vierbeiner und die Fische voneinander trennten: der letzte gemeinsame Vorfahre der Fische und der Landtiere – und damit auch des Menschen.

Wo war der Fisch?

Doch alle Versuche, einen weiteren Quastenflosser für die Wissenschaft zu fangen, schlugen fehl. Offenbar ist der Mündungsbereich des Chalumna-Rivers nicht sein angestammter Lebensraum. Sonst hätte ihn Hendrik Goosen bereits gekannt und hätte seinen Fund vermutlich nicht an Marjorie Courtenay-Latimer weiter gegeben. Die weitere Suche vor der Küste Südafrikas brachte keine Ergebnisse.

Behindert durch den 2. Weltkrieg und die folgenden Unsicherheiten war die Suche nach dem Quastenflosser nicht einfach. Der Staat Südafrika wollte das Prestige der Entdeckung nutzen und förderte die Quastenflosser-Forschung mit viel Geld. Marjorie Courtenay-Latimer wurde 1945 von der Kuratorin zur Direktorin des Museums befördert. 1950 zog das East London Museum in ein neues, größeres Gebäude um.

Smith engagierte sich weiter in der Quastenflosser-Suche, zunächst innerhalb Südafrikas. Über den Jahreswechsel 1952/53 war er an einer Expedition zu den Komoren beteiligt. 3000 km nordöstlich vom bisher einzigen bekannten Fundort wurde er endlich erneut fündig. Am oder um den 24.12.1952 (die Quellen widersprechen sich teilweise) konnte der zweite, rezente Quastenflosser gefangen werden.

Strand der Komoreninsel Mayotte

Basaltstrukturen am „Black Beach“ der Insel Mayotte

Auf den Komoren ist die Art schon lange bekannt, aber nicht sehr geschätzt. Für die Tiefseefischer war es ein Ärgernis, wenn der kaum verwertbare Fisch einen Köder klaute, egal ob er hinterher am Haken hing oder nicht. Hauptsächlich war er für seine rauen Schuppen bekannt, die man als Sandpapier-Ersatz verwendete, u.a. um Fahrradschläuche zu flicken.

Anatomische Untersuchungen möglich

Dieser zweite Fund machte eine wissenschaftliche Untersuchung der inneren Organe möglich – und brachte natürlich eine Überraschung mit sich. Die Schwimmblase war zwar vorhanden, aber komplett mit einem Fettkörper ausgefüllt. Es entspricht der „Lunge“ der rezenten Lungenfische.

Nachdem bekannt war, wo die Quastenflosser zu finden waren, setzte ein kleiner „Run“ auf diese Tiere ein. Jedes größere Naturkundemuseum wollte ein solches Präparat in seiner Sammlung haben. So wurden die Fänge der vorher unangetasteten Komoren-Quastenflosser zunächst häufiger, dann wieder seltener. Die Populationen schienen zurückzugehen.

Beim Riesenalk, der um 1850 ausstarb, führten zurückgehende Populationen und ins Absurde gesteigerte Preise für Bälge letztlich zum Aussterben. Die letzten Tiere wurden auf Bestellung von Vogelsammlern und Naturkundemuseen getötet. Diesen Fehler wollten viele Sammlungskuratoren gut 100 Jahre später nicht wiederholen. Passte der Fisch nicht zum sonstigen Sammlungskonzept, verzichteten viele Museen dankenswerterweise darauf. Es gab sogar Aufkleber mit dem Slogan „Coelacanths – leave them, where they are!“. Dennoch wurden bis zum Jahr 1999 etwa 200 Quastenflosser geangelt, drei bis fünf jährlich. Der WWF forderte damals, sie „dem Meer zurückzugeben“, also wieder schwimmen zu lassen. Das ist sicher ein unsinniges Unterfangen. Nachdem ein Fisch 200 m heraufgezogen wurde, ist er schwer verletzt und seine Energiereserven sind aufgebraucht. Ob er überhaupt lebend in seinen Lebensraum zurückkehrt, dürfte mehr als fraglich sein.

Sinnvoller war da sicher, den internationalen Handel mit Quastenflossern zu verbieten (Washingtoner Artenschutzabkommen, Anhang 1) und den Export lebender Quastenflosser für die Aquarienhaltung zu untersagen. Dies hat die Regierung der Komoren vor 1999 durchgesetzt.

Veränderte Rolle in der Evolutions-Forschung

1938 und viele Jahre darauf ging man davon aus, dass während des Devons trockene Phasen auftraten. Quastenflosser überlebten diese Phasen, denn sie konnten mit ihren muskulös gestielten Flossen von einem Gewässer zum nächsten wandern. Ein ähnliches Verhalten kennt man von heutigen Froschwelsen, aber auch anderen Fischen. Die „Quastenflossen“ wurden ausdrücklich als Präadaptation betont, die es den Fischen zufällig ermöglichte, zu überleben.

Diese Darstellung findet sich leider auch heute noch in Sachbüchern für Kinder.

Heute geht man davon aus, dass die Lungenfische -nahe Verwandte der Quastenflosser- die Urahnen der ersten Landtiere darstellten. Auch ist der Landgang nicht durch die Notwendigkeit bei Trockenheit entstanden, sondern in der gegenteiligen Situation: In Flachwassersümpfen, in denen die Fische mit dem Bauch auf dem Boden saßen und Flossenbewegungen sehr ineffektiv wurden. In dieser Situation wurden Passgang und Kreuzgang entwickelt, Fähigkeiten, die Latimeria auch heute noch hat.

Cousteau’s Forschungsschiff „Calypso“ bei der Einfahrt in Montreal, 1980. (Foto: René Beauchamp)

Jacques-Yves Cousteau

Mehr oder weniger berühmte Besucher

In den 1950er Jahren fuhr auch der bekannte französische Naturfilmer Jacques Custeau mit seinem Schiff Calypso zu den Komoren. Alle seine Versuche, Quastenflosser zu finden, blieben erfolglos. Auch die ansässigen Fischer konnten während seines Besuches keine Tiere dieser Art fangen.

Der französische Fotojournalist Jacques Stevens behauptete 1966, einen lebenden Quastenflosser in seiner natürlichen Umgebung gefilmt zu haben. Der Film zeigte einen Fisch, der mit schwachen Bewegungen über ein Korallenriff driftete. Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass das Tier an der Angel eines Fischers hing und über das Riff gezogen wurde.

1972 machte das Vancouver Aquarium einen erfolglosen Versuch, Quastenflosser für die eigene Haltung zu importieren. 1975 und 76 scheiterte das Steinhard Aquarium aus San Francisco mit dem selben Vorhaben. Eine wichtige Monographie über den Quastenflosser war dennoch ein beachtenswertes Ergebnis.

Weitere Versuche verschiedener Expeditionen zu den Komoren bringen immer mal wieder Bilder von geangelten und freigelassenen Tieren. Alle Versuche, Quastenflosser für Aquarien zu fangen, scheitern.

Ein neuer Spieler tritt in den Ring

1986 trat ein neuer Spieler auf das Feld: Hans Fricke. Der Verhaltensforscher kam mit schwerem Gerät, genauer dem selbst entwickelten Forschungs-U-Boot Geo. Mit diesem Boot war es 1987 erstmals möglich, Latimeria im natürlichen Lebensraum zu beobachten. Der Erkenntnisgewinn durch diese Beobachtungen war enorm. Fricke und sein Team fanden heraus, dass die Tiere tagsüber in etwa 150 m Tiefe in Lavahöhlen lebten. Nachts gehen sie auf Beutefang. Dabei bewegen sie sich tatsächlich mit ihren paarigen Flossen in einer Art Kreuzgang vorwärts, der einem heutigen Landtier gleicht. Die Funktion des Gehens ist also älter, als der Landgang an sich.

Hans Fricke’s Uboot GEO om Deutschen Museum, München

Ein Fisch auf dem Titelblatt der New York Times

Ein Foto der Quastenflosser im natürlichen Lebensraum hat es sogar auf die Titelseite der New York Times gebracht.

Doch auch spezifischere Beobachtungen wurden möglich. Das Team um das Tauchboot Geo lernte, Quastenflosser an ihrem Fleckenmuster zu unterscheiden. So konnten sie die Beziehungen der Fische untereinander kennenlernen und Soziogramme erstellen.
Sie konnten auch Sono-Markierungen an den Fischen befestigen, mit denen man die Tiere vom Boot verfolgen kann, ohne selbst tauchen zu müssen. Während der Untersuchungszeit wanderten einige Quastenflosser in Tiefen von 700 m. Das ist doppelt so tief, wie bisher bekannt.

Eine Besonderheit, die schon Marjorie Courtenay-Latimer feststellte, erleichtert die genetische Untersuchung: Die Schuppen lösen sich sehr einfach aus der Haut. Mit einer kleinen Spezialharpune, die außen am Tauchboot befestigt ist, konnten die Forscher Schuppen der Tiere lösen und für die genetische Untersuchung einsammeln. „Die Schuppen wachsen wieder nach. Wir können die Tiere anhand ihres Fleckenmusters unterscheiden und haben bei späteren Tauchgängen gesehen, dass sie keinen Schaden genommen haben.“, so ein Mitglied Frickes Teams.

Zwei Einzelfunde belegen, dass die Quastenflosser gelegentlich aus ihrer Heimat bei den Komoren verdriftet werden. 1992 wurde ein Tier vor Mosambik gefunden, 1995 und 97 vor Madagaskar.

Wie sich die Fische fortpflanzen

weiß man noch nicht genau. Die Weibchen bilden Eier aus, die etwa 9 cm Durchmesser erreichen. Sie werden innerlich befruchtet und der Embryo wächst im Weibchen heran. Gleichzeitig trägt ein Weibchen zwischen 6 und 24 Eiern aus, die Jungen schlüpfen mit einem Gewicht von etwa 500 g und einer Länge von 35 cm.

Ein Begattungsorgan wurde beim Männchen noch nicht festgestellt, wie sich die Tiere paaren, ist unklar. Ebenso unklar ist, wie alt die Tiere bei Geschlechtsreife sind und wie alt sie insgesamt werden.
Langzeitbeobachtungen des Teams um Hans Fricke lassen vermuten, dass die Tiere sehr alt werden. „Einige Tiere kennen wir nun schon seit 20 Jahren“, freut sich Teammitglied Jürgen Schauer.

Noch eine Sensation

Dieses Mal ließ die Entdeckung etwas weniger als 14 Jahre auf sich warten. Arnaz Mehta Erdmann entdeckte am 18. September 1997 auf dem Fischmarkt einen Quastenflosser. Der Fischmarkt lag in Manado Tua, auf Sulawesi in Indonesien, 9000 km von den Komoren entfernt. Sie konnte den Fisch fotografieren, bevor er verkauft wurde. Das Tier war etwas kleiner, als der Komoren-Quastenflosser und anders als dieser nicht stahlblau, sondern braun gefärbt.

Der Ehemann der Finderin, Mark Erdmann befragte die Fischer der Umgebung und erfuhr so den lokalen Namen des Tieres: „Raja Laut“, der König des Meeres. Am 30. Juli 1998 schließlich wurde er von einem Fischer gerufen, der einen Raja Laut gefangen hatte und noch lebend in seinem Netz hielt. Erdmann sicherte den Fund für die Wissenschaft.

Nachgebildeter Quastenflosser-Lebensraum im NHM Wien (Foto: M. Bühler)

Bisherige Fundorte von Quastenflossern: Blau: Erstfund bei East London; Türkis: Fundorte vor Afrika; Rot: Komoren; Orange: Fundorte von Latimeria menadoensis; Weiß: trotz Forschung kein Nachweis

Am 24. September 1998 wurde diese Entdeckung – erneut in Nature – publiziert. Erdmann ging damals davon aus, dass es sich um die selbe Quastenflosserart wie bei den Komoren handelt.

Zwei Arten

Die genetische Untersuchung sagt jedoch etwas anderes. Tiere beider Populationen bilden diskrete, getrennte Gruppen, deren Genom sich um durchschnittlich 4.1% unterscheidet. Die indonesische Art wurde daraufhin von Erdmann als Latimeria menadoensis beschrieben.

Das Team um Hans Fricke, jetzt mit dem weiter entwickelten Tauchboot Jago, machte sich auf den Weg nach Indonesien und konnte auch bald Quastenflosser finden. Sie lebten -ähnlich wie bei den Komoren- in Höhlen, diesmal allerdings Karsthöhlen in Kalkgestein.

Insbesondere die indonesische Population erregte immer wieder Interesse. Die Karstfelder um Sulawesi sind groß und reichen weit in die Tiefe. Ein optimaler Lebensraum für Quastenflosser. So kamen verschiedene Filmteams mit wechselndem Erfolg.

Und eine Dritte?

Pieter Venter, Mitglied der südafrikanischen Coelacanth Exbedition entdeckt mindestens drei lebende Quastenflosser unter einem Überhang vor Sodwana, Südafrika. Sie leben in relativ flachem Wasser von etwa 120 m Tiefe. Bei der Entdeckung kam ein Taucher ums Leben.

Im Jahr darauf kommt Venter wieder nach Sodwana und kann weitere Quastenflosser filmen. Zwei Tiere konnten anhand der Aufnahmen vom vorhergehenden Jahr identifiziert werden. Hans Fricke taucht im folgenden Jahr bei Sodwana und identifiziert 15 Individuen, mindestens eines davon trächtig. Er kann auch Gewebeproben für genetische Untersuchungen sammeln.

Die Tiere vor Südafrika gehören demnach der Art Latimeria chalumnae an. „Es haben sich dort aber zwei genetisch unterscheidbare Gruppen gebildet. So konnten wir zeigen, dass sich Quastenflosser trotz ihrer langsamen Evolutionsrate immer noch weiterentwickeln“, erklärt die Biologin Kathrin Lampert aus Frickes Team.

Marjorie Courtenay-Latimer

Seit seiner „Wiederentdeckung“ 1938 und 1952 war der Quastenflosser bei neuen Erkenntnissen regelmäßig in der Tagespresse. Mit jeder neuen, bahnbrechenden Entdeckung wurde auch Marjorie Courtenay-Latimer interviewt. In einem späteren Filmbeitrag äußerte sie sich belustigt darüber. Immer, wenn sie etwas vom Quastenflosser in der Zeitung lese, könne sie am nächsten Tag mit mindestens einem Filmteam rechnen.

Marjorie Courtenay-Latimer im fortgeschrittenen Alter

Sylvia Earle und Miss Courtenay Latimer

Sie nahm bis ins hohe Alter an Kongressen teil und hielt Vorträge. Marjorie Courtenay-Latimer starb hoch geehrt am 24. Mai 2004 in East London an einer Lungenentzündung. Sie wurde 97 Jahre alt.

Weitere Funde

2007: Neun Quastenflosser wurden in der Tanga-Region vor Tansania beobachtet.

2010 konnten Forscher fünf weitere Quastenflosser vor Biak Island vor dem indonesischen Teil Neuguineas filmen.

2012 dokumentieren andere Forscher Fänge von Quastenflossern vor Papua Neuguinea und den Salomonen. Im Rahmen des gleichen Projektes werden Fischer auf Tahiti, Neukaledonien und Vanuatu befragt. Sie kennen den Quastenflosser nicht.

Anfangs nur auf die bekannte Komoren-Population beschränkt, macht es heute den Eindruck, Quastenflosser sind weiter verbreitet, als lange vermutet. Möglicherweise kommen sie im gesamten indischen Ozean vor, überall dort, wo der Lebensraum geeignet ist. Bisher kennt man relativ wenige Lebensraumansprüche, Höhlen in 120 m oder mehr Metern Tiefe scheinen einer der Schlüssel zu sein. Die bevorzugte Wassertemperatur liegt bei 18 bis 20°C.

Wer weiß, vielleicht entdeckt man ihn vor der Küste Jemens, im Persischen Golf, an der indischen Küste, tief im Wasser der Malediven oder vor Mauritius?

Die Idee zu diesem Beitrag stammt vom User „Platypus“ aus dem Spiel „Tier Trivia“ auf dem ehemaligen Kryptozoologie-Online-Forum.


Literatur:

http://researcharchive.calacademy.org/research/ichthyology/catalog/getref.asp?id=4068

https://www.pbs.org/wgbh/nova/fish/letters.html

https://www.geomar.de/news/article/quastenflosser-ein-anpassungsfaehiges-fossil/

https://www.dinofish.com





Kryptozoologie 2019 – unser Jahresrückblick

Um Weihnachten herum ist die Zeit der Jahresrückblicke. Wir möchten uns dieser Tradition anschließen und uns noch einmal mit den Themen befassen, die dieses Jahr in der Kryptozoologie für Wirbel gesorgt haben.

Bekannte und weniger bekannte Kryptide

Die indische Armee twittert „Fußspuren des Yetis entdeckt“, die Netzgemeinde jubelte: „Yeti bewiesen“. Dummerweise unterlief einigen Soldaten ein Fehler, sie hätten lieber auf ihre einheimischen Scouts gehört: Die wussten, dass es sich um die Spuren eines Bären handelte.

Ein Kadaver, der dem Montauk-Monster ähnelt, ist in Staten Island, New York aufgetaucht. Genau wie der Montauk-Kadaver handelt es sich um die Wasserleiche eines Waschbären.

Auch der Bigfoot war mal wieder in den Medien, zunächst mit einem Video, dann mit einem Portrait, das eine Wildkamera geschossen haben soll. Auch einige alte Bigfoot-Geschichten werden wieder aufgewärmt, einschließlich 40 Jahre alter FBI-Akten: Wie immer nichts substanziell Neues.

Unbekannter Kadaver liegt am Strand
Nahaufnahme des Staten Island Kadavers (Foto: John Graziano)

Portrait eines toten Berardius minimus
Kopf von B. minimus. Aufällig ist die steile Stirn und das kurze Rostrum. Bild aus der Erstbeschreibung.

Ein kryptozoologisch lange bekannter Schnabelwal wird wissenschaftlich beschrieben. Damit „wechselt“ er vom Objekt der Kryptozoologie zum Objekt der Zoologie. Berardius minimus ist mit etwa 7 m Gesamtlänge vermutlich das oder eines der größten, noch unbeschriebenen Tiere der Welt gewesen. Er lebt in der Hochsee des Nordpazifiks und ernährt sich, wie fast alle Schnabelwale vor allem von Tintenfischen, die er in der Tiefsee fängt.

Das australische Department of Primary Industries, Parks, Water and Environment veröffentlicht acht Berichte von Beutelwolf-Beobachtungen zwischen September 2016 und September 2019.

Sensation an Loch Ness?

Der neuseeländische Professor Neil Gemmell hat in Loch Ness Umwelt-DNA-Proben genommen. Im Sommer veröffentlichte er, dass er dabei „etwas ungewöhnliches“ entdeckt habe. Die Pressekonferenz am 5. September ließ die größte kryptozoologische Meldung seit vielen Jahren vermuten.

Die mit viel Vorschusslorbeeren ausgefütterte Veranstaltung brachte aber „nur“ eine eher alltägliche Erklärung: Als „etwas ungewöhnliches“ bezeichnet er, dass in jeder seiner Umwelt-DNA-Proben die DNA von Aalen enthalten war.

Loch Ness mit einer Nessie-Stoffpuppe
Loch Ness mit Monster, wenn auch winzig klein und freundlich

Tafel, die Plesiosaurier, Haie und Welse als Nessie ausschließt und einen Riesenaal vorschlägt
Der Stein bzw. der Aal des Anstoßes. Gemmell et al. fanden riesige Mengen Aal-DNA, aber keine Menge Riesenaal-DNA. Image Credit: University of Otago

Leider kam Gemmell auf die Idee, den Kryptozoologen einen hypothetischen Aal zu liefern, der doppelt so lang sein soll, wie die größten bisher bekannten Aale. So wurde eine Spekulation durch eine andere ersetzt.

Von den Ausgestorbenen zurückgekehrt:

Keine Frage, durch Umweltzerstörung, Jagd und Fischerei und den menschengemachten Klimawandel rotten wir jedes Jahr tausende von Arten aus, viele ohne sie kennenzulernen. Doch manchmal tauchen Arten, die man ausgestorben glaubt, wieder auf.

Die Wallace-Riesenbiene, die seit 1981 als ausgestorben galt, wurde auf einer der kleinen Sundainseln wiederentdeckt und gefilmt.

"AFP PHOTO / GLOBAL WILDLIFE CONSERVATION / CLAY BOLT"
Dieses Foto wurde von der Global Wildlife Conservation am 21. Februar 2019 angeboten. Es zeigt den Entomologen und Bienenexperten Ely Wyman mit dem ersten entdeckten Exemplar der Wallace Riesenbiene (Megachile pluto) auf einer indonesischen Insel der Nordmolukken.
„AFP PHOTO / GLOBAL WILDLIFE CONSERVATION / CLAY BOLT“

Nebelparder-Portrait
Portrait eines Festland-Nebelparders aus dem Duisburger Zoo

Der Taiwan-Nebelparder, der zum letzten Mal 1983 beobachtet wurde, ist wieder aufgetaucht. Die Taiwan News meldete Anfang des Jahres einige Sichtungen im Zentralgebirge an der Südspitze der Insel.

Obwohl sie nicht wieder auferstanden sind, hat Israel Mammuts zur bedrohten Art erklärt. Somit kann der Handel mit Mammutelfenbein kontrolliert und eingeschränkt werden. Häufig wird Elfenbein rezenter Elefanten als Mammutelfenbein deklariert und so gehandelt. Israel will das unterbinden.

Bemerkenswerte Fossilienfunde

Auf den Philippinen wurde eine zweite, stark verzwergte Menschenart entdeckt. Analog zum Flores-Hobbit scheint es sich bei Homo luzonensis um eine Inselverzwergung. Diese Menschen wurden nur etwa 1,2 m groß und lebten vor nur 67.000 Jahren dort. Über den Ursprung der geschickten Jäger ist noch nichts bekannt.

Ein riesiges Raubtier aus dem Miozän Afrikas – doch nicht so riesig, wie es die Presse gerne hätte. „Nur“ 400 bis 500 kg schwer war Simbakubwa kutokaafrika und nicht etwa 1300 bis 1500 kg, wie es einige Medien behaupteten und die Sozialen Medien es liebend gern aufnahmen.

Größenvergleich zwischen Simbakubwa und einem mittelgroßen Königstiger mit einer Schulterhöhe von 0,95 m. Der Mensch ist 1,8 m groß, alle Tiere sind im gleichen Maßstab gezeichnet.

Der kaum erkennbare Kopf eines Wolfes aus dem Permafrost
Dieser Kopf war im Frühjahr in den Schlagzeilen
Albert Protopopov / Siberian Times

Aus dem sibirischen Permafrost wird ein Wolfskopf geborgen- Fehlinformationen lassen auch ihn zu einem Monster werden.

Wirklich riesig hingegen ist „Scotty“, der größte bisher gefundene Tyrannosaurus rex. Seit dem Frühjahr ist sein Skelett in einer Sonderausstellung des Royal Saskatchewan Museum in Regina, Kanada zu sehen. Er ist mit über 13 m der größte terrestrische Theropode, der je gefunden wurde.

Out of place

Auch dieses Jahr gab es wieder eine ganze Reihe von Out-of-Place-Sichtungen. Es begann bei einem Stinktier im Westfälischen Hagen, ging über mehrere Supermarktspinnen, Känguru und Luchs im Ruhrgebiet. Etwas besonderes war dann doch die Lederschildkröte, die sich in Kanada verschwommen hatte und vermutlich im letzten Herbst erfroren ist.

Eine Schildkröte liegt in einem Loch im Eis
Die tote Schildkröte musste vom dicken Eis befreit werden, bevor sie an Land gezogen werden konnte. (Foto: Sue MacLean)

Reise des Mönchsgeiers Brinzola von Frankreich über Belgien, die Niederlande und Deutschland bis nach Fehmarn. Image: Proyecto Monachus, google earth
Auszug aus der Reise des Mönchsgeiers Brinzola von Frankreich über Belgien, die Niederlande und Deutschland bis nach Fehmarn.

Doch einen Großteil unserer Aufmerksamkeit hat eine Mönchsgeierdame namens Brínzola auf sich gezogen. Dieser Vogel ist spontan aus ihrer Heimat in Nordspanien aufgebrochen. Nach einer Schleife durch die Wälder der französischen Gascogne ist sie auf mehr oder weniger direktem Weg zur Vogelfluglinie nach Skandinavien aufgebrochen. Dort hat sie in einer wildreichen Gegend in Zentralnorwegen ihren Sommer und einen Teil des Herbstes verbracht. Da die Geierdame einen Sender trägt, so konnte das „Proyceto Monachus“ ihren Flug fast metergenau aufgezeichnen veröffentlichen. Wo sich die schwarze Schönheit zur Zeit aufhält, ist unbekannt.

Nicht nur Vögel sind entflogen

In Düsseldorf und mitten in Essen wurde ein Wolf beobachtet. Anwohner konnten in Essen filmen, wie das Tier über den breiten, begrünten Mittelstreifen einer Allee in einem der besten Viertel der Stadt lief. Ob es sich tatsächlich um einen Wolf, einen wolfsähnlichen Hund (ohne Halsband) oder einen Mischling handelt, wollten die Behörden klären. Bisher haben wir nichts hierzu gehört.

Schwarzer Panther vor dem Fenster einer Dachwohnung
Ein Fenster einer typisch französischen Dachwohnung – nur der schwarze Panther passt nicht dazu.

Bär in der Fotofalle
Bär in der Fotofalle. Foto: Bayerische Staatsforsten

Eine Räuberpistole ganz anderer Art barg die unschuldige Meldung, dass im nordfranzösischen Armentiéres ein schwarzer Leopard, auf der Regenrinne eines Häuserblockes spazieren geht. Diese völlig unglaubwürdige Meldung wird binnen Sekunden zum Faktum, denn mehrere Fotografen und ein Filmteam haben die Raubkatze im Bild festgehalten. Nachdem das Tier eingefangen werden konnte, kam es in den Zoo im nahegelegenen Maubeuge, wo man sich praktischerweise mit der Haltung von Leoparden auskennt. Dennoch wird das Tier nur ein paar Tage später dort gestohlen und bleibt verschwunden.

Zwölf Jahre nach Bär Bruno „JJ1“ hat sich wieder ein Bär nach Bayern verirrt. Außer einem Kothaufen und einem Foto auf einer Wildkamera hinterlässt er nichts: keine Spuren, keine Schäden, ein paar Fotos und einige Fans. So mag man bei Füssen seine Touristen.

Der Sasquatch und das Infrarotlicht

Angebliches Bigfoot-Foto
Das angebliche Sasquatch-Foto. Urheber unbekannt

Sasquatches oder Bigfoots sind als Wesen bekannt, die sehr auf ihr Privatleben achten. Sie schätzen es nicht, einfach so beobachtet zu werden und lassen sich deswegen auch nicht mit Wildkameras fotografieren. Ein angeblich aus dem US-Bundesstaat Georgia stammendes Bild einer solchen Wildkamera zeigt angeblich einen Teil des Gesichtes eines Bigfoots.

Die tiefergehende Recherche des NfK zeigte bereits ganz am Anfang Unstimmigkeiten, denn auch der Ort Manyberries im Süden Kanadas wird als Ursprungsort genannt. Natürlich wollten wir die Echtheit oder Unechtheit des Bildes zu belegen. Dazu mussten wir zunächst herausfinden, wie menschliche und tierische Augen auf Blitze reagieren, die deutlich außerhalb des sichtbaren Strahlungsspektrums liegen: Siehe da: Das Auge eines Menschen und noch stärker das eines waldbewohnenden Tieres hätte in der dargestellten Situation den Blitz reflektiert, wie auf einem „rote Augen“-Foto der 2000er Jahre.

Wir wissen nicht, was die Kamera fotografiert hat, aber ein Lebewesen war es nicht.

Der Discovery-Channel-Ableger „Travel Channel” hat passend zu Weihnachten ein Team für eine sechsteilige Miniserie zusammengestellt und sie in Zentral-Oregon auf die Suche nach Bigfoot geschickt. Sie kamen auch mit einem Infrarotbild zurück. Diesmal handelt es sich um eine passive Infrarotaufnahme oder Wärmebild. Die Experten des Senders werten es als Beweis für den Bigfoot, wir bleiben skeptisch.

Ausgebüxte Tiere

Wie immer gibt es eine ganze Reihe von ausgebüxten Haus- und Zootieren, die in den Meldungen erscheinen.
Für einen Luchs, der im vergangenen Dezember aus einem Wildpark in Haltern am See entkam, nahm die Sache ein außerordentlich gutes Ende. Er streunte mehrere Monate durchs zentrale Ruhrgebiet, bis er im Mai in eine Falle ging – in bestem Gesundheitszustand. Eine Rückführung des Luchses in seine Gruppe war nicht möglich, auch andere Wildparks und Zoos hatten kein Interesse an dem Tier. Im Oktober wurde er nach Polen gebracht, wo er im folgenden Jahr ausgewildert werden soll.

Weniger erfolgreich verlief der Freigang eines Stinktieres, das in schlechtem Ernährungszustand in Hagen eingefangen wurde. Ein weißes Känguru entkam dieses Jahr seinem Halter im Essener Süden mindestens zweimal.

Passend zum Sommerloch hielt eine Monokelkobra den Ruhrgebietsort Herne in Atem. Ein Wohnhauskomplex wurde evakuiert und musste mehrere Tage gesperrt bleiben, bis die Schlange im Kellerabgang des Hauses aufgeschreckt und eingefangen wurde.

Kongress zum Thema „Mokele-Mbembe: Sind die Dinosaurier wirklich ausgestorben?“

Am 12. Oktober trafen sich zahlreiche Kryptozoologen und interessierte Laien zum Fachkongress um das Kryptid Mokele Mbembe. Die Gastgeber von den Sauerland-Pyramiden in Lennestadt hatten auch diese Veranstaltung wieder mit professioneller Routine hervorragend organisiert.

Die Referenten: (von links): Hans-Jörg Vogel, Tobias Möser, Michel Ballot, Wolfgang Schmidt, Thomas Piotrowski und Francois de Sarre

Vortrag und Übersetzung
Michel Ballot (re) kommentiert seine Bilder, Francois de Sarre (li) übersetzt

In vier Vorträgen berichteten die Referenten von unterschiedlichen Methoden, sich dem Phänomen „Mokele Mbembe“ zu nähern. Jeder der Vorträge lieferte völlig neue Sicht- und Herangehensweisen: Hans-Jörg Vogel forschte in den Archiven Berlins nach den Aufzeichnungen zweier der bekannten deutschen Afrikaforschern. Michel Ballot hingegen nahm den direkten Weg und besucht seit vielen Jahren regelmäßig die Grenzregion zwischen Kamerun und Kongo. Thomas Piotrowsky kann dies nicht so einfach und fing an, Satellitenbilder zu analysieren, bis er etwas bemerkenswertes fand. Wolfgang Schmidt säte die für Wissenschaftler so wichtigen Zweifel einmal neu.

Fazit, Dank und Ausblick:

2019 war ein sehr interessantes Jahr in der Kryptozoologie. Nicht nur die großen Themen wie Sasquatch, Loch Ness und sogar der Beutelwolf standen im Focus. Auch viele weniger bedeutenden Kryptiden schenkten wir Aufmerksamkeit. In einigen Fällen wurden sie erst ins mediale Gedächtnis geschoben, wie der Basajaun, der bei uns in der letzten Woche zum ersten Mal auftauchte. Zahlreiche interessante, aber nicht-kryptozoologische Tiere rundeten die Meldungen ab. Wir freuen uns, euch, liebe Leserinnen und Leser, durch das Jahr begleitet zu haben und in regelmäßigen Abständen etwas Neues geboten zu haben.

Genauso geht der Dank an unsere Autoren Ulrich Magin, Markus Bühler, Peter Ehret, André Kramer, Hans-Jörg Vogel, Reena Pöschel, Dominic Schindler und an meine Redaktionskollegin Suzan Reinert. Ebenso danke ich denjenigen, die mich direkt oder über die Mailingliste auf neue Themen hingewiesen haben.

Ausblick

2019 war als Jahr der Erprobung geplant, nach einigen Versuchen haben wir ab August ein recht stabiles Modell gefunden, das Ihr – den Besucherzahlen zufolge – gerne angenommen habt. Für 2020 planen wir, die zeitintensiven technischen Probleme im Hintergrund anzugehen. Die Zeit können wir dann für Neuerungen nutzen.

Eine Bitte haben wir an euch, liebe Leserinnen und Leser: Die Website machen wir für euch. Gebt uns Rückmeldung, wenn euch etwas nicht gefällt oder auch, wenn‘s euch gefällt. Sagt weiter, wenn etwas gut ist, postet es in den sozialen Medien. Wenn Ihr Interesse an einem Thema habt, fragt nach, ob wir es behandeln können. Oder forscht selber nach und schreibt uns den Artikel: Autoren können wir immer brauchen!





Ausstellung „Giganten der Meere“ ab heute in Rosenheim

Ab heute (26.09.2019) zeigt der Rosenheimer Lokschuppen 22 lebensechte Meeressaurier als Modelle.

Neben 200 Fossilien, Skeletten und einem „3D-Aquarium“ sind die in Originalgröße gehaltenen Modelle der Höhepunkt der Ausstellung. Die Ausstellungsmacher haben die Modelle nach dem neuesten Forschungsstand entwickelt. „Am wichtigsten ist die Diskussion am Anfang, wie das Modell aussehen muss. Die Haltung, die Haut, die Augen, die Größenverhältnisse – alles muss stimmen“, sagt der Kurator der Ausstellung Dr. Bernd Herkner.

Modelle aus Italien – und aus Kunstharz

Die Firma Prehistoric Minds aus Norditalien produziert schließlich die Modelle zusammen mit Wissenschaftlern, Kunsthandwerkern und Künstlern. Paläontologe Dr. Simone Maganuco und Zeichner Davide Bonnadonna gelten als kongeniales Team beim Sauriermodellbau, sie kombinieren neueste wissenschaftliche Erkenntnisse mit den Überlegungen, wie weit sich ein Tier innerhalb seiner Möglichkeiten bewegen wird.

Zweibeinig laufender Saurier
Dieses Baryonyx-Modell steht in einer anderen Wanderausstellung

Aus Bonnadonnas Zeichnungen wird schließlich ein digitales 3D-Modell. Computergesteuerte Spezialwerkzeuge fräsen dann dieses Modell aus einem soliden Styroporblock. Anschließend wird es mit Kunstharz und Polyester überzogen. Die Hautschuppen fertigt er klassisch aus Ton. „Stets achten wir aber darauf, dass wir streng nach den wissenschaftlichen Vorlagen arbeiten“, erläutert Simone Maganuco diese Detailarbeit.
Über den feuchten Ton ziehen die Mitarbeiter von Prehistoric Minds eine Hülle aus Kunstharz. Die Tonhaut drückte sich auf der Innenseite der Hülle mit allen Details ein. Die Hülle wurde danach abmontiert – so entstand eine Gussform für die einzelnen Abschnitte eines Saurierkörpers. Mit diesen Gussformen wurden dann die endgültigen Modelle gegossen. Die Produktion eines der großen Modelle dauert so bis zu 600 Stunden.

Bis zu 12 m lang

Mit einem Sattelschlepper kommen dann die Einzelteile der Meeressaurier nach Rosenheim. Vor Ort werden sie zu einem ganzen Tier zusammengesetzt – keine leichte Sache, bei einem Gewicht von bis zu 250 Kilogramm und einer Länge von bis zu 12 Metern.
Die Modelle müssen aber auch noch in Szene gesetzt werden. Den Entwurf und die Planung der Ausstellungsarchitektur übernahm das Münchner „Atelier Hammerl und Dannenberg“. „Die großen Modelle im Lokschuppen zu platzieren und um diese Inszenierungen die originalen Exponate in den Vitrinen zu arrangieren – das war eine spannende Aufgabe für uns“, erklärt die Gestalterin Tanja Hammerl.

Das Who-is-Who der mesozoischen Ozeane

schlankes, schwimmendes Reptil mit Beinen und abenteuerlichen Zähnen
Nothosaurus aus der Ausstellung im Löwentormuseum, Stuttgart

Unter den dargestellten Tieren findet sich ein gewaltiger Tylosaurus, der zu den größten Mosasauriern gehört. Neben dem fast obligatorischen Liopleurodon und einem Spinosaurus sind aber auch verschiedene Ichthyosaurier, ein Pliosaurier und ein Plesiosaurier zu sehen. Bemerkenswert ist, dass die Ausstellungsmacher einen Nothosaurus zeigen, ein eher unspektakuläres Tier, mittelgroß, aber seine Überreste findet man an vielen Stellen in Deutschland.
Prominent ist auch der Archelon, die größte bisher bekannte Schildkröte aller Zeiten.

Auch Originale sind zu sehen

Neben den Modellen sind auch Originalfossilien zu sehen. Mehr als 200 Ausstellungsstücke konnten die Aussteller nach Rosenheim holen und in Spezialvitrinen ausstellen. Sie stammen aus der Senckenberg-Sammlung und anderen renommierten Museen Europas. Teilweise werden sie das erste Mal der Öffentlichkeit präsentiert.

Viel Mühe hat man sich auch mit dem 3D-Aquarium gegeben. Hier werden Szenen aus den mesozoischen Meeren dargestellt, nicht als Film, sondern in zufälliger Sequenz, so dass immer wieder mit Überraschungen gerechnet werden kann.

Wohin die Ausstellung nach der Premiere in Rosenheim wandert, war zum Redaktionszeitpunkt noch nicht klar.
Wir nutzen Bilder aus anderen Ausstellungen, da die Betreiber des Lokschuppens uns mit Strafe bedrohen, wenn wir ihre Pressefotos mit Ende der Ausstellung nicht von der Website entfernen. Das Risiko möchten wir nicht eingehen.

Allgemeine Infos

Die Ausstellung ist von heute an bis zum bis zum 13. Dezember 2020 im Lokschuppen Rosenheim täglich, auch Montags zu sehen. Nur am 24. und 31.12.19 ist der Lokschuppen geschlossen.

Der Eintritt kostet für Erwachsene € 15,-, Kinder zahlen € 5,-. Es gibt zahlreiche Rabatte für Familien, Gruppen und an bestimmten Tagen. Tickets gibt es unter lokschuppen.de, bei den bekannten Vorverkaufsstellen und natürlich vor Ort.

Der Lokschuppen ist für Rollstuhlfahrer geeignet, die zweite Ebene kann über einen Lift erreicht werden, der Boden ist gut befahrbar. Für Blinde und Sehbehinderte gibt es kontrastreiche Gestaltung und Audioguides, Blindenhunde sind in der Ausstellung zugelassen. Hörbehinderte profitieren von ausführlichen Ausstellungstexten, Audioguides mit Induktionsschleife für Hörgeräte sind an der Kasse erhältlich.


Kommentar

von Tobias Möser

Soweit die allgemeinen Infos zur Ausstellung.Ausstellungen mit Sauriermodellen gibt es mittlerweile zahlreiche. Meist werden bekannte und spektakuläre Dinosaurier präsentiert, die mehr oder weniger gut ihren Vorbildern entsprechen. Teilweise sind sie animiert, oft brüllen sie, ich habe sie auch schon mit Nebelmaschinen gesehen. Viele der Modelle entsprechen den Tieren, die in der BBC-Serie „Walking with Dinosaurs“ und ihren Derivaten dargestellt werden. Ob es damit zu tun hat, dass diese Tiere dem breiten Publikum bekannt sind, oder dass hier 3D-Modelle vorliegen, weiß ich nicht.

Ich habe die Ausstellung noch nicht gesehen (wie denn auch?). Auch hier rennen wieder vor allem die Tiere die aus den BBC-Serien herum.

Das, was man von der Animation „3D-Aquarium“ sieht, erscheint nicht befriedigend. Die Tiere bewegen sich mit den selben „Fehlern“, wie man sie aus der Nigel Marven-Serie „Monster der Tiefe“ kennt. Gerade bei den Feinheiten ist die Animationstechnik nicht weiter gekommen.

Die Ausschnitte, die ich gesehen habe, beziehen sich auch hauptsächlich auf möglichst spektakuläres Jagen und Fressen. Ob das nur für den Presse-Release so ist, oder ob sich die ganze Animation so darstellt, ist von hier aus nicht zu ermitteln. Einen Vorteil haben die Meeressaurier gegenüber den Land-Dinos: Unter Wasser ist das nervige Brüllen vieler Animationen nicht möglich.




An einem Tag wie heute – vor 66 Millionen Jahren

von: Tobias Möser

Seit Tagen ist die Welt nicht mehr so, wie sie sein sollte. In der Nacht ist ein kleiner, aber heller Punkt im sichtbar. Wie ein Komet zieht er einen Schweif hinter sich her, doch dieser wird seit Tagen kürzer und scheint am Abend in eine andere Richtung zu deuten, als vor Sonnenaufgang. Doch dies beunruhigt die Dinosaurier auf der Erde nicht. Selbst wenn sie es bemerken würden, würden sie nicht verstehen, was das aussagt.

Chancen für die Räuber

Beunruhigender sind andere Dinge. Der Komet ist mittlerweile so hell, dass viele Tiere in der Nacht halbwegs sehen können. Die Theropoden nutzen das aus, sie haben ihre Angriffe schnell auf die Nacht verlegt. Die Pflanzenfresser kommen nicht mehr zur Ruhe, ihre Warn- und Sammelrufe hallen ständig durch die Wälder. Aber die Jäger haben Vorteile. Trotz der besseren Sicht ist ihre Tarnung im Licht- und Schattenspiel der permanenten Dämmerung besser als am Tag. Sie sehen mehr als vorher, aber lange nicht alles. Das ist ihr strategischer Vorteil: sie müssen nur einen Pflanzenfresser von vielen finden, die Pflanzenfresser müssen aber jeden Räuber erkennen. Die hellen Nächte sind die Zeit der Räuber.

Nachthimmel
Wirkte der Bolide am Nachthimmel anfangs so? Zwei Schweife, die in unterschiedliche Richtungen zeigen, sind bei Kometen häufig

Sauropode in der Nacht
Die Sauropoden sind, wie nahezu alle Dinosaurier tagaktiv und können nachts nicht gut sehen

Ein flacher, stachelbewehrter und stark gepanzerter Dinosaurier
Doch jetzt sind die Räuber auch nachts unterwegs, daher sind die Ankylosaurier noch ungenießbarer

zwei zweibeinige Dinosaurier in der Nacht
Auch diese Hadrosaurier sehen kaum etwas und finden keine Ruhe. Sie flüchten bei jeder Beunruhigung unkontrolliert

Drei kleine Flrischfresser greifen ein größeres Tier an
Zu Recht, denn die Jäger haben nachts noch mehr Erfolg als tagsüber

Tyrannosaurus frisst an einem Kadaver
Und sogar die großen Tyrannosaurier haben machen jetzt nachts Beute.

Für sie hat sich die Welt verbessert, wären da nicht die Sternschnuppen und sogar Meteore, die immer wieder kleinere und größere Lichtstreifen über den Himmel ziehen. Immer häufiger wirken sie sich auf der Erde aus. Feuerstreif, Überschallknall und schon rennen die sowieso bereits übernervösen Pflanzenfresser in heller Panik davon. Jeder noch so gut gelegte Hinterhalt ist dahin.

Die Apokalypse?

Der Tag versprach, noch schlimmer zu werden. Noch mehr Meteoriten, als in den letzten Tagen jagten über den Himmel, längst war „der Große“ auch am Tage zu sehen, doch nun schien er auch noch Hitze auszustrahlen. Die folgenden Ereignisse kann kein Augenzeuge überlebt haben: Als der etwa 10 km große Hauptkörper des Meteoriten in 100 km Höhe in die Atmosphäre eintrat, wurde er zunächst nur langsam vom Luftwiderstand abgebremst. Zwischen drei und zehn Sekunden brauchte der Brocken aus iridiumhaltigem Gestein und gefrorenen Gasen, um die Atmosphäre zu durchqueren und im Flachmeer des heutigen Golfes von Mexiko einzuschlagen.

Komet mit langem, breiten Schweif am Abendhimmel
Ähnlich wie der Koment McNaught 2006 könnte auch der KP-Bolide kurz vor dem Impakt ausgesehen haben. (Foto: Europäische Südsternwarte)

Der Bolide erreicht tiefere Zonen der Erdatmosphäre
Frühe Phase des Impaktes. Der etwa 10 km große Kern des Hauptkörpers trifft auf die Atmosphäre und fängt an, durch die Reibungshitze zu verdampfen.

Hierbei wurde seine Bewegungsenergie in Wärme umgewandelt, der gesamte Meteor verdampfte. Natürlich führte das zu einer gewaltigen Explosion, deren Druckwelle um den ganzen Erdball lief. Das Meerwasser verdampfte schlagartig, die eingeschlossenen Gase wurden frei, die Einschlagenergie war so gewaltig, dass das Grundgestein aufschmolz und vom verdunstenden Wasser in die Höhe gerissen wurde. Eine oder mehrere Erdbebenwellen der Stärke 11 oder 12 liefen durch die Erdkruste in alle Richtungen.

Der Einschlag verdrängte aber auch große Mengen Wasser, die nicht vollständig verdampften. Diese Massen wurden zum ersten Tsunami, der sich ringförmig mit dreifacher Schallgeschwindigkeit vom Impakt entfernte. Kaum flossen die ersten Wellen zurück, sorgte die ungeheure Menge von aufgeworfenem und herabfallendem Gestein für eine zweite Flutwelle, die der ersten folgte und sich teilweise mit ihr vereinte.

Der erste Killer: Der Einschlag

So gewaltig der Einschlag auch war, er war der erste, aber nur regionale Killer. Neben den unzähligen Gesteinsbomben von Sandkorn bis Felsgröße töte er vor allem durch die ungeheure Hitze. Wasser verdunstete mehr oder weniger schlagartig, Heißdampf verbrühte alles Leben, Wälder verdorrten schneller, als sie sich entzünden konnten. Die dabei entstehende Thermik sorgte für lokale Stürme, die alle Feuer anfachten – bis die Druckwelle kam.

Doch der Einschlag hatte noch weitere, längerfristige Folgen. Das Material, aus dem der Bolide bestand, ist verdunstet und befindet sich in der Atmosphäre, zunächst als Gas, dann als Staub. Der Boden, den der Meteorit traf, bestand aus sulfat- und kohlenwasserstoffreichem Kalkstein. Kalkstein zerlegt sich bei Hitze, hierbei wird unter anderen Kohlendioxid frei. Dieses Kohlendioxid verblieb zunächst in der Atmosphäre und begann, für einen Treibhauseffekt zu sorgen. Das Sulfat gelangte als Schwefeldioxid ebenfalls in die Atmosphäre, während die Kohlenwasserstoffe zu Ruß und Kohlendioxid verbrannten. Zusammen mit dem iridiumhaltigen Staub schatten Ruß und Schwefeldioxid die Erde ab, was nach einigen Tagen zu einem rapiden Temperaturabfall und schließlich zu einem Impaktwinter führte.

Der zweite Killer: Die Druckwelle

Die überschallschnelle Druckwelle raste durch die Atmosphäre. Sie war der zweite Killer. Bäume wurden entwurzelt und davon geweht, Äste, Geröll, ja sogar Sand und Blätter wurden zu tödlichen Geschossen. Die Winde erreichten alles, was nicht zufällig im Windschatten sehr solider Felsen lag, und dort bestand die Gefahr, von schwereren mitgerissenen Körpern erschlagen oder von Sand und Kies bedeckt zu werden. Wer nicht in Höhlen Schutz suchen konnte, war verloren.

Weltkarte mit den Kontinenten am Ende der Kreidezeit
Karte der Erde vor etwa 69,4 Millionen Jahren. Rot markiert der Chixulub-Krater, Gelb der Réunion-Plume, der die Dekkan-Trapps ausspieh

Schwarzweißbild mit unzähligen in eine Richtung umgeworfenen Baumstämmen
Das Tunguska-Ereignis 1927 hat „nur“ große Waldflächen in Mitleidenschaft gezogen. So etwas ist am besagten Tag auch passiert.

Zunächst löschte die Druckwelle die Feuer, wie wenn man eine Kerze oder ein Streichholz ausbläst. Aber das Brennmaterial kühlte in der Impakthitze nicht ab, so brachen die Feuer schnell wieder aus. Meteoriten und geschmolzenes Gestein aus dem Impakt fachten weitere Brände an. Gewaltige Brände, die in den folgenden Stürmen genug Sauerstoff bekamen, um zu verheeren. Ein Feuersturm zog über den Südosten Nordamerikas und das heutige Mexiko hinweg. Aber nicht lange.

Der dritte Killer: Die Erdbeben

Ebenso schnell wie die Druckwelle begann sich ein Erdbeben vom Einschlagkrater weg zu bewegen. Anders als die Luft wurde es nicht verlangsamt, sondern bewegte sich mit Schallgeschwindigkeit durch Erdkruste und Erdmantel. Die ursprüngliche Stufe 11 oder 12 wird es nicht an jedem Ort erreicht haben, aber nahezu überall wird es schwere Schäden angerichtet haben. Lose Flanken an Bergen lösten sich und fielen als Lawinen zu Boden, sie werden auch lokal erste Tsunamis ausgelöst haben. Schwemmlandböden wurden kurzzeitig weich, Lockergesteine zerfielen, so dass Dünen und Flussterrassen einbrachen. So wurden die Erdbeben zu den dritten Killern, Killern mit Langzeiteffekt:

Einbrechende Flussterrassen oder Berghänge haben Flüsse kurz oder lang aufgestaut. Stauseen sind entstanden, die sich bald mit ausgerissenen Bäumen füllten. Diese Biomasse war zu viel für die Seen, viele von ihnen kippten um. Gleichzeitig wurden durch die Beben ungeheure Mengen Sedimente mobilisiert. Sie trübten Bach- und Flussläufe und gelangten früher oder später ins Meer.

blaues Wasser mit einem abgestorbenen Baum
Der saure Regen und die ungeheuren Mengen Biomasse lassen die Gewässer umkippen

Schäumender Gebirgsfluss
Erdbeben lassen Seen ablaufen und stauen Flußläufe auf. Die Landschaft verändert sich

Die Erdbebenwellen erreichten aber noch weitere Zerstörungen. Durch die starken Beben lösten sich lokale Verspannungen der Kontinentalplatten. Das führte zu weiteren Nachbeben, oft noch Tage oder Wochen später. Hierdurch verschoben sich auch Vulkanschlote unter den bisher abdichtenden Kratern. Insgesamt stieg die vulkanische Aktivität an.

Am dem Einschlag entgegengesetzten Teil der Erde trafen sich die Schockwellen und addierten sich. Dieser Punkt liegt im Indischen Ozean, etwa dort, wo sich heute der Reunion-Plume befindet. Vor 66 Millionen Jahren lag die Landmasse des Indischen Subkontinentes über diesem vulkanischen Hotspot. So kam es zu den Ausbrüchen, aus denen die Dekkan-Trapps entstanden, bis zu 2000 m mächtige Schichten aus Basalt, die sich ursprünglich über mehr als 1,5 Millionen Quadratkilometer erstreckten. Sie entstanden in einem Zeitraum zwischen 500.000 und 9 Millionen Jahren. Vermutlich war der Einschlag des Meteoriten am besagten Tag Auslöser für die vulkanische Aktivitäten.

Der vierte Killer: Flutwellen

Luftdruckwelle, Erdbeben und die daraus resultierenden Bergstürze werden lokale, vielleicht regionale Tsunamis ausgelöst haben, doch der größte Tsunami war bereits unterwegs. Während am heutigen Golf immer noch Gestein vom Himmel regnete und sich im Laufe eines Tages zu einem Kraterring von 130 m Höhe auftürmte, rasten Wassermassen als vierter Killer den Kontinenten entgegen. Das erste Land, das sie erreichten, war das flache Schwemmland im heutigen südlichen und mittleren Westen der USA. Er rollte weiter durch den nach Süden offenen Western Interior Seaway, erreichte die Molassegebiete am Fuße der Rocky Mountains und wälzte sich weit auf den Kontinent, bis ins heutige Illinois. Der Tsunami begrub alles unter sich, brennende Wälder, frisch zerrüttete Schwemmländer – und Dinosaurier. Die sich zurückziehenden Wassermassen spülten die verbrannte Vegetation ins Meer. Zurück blieb ein völlig verwüstetes Land, über das möglicherweise noch weitere Tsunamis hereinbrachen.

Doch nur eine regionale Katastrophe?

In schwächerer Form erreichten die Tsunamis auch Südamerika, Nordwest-Afrika und Europa. Auch hier richteten sie großflächige Verwüstungen an. Dennoch war die Zerstörung bei weitem nicht so verheerend wie in Nordamerika. Kleinere Meteoriten werden auch hier eingeschlagen sein, was zu lokalen Bränden geführt hat. Und nicht zu vergessen: Erdbeben der Stärke 10 bis 12 sind gewaltige Killer, selbst wenn man nicht in Gebäuden lebt.

Zwei Männer mit Pferden in hüfttiefem Schlamm und Staub
So heftig die Schäden am Mt. St. Helens 1980 auch waren, bald begann die Natur, die Verwüstung zurück zu erobern. (Foto: US Geological Service)

der ausgebrochene Mount St. Helens ohne Spitze und der davor liegende Spirit Lake voller Baumstämme
Seen sind voller Baumstämme und Schlamm, oft ist der Abfluss blockiert, bis…. (Foto: US Forest Service)

Durch die Druckwelle und die Erdbeben hatte sich die Landschaft in wenigen Minuten gewaltig verändert. Viele, vor allem die großen Tiere werden diesen Kräften direkt zum Opfer gefallen sein, kleinere sollten erst später ernsthafte Probleme bekommen. Generell ist aber nichts passiert, was die Natur nicht hätte wegstecken können.

Der Overkill erfolgt durch Vulkane

Doch da waren ja noch die Vulkane. Sie stießen gewaltige Mengen schwefelhaltige Verbindungen aus. Diese reflektieren das Sonnenlicht und führten zu einer Abkühlung des Klimas. Damals, so schätzen Wissenschaftler, wurden über 300 Milliarden Tonnen Material in die Atmosphäre gepumpt, durch den Impakt, die Feuer und Vulkanismus. Die globale Temperatur sinkt nach dem Hitzepeak des direkten Einschlages um sagenhafte 26°C. Zum ersten Mal seit mindestens 100 Millionen Jahren sinkt die globale Durchschnittstemperatur unter den Gefrierpunkt.

Ausbruch eines Vulkanes mit glühender Lava und dunklen Aschewolken
Dünnflüssige Lava wie die der Dekkan-Trapps tritt heute auf Hawaii zutage, doch in Indien waren es mehrere Jahrmillionen.

Grünes Farn zwischen Lava-Gestein
Das Leben findet seinen Weg, auch die Lavafelder der Dekkan-Trapps wurden schnell besiedelt

Anders als der Krakatau, dessen Ausbruch nur fünf Tage dauert, spien die Vulkane der Dekkan-Trapps viele hunderttausend Jahre basaltige Lava. So wurde über sehr lange Zeit das Sonnenlicht gefiltert, die Temperatur der Erde sank. Pflanzen fehlten Wärme und Licht zum Wachsen, denn der Impakt und die Vulkane verschoben die Klimazonen zum Äquator. Wo es vor wenigen Tagen noch subtropisch war, herrschte nun kaltgemäßigtes Klima, wo es kaltgemäßigt war, drohten nun subpolare Bedingungen. Dies war das Ende für viele Nahrungsketten an Land: die kleineren Tiere fanden nichts zu fressen, nachdem die Kadaver der Großtiere aufgebraucht waren.

Die Nahrungsketten im Süßwasser wurden auf ähnliche Weise unterbrochen. Sie bekamen zusätzlich noch die neue, starke Sedimentfracht zu spüren: Bodenlebewesen wurden zugedeckt, Laich von Fischen und Amphibien konnte sich nicht entwickeln. Wasserpflanzen und Algen hatten nicht genug Licht, das erste Mal seit mehreren Millionen Jahren froren die Gewässer außerhalb der Antarktis zu. Dazu kam eine Überfrachtung mit Nährstoffen aus toten Tieren und Pflanzen. Viele Gebirgsflüsse werden aufgestaut worden sein, überall dort, wo Wasser stagniert, reichte der Sauerstoff nicht mehr aus, um die Nährstoffe oxidativ abzubauen, die Gewässer kippten um. Fische erstickten, Landtiere starben am vergifteten Wasser.

Der Regen als Vollstrecker

Durch den Impakt verdunsteten enorme Mengen Wasser. Sie verteilten sich schnell in der aufgeheizten Atmosphäre, aber fielen genauso schnell als Regen wieder herunter, sobald sich die Atmosphäre abkühlte.

Dabei vollstreckten sie, was die anderen Reiter der Apokalypse begonnen hatten. Sie wuschen Staub aus der Luft, der als Schlamm in allen Gewässern landete. Was für Landtiere nur lästig war, wurde im Wasser zum ernsten Problem. Die Wasserkörper trübten sich ein, das sowieso schon schwache Sonnenlicht drang nicht mehr zu den Wasserpflanzen, planktonischen Algen und nicht zuletzt zu den Korallen durch, sie begannen, abzusterben.

Schlammiges Ufer mit abgestorbenen Baumstümpfen
Schlamm, wohin das Auge blickt. Die Korallenriffe sind unter diesem Leichentuch begraben

Lehmiger Fluss
Der Regen nimmt den Staub und die Asche vom Land, gräbt Rinnsale und trägt sie in die Flüsse

Auf dem Land fehlte die Vegetation, die den Humus fixiert, fehlte. So konnte Regen große Mengen davon ausspülen. Flüsse brachten ihn ins Meer, wo sich die feinen Humuspartikel mit der Strömung verteilten. Sie deckten sich wie ein Leichentuch über sterbende Korallenriffe und Seegraswiesen.

Aber selbst diese apokalyptischen Zustände sind noch zu toppen. Und wieder ist es der Regen, diesmal gemeinsam mit den Vulkanen, der es vollbringt. In der Atmosphäre reagieren Kohlendioxid, Schwefeldioxid und Schwefeltrioxid mit der Luftfeuchtigkeit. Es entsteht genau das, was schon in den 1980er Jahren ein großes Umweltthema war: saurer Regen. Nicht ein bisschen, von ein paar tausend Tonnen Braunkohle, sondern weltweit und von vielen Millionen Tonnen vulkanischem Auswurfmaterial. Über mindestens 500.000 Jahre. Böden laugten aus, Pflanzen wurden verätzt und die Meere versauerten.

Der Zusammenbruch des Nahrungsnetzes im Meer

Der saure Regen wird es am Ende gewesen sein: Mindestens 90% des Planktons verschwand, insbesondere Arten mit Kalkschalen. Auf dem Plankton bauen nahezu alle marinen Organismen ihre Nahrungsgrundlage auf. Fehlt es, verhungern die Planktonfresser, die kleinen Raubfische haben nichts zu fressen und die größeren Tiere schwimmen nur noch suchend durch die Meere. Der Zusammenbruch dauerte vermutlich einige tausend Jahre länger als an Land, war aber mindestens genauso nachhaltig.

Das Ende der Dinosaurier

Der Impakt hat regional, vor allem in Nord- und Mittelamerika, Teilen von Südamerika und Afrika sofort nahezu alles an Leben zerstört. Hier hat kaum ein Dinosaurier den Einschlag überlebt, und wenn doch, wird er kurze Zeit später verhungert sein.

In Europa, Teilen Afrikas, Südamerikas, Asiens, in Australien und auf der Indischen Insel wird es anders gewesen sein. Der Impakt hat große Opfer gefordert, möglicherweise sind ganze Tierarten direkt durch ihn ausgestorben. Aber er hat nicht so verheert wie in den Amerikas. Ohne die Vulkanausbrüche mag es 5.000 bis 10.000 Jahre gedauert haben, bis sich die Natur von den Impaktschäden erholt hat. Viele, vor allem große Tierarten wären ausgestorben, aber kleinere Arten, auch Dinosaurier hätten überlebt. Dass sie das Potenzial hatten, wieder zu Riesen heranzuwachsen, hatten sie mehrfach bewiesen.

Doch die fehlende Wärme und das fehlende Licht bringen die Land-Ökosysteme zum Zusammenbruch. Vielleicht hat es noch eine Generation Dinosaurier geschafft, sich fortzupflanzen. Wenn, dann war vermutlich die Gegend, in der heute Pakistan liegt, die letzte Bastion. Bis hier hatten sich die Folgen des Impaktes nur sehr abgeschwächt zu spüren bekommen, die Vulkanwolken wurden vom tropischen Windsystem zunächst vermutlich auf der Südhalbkugel gehalten und die Sonne sorgte noch für angenehme Temperaturen. Vermutlich waren es kleine bis mittelgroße Tiere, die sowohl von Aas wie von kleinen Tieren leben konnten. Sie fanden anfangs Nahrung, ihre Feinde waren größtenteils verschwunden, wenn sich Paare gefunden haben, werden sie sich vermehrt haben – bis ihnen die Nahrung ausging.

Wie starb der letzte Dinosaurier?

Im Zwielicht des Tages stapft er durch den Matsch. Einzelne Büschel Farn, vielleicht auch Gras sind gewachsen, sie reichen bei Weitem nicht, um den Boden zu bedecken. Eiskristalle knirschen unter seinen Füßen, deren Haut ist aufgeweicht, zerschnitten, entzündet. So sehr, dass er kaum auftreten kann. Seine Federn sind zur Unkenntlichkeit verschlissen, die Augen trüb und gelb verkrustet. So richtig kann er nicht mehr hören und die Knie machen auch nicht mehr das, was er will. Er ist weit gewandert, in der Hoffnung, hier Wasser zu finden – Wasser und vielleicht einen toten Fisch, eine Eidechse oder sogar ein leckeres Ei eines größeren Tieres.

Doch außer altem Holz wittert er nicht viel. Bevor er sich ran macht, mit den Krallen einen der morschen Stämme aufzukratzen, um wenigstens ein paar Käferlarven zu finden, möchte er einen Schluck Wasser trinken. Danach geht es im sicher besser. Am Ufer angekommen beugt er sich vor, legt den Unterkiefer ins Wasser, wie er es immer getan hat. Doch diesmal versagen die Knie den Dienst, der letzte Dinosaurier kippt auf die Seite. Noch einmal durchatmen…

Ein Ammoniten-Schlachtfeld
Am Strand wurden massenhaft tote Ammoniten angeschwemmt,

Ein frühes Säugetier beobachtet den letzten Dinosaurier
Starb der letzte Dinosaurier, ohne wirklich gelebt zu haben?

Oder war es weniger dramatisch?

Schon tagsüber war das Piepsen zwischen den Eiern im Sand zu hören, dem letzten Nest eines Dinosauriers. Von zehn Eiern hat sich in der vergifteten Atmosphäre nur eines entwickelt. Doch wider Erwarten konnte das Tier schlüpfen. Eine kleine Schnauze durchbricht bei Sonnenuntergang die Eierschale, wenige Minuten später schaut der Kopf aus dem Ei. Er erblickt den Sand um sich herum und ein paar dürre Ästchen, die sich nach dem fahlen Licht einer staubigen Sonne recken. Eine Mutter hat das Junge nicht mehr, sie ist vor Tagen gestorben.
Selbst wenn das Küken gesund wäre, ist das Verlassen der Eierschale ohne die Hilfe der Mutter ein schwieriger Akt. Aber es ist nicht gesund, Arme und Beine sind verkrüppelt, die Knochen verkrümmt und zu weich. Die Eierschale zu zerbrechen und einige Schritte zu laufen, so dass sich der schwarzgrüne Schwanz entfalten kann, hat seine ganze Energie verbraucht. Wie zusammengebrochen liegt es im Nest. Vorsichtig nähert sich ein braun-weiß gezeichnetes, haariges Tier. Sein Instinkt sagt dem Küken, dass es jetzt piepsen soll. Der Instinkt trügt…

Kaum wurde es kalt, wurde es auch schon wieder warm

In der Wissenschaft herrscht Uneinigkeit, wie lange die Kältephase dauerte. Einig sind die Forscher, dass an ihrem Ende eine rapide Erwärmung der Erde stattfand. Das Kohlendioxid aus dem Impakt und vulkanisches Kohlendioxid aus den Dekkan-Trapps sorgten für ein Treibhausklima, so dass die Temperaturen von vor dem Impakt für etwa 50.000 Jahre sogar übertroffen wurden. Welchen Einfluss das auf das Massenaussterben hatte, wird kontrovers diskutiert.

Sind alle Dinosaurier ausgestorben?

Natürlich sind nicht alle Dinosaurier ausgestorben. Mittlerweile weiß jedes Kind, dass sie in Form der Vögel weiter existieren. Doch die Nicht-Vogeldinosaurier haben dieses Inferno vor 66,04 Millionen Jahren nicht überlebt. Ob sie nun direkt beim Impakt oder einige Jahre später gestorben sind, spielt erdgeschichtlich keine Rolle.

Mit den großartigsten Tieren aller Zeiten starben auch alle Meeresreptilien bis auf die Wasserschildkröten. Die Ammoniten wurden vom Antlitz des Planeten gefegt, ebenso verschwanden viele andere kalkschalige Meerestiere. Was kaum jemand weiß: auch die Vögel mussten Federn lassen. Alle archaischen Gruppen, z.B. Enantiornithes, Ichthyornithes, Hesperornithes sind ausgestorben, nur die „modernen“ Vögel der Neornithes überlebten den Impakt.

Sonnenuntergang hinter einem Wald mit einem fliegenden Schwarm Vögel
Vögel sind die Nachkommen der Dinosaurier, aber auch sie mussten Federn lassen

Sitzender Emu mit goldenen Augen
… wer weiß, wieviel Dinosaurier noch im Blick dieses Emu steckt?

Insgesamt nimmt man heute an, dass die Detritus-Fresser, die am unteren Rand des Nahrungsnetzes stehen, eine Schlüsselfunktion beim Überleben nach der Impakt-Katastrophe hatten. Detritus ist in großer Menge angefallen, wie ja auch oben mehrfach geschildert. Wer von Detritus lebte, hatte eine gute Chance, zu überleben. Genauso wie kleinere Generalisten, während spezialisierte Fleisch- oder Pflanzenfresser unter den Säugern ausstarben. Eidechsen und Schlangen wurden hart getroffen, Krokodile schienen den Impakt vergleichsweise gut weggesteckt zu haben. Kein Landtier mit mehr als 15 bis 25 kg überstand die Krise, hier darf spekuliert werden, ob Trinkwasser die limitierende Ressource war.
Süßwasserbiotope waren wohl ein vergleichsweise sicherer Lebensraum, denn hier sind „nur“ 50% der Arten verschwunden.

Letztlich verursachte der Impakt, der als Chicxulub-Einschlag bekannt wurde, eines der einschneidendsten Massenaussterben der Erdgeschichte. Ob es der einzige Grund war, dass Säugetiere die „Herrschaft“ von den Dinosauriern übernehmen konnten, ist unklar. Vermutlich wäre mit einer langsameren, über Jahrmillionen laufenden „Übergabe“ zu rechnen gewesen. Möglicherweise gäbe es Nichtvogel-Dinosaurier sogar heute noch.

Eine Bisonherde mit Jungtieren
Hätten sich die Säugetiere durchsetzen können, ohne die Konkurrenz der Dinosaurier?

Rekonstruktion eines großen Fleischfressers vor Hochhäusern
Wer weiß, vielleicht ist es doch besser, dass sie ausgestorben sind?

Sind die Dinos wirklich ausgestorben?

Graphic Design zum KongressOder haben einzelne Dinosaurier doch bis heute überlebt? Auf der Vortragsreihe „Auf der Suche nach Mokele Mbembe“ am 12. Oktober diskutieren wir das mit drei internationalen Referenten die Frage, ob es im Kongo-Raum noch überlebende Dinosaurier gibt.

Immer wieder gibt es entsprechende Beobachtungen, auch einige Pygmäenvölker berichten von unheimlichen Riesentieren, die sogar Elefanten töten.

12. Oktober 2019 im Galileo-Park in Lennestadt-Meggen im Sauerland. Noch gibt es Restkarten!


Literatur:

Gulik et al. (2019): The first day of the Cenozoic; https://www.pnas.org/content/early/2019/09/04/1909479116

Robertson et al. (2004): Survival in the first hour of the Cenozoic; https://doi.org/10.1130/B25402.1

Robertson et al. (2013): K‐Pg extinction: Reevaluation of the heat‐fire hypothesis; https://doi.org/10.1002/jgrg.20018

Brugger et al. (2016): Baby, it’s cold outside: Climate model simulations of the effects of the asteroid impact at the end of the Cretaceous; https://doi.org/10.1002/2016GL072241

Longrich et al. (2011): Mass extinction of birds at the Cretaceous–Paleogene (K–Pg) boundary; https://doi.org/10.1073/pnas.1110395108

Europäische Südsternwarte mit dem Foto des Kometen McNaught





Der Loch Ness-Aal – oder was die eDNA-Analyse (nicht) geliefert hat

 

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen.
Berthold Brecht

Was vorher geschah:

eDNA: Professor Gemmel hält die Welt in Atem

eDNA-Analyse: Geheimnis um Nessie „gelüftet“

Professor Neil Gemmell hat mit der Ankündigung, in seinen eDNA-Proben aus Loch Ness sei etwas ungewöhnliches, einen großen Medienzirkus heraufbeschworen. Die Pressekonferenz letzte Woche in Drumnadrochit am Ort der meisten Nessie-Sichtungen war gut besucht, The Sun hat sie sogar live gestreamt.

„Nur“ Aal-DNA

Direkt zu Anfang hat Gemmell, der von der Universität in Otago auf der Südinsel Neuseelands kommt, einige Spekulationen ausgeschlossen. So hat er keine reptilische DNA im Loch gefunden, ebenso fehlte die DNA von Haien, Stören und Welsen. Auf der Pressekonferenz wies Gemmell mehrfach darauf hin, dass seine Arbeitsgruppe in jeder Probe Aale nachweisen konnte.

Kasten: eDNA

Die Methode der Lebensraumuntersuchung mit eDNA ist vergleichsweise jung. Jedes Lebewesen verliert permanent DNA-haltiges Material (wie man spätestens aus den CSI-Serien weiß). Diese DNA gelangt in die Umwelt und wird dort mehr oder weniger schnell abgebaut. Mittels moderner Methoden der Vervielfältigung (PCR) kann man sehr kleine DNA-Mengen finden und analysieren, so dass Wasserproben von einigen 100 ml ausreichen, um ein Lebewesen in einem Lebensraum nachzuweisen.
Prof. Gemmell und sein Team haben 250 Wasserproben aus allen möglichen Ecken des Loches genommen und analysiert.

Leider hat die Arbeitsgruppe bisher noch keine vollständige Liste der Vergleichssequenzen und der Treffer veröffentlicht. Die Daten der Pressekonferenz sind also als teilweise Vorveröffentlichung zu werten.

„Wir fanden erhebliche Mengen menschlicher DNA und vieler Arten, die direkt mit uns zusammenleben, so wie Hunde, Schafe und Rinder“ beschreibt er seine Funde. „Außerdem fanden wir Wildtiere wie Hirsche, Dachse, Füchse, Hasen, Wühlmäuse und zahlreiche Vögel.“

Tafel, die Plesiosaurier, Haie und Welse als Nessie ausschließt und einen Riesenaal vorschlägt
Der Stein bzw. die Tafel des Anstoßes. Gemmell et al. fanden riesige Mengen Aal-DNA, aber keine Menge Riesenaal-DNA. Image Credit: University of Otago

Was tatsächlich Aufsehen erregte

Gemmell betonte auch bei der Pressekonferenz, dass er große Mengen Aal-DNA feststellen konnte. Er stellte sich selbst die Frage, ob sie von vielen kleinen Aalen oder von einem großen Aal stamme. Dabei passierte ihm offensichtlich eine Verwechslung von Meter und Fuß, als er sagte „Aale können 4 bis 6 Meter lang werden“. Diesen Fehler konnte er auf der Pressekonferenz nicht mehr korrigieren, jedoch auf einer später herausgegebenen Tafel. Hier wird der größte bekannte Europäische Aal mit 6 Fuß Länge gezeigt. Diese Tafel ist in mehrfacher Hinsicht eindeutig: bei den von Gemmell festgestellten Aalen handelt es sich um Europäische Aale Anguilla anguilla und nicht um Meeraale wie Conger conger, die durchaus größer werden. Gleichzeitig gibt sie eine Maximallänge von 1,8 m (oder 6 Fuß) an. Das ist bereits sehr optimistisch.

Neil Gemmell kommt aus Neuseeland. Der dort vorkommende Neuseeländische Langflossenaal Anguilla dieffenbachii erreicht tatsächlich eine Länge von 1,8 m und etwa 15 kg. Könnte das der Grund einer Verwechslung sein?

Wie groß können Europäische Aale werden?

Ein Mann in einem feinen Anzug hält einen großen, toten Aal hoch
Rekordfang 1960 im Steinhuder Meer, ein Aal von 123 cm und über 5 kg.

Dekker et al. untersuchten fast 100.000 Silberaale, also potenziell geschlechtsreife Tiere aus dem Ijsselmeer und fanden eine Maximallänge von 101 cm, bei einem Gewicht von 2137 g.

Fishbase liefert ähnliche Größen. Ein sehr großer Aal wurde 105,0 cm lang und stammte aus der Laguna Comacchio bei Ravenna in Italien. Weitere Tiere mit 112 cm und 135 cm stammen aus Frankreich und Italien. Angaben von 143 cm und 150 cm aus Irland werden als zweifelhaft erachtet.

Schottische Aale wurden ebenfalls intensiv untersucht, so in Loch Davan und Loch Kinord. Der größte in Loch Davan nachgewiesene Aal stammt aus einer Untersuchung von 1999 und maß 69 cm in der Gesamtlänge. Das größte Tier aus dem Loch Kinord wurde mit 71 cm nur unwesentlich größer (Carss et al.).

Die Einträge auf Sportfischerseiten zeigen etwas größere Tiere, die als Rekorde gelten. So werden bei fishing-worldrecords.com folgende Daten angegeben:

  • 123 cm, 5,38 kg aus dem Steinhuder Meer im Jahr 1960, mit Bildbeleg.
  • 7,00 kg ohne Länge aus dem Orlik Reservoir in der tschechischen Republik, 1987
  • 8,25 kg ohne Länge aus dem Cuckmere River im Vereinigten Königreich in den 1920ern.

Größere Längenangaben stammen meist aus populären Werken oder Übersichtspostern und sind nicht durch nachgewiesene Untersuchungen belegt.

Was passiert, wenn…

Aal auf dem Boden eines Aquariums
Der Europäische Aal Anguilla anguilla (Foto by Gerhard M, CC 3.0)

Europäische Aale beginnen im Alter von 15 bis 20 Jahren, kurz vor der Geschlechtsreife in den Atlantik zu wandern. Dort schwimmen sie in großen Tiefen in die Sargassosee vor der Ostküste der USA, wo sie laichen und sterben. Was genau dort passiert, ist nicht im Detail erforscht. Auf dem Weg in die Sargassosee werden die Geschlechtsorgane stark vergrößert, insbesondere die Weibchen wandeln einen großen Teil der Muskelmasse, aber auch innerer Organe in Laich um.

Was passiert, wenn man die Tiere am Abwandern hindert? Wachsen sie unaufhörlich weiter und erreichen so deutlich mehr Gewicht und Länge als oben angegeben? Ist so ein Loch Ness-Aal entstanden?

Bisher gibt es keine Belege dafür, dass so etwas passiert. Aale werden seit dem Beginn der Zoo-Aquaristik in den 1880er Jahren in Aquarien gehalten. Sie halten sich in ausreichend großen und passend eingerichteten Behältern sehr gut und erreichen im Vergleich zu freilebenden Tieren ein biblisches Alter. Sie werden im Aquarium oft 40 Jahre und älter. Das älteste in einem Zoo belegte Exemplar wurde 88 Jahre alt. 2014 starb der mutmaßlich älteste Aal in einem Hausbrunnen in Schweden in einem Alter von 155 Jahren. Bei keinem dieser Tiere wird eine ungewöhnliche Größe gemeldet.

Was wäre mit einer Mutation?

Spielfigur "Hulk"
Groß, stark und vor allem grün. So funktionieren Mutationen in Hollywood, aber nicht in der Biologie

Die populären Vorstellungen zu Mutationen sind sehr divers und unterscheiden sich oft grundlegend vom tatsächlichen Ablauf. Hollywood hat hier je nach Mode verschiedene Gründe geschaffen, von „Weltraumstrahlung“ über Radioaktivität, Gifte (vor allem grüne) und nicht näher benannte Maschinen sind hier sehr beliebt. Meist wird ein Tier oder Mensch mehr oder weniger absichtlich und lange diesem ausgesetzt und hinterher kommt wahlweise ein Riese, Hulk, Spiderman, Tier-Mensch-Mischwesen oder sonst etwas heraus, das dann in der Geschichte wahlweise Probleme bereitet oder sie löst.

Doch die Biologie macht es etwas anders. Hier wird komplett auf Knall- und Raucheffekte verzichtet, auch grüner Schleim spielt nur selten eine Rolle. Strahlung und mutagene Substanzen, beispielsweise Benzol sind die wichtigsten äußeren Faktoren.

In aller Regel gehen Mutationen „ins Leere“, sie wirken sich nicht auf den Organismus aus. Entweder kann eine Zelle die durch die Mutation entstandenen Schäden auffangen oder geht zugrunde. Weitere Folgen sind in extrem seltenen Fällen Tumore. Damit Mutationen für ein besonderes Größenwachstum sorgen, müssen ganz bestimmte Gene betroffen sein. Dies können Gene sein, die das Größenwachstum begrenzen, in dem sie die Freisetzung von Wachstumshormonen steuern.

Der größte, aktuell lebende Mensch ist vermutlich Sultan Kösen. Der Kurde misst 251 cm und wiegt 155 kg. Damit hat er einen ziemlich normalen Körperbau und ist „nur“ viel größer als die meisten anderen Menschen. Für Statistiker sehr praktisch: er ist 1,41 mal so groß, wie ein Durchschnittsmensch und wiegt ziemlich genau 2 x soviel.

Ein wenig Statistik

Gaußsche Normalverteilungskurve in Blau und Weiß
So sieht die Gauß’sche Normalverteilung aus, wenn man sie grafisch darstellt.

Wie bei Menschen gibt es auch bei Aalen mittelgroße Tiere, sehr große Tiere, sehr kleine Tiere und alles dazwischen. Je mehr man sich einem Mittelwert annähert, um so mehr Aale dieser Größe finden sich. Diese Verteilung hat Carl Friedrich Gauß als Normalverteilungskurve bezeichnet (siehe Bild). Sie besagt einiges, was auf den ersten Blick nicht sichtbar ist:

  • Der Mittelwert ist ablesbar
  • Die Standardabweichung σ (Sigma) beschreibt die Breite der Verteilung. Dabei gilt:
  • 50% aller Messwerte haben eine Abweichung von höchstens 0,675 σ
  • 90% aller Messwerte haben eine Abweichung von höchstens 1.645 σ
  • 95% aller Messwerte haben eine Abweichung von höchstens 1,960 σ
  • 99% aller Messwerte haben eine Abweichung von höchstens 2,576 σ
  • 68,27% aller Messwerte weichen weniger als 1 σ vom Mittelwert ab oder
  • „je 15,865 % der Messwerte sind größer als Mittelwert + σ bzw. kleiner als Mittelwert – σ“.
  • 95,45% aller Messwerte weichen weniger als 2 σ vom Mittelwert ab oder
  • „je 2,275 % der Messwerte sind größer als Mittelwert + 2σ bzw. kleiner als Mittelwert – 2σ“.
  • 99,73% aller Messwerte weichen weniger als 3 σ vom Mittelwert ab oder
  • „je 0,135 % der Messwerte sind größer als Mittelwert + 3σ bzw. kleiner als Mittelwert – 3σ“.

Je weiter ich mich vom Erwartungswert, dem „Mittelwert“ der Verteilung entferne, desto unwahrscheinlicher ist ein Wert.

Am Beispiel der Aale

Einzelmaße der Aale und eine einfache Statistik
Längenverteilung der Aale im Text und eine einfache Auswertung

Um das Beispiel mit der Körpergröße wieder aufzugreifen: Bei einer (realen) Stichprobe wurden die Gesamtlängen von 37 gefangenen Aalen gemessen. Die Ausgangswerte kann man hier nachlesen: Growth parameters for Anguilla anguilla. Ich habe die beiden größten und kleinsten Werte als Ausreißer nicht zugelassen und so 37 Längenangaben für europäische Aale in der Rechnung. Die Durchschnittslänge liegt bei 75,8 cm, die Standardabweichung bei 21,9 cm.

Daraus lässt sich erwarten, dass

  • 68% eine Körperlänge im Bereich 75,8 cm ± 21,9 cm und
  • 95% im Bereich 75,8 cm ± 43,8 cm haben und
  • 99,7% im Bereich 75,8 cm ± 65,7 cm haben
  • 0,15% größer als 141,5 cm sind, in dieser Stichprobe wären diese Gruppe nicht vertreten.

68 % von 37 Aalen sind 25 Tiere. Diese 25 Tiere müssten im Bereich zwischen 53,9 und 97,7 cm liegen. Tatsächlich liegen 23 Tiere in diesem Bereich.

95% von 37 Aalen sind 35 Tiere. Diese 35 Tiere müssten im Bereich zwischen 32 cm und 119,6 cm liegen. Tatsächlich liegen 36 Tiere in diesem Bereich.

Ein Aal von „nur“ 2 m Länge liegt bereits 5,67 Standardabweichungen vom Mittelwert entfernt. Seine mathematische Wahrscheinlichkeit in dieser Stichprobe liegt bei etwa 1: 100.000.000. Und das nur, wenn biologische Gründe nicht dagegen stehen:

Der Korpulenzfaktor, zum Ausschluß des „Aal-Syndroms“

Zwei Dampfloks, eine normal groß und eine auf die doppelte Länge verlängert
Auch wenn es so aussieht: die Lok unten ist nicht doppelt so groß, wie die Lok oben. Nur doppelt so lang. Höhe und Breite sind gleich geblieben.

In vielen Berichten sind außergewöhnlich lange Fische für ihre Länge zu leicht. Eine Verdoppelung der Länge bedeutet nicht eine Verdoppelung des Gewichtes. Ich habe das am Beispiel des Dampflokmodells rechts dargestellt: Der Fisch wäre einfach nur in die Länge genudelt: aus einem Barsch wird ein Aal, das „Aal-Syndrom“.

Eine Verdoppelung der Länge unter Beibehaltung der Körperproportionen bedeutet, dass sich auch Körpertiefe und Körperhöhe verdoppeln, das Gewicht also in der dreifachen Potenz zunimmt. Um dieses zu überprüfen, liefert der Korpulenzfaktor (KoFa). Er berechnet sich aus Gewicht (g) x 100 / Länge (cm)³.

Der Rekordaal aus dem Steinhuder Meer von 1960 wog 5,38 kg bei 123 cm Länge. Hieraus ergibt sich ein Korpulenzfaktor von 0,289 oder etwa 0,290.

Ein 200 cm-Aal würde mit einem ähnlichen KoFa würde bereits 23 kg wiegen. Man beachte die oben genannten Rekordmaße von 7,00 kg und 8,25 kg. Das Tier wäre bereits fast dreimal so schwer, wie der bisher schwerste je gefangene Europäische Aal.

Ein von Gemmell postulierter Aal mit 4 m Länge hätte bei dem gleichen KoFa ein Gewicht von satten 185 kg. Wie soll ein Tier, dessen ganzer Körperbau auf etwa 2 bis 4 kg ausgelegt ist, ein solches Vielfaches dieses Gewichtes überhaupt anfressen, erhalten und dann auch noch (schnell) bewegen?

Was Gemmell nicht gefunden hat: den Riesenaal!

Ein freundlich aussehnder, kahlköpfiger Mann im Portrait
Prof. Neil Gemmell, Leiter der Studie

Die Arbeitsgruppe um Neil Gemmell hat keinen Riesenaal gefunden. Sie haben viel Aal-DNA gefunden. Die DNA-Proben geben keinen Hinweis auf die Größe der Aale, das hat er selbst in der Pressekonferenz betont. Dennoch ließ sich der Professor auf Spekulationen über einen Riesenaal ein. Bereits die von ihm angegebenen „normalen“ Maße sind für europäische Aale jenseits des Erreichbaren. Dass sein „um 50% größerer“ Aal jetzt auf einmal doppelt so lang ist, also achtmal so schwer ist, scheint nicht aufzufallen. Leider kennen sich Genetiker oft in der Zoologie ihrer eigenen Untersuchungsobjekte nicht wirklich aus.

So hat Prof. Gemmell Spekulationen über einen Riesenaal Tür und Tor geöffnet. Alle möglichen Phantasten springen jetzt in diese Lücke und spekulieren bereits über „verborgene Populationen“ von Riesenaalen im Loch Ness.


Leseempfehlung:

18. Juni 2019: eDNA-Analyse findet „etwas ungewöhnliches“ in Loch Ness – Professor Gemmell hält die Welt in Atem

05. September 2019: eDNA-Analyse: Geheimnis um Nessie „gelüftet“


Literatur:

Sci News: Scientists Find Significant Amount of Eel DNA in Loch Ness

Carss, et al. (2005): Spatial and temporal trends in unexploited yellow eel stocks in two shallow lakes and associated streams. J. Fish Biol. 55(3):636-654.

Dekker, et al. (2008): Minimal and maximal size of eel. Bull. Fr. Pêche Piscic. Number 349: 195-197.

Fishing World Records: Website Anguilla anguilla

ORF.at: Mutmaßlich ältester Aal der Welt verendet





eDNA-Analyse: Geheimnis um Nessie „gelüftet“

was vorher geschah: eDNA-Analyse an Loch Ness: Professor Gemmell hält die Welt in Atem

eDNA steht für envirnonmental DNA oder Umwelt-DNA. Ihre Analyse ist eine Möglichkeit, umfassend die Organismen eines Lebensraumes zu erfassen. Bei dieser Analyse gehen die Wissenschaftler davon aus, dass jeder Organismus DNA an die Umwelt abgibt. Das passiert über abgeriebene Hautzellen, Haare, Federn, Schuppen, Darmzellen im Kot, Zellen und Zellreste im Urin, kleinere Verletzungen und Ähnliches. DNA ist in der Umwelt halbwegs stabil. In einem Wasserkörper baut sie sich innerhalb von einer bis zwei Wochen ab, im Sediment kann sie länger überdauern. Eine Probe kann also immer nur einen kurzen Zeitraum repräsentieren.

Ein freundlich aussehnder, kahlköpfiger Mann im Portrait
Prof. Neil Gemmell, University of Otago (NZ), Leiter der Studie

Die Laborarbeit

Aus der Probe braucht der Wissenschaftler dann „nur noch“ die DNA heraus zu filtern und mit einer Polymerase-Kettenreaktion (PCR) zu vervielfachen. Dann kann er ihre Sequenz lesen und diese mit vorhandenen Sequenzen in Datenbänken vergleichen. So bekommt er (oder sie) dann drei mögliche Ergebnisse:

  1. Die gefundene Sequenz entspricht so sehr einer bereits bekannten Sequenz, dass sie sicher oder mit hoher Signifikanz einer bekannten Art zugeordnet werden kann.
  2. Die Sequenz kann nicht mit Sicherheit oder hoher Signifikanz einer Art zugeordnet werden, die nächstwahrscheinlichen Arten sind mit XY% diese Art und mit YZ% folgende Arten oder Gruppe.
  3. Die gefundene Sequenz kann keiner bekannten Art zugeordnet werden, zeigt jedoch in bestimmten Bereichen typische Sequenzen für folgende Gruppen: …

Die letzte mögliche Variante „Die gefundene Sequenz entspricht keiner bekannten Gruppe“ tritt heute kaum noch auf. Die seit über 30 Jahren gepflegten Gen-Datenbanken sind mittlerweile so vielfältig bestückt, dass nahezu jedes Lebewesen zugeordnet werden kann.

eDNA-Beprobung von Loch Ness

Ausgerechnet die University of Otago aus Neuseeland kam auf die Idee, im schottischen Loch Ness eDNA-Proben zu nehmen. Dass hierbei auch Nessie „beprobt“ würde, war dem Projektleiter, Prof. Neil Gemmell klar: Ziel ist ein detailliertes Profil der einzelnen Organismen in diesem See, nicht die Identifikation eines Monsters. Er bezweifle, dass es so etwas wie ein Monster in diesem See gäbe, aber würde sich von seinen Ergebnissen vom Gegenteil überzeugen lassen.

Eine andere Zielrichtung wird hierbei nicht thematisiert: die Methodik der eDNA ist relativ neu. Dennoch scheint sie ein valides Mittel zu sein, mit wenig Aufwand die Biodiversität eines Lebensraumes zu beurteilen. Mit der Auswahl des legendären Loch Ness und seiner Medienstrategie hofft Neil Gemmell vermutlich, damit zum „Gesicht“ dieser Methodik zu werden.


Der Ness ist nur 10 km lang und verbindet den Loch mit dem Firth of Moray

Ein mäßig breiter, flacher Fluß in einer gut begrünten Innenstadt
Der Ness-River vom Castle Hill in Inverness aus gesehen.

eine ruhige Wasserfläche mit wenigen Wellen, in der Mitte ein Gegenstand unbestimmbarer Größe, aus dem ein langer Fortsatz in einem flachen Bogen nach oben geht und dort wie abgeknickt wirkt
Das berühmte Nessie-Foto von Robert Wilson von April 1934.

„Umwelt-DNA ist eine neue Herangehensweise und hat Elemente einer Neuheit. Aber wenn man ihre Fähigkeiten, Leben in einem definierten System zu dokumentieren an einem der bekanntesten Gewässer der welt, in dem das Monster ‚Nessie‘ leben soll, kombiniert, nehmen die Leute wirklich Notiz.“ beschreibt Neil Gemmell die Motivation, ausgerechnet am anderen Ende der Welt (von Neuseeland aus gesehen) zu arbeiten.

250 Wasserproben und ein Katalog

Im Juni 2018 haben Neil Gemmell und sein Team 250 Wasserproben „in der ganzen Länge, Breite und Tiefe des Loch Ness“ genommen. Darin fanden sie sagenhafte 500 Millionen DNA-Sequenzen, die sie mit den vorhandenen Datenbanken abglichen. Keine Frage, so etwas dauert ein wenig. Die ersten Vorab-Meldungen im Juni 2019 berichtete Prof. Gemmell von 15 Fischarten und 3000 Bakterienarten im Loch. Da man eine solche Untersuchung trotz maximaler wissenschaftlicher Coolness nicht ohne den Gedanken an Nessie durchführen kann, fügte er hinzu: “Wir haben jede einzelne der Haupthypothesen zum Loch Ness Monster geprüft. Bei drei von ihnen können wir vermutlich sagen, dass sie falsch sind und eine von ihnen könnte ein Treffer sein.“ Dies sagte er der Tageszeitung „The Scotsman“ im Juni.

Der vollständige Katalog der Arten, „die Loch Ness ein Zuhause nennen“, wurde heute, am 5. September 2019 auf einer Pressekonferenz im Loch Ness Centre and Exhibition, Drumnadrochit, an den Gestaden des Loches enthüllt. Für 15 Fischarten und 3000 Bakterien ein ziemlicher Aufwand, aber Gespür für Dramatik hat Neil Gemmell allemal!

Lokaler Widerstand

Unter der lokalen Bevölkerung gab es Widerstand gegen die Studie. Die Beprobung selbst war kein Problem. Die Tatsache, dass Gemmell das Loch Ness Monster untersuchen will, stieß auf Unmut. Es ist längst Teil der regionalen Kultur geworden. Da es als Leuchtturm den Tourismus immer wieder ankurbelt, hat es auch eine große wirtschaftliche Bedeutung.
So kam die Idee auf, die Studie zu sabotieren, indem man den See mit völlig auszuschließender DNA kontaminiert. „Leider“ kam die Kotprobe eines Leistenkrokodils aus einem Zoo in England nicht an, wie das NfK aus ungewöhnlich gut informierten Kreisen erfuhr.

Stele mit der Bezeichnung "Loch Ness", der See im Hintergrund
Für die, die nicht wissen, wo sie sind…

Vier Menschen mit Schwimmwesten im Heck eines Bootes, im Hintergrund Urquhart Castle
Studienteilnehmer bei der Beprobung: Cristina DiMuri (University of Hull), Professor Neil Gemmell, Adrian Shine (Loch Ness Project), Gert-Jan Jeunen (University of Otago); Foto: Kieran Hennigan, Presserelease

Ein langhalsiges Wesen mit zwei flachen Flippern und Walschwanz, und zwei kurzen Hörnchen
Nessie, wie sie sich die Macher der „Monster“-Sonderausstellung des Naturkundemuseum Kassel vorstellen: Ein bißchen Plesiosaurier, ein bißchen Wal, zwei Buckel und winzige Hörner

Gemmells Haupthypothesen

Da Neil Gemmell Zoologe und Genetiker ist und biologisch arbeitet, wird jede der von ihm überprüften „Haupthypothesen“ mit einem Tier bzw. einer Tiergruppe zu tun haben. Dinge wie Baumstämme, umgedrehte Boote und aufsteigendes CO2, sowie Phänomene wie stehende Wellen und Luftspiegelungen und absichtliche Täuschungsmanöver sind somit auszuschließen.

Eine Lederschildkröte am Strand auf dem weg ins Wasser
Dass Lederschildkröten nach Schottland kommen, ist bekannt. Im Loch wurden sie noch nicht gesehen

Mehrere Rothirsche an einem halb mit Gras bewachsenen Schotterstrand
Rothirsche der Isle of Rum, in Schottland ein häufiges Bild

Eine Otterfamilie in einem Meeresarm
Eine Familie Fischotter in Loch Dunvegan bei Skye/ Schottland. So wirken sie fast wie eine Schlange

Große Reptilien

Hierzu zählen sowohl mesozoische Überlebende wie rezente Tiere. Mesozoische Überlebende, insbesondere die gerne gezeichneten Plesiosaurier sind aus zahlreichen Gründen unwahrscheinlich. Abgesehen von 65 Millionen Jahre fehlender Fossilüberlieferung ist Loch Ness ein glazialer See, der während der letzten Eiszeiten durch die Vereisung geformt wurde.

Die einzigen größeren Reptilien, die zumindest zeitweise bis nach Schottland kommen, sind Lederschildkröten. Nicht völlig auszuschließen ist, dass einzelne Tiere durch den Ness in den Loch gewandert sind. Unter Umständen sind sie dann auch durch eDNA nachweisbar, jedoch sind sie hier kaum überlebensfähig.

Über eine Lederschildkröte, die in Kanada in einem Fjord gefangen war, berichteten wir vor Kurzem.

Rothirsche

Rothirsche sind in den schottischen Highlands ein gewohntes Bild. Hält man sich abends an den etwas ruhigeren, offenen Ecken am Loch auf, ist es kaum möglich, sie zu verpassen. Die Tiere äsen in der Nähe des Lochs, trinken sein Wasser und hinterlassen so Haare, Hautschuppen und Fäkalien. Sie müssten also in der eDNA-Untersuchung nachweisbar sein.

Rothirsche sind ausdauernde Schwimmer, die den Loch durchqueren können. Eine in Reihe schwimmende Gruppe Rothirsche kann durchaus für ein großes, schlangenartiges Tier mit mehreren Buckeln gehalten werden.

Otter

Fischotter sind in Schottland weitaus häufiger als in Deutschland. Loch Ness bietet ihnen für die Jagd eher schlechte Bedingungen. Die relativ steilen Ufer und die nur kleinen Flachwasserzonen erlauben es den Fischen, in Tiefen zu fliehen, in die Fischotter nicht tauchen können. Um diesen Nachteil auszugleichen, bleiben Familienverbände oft über längere Zeit zusammen und jagen in einer koordinierten Treibjagd, bei der die Fische ins Flachwasser getrieben werden. Das passiert nicht nur am Loch Ness, sondern auch im Meer. Solche Familienverbände sieht man dort häufiger. Sie legen größere Strecken ebenfalls oft im „Gänsemarsch“ zurück, mit demselben optischen Effekt wie bei Rothirschen, nur dass Otter „etwas“ kleiner sind.

Große Fische

Lachse

Auch große Fische werden immer wieder als Grund für Nessie-Sichtungen genannt. Doch es ist gar nicht so einfach, hier einen Urheber zu finden. Loch Ness ist als Lachsgewässer bekannt. Der größte in britischen Gewässern gefangene Lachs wurde 1922 hier geangelt. Er maß 4 Fuß, 6 Inch, also etwa 137 cm, sein Abguss befindet sich im Inverness-Museum.

Es wäre unrealistisch, zu vermuten, dass Prof. Gemmell keine Lachs-DNA nachgewiesen hätte.

Abguss eines riesigen Lachses
Rekordlachs aus dem Jahr 1922 im Inverness-Museum. Das Tier war sagenhafte 137 cm lang

Ein langer, schlanker, urtümlich wirkender Fisch in flachem Wasser
Ein Stör von etwa 1,5 m Länge sonnt sich im Flachwasser eines Schauteiches

ein gestreckter, gefleckter Fisch in einem Aquarium
Europäischer Wels Siluris glanis, Foto von Akos Harka. Die Art kommt in Schottland nicht vor.

Störe

Ein weiterer großer Fisch, der zum Ablaichen ins Süßwasser wandert, ist der Stör. Auch hierfür gibt es Nachweise, so wurde schon 1661 ein über 3 m langer Stör bei Inverness beobachtet. Vermutlich handelt es sich hierbei um den eher kältetoleranten Atlantischen Stör Acipenser oxyrinchus. Ähnlich wie der europäische Stör A. sturio erreicht er Längen von über 3,5 m und wandert zum Laichen in Süßgewässer ein.
Fische dieser Größe, die in Flachgewässer eindringen, sollten eigentlich der lokalen Bevölkerung bekannt sein. Da Störe, trotz des Rufes als „sibirische Fische“ eher wärmere Gewässer bevorzugen, werden sie die schottischen Flüsse nur in sehr warmen Jahren besucht haben. 2018 war jedoch ein solches „warmes Jahr“, in Schottland das wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Sind Störe in den Loch eingewandert?

Der Wels

Der dritte „Große“ im Bunde ist der Wels Silurus glanis. Dieser Fisch, der für einen Süßwasserfisch sehr groß wird, kommt ursprünglich auf den britischen Inseln nicht vor. Ab 1880 hat man im Süden Englands die ersten Welse ausgesetzt. Die Tiere konnten sich aber nur in Seen und Talsperren etablieren. Flüsse haben sie hier nie dauerhaft erfolgreich besiedelt. Von der nördlichsten Verbreitung in der Nähe von Birmingham bis zum Loch Ness sind es über 500 km, und zahlreiche Wasserscheiden, die überwunden werden müssen. Hinzu kommt die klimatische Grenze: sind die Flüsse im Süden Englands schon zu kalt, so gilt das für Schottland erst recht: Welse sind hier nicht zu erwarten.

Große Aale

Aale sind in Schottland nichts Neues. Sie kommen regelmäßig als Europäischer Aal Anguilla anguilla vor, der als Jungtier ins Süßwasser wandert, dort heranwächst und als geschlechtsreifes Tier in die Sargassosee wandert, um dort zu laichen und zu sterben. Weibchen erreichen dabei Längen bis zu 1,5 m, oder britisch: 5 Fuß. Im Meer leben Meerale der Art Conger conger, die wesentlich größer werden. Sie erreichen regelmäßig über 2 m Länge, auch 3 m sind möglich. Allerdings wandert diese Art nicht ins Süßwasser.

Immer wieder gibt es Gerüchte um riesige Aale, die wesentlich größer werden, als bekannt. Belege gibt es hier nicht, dennoch kommen such sie als Erklärung für Nessie in Frage.

Meeressäuger

Die schottische See ist reich an Meeressäugern. Seehunde und Kegelrobben sind nahezu allgegenwärtig, das gilt auch für Hafen-Schweinswale. Vor der Ness-Mündung im Moray-Firth lebt die nördlichste stationäre Population Großer Tümmler. Auch andere Wale werden hier mehr oder weniger regelmäßig gesehen.

Mehrere Seehunde ruhen auf einem kleinen Felsen
Seehunde sind an der schottischen Küste allgegenwärtig

ein mittelgroßer Fluss im Wald mit einer bewachsenen Insel in der Mitte
Der Ness etwas stromaufwärts von Inverness Zentrum. Hier sollen regelmäßig Seehunde vorkommen

Zwei große Tümmler im Meer, einer taucht zu einem Drittel aus dem Wasser
Große Tümmler bilden vor der Ness-Mündung die nördlichste stationäre Population, aber sie sind nicht dafür bekannt, in den Fluss zu wandern

Von Seehunden ist es bekannt, dass sie oft den Ness hinauf wandern. Stromaufwärts des Zentrums von Inverness tauchen sie so regelmäßig auf, dass sie auf Stadtrundfahrten und in Reiseführern erwähnt werden. Stimmt das Nahrungsangebot, wandern sie selbstverständlich auch weiter stromaufwärts in dem Loch.

Die Berufsfischer im Loch kennen die Seehunde auch. Früher wurden gefangene Seehunde als Konkurrenz erschlagen, versenkt und totgeschwiegen. Das geht heute zum Glück nicht mehr, zum einen gibt es kaum noch Berufsfischer am Loch Ness, aber auch die permanente „Überwachung“ durch Nessie-Sucher und Webcams macht das unmöglich.

Wale werden vermutlich nur im Notfall in den flachen Ness einwandern, verlieren sie die Orientierung, könnten sie dann auch in den Loch schwimmen und dort sicherlich eine Weile überleben. Man denke hier an den Beluga im Rhein 1966 oder den Schnabelwal in der Themse 2006.

Die Pressekonferenz

Die Publikation der Studie sich deutlich verzögert. Es gab Verspätungen, unter anderem, weil ein Kamerateam die Arbeiten begleiten wollte. Loch Ness und das dazugehörige Monster spielen eine wichtige eine Rolle. Daher darf spekuliert werden, dass sich die Zeitschrift, die das Resultat am Ende abdruckt, im Peer-review-Prozess doppelt und dreifach abgesichert hat.

So kam es, dass die Ergebnisse nicht, wie geplant im Januar 2019 veröffentlicht wurden, sondern nach einer kurzen Vorab-Publikation im Juni erst im September vorgestellt wurden. Doch bereits im Juni wurden interessante Details bekannt, unter anderem die oben genannten 15 Fischarten.

“Gibt es in dem See etwas Mysteriöses? Mhm, das hängt davon ab, was man glaubt,“ sagt Gemmell. „Gibt es etwas Überraschendes? Ja, einige Befunde haben uns verblüfft.“ Der letzte Satz reichte aus, um die Pressekonferenz heute in Drumnadrochit zu füllen.

Loch Ness mit Bergketten an beiden Ufern und der Sonne hinter Wolken am gegenüberliegenden Ende
Wie verschlossen liegt Loch Ness an diesem Abend da, kaum eine Welle, und selbst das Licht wirkt bleiern. Noch birgt es seine Geheimnisse.

Die Ergebnisse

Im Rahmen der Studie haben die Wissenschaftler ja nicht nur nach Nessie gesucht, sondern zahlreiche Organismen feststellen können. Überraschend ist die hohe Zahl der ermittelten Organismen. Man wusste zwar, dass Süßwasser-Ökosysteme sehr viele mikroskopische Arten beinhalten, aber 30900 verschiedene Arten ist eine hohe Zahl. Natürlich hat Neil Gemmell die Pressekonferenz spannend gemacht, aber direkt mit der brennendsten Frage begonnen: „Gibt es einen Plesiosaurier in Loch Ness? – Nein. Es gibt absolut keinen Hinweis auf reptilische Sequenzen in unseren Proben. Wir können daher sicher sagen, dass kein großes, schuppiges Reptil in Loch Ness schwimmt. Es gibt keinen Beweis für einen Plesiosaurier oder andere Reptilien.“
Kurz drauf wurde er konkreter: Wels-DNA und Stör-DNA hat er keine gefunden.

„Wir haben große Mengen Aal-DNA in Loch Ness gefunden. (…) An jeder untersuchten Stelle gab es Aal-DNA, die schiere Menge hat uns überrascht. (…) Gibt es einen riesigen Aal? Möglich, wir wissen nicht, ob die DNA von einem großen oder kleinen Aal stammt. (…) Ich weiß nicht, ob das etwas ist, was wir plausibel testen können.“

Im nächsten Satz könnte Gemmell Meter und Fuß verwechselt haben: „Sie wachsen normalerweise zu vier bis sechs Metern Länge, aber einige Leute sagen, sie hätten größere Aale gesehen. (…) Es ist plausibel, dass da ein oder zwei sein könnten, die zu einer extremen Größe heranwachsen, möglicherweise 50% größer als normal, möglicherweise noch größer.“

Gemmell gibt zu, dass Loch Ness ein sehr großer Wasserkörper ist und ihm mit 250 Wasserproben möglicherweise etwas entgangen ist: „Es könnte ein Monster in Loch Ness geben. Wir wissen es nicht, wir haben es nicht gefunden.“

„So that’s the hunt. The hunt ist done.“

Die groß angekündigten „verblüffenden Befunde“ haben dann doch sehr enttäuscht. Nessie soll also ein Aal sein, nur weil Gemmell Aal-DNA in sehr vielen Proben gefunden hat. Dass Aale in Loch Ness vorkommen, war kein Geheimnis. Jeder Fischer weiß, dass Aale große Mengen Schleim produzieren und damit auch eine Menge DNA in die Umwelt entlassen. Dass Gemmell viel davon gefunden hat, ist also keine Überraschung.

Überraschender ist, wie schlecht sich der Biologie-Professor Neil Gemmell mit klassischer Zoologie auskennt. Europäische Aale, die er in Loch Ness nachgewiesen hat, werden keine vier, geschweige denn sechs Meter lang. 1,5 m sind für geschlechtsreife Weibchen ein gutes Maß, 1,8 m schon sehr groß. Auch die Einschätzung „einer oder zwei werden eben 50% größer sein“ begründet er mit der These, dass diese Tiere nicht auf die Laichwanderung gehen und daher immer weiter wachsen. Die These ist bekannt, jedoch unbelegt. Ein Aal, der 50% länger ist, als ein normales Exemplar wiegt mehr als das dreifache, denn er wächst ja auch in Tiefe und Höhe. Das macht in der Regel ein Körperbau nicht mit, auch nicht bei Fischen.

„Nur weil etwas nicht gefunden wird, heißt es nicht…

…, dass es nicht da ist.“ Neben der Charakterisierung zahlreicher Arten des Loch Ness Ökosystems (die man gar nicht zu hoch loben kann), hat die Arbeit den (erwarteten) genetischen Nachweis von Aalen in Loch Ness erbracht. Das ist nichts, womit ein Schotte nicht gerechnet hätte…

Ruine einer Burg vor dem Wasser des Loch Ness
Die malerische Ruine von Urquhart Castle steht noch …

Hinweisschild zum Loch Ness Nessie Shop
… und auch Nessie-Devotionalien werden weiterhin verkauft. Ob Professor Gemmell auch ein Nessie-Stofftier gekauft hat?

Spielzeug-Nessie sitzt auf einem Stein am Ufer
Die einzige, wirklich klare Aufnahme von Nessie widerspricht jedenfalls der Studie – und lässt alle Fragen offen.

Die eisenharten Nessie-Gläubigen halten sich an Gemmells Satz „Es könnte ein Monster in Loch Ness geben. Wir wissen es nicht, wir haben es nicht gefunden.“ fest: Die DNA war halt nur nicht in den Proben enthalten.

Eins dürfte sicher sein: Es wird auch in Zukunft Nessie-Sichtungen geben, Nessie-Devotionalien werden sich gut verkaufen, in Urquhart Castle werden die Besucherströme nicht zusammenbrechen und vielleicht hat der Professor ja doch nicht richtig hingesehen…

Weiter geht’s: Tiefergehende Analyse zum „Riesenaal“ in Loch Ness