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Die Oregon Walexplosion jährt sich zum 50. Mal

Schließen Sie Ihre Augen und stellen Sie sich folgendes Szenario vor:

 

Es ist ein milder Herbsttag. Sie befinden sich an einem Strand, sind dem Wetter entsprechend warm eingepackt und genießen die salzige Luft und den leicht rauen Küstenwind. Auf den herrlichen Spaziergang freuen Sie sich – doch irgendetwas trügt die Idylle. Sie schielen nach oben: Eine große Schar Möwen zieht über Ihnen ihre Kreise. Sie wenden den Blick ab und schauen nach vorn: In einiger Entfernung liegt “etwas” Großes am Strand, was Sie nicht klar zuordnen können. Erst jetzt bemerken Sie die Menschen um Sie herum, die angespannt in Richtung der am Boden liegenden Masse blicken – und dann: RUMMS! –  eine Explosion, faszinierendes Stöhnen, vereinzelt verängstigte Schreie und in Panik fliehende Vögel. Es regnet kleinere und größere Brocken, die Sie nicht zuordnen können. Es riecht widerlich nach Fisch…

 

Was ist passiert? Ein Feuerwerk, ein Unfall ..?


 

Die Küste Oregons, Ort der Walexplosion
Die wilde Pazifikküste Oregons

 

So oder so ähnlich hätte wohl ein unbeteiligter Spaziergänger das erlebt, was vor ziemlich genau 50 Jahren, am 12. November 1970, an einem Strand im Süden von Florence im US-Bundesstaat Oregon passiert ist. [1]

 


Lage von Florence/Oregon an der US-Westküste
 

 

Die Lösung des Rätsels ist denkbar abstrus: Ein explodierender Wal.

 

Doch wie ist das möglich?

 

In Florence wurde zu diesem Zeitpunkt ein acht Tonnen schwerer und über 13 Meter langer Pottwal angespült. Soweit so tragisch – aber bei kein Einzelfall.

Weltweit werden stranden jährlich etwa 2000 Wale und Delfine. [1] Die Kadaver der Wale werden häufig wieder aufs Meer gezogen und so beseitigt. [2]

 

Zurück zu unserem Wal in Oregon:

1970 hatte die Oregon Highway Division (heute das Verkehrsministerium von Oregon) die Gerichtsbarkeit über die Strände und bisher offenbar wenig Erfahrung mit Walkadavern und deren Beseitigung gemacht. [3]

 

Sie wogen verschiedene Alternativen ab.

 

Der Wal könnte einfach im Sand vergraben werden. Doch ob der Gefahr, er könnte halb verwest wieder zum Vorschein kommen, wurde diese Idee ebenso verworfen wie den Kadaver zu verbrennen. Es konnte auch niemand gefunden werden, der sich dazu bereit erklärte den toten Koloss zu zerlegen.

 

Paul Linnman am Ort der Walexplosion
Reporter Paul Linnman berichtete vor Ort von dem Ereignis. Seine zynischen und alliterativen Kommentare brachten die tragische Komik der Szene an den Tag. Screenshot des KATU-Videos.

 

Die Highway Division ging nun pragmatisch vor: Der Wal sollte auf die gleiche Weise entsorgt werden, wie ein großer Felsbrocken bei einem Autobahnbauprojekt beseitigt würde: Mit altbewährtem Dynamit.

Dieses müsste nur so angebracht werden, dass mögliche Überreste auf die offene See getragen würden und alles andere wollte man den Möwen überlassen.
Mit einigem Abstand zum Kadaver versammelten sich schaulustige Anwohner, um das Spektakel mitzuerleben sowie vereinzelt regionale Journalisten.

 

Und es kam natürlich wie es kommen musste – das Ganze ging gehörig schief.

 

Fangen wir mit dem Positiven an: der Wal ist explodiert und niemand wurde ernsthaft verletzt.
Aber: Die Überreste des Wales flogen bis zu 250 Meter weit, beschädigten ein Auto, trafen die umstehenden Menschen und die Explosion vertrieb jegliche aasfressende Vögel auf deren Unterstützung die Highway Division bei der Beseitigung der Überreste gezählt hatte. Zuletzt war der Wal nur teilweise zersprengt und der sich ausbreitende Gestank muss bestialisch gewesen sein.

 

Es blieb der Highway Division nichts anderes übrig als den Wal dann doch zu vergraben. [5]


 

Ist das wirklich passiert???

Das gesamte Ereignis mutet sehr skurril an – vor allem in dem mit einer gehörigen Prise Humor versehenen Fernsehbeitrag, der bereits im November 1970 im regionalen Sender KATU2 ausgestrahlt wurde. Aber sehen Sie selbst:

 

 

Größere Bekanntheit erlangte die Walexplosion, als sie durch den humoristischen Autor Dave Barry 1990 in seiner Kolumne des Miami Herold thematisiert wurde. Die dadurch erlangte Aufmerksamkeit war riesig und ein moderner Mythos wurde geboren. Die Stimmen derjenigen, die das Ereignis für einen Fake hielten, verstummten erst als auch der Fernsehbeitrag seinen Weg in die Internetarchive fand.[6]

 

Im Übrigen ist diese Walexplosion ist nicht die einzige dokumentierte “Walexplosion”, jedoch bei weitem die kurioseste.

 

Ab und an kommt es zu “Eruptionen” – wenn unter der isolierenden Walspeckschicht des Kadavers sehr hohe Temperaturen herrschen und jemand die Bauchdecke von außen aufschlitzt. Die Innereien des Wals können dann durchaus mit einem Tempo von 60 Kilometer pro Stunde herausschießen. Wirklich gefährlich sind diese Walexplosionen allerdings nicht. Der durch die Fäulnisgase aufgebaute Druck ist zu gering, um wirklich einen Schaden anrichten zu können. Allein den dabei entstehende Geruch könnte man als Körperverletzung werten. [7]

 

Pottwal bei den Kanarischen Inseln
Lebender Pottwal

 

 


Verweise

[1] Vgl. The Exploding Whale

[2] Vgl. Freund, A. 2020

[3] Vgl. Frey, A. 2016

[4] Vgl. The Exploding Whale

[5] Vgl. YouTube-Exploding Whale 1970

[6] Vgl. The Exploding Whale

[7] Vgl. Thadeusz, F. 2014

 

Literaturverzeichnis

Freund, Alexander: Warum stranden Wale und Delfine? in: Deutsche Welle, online 2020. URL: https://www.dw.com/de/warum-stranden-wale-und-delfine/a-55027853 Aufgerufen am: 23.10.2020

 

Frey, Andreas: Explosionsgefahr: Wie man gestrandete Wale entsorgt. in: Aargauer Zeitung, online 2016. URL:https://www.aargauerzeitung.ch/leben/forschung-technik/explosionsgefahr-wie-man-gestrandete-wale-entsorgt-130017175 Aufgerufen am: 23.10.2020

 

Thadeusz, Frank:  Wumm? Pfft! – Angeblich können Fäulnisgase dazu führen, dass Tierkadaver explodieren. Aber stimmt das auch? in: Der Spiegel 33/2014. URL: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-128629194.html Abgerufen am: 23.10.2020

 

The Exploding Whale. URL: https://www.theexplodingwhale.com/home 
Aufgerufen am 23.10.2020.

 

YouTube – Exploding Whale 1970: https://www.youtube.com/watch?v=yPuaSY0cMK8 Aufgerufen am 23.10.2020




Die Onza – Mythos aus dem Reich der Azteken?

Das Rätsel um die “Bestie” aus Montezumas Menagerie

 

Zugegeben, der Titel ist etwas reißerisch. Wenn der Autor dieses Artikels an Menagerien – also die Vorgänger zoologischer Gärten und moderner Zoos – denkt, hat er zunächst eine Art Wanderausstellung oder Kuriositätenkabinett im Kopf – mit allerlei bizarren Gegenständen und Merkwürdigkeiten sowie (zumindest den damaligen Besuchern) unbekannten oder exotischen Kreaturen. Der Französische Begriff ménagerie steht laut Duden eigentlich für “Haus(tier)haltung” [1] und ist der damaligen Umgangssprache französischer Bauern entlehnt –  wurde aber im 17 Jhd. als “Einrichtung für Luxus und Neugierde” in der Encyclopédie méthodique definiert und dann vorwiegend für “höfische Tierhaltung” verwendet. [2] (Agasse & Panckoucke)

 

Menagerie des Montezuma
Die Menagerie des Montezuma, Detail aus der Temixtitan-Karte, die 1524 in Nürnberg publiziert wurde und vermutlich Hernan Cortez gehörte

Heute trifft man eher selten auf diese Begrifflichkeit, da es eigentlich keine Menagerien mehr gibt, sie sind modernen Formen der öffentlich zugänglichen Tierhaltung gewichen – das Wort fällt eher in (historischen) Erzählungen und Berichten.

 

So wird auch der “Privatzoo” des aztekischen Herrschers Montezuma II (auch: Moctezuma) in der damaligen Hauptstadt des Aztekenreichs Tentochtitlán, in Erzählungen häufig als Menagerie bezeichnet.

 

Der erste Bericht über die Onza

Aus der Menagerie stammt auch ein bekannter Bericht über die Onza.

 

Mexiko Anfang des 16. Jahrhunderts: Die Konquistadoren sind auf dem Vormarsch, schmieden Bündnisse und schmeicheln sich bei Aztekenherrscher Montezuma II ein, nur um später die Hauptstadt Tentochtitlán zu stürzen.

 

1519 sind die zu diesem Zeitpunkt als Handelspartner auftretenden Spanier unter Konquistador Hernán Cortés zu Gast in Tentochtitlán. Während ihres Besuchs durften die Fremden auch die Menagerie Montezumas begehen. Bernal Diaz de Castillo, ein Begleiter Cortés‘, dokumentierte diesen wohl überwältigenden Anblick als eine Sammlung aller Tiere des Landes. Er berichtete beispielsweise von einem seltsamen Bullen mit löwenartigem Haar, einem Kamelhöcker und gekrümmten Schultern – uns heute bekannt als Bison – sowie von unzähligen Vögeln und Schlangen. Außerdem beschrieb er ein spezielles Gebäude in dem nur Fleischfresser untergebracht waren.

 

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Eine Naturgeschichte Nordamerikas und seiner Bewohner

Flannery stellt in seinem Buch die zunächst verblüffende These auf, dass sich die Politik der Amerikaner aus der Geschichte des Kontinents erklärt und belegt diese dann, indem er den Leser auf eine Zeitreise vom Meteoriteneinschlag vor 65 Millionen Jahren bis heute mitnimmt. Ich habe, außer vielleicht von Stephen Jay Gould, noch nie eine so gut erzählte, für Laien absolut verständliche und informative naturwissenschaftliche Darstellung gelesen.

Abgesehen von der Fülle an Informationen ist Flannery ein äußerst unterhaltsamer und streckenweise sehr komischer Autor, dessen Buch sich liest wie ein spannender Roman, ohne indes unseriös zu sein. Bitte nicht abends im Bett beginnen, es sei denn, man kann am nächsten Tag ausschlafen! (aus einer Amazon-Kritik)

 

Ewige Pioniere ist 2003 bei Dörlemann erschienen und hat gebundene 400 Seiten!

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Dort trafen die Konquistadore auf drei Katzenarten, nämlich einen Tiger und zwei Löwenarten. Zumindest bezeichneten die Spanier diese als solche – sie orientierten sich nämlich zunächst an den Namen der Tiere, die ihnen aus ihrer “Alten Welt” bekannt waren. Tatsächlich handelte es sich bei dem Tiger wohl um den gefleckten Jaguar und bei einem der Löwen um einen Puma (heute häufig noch als Berglöwe bezeichnet). Der andere Löwe – die Azteken nannten ihn Cuitlamitzli – von Castillo als wolfsähnlich beschrieben, war ihnen aber gänzlich unbekannt und sorgte deshalb für Erstaunen unter den Spaniern. [3] (Frenz, 2000)

 

Was haben die Conquistadores gesehen?

Diese knapp 500 Jahre Überlieferung ist so heute nicht mehr im Detail prüfbar. Gleiches gilt in Bezug auf die Identität der vermeintlich unbekannten Spezies, welche die Conquistadores in der für sie neuen Welt gesehen haben wollen. Auch wie die Zuordnung der anderen beiden Katzen erfolgte – womöglich erst im Nachhinein durch ein Ausschlussverfahren – ist nicht nachvollziehbar, scheint aber ob der geringen Anzahl bekannter Vertreter größerer Katzenarten in Südamerika plausibel. Die Geschichte klingt zunächst einmal abenteuerlich und nach einer Art Legende oder Mythos. Sie wurde durch die Betrachter einer ihnen unbekannten Fauna in der “Neuen Welt” überliefert und kann deshalb nicht als handfestes Indiz für eine auch heute noch nicht beschriebene Tierart dienen.

Puma in Jütland?
Puma in einem Trockenhabitat wie der Sonora-Wüste

 

Doch weitere Sichtungen des Tieres blieben im westlichen Mexiko nicht aus. Es wurde von den Spaniern fortan als Onza bezeichnet – vom lateinischen uncia, der Bezeichnung für den Geparden (Cheetah). [4] (Clark & Coleman, 1999)

 

Der wissenschaftliche Name für den Jaguar ist übrigens Panthera onca und das spanische Wort Onza wird heute auch für Vertreter der Jaguarundi und Schneeleoparden verwendet. [5] (Der Beutelwolf-Blog)

 

Es wundert nicht, dass die Onza-Sichtungen und Beschreibungen aus den nächsten Jahrhunderten Jesuitenpatern zuzuordnen sind. Scheinbar sahen es die christlichen Missionare – neben ihrem Kerngeschäft – als eine ihrer Aufgaben an, die Geographie, Flora und Fauna der “Neuen Welt” (erst) zu beschreiben.

 

Jaguar
Jaguar im Zoo

 

Die Beschreibung von Ignaz Pfefferkorn

Pater Ignaz Pfefferkorn berichtet in seiner 1794 erschienen Landesbeschreibung des nordwestlichen mexikanischen Bundesstaats Sonora er sei 1757 einer Onza begegnet. Er schreibt von einer im Vergleich zum Puma schmalen, länglichen Katze mit rötlichem Fell, die Ähnlichkeiten zum Wolf habe.[6] (Pfefferkorn, 1794)

 

Der Jesuitenpater Johann Jakob Baegert erzählt aus seiner Zeit der Zusammenarbeit mit Einheimischen in den Jahren 1751-1768 im Sonora benachbarten Bundesstaat Baja California sinngemäß folgendes: “Eine Onza wagte es, die Mission meines Nachbarn zu überfallen, als ich zu Besuch war. Sie griff dort einen 14 Jahre alten Jungen an – bei vollem Tageslicht und praktisch vor den Augen aller Leute. Ein paar Jahre zuvor hatte eine andere dieser Katzen hier den stärksten und angesehensten Soldaten der Region getötet.” [7] (Clark, 2013)

 

Francisco Javier Claviego berichtet von einer weiteren Sichtung sinngemäß “In der Baja California lebt ein Tier, welches in der Farbe einem Puma gleiche, aber weniger feist sei.” [8] (Frenz, 2000)

 

Viele Jahre ähnliche Beobachtungen

Heute kann freilich nur noch spekuliert werden, was Cortés und seine Männer in der Menagerie des Montezuma und die Jesuitenpater über 200 Jahre später gesehen haben.

Bis hierher kann festgehalten werden:

Es gibt Jahrhunderte alte Berichte über ein Katzenwesen, das schlanker und drahtiger als ein Puma ist. Es soll sich aggressiv gegenüber Menschen verhalten und ein rötliches Fell haben.

 

Karte Mexikos
Karte Mexikos mit den Bundesstaaten

 

So stellt sich also weiterhin die Frage:

 

Gab es in Mexiko, speziell in den westlichen Bundesstaaten Baja California (Sur), Sonora und Sinaloa, eine bisher noch nicht wissenschaftlich beschriebene Wildkatzenart – und vielleicht noch spannender: Existiert sie bis heute?

 

Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Onza keine internationale Aufmerksamkeit von Zoologen oder Wissenschaftlern zuteil – allein die lokale Bevölkerung war von ihrer Existenz überzeugt.[9] (Clark & Coleman, 1999)

 

Die Jagdgeschichte der Brüder Lee

Die bekannteste und glaubhafteste Geschichte über die Onza wussten die Brüder Lee zu berichten.

Den Kontakt zu ihnen suchte unter anderem der umtriebige Richard Greenwell, seines zeichens Generalsekretär der International Society of Cryptozoologie, in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, um endgültige Beweise dafür finden, dass die Onza als eigene Art existiert.[10] (Clark & Coleman, 1999)

Eine waschechte kryptozoologische Untersuchung

Dale Lee erzählte ihm, was seinen Brüdern und ihm während der Führung des amerikanischen Bankier Joseph Shirk auf Jaguarjagd 1938 in der Provinz Sinaloa im San-Ignacio-Distrikt widerfahren ist. Sie begaben sich mit Eseln und Mulis in die Berge oberhalb der subtropischen Vegetation Sinaloas [11] (Frenz, 2000)
Lange fanden die Jäger keine Jaguarspuren, doch ein anderes Tier reagierte auf ihre Lockversuche. Mit Hilfe von Jagdhunden trieben sie die große Katze auf einen Baum und konnten sie am Hinterbein verwunden. Trotz ihrer Verletzung konnte sie zunächst fliehen – mit einer solch atemberaubenden Geschwindigkeit, dass selbst die Hunde kaum hinterher kamen. Erst als sie sich erneut auf einen Baum flüchtete gab es für sie kein Entkommen mehr.

Bei genauerer Untersuchung der getöteten Katze konnten die Gebrüder Lee feststellen, dass das Tier wesentlich schlanker war als ein Puma, jedoch länger. Auch die Länge von Beinen und Ohren fiel auf. Leider ging der Körper verloren – jedoch hatten die Lees den Körper fotografiert und vermessen.[12] (Frenz, 2000)

Die damalige Qualität der Fotografien ist für eine heutige Bewertung des Wahrheitsgehalts der Geschichte allerdings nicht ausreichend. Übrigens ebenso wenig wie die durch die Lees genommenen Maße, die der Autor dieses Artikels nicht ausfindig machen konnte.

Die Brüder Lee und ihre Jagdhunde 1938 mit der geschossenen Onza. Foto: International Society of Cryptozoology

Parallelen zu den Erzählungen aus den vergangenen Jahrhunderten sind allerdings offensichtlich. Dies veranlasste 1885 Greenwell dazu selbst nach Sinaloa zu reisen. Dort traf er den Farmer Jesus Vega, der zehn Jahre zuvor ein ähnliches Tier geschossen haben wollte. Er hatte dessen Schädel noch aufbewahrt. Dieser ähnelte nach genauerer Betrachtung dem eines Pumas, lediglich bestimmte Zähne fehlten – dieser wie andere vermeintliche Onza-Schädel – lieferten keinen Beweis für die Existenz einer Onza. Greenwell bat die dort ansässigen Farmer um Nachricht, falls sie einer ungewöhnlichen Katze begegnen würden. [13] (Clark, 2013).

 

Der im Text erwähnte Onza Schädel mit dem Onza-Forscher Robert E. Marshall und dem Rancher Ricardo Urquijo in dessen Besitz er später gelangte. Foto: International Society of Cryptozoology

 

Der Fund von 1986

Es dauerte nicht lange bis sich zwei Farmer im Januar 1986 bei ihm meldeten. Sie erinnerten sich an den “Gringo”, der nach ungewöhnlichen Katzen suchte. Die Brüder wurden am Neujahrstag auf der Hirschjagd von einer Katze überrascht und schossen diese aus Selbstschutz, da sie das Tier in der Dunkelheit für einen Jaguar hielten. Sie reagierten schnell, als sie bemerkten, dass sie das Tier nicht zuordnen konnten und ließen den Kadaver 17 Stunden nach dessen Abschuss einfrieren. [14] (Frenz, 2000)

 

Onza
Die von den Farmern 1986 geschossene Onza. Foto: International Society of Cryptozoology

 

Im Februar 1986 konnte Greenwell dann gemeinsam mit dem ausgewiesenen Puma-Experten Troy Best das eingefrorene Tier begutachten.

Ähnlichkeiten mit einem Puma – oberflächlich

Auf den ersten Blick sah das weibliche Tier ganz anders aus als ein Puma – oder jede andere bekannte Katzenart. Die Kreatur wirkte ausgesprochen zierlich, der Beine waren schlank und länger als die eines gewöhnlichen Pumas, genauso wie Ohren und Schwanz. Die Knochen der Vorder- und Hinterbeine waren eindeutig länger als die eines Pumas. Die Fellmusterung wies einige kleine horizontale Streifen auf, die so bei Pumas bisher nicht bekannt waren. [15] (Frenz, 2000)

Das durchschnittliche Gewicht eines weiblichen ausgewachsenen Pumas wird unterschiedlich beziffert. Große Exemplare können wohl über 80 kg wiegen, kleinere, magere Ausgaben aber immer noch um die 30 kg. [16] (Sunquist F., Sunquist M., 2000)

Laut das-tierlexikon.de sind die Pumas in Mittelamerika im Allgemeinen schlanker, als ihre Artgenossen in den USA und Kanada. [17] (Das-Tierlexikon.de)

Das 1986 geschossene Tier wog allerdings nur 27 kg und sah dabei wohlgenährt aus, ausreichend Fettreserven waren vorhanden. Eine Sektion zeigte, dass die Katze gesund und parasitenfrei war. [18] (Frenz, 2000)
Morphologisch unterschied sich die mutmaßliche Onza also eindeutig vom Puma, wie auch Troy Best postulierte. [19] (Clark, 2013)

 

Nach Analyse der Haare stellte sich zunächst große Ernüchterung ein – keine Unterschiede zu den Haaren eines Pumas. Das National Cancer Institute in Washington nahm sich der biochemischen Untersuchung des Gewebes an und verglich es mit dem Gewebe von Pumas, Tigern, Löwen, Jaguaren und Geparden. Das Ergebnis: Auch die biochemische Untersuchung nicht näher spezifizierter Gewebeproben ordnet die Proben der vermeintliche Onza einem Puma zu. [20] (Frenz, 2000)

 

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Vom Dschungel des Kongo oder dem majestätischen Himalaya bis hin zu den dicht besiedelten Wildnissen Europas oder der vergleichsweise isolierten Welt Australasiens erkundet „Sieben Kontinente – Ein Planet“ die Naturwunder, die jedem unserer Kontinente seinen eigenen Charakter verleihen.

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Doch wie kann das sein?

 

Erklärungsansatz:

 

Der Säugetrierkundler Helmut Hemmer war fasziniert von der Onza. Er hatte stets seine eigene Hypothese um was es sich bei dem kryptiden Katzenwesen handeln könnte. Ursprünglich vermutete er einen überlebenden urzeitlichen Geparden. [21] (Clark, 2013)

Die Untersuchungsergebnisse des Onza-Körpers nahm er zum Anlass für einen neuen Erklärungsansatz:

Hemmer verweist auf einen weiteren (ehemaligen) Kryptiden, den Nsui-Fisi. [22] (Frenz, 2000)

Die Legenden der Einwohner des ehemaligen Rhodesien (heute Simbabwe) berichteten von einer “Leoparden-Hyäne”, die zurückgezogen und scheu in den Wäldern des Landes leben würde.

In den 1920er Jahren wurde eine solche Katze gefangen und auf Grund der Merkmale beider Spezies – vor allem der Pelzzeichnung – für eine Kreuzung aus Leopard und Gepard gehalten und zunächst als neue Art beschrieben, dem Königsgeparden. Erst Anfang der 1980er Jahre wurde das Gegenteil bewiesen: Im De Wildt Cheetah Breeding and Research Centre Pretoria wurde in einem Wurf junger Geparden ein kleiner “König” geboren. Dieser hatte die entsprechende Pelzzeichnung. Weitere Untersuchungen zeigten, dass diese “Königsfärbung” rezessiv vererbt wird. [23] (Frenz, 2000)

Bei der Onza könnte laut Hemmer ein ähnlicher Fall vorliegen. Sie wäre aus diesem Grund trotz deutlich anderem Aussehen der Art Puma zuzuordnen. Er führt als Beispiel das Phänomen “Akromegalie” beim Menschen an. Hier werden Finger, Füße und Nase durch vermehrtes Ausschüssen von Wachstumshormonen länger als gewöhnlich. [24] (Akromegalie – eine umfassende Betrachtung)

Hemmer betont allerdings ausdrücklich, dass dies nur eine Vermutung sei – eine interessante These ist es jedoch allemal.

 

 

Bewertung:

 

Die Onza ist wirklich ein außergewöhnlicher Kryptid.

Ihre Geschichte bietet alles, was das Kryptozoologen-Herz höher schlagen lässt:

 

  • Sichtungen über Jahrhunderte
  • Renommierte Fachkundige, die die Legenden ernst nehmen
  • Mehrere Kadaver des Kryptiden
  • Wissenschaftliche Untersuchungen dieses Kadavers
  • Etablierte Biologen, die die Ergebnisse interpretiert haben

 

 

Und zu guter Letzt: Das Ergebnis der Untersuchungen ergab, dass das untersuchte Tier wohl eine lokale Variante des Pumas mit physischen Auffälligkeiten ist.

 

Wenn man es augenzwinkernd mit Richard Greenwell hält, kann der Mythos dennoch weiterleben und die Onza behält ihren Status als Kryptid:

 

“Vielleicht war die Onza, die wir gefunden haben, gar nicht die wirkliche Onza.”[25] (Frenz, 2000) – und die “Bestie” aus Montezumas Menagerie lebt weiterhin in den schwer zugänglichen Bergregionen Mexikos und wartet auf ihre Entdeckung.




Freitagnacht-Kryptos: Die eierlegende Wollmilchsau – Alleskönner par Excellence

Der Traum aller Nutztierhalter, Bauern und Selbstversorger:

Ein Nutztier-Hybrid, welches Huhn, Schaf, Kuh und Schwein vereint und mit dessen Hilfe Eier, Wolle, Milch sowie Fleisch gewonnen werden können – ein Alleskönner par excelence, Hohe Unterhaltskosten für viele verschiedene Tiere und Platzmangel ade…

eierlegende Wollmilchsau
Gestatten? – Die eierlegende Wollmilchsau – oder wie sie aussehen könnte (Bild: Pixelrausch CC 2.0)

Doch woher stammt der Begriff?

Es ist nicht gänzlich zu klären, wo der Begriff seinen Ursprung hat.

Die erste belegte Erwähnung, die der Autor dieses Beitrags finden konnte, stammt aus der deutschen Lyrik. Es ist ein Gedicht des deutschen Schriftstellers Ludwig Renn aus dem Jahr 1959:

 

Der Kampf um das eierlegende Wollschwein

Einst fiel einem Züchter ein,
Wie die Tierwelt würde sein,
Wenn man durch geschicktes Paaren
Fische schüf’ mit krausen Haaren.
Die könnt’ man wie Pudel scheren
Und die Arten sonst vermehren …

… Was wir brauchen, ist ein Schwein,
Das Merinowolle trägt
Und dazu noch Eier legt.
Das soll Ihre Züchtung sein!

Quelle: Ludwig Renn zum 70. Geburtstag. Aufbau-Verlag, Berlin 1959, S. 135

 

 

Aus dem eierlegenden Wollschwein wurde über die Jahre die eierlegende Wollmilchsau.

 

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Sauerei! Schweine als Würfel!

Eigentlich ist damit das Spiel schon erklärt. Anders als bei einem normalen Würfelspiel dienen hier zwei Schweinchen zum Würfeln. Je nachdem, wie sie fallen, gibt mehr oder weniger Punkte, aber immer einen -sagen wir mal: rustikalen- Begriff. Wenn der Nachbartisch lautstark die „Volle Suhle“, den „Schweinsgalopp“ oder gar die „Doppelbacke“ bejubelt, ist klar, was da gespielt wird.

 

Das Spiel „Schweinerei“ ist geeignet für alle Altersstufen, und macht wegen der rustikalen (aber nicht obszönen) Ausdrucksweise vor allem Kindern Spaß.

Juristische Probleme tun sich auf!

Doch die Existenz eines Tier-Hybriden wie der eierlegenden Wollmilchsau stellte Politik und Rechtsstaat schon Ende des letzten Jahrhunderts vor große Herausforderungen. Verfassungsjurist Friedrich Gottlob Nagelmann war der erste und einzige, der sich in den 1980-er Jahren um eine Einordnung der eierlegenden Wollmilchsau bemühte. Sein Gesetzesentwurf zur Erweiterung des Tierschutz Gesetzes „Tierschutz 2 – Einordnung multifunktionaler Nutztierhybriden“ versucht Antworten auf elementare Fragestellungen zu geben:

  • Sollten Nutztier-Hybriden existieren dürfen?
  • Wer darf Nutztier-Hybriden züchten und verkaufen?
  • Was ist die maximale Anzahl an Rassen, die zu einem Nutztier-Hybriden kombiniert werden dürfen?
  • Ist die Haltung von Nutztier-Hybriden eine Wettbewerbsverzerrung des Inter-Landwirtschaftsmarktes?
  • Ist die Haltung von Nutztier-Hybriden dann artgerecht, wenn der Nutztierhybrid tageweise in den typischen Behausungen seiner unterschiedlichen Nutztiereltern rotiert?
  • Wie sollen zukünftig Tier-Mensch-Hybriden eingeordnet werden?

Der Entwurf fand damals zunächst viel Beachtung, geriet aber durch die Wiedervereinigung und Nagelmanns Ableben 1994 in Vergessenheit. Doch auf Grund von Enthüllungen mehrerer Tierschutzorganisationen über Missstände bei der Haltung der eierlegenden Wollmilchsau in Deutschland erinnerte man sich 2010 an Nagelmanns Gesetzesentwurf – dieser konnte jedoch zunächst nicht aufgefunden werden.

Erst 2011 nach Beendigung der Bergungsarbeiten des historischen Kölner Stadtarchivs und Prüfung der Liste der Präsenzschriften stand die traurige Gewissheit fest: Tierschutz 2 – Einordnung multifunktionaler Nutztierhybriden ging beim Einsturz 2009 verloren – übrigens genauso wie Nagelmanns vielzitierter Essay Artenschutz und Staatshaftung – Wer zahlt bei Steinlaus-Schäden?.
Der entstandene Schaden für Tierschutz und Gesetzgebung ist nicht zu beziffern, höchstens vergleichbar mit dem Verlust des „Kollektiven Weltgedächtnisses“ beim Brand der Bibliothek von Alexandria in der ersten Hälfte der 1000er Jahre.

 

Heutige Begriffsverwendung

Anders als bei der Mehrheit der hier vorgestellten Kryptiden, ist es nicht verbrieft, dass bisher jemand behauptet hätte einer leibhaftigen eierlegenden Wollmilchsau begegnet zu sein.

 

Im alltäglichen Sprachgebrauch der Gegenwart hat die eierlegende Wollmilchsau als Wortschöpfung dennoch ihren festen Platz als eine Sache, die zu viele Eigenschaften auf einmal aufweisen soll bzw. eine Person, die zu viele Fähigkeiten auf einmal haben soll, die nämlich allen Ansprüchen genügt.

 

Der Autor dieses Textes begegnet dem Begriff im Alltag häufig als Kritik an die durch Personaler in Stellenausschreibungen gestellten Anforderungen an Bewerber.

 

„Ich muss es gar nicht erst versuchen, mich auf diese Stelle zu bewerben. Das Unternehmen sucht ja eine eierlegende Wollmilchsau“, so oder so ähnlich seufzen dann die Arbeitssuchenden.

 

Auf die eierlegende Wollmilchsau wird häufig dann zurückgegriffen, wenn davon auszugehen ist gestellte Anforderungen oder Ansprüche niemals erfüllen zu können.

Der Begriff ist als Ausdruck von Utopie zu verstehen. In den seltensten Fällen gibt es eine Sache oder eine Person, die alle an sie gestellten Anforderungen erfüllt oder gar übertrifft.

Rückwärts gedacht könnte der Gedankengang also beruhigend sein, dass eine Annäherung an die sprichwörtliche eierlegende Wollmilchsau durch Anpassung von Anforderungen und Ansprüchen an realistische Szenarien erreicht werden kann – selbst bei anspruchsvollen Personalern…


 

PS:  Es sei dem geneigten Leser nicht verschwiegen, dass der deutsche Schriftsteller Heinz Küpper in den 70er Jahren eine noch frühere Wortherkunft der eierlegenden Wollmilchsau vermutet. In seinem Illustrierten Lexikon der Umgangssprache bringt er den Begriff „eierlegen“ in den Kontext des militärischen Sprachgebrauchs mit der Bedeutung: „Eine Bombe abwerfen“. Eine eierlegende Wollmilchsau wäre damit eine perfekte Kriegswaffe. Leider konnte diese Spekulation weder verifiziert werden, noch mit dem Gedicht von Ludwig Renn in Verbindung gebracht werden.