Der Einhornmacher: Die Geschichte von einem Zauberer, seinen Einhörnern und einem Mörder

von: Dominik Schindler

 

Um Einhörner ist in den letzten Jahren ein regelrechter Hype entstanden. Es gibt inzwischen Einhorn-Plüschtiere, Einhorn-Schwimmringe und sogar Einhorn-Schokoladentafeln mit Sammlerwert. Ähnlich beliebt sind wohl nur noch Produkte mit Faultier- oder Alpakamotiv. Eigentlich ist es erstaunlich, dass ein Fabelwesen solche Bekanntheit erreicht. Man kann es schließlich nicht in Zoos oder zumindest Museen besichtigen – oder etwa doch?

Bereits in den 1980er Jahren gab es in den USA einen kurzen Hype um das gehörnte Fabeltier. Damals allerdings waren die fraglichen Einhörner höchst lebendig, wenn auch alles andere als natürlich – doch davon später mehr.

Historische Einhorndarstellung
Das Einhorn von Conrad Gessner, 1551. Man achte auf die paarigen Hufe.

Historisches Einhorm
Das Einhorn von Domenichino von 1602. Die Hufe sind ungeteilt.

„Oberon Zell-Ravenheart“, der Einhornmacher

Die Idee, dass die Welt mehr Einhörner brauche, ist zweifellos sehr exzentrisch. So braucht es auch nicht zu verwundern, dass eine schillernde Persönlichkeit sie erdacht hat.

Der US-Amerikaner Timothy Zell (*1942), oder „Oberon Zell-Ravenheart“, so sein deutlich bekannterer Künstlername, ist diese schillernde Persönlichkeit. Er bezeichnet sich selbst als Zauberer und Gründer der ersten neopaganen Kirche, die den Status einer juristischen Person erreicht hat. Wie man also bereits merkt, ist Zell-Ravenhearts Weltsicht stark spirituell angehaucht. Er befasste sich mit Fabelwesen verschiedener Art – besonders aber mit Meerjungfrauen und Einhörnern. Inspiriert wurde die letztere Leidenschaft durch eine Lektüre von Peter S. Beagles „The Last Unicorn“.

Last Unicorn
Titelbild des Romans „Das letzte Einhorn“ von Peter S. Beagle

Oberon Zell-Ravenheart
So stellt sich Oberon Zell-Ravenheart auf seiner Website dar: Ein Archetyp des Zauberers.

Allerdings war Zell-Ravenheart kein Spinner, der einen Roman mit der Realität verwechselte. Er beschäftigte sich intensiv mit der Kulturgeschichte des Einhorns. Dabei kam er zum Schluss, dass die meisten frühen Darstellungen von Einhörnern entweder Ziegen oder Rindern entsprächen. Er beschloss daher, dass es an der Zeit sei, das Einhorn als lebendes Wesen „wieder-“ zu erschaffen.

Zwei fragwürdige Wissenschaftler

Hilfe für dieses Unterfangen erhielt er vonseiten eines Mannes, der zu diesem Zeitpunkt bereits tot war. Anders, als man angesichts Zell-Ravenhearts spiritueller Neigungen vermuten würde, spielte dabei eine Séance keine Rolle. Stattdessen musste Zell-Ravenheart nur Literatur über den amerikanischen Biologen Franklin Dove recherchieren.

Dieser wollte nachweisen, dass das Gehörn eines Tieres nicht aus einem festen Ort im Schädel herauswächst. Stattdessen verbinde es sich erst während des Aufwachsens mit dem Schädel. Als eindrucksvollen Beweis seiner These verpflanzte er etwa die Hornansätze von jungen Stieren so auf ihre Stirn, dass ihnen statt zwei Hörnern ein einziges, gerades Horn wuchs.

Unibull von Franklin Dove
Einer der „Unibulls“ von Franklin Dove, Bild aus der Originalarbeit.

Portrait des Unibulls
Portrait eines Unibulls von Franklin Dove

Bis jetzt klingt dieser Versuch zumindest noch nach einem wissenschaftlichen Experiment, auch wenn fraglich ist, warum Dove immer neue Ein- und sogar Dreihörner erschuf. Schließlich war seine These recht schnell bewiesen.
Wirklich seltsam aber klingen die Beobachtungen, die Dove anstellte: Er behauptete nämlich, dass das Verpflanzen des Horns auch den Charakter der Tiere verändere. Es wurden wohl wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Thema angestellt. Auf diese soll hier aber nicht eingegangen werden, da der Wahrheitsgehalt der Charakter-These untergeordnete Bedeutung hat.

Zell-Ravenheart war jedenfalls von Doves Experimenten fasziniert. Er beschloss, die Hörner von Ziegenböcken zu verpflanzen. Deren Aussehen entsprach am ehesten seinen Idealvorstellungen vom schlanken, eleganten Einhorn. Außerdem glaubte er an Doves Beobachtungen zum veränderten Charakter der Tiere. Er hoffte darauf, das „dritte Auge“ – so Zell-Ravenheart – der Tiere öffnen zu können und so majestätische und edle Kreaturen zu erschaffen.

Die chirurgischen Eingriffe führte der selbsternannte Zauberer selbst durch. Zwar war er nach eigenen Angaben gebildet und hatte unter anderem Biologie studiert. Ein Tierarzt war er allerdings keinesfalls. Trotzdem gelang bereits sein zweiter Versuch, ein Angora-Ziegen-Einhorn zu erschaffen.

Der Einhorn-Wahnsinn bricht aus

Viele von Zell-Ravenhearts Äußerungen mögen esoterisch klingen. In mancherlei Hinsicht war und ist er allerdings klar weltlich orientiert. So meldete er bereits 1984 ein Patent auf den chirurgischen Eingriff (!) an, um zu verhindern, dass Nachahmer ihm Konkurrenz machen konnten. Dies ist keine Interpretation vonseiten des Autors – Zell-Ravenheart leugnete zu keinem Zeitpunkt die Absicht, mit den Einhörnern Gewinne erzielen zu wollen.

Angoraziege
Weiße Angora-Ziege mit normaler Hornentwicklung als Vergleich

Portrait des Zell'schen Einhorns
Portrait eines Zell’schen Einhorns

Von den insgesamt neun Einhörnern, die der „Zauberer“ erschaffen hatte, wurden zeitweise bis zu sechs Tiere an drei verschiedenen Orten ausgestellt. Zell-Ravenheart und seine Lebensgefährtin, die er im Interview nur „Morning Glory“ nennt, organisierten allerdings nicht alle Ausstellungen selbst. Einer ihrer Geschäftspartner war etwa Leonard Lake, der dieselbe Aussteiger-Kommune wie das Pärchen bewohnte. Dieser soll seine Tätigkeit als Einhorn-Aussteller hauptsächlich dazu genutzt haben, weibliche Besucher sexuell zu belästigen.

Der Einhornmacher und Ringling Bros and Barnum & Bailey

Ungeachtet dessen erhielt Zell-Ravenheart 1984 ein äußerst lukratives Angebot. Ringling Bros and Barnum & Bailey, das damals größte Zirkusunternehmen der USA, bot ihm einen Exklusiv-Vertrag für die Vermarktung der Einhörner an. Zell-Ravenheart erklärte sich bereit, dem Unternehmen seine Einhörner für vier Jahre zu überlassen. Er erhielt dafür einen Geldbetrag, den er selbst als „nicht allzu viel“ bezeichnet. Ganz so gering kann er allerdings nicht gewesen sein, denn durch die Zahlungen des Zirkus‘ wurde unter anderem eine „Meerjungfrauen-Expedition“ finanziert.

In der „Greatest Show on Earth“ waren die Ziegen-Einhörner und insbesondere das älteste und schönste Exemplar, „Lancelot“ jedenfalls die Hauptattraktion. So war Lancelots Abbild auf den Plakaten teils größer zu sehen, als das der Akrobaten und exotischeren Tiere.  Der Ziegenbock erhielt sogar eine eigene „Pressesprecherin“, mit der er stets gemeinsam auftrat. In prachtvoll inszenierten Shows tat Lancelot nichts anderes, als sich vor einer Märchenkulisse spazieren führen zu lassen und mit seiner menschlichen Begleitung in einer Kutsche zu fahren. Trotzdem galt er zeitweise als Star der Zirkus-Show. Übrigens verschwiegen die geschickten Showmen die wahre Herkunft Lancelots. Sie bewarben ihn als ein unglaubliches, fast schon mythisches Wunder der Natur.

Auszug aus dem Programm
Auszug aus dem Ringling-Barnum-Programm von 1985

Mystischer Einhornschädel
Mystischer Einhornschädel, eine Montage oder Fotomontage. Kein Schädel von Zell’s Tieren.

Ein jähes Ende

Recht bald allerdings löste die Zurschaustellung der Einhörner auch Negativ-Schlagzeilen aus. So protestieren Tierschützer gegen die Zurschaustellung des „deformierten“ Tieres. Vielleicht glaubten sie zunächst, dass Lancelot und die übrigen Ziegen fehlgebildet auf die Welt gekommen waren. Vielleicht befürchteten sie schlicht, dass sie den Anfang eines Trends zum „verbesserten“ Tier darstellten. Jedenfalls verstummten die kritischen Stimmen auch dann nicht, als die Behörden bestätigten, dass der Eingriff an den Ziegen schmerzlos vonstattengegangen sei.

Weitaus schädlicher für den Ruf der Einhorn-Show war allerdings eine schockierende Enthüllung über Leonard Lake, den ehemaligen Partner Zell-Ravenhearts. Es stellte sich heraus, dass dieser Mann Frauen nicht nur sexuell belästigt hatte. Er hatte über einen längeren Zeitraum auch mehrere seiner Opfer ermordet und die Leichen beseitigt. Lake wurde festgenommen und auf seinem Grundstück fanden Polizisten verschiedene Beweismittel. Ungünstiger Weise existierten reichlich Fotografien, die ihn zusammen mit einem der Einhörner zeigten. Daher wurde er in der Presse irrtümlicher Weise teils als Schöpfer der Einhörner bezeichnet. Einer derart negativen Berichtserstattung wollte sich der Zirkus nicht aussetzen. 1987 beendete er daher das Vertragsverhältnis.

In der Folge waren die Einhörner nur noch in kleineren Fernsehauftritten zu sehen. Die meiste Zeit über lebten sie auf dem Grundstück ihres Erschaffers. Die letzte der neun Ziegen starb 2005. Zell-Ravenheart hat die Zucht und Hornverpflanzung zwischenzeitlich bereits aufgegeben.

Ein Nachleben für die Einhörner?

Damit endet die Geschichte von den Einhörnern des Zauberers allerdings nicht unbedingt. Nach dem Tod der Tiere ließ Zell-Ravenheart mindestens drei der Schädel präparieren, darunter auch den von Lancelot. Einen davon behielt er, die anderen beiden hat er entweder verschenkt oder verkauft. Öffentlich ausgestellt wird jedenfalls keines davon und auch ihre Geschichte ist zwischenzeitlich eher in Vergessenheit geraten.

Einhörner im Park
Als mystische Figuren finden sich Einhörner an vielen Orten

Gruppe Narwale (gemeinfrei)
Selbst der Narwall als Meeres-Einhorn hat durch den Hype viel Presse bekommen

Nun stelle man sich vor, dass durch irgendwelche Umstände einer der Schädel verkauft wird – etwa, weil der Besitzer stirbt oder schlicht Geld damit verdienen will. Wenn Bilder dieses Schädels, der nicht nur authentisch aussieht, sondern authentisch ist, ihren Weg ins Internet finden würden, gäbe es plötzlich eine Unzahl von selbsternannten Einhorn-Experten. Natürlich wäre es leicht möglich, die Behauptung, dass es sich bei den Schädeln um die Überreste einer noch unentdeckten Tierart handele, wissenschaftlich zu widerlegen. Bis dahin hätte die Mehrheit der kurzzeitig Interessierten allerdings längst eine neue Sensation gefunden.

Durch ein Detail könnte allerdings selbst dann der Hype um die Wiederentdeckung des Einhorns verhindert werden: Tierschädel sind nicht sonderlich niedlich und geben kein gutes Schokoladen-Motiv ab. Andererseits könnte ein Schulranzen mit Einhornschädel-Motiv wohl manch einen Jungen im Grundschulalter überzeugen…

Manga-Einhorn
Die Einhorn-Liebe vieler Kinder hat auch Einzug in die Manga-Welten gefunden

Kitsch-Einhorn
Auch solche verkitschten Darstellungen sind auf vielen Poster zu finden.

Literatur:


Dominik Schindler ist aktuell Student der Wirtschaftspsychologie (B. Sc.). Sein Interesse für die Kryptozoologie wurde erstmals im Vorschulalter durch eine Fernseh-Dokumentation über das Ungeheuer von Loch Ness geweckt. Da aber bis heute verhältnismäßig wenig deutschsprachiges Material zur Kryptozoologie verfügbar ist, ruhte dieses Interesse für längere Zeit. Erst seit wenigen Jahren beschäftigt er sich intensiv mit diesem Thema. Auslöser dafür war ein Bericht über den Minnesota Iceman, der auf einer englischsprachigen Website über amerikanische Sideshows veröffentlicht wurde.

Kontaktanfragen an den Autor bitte durch die Redaktion.

 

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