Der Tantanoola Tiger 1 – Stationen eines kryptozoologischen Erzählmotivs

Lesedauer: etwa 9 Minuten
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Am unteren Rand von South Australia, in einem kleinen Ort namens Tantanoola, befindet sich ein Hotel, das seinen Namen einer kryptozoologischen Legende verdankt: das Tantanoola Tiger Hotel zeugt von Begebenheiten, die das Dorf (und ganz Australien) lange Zeit in Atem hielten. Alles begann mit verschwundenen Schafen und Sichtungen eines “seltsamen Tieres”  in einer damals sehr wilden Gegend. Der Zufall markiert die Geburt einer Legende. Doch damit nicht genug. Aus der Hysterie entwickelte sich ein wandelbares Erzählmotiv, das in sämtlichen kryptozoologischen Figuren Station machte. Der Tantanoola Tiger ist in der heutigen Folklore weit mehr als eine wilde Katze. Hier ist seine Geschichte.

 

Tantanoola liegt ziemlich abgelegen

1. Station: Australisches Alien Big Cat

Mysteriöser Eindringling

November 1891 – 30 km westlich von Mount Gambier. Zwei Aborigines, tätig als Schafscherer auf dem Grund des Viehzüchters John Cameron, sehen ein mysteriöses Tier, das sie nicht der heimischen Fauna zuordnen. Die Hunde sind verschreckt und auch die menschlichen Beobachter rennen geschockt zum Gutsherren, der dem Ereignis zuerst wenig Beachtung schenkt.

Lage von Tantanoola im Südosten Südaustraliens

 

Doch der mysteriöse Eindringling macht die Farm noch einmal unsicher. Und dieses Mal hinterlässt er Spuren. Sie gleichen denen eines Hundes, sind mit ihren 10 Zentimetern jedoch weit größer.

 

Im Dezember 1892 – In einem Dorf nahe von Tantanoola, befindet sich das Ehepaar Taylor gerade auf dem Heimweg. Da überquert vor ihnen ein seltsames Tier die Straße. Es ist braun, hat schwarze Streifen und einen langen Schwanz. Die Gesamtlänge soll ganze 1,5 Meter betragen haben. “Es war kein Dingo”, so schwören die beiden Zeugen im Nachhinein.

Ein Schaf-Räuber aus dem Zirkus?

Schon bald melden Viehzüchter den Verlust von Schafen – sie fanden ihre blutigen Häute, blitzsaubere Knochen… (News.com.au)

Ein Teil eines Hirschskelettes liegt auf einem Weg
Sind saubere Knochen ein Zeichen für eine Großkatze oder für zahlreiche kleine bis sehr kleine Aasfresser? Foto: Cornwall Live

Dann bringt die Melbourne Press den Stein ins Rollen. Die Zeitung verknüpft die Ereignisse mit einem Tiger, der Jahre zuvor einem Zirkus entlaufen sein soll. Auch wenn eine Lokalzeitung, der “Star” diese sensationalistische Erklärung stark anzweifelt – der Mythos ist geboren. Es hilft auch nicht, wenn dieselbe Lokalzeitung darauf verweist, dass schon die Jahre davor Schafe verschwunden sind und das Verschwinden auf rein menschliche Ursachen zurückging (Portland Guardian) – der Geist ist aus der Flasche. Und ganz Australien spricht jetzt vom “Tantanoola Tiger”. (News.com.au)

 

Das Dorf lebt in der Angst. Kinder dürfen nachts nicht mehr raus, verschiedenste Zeugen “hoher Reputation” glauben, das Tier nun selbst gesehen zu haben, größer als ein Hund, mit Streifen (Portland Guardian).

Die erste Tigerjagd

Mittlerweile schreiben wir den Mai 1893. Gutsverwalter John Livingston glaubt das Land unter seiner Verantwortung als das bevorzugte Terrain des Tigers. Er sammelt ein Dutzend Männer, um die Gegend des German Creek zu durchkämmen. Sie schlagen sich durch Dickicht, positionieren sich mit Gewehren an strategischen Punkten, treiben mit ihren Rufen den Bush vor sich her… da nimmt einer der Hunde die Fährte von etwas auf und rennt ins Gebüsch. Nur wenig später springt er verängstigt wieder raus. Etwas Dunkles bewegt sich hinter den Zweigen. Die Jäger wagen sich ins Geäst… und finden einen schwarzen Schwan auf seinem Nest (News.com.au).

 

SChwarzer Schwan
Auch Schwarze Schwäne können ganz schön bissig werden, aber nisten sie im Busch?

 

2. Station: Ein “Monsterschwein”

Oktober 1893 – Ein Mann namens Kenny Mathison präsentiert eine grausige Auflösung des Rätsels: “Es hat eines meiner Pferde komplett gehäutet, vom Brustkorb bis zum Knie. Es versteckt sich tagsüber im Gestrüpp und jagd in der Nacht.” Ein wildes Schwein sollte der Übeltäter sein. Schließlich gelang es ihm, die richtige Giftmischung für das “Monster” zusammenzurühren. Er streute sie über ein totes Schaf – und da lag es am nächsten Morgen: 2,7 Meter soll es von der Schnauze bis zum Schwanz gemessen haben, mit Hauern von 9 Inch Länge. Die Hauer und seinen “Jagdbericht” schickte er der Zeitung Express & Telegraph. “Ich bin sehr zufrieden, dass ich mit dem Schwein den Tiger getötet habe, der so viel Schaden bei meinen Schafen und schwachem Vieh im Distrikt von Tantanoola angerichtet hat” (News.com.au)

 

Wildschwein
Wildschwein-Keiler im Gehege

 

3. Station: Eine canide “Bestie”

Die zweite Jagd

Doch  der Tiger ist mit dem Schwein nicht tot. Die Sichtungen von des Tantanoola Tiger gehen weiter. John Livingston´s Neffe Donald Smith sieht sie im August 1894 auf einem Ritt bei German Creek mit einem Schaf im Maul. Auch wenn er noch nie zuvor einen Tiger gesehen hat: Er ist sich nachher sicher, dass er diesem Tier in diesem Moment in die Augen schaute. Sein Onkel Livingston schickt ihn zur Polizei. Und der Inspector glaubt dem Zeugen. Zwei berittene Agenten machen sich nun mit einem “black tracker”, d.i. ein eingeborener Spezialist in der Spurensuche, auf in den Bush, um die “Bestie” endlich dingfest zu machen.

Die zweite Suche bringt nun auch tatsächlich bessere Ergebnisse. Auf dem Boden finden sich nämlich Krallenspuren und Zeichen eines Kampfes. Als die Männer den Spuren folgen, finden sie blutige Wolle an den Farnen. Offenbar hatte die “Bestie” die Tiere davon geschleift. Dann stoßen sie auch noch auf einen Pfotenabdruck mit 13 Zentimetern Durchmesser. (News.com.au)

 

Wolfsspur
Fußspur eines (europäischen) Wolfes (Peter Ehret)

 

Sichtungen und Hilfe aus dem Ausland

1895 gibt es jeden Monat eine Sichtung vom “Tiger”. Im Nachbarstaat Victoria hören die Bewohner der Stadt Coleraine ein lautes “Brüllen” und als Minenarbeiter in Bendigo von einem “stählernen Schnüffeln” geweckt werden, ist man sich sicher, dass der Tiger von Tantanoola den Bundesstaat gewechselt hat. Auch rücken “Buschmänner” aus, um den Tiger zu finden. Und auch dort greift die Hysterie greift um sich. Ein “achtbarer” Mann sieht die Silhouette eines gestreiften Tigers, genau dann, als seine Frau wiederholt davon träumt, dass er von der Bestie gebissen wird (Portland Guardian).

 

Die menschlichen Jäger schalten ein paar Gänge höher. Zwei Männer aus Afghanistan mit Erfahrung in Tigerjagden werden in den Bush geschickt (man halte hier kurz inne und denke an die zwei Finnen bei der Jagd auf den Bär “Bruno” im Jahre 2006 in Deutschland), ausgestattet mit Pferden, die Polizei stellt die Waffen (Portland Guardian).

Jagd am Mount Saint

Ein anderer sehr erfahrener Schütze namens Thomas Donovan macht sich ebenfalls auf die Suche nach der “Bestie”. Als “Einsatzgebiet” wählen sie die Gegend um den Mount Saint, weil von hier eine glaubwürdige Sichtung auf einem Landgut stammt. Und überhaupt kam die Mehrheit der jüngsten Sichtungen von dort. (News.com.au)

Am 21. August 1895, noch vor Dämmerung, kommen sie mit ihren Pferden am Zielort an. Da bemerken sie 300 Meter entfernt eine nervöse Schafherde, die von einem großen Tier aufgewühlt wird. Die Jäger können es aus der Entfernung nicht klar erkennen – aber wie ein Tiger sieht es nicht aus, eher wie ein großer Hund. Doch ohne Zweifel attackierte es die Schafe. (News.com.au)

Donovan’s Gelegenheit

Die Männer reiten bis auf 90 Meter an das Geschehen heran. Sie können beobachten, wie die “Bestie” gerade ein Schaf zu Fall bringt und sich anschließend auf seine Hinterbeine setzt. Die Gelegenheit. Donovan legt an – und feuert auf das Tier.

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Es ist hart getroffen. Doch es hat noch Kraft zur Flucht. Die Männer hinterher. Nach 180 Metern liegt die Kreatur am Boden. Keine Chance. Die Kugel hat Schulterblatt- und Herz durchdrungen und ist zur anderen Seite wieder hinaus. Aber das sterbende Tier, das die Männer vor sich haben, ist kein Tiger. Es sieht aus wie ein Hund. Aber es gleicht keinem Hund, den sie zuvor gesehen haben (News.com.au)

“Zu groß für ein Dingo”

Donovan bringt den Kadaver zu einem Tierpräparator. Dutzende Personen umschwärmen dessen Laden. Das Tier misst 1,5 m von der Schnauze bis zur Schwanzspitze. Von Ohrspitze zu Ohrspitze 33 Zentimeter. 2,5 Zentimeter lang sind seine Zähne. Das Fell ist dunkelbraun am Rücken und Schwanz und gräulich am Kopf, den Seiten und Flanken. Die kräftigen Beine sind von einer gelblichen Farbe. Die Pfoten sind 11 Zentimeter dick und passen ziemlich gut zu der Größe der Abdrücken von der Ranch aus dem Jahre 1893. Es wird spekuliert: „Zu groß für ein Dingo“ … „Eine Kreuzung zwischen Dingo- und großem Hund?“ Doch langsam dämmert es dem Präparator und einigen Begleitern, dass es weder das Eine noch das Andere ist. (News.com.au)

 

Dingo
Wildlebender Dingo

 

Ungewöhnliche Trophäe

Ein gewisser Herr Minchin vom Zoo in Adelaide bestätigt die Vermutung: es ist ein Wolf. Um genauer zu sein, ein Arabischer Wolf  (der Portland Guardian spricht von einem “Assyrian Wolf”). Dieser Typ wurde tatsächlich in Victoria gezüchtet und so wäre im Prinzip nichts Ungewöhnliches daran, dass einer von ihnen in der nahen Umgebung im Bush auftaucht. (Portland Guardian).

Foto der Trophäe des Tantalooga Tiger
Historisches Foto des Tantanoola-Tiger, bzw. des ausgestopften Wolfes

Die “Bestie” überzeugt natürlich nicht alle beteiligten Personen – und Zeugen. Wieder andere Zeugen (darunter Livingston´s Neffe) hingegen schon. Doch wie ist es in den Bush gelangt? Ein Überlebender eines Schiffbruchs? Oder ein Ausreisser vom Zoo in Victoria? Dort hat man ja tatsächlich dereinst Kreuzungen mit Arabischen Wölfen gehalten. (News.com.au)

 

Donovan stellte seine Trophäe jedenfalls noch Jahre hinterher in seiner Heimatstadt Nelson aus, nachdem er für ihre Besichtigung in Tantanoola schon von 400 Schaulustigen einen Shilling abkassiert hat. Dorthin gelangt das ausgestopfte Tier schließlich auch wieder zurück – und dort steht es noch heute. Um genau zu sein: Im Tantanoola Tiger Hotel. In einer Glasvitrine.

 

Tantalooga Tiger Hotel
Das Tantanoola Tiger Hotel, historisches Foto

Der zweite und letzte Teil dieses Beitrages wird voraussichtlich am Dienstag, 8. Dezember erscheinen.

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