Das Honey Island Swamp Monster – Ein dreizehiges Rätsel

 

Die Sümpfe von Louisiana sind gewiss ein unangenehmer Ort, um sich zu verlaufen. Nicht nur besteht die Gefahr, in irgendeinem Sumpfloch stecken zu bleiben – auch die dortige Tierwelt ist alles andere als freundlich gesonnen. Das bekannteste Beispiel dafür dürften wohl die Alligatoren sein, die – auch wenn der Mensch üblicherweise nicht auf ihrem Speiseplan steht – doch zu einer Gefahr werden können.

Die Einheimischen behaupten allerdings, dass sich noch weitaus erschreckendere Wesen in den Sümpfen herumtreiben. Das Honey Island Swamp Monster ist eine dieser sagenhaften Kreaturen.

Der Fluglotse und der Sumpfbigfoot

1963 war der ehemalige Fluglotse Harlan Ford mit einem Freund zusammen zur einer Erkundungstour durch die Sümpfe aufgebrochen. Dazu sei erwähnt, dass das fragliche Sumpfgebiet eine Fläche von etwa 70.000 Acres (ca. 183 km2, etwas mehr als doppelt so groß wie der Chiemsee) ausmacht und als kaum passierbar gilt. Es dürften sich also nicht allzu viele Menschen dorthin verirren.

Szene am Pearl River
Szene am Pearl River, der den Honey Island Swamp umfließt

Ford wurde jedenfalls für seinen Mut belohnt. Nach eigenen Angaben sah er das Honey Island Swamp Monster, als er gerade angelte. Er beschreibt es als „etwa 8 Fuß [ca. 2,44m] groß, mit verfilztem, braunem Fell bedeckt und einen würgreiz-auslösend bestialischen Gestank verströmend“.  Man beachte, dass der zuletzt erwähnte Gestank ein üblicher Bestandteil von Berichten über Bigfoot-Sichtungen ist. Ferner beschreibt er, dass die Augen bernsteinfarben gewesen seien. Allerdings erwähnt er nicht, wie das Gesicht sonst beschaffen war.

Glücklicherweise brach Ford nicht in Panik aus, sondern holte seinen Freund als zusätzlichen Zeugen der Sichtung. Später gelang es ihm sogar, Abgüsse der Fußabdrücke anzufertigen. Die Fußabdrücke wiesen eine absonderliche Eigenheit auf: Sie hatten allesamt nur drei Zehen.

Man könnte Ford natürlich einfach als Lügner abtun, der durch einen gefälschten Abguss Aufsehen erregen wollte. Allerdings war er nicht der einzige, der in der Region ein solches bigfoot-artiges Kryptid sah.

Cast des Honey Island Swamp Monster
Abguss des Fußabdruckes, der dem Honey Island Swamp Monster zugesprochen wird.

Ist der Hinterfuß eines Alligators für die Spuren des Honey Island Swamp Monster verantwortlich?
Sind die Fußspuren des Monsters doch von einem Alligator? (rechter Hinterfuß)

Ein weiterer Zeuge

Ein weiterer Zeuge ist Ted Williams. 1976, nachdem das „Monster“ in der amerikanischen TV- Serie „In Search of…“ thematisiert worden war, teilte auch dieser seine Sichtung mit der Öffentlichkeit:

Seine Beschreibung der Kreatur ist etwas detaillierter: Sie sei groß (7 Fuß, also ca. 2,13 m) und breitschultrig gewesen. Die Arme seien so lang gewesen, dass sie bis über die Knie hingen. Die Hände hätten „beinahe so ausgesehen, wie die eines Menschen“. Das Gesicht habe er nicht sehen können, da die Kreatur sich ihm abgewandt hätte. Das Fell beschreibt er allerdings, anders als Ford, als dunkelgrau. Wie relevant dieses Detail ist, ist fraglich. Schließlich konnte er das Wesen nicht allzu lange beobachten. Auch können Farbvariationen innerhalb einer Tierart durchaus vorkommen.

Williams war zwar bewaffnet, wollte aber nicht schießen. Das Honey Island Swamp Monster erschien ihm zu menschlich. Es sprang schließlich ins Wasser und schwamm in langen, kraftvollen Zügen davon.

Ob die Kreatur ungewöhnliche Fußabdrücke hinterlassen hat, geht aus dem Bericht nicht hervor.

Mississippi-Alligator in den Bayous von Lousiana
Mississippi-Alligator – Ist er der Herrscher in den Bayous?

Sonnenuntergang
Sonnenuntergang auf den Bayous, Der Honey Island Swamp trägt auch viele Schilfflächen

Ein Bigfoot auf kleinem Fuß

Zweifellos kann man Bigfoot-Sichtungen generell als ungewöhnliche Phänomene bezeichnen. Das Honey Island Swamp Monster wirkt allerdings selbst für einen Bigfoot noch ungewöhnlich – schließlich weisen die Fußabdrücke nur jeweils drei Zehen auf.

Ein Abguss eines der Fußabdrücke liegt dem Autor dieses Artikels vor. Dabei sei allerdings erwähnt, dass wohl Abgüsse mehrerer Abdrücke existieren. Auch können sich einzelne Details durch mehrfaches Abgießen verändern.

Abgesehen von den lediglich drei Zehen fällt zunächst die geringe Größe des Abdrucks auf. Michael Newton beschreibt sie in seinem Lexikon-Eintrag als „only 9.75 inches (ca. 24,8cm) long“. Der vorliegende Abdruck ist nur knapp über 22cm lang. Es kann allerdings sein, dass Newton schlicht eine gröbere Angabe der Länge machte. Ganz unabhängig davon muss man aber bedenken, dass Monster von den beiden Zeugen jeweils als über zwei Meter groß beschrieben wird. Im Verhältnis zur angeblichen Größe des Kryptids wären die Füße also ziemlich klein.

Am auffälligsten ist und bleibt allerdings die Anzahl der Zehen. Die Zahl der Säugetiere mit nur drei Zehen ist äußerst gering und keines davon ist in den USA heimisch. Außerdem wären die Abdrücke für ein Meerschweinchen, einen Klippschliefer oder ein Faultier schlicht zu groß.

Von Alligatoren, Affigatoren und Grunches

Skeptiker schlagen des Öfteren einen Alligator als Urheber der Fußabdrücke vor. Zwar haben Alligatoren fünf Zehen an den vorderen bzw. vier Zehen an den hinteren Füßen. Es besteht allerdings die Möglichkeit, dass die kleinsten, äußeren Zehen nur sehr leichte Abdrücke hinterließen. Auf einem Abguss wären sie dann kaum oder gar nicht zu erkennen. Grundsätzlich wäre es also eine plausible Theorie, zu behaupten, dass der Fuß eines Alligators den Abdruck verursacht hat. Aufgrund der Größe der Abdrücke müsste es sich dann allerdings um ein wahres Prachtexemplar gehandelt haben. Außerdem stimmt Fords Beschreibung der Kreatur nicht ansatzweise mit der eines Alligators überein.

Kommt hier das Honey Island Swamp Monster vor?
Zypressen von Tillandsien überwuchert, typisch für Lousiana

Oder ist das hier die Heimat des Honey Island Swamp Monsters?
Wo fester Boden erreichbar ist, wachsen auch andere Bäume

Die Einheimischen sind aufgrund dieses Rätsels sehr kreativ geworden, was die Herkunftsgeschichte des Monsters angeht. Gerüchteweise handele es sich um die Nachfahren entflohener Zirkus-Schimpansen. Diese seien in den Sümpfen so einsam gewesen, dass sie sich mit den heimischen Alligatoren gepaart hätten. Auf diese Weise seien Mischwesen entstanden. Diese These soll aus offensichtlichen Gründen unkommentiert bleiben.

Ebenfalls passend zum dreizehigen Abdruck, aber auch nicht plausibler, ist eine lokale Sagengestalt: der Grunch. Dieser wird als etwa 4 Fuß (ca. 1,22m) großes Reptil beschrieben, welches sich auf sehr ungewöhnliche Weise bewegt – auf zwei Beinen nämlich. Zwar sei er mit Schuppen bedeckt, doch der Körper entspräche dem eines Affen. Ansonsten sagt man ihm allerhand Untaten nach, hauptsächlich Angriffe auf Vieh und Menschen. Allerdings taugt auch dieses Fabelwesen eher zur Kinderschreckgestalt. Aus zoologischer Hinsicht dürfte ein solches Tier beinahe unmöglich sein.

Die Megatherium-Hypothese

Eine ebenfalls unwahrscheinliche, aber immerhin nicht zoologisch unmögliche These schlägt Paul Offutt in seinem Artikel „Mystery oft he Three-Toed Bigfoot“ auf der Anomalistik-Website „Mysterious Universe“ vor.

Er hält ein Riesenfaultier für den Urheber der Abdrücke. In der Tat würde es sich dabei um ein Tier mit drei Zehen handeln. Auch die Größe könnte einigermaßen mit der des Honey Island Swamp Monsters übereinstimmen. Ebenso wären die USA grundsätzlich Teil des Verbreitungsgebietes. Es gibt da nur ein Problem: Das Riesenfaultier gilt seit mindestens 11.000 Jahren als ausgestorben. In seinem Artikel spricht Offutt ausdrücklich nur von der Gattung Megatherium*. Diese Gattung kam in Nordamerika nicht vor, sondern die nahe verwandte Gattung Eremotherium.

Eremotherium mirabile im Houston Museum of Science aus einem Fund aus dem dem Pleistozän von Daytona Beach, Florida (Foto: „Assignment_Houston_One“, CC 2.5)

Ist das Honey Island Swamp Monster ein Bodenfaultier?
Künstlerische Darstellung eines Bodenfaultieres. Ist die Interpretation des Honey Island Swamp Monster gerechtfertigt? /Bild: DiBgd, adaptiert, CC 1.2)

Offutt führt jedoch zwei Indizien für das mögliche Überleben des Tieres an: Zum einen hätten südamerikanische Ureinwohner noch bis in die 1990er Jahre von einem Tier berichtet, das dem Riesenfaultier ähnlich ist: Dem Mapinguari. Beweise für die Existenz dieses Kryptids gibt es allerdings nicht. Außerdem beschreibt er, dass eine Inuit-Familie in den 1980er Jahren ein ungewöhnliches Tier gesehen habe. Als man ihnen Vergleichsbilder zur Identifizierung zeigte, wählten sie dasjenige, das eine künstlerische Darstellung des mit dem Eremotherium nahe verwandten Megatheriums zeigte. Allerdings wurde auch hier, immerhin auf dem nordamerikanischen Kontinent, kein solches Tier lebend gefunden. Das Eremotherium kam auch in Lousiana vor.

Wie so oft in der Kryptozoologie kann man nur wieder resümieren, dass das Geheimnis um das Honey Island Swamp Monster heute nicht gelüftet werden kann. Die wahrscheinlichste Erklärung für die Fußabdrücke wäre neben einer Fälschung wohl der Alligator. Das erklärt allerdings nicht die Sichtungen des fellbedeckten Kryptids. Hier wäre das Riesenfaultier der passendere Kandidat. Allerdings müsste dafür zunächst erwiesen werden, dass diese Tierart bis heute oder zumindest bis in die 1970er Jahre überlebt hat.


Literatur:

Artikel zum Honey Island Swamp Monster auf Mysterious Universe:

Newton, Michael (2005): The Encyclopedia of Cryptozoology. A Global Guide, S. 199

Wikipedia zu Megatherium und Eremotherium


Dominik Schindler ist aktuell Student der Wirtschaftspsychologie (B. Sc.). Sein Interesse für die Kryptozoologie wurde erstmals im Vorschulalter durch eine Fernseh-Dokumentation über das Ungeheuer von Loch Ness geweckt. Da aber bis heute verhältnismäßig wenig deutschsprachiges Material zur Kryptozoologie verfügbar ist, ruhte dieses Interesse für längere Zeit. Erst seit wenigen Jahren beschäftigt er sich intensiv mit diesem Thema. Auslöser dafür war ein Bericht über den Minnesota Iceman, der auf einer englischsprachigen Website über amerikanische Sideshows veröffentlicht wurde.

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