„The Sugar Flat Road Monster“- Der kleine Bruder des Minnesota Iceman

 

 

Den Beweis zu erbringen, dass Bigfoot tatsächlich existiert, dürfte wohl der große Traum vieler, vorrangig amerikanischer, Kryptozoologen sein. Ein großes Problem besteht aber darin, dass die meisten Indizien entkräftet werden können. Der einzige wirklich sichere Beweis wäre der Körper oder ein Körperteil dieses Kryptids. Kryptozoologisch interessierten Menschen dürfte hier gleich der Minnesota Iceman in den Sinn kommen. Überzeugend war er zweifelsfrei, denn sonst hätten ihn nicht Zoologen wie Bernard Heuvelmans und Ivan Sanderson für echt erklärt. Ob er tatsächlich der ersehnte Beweis war, wurde allerdings spätestens mit dem Auftauchen einer verblüffend ähnlichen Silikonfigur zweifelhaft.

So oder so hat der Minnesota Iceman weit größere Wellen geschlagen, als sein „kleiner Bruder“, das „Sugar Flat Road Monster“. Der präparierte Kopf dieses angeblichen, bigfoot-artigen Kryptids wird schon seit Ende der 1980er oder Anfang der 1990er Jahre in Tennessee ausgestellt. Dieser Artikel soll einen Überblick über seine Geschichte gewähren. Zugleich gilt es aber auch, die Behauptungen der Aussteller kritisch zu hinterfragen.

Der zweibeinige Wildschaden

Die folgende Schilderung der Ereignisse ist einem Flyer von „Cuz‘s Antique Center“ entnommen. In diesem Antiquitätengeschäft wurde der fragliche Kopf ausgestellt, bevor er später den Besitzer wechselte. Zur besseren Lesbarkeit wird die Geschichte im Indikativ wiedergegeben. Dies soll nicht den Eindruck erwecken, dass sie zwangsläufig wahr ist:

Der umstrittene Kopf (Deeplink zu Cryptomundo)

Die Sugar Flat Road. Hier soll irgendwo der Unfall passiert sein.
Es lohnt sich, die Straße im Street View zu betrachten.

Im Januar 1987 war ein nicht näher benanntes Pärchen nachts auf der Rückfahrt von einem romantischen Treffen. Auf der Sugar Flat Road, einer Straße, die in der Nähe der Gemeinde Lebanon in Tennessee verläuft, bemerkten sie zwei Gestalten. Diese preschten so schnell aus dem Gebüsch hervor, dass der Fahrer des Wagens nicht mehr ausweichen konnte. Er traf eine der beiden Gestalten und bremste dann ab. Der Anblick des Überfahrenen erschreckte ihn sehr:

Es handelte um ein Wesen, dass einem mittelgroßen Mann ähnelte. Allerdings war es völlig mit weißem Fell bedeckt. Es war offensichtlich, dass der Zusammenstoß die Kreatur getötet hatte. Da er nicht wusste, wie er reagieren sollte, zog der junge Mann das „Monster“ zunächst ins Gebüsch und beging Fahrerflucht. Am frühen Morgen kehrte er allerdings zum Unfallort zurück. Ursprünglich war es wohl seine Intention, den Getöteten zu begraben. Während er allerdings eine Grube aushob, überzeugte er sich mehr und mehr selbst, dass dieses Ding unmöglich ein Mensch sein könne. Er änderte daher seine Meinung und entschloss sich, eine Trophäe vom Monster der Sugar Flat Road zu nehmen. Er trennte ihm daher den Kopf ab und ließ ihn präparieren.

Seine Freundin wollte aber nicht akzeptieren, dass er dieses makabre Souvenir zuhause aufbewahrte. Er war daher gezwungen, das „Sugar Flat Road Monster“ an den Inhaber von „Cuz’s Antique Center“ in Lebanon zu verkaufen. In den Folgejahren haben Anwohner davon berichtet, ein ähnliches Wesen gesehen zu haben. Es handelt sich möglicherweise um die zweite Gestalt, die über die Straße lief.

Lebanon
Der City Square von Lebanon in Tennessee. Nicht gerade eine pulsierende Metropole

Tennessee
Das ländliche Tennessee in der Gegend um Lebanon – Amerika aus dem Bilderbuch

Ein weiß-blaues Wunder

Diese Schilderung alleine regt einen skeptischen Geist schon zu diversen Fragen an. Zunächst soll aber noch die Trophäe des jungen Unfallsfahrers kurz beschrieben werden:

Einem Video auf Youtube nach zu urteilen, dürfte der Kopf insgesamt etwas größer sein, als der eines mittelgroßen Mannes. Zumindest scheint der Kommentator weder übermäßig groß, noch klein zu sein. Er bietet daher einen guten Vergleichsmaßstab. Die Kopfform des „Monsters“ entspricht eher der eines Gorillas, als der eines Menschen. Allerdings ist die Nase nicht abgeflacht, wie bei einem Affen, sondern tritt leicht hervor. Auch der Kiefer wirkt menschlich, da er eher eine V-Form, als eine U-Form aufweist. Der Mund ist geöffnet, sodass man die Zahnreihen sehen kann. Diese sind geschlossen und weisen keine sonderlich langen Eck- bzw. Reißzähne auf. Auch dieses Merkmal findet sich nicht bei nicht-menschlichen Affen.

Gorilla
Dieser Gorilla zeigt die Zähne. Sogar Menschenaffen haben verlängerte Eckzähne

Tennessee
Die offene Kultur-Landschaft am Rande der Great Smokey Mountains.

Definitiv nicht menschlich ist dagegen die Farbgebung des Kryptids. Der Kopf ist mit weißem, eher kurzem Fell bedeckt. Das Gesicht ist dabei nicht völlig unbehaart, lässt aber einen guten Blick auf die Haut zu. Die Fellfarbe könnte man zunächst dadurch erklären, dass das „Sugar Flat Road Monster“ eben ein Albino war. Allerdings spricht dagegen die Hautfarbe: Sie ist dunkelgrau mit einem ungewöhnlich bläulichen Stich. Das wesentliche Merkmal des Albinismus ist aber das Fehlen von Farbpigmenten, auch in der Haut. Die Haut des Kryptids müsste dieser These nach also weiß oder zumindest sehr hell sein. Eine besonders gute Anpassung an den Lebensraum kommt noch weniger als Erklärung in Betracht. Tennessee liegt im Süden der USA und damit definitiv nicht im ewigen Eis. Ein weißes Fell schmälert hier die Überlebenschancen eines jeden Tieres wesentlich, sodass es wahrscheinlich nicht einmal das Erwachsenenalter erreichen würde.

Ich hätte da ein paar Fragen…

Wie man merkt, werden erste Ungereimtheiten bereits durch die Betrachtung des Präparates alleine sichtbar. Nun sollen zusätzlich noch einige logisch fragwürdigen Punkte der Geschichte aufgegriffen werden:

  1. Der Sinneswandel des jungen Mannes erfolgt äußerst plötzlich. Erst ist er davon überzeugt, eine fahrlässige Tötung samt Fahrerflucht begangen zu haben. Während er ein improvisiertes Grab schaufelt, um die Leiche zu beseitigen (!), ist er sich plötzlich sicher, keinen Menschen vor sich zu haben. Er hat jetzt nun keine Probleme mehr damit, einem Wesen, dass er zuvor noch für einen entstellten Mann hielt, einfach den Kopf abzuschlagen. Diesen Kopf will er dann auch noch selbst als Trophäe behalten. Er wandelt sich also innerhalb kürzester Zeit vom panischen Unfallfahrer zum kaltschnäuzigen Trophäenjäger.
  2. Welcher Tierpräparator nimmt, laut dem Flyer zwar mit Verwunderung, aber ohne Protest, ein menschenähnliches Wesen zur Präparation an? Menschenaffen dürften auch 1987 schon unter Schutz gestanden haben. Ganz abgesehen davon ist das Wesen keiner bekannten Art zuzuordnen. Und selbst wenn ihn all das nicht interessiert hat: Hätte er so nicht einem Wilderer Beihilfe geleistet?
  3. Das Präparat war Jahre lang im Schaufenster eines Antiquitätenladens ausgestellt. Auch wenn der Ort Lebanon nicht riesig ist, müsste das doch Aufmerksamkeit erwecken. Laut dem Infoflyer wurde sogar national im Fernsehen darüber berichtet. Sollte nicht spätestens dies die Behörden, oder zumindest Wissenschaftler auf den Plan rufen?

Weißwedelhirsch
Eine Weißwedelhirsch-Kuh mit Kitz. Deutlich zu sehen ist der weiße Fellspiegel am Hintern.

Assquatch
Ein „Assquatch“ zum Verkauf, ganz offen aus dem namensgebenden Teil eines Hirsch gemacht. (Webfund ohne Herkunftsangabe)

Monster oder Hirsch-Hinterteil?

Es drängt sich die Vermutung auf, dass das „Sugar Flat Road Monster“ eine Fälschung sein könnte. Das Mysterium um die Kreatur wäre eine ideale Werbestrategie für den findigen Antiquitätenhändler gewesen. Die Idee, durch die vermeintliche Entdeckung einer neuen Menschen- oder Menschenaffenart Aufmerksamkeit zu erwecken, ist auch schon alt: Loren Coleman berichtet auf Cryptomundo, dass der Abenteurer Charles Waterton bereits 1825 behauptete, eine Art Affenmenschen erlegt zu haben. Das „Beweismittel“, ebenfalls eine Kopftrophäe, fertigte er damals aus einem Brüllaffen-Pelz.

Später fanden US-amerikanische Schausteller einen noch günstigeren (und aus Sicht des heutigen Artenschutzes weniger bedenklichen) Weg, diesen Effekt zu erzielen: Aus den Hinterteilen verschiedener Huftiere, wie Weißwedelhirschen lässt sich mit etwas Geschick ein annähernd humanoider Kopf formen. Es gibt sowohl Versionen, in denen deutlich erkennbar ist, dass es sich um einen Kunstgegenstand handelt, als auch sehr realistische Exemplare. Die Tierpräparatoren und teils auch die Schausteller selbst bezeichnen diesen amerikanischen Wolpertinger als „Wooley Booger“ oder auch „Swamp Booger“. Alternativ kann er auch „Goat Man“ heißen, wobei man ihn dann nicht mit dem gleichnamigen „Pope Lick Monster“ verwechseln sollte.

Ob es sich bei dem „Sugar Flat Road Monster“ allerdings sicher um einen „Swamp Booger“ handelt, lässt sich von einem deutschen Schreibtisch aus nicht klären. Dafür wäre es nötig, dass bestenfalls ein Primatologe, zumindest aber ein Tierpräparator den Kopf näher untersucht. Fraglich wäre aber auch, ob die aktuellen Besitzer überhaupt daran interessiert sind, die Wahrheit ans Licht kommen zu lassen.


Literatur:

Civilwarsaga Homestead: The legend of sugar flat road

Youtube (“Dr. Gangrene”): The Sugar Flat Road Monster

Cryptomundo: Bring me the head of Bigfoot

Vice.com: Taxidermists Are Seriously Turning Deer Butts into Assquatches

 




Ape-Canyon-Bibliographie erschienen

 

 

Im Juli 1924 kam es bei Kelso im US-Bundesstaat Washington zu einer bis heute klassischen Konfrontation mit einem mutmaßlichen Bigfoot. In Gegensatz zu manchen anderen Bigfoot-Begegnungen vor 1955 ist sie aus zeitgenössischen Quellen bekannt. Ich folge hier der Beschreibung in John Greens Standardwerk „Sasquatch – the Apes among Us“ (S. 89 f.).

Angriff der Bergteufel – nach tödlichem Schuss

Die Goldsucher Marion Smith, Roy Smith, Fred Beck, Gabe Lefever und John Peterson übernachteten in einer Blockhütte auf dem Mount St. Helens und wurden von einer Herde „Bergteufeln“ oder „Berggorillas“ angegriffen.Die Männer hatten bereits seit sechs Jahren Fußspuren der Tiere bemerkt. Smith erschoss einen der aufrecht gehenden „Gorillas“ mit seinem Revolver. Er schätze dessen Gewicht auf 400 Pfund, der Kadaver stürzte einen Abhang hinab. In der Nacht danach sollen die Tiere – die Männer zählten vier –die Hütte mit einem regelrechten Hagel von Steinwürfen angegriffen haben.

Der Spirit Lake am Mt St. Helens
Die Hütte von Fred Beck und seinen Kameraden lag acht Meilen vom Spirit Lake entfernt. Das Bild zeigt den See im März 2005. (Foto: US Geological Survey)

Der Ape Canyon heute
Der Ape Canyon heute. (Foto: Caroline, CC 2.0)

Die Gorillas waren mit langem, schwarzem Haar bedeckt, hatten große, 10 cm lange und spitze Ohren und wiesen 32 bis 35 cm lange Füße mit vier Zehen auf. Da die Blockhütte neu errichtet worden war, vermuteten die Männer, dass sie zu nahe an der Höhle stand, in der die Gorillas hausten. Soweit die Angaben aus den Presseberichten von 1924.

Ein langes Interview, das Roger Patterson 1966 mit Fred Beck führte, findet sich in Green auf den Seiten 91 bis 97.

1982 behauptete der damals 86-jährige Rant Mullens, er und ein paar Freunde hätten den Zwischenfall inszeniert, um den Männern Angst einzujagen. (Bord 1998, S. 228) Beweise für diese Behauptung aber gibt es keine.

Übersinnliche Wesen?

Nach der amerikanischen Wikipedia schrieb Beck 1967 ein 22 Seiten langes Büchlein über seine Begegnung, in dem er die Bigfoots als Wesen aus einer anderen Dimension beschreibt. Beck meint, er habe Zeit seines Lebens Visionen und übernatürliche Fähigkeiten gehabt.

Der Kryptozoologe Mark A. Hall wies darauf hin, dass Beck im Laufe des Interviews mit Patterson die Gorillas immer größer machte: Zuerst wuchsen die Füße auf 48 cm, dann die Körperhöhe auf 2,50 m, schließlich das Gewicht auf 600 bis 800 Pfund.

Vergilbte Fotoaufnahme von vier Männern, die an einer Bretterhütte stehen
Zeitungsfoto, das die Untersucher bei der belagerten Hütte zeigt. Von links nach rechts: Burt Hammerstrom, freier Journalist; Bill Welch, Waldaufseher an der Spirit Lake Ranger Station; Frank (Slim) Lynch, Reporter aus Seattle und Jim Huffman, Waldaufseher

David Perez
Der Bigfoot-Forscher Daniel Perez leitet das „Center for Bigfoot Studies“ und gibt den Newsletter Bigfoot Times heraus. Er hat mit Kollegen eine Bibliographie zum Ape-Canyon-Zwischenfall herausgegeben, die kostenlos zum Download zur Verfügung steht.

Ein Fall von besonderem Interesse

Der Fall ist also aus vielerlei Hinsicht von besonderem Interesse. Nun hat der überzeugte amerikanische Bigfoot-Forscher und Leiter des „Center for Bigfoot Studies“, Daniel Perez, mit mehreren Forschungskollegen eine Ape-Canyon-Bibliografie zusammengestellt, die alle Nennungen des Ape-Canyon-Zwischenfalls erfasst, und sie allen Kryptozoologen kostenfrei zur Verfügung gestellt. Das PDF kann hier (1924 Ape Canyon Bibliograpy) heruntergeladen werden, Daniel Perez’ Seite, auf der auch sein Newsletter „Bigfoot Times“ bezogen werden kann, finden Sie hier: http://www.bigfoottimes.net/


Literatur:

Bord, Janet und Colin: The Bigfoot Casebook. Harrisburg PA: Stackpole Books 1982, S. 41, 169

Bord, Janet und Colin: The Evidence für Bigfoot and other Man-Beasts. Wellingborough: Aquarian Press 1984, S. 127–128

Bord, Janet und Colin: Der amerikanische Yeti. Rastatt: Moewig 1998, S. 58, 61, 228

Dahinden, René, mit Hunter, Don: Sasquatch. New York: Signet 1975, S. 23 f.

Green, John: Sasquatch – the Apes among Us. Surrey, BC: Hancock House 2006S. 89 f.

https://en.wikipedia.org/wiki/Ape_Canyon (dort weitere Literaturangaben)


Ulrich Magin (geb. 1962) beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Kryptozoologie, insbesondere mit Ungeheuern in Seen und im Meer. Er ist Mitarbeiter mehrerer fortianischer Magazine, darunter der „Fortean Times“, und Autor verschiedener Bücher, die sich u.a. mit Kryptozoologie befassen: Magischer Mittelrhein, Geheimnisse des Saarlandes, Pfälzer Mysterien und jüngst Magische Mosel.

Kontaktanfragen an den Autor bitte durch die Redaktion.




Das Honey Island Swamp Monster – Ein dreizehiges Rätsel

 

Die Sümpfe von Louisiana sind gewiss ein unangenehmer Ort, um sich zu verlaufen. Nicht nur besteht die Gefahr, in irgendeinem Sumpfloch stecken zu bleiben – auch die dortige Tierwelt ist alles andere als freundlich gesonnen. Das bekannteste Beispiel dafür dürften wohl die Alligatoren sein, die – auch wenn der Mensch üblicherweise nicht auf ihrem Speiseplan steht – doch zu einer Gefahr werden können.

Die Einheimischen behaupten allerdings, dass sich noch weitaus erschreckendere Wesen in den Sümpfen herumtreiben. Das Honey Island Swamp Monster ist eine dieser sagenhaften Kreaturen.

Der Fluglotse und der Sumpfbigfoot

1963 war der ehemalige Fluglotse Harlan Ford mit einem Freund zusammen zur einer Erkundungstour durch die Sümpfe aufgebrochen. Dazu sei erwähnt, dass das fragliche Sumpfgebiet eine Fläche von etwa 70.000 Acres (ca. 183 km2, etwas mehr als doppelt so groß wie der Chiemsee) ausmacht und als kaum passierbar gilt. Es dürften sich also nicht allzu viele Menschen dorthin verirren.

Szene am Pearl River
Szene am Pearl River, der den Honey Island Swamp umfließt

Ford wurde jedenfalls für seinen Mut belohnt. Nach eigenen Angaben sah er das Honey Island Swamp Monster, als er gerade angelte. Er beschreibt es als „etwa 8 Fuß [ca. 2,44m] groß, mit verfilztem, braunem Fell bedeckt und einen würgreiz-auslösend bestialischen Gestank verströmend“.  Man beachte, dass der zuletzt erwähnte Gestank ein üblicher Bestandteil von Berichten über Bigfoot-Sichtungen ist. Ferner beschreibt er, dass die Augen bernsteinfarben gewesen seien. Allerdings erwähnt er nicht, wie das Gesicht sonst beschaffen war.

Glücklicherweise brach Ford nicht in Panik aus, sondern holte seinen Freund als zusätzlichen Zeugen der Sichtung. Später gelang es ihm sogar, Abgüsse der Fußabdrücke anzufertigen. Die Fußabdrücke wiesen eine absonderliche Eigenheit auf: Sie hatten allesamt nur drei Zehen.

Man könnte Ford natürlich einfach als Lügner abtun, der durch einen gefälschten Abguss Aufsehen erregen wollte. Allerdings war er nicht der einzige, der in der Region ein solches bigfoot-artiges Kryptid sah.

Cast des Honey Island Swamp Monster
Abguss des Fußabdruckes, der dem Honey Island Swamp Monster zugesprochen wird.

Ist der Hinterfuß eines Alligators für die Spuren des Honey Island Swamp Monster verantwortlich?
Sind die Fußspuren des Monsters doch von einem Alligator? (rechter Hinterfuß)

Ein weiterer Zeuge

Ein weiterer Zeuge ist Ted Williams. 1976, nachdem das „Monster“ in der amerikanischen TV- Serie „In Search of…“ thematisiert worden war, teilte auch dieser seine Sichtung mit der Öffentlichkeit:

Seine Beschreibung der Kreatur ist etwas detaillierter: Sie sei groß (7 Fuß, also ca. 2,13 m) und breitschultrig gewesen. Die Arme seien so lang gewesen, dass sie bis über die Knie hingen. Die Hände hätten „beinahe so ausgesehen, wie die eines Menschen“. Das Gesicht habe er nicht sehen können, da die Kreatur sich ihm abgewandt hätte. Das Fell beschreibt er allerdings, anders als Ford, als dunkelgrau. Wie relevant dieses Detail ist, ist fraglich. Schließlich konnte er das Wesen nicht allzu lange beobachten. Auch können Farbvariationen innerhalb einer Tierart durchaus vorkommen.

Williams war zwar bewaffnet, wollte aber nicht schießen. Das Honey Island Swamp Monster erschien ihm zu menschlich. Es sprang schließlich ins Wasser und schwamm in langen, kraftvollen Zügen davon.

Ob die Kreatur ungewöhnliche Fußabdrücke hinterlassen hat, geht aus dem Bericht nicht hervor.

Mississippi-Alligator in den Bayous von Lousiana
Mississippi-Alligator – Ist er der Herrscher in den Bayous?

Sonnenuntergang
Sonnenuntergang auf den Bayous, Der Honey Island Swamp trägt auch viele Schilfflächen

Ein Bigfoot auf kleinem Fuß

Zweifellos kann man Bigfoot-Sichtungen generell als ungewöhnliche Phänomene bezeichnen. Das Honey Island Swamp Monster wirkt allerdings selbst für einen Bigfoot noch ungewöhnlich – schließlich weisen die Fußabdrücke nur jeweils drei Zehen auf.

Ein Abguss eines der Fußabdrücke liegt dem Autor dieses Artikels vor. Dabei sei allerdings erwähnt, dass wohl Abgüsse mehrerer Abdrücke existieren. Auch können sich einzelne Details durch mehrfaches Abgießen verändern.

Abgesehen von den lediglich drei Zehen fällt zunächst die geringe Größe des Abdrucks auf. Michael Newton beschreibt sie in seinem Lexikon-Eintrag als „only 9.75 inches (ca. 24,8cm) long“. Der vorliegende Abdruck ist nur knapp über 22cm lang. Es kann allerdings sein, dass Newton schlicht eine gröbere Angabe der Länge machte. Ganz unabhängig davon muss man aber bedenken, dass Monster von den beiden Zeugen jeweils als über zwei Meter groß beschrieben wird. Im Verhältnis zur angeblichen Größe des Kryptids wären die Füße also ziemlich klein.

Am auffälligsten ist und bleibt allerdings die Anzahl der Zehen. Die Zahl der Säugetiere mit nur drei Zehen ist äußerst gering und keines davon ist in den USA heimisch. Außerdem wären die Abdrücke für ein Meerschweinchen, einen Klippschliefer oder ein Faultier schlicht zu groß.

Von Alligatoren, Affigatoren und Grunches

Skeptiker schlagen des Öfteren einen Alligator als Urheber der Fußabdrücke vor. Zwar haben Alligatoren fünf Zehen an den vorderen bzw. vier Zehen an den hinteren Füßen. Es besteht allerdings die Möglichkeit, dass die kleinsten, äußeren Zehen nur sehr leichte Abdrücke hinterließen. Auf einem Abguss wären sie dann kaum oder gar nicht zu erkennen. Grundsätzlich wäre es also eine plausible Theorie, zu behaupten, dass der Fuß eines Alligators den Abdruck verursacht hat. Aufgrund der Größe der Abdrücke müsste es sich dann allerdings um ein wahres Prachtexemplar gehandelt haben. Außerdem stimmt Fords Beschreibung der Kreatur nicht ansatzweise mit der eines Alligators überein.

Kommt hier das Honey Island Swamp Monster vor?
Zypressen von Tillandsien überwuchert, typisch für Lousiana

Oder ist das hier die Heimat des Honey Island Swamp Monsters?
Wo fester Boden erreichbar ist, wachsen auch andere Bäume

Die Einheimischen sind aufgrund dieses Rätsels sehr kreativ geworden, was die Herkunftsgeschichte des Monsters angeht. Gerüchteweise handele es sich um die Nachfahren entflohener Zirkus-Schimpansen. Diese seien in den Sümpfen so einsam gewesen, dass sie sich mit den heimischen Alligatoren gepaart hätten. Auf diese Weise seien Mischwesen entstanden. Diese These soll aus offensichtlichen Gründen unkommentiert bleiben.

Ebenfalls passend zum dreizehigen Abdruck, aber auch nicht plausibler, ist eine lokale Sagengestalt: der Grunch. Dieser wird als etwa 4 Fuß (ca. 1,22m) großes Reptil beschrieben, welches sich auf sehr ungewöhnliche Weise bewegt – auf zwei Beinen nämlich. Zwar sei er mit Schuppen bedeckt, doch der Körper entspräche dem eines Affen. Ansonsten sagt man ihm allerhand Untaten nach, hauptsächlich Angriffe auf Vieh und Menschen. Allerdings taugt auch dieses Fabelwesen eher zur Kinderschreckgestalt. Aus zoologischer Hinsicht dürfte ein solches Tier beinahe unmöglich sein.

Die Megatherium-Hypothese

Eine ebenfalls unwahrscheinliche, aber immerhin nicht zoologisch unmögliche These schlägt Paul Offutt in seinem Artikel „Mystery oft he Three-Toed Bigfoot“ auf der Anomalistik-Website „Mysterious Universe“ vor.

Er hält ein Riesenfaultier für den Urheber der Abdrücke. In der Tat würde es sich dabei um ein Tier mit drei Zehen handeln. Auch die Größe könnte einigermaßen mit der des Honey Island Swamp Monsters übereinstimmen. Ebenso wären die USA grundsätzlich Teil des Verbreitungsgebietes. Es gibt da nur ein Problem: Das Riesenfaultier gilt seit mindestens 11.000 Jahren als ausgestorben. In seinem Artikel spricht Offutt ausdrücklich nur von der Gattung Megatherium*. Diese Gattung kam in Nordamerika nicht vor, sondern die nahe verwandte Gattung Eremotherium.

Eremotherium mirabile im Houston Museum of Science aus einem Fund aus dem dem Pleistozän von Daytona Beach, Florida (Foto: „Assignment_Houston_One“, CC 2.5)

Ist das Honey Island Swamp Monster ein Bodenfaultier?
Künstlerische Darstellung eines Bodenfaultieres. Ist die Interpretation des Honey Island Swamp Monster gerechtfertigt? /Bild: DiBgd, adaptiert, CC 1.2)

Offutt führt jedoch zwei Indizien für das mögliche Überleben des Tieres an: Zum einen hätten südamerikanische Ureinwohner noch bis in die 1990er Jahre von einem Tier berichtet, das dem Riesenfaultier ähnlich ist: Dem Mapinguari. Beweise für die Existenz dieses Kryptids gibt es allerdings nicht. Außerdem beschreibt er, dass eine Inuit-Familie in den 1980er Jahren ein ungewöhnliches Tier gesehen habe. Als man ihnen Vergleichsbilder zur Identifizierung zeigte, wählten sie dasjenige, das eine künstlerische Darstellung des mit dem Eremotherium nahe verwandten Megatheriums zeigte. Allerdings wurde auch hier, immerhin auf dem nordamerikanischen Kontinent, kein solches Tier lebend gefunden. Das Eremotherium kam auch in Lousiana vor.

Wie so oft in der Kryptozoologie kann man nur wieder resümieren, dass das Geheimnis um das Honey Island Swamp Monster heute nicht gelüftet werden kann. Die wahrscheinlichste Erklärung für die Fußabdrücke wäre neben einer Fälschung wohl der Alligator. Das erklärt allerdings nicht die Sichtungen des fellbedeckten Kryptids. Hier wäre das Riesenfaultier der passendere Kandidat. Allerdings müsste dafür zunächst erwiesen werden, dass diese Tierart bis heute oder zumindest bis in die 1970er Jahre überlebt hat.


Literatur:

Artikel zum Honey Island Swamp Monster auf Mysterious Universe:

Newton, Michael (2005): The Encyclopedia of Cryptozoology. A Global Guide, S. 199

Wikipedia zu Megatherium und Eremotherium


Dominik Schindler ist aktuell Student der Wirtschaftspsychologie (B. Sc.). Sein Interesse für die Kryptozoologie wurde erstmals im Vorschulalter durch eine Fernseh-Dokumentation über das Ungeheuer von Loch Ness geweckt. Da aber bis heute verhältnismäßig wenig deutschsprachiges Material zur Kryptozoologie verfügbar ist, ruhte dieses Interesse für längere Zeit. Erst seit wenigen Jahren beschäftigt er sich intensiv mit diesem Thema. Auslöser dafür war ein Bericht über den Minnesota Iceman, der auf einer englischsprachigen Website über amerikanische Sideshows veröffentlicht wurde.

Kontaktanfragen an den Autor bitte durch die Redaktion.


* Warum wir wissenschaftliche Namen nicht kursiv schreiben:

Wir wissen natürlich, dass man wissenschaftliche Namen in Texten kursiv schreibt. Wir würden das auch hier gerne machen, leider hat unser Template genau in dieser Funktion einen Bug (technischen Fehler). Dieser Fehler sorgt dafür, dass eine kursive Formatierung immer gleichzeitig fett hervorgehoben wird. Außerdem wird im Fließtext, jedoch nicht in Kurzzusammenfassungen und Suchmaschinentexten ein weiteres Leerzeichen vor und hinter dem Text angezeigt.
Daher haben wir uns entschieden, wissenschaftliche Namen nicht kursiv zu schreiben, bis wir eine Lösung für das Problem gefunden haben.




Der “Affenmensch” aus den Pyrenäen

Am 16. Mai 1979, so berichteten die spanische Zeitung ABC und El Vanguardia im gleichen Wortlaut, war ein “komisches Wesen, das ein Affenmensch sein könnte, von einer Gruppe Holzfällern in einer Gegend um Huesca in den Pyrenäen gesehen worden”. Weiter heißt es:

“Die Arbeiter sahen dieses seltsame Wesen von 1,70 Höhe, nackt, auf einem Baum, komische Schreie ausstoßend, mehr einem Tier denn einem Menschen ähnlich. Später stieg es mit Gewandtheit den Baum herunter, Füße und Hände einsetzend, warf einen Baumstumpf zu den Arbeitern, nur um nur kurz darauf im Dickicht des Waldes zu verschwinden.” (ABC/La Vanguardia vom 16. Mai 1979; Übersetzung von Peter Ehret).

Ort der Sichtung war die Ostseite eines Bergs namens Peña Montañesa (so etwas wie “Bergfelsen”) bei Laspuna, Huesca. Die Holzfäller waren auf dieses Wesen aufgrund seiner seltsamen Schreie aufmerksam geworden. Beide Zeitungen berichten ferner davon, dass sich die Stelle in einem sehr dichtem Waldgebiet befindet und nur in der Zeit der Wildschweinjagd von Personen durchzogen wird. Einige Tage zuvor waren die Holzschleppmaschinen der Arbeiter beschädigt worden. Auf einer von ihnen lag ein ca. 20 Kilogramm schwerer Stein. Auch wenn man nicht sicher sein konnte, ob ein Zusammenhang mit der Sichtung bestand, so wurde nicht ausgeschlossen, dass diese Sabotage mit dem Vorfall irgendwie zu tun hatte (ABC/La Vanguardia vom 16. Mai 1979; Übersetzung von Peter Ehret).

Baskenland an der Biskaya
Das Baskenland liegt am Golf von Biskaya, in vielerlei Hinsicht eine besondere Landschaft

Pyrenäenwälder: Raum für den spanischen Yeti?
Verbirgt sich der „Herr des Waldes“ in diesen Schluchten?

Mehr Begegnungen

2011 erzählte einer Holzfäller, Manuel Cazcarra, die Ereignis vom Frühling 1979 noch einmal in der spanischen “Mysterysendung “El Cuarto Milenio (El Cuarto Milenio, 1: 24:08 – 1:24:56) Doch es blieb nicht bei dieser einen Begegnung in diesem Jahr. Nur wenig später kam es zu noch mehr Begegnungen. Die denkwürdigste Sichtung war sicherlich jene einer Schulklasse:

Als der Bürgermeister von Laspuna, Antonio Belzuz, noch Lehrer war, machte er mit seinen Schülern einen Ausflug in die nahen Wälder zu einer Quelle, die etwas entfernt vom ersten Sichtungsort lag. Auch sie hörten seltsame Schreie. Als die Schulklasse auf einem Forstweg stand, erschien dort eine in 100 Meter Distanz eine Person mit nacktem Oberkörper und bemalten Gesicht. Später sahen sie das „Wesen“ noch einmal, im Wald oberhalb des Weges. Von diesem Erscheinen waren die Kinder verständlicherweise sehr erschrocken. (El Cuarto Milenio 1:25:35 – 1:26:38) Nach diesem Vorfall benachrichtigte der Lehrer den Bürgermeister – und die Guardía Civil stieg noch einmal zu dem Ort hinauf – doch fand keine Spur des Wesens. (El Cuarto Milenio 1:37:40 – 1:38:20).

Landesweite Aufregung in der Presse

In der Presse war der Aufschrei groß. Auch das Boulevardblatt El Caso bekam von dem Fall Wind. Die Reporter konnten einen Zeugen interviewen, der ein Foto von dem Wesen gemacht haben will. Auf dem sehr verschwommenen Bild ist eine völlig nackte Person mit langen Haaren zu sehen (El Cuarto Milenio 1:27:04).

Eine Person – und kein Affenmensch.

Wie auch seinerzeit das Boulevardblatt El Caso, so ist auch die Mysterysendung El Cuarto Milenio dafür bekannt, dass sie eine Geschichte unnötig aufbläht und die Beiträge mit einer mystischen Aura zu überziehen sucht. Dennoch kommen in dieser Sendung die Zeugen Cazcarra und Belzuz persönlich zu Wort. Cazcarra sagt zum Beispiel ausdrücklich, dass es sich bei dem Wesen um eine Person gehandelt hat. Er habe ganz deutlich die sauberen Arme sehen können (El Cuarto Milenio 1:28:15 – 1:28:22).

Typisches Dorf im Baskenland

Der Affenmensch aus den Pyrenäen?
Statute des Basajaun von Rober Garay

So auch Antonio Belzuz: “Der Torso war nackt. Er hatte einen braunen Torso. Man konnte sehen, dass er viel Zeit draußen verbrachte” (1:28:30 – 1:28:44) Belzuz fügte außerdem noch hinzu, dass die Person schamanenhafte Gesten machte und zu drohen versuchte, „so wie ähnlich wie ein Apache“ (El Cuarto Milenio 1:33:05 – 1:33:25). Dennoch – es war eine ganz normale Person (El Cuarto Milenio 1:39:40 – 1:39:55).

Für Antonio Bulzoz war „das Wesen“ ein verkleideter Mann (El Cuarto Milenio 1:34:50 – 1:34:57).

Also kein Affenmensch!

Affenmensch oder Bärenmensch?

Unweit vom Dorf gibt es eine Höhle mit vielen Funden von Höhlenbären. In der Nähe der Höhle gibt es ein Museum, in dem der Besucher mehr über diese Tiere erfahren kann – und neben diesem Museum ein anderes über den vorzeitlichen Menschen. Daher kommt der in der Gegend geläufige Begriff „hombre oso“ “Bärenmensch”. Interessanterweise verwendet Manuel Cacarro diesen Begriff „hombre oso“ in seinem Interview auch zuerst, als er von seiner Begegnung mit dem “Hombre mono” (“Affenmensch”) berichtet (El Cuarto Milenio 1:35:30 – 1:36:40).

Schafherde
Der Basajaun ist auch der traditionelle Beschützer der Hirten und Herden

Montiertes Skelett eines Höhlenbären
Höhlenbär-Skelett im Naturkundemuseum Braunschweig

Wilde Männer in der lokalen Erzähltradition

Der Zeuge Antonio Belzuz und der beteiligte Journalist des El Cuarto Milenio halten es für möglich, dass es sich bei der Erscheinung um einen bösen Streich (vielleicht auch mit politischer Intention, z.B. Umweltaktivismus gegen Holzschlag) gehandelt haben könnte. Da in der Region eine Erzähltradition von “Wilden Menschen” existiert, habe der „Affenmensch“ gewusst, wie er sich die unbewussten Ängste der Bevölkerung zunutze zu machen konnte. Außerdem gibt es – gerade aufgrund der vielen Höhlen – in vielen Dörfern die Tradition, sich beim Karneval mit Fellen zu verkleiden. Zu diesem Zeitpunkt warnt man die Kinder sogar von dem “Bärenmenschen, der von den Bergen in die Täler steigt.” (El Cuarto Milenio 1:40:16 – 1:40:18) (Magin: 1995: 4). Die Menschen der Region hatten also die passende Kleidung und die Sage im Kopf – jetzt musste sie nur noch aktiviert werden.

Der Journalist des Senders ist sogar davon überzeugt, dass die Leute in der Region wüssten, wer der mysteriöse Affenmensch war. Schließlich wurde ihm in den Bars mehrmals angeboten, “ihn zum Affenmenschen zu führen” (1:42: 50 – 1:43).

Unterschiedliches Verhalten bei unterschiedlichen Personen

Interessant ist auch, dass die Sichtungeswelle genau ab dem Moment abflaute, als sich die respekteinflößende Guardia Civil in den Fall einmischte (El Cuarto Milenio 1:41:00 -1:41:22). Es gab nur zwei oder drei (allerdings sehr flüchtige) Begegnungen mehr (El Cuarto Milenio 1:43:46 -1:43:56). Dabei verhielt sich das Wesen offenbar von Zeuge zu Zeuge anders: Zu den bewaffneten Holzfällern war er viel distanzierter und zeigte sich viel flüchtiger (und warf eventuell sogar zur Abschreckung einen Baumstamm). Bei der wehrlosen Schulklasse ließ es sich in aller Deutlichkeit sehen (El Cuarto Milenio 1:45:25 -1:45:47).

Bewertung

Man kann von El Cuarto Milenio halten, was man will – hier sprechen die Zeugen aus erster Hand von ihrem Erlebnis. Einer von ihnen konnte das Wesen sogar sehr deutlich sehen und hat eine distanzierte Art, die Ereignisse zu erzählen. Es wird dabei klar, dass es sich

  1. definitiv um eine Person gehandelt hat und
  2. eine Erzähltradition von Wilden Männern in der Region existiert und
  3. es sogar eine örtliche Tradition gibt, sich an Karneval mit Fellen zu verkleiden!

So ist wohl davon auszugehen, dass es sich bei dem mysteriösen Affenmenschen von Peña Montañesa um einen Streich gehandelt hat.

Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende.

Wann waren die Sichtungen? – 1979 oder 1993?

Im spanischen Kryptoversum ist der Fall bestens bekannt – und wird in die Liste der Sichtungen von wilden Männern in Spanien eingereiht. Ein Beispiel ist die Wiedergabe des Falls im INFO Journal durch De la Rubio-Muñoz. Allerdings wird hier als Datum der 4. Mai 1993 genannt (De la Rubia-Muñoz, 1995: 23) und als Quelle ein Artikel des ABC vom 8. Mai 1993 angegeben.

Wie Ulrich Magin schon 1995 in einer Reaktion auf den Artikel bemerkte, müsste die Zeitung ABC eine alte Geschichte wieder herausgekramt haben, denn schon 1979 berichtete die Zeitung über den Fall (Magin: 1995: 4). Tatsächlich fanden wir bei einer neueren Recherche im Zeitungsarchiv der ABC jedoch nur diesen einen Artikel aus dem Jahre 1979, jedoch nichts für den 8. Mai 1993, weder unter dem Namen des einen Zeugen “Manuel Cazcarra” oder “Peña Montañesa” – nicht einmal, als die Suche für den ganzen Mai 1993 unter den Begriffen „mono“ (Affe), “raro” (komisch), „extraño“ (seltsam) “animal”, “Huesca” ausgedehnt wurde. Der Artikel aus dem Jahre 1979 findet sich mit derselben Methode hingegen problemlos ohne großes Suchen – so ist es bei einem anderen Fall eines vermeintlichen Affenmenschen aus dem Jahr 1972 in Alicante.

Berge und Weiden
Baskische Landschaft mit Pferd. Ist das das Biotop für einen Affenmenschen?

Baskische Fahne mit Yeti-Schattenriss
Die Frage nach dem baskischen Yeti bleibt doch unbeantwortet

Der einzige Fund, der für den Mai 1993 aus dem ABC auftaucht, ist ein Artikel über einen “Hombre Dinosaurio” (Dinosauriermensch) vom 30. Mai 1993.

Jedenfalls sprechen alle konsultierten Zeitungen sowie alle Zeugen ganz klar vom Jahre 1979 – und betonen außerdem, dass es danach zu keinen weiteren Sichtungen gekommen ist. Antonio Bulzoz, der mittlerweile Bürgermeister von Laspuna ist, hätte davon im späteren Jahre 2011 sicher erzählt, wenn sich 1993 noch einmal etwas ereignet hätte.

Falsches Sichtungsdatum im Netz

Ob Sergio de la Rubio-Muñoz da Artikel durcheinander gebracht hat? Er beruft sich später bei dem Fall auf eine Zeitschrift namens Mundo Oculto, auch aus dem Jahre 1993. Hat er sich in der Zeitung geirrt?

Wie dem auch sei, solche Fehler können passieren und sind (leider) in der Recherche Alltag.

Was allerdings schwerer zu verdauen ist, ist die Tatsache, dass dieses falsche Datum 1993 in ein paar Blogs und Podcasts zu dem Thema wiederkehrt. Javier Resines berichtet zum Beispiel von einem Vorfall in Peña Montañesa vom 4. Mai 1993: (Link) (Für unsere Leserinnen und Leser, die der spanischen Sprache nicht mächtig sind: einfach in der Suchfunktion „Peña Montañesa“ eingeben).

Auch einem sehr schwärmerischen Interviewpartner im Mystery-Podcast El ultimo Peldaño unterläuft derselbe Fehler – er beruft sich allerdings auf einen französischen Autor als Quelle (Podcast. El Último Peldaño vom 28. September 2019. Minuten 37:40 – 37:15).

Dubiose Zusatzinformationen

Darüber hinaus gibt der Interviewpartner des Podcasts den Fall völlig anders wieder, als die Zeugen ihn in der Sendung in Cuarto Milenio schildern: im Podcast ist die Rede davon, dass die Gruppe Holzfäller noch weitere Begegnungen mit diesem Wesen hatten – und sich die Lage so sehr zuspitzte, dass die Guardia Civil sich gezwungen sah, den Felsen zu bewachen und die Menschen vor möglichen Attacken zu schützen.

Auch Sergio de la Rubio-Muñoz berichtet noch davon, dass die Guardía Civil auf einer Patroille in dieser Region später seltsame Spuren gefunden hat. Um jedoch eine größere Panik zu vermeiden, kommunizierte sie, dass sie von einem Bären stammten, der aus einem nahen Naturschutzgebiet eingewandert sei (De la Rubia-Muñoz, 1995: 23-24).

Keines dieser Ereignisse wird von den Original-Zeugen bei Cuarto Milenio mit auch nur einer Silbe erwähnt!

Zweifelhafte spanische Affenmenschen

In Anbetracht der Falschwiedergabe des Sichtungsdatums, sowie einiger dubioser Zusatzinformationen, die von den Zeugen bei ihrem Interview in El Cuarto Milenio keine Erwähnung finden (aber hätten erwähnt werden müssen!), liegt der Verdacht nahe, dass hier ungeprüft voneinander abgeschrieben wurde. Möglich, dass andere Presseartikel wie der des El Caso Licht ins Dunkel um die widersprüchliche Angabe der Ereignisse bringen könnten – das falsche Datum bleibt dennoch bestehen.

Berichte über Sichtungen von wilden Männern und Affenmenschen in Spanien, so wie sie in einigen Fachzeitschriften und vor allem im Web kursieren, sind daher von höchst zweifelhaftem Gehalt!


Zum Weiterlesen

Zeitungsartikel

ABC vom 16. Mai 1979

ABC vom 30. Mai 1993

La Vanguardia vom 16. Mai 1979 (pdf-Download)

Fachzeitschriften

De la Rubio-Muñoz, S. (1995), “Wild Men in Spain”, INFO Journal. 72. Winter 1995, S. 22 – 25.

Magin, U. (1995), “Wild Men Corrections”, INFO Journal. 73. Summer 1995, S.4.

Fernsehprogramme und Podcasts

El Cuarto Milenio, Staffel 6, Folge 228, Stunde 1:22:45 – 1:47

El último Peldaño vom 28. September 2019: Descripción de El Basajaun: el Yeti de los Pirineos. La abducción del matrimonio Hill. Asalto al Área 51.


Wir berichteten über den Basajaun:

Das mögliche Unmögliche – Yetis in Spanien, Peter Ehret am 12.12.2019

Der Basajaun – Ein westeuropäischer Yeti?, Dominic Schindler am 10.12.2019





Der Weihnachtsfisch Latimeria chalumnae

„Kannst du mal vorbeikommen? Ich glaube, ich habe etwas Interessantes für dich.“ – „Ja, ich mache mich auf den Weg.“

So oder so ähnlich könnten sich die Worte angehört haben, mit denen am 22.12.1938, also beinahe heute vor 81 Jahren, Geschichte geschrieben wurde. Anrufer war ein gewisser Hendrik Goosen, Kommandeur eines Fischdampfers, der vor der südafrikanischen Küste fischte. Er rief Marjorie Courtenay-Latimer an, die als Kuratorin das East London Museum bei Kapstadt leitete.

Ein blauer Riesenfisch

Unter den gefangenen Fischen war ein außergewöhnliches Exemplar. Es maß deutlich über einen Meter, war massiv gebaut mit einem kräftigen Kopf und dicken, rauen Schuppen. Ungewöhnlich waren die Flossen, die auf einer Art muskulösem Stiel saßen. Frau Courtenay-Latimer war ratlos und schrieb am folgenden Tag einen Brief mit einer Skizze an den Chemiker und Amateur-Ichthyologen James L. B. Smith. Dieser antwortete erst Anfang Januar, dann aber sehr eindringlich: „Aus Ihrer Zeichnung und Beschreibung gleicht der Fisch Formen, die seit vielen Jahren ausgestorben sind. (…) Es wäre sehr bemerkenswert, sollte es mehr enge Zusammenhänge mit dem Prähistorischen zeigen. Passen Sie gut darauf auf und riskieren Sie nicht, ihn zu verschicken. Ich habe das Gefühl, er ist von großem wissenschaftlichen Wert.“

Marjorie Courtenay-Latimer mit ihrem blauen Riesenfisch

Quastenflosser im Naturkundemuseum Kopenhagen (Foto: Markus Bühler)

Die Worte waren wohl untertrieben oder britisches Understatement. Smith wird damals schon richtig vermutet haben, dass Frau Courtenay-Latimer einen Coelacanth in ihrem Labor hatte. Diese Fischgruppe galt als ausgestorben, spätestens seit dem Kreide-Tertiär-Übergang vor 65,5 Millionen Jahren.

Der Satz „Ich wäre kaum erstaunter gewesen, wenn ich auf der Straße einem Dinosaurier begegnet wäre“ wird oft in der Literatur als Smith’s erste Reaktion genannt, kommt aber (leider?) im Briefwechsel nicht vor.

Genauere Beschreibung

In einem weiteren Brief beschrieb Latimer den Fisch genauer. „Er hatte kein Skelett. Das Rückgrat war eine Säule aus weichem knorpelartigen Material, die vom Schädel bis zum Schwanz verlief. Sie hatte etwa 1 Inch Durchmesser und war mit Öl gefüllt. Dieses spritzte heraus, als sie angeschnitten wurde. Das Fleisch war weich und konnte wie Lehm geformt werden, der Magen war leer. Das Tier wog 127 Pfund (ca. 53,5 kg) und war in gutem Zustand, aber da es sehr warm war, musste er sofort bearbeitet werden.

Die Kiemen hatten kleine Reihen mit feinen Dornen, aber wurden mit dem Körper weggeworfen.

Mr. Center (der Präparator) hat das Tier beinahe fertig aufgebaut, es macht sich nicht schlecht. Das Öl tropft nach wie vor aus der Haut, sie scheint unter jeder Schuppe Ölzellen zu haben.

Portrait eines Quastenflossers, NHM Wien (Foto: Markus Bühler)

Quaste am Schwanz des Quastenflossers, NHM Wien (Foto: Markus Bühler)

Die Schuppen sind wie eine Rüstung und sitzen tief in den Taschen (damit meine ich hart und schwer).

Der Schädel ist noch im Präparat, ich sagte Mr. Center, er solle den Fisch mit offenem Maul darstellen. Ich habe die Zunge oder eine harte Mundplatte hier.“

Leider hatte der Präparator des East London Museum die Innereien, einschließlich der Schwimmblase und Skelett des Tieres entsorgt. Bei der Nachforschung stellte sich heraus, dass sie ins Meer gekippt worden waren. Smith‘ Unruhe wuchs, zumal es damals in Südafrika kaum möglich war, mal eben in East London anzurufen und wichtige Dinge zu besprechen.

Eine 65 Millionen-Jahre-Entdeckung

Die Nachricht, einen Quastenflosser entdeckt zu haben, verbreitete sich unter Ichthyologen und Paläontologen wie ein Lauffeuer. 1939 beschrieb Smith die Art als Latimeria chalumnae in der Arbeit „A living fish of Mesozoic type“ in der Fachzeitschrift Nature. Ein Hinweis, wie heiß die Nachricht gehandelt wurde, zeigt sich darin, dass die Erstbeschreibung bereits am 18. März publiziert wurde. Und das, obwohl außer der Haut und dem Schädel samt Zunge nichts mehr von dem ursprünglichen Fisch vorhanden war.

Mawsonia gigas, ein kreidezeitlicher Quastenflosser (Museum f. Naturkunde, Berlin)

Fossil eines nicht einmal handlangen Quastenflossers aus dem Jura

Der Quastenflosser war 1939 zwar aus zahlreichen Fossilien bekannt, aber galt als ausgestorben. Man stellte ihn an die Stelle im Stammbaum der Wirbeltiere, an der sich die landbewohnenden Vierbeiner und die Fische voneinander trennten: der letzte gemeinsame Vorfahre der Fische und der Landtiere – und damit auch des Menschen.

Wo war der Fisch?

Doch alle Versuche, einen weiteren Quastenflosser für die Wissenschaft zu fangen, schlugen fehl. Offenbar ist der Mündungsbereich des Chalumna-Rivers nicht sein angestammter Lebensraum. Sonst hätte ihn Hendrik Goosen bereits gekannt und hätte seinen Fund vermutlich nicht an Marjorie Courtenay-Latimer weiter gegeben. Die weitere Suche vor der Küste Südafrikas brachte keine Ergebnisse.

Behindert durch den 2. Weltkrieg und die folgenden Unsicherheiten war die Suche nach dem Quastenflosser nicht einfach. Der Staat Südafrika wollte das Prestige der Entdeckung nutzen und förderte die Quastenflosser-Forschung mit viel Geld. Marjorie Courtenay-Latimer wurde 1945 von der Kuratorin zur Direktorin des Museums befördert. 1950 zog das East London Museum in ein neues, größeres Gebäude um.

Smith engagierte sich weiter in der Quastenflosser-Suche, zunächst innerhalb Südafrikas. Über den Jahreswechsel 1952/53 war er an einer Expedition zu den Komoren beteiligt. 3000 km nordöstlich vom bisher einzigen bekannten Fundort wurde er endlich erneut fündig. Am oder um den 24.12.1952 (die Quellen widersprechen sich teilweise) konnte der zweite, rezente Quastenflosser gefangen werden.

Strand der Komoreninsel Mayotte

Basaltstrukturen am „Black Beach“ der Insel Mayotte

Auf den Komoren ist die Art schon lange bekannt, aber nicht sehr geschätzt. Für die Tiefseefischer war es ein Ärgernis, wenn der kaum verwertbare Fisch einen Köder klaute, egal ob er hinterher am Haken hing oder nicht. Hauptsächlich war er für seine rauen Schuppen bekannt, die man als Sandpapier-Ersatz verwendete, u.a. um Fahrradschläuche zu flicken.

Anatomische Untersuchungen möglich

Dieser zweite Fund machte eine wissenschaftliche Untersuchung der inneren Organe möglich – und brachte natürlich eine Überraschung mit sich. Die Schwimmblase war zwar vorhanden, aber komplett mit einem Fettkörper ausgefüllt. Es entspricht der „Lunge“ der rezenten Lungenfische.

Nachdem bekannt war, wo die Quastenflosser zu finden waren, setzte ein kleiner „Run“ auf diese Tiere ein. Jedes größere Naturkundemuseum wollte ein solches Präparat in seiner Sammlung haben. So wurden die Fänge der vorher unangetasteten Komoren-Quastenflosser zunächst häufiger, dann wieder seltener. Die Populationen schienen zurückzugehen.

Beim Riesenalk, der um 1850 ausstarb, führten zurückgehende Populationen und ins Absurde gesteigerte Preise für Bälge letztlich zum Aussterben. Die letzten Tiere wurden auf Bestellung von Vogelsammlern und Naturkundemuseen getötet. Diesen Fehler wollten viele Sammlungskuratoren gut 100 Jahre später nicht wiederholen. Passte der Fisch nicht zum sonstigen Sammlungskonzept, verzichteten viele Museen dankenswerterweise darauf. Es gab sogar Aufkleber mit dem Slogan „Coelacanths – leave them, where they are!“. Dennoch wurden bis zum Jahr 1999 etwa 200 Quastenflosser geangelt, drei bis fünf jährlich. Der WWF forderte damals, sie „dem Meer zurückzugeben“, also wieder schwimmen zu lassen. Das ist sicher ein unsinniges Unterfangen. Nachdem ein Fisch 200 m heraufgezogen wurde, ist er schwer verletzt und seine Energiereserven sind aufgebraucht. Ob er überhaupt lebend in seinen Lebensraum zurückkehrt, dürfte mehr als fraglich sein.

Sinnvoller war da sicher, den internationalen Handel mit Quastenflossern zu verbieten (Washingtoner Artenschutzabkommen, Anhang 1) und den Export lebender Quastenflosser für die Aquarienhaltung zu untersagen. Dies hat die Regierung der Komoren vor 1999 durchgesetzt.

Veränderte Rolle in der Evolutions-Forschung

1938 und viele Jahre darauf ging man davon aus, dass während des Devons trockene Phasen auftraten. Quastenflosser überlebten diese Phasen, denn sie konnten mit ihren muskulös gestielten Flossen von einem Gewässer zum nächsten wandern. Ein ähnliches Verhalten kennt man von heutigen Froschwelsen, aber auch anderen Fischen. Die „Quastenflossen“ wurden ausdrücklich als Präadaptation betont, die es den Fischen zufällig ermöglichte, zu überleben.

Diese Darstellung findet sich leider auch heute noch in Sachbüchern für Kinder.

Heute geht man davon aus, dass die Lungenfische -nahe Verwandte der Quastenflosser- die Urahnen der ersten Landtiere darstellten. Auch ist der Landgang nicht durch die Notwendigkeit bei Trockenheit entstanden, sondern in der gegenteiligen Situation: In Flachwassersümpfen, in denen die Fische mit dem Bauch auf dem Boden saßen und Flossenbewegungen sehr ineffektiv wurden. In dieser Situation wurden Passgang und Kreuzgang entwickelt, Fähigkeiten, die Latimeria auch heute noch hat.

Cousteau’s Forschungsschiff „Calypso“ bei der Einfahrt in Montreal, 1980. (Foto: René Beauchamp)

Jacques-Yves Cousteau

Mehr oder weniger berühmte Besucher

In den 1950er Jahren fuhr auch der bekannte französische Naturfilmer Jacques Custeau mit seinem Schiff Calypso zu den Komoren. Alle seine Versuche, Quastenflosser zu finden, blieben erfolglos. Auch die ansässigen Fischer konnten während seines Besuches keine Tiere dieser Art fangen.

Der französische Fotojournalist Jacques Stevens behauptete 1966, einen lebenden Quastenflosser in seiner natürlichen Umgebung gefilmt zu haben. Der Film zeigte einen Fisch, der mit schwachen Bewegungen über ein Korallenriff driftete. Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass das Tier an der Angel eines Fischers hing und über das Riff gezogen wurde.

1972 machte das Vancouver Aquarium einen erfolglosen Versuch, Quastenflosser für die eigene Haltung zu importieren. 1975 und 76 scheiterte das Steinhard Aquarium aus San Francisco mit dem selben Vorhaben. Eine wichtige Monographie über den Quastenflosser war dennoch ein beachtenswertes Ergebnis.

Weitere Versuche verschiedener Expeditionen zu den Komoren bringen immer mal wieder Bilder von geangelten und freigelassenen Tieren. Alle Versuche, Quastenflosser für Aquarien zu fangen, scheitern.

Ein neuer Spieler tritt in den Ring

1986 trat ein neuer Spieler auf das Feld: Hans Fricke. Der Verhaltensforscher kam mit schwerem Gerät, genauer dem selbst entwickelten Forschungs-U-Boot Geo. Mit diesem Boot war es 1987 erstmals möglich, Latimeria im natürlichen Lebensraum zu beobachten. Der Erkenntnisgewinn durch diese Beobachtungen war enorm. Fricke und sein Team fanden heraus, dass die Tiere tagsüber in etwa 150 m Tiefe in Lavahöhlen lebten. Nachts gehen sie auf Beutefang. Dabei bewegen sie sich tatsächlich mit ihren paarigen Flossen in einer Art Kreuzgang vorwärts, der einem heutigen Landtier gleicht. Die Funktion des Gehens ist also älter, als der Landgang an sich.

Hans Fricke’s Uboot GEO om Deutschen Museum, München

Ein Fisch auf dem Titelblatt der New York Times

Ein Foto der Quastenflosser im natürlichen Lebensraum hat es sogar auf die Titelseite der New York Times gebracht.

Doch auch spezifischere Beobachtungen wurden möglich. Das Team um das Tauchboot Geo lernte, Quastenflosser an ihrem Fleckenmuster zu unterscheiden. So konnten sie die Beziehungen der Fische untereinander kennenlernen und Soziogramme erstellen.
Sie konnten auch Sono-Markierungen an den Fischen befestigen, mit denen man die Tiere vom Boot verfolgen kann, ohne selbst tauchen zu müssen. Während der Untersuchungszeit wanderten einige Quastenflosser in Tiefen von 700 m. Das ist doppelt so tief, wie bisher bekannt.

Eine Besonderheit, die schon Marjorie Courtenay-Latimer feststellte, erleichtert die genetische Untersuchung: Die Schuppen lösen sich sehr einfach aus der Haut. Mit einer kleinen Spezialharpune, die außen am Tauchboot befestigt ist, konnten die Forscher Schuppen der Tiere lösen und für die genetische Untersuchung einsammeln. „Die Schuppen wachsen wieder nach. Wir können die Tiere anhand ihres Fleckenmusters unterscheiden und haben bei späteren Tauchgängen gesehen, dass sie keinen Schaden genommen haben.“, so ein Mitglied Frickes Teams.

Zwei Einzelfunde belegen, dass die Quastenflosser gelegentlich aus ihrer Heimat bei den Komoren verdriftet werden. 1992 wurde ein Tier vor Mosambik gefunden, 1995 und 97 vor Madagaskar.

Wie sich die Fische fortpflanzen

weiß man noch nicht genau. Die Weibchen bilden Eier aus, die etwa 9 cm Durchmesser erreichen. Sie werden innerlich befruchtet und der Embryo wächst im Weibchen heran. Gleichzeitig trägt ein Weibchen zwischen 6 und 24 Eiern aus, die Jungen schlüpfen mit einem Gewicht von etwa 500 g und einer Länge von 35 cm.

Ein Begattungsorgan wurde beim Männchen noch nicht festgestellt, wie sich die Tiere paaren, ist unklar. Ebenso unklar ist, wie alt die Tiere bei Geschlechtsreife sind und wie alt sie insgesamt werden.
Langzeitbeobachtungen des Teams um Hans Fricke lassen vermuten, dass die Tiere sehr alt werden. „Einige Tiere kennen wir nun schon seit 20 Jahren“, freut sich Teammitglied Jürgen Schauer.

Noch eine Sensation

Dieses Mal ließ die Entdeckung etwas weniger als 14 Jahre auf sich warten. Arnaz Mehta Erdmann entdeckte am 18. September 1997 auf dem Fischmarkt einen Quastenflosser. Der Fischmarkt lag in Manado Tua, auf Sulawesi in Indonesien, 9000 km von den Komoren entfernt. Sie konnte den Fisch fotografieren, bevor er verkauft wurde. Das Tier war etwas kleiner, als der Komoren-Quastenflosser und anders als dieser nicht stahlblau, sondern braun gefärbt.

Der Ehemann der Finderin, Mark Erdmann befragte die Fischer der Umgebung und erfuhr so den lokalen Namen des Tieres: „Raja Laut“, der König des Meeres. Am 30. Juli 1998 schließlich wurde er von einem Fischer gerufen, der einen Raja Laut gefangen hatte und noch lebend in seinem Netz hielt. Erdmann sicherte den Fund für die Wissenschaft.

Nachgebildeter Quastenflosser-Lebensraum im NHM Wien (Foto: M. Bühler)

Bisherige Fundorte von Quastenflossern: Blau: Erstfund bei East London; Türkis: Fundorte vor Afrika; Rot: Komoren; Orange: Fundorte von Latimeria menadoensis; Weiß: trotz Forschung kein Nachweis

Am 24. September 1998 wurde diese Entdeckung – erneut in Nature – publiziert. Erdmann ging damals davon aus, dass es sich um die selbe Quastenflosserart wie bei den Komoren handelt.

Zwei Arten

Die genetische Untersuchung sagt jedoch etwas anderes. Tiere beider Populationen bilden diskrete, getrennte Gruppen, deren Genom sich um durchschnittlich 4.1% unterscheidet. Die indonesische Art wurde daraufhin von Erdmann als Latimeria menadoensis beschrieben.

Das Team um Hans Fricke, jetzt mit dem weiter entwickelten Tauchboot Jago, machte sich auf den Weg nach Indonesien und konnte auch bald Quastenflosser finden. Sie lebten -ähnlich wie bei den Komoren- in Höhlen, diesmal allerdings Karsthöhlen in Kalkgestein.

Insbesondere die indonesische Population erregte immer wieder Interesse. Die Karstfelder um Sulawesi sind groß und reichen weit in die Tiefe. Ein optimaler Lebensraum für Quastenflosser. So kamen verschiedene Filmteams mit wechselndem Erfolg.

Und eine Dritte?

Pieter Venter, Mitglied der südafrikanischen Coelacanth Exbedition entdeckt mindestens drei lebende Quastenflosser unter einem Überhang vor Sodwana, Südafrika. Sie leben in relativ flachem Wasser von etwa 120 m Tiefe. Bei der Entdeckung kam ein Taucher ums Leben.

Im Jahr darauf kommt Venter wieder nach Sodwana und kann weitere Quastenflosser filmen. Zwei Tiere konnten anhand der Aufnahmen vom vorhergehenden Jahr identifiziert werden. Hans Fricke taucht im folgenden Jahr bei Sodwana und identifiziert 15 Individuen, mindestens eines davon trächtig. Er kann auch Gewebeproben für genetische Untersuchungen sammeln.

Die Tiere vor Südafrika gehören demnach der Art Latimeria chalumnae an. „Es haben sich dort aber zwei genetisch unterscheidbare Gruppen gebildet. So konnten wir zeigen, dass sich Quastenflosser trotz ihrer langsamen Evolutionsrate immer noch weiterentwickeln“, erklärt die Biologin Kathrin Lampert aus Frickes Team.

Marjorie Courtenay-Latimer

Seit seiner „Wiederentdeckung“ 1938 und 1952 war der Quastenflosser bei neuen Erkenntnissen regelmäßig in der Tagespresse. Mit jeder neuen, bahnbrechenden Entdeckung wurde auch Marjorie Courtenay-Latimer interviewt. In einem späteren Filmbeitrag äußerte sie sich belustigt darüber. Immer, wenn sie etwas vom Quastenflosser in der Zeitung lese, könne sie am nächsten Tag mit mindestens einem Filmteam rechnen.

Marjorie Courtenay-Latimer im fortgeschrittenen Alter

Sylvia Earle und Miss Courtenay Latimer

Sie nahm bis ins hohe Alter an Kongressen teil und hielt Vorträge. Marjorie Courtenay-Latimer starb hoch geehrt am 24. Mai 2004 in East London an einer Lungenentzündung. Sie wurde 97 Jahre alt.

Weitere Funde

2007: Neun Quastenflosser wurden in der Tanga-Region vor Tansania beobachtet.

2010 konnten Forscher fünf weitere Quastenflosser vor Biak Island vor dem indonesischen Teil Neuguineas filmen.

2012 dokumentieren andere Forscher Fänge von Quastenflossern vor Papua Neuguinea und den Salomonen. Im Rahmen des gleichen Projektes werden Fischer auf Tahiti, Neukaledonien und Vanuatu befragt. Sie kennen den Quastenflosser nicht.

Anfangs nur auf die bekannte Komoren-Population beschränkt, macht es heute den Eindruck, Quastenflosser sind weiter verbreitet, als lange vermutet. Möglicherweise kommen sie im gesamten indischen Ozean vor, überall dort, wo der Lebensraum geeignet ist. Bisher kennt man relativ wenige Lebensraumansprüche, Höhlen in 120 m oder mehr Metern Tiefe scheinen einer der Schlüssel zu sein. Die bevorzugte Wassertemperatur liegt bei 18 bis 20°C.

Wer weiß, vielleicht entdeckt man ihn vor der Küste Jemens, im Persischen Golf, an der indischen Küste, tief im Wasser der Malediven oder vor Mauritius?

Die Idee zu diesem Beitrag stammt vom User „Platypus“ aus dem Spiel „Tier Trivia“ auf dem ehemaligen Kryptozoologie-Online-Forum.


Literatur:

http://researcharchive.calacademy.org/research/ichthyology/catalog/getref.asp?id=4068

https://www.pbs.org/wgbh/nova/fish/letters.html

https://www.geomar.de/news/article/quastenflosser-ein-anpassungsfaehiges-fossil/

https://www.dinofish.com





Kryptozoologie 2019 – unser Jahresrückblick

Um Weihnachten herum ist die Zeit der Jahresrückblicke. Wir möchten uns dieser Tradition anschließen und uns noch einmal mit den Themen befassen, die dieses Jahr in der Kryptozoologie für Wirbel gesorgt haben.

Bekannte und weniger bekannte Kryptide

Die indische Armee twittert „Fußspuren des Yetis entdeckt“, die Netzgemeinde jubelte: „Yeti bewiesen“. Dummerweise unterlief einigen Soldaten ein Fehler, sie hätten lieber auf ihre einheimischen Scouts gehört: Die wussten, dass es sich um die Spuren eines Bären handelte.

Ein Kadaver, der dem Montauk-Monster ähnelt, ist in Staten Island, New York aufgetaucht. Genau wie der Montauk-Kadaver handelt es sich um die Wasserleiche eines Waschbären.

Auch der Bigfoot war mal wieder in den Medien, zunächst mit einem Video, dann mit einem Portrait, das eine Wildkamera geschossen haben soll. Auch einige alte Bigfoot-Geschichten werden wieder aufgewärmt, einschließlich 40 Jahre alter FBI-Akten: Wie immer nichts substanziell Neues.

Unbekannter Kadaver liegt am Strand
Nahaufnahme des Staten Island Kadavers (Foto: John Graziano)

Portrait eines toten Berardius minimus
Kopf von B. minimus. Aufällig ist die steile Stirn und das kurze Rostrum. Bild aus der Erstbeschreibung.

Ein kryptozoologisch lange bekannter Schnabelwal wird wissenschaftlich beschrieben. Damit „wechselt“ er vom Objekt der Kryptozoologie zum Objekt der Zoologie. Berardius minimus ist mit etwa 7 m Gesamtlänge vermutlich das oder eines der größten, noch unbeschriebenen Tiere der Welt gewesen. Er lebt in der Hochsee des Nordpazifiks und ernährt sich, wie fast alle Schnabelwale vor allem von Tintenfischen, die er in der Tiefsee fängt.

Das australische Department of Primary Industries, Parks, Water and Environment veröffentlicht acht Berichte von Beutelwolf-Beobachtungen zwischen September 2016 und September 2019.

Sensation an Loch Ness?

Der neuseeländische Professor Neil Gemmell hat in Loch Ness Umwelt-DNA-Proben genommen. Im Sommer veröffentlichte er, dass er dabei „etwas ungewöhnliches“ entdeckt habe. Die Pressekonferenz am 5. September ließ die größte kryptozoologische Meldung seit vielen Jahren vermuten.

Die mit viel Vorschusslorbeeren ausgefütterte Veranstaltung brachte aber „nur“ eine eher alltägliche Erklärung: Als „etwas ungewöhnliches“ bezeichnet er, dass in jeder seiner Umwelt-DNA-Proben die DNA von Aalen enthalten war.

Loch Ness mit einer Nessie-Stoffpuppe
Loch Ness mit Monster, wenn auch winzig klein und freundlich

Tafel, die Plesiosaurier, Haie und Welse als Nessie ausschließt und einen Riesenaal vorschlägt
Der Stein bzw. der Aal des Anstoßes. Gemmell et al. fanden riesige Mengen Aal-DNA, aber keine Menge Riesenaal-DNA. Image Credit: University of Otago

Leider kam Gemmell auf die Idee, den Kryptozoologen einen hypothetischen Aal zu liefern, der doppelt so lang sein soll, wie die größten bisher bekannten Aale. So wurde eine Spekulation durch eine andere ersetzt.

Von den Ausgestorbenen zurückgekehrt:

Keine Frage, durch Umweltzerstörung, Jagd und Fischerei und den menschengemachten Klimawandel rotten wir jedes Jahr tausende von Arten aus, viele ohne sie kennenzulernen. Doch manchmal tauchen Arten, die man ausgestorben glaubt, wieder auf.

Die Wallace-Riesenbiene, die seit 1981 als ausgestorben galt, wurde auf einer der kleinen Sundainseln wiederentdeckt und gefilmt.

"AFP PHOTO / GLOBAL WILDLIFE CONSERVATION / CLAY BOLT"
Dieses Foto wurde von der Global Wildlife Conservation am 21. Februar 2019 angeboten. Es zeigt den Entomologen und Bienenexperten Ely Wyman mit dem ersten entdeckten Exemplar der Wallace Riesenbiene (Megachile pluto) auf einer indonesischen Insel der Nordmolukken.
„AFP PHOTO / GLOBAL WILDLIFE CONSERVATION / CLAY BOLT“

Nebelparder-Portrait
Portrait eines Festland-Nebelparders aus dem Duisburger Zoo

Der Taiwan-Nebelparder, der zum letzten Mal 1983 beobachtet wurde, ist wieder aufgetaucht. Die Taiwan News meldete Anfang des Jahres einige Sichtungen im Zentralgebirge an der Südspitze der Insel.

Obwohl sie nicht wieder auferstanden sind, hat Israel Mammuts zur bedrohten Art erklärt. Somit kann der Handel mit Mammutelfenbein kontrolliert und eingeschränkt werden. Häufig wird Elfenbein rezenter Elefanten als Mammutelfenbein deklariert und so gehandelt. Israel will das unterbinden.

Bemerkenswerte Fossilienfunde

Auf den Philippinen wurde eine zweite, stark verzwergte Menschenart entdeckt. Analog zum Flores-Hobbit scheint es sich bei Homo luzonensis um eine Inselverzwergung. Diese Menschen wurden nur etwa 1,2 m groß und lebten vor nur 67.000 Jahren dort. Über den Ursprung der geschickten Jäger ist noch nichts bekannt.

Ein riesiges Raubtier aus dem Miozän Afrikas – doch nicht so riesig, wie es die Presse gerne hätte. „Nur“ 400 bis 500 kg schwer war Simbakubwa kutokaafrika und nicht etwa 1300 bis 1500 kg, wie es einige Medien behaupteten und die Sozialen Medien es liebend gern aufnahmen.

Größenvergleich zwischen Simbakubwa und einem mittelgroßen Königstiger mit einer Schulterhöhe von 0,95 m. Der Mensch ist 1,8 m groß, alle Tiere sind im gleichen Maßstab gezeichnet.

Der kaum erkennbare Kopf eines Wolfes aus dem Permafrost
Dieser Kopf war im Frühjahr in den Schlagzeilen
Albert Protopopov / Siberian Times

Aus dem sibirischen Permafrost wird ein Wolfskopf geborgen- Fehlinformationen lassen auch ihn zu einem Monster werden.

Wirklich riesig hingegen ist „Scotty“, der größte bisher gefundene Tyrannosaurus rex. Seit dem Frühjahr ist sein Skelett in einer Sonderausstellung des Royal Saskatchewan Museum in Regina, Kanada zu sehen. Er ist mit über 13 m der größte terrestrische Theropode, der je gefunden wurde.

Out of place

Auch dieses Jahr gab es wieder eine ganze Reihe von Out-of-Place-Sichtungen. Es begann bei einem Stinktier im Westfälischen Hagen, ging über mehrere Supermarktspinnen, Känguru und Luchs im Ruhrgebiet. Etwas besonderes war dann doch die Lederschildkröte, die sich in Kanada verschwommen hatte und vermutlich im letzten Herbst erfroren ist.

Eine Schildkröte liegt in einem Loch im Eis
Die tote Schildkröte musste vom dicken Eis befreit werden, bevor sie an Land gezogen werden konnte. (Foto: Sue MacLean)

Reise des Mönchsgeiers Brinzola von Frankreich über Belgien, die Niederlande und Deutschland bis nach Fehmarn. Image: Proyecto Monachus, google earth
Auszug aus der Reise des Mönchsgeiers Brinzola von Frankreich über Belgien, die Niederlande und Deutschland bis nach Fehmarn.

Doch einen Großteil unserer Aufmerksamkeit hat eine Mönchsgeierdame namens Brínzola auf sich gezogen. Dieser Vogel ist spontan aus ihrer Heimat in Nordspanien aufgebrochen. Nach einer Schleife durch die Wälder der französischen Gascogne ist sie auf mehr oder weniger direktem Weg zur Vogelfluglinie nach Skandinavien aufgebrochen. Dort hat sie in einer wildreichen Gegend in Zentralnorwegen ihren Sommer und einen Teil des Herbstes verbracht. Da die Geierdame einen Sender trägt, so konnte das „Proyceto Monachus“ ihren Flug fast metergenau aufgezeichnen veröffentlichen. Wo sich die schwarze Schönheit zur Zeit aufhält, ist unbekannt.

Nicht nur Vögel sind entflogen

In Düsseldorf und mitten in Essen wurde ein Wolf beobachtet. Anwohner konnten in Essen filmen, wie das Tier über den breiten, begrünten Mittelstreifen einer Allee in einem der besten Viertel der Stadt lief. Ob es sich tatsächlich um einen Wolf, einen wolfsähnlichen Hund (ohne Halsband) oder einen Mischling handelt, wollten die Behörden klären. Bisher haben wir nichts hierzu gehört.

Schwarzer Panther vor dem Fenster einer Dachwohnung
Ein Fenster einer typisch französischen Dachwohnung – nur der schwarze Panther passt nicht dazu.

Bär in der Fotofalle
Bär in der Fotofalle. Foto: Bayerische Staatsforsten

Eine Räuberpistole ganz anderer Art barg die unschuldige Meldung, dass im nordfranzösischen Armentiéres ein schwarzer Leopard, auf der Regenrinne eines Häuserblockes spazieren geht. Diese völlig unglaubwürdige Meldung wird binnen Sekunden zum Faktum, denn mehrere Fotografen und ein Filmteam haben die Raubkatze im Bild festgehalten. Nachdem das Tier eingefangen werden konnte, kam es in den Zoo im nahegelegenen Maubeuge, wo man sich praktischerweise mit der Haltung von Leoparden auskennt. Dennoch wird das Tier nur ein paar Tage später dort gestohlen und bleibt verschwunden.

Zwölf Jahre nach Bär Bruno „JJ1“ hat sich wieder ein Bär nach Bayern verirrt. Außer einem Kothaufen und einem Foto auf einer Wildkamera hinterlässt er nichts: keine Spuren, keine Schäden, ein paar Fotos und einige Fans. So mag man bei Füssen seine Touristen.

Der Sasquatch und das Infrarotlicht

Angebliches Bigfoot-Foto
Das angebliche Sasquatch-Foto. Urheber unbekannt

Sasquatches oder Bigfoots sind als Wesen bekannt, die sehr auf ihr Privatleben achten. Sie schätzen es nicht, einfach so beobachtet zu werden und lassen sich deswegen auch nicht mit Wildkameras fotografieren. Ein angeblich aus dem US-Bundesstaat Georgia stammendes Bild einer solchen Wildkamera zeigt angeblich einen Teil des Gesichtes eines Bigfoots.

Die tiefergehende Recherche des NfK zeigte bereits ganz am Anfang Unstimmigkeiten, denn auch der Ort Manyberries im Süden Kanadas wird als Ursprungsort genannt. Natürlich wollten wir die Echtheit oder Unechtheit des Bildes zu belegen. Dazu mussten wir zunächst herausfinden, wie menschliche und tierische Augen auf Blitze reagieren, die deutlich außerhalb des sichtbaren Strahlungsspektrums liegen: Siehe da: Das Auge eines Menschen und noch stärker das eines waldbewohnenden Tieres hätte in der dargestellten Situation den Blitz reflektiert, wie auf einem „rote Augen“-Foto der 2000er Jahre.

Wir wissen nicht, was die Kamera fotografiert hat, aber ein Lebewesen war es nicht.

Der Discovery-Channel-Ableger „Travel Channel” hat passend zu Weihnachten ein Team für eine sechsteilige Miniserie zusammengestellt und sie in Zentral-Oregon auf die Suche nach Bigfoot geschickt. Sie kamen auch mit einem Infrarotbild zurück. Diesmal handelt es sich um eine passive Infrarotaufnahme oder Wärmebild. Die Experten des Senders werten es als Beweis für den Bigfoot, wir bleiben skeptisch.

Ausgebüxte Tiere

Wie immer gibt es eine ganze Reihe von ausgebüxten Haus- und Zootieren, die in den Meldungen erscheinen.
Für einen Luchs, der im vergangenen Dezember aus einem Wildpark in Haltern am See entkam, nahm die Sache ein außerordentlich gutes Ende. Er streunte mehrere Monate durchs zentrale Ruhrgebiet, bis er im Mai in eine Falle ging – in bestem Gesundheitszustand. Eine Rückführung des Luchses in seine Gruppe war nicht möglich, auch andere Wildparks und Zoos hatten kein Interesse an dem Tier. Im Oktober wurde er nach Polen gebracht, wo er im folgenden Jahr ausgewildert werden soll.

Weniger erfolgreich verlief der Freigang eines Stinktieres, das in schlechtem Ernährungszustand in Hagen eingefangen wurde. Ein weißes Känguru entkam dieses Jahr seinem Halter im Essener Süden mindestens zweimal.

Passend zum Sommerloch hielt eine Monokelkobra den Ruhrgebietsort Herne in Atem. Ein Wohnhauskomplex wurde evakuiert und musste mehrere Tage gesperrt bleiben, bis die Schlange im Kellerabgang des Hauses aufgeschreckt und eingefangen wurde.

Kongress zum Thema „Mokele-Mbembe: Sind die Dinosaurier wirklich ausgestorben?“

Am 12. Oktober trafen sich zahlreiche Kryptozoologen und interessierte Laien zum Fachkongress um das Kryptid Mokele Mbembe. Die Gastgeber von den Sauerland-Pyramiden in Lennestadt hatten auch diese Veranstaltung wieder mit professioneller Routine hervorragend organisiert.

Die Referenten: (von links): Hans-Jörg Vogel, Tobias Möser, Michel Ballot, Wolfgang Schmidt, Thomas Piotrowski und Francois de Sarre

Vortrag und Übersetzung
Michel Ballot (re) kommentiert seine Bilder, Francois de Sarre (li) übersetzt

In vier Vorträgen berichteten die Referenten von unterschiedlichen Methoden, sich dem Phänomen „Mokele Mbembe“ zu nähern. Jeder der Vorträge lieferte völlig neue Sicht- und Herangehensweisen: Hans-Jörg Vogel forschte in den Archiven Berlins nach den Aufzeichnungen zweier der bekannten deutschen Afrikaforschern. Michel Ballot hingegen nahm den direkten Weg und besucht seit vielen Jahren regelmäßig die Grenzregion zwischen Kamerun und Kongo. Thomas Piotrowsky kann dies nicht so einfach und fing an, Satellitenbilder zu analysieren, bis er etwas bemerkenswertes fand. Wolfgang Schmidt säte die für Wissenschaftler so wichtigen Zweifel einmal neu.

Fazit, Dank und Ausblick:

2019 war ein sehr interessantes Jahr in der Kryptozoologie. Nicht nur die großen Themen wie Sasquatch, Loch Ness und sogar der Beutelwolf standen im Focus. Auch viele weniger bedeutenden Kryptiden schenkten wir Aufmerksamkeit. In einigen Fällen wurden sie erst ins mediale Gedächtnis geschoben, wie der Basajaun, der bei uns in der letzten Woche zum ersten Mal auftauchte. Zahlreiche interessante, aber nicht-kryptozoologische Tiere rundeten die Meldungen ab. Wir freuen uns, euch, liebe Leserinnen und Leser, durch das Jahr begleitet zu haben und in regelmäßigen Abständen etwas Neues geboten zu haben.

Genauso geht der Dank an unsere Autoren Ulrich Magin, Markus Bühler, Peter Ehret, André Kramer, Hans-Jörg Vogel, Reena Pöschel, Dominic Schindler und an meine Redaktionskollegin Suzan Reinert. Ebenso danke ich denjenigen, die mich direkt oder über die Mailingliste auf neue Themen hingewiesen haben.

Ausblick

2019 war als Jahr der Erprobung geplant, nach einigen Versuchen haben wir ab August ein recht stabiles Modell gefunden, das Ihr – den Besucherzahlen zufolge – gerne angenommen habt. Für 2020 planen wir, die zeitintensiven technischen Probleme im Hintergrund anzugehen. Die Zeit können wir dann für Neuerungen nutzen.

Eine Bitte haben wir an euch, liebe Leserinnen und Leser: Die Website machen wir für euch. Gebt uns Rückmeldung, wenn euch etwas nicht gefällt oder auch, wenn‘s euch gefällt. Sagt weiter, wenn etwas gut ist, postet es in den sozialen Medien. Wenn Ihr Interesse an einem Thema habt, fragt nach, ob wir es behandeln können. Oder forscht selber nach und schreibt uns den Artikel: Autoren können wir immer brauchen!