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Das Honey Island Swamp Monster – Ein dreizehiges Rätsel

 

Die Sümpfe von Louisiana sind gewiss ein unangenehmer Ort, um sich zu verlaufen. Nicht nur besteht die Gefahr, in irgendeinem Sumpfloch stecken zu bleiben – auch die dortige Tierwelt ist alles andere als freundlich gesonnen. Das bekannteste Beispiel dafür dürften wohl die Alligatoren sein, die – auch wenn der Mensch üblicherweise nicht auf ihrem Speiseplan steht – doch zu einer Gefahr werden können.

Die Einheimischen behaupten allerdings, dass sich noch weitaus erschreckendere Wesen in den Sümpfen herumtreiben. Das Honey Island Swamp Monster ist eine dieser sagenhaften Kreaturen.

Der Fluglotse und der Sumpfbigfoot

1963 war der ehemalige Fluglotse Harlan Ford mit einem Freund zusammen zur einer Erkundungstour durch die Sümpfe aufgebrochen. Dazu sei erwähnt, dass das fragliche Sumpfgebiet eine Fläche von etwa 70.000 Acres (ca. 183 km2, etwas mehr als doppelt so groß wie der Chiemsee) ausmacht und als kaum passierbar gilt. Es dürften sich also nicht allzu viele Menschen dorthin verirren.

Szene am Pearl River
Szene am Pearl River, der den Honey Island Swamp umfließt

Ford wurde jedenfalls für seinen Mut belohnt. Nach eigenen Angaben sah er das Honey Island Swamp Monster, als er gerade angelte. Er beschreibt es als „etwa 8 Fuß [ca. 2,44m] groß, mit verfilztem, braunem Fell bedeckt und einen würgreiz-auslösend bestialischen Gestank verströmend“.  Man beachte, dass der zuletzt erwähnte Gestank ein üblicher Bestandteil von Berichten über Bigfoot-Sichtungen ist. Ferner beschreibt er, dass die Augen bernsteinfarben gewesen seien. Allerdings erwähnt er nicht, wie das Gesicht sonst beschaffen war.

Glücklicherweise brach Ford nicht in Panik aus, sondern holte seinen Freund als zusätzlichen Zeugen der Sichtung. Später gelang es ihm sogar, Abgüsse der Fußabdrücke anzufertigen. Die Fußabdrücke wiesen eine absonderliche Eigenheit auf: Sie hatten allesamt nur drei Zehen.

Man könnte Ford natürlich einfach als Lügner abtun, der durch einen gefälschten Abguss Aufsehen erregen wollte. Allerdings war er nicht der einzige, der in der Region ein solches bigfoot-artiges Kryptid sah.

Cast des Honey Island Swamp Monster
Abguss des Fußabdruckes, der dem Honey Island Swamp Monster zugesprochen wird.

Ist der Hinterfuß eines Alligators für die Spuren des Honey Island Swamp Monster verantwortlich?
Sind die Fußspuren des Monsters doch von einem Alligator? (rechter Hinterfuß)

Ein weiterer Zeuge

Ein weiterer Zeuge ist Ted Williams. 1976, nachdem das „Monster“ in der amerikanischen TV- Serie „In Search of…“ thematisiert worden war, teilte auch dieser seine Sichtung mit der Öffentlichkeit:

Seine Beschreibung der Kreatur ist etwas detaillierter: Sie sei groß (7 Fuß, also ca. 2,13 m) und breitschultrig gewesen. Die Arme seien so lang gewesen, dass sie bis über die Knie hingen. Die Hände hätten „beinahe so ausgesehen, wie die eines Menschen“. Das Gesicht habe er nicht sehen können, da die Kreatur sich ihm abgewandt hätte. Das Fell beschreibt er allerdings, anders als Ford, als dunkelgrau. Wie relevant dieses Detail ist, ist fraglich. Schließlich konnte er das Wesen nicht allzu lange beobachten. Auch können Farbvariationen innerhalb einer Tierart durchaus vorkommen.

Williams war zwar bewaffnet, wollte aber nicht schießen. Das Honey Island Swamp Monster erschien ihm zu menschlich. Es sprang schließlich ins Wasser und schwamm in langen, kraftvollen Zügen davon.

Ob die Kreatur ungewöhnliche Fußabdrücke hinterlassen hat, geht aus dem Bericht nicht hervor.

Mississippi-Alligator in den Bayous von Lousiana
Mississippi-Alligator – Ist er der Herrscher in den Bayous?

Sonnenuntergang
Sonnenuntergang auf den Bayous, Der Honey Island Swamp trägt auch viele Schilfflächen

Ein Bigfoot auf kleinem Fuß

Zweifellos kann man Bigfoot-Sichtungen generell als ungewöhnliche Phänomene bezeichnen. Das Honey Island Swamp Monster wirkt allerdings selbst für einen Bigfoot noch ungewöhnlich – schließlich weisen die Fußabdrücke nur jeweils drei Zehen auf.

Ein Abguss eines der Fußabdrücke liegt dem Autor dieses Artikels vor. Dabei sei allerdings erwähnt, dass wohl Abgüsse mehrerer Abdrücke existieren. Auch können sich einzelne Details durch mehrfaches Abgießen verändern.

Abgesehen von den lediglich drei Zehen fällt zunächst die geringe Größe des Abdrucks auf. Michael Newton beschreibt sie in seinem Lexikon-Eintrag als „only 9.75 inches (ca. 24,8cm) long“. Der vorliegende Abdruck ist nur knapp über 22cm lang. Es kann allerdings sein, dass Newton schlicht eine gröbere Angabe der Länge machte. Ganz unabhängig davon muss man aber bedenken, dass Monster von den beiden Zeugen jeweils als über zwei Meter groß beschrieben wird. Im Verhältnis zur angeblichen Größe des Kryptids wären die Füße also ziemlich klein.

Am auffälligsten ist und bleibt allerdings die Anzahl der Zehen. Die Zahl der Säugetiere mit nur drei Zehen ist äußerst gering und keines davon ist in den USA heimisch. Außerdem wären die Abdrücke für ein Meerschweinchen, einen Klippschliefer oder ein Faultier schlicht zu groß.

Von Alligatoren, Affigatoren und Grunches

Skeptiker schlagen des Öfteren einen Alligator als Urheber der Fußabdrücke vor. Zwar haben Alligatoren fünf Zehen an den vorderen bzw. vier Zehen an den hinteren Füßen. Es besteht allerdings die Möglichkeit, dass die kleinsten, äußeren Zehen nur sehr leichte Abdrücke hinterließen. Auf einem Abguss wären sie dann kaum oder gar nicht zu erkennen. Grundsätzlich wäre es also eine plausible Theorie, zu behaupten, dass der Fuß eines Alligators den Abdruck verursacht hat. Aufgrund der Größe der Abdrücke müsste es sich dann allerdings um ein wahres Prachtexemplar gehandelt haben. Außerdem stimmt Fords Beschreibung der Kreatur nicht ansatzweise mit der eines Alligators überein.

Kommt hier das Honey Island Swamp Monster vor?
Zypressen von Tillandsien überwuchert, typisch für Lousiana

Oder ist das hier die Heimat des Honey Island Swamp Monsters?
Wo fester Boden erreichbar ist, wachsen auch andere Bäume

Die Einheimischen sind aufgrund dieses Rätsels sehr kreativ geworden, was die Herkunftsgeschichte des Monsters angeht. Gerüchteweise handele es sich um die Nachfahren entflohener Zirkus-Schimpansen. Diese seien in den Sümpfen so einsam gewesen, dass sie sich mit den heimischen Alligatoren gepaart hätten. Auf diese Weise seien Mischwesen entstanden. Diese These soll aus offensichtlichen Gründen unkommentiert bleiben.

Ebenfalls passend zum dreizehigen Abdruck, aber auch nicht plausibler, ist eine lokale Sagengestalt: der Grunch. Dieser wird als etwa 4 Fuß (ca. 1,22m) großes Reptil beschrieben, welches sich auf sehr ungewöhnliche Weise bewegt – auf zwei Beinen nämlich. Zwar sei er mit Schuppen bedeckt, doch der Körper entspräche dem eines Affen. Ansonsten sagt man ihm allerhand Untaten nach, hauptsächlich Angriffe auf Vieh und Menschen. Allerdings taugt auch dieses Fabelwesen eher zur Kinderschreckgestalt. Aus zoologischer Hinsicht dürfte ein solches Tier beinahe unmöglich sein.

Die Megatherium-Hypothese

Eine ebenfalls unwahrscheinliche, aber immerhin nicht zoologisch unmögliche These schlägt Paul Offutt in seinem Artikel „Mystery oft he Three-Toed Bigfoot“ auf der Anomalistik-Website „Mysterious Universe“ vor.

Er hält ein Riesenfaultier für den Urheber der Abdrücke. In der Tat würde es sich dabei um ein Tier mit drei Zehen handeln. Auch die Größe könnte einigermaßen mit der des Honey Island Swamp Monsters übereinstimmen. Ebenso wären die USA grundsätzlich Teil des Verbreitungsgebietes. Es gibt da nur ein Problem: Das Riesenfaultier gilt seit mindestens 11.000 Jahren als ausgestorben. In seinem Artikel spricht Offutt ausdrücklich nur von der Gattung Megatherium*. Diese Gattung kam in Nordamerika nicht vor, sondern die nahe verwandte Gattung Eremotherium.

Eremotherium mirabile im Houston Museum of Science aus einem Fund aus dem dem Pleistozän von Daytona Beach, Florida (Foto: „Assignment_Houston_One“, CC 2.5)

Ist das Honey Island Swamp Monster ein Bodenfaultier?
Künstlerische Darstellung eines Bodenfaultieres. Ist die Interpretation des Honey Island Swamp Monster gerechtfertigt? /Bild: DiBgd, adaptiert, CC 1.2)

Offutt führt jedoch zwei Indizien für das mögliche Überleben des Tieres an: Zum einen hätten südamerikanische Ureinwohner noch bis in die 1990er Jahre von einem Tier berichtet, das dem Riesenfaultier ähnlich ist: Dem Mapinguari. Beweise für die Existenz dieses Kryptids gibt es allerdings nicht. Außerdem beschreibt er, dass eine Inuit-Familie in den 1980er Jahren ein ungewöhnliches Tier gesehen habe. Als man ihnen Vergleichsbilder zur Identifizierung zeigte, wählten sie dasjenige, das eine künstlerische Darstellung des mit dem Eremotherium nahe verwandten Megatheriums zeigte. Allerdings wurde auch hier, immerhin auf dem nordamerikanischen Kontinent, kein solches Tier lebend gefunden. Das Eremotherium kam auch in Lousiana vor.

Wie so oft in der Kryptozoologie kann man nur wieder resümieren, dass das Geheimnis um das Honey Island Swamp Monster heute nicht gelüftet werden kann. Die wahrscheinlichste Erklärung für die Fußabdrücke wäre neben einer Fälschung wohl der Alligator. Das erklärt allerdings nicht die Sichtungen des fellbedeckten Kryptids. Hier wäre das Riesenfaultier der passendere Kandidat. Allerdings müsste dafür zunächst erwiesen werden, dass diese Tierart bis heute oder zumindest bis in die 1970er Jahre überlebt hat.


Literatur:

Artikel zum Honey Island Swamp Monster auf Mysterious Universe:

Newton, Michael (2005): The Encyclopedia of Cryptozoology. A Global Guide, S. 199

Wikipedia zu Megatherium und Eremotherium


Dominik Schindler ist aktuell Student der Wirtschaftspsychologie (B. Sc.). Sein Interesse für die Kryptozoologie wurde erstmals im Vorschulalter durch eine Fernseh-Dokumentation über das Ungeheuer von Loch Ness geweckt. Da aber bis heute verhältnismäßig wenig deutschsprachiges Material zur Kryptozoologie verfügbar ist, ruhte dieses Interesse für längere Zeit. Erst seit wenigen Jahren beschäftigt er sich intensiv mit diesem Thema. Auslöser dafür war ein Bericht über den Minnesota Iceman, der auf einer englischsprachigen Website über amerikanische Sideshows veröffentlicht wurde.

Kontaktanfragen an den Autor bitte durch die Redaktion.


* Warum wir wissenschaftliche Namen nicht kursiv schreiben:

Wir wissen natürlich, dass man wissenschaftliche Namen in Texten kursiv schreibt. Wir würden das auch hier gerne machen, leider hat unser Template genau in dieser Funktion einen Bug (technischen Fehler). Dieser Fehler sorgt dafür, dass eine kursive Formatierung immer gleichzeitig fett hervorgehoben wird. Außerdem wird im Fließtext, jedoch nicht in Kurzzusammenfassungen und Suchmaschinentexten ein weiteres Leerzeichen vor und hinter dem Text angezeigt.
Daher haben wir uns entschieden, wissenschaftliche Namen nicht kursiv zu schreiben, bis wir eine Lösung für das Problem gefunden haben.




Kryptozoologie 2019 – unser Jahresrückblick

Um Weihnachten herum ist die Zeit der Jahresrückblicke. Wir möchten uns dieser Tradition anschließen und uns noch einmal mit den Themen befassen, die dieses Jahr in der Kryptozoologie für Wirbel gesorgt haben.

Bekannte und weniger bekannte Kryptide

Die indische Armee twittert „Fußspuren des Yetis entdeckt“, die Netzgemeinde jubelte: „Yeti bewiesen“. Dummerweise unterlief einigen Soldaten ein Fehler, sie hätten lieber auf ihre einheimischen Scouts gehört: Die wussten, dass es sich um die Spuren eines Bären handelte.

Ein Kadaver, der dem Montauk-Monster ähnelt, ist in Staten Island, New York aufgetaucht. Genau wie der Montauk-Kadaver handelt es sich um die Wasserleiche eines Waschbären.

Auch der Bigfoot war mal wieder in den Medien, zunächst mit einem Video, dann mit einem Portrait, das eine Wildkamera geschossen haben soll. Auch einige alte Bigfoot-Geschichten werden wieder aufgewärmt, einschließlich 40 Jahre alter FBI-Akten: Wie immer nichts substanziell Neues.

Unbekannter Kadaver liegt am Strand
Nahaufnahme des Staten Island Kadavers (Foto: John Graziano)

Portrait eines toten Berardius minimus
Kopf von B. minimus. Aufällig ist die steile Stirn und das kurze Rostrum. Bild aus der Erstbeschreibung.

Ein kryptozoologisch lange bekannter Schnabelwal wird wissenschaftlich beschrieben. Damit „wechselt“ er vom Objekt der Kryptozoologie zum Objekt der Zoologie. Berardius minimus ist mit etwa 7 m Gesamtlänge vermutlich das oder eines der größten, noch unbeschriebenen Tiere der Welt gewesen. Er lebt in der Hochsee des Nordpazifiks und ernährt sich, wie fast alle Schnabelwale vor allem von Tintenfischen, die er in der Tiefsee fängt.

Das australische Department of Primary Industries, Parks, Water and Environment veröffentlicht acht Berichte von Beutelwolf-Beobachtungen zwischen September 2016 und September 2019.

Sensation an Loch Ness?

Der neuseeländische Professor Neil Gemmell hat in Loch Ness Umwelt-DNA-Proben genommen. Im Sommer veröffentlichte er, dass er dabei „etwas ungewöhnliches“ entdeckt habe. Die Pressekonferenz am 5. September ließ die größte kryptozoologische Meldung seit vielen Jahren vermuten.

Die mit viel Vorschusslorbeeren ausgefütterte Veranstaltung brachte aber „nur“ eine eher alltägliche Erklärung: Als „etwas ungewöhnliches“ bezeichnet er, dass in jeder seiner Umwelt-DNA-Proben die DNA von Aalen enthalten war.

Loch Ness mit einer Nessie-Stoffpuppe
Loch Ness mit Monster, wenn auch winzig klein und freundlich

Tafel, die Plesiosaurier, Haie und Welse als Nessie ausschließt und einen Riesenaal vorschlägt
Der Stein bzw. der Aal des Anstoßes. Gemmell et al. fanden riesige Mengen Aal-DNA, aber keine Menge Riesenaal-DNA. Image Credit: University of Otago

Leider kam Gemmell auf die Idee, den Kryptozoologen einen hypothetischen Aal zu liefern, der doppelt so lang sein soll, wie die größten bisher bekannten Aale. So wurde eine Spekulation durch eine andere ersetzt.

Von den Ausgestorbenen zurückgekehrt:

Keine Frage, durch Umweltzerstörung, Jagd und Fischerei und den menschengemachten Klimawandel rotten wir jedes Jahr tausende von Arten aus, viele ohne sie kennenzulernen. Doch manchmal tauchen Arten, die man ausgestorben glaubt, wieder auf.

Die Wallace-Riesenbiene, die seit 1981 als ausgestorben galt, wurde auf einer der kleinen Sundainseln wiederentdeckt und gefilmt.

"AFP PHOTO / GLOBAL WILDLIFE CONSERVATION / CLAY BOLT"
Dieses Foto wurde von der Global Wildlife Conservation am 21. Februar 2019 angeboten. Es zeigt den Entomologen und Bienenexperten Ely Wyman mit dem ersten entdeckten Exemplar der Wallace Riesenbiene (Megachile pluto) auf einer indonesischen Insel der Nordmolukken.
„AFP PHOTO / GLOBAL WILDLIFE CONSERVATION / CLAY BOLT“

Nebelparder-Portrait
Portrait eines Festland-Nebelparders aus dem Duisburger Zoo

Der Taiwan-Nebelparder, der zum letzten Mal 1983 beobachtet wurde, ist wieder aufgetaucht. Die Taiwan News meldete Anfang des Jahres einige Sichtungen im Zentralgebirge an der Südspitze der Insel.

Obwohl sie nicht wieder auferstanden sind, hat Israel Mammuts zur bedrohten Art erklärt. Somit kann der Handel mit Mammutelfenbein kontrolliert und eingeschränkt werden. Häufig wird Elfenbein rezenter Elefanten als Mammutelfenbein deklariert und so gehandelt. Israel will das unterbinden.

Bemerkenswerte Fossilienfunde

Auf den Philippinen wurde eine zweite, stark verzwergte Menschenart entdeckt. Analog zum Flores-Hobbit scheint es sich bei Homo luzonensis um eine Inselverzwergung. Diese Menschen wurden nur etwa 1,2 m groß und lebten vor nur 67.000 Jahren dort. Über den Ursprung der geschickten Jäger ist noch nichts bekannt.

Ein riesiges Raubtier aus dem Miozän Afrikas – doch nicht so riesig, wie es die Presse gerne hätte. „Nur“ 400 bis 500 kg schwer war Simbakubwa kutokaafrika und nicht etwa 1300 bis 1500 kg, wie es einige Medien behaupteten und die Sozialen Medien es liebend gern aufnahmen.

Größenvergleich zwischen Simbakubwa und einem mittelgroßen Königstiger mit einer Schulterhöhe von 0,95 m. Der Mensch ist 1,8 m groß, alle Tiere sind im gleichen Maßstab gezeichnet.

Der kaum erkennbare Kopf eines Wolfes aus dem Permafrost
Dieser Kopf war im Frühjahr in den Schlagzeilen
Albert Protopopov / Siberian Times

Aus dem sibirischen Permafrost wird ein Wolfskopf geborgen- Fehlinformationen lassen auch ihn zu einem Monster werden.

Wirklich riesig hingegen ist „Scotty“, der größte bisher gefundene Tyrannosaurus rex. Seit dem Frühjahr ist sein Skelett in einer Sonderausstellung des Royal Saskatchewan Museum in Regina, Kanada zu sehen. Er ist mit über 13 m der größte terrestrische Theropode, der je gefunden wurde.

Out of place

Auch dieses Jahr gab es wieder eine ganze Reihe von Out-of-Place-Sichtungen. Es begann bei einem Stinktier im Westfälischen Hagen, ging über mehrere Supermarktspinnen, Känguru und Luchs im Ruhrgebiet. Etwas besonderes war dann doch die Lederschildkröte, die sich in Kanada verschwommen hatte und vermutlich im letzten Herbst erfroren ist.

Eine Schildkröte liegt in einem Loch im Eis
Die tote Schildkröte musste vom dicken Eis befreit werden, bevor sie an Land gezogen werden konnte. (Foto: Sue MacLean)

Reise des Mönchsgeiers Brinzola von Frankreich über Belgien, die Niederlande und Deutschland bis nach Fehmarn. Image: Proyecto Monachus, google earth
Auszug aus der Reise des Mönchsgeiers Brinzola von Frankreich über Belgien, die Niederlande und Deutschland bis nach Fehmarn.

Doch einen Großteil unserer Aufmerksamkeit hat eine Mönchsgeierdame namens Brínzola auf sich gezogen. Dieser Vogel ist spontan aus ihrer Heimat in Nordspanien aufgebrochen. Nach einer Schleife durch die Wälder der französischen Gascogne ist sie auf mehr oder weniger direktem Weg zur Vogelfluglinie nach Skandinavien aufgebrochen. Dort hat sie in einer wildreichen Gegend in Zentralnorwegen ihren Sommer und einen Teil des Herbstes verbracht. Da die Geierdame einen Sender trägt, so konnte das „Proyceto Monachus“ ihren Flug fast metergenau aufgezeichnen veröffentlichen. Wo sich die schwarze Schönheit zur Zeit aufhält, ist unbekannt.

Nicht nur Vögel sind entflogen

In Düsseldorf und mitten in Essen wurde ein Wolf beobachtet. Anwohner konnten in Essen filmen, wie das Tier über den breiten, begrünten Mittelstreifen einer Allee in einem der besten Viertel der Stadt lief. Ob es sich tatsächlich um einen Wolf, einen wolfsähnlichen Hund (ohne Halsband) oder einen Mischling handelt, wollten die Behörden klären. Bisher haben wir nichts hierzu gehört.

Schwarzer Panther vor dem Fenster einer Dachwohnung
Ein Fenster einer typisch französischen Dachwohnung – nur der schwarze Panther passt nicht dazu.

Bär in der Fotofalle
Bär in der Fotofalle. Foto: Bayerische Staatsforsten

Eine Räuberpistole ganz anderer Art barg die unschuldige Meldung, dass im nordfranzösischen Armentiéres ein schwarzer Leopard, auf der Regenrinne eines Häuserblockes spazieren geht. Diese völlig unglaubwürdige Meldung wird binnen Sekunden zum Faktum, denn mehrere Fotografen und ein Filmteam haben die Raubkatze im Bild festgehalten. Nachdem das Tier eingefangen werden konnte, kam es in den Zoo im nahegelegenen Maubeuge, wo man sich praktischerweise mit der Haltung von Leoparden auskennt. Dennoch wird das Tier nur ein paar Tage später dort gestohlen und bleibt verschwunden.

Zwölf Jahre nach Bär Bruno „JJ1“ hat sich wieder ein Bär nach Bayern verirrt. Außer einem Kothaufen und einem Foto auf einer Wildkamera hinterlässt er nichts: keine Spuren, keine Schäden, ein paar Fotos und einige Fans. So mag man bei Füssen seine Touristen.

Der Sasquatch und das Infrarotlicht

Angebliches Bigfoot-Foto
Das angebliche Sasquatch-Foto. Urheber unbekannt

Sasquatches oder Bigfoots sind als Wesen bekannt, die sehr auf ihr Privatleben achten. Sie schätzen es nicht, einfach so beobachtet zu werden und lassen sich deswegen auch nicht mit Wildkameras fotografieren. Ein angeblich aus dem US-Bundesstaat Georgia stammendes Bild einer solchen Wildkamera zeigt angeblich einen Teil des Gesichtes eines Bigfoots.

Die tiefergehende Recherche des NfK zeigte bereits ganz am Anfang Unstimmigkeiten, denn auch der Ort Manyberries im Süden Kanadas wird als Ursprungsort genannt. Natürlich wollten wir die Echtheit oder Unechtheit des Bildes zu belegen. Dazu mussten wir zunächst herausfinden, wie menschliche und tierische Augen auf Blitze reagieren, die deutlich außerhalb des sichtbaren Strahlungsspektrums liegen: Siehe da: Das Auge eines Menschen und noch stärker das eines waldbewohnenden Tieres hätte in der dargestellten Situation den Blitz reflektiert, wie auf einem „rote Augen“-Foto der 2000er Jahre.

Wir wissen nicht, was die Kamera fotografiert hat, aber ein Lebewesen war es nicht.

Der Discovery-Channel-Ableger „Travel Channel” hat passend zu Weihnachten ein Team für eine sechsteilige Miniserie zusammengestellt und sie in Zentral-Oregon auf die Suche nach Bigfoot geschickt. Sie kamen auch mit einem Infrarotbild zurück. Diesmal handelt es sich um eine passive Infrarotaufnahme oder Wärmebild. Die Experten des Senders werten es als Beweis für den Bigfoot, wir bleiben skeptisch.

Ausgebüxte Tiere

Wie immer gibt es eine ganze Reihe von ausgebüxten Haus- und Zootieren, die in den Meldungen erscheinen.
Für einen Luchs, der im vergangenen Dezember aus einem Wildpark in Haltern am See entkam, nahm die Sache ein außerordentlich gutes Ende. Er streunte mehrere Monate durchs zentrale Ruhrgebiet, bis er im Mai in eine Falle ging – in bestem Gesundheitszustand. Eine Rückführung des Luchses in seine Gruppe war nicht möglich, auch andere Wildparks und Zoos hatten kein Interesse an dem Tier. Im Oktober wurde er nach Polen gebracht, wo er im folgenden Jahr ausgewildert werden soll.

Weniger erfolgreich verlief der Freigang eines Stinktieres, das in schlechtem Ernährungszustand in Hagen eingefangen wurde. Ein weißes Känguru entkam dieses Jahr seinem Halter im Essener Süden mindestens zweimal.

Passend zum Sommerloch hielt eine Monokelkobra den Ruhrgebietsort Herne in Atem. Ein Wohnhauskomplex wurde evakuiert und musste mehrere Tage gesperrt bleiben, bis die Schlange im Kellerabgang des Hauses aufgeschreckt und eingefangen wurde.

Kongress zum Thema „Mokele-Mbembe: Sind die Dinosaurier wirklich ausgestorben?“

Am 12. Oktober trafen sich zahlreiche Kryptozoologen und interessierte Laien zum Fachkongress um das Kryptid Mokele Mbembe. Die Gastgeber von den Sauerland-Pyramiden in Lennestadt hatten auch diese Veranstaltung wieder mit professioneller Routine hervorragend organisiert.

Die Referenten: (von links): Hans-Jörg Vogel, Tobias Möser, Michel Ballot, Wolfgang Schmidt, Thomas Piotrowski und Francois de Sarre

Vortrag und Übersetzung
Michel Ballot (re) kommentiert seine Bilder, Francois de Sarre (li) übersetzt

In vier Vorträgen berichteten die Referenten von unterschiedlichen Methoden, sich dem Phänomen „Mokele Mbembe“ zu nähern. Jeder der Vorträge lieferte völlig neue Sicht- und Herangehensweisen: Hans-Jörg Vogel forschte in den Archiven Berlins nach den Aufzeichnungen zweier der bekannten deutschen Afrikaforschern. Michel Ballot hingegen nahm den direkten Weg und besucht seit vielen Jahren regelmäßig die Grenzregion zwischen Kamerun und Kongo. Thomas Piotrowsky kann dies nicht so einfach und fing an, Satellitenbilder zu analysieren, bis er etwas bemerkenswertes fand. Wolfgang Schmidt säte die für Wissenschaftler so wichtigen Zweifel einmal neu.

Fazit, Dank und Ausblick:

2019 war ein sehr interessantes Jahr in der Kryptozoologie. Nicht nur die großen Themen wie Sasquatch, Loch Ness und sogar der Beutelwolf standen im Focus. Auch viele weniger bedeutenden Kryptiden schenkten wir Aufmerksamkeit. In einigen Fällen wurden sie erst ins mediale Gedächtnis geschoben, wie der Basajaun, der bei uns in der letzten Woche zum ersten Mal auftauchte. Zahlreiche interessante, aber nicht-kryptozoologische Tiere rundeten die Meldungen ab. Wir freuen uns, euch, liebe Leserinnen und Leser, durch das Jahr begleitet zu haben und in regelmäßigen Abständen etwas Neues geboten zu haben.

Genauso geht der Dank an unsere Autoren Ulrich Magin, Markus Bühler, Peter Ehret, André Kramer, Hans-Jörg Vogel, Reena Pöschel, Dominic Schindler und an meine Redaktionskollegin Suzan Reinert. Ebenso danke ich denjenigen, die mich direkt oder über die Mailingliste auf neue Themen hingewiesen haben.

Ausblick

2019 war als Jahr der Erprobung geplant, nach einigen Versuchen haben wir ab August ein recht stabiles Modell gefunden, das Ihr – den Besucherzahlen zufolge – gerne angenommen habt. Für 2020 planen wir, die zeitintensiven technischen Probleme im Hintergrund anzugehen. Die Zeit können wir dann für Neuerungen nutzen.

Eine Bitte haben wir an euch, liebe Leserinnen und Leser: Die Website machen wir für euch. Gebt uns Rückmeldung, wenn euch etwas nicht gefällt oder auch, wenn‘s euch gefällt. Sagt weiter, wenn etwas gut ist, postet es in den sozialen Medien. Wenn Ihr Interesse an einem Thema habt, fragt nach, ob wir es behandeln können. Oder forscht selber nach und schreibt uns den Artikel: Autoren können wir immer brauchen!





An einem Tag wie heute – vor 66 Millionen Jahren

von: Tobias Möser

Seit Tagen ist die Welt nicht mehr so, wie sie sein sollte. In der Nacht ist ein kleiner, aber heller Punkt im sichtbar. Wie ein Komet zieht er einen Schweif hinter sich her, doch dieser wird seit Tagen kürzer und scheint am Abend in eine andere Richtung zu deuten, als vor Sonnenaufgang. Doch dies beunruhigt die Dinosaurier auf der Erde nicht. Selbst wenn sie es bemerken würden, würden sie nicht verstehen, was das aussagt.

Chancen für die Räuber

Beunruhigender sind andere Dinge. Der Komet ist mittlerweile so hell, dass viele Tiere in der Nacht halbwegs sehen können. Die Theropoden nutzen das aus, sie haben ihre Angriffe schnell auf die Nacht verlegt. Die Pflanzenfresser kommen nicht mehr zur Ruhe, ihre Warn- und Sammelrufe hallen ständig durch die Wälder. Aber die Jäger haben Vorteile. Trotz der besseren Sicht ist ihre Tarnung im Licht- und Schattenspiel der permanenten Dämmerung besser als am Tag. Sie sehen mehr als vorher, aber lange nicht alles. Das ist ihr strategischer Vorteil: sie müssen nur einen Pflanzenfresser von vielen finden, die Pflanzenfresser müssen aber jeden Räuber erkennen. Die hellen Nächte sind die Zeit der Räuber.

Nachthimmel
Wirkte der Bolide am Nachthimmel anfangs so? Zwei Schweife, die in unterschiedliche Richtungen zeigen, sind bei Kometen häufig

Sauropode in der Nacht
Die Sauropoden sind, wie nahezu alle Dinosaurier tagaktiv und können nachts nicht gut sehen

Ein flacher, stachelbewehrter und stark gepanzerter Dinosaurier
Doch jetzt sind die Räuber auch nachts unterwegs, daher sind die Ankylosaurier noch ungenießbarer

zwei zweibeinige Dinosaurier in der Nacht
Auch diese Hadrosaurier sehen kaum etwas und finden keine Ruhe. Sie flüchten bei jeder Beunruhigung unkontrolliert

Drei kleine Flrischfresser greifen ein größeres Tier an
Zu Recht, denn die Jäger haben nachts noch mehr Erfolg als tagsüber

Tyrannosaurus frisst an einem Kadaver
Und sogar die großen Tyrannosaurier haben machen jetzt nachts Beute.

Für sie hat sich die Welt verbessert, wären da nicht die Sternschnuppen und sogar Meteore, die immer wieder kleinere und größere Lichtstreifen über den Himmel ziehen. Immer häufiger wirken sie sich auf der Erde aus. Feuerstreif, Überschallknall und schon rennen die sowieso bereits übernervösen Pflanzenfresser in heller Panik davon. Jeder noch so gut gelegte Hinterhalt ist dahin.

Die Apokalypse?

Der Tag versprach, noch schlimmer zu werden. Noch mehr Meteoriten, als in den letzten Tagen jagten über den Himmel, längst war „der Große“ auch am Tage zu sehen, doch nun schien er auch noch Hitze auszustrahlen. Die folgenden Ereignisse kann kein Augenzeuge überlebt haben: Als der etwa 10 km große Hauptkörper des Meteoriten in 100 km Höhe in die Atmosphäre eintrat, wurde er zunächst nur langsam vom Luftwiderstand abgebremst. Zwischen drei und zehn Sekunden brauchte der Brocken aus iridiumhaltigem Gestein und gefrorenen Gasen, um die Atmosphäre zu durchqueren und im Flachmeer des heutigen Golfes von Mexiko einzuschlagen.

Komet mit langem, breiten Schweif am Abendhimmel
Ähnlich wie der Koment McNaught 2006 könnte auch der KP-Bolide kurz vor dem Impakt ausgesehen haben. (Foto: Europäische Südsternwarte)

Der Bolide erreicht tiefere Zonen der Erdatmosphäre
Frühe Phase des Impaktes. Der etwa 10 km große Kern des Hauptkörpers trifft auf die Atmosphäre und fängt an, durch die Reibungshitze zu verdampfen.

Hierbei wurde seine Bewegungsenergie in Wärme umgewandelt, der gesamte Meteor verdampfte. Natürlich führte das zu einer gewaltigen Explosion, deren Druckwelle um den ganzen Erdball lief. Das Meerwasser verdampfte schlagartig, die eingeschlossenen Gase wurden frei, die Einschlagenergie war so gewaltig, dass das Grundgestein aufschmolz und vom verdunstenden Wasser in die Höhe gerissen wurde. Eine oder mehrere Erdbebenwellen der Stärke 11 oder 12 liefen durch die Erdkruste in alle Richtungen.

Der Einschlag verdrängte aber auch große Mengen Wasser, die nicht vollständig verdampften. Diese Massen wurden zum ersten Tsunami, der sich ringförmig mit dreifacher Schallgeschwindigkeit vom Impakt entfernte. Kaum flossen die ersten Wellen zurück, sorgte die ungeheure Menge von aufgeworfenem und herabfallendem Gestein für eine zweite Flutwelle, die der ersten folgte und sich teilweise mit ihr vereinte.

Der erste Killer: Der Einschlag

So gewaltig der Einschlag auch war, er war der erste, aber nur regionale Killer. Neben den unzähligen Gesteinsbomben von Sandkorn bis Felsgröße töte er vor allem durch die ungeheure Hitze. Wasser verdunstete mehr oder weniger schlagartig, Heißdampf verbrühte alles Leben, Wälder verdorrten schneller, als sie sich entzünden konnten. Die dabei entstehende Thermik sorgte für lokale Stürme, die alle Feuer anfachten – bis die Druckwelle kam.

Doch der Einschlag hatte noch weitere, längerfristige Folgen. Das Material, aus dem der Bolide bestand, ist verdunstet und befindet sich in der Atmosphäre, zunächst als Gas, dann als Staub. Der Boden, den der Meteorit traf, bestand aus sulfat- und kohlenwasserstoffreichem Kalkstein. Kalkstein zerlegt sich bei Hitze, hierbei wird unter anderen Kohlendioxid frei. Dieses Kohlendioxid verblieb zunächst in der Atmosphäre und begann, für einen Treibhauseffekt zu sorgen. Das Sulfat gelangte als Schwefeldioxid ebenfalls in die Atmosphäre, während die Kohlenwasserstoffe zu Ruß und Kohlendioxid verbrannten. Zusammen mit dem iridiumhaltigen Staub schatten Ruß und Schwefeldioxid die Erde ab, was nach einigen Tagen zu einem rapiden Temperaturabfall und schließlich zu einem Impaktwinter führte.

Der zweite Killer: Die Druckwelle

Die überschallschnelle Druckwelle raste durch die Atmosphäre. Sie war der zweite Killer. Bäume wurden entwurzelt und davon geweht, Äste, Geröll, ja sogar Sand und Blätter wurden zu tödlichen Geschossen. Die Winde erreichten alles, was nicht zufällig im Windschatten sehr solider Felsen lag, und dort bestand die Gefahr, von schwereren mitgerissenen Körpern erschlagen oder von Sand und Kies bedeckt zu werden. Wer nicht in Höhlen Schutz suchen konnte, war verloren.

Weltkarte mit den Kontinenten am Ende der Kreidezeit
Karte der Erde vor etwa 69,4 Millionen Jahren. Rot markiert der Chixulub-Krater, Gelb der Réunion-Plume, der die Dekkan-Trapps ausspieh

Schwarzweißbild mit unzähligen in eine Richtung umgeworfenen Baumstämmen
Das Tunguska-Ereignis 1927 hat „nur“ große Waldflächen in Mitleidenschaft gezogen. So etwas ist am besagten Tag auch passiert.

Zunächst löschte die Druckwelle die Feuer, wie wenn man eine Kerze oder ein Streichholz ausbläst. Aber das Brennmaterial kühlte in der Impakthitze nicht ab, so brachen die Feuer schnell wieder aus. Meteoriten und geschmolzenes Gestein aus dem Impakt fachten weitere Brände an. Gewaltige Brände, die in den folgenden Stürmen genug Sauerstoff bekamen, um zu verheeren. Ein Feuersturm zog über den Südosten Nordamerikas und das heutige Mexiko hinweg. Aber nicht lange.

Der dritte Killer: Die Erdbeben

Ebenso schnell wie die Druckwelle begann sich ein Erdbeben vom Einschlagkrater weg zu bewegen. Anders als die Luft wurde es nicht verlangsamt, sondern bewegte sich mit Schallgeschwindigkeit durch Erdkruste und Erdmantel. Die ursprüngliche Stufe 11 oder 12 wird es nicht an jedem Ort erreicht haben, aber nahezu überall wird es schwere Schäden angerichtet haben. Lose Flanken an Bergen lösten sich und fielen als Lawinen zu Boden, sie werden auch lokal erste Tsunamis ausgelöst haben. Schwemmlandböden wurden kurzzeitig weich, Lockergesteine zerfielen, so dass Dünen und Flussterrassen einbrachen. So wurden die Erdbeben zu den dritten Killern, Killern mit Langzeiteffekt:

Einbrechende Flussterrassen oder Berghänge haben Flüsse kurz oder lang aufgestaut. Stauseen sind entstanden, die sich bald mit ausgerissenen Bäumen füllten. Diese Biomasse war zu viel für die Seen, viele von ihnen kippten um. Gleichzeitig wurden durch die Beben ungeheure Mengen Sedimente mobilisiert. Sie trübten Bach- und Flussläufe und gelangten früher oder später ins Meer.

blaues Wasser mit einem abgestorbenen Baum
Der saure Regen und die ungeheuren Mengen Biomasse lassen die Gewässer umkippen

Schäumender Gebirgsfluss
Erdbeben lassen Seen ablaufen und stauen Flußläufe auf. Die Landschaft verändert sich

Die Erdbebenwellen erreichten aber noch weitere Zerstörungen. Durch die starken Beben lösten sich lokale Verspannungen der Kontinentalplatten. Das führte zu weiteren Nachbeben, oft noch Tage oder Wochen später. Hierdurch verschoben sich auch Vulkanschlote unter den bisher abdichtenden Kratern. Insgesamt stieg die vulkanische Aktivität an.

Am dem Einschlag entgegengesetzten Teil der Erde trafen sich die Schockwellen und addierten sich. Dieser Punkt liegt im Indischen Ozean, etwa dort, wo sich heute der Reunion-Plume befindet. Vor 66 Millionen Jahren lag die Landmasse des Indischen Subkontinentes über diesem vulkanischen Hotspot. So kam es zu den Ausbrüchen, aus denen die Dekkan-Trapps entstanden, bis zu 2000 m mächtige Schichten aus Basalt, die sich ursprünglich über mehr als 1,5 Millionen Quadratkilometer erstreckten. Sie entstanden in einem Zeitraum zwischen 500.000 und 9 Millionen Jahren. Vermutlich war der Einschlag des Meteoriten am besagten Tag Auslöser für die vulkanische Aktivitäten.

Der vierte Killer: Flutwellen

Luftdruckwelle, Erdbeben und die daraus resultierenden Bergstürze werden lokale, vielleicht regionale Tsunamis ausgelöst haben, doch der größte Tsunami war bereits unterwegs. Während am heutigen Golf immer noch Gestein vom Himmel regnete und sich im Laufe eines Tages zu einem Kraterring von 130 m Höhe auftürmte, rasten Wassermassen als vierter Killer den Kontinenten entgegen. Das erste Land, das sie erreichten, war das flache Schwemmland im heutigen südlichen und mittleren Westen der USA. Er rollte weiter durch den nach Süden offenen Western Interior Seaway, erreichte die Molassegebiete am Fuße der Rocky Mountains und wälzte sich weit auf den Kontinent, bis ins heutige Illinois. Der Tsunami begrub alles unter sich, brennende Wälder, frisch zerrüttete Schwemmländer – und Dinosaurier. Die sich zurückziehenden Wassermassen spülten die verbrannte Vegetation ins Meer. Zurück blieb ein völlig verwüstetes Land, über das möglicherweise noch weitere Tsunamis hereinbrachen.

Doch nur eine regionale Katastrophe?

In schwächerer Form erreichten die Tsunamis auch Südamerika, Nordwest-Afrika und Europa. Auch hier richteten sie großflächige Verwüstungen an. Dennoch war die Zerstörung bei weitem nicht so verheerend wie in Nordamerika. Kleinere Meteoriten werden auch hier eingeschlagen sein, was zu lokalen Bränden geführt hat. Und nicht zu vergessen: Erdbeben der Stärke 10 bis 12 sind gewaltige Killer, selbst wenn man nicht in Gebäuden lebt.

Zwei Männer mit Pferden in hüfttiefem Schlamm und Staub
So heftig die Schäden am Mt. St. Helens 1980 auch waren, bald begann die Natur, die Verwüstung zurück zu erobern. (Foto: US Geological Service)

der ausgebrochene Mount St. Helens ohne Spitze und der davor liegende Spirit Lake voller Baumstämme
Seen sind voller Baumstämme und Schlamm, oft ist der Abfluss blockiert, bis…. (Foto: US Forest Service)

Durch die Druckwelle und die Erdbeben hatte sich die Landschaft in wenigen Minuten gewaltig verändert. Viele, vor allem die großen Tiere werden diesen Kräften direkt zum Opfer gefallen sein, kleinere sollten erst später ernsthafte Probleme bekommen. Generell ist aber nichts passiert, was die Natur nicht hätte wegstecken können.

Der Overkill erfolgt durch Vulkane

Doch da waren ja noch die Vulkane. Sie stießen gewaltige Mengen schwefelhaltige Verbindungen aus. Diese reflektieren das Sonnenlicht und führten zu einer Abkühlung des Klimas. Damals, so schätzen Wissenschaftler, wurden über 300 Milliarden Tonnen Material in die Atmosphäre gepumpt, durch den Impakt, die Feuer und Vulkanismus. Die globale Temperatur sinkt nach dem Hitzepeak des direkten Einschlages um sagenhafte 26°C. Zum ersten Mal seit mindestens 100 Millionen Jahren sinkt die globale Durchschnittstemperatur unter den Gefrierpunkt.

Ausbruch eines Vulkanes mit glühender Lava und dunklen Aschewolken
Dünnflüssige Lava wie die der Dekkan-Trapps tritt heute auf Hawaii zutage, doch in Indien waren es mehrere Jahrmillionen.

Grünes Farn zwischen Lava-Gestein
Das Leben findet seinen Weg, auch die Lavafelder der Dekkan-Trapps wurden schnell besiedelt

Anders als der Krakatau, dessen Ausbruch nur fünf Tage dauert, spien die Vulkane der Dekkan-Trapps viele hunderttausend Jahre basaltige Lava. So wurde über sehr lange Zeit das Sonnenlicht gefiltert, die Temperatur der Erde sank. Pflanzen fehlten Wärme und Licht zum Wachsen, denn der Impakt und die Vulkane verschoben die Klimazonen zum Äquator. Wo es vor wenigen Tagen noch subtropisch war, herrschte nun kaltgemäßigtes Klima, wo es kaltgemäßigt war, drohten nun subpolare Bedingungen. Dies war das Ende für viele Nahrungsketten an Land: die kleineren Tiere fanden nichts zu fressen, nachdem die Kadaver der Großtiere aufgebraucht waren.

Die Nahrungsketten im Süßwasser wurden auf ähnliche Weise unterbrochen. Sie bekamen zusätzlich noch die neue, starke Sedimentfracht zu spüren: Bodenlebewesen wurden zugedeckt, Laich von Fischen und Amphibien konnte sich nicht entwickeln. Wasserpflanzen und Algen hatten nicht genug Licht, das erste Mal seit mehreren Millionen Jahren froren die Gewässer außerhalb der Antarktis zu. Dazu kam eine Überfrachtung mit Nährstoffen aus toten Tieren und Pflanzen. Viele Gebirgsflüsse werden aufgestaut worden sein, überall dort, wo Wasser stagniert, reichte der Sauerstoff nicht mehr aus, um die Nährstoffe oxidativ abzubauen, die Gewässer kippten um. Fische erstickten, Landtiere starben am vergifteten Wasser.

Der Regen als Vollstrecker

Durch den Impakt verdunsteten enorme Mengen Wasser. Sie verteilten sich schnell in der aufgeheizten Atmosphäre, aber fielen genauso schnell als Regen wieder herunter, sobald sich die Atmosphäre abkühlte.

Dabei vollstreckten sie, was die anderen Reiter der Apokalypse begonnen hatten. Sie wuschen Staub aus der Luft, der als Schlamm in allen Gewässern landete. Was für Landtiere nur lästig war, wurde im Wasser zum ernsten Problem. Die Wasserkörper trübten sich ein, das sowieso schon schwache Sonnenlicht drang nicht mehr zu den Wasserpflanzen, planktonischen Algen und nicht zuletzt zu den Korallen durch, sie begannen, abzusterben.

Schlammiges Ufer mit abgestorbenen Baumstümpfen
Schlamm, wohin das Auge blickt. Die Korallenriffe sind unter diesem Leichentuch begraben

Lehmiger Fluss
Der Regen nimmt den Staub und die Asche vom Land, gräbt Rinnsale und trägt sie in die Flüsse

Auf dem Land fehlte die Vegetation, die den Humus fixiert, fehlte. So konnte Regen große Mengen davon ausspülen. Flüsse brachten ihn ins Meer, wo sich die feinen Humuspartikel mit der Strömung verteilten. Sie deckten sich wie ein Leichentuch über sterbende Korallenriffe und Seegraswiesen.

Aber selbst diese apokalyptischen Zustände sind noch zu toppen. Und wieder ist es der Regen, diesmal gemeinsam mit den Vulkanen, der es vollbringt. In der Atmosphäre reagieren Kohlendioxid, Schwefeldioxid und Schwefeltrioxid mit der Luftfeuchtigkeit. Es entsteht genau das, was schon in den 1980er Jahren ein großes Umweltthema war: saurer Regen. Nicht ein bisschen, von ein paar tausend Tonnen Braunkohle, sondern weltweit und von vielen Millionen Tonnen vulkanischem Auswurfmaterial. Über mindestens 500.000 Jahre. Böden laugten aus, Pflanzen wurden verätzt und die Meere versauerten.

Der Zusammenbruch des Nahrungsnetzes im Meer

Der saure Regen wird es am Ende gewesen sein: Mindestens 90% des Planktons verschwand, insbesondere Arten mit Kalkschalen. Auf dem Plankton bauen nahezu alle marinen Organismen ihre Nahrungsgrundlage auf. Fehlt es, verhungern die Planktonfresser, die kleinen Raubfische haben nichts zu fressen und die größeren Tiere schwimmen nur noch suchend durch die Meere. Der Zusammenbruch dauerte vermutlich einige tausend Jahre länger als an Land, war aber mindestens genauso nachhaltig.

Das Ende der Dinosaurier

Der Impakt hat regional, vor allem in Nord- und Mittelamerika, Teilen von Südamerika und Afrika sofort nahezu alles an Leben zerstört. Hier hat kaum ein Dinosaurier den Einschlag überlebt, und wenn doch, wird er kurze Zeit später verhungert sein.

In Europa, Teilen Afrikas, Südamerikas, Asiens, in Australien und auf der Indischen Insel wird es anders gewesen sein. Der Impakt hat große Opfer gefordert, möglicherweise sind ganze Tierarten direkt durch ihn ausgestorben. Aber er hat nicht so verheert wie in den Amerikas. Ohne die Vulkanausbrüche mag es 5.000 bis 10.000 Jahre gedauert haben, bis sich die Natur von den Impaktschäden erholt hat. Viele, vor allem große Tierarten wären ausgestorben, aber kleinere Arten, auch Dinosaurier hätten überlebt. Dass sie das Potenzial hatten, wieder zu Riesen heranzuwachsen, hatten sie mehrfach bewiesen.

Doch die fehlende Wärme und das fehlende Licht bringen die Land-Ökosysteme zum Zusammenbruch. Vielleicht hat es noch eine Generation Dinosaurier geschafft, sich fortzupflanzen. Wenn, dann war vermutlich die Gegend, in der heute Pakistan liegt, die letzte Bastion. Bis hier hatten sich die Folgen des Impaktes nur sehr abgeschwächt zu spüren bekommen, die Vulkanwolken wurden vom tropischen Windsystem zunächst vermutlich auf der Südhalbkugel gehalten und die Sonne sorgte noch für angenehme Temperaturen. Vermutlich waren es kleine bis mittelgroße Tiere, die sowohl von Aas wie von kleinen Tieren leben konnten. Sie fanden anfangs Nahrung, ihre Feinde waren größtenteils verschwunden, wenn sich Paare gefunden haben, werden sie sich vermehrt haben – bis ihnen die Nahrung ausging.

Wie starb der letzte Dinosaurier?

Im Zwielicht des Tages stapft er durch den Matsch. Einzelne Büschel Farn, vielleicht auch Gras sind gewachsen, sie reichen bei Weitem nicht, um den Boden zu bedecken. Eiskristalle knirschen unter seinen Füßen, deren Haut ist aufgeweicht, zerschnitten, entzündet. So sehr, dass er kaum auftreten kann. Seine Federn sind zur Unkenntlichkeit verschlissen, die Augen trüb und gelb verkrustet. So richtig kann er nicht mehr hören und die Knie machen auch nicht mehr das, was er will. Er ist weit gewandert, in der Hoffnung, hier Wasser zu finden – Wasser und vielleicht einen toten Fisch, eine Eidechse oder sogar ein leckeres Ei eines größeren Tieres.

Doch außer altem Holz wittert er nicht viel. Bevor er sich ran macht, mit den Krallen einen der morschen Stämme aufzukratzen, um wenigstens ein paar Käferlarven zu finden, möchte er einen Schluck Wasser trinken. Danach geht es im sicher besser. Am Ufer angekommen beugt er sich vor, legt den Unterkiefer ins Wasser, wie er es immer getan hat. Doch diesmal versagen die Knie den Dienst, der letzte Dinosaurier kippt auf die Seite. Noch einmal durchatmen…

Ein Ammoniten-Schlachtfeld
Am Strand wurden massenhaft tote Ammoniten angeschwemmt,

Ein frühes Säugetier beobachtet den letzten Dinosaurier
Starb der letzte Dinosaurier, ohne wirklich gelebt zu haben?

Oder war es weniger dramatisch?

Schon tagsüber war das Piepsen zwischen den Eiern im Sand zu hören, dem letzten Nest eines Dinosauriers. Von zehn Eiern hat sich in der vergifteten Atmosphäre nur eines entwickelt. Doch wider Erwarten konnte das Tier schlüpfen. Eine kleine Schnauze durchbricht bei Sonnenuntergang die Eierschale, wenige Minuten später schaut der Kopf aus dem Ei. Er erblickt den Sand um sich herum und ein paar dürre Ästchen, die sich nach dem fahlen Licht einer staubigen Sonne recken. Eine Mutter hat das Junge nicht mehr, sie ist vor Tagen gestorben.
Selbst wenn das Küken gesund wäre, ist das Verlassen der Eierschale ohne die Hilfe der Mutter ein schwieriger Akt. Aber es ist nicht gesund, Arme und Beine sind verkrüppelt, die Knochen verkrümmt und zu weich. Die Eierschale zu zerbrechen und einige Schritte zu laufen, so dass sich der schwarzgrüne Schwanz entfalten kann, hat seine ganze Energie verbraucht. Wie zusammengebrochen liegt es im Nest. Vorsichtig nähert sich ein braun-weiß gezeichnetes, haariges Tier. Sein Instinkt sagt dem Küken, dass es jetzt piepsen soll. Der Instinkt trügt…

Kaum wurde es kalt, wurde es auch schon wieder warm

In der Wissenschaft herrscht Uneinigkeit, wie lange die Kältephase dauerte. Einig sind die Forscher, dass an ihrem Ende eine rapide Erwärmung der Erde stattfand. Das Kohlendioxid aus dem Impakt und vulkanisches Kohlendioxid aus den Dekkan-Trapps sorgten für ein Treibhausklima, so dass die Temperaturen von vor dem Impakt für etwa 50.000 Jahre sogar übertroffen wurden. Welchen Einfluss das auf das Massenaussterben hatte, wird kontrovers diskutiert.

Sind alle Dinosaurier ausgestorben?

Natürlich sind nicht alle Dinosaurier ausgestorben. Mittlerweile weiß jedes Kind, dass sie in Form der Vögel weiter existieren. Doch die Nicht-Vogeldinosaurier haben dieses Inferno vor 66,04 Millionen Jahren nicht überlebt. Ob sie nun direkt beim Impakt oder einige Jahre später gestorben sind, spielt erdgeschichtlich keine Rolle.

Mit den großartigsten Tieren aller Zeiten starben auch alle Meeresreptilien bis auf die Wasserschildkröten. Die Ammoniten wurden vom Antlitz des Planeten gefegt, ebenso verschwanden viele andere kalkschalige Meerestiere. Was kaum jemand weiß: auch die Vögel mussten Federn lassen. Alle archaischen Gruppen, z.B. Enantiornithes, Ichthyornithes, Hesperornithes sind ausgestorben, nur die „modernen“ Vögel der Neornithes überlebten den Impakt.

Sonnenuntergang hinter einem Wald mit einem fliegenden Schwarm Vögel
Vögel sind die Nachkommen der Dinosaurier, aber auch sie mussten Federn lassen

Sitzender Emu mit goldenen Augen
… wer weiß, wieviel Dinosaurier noch im Blick dieses Emu steckt?

Insgesamt nimmt man heute an, dass die Detritus-Fresser, die am unteren Rand des Nahrungsnetzes stehen, eine Schlüsselfunktion beim Überleben nach der Impakt-Katastrophe hatten. Detritus ist in großer Menge angefallen, wie ja auch oben mehrfach geschildert. Wer von Detritus lebte, hatte eine gute Chance, zu überleben. Genauso wie kleinere Generalisten, während spezialisierte Fleisch- oder Pflanzenfresser unter den Säugern ausstarben. Eidechsen und Schlangen wurden hart getroffen, Krokodile schienen den Impakt vergleichsweise gut weggesteckt zu haben. Kein Landtier mit mehr als 15 bis 25 kg überstand die Krise, hier darf spekuliert werden, ob Trinkwasser die limitierende Ressource war.
Süßwasserbiotope waren wohl ein vergleichsweise sicherer Lebensraum, denn hier sind „nur“ 50% der Arten verschwunden.

Letztlich verursachte der Impakt, der als Chicxulub-Einschlag bekannt wurde, eines der einschneidendsten Massenaussterben der Erdgeschichte. Ob es der einzige Grund war, dass Säugetiere die „Herrschaft“ von den Dinosauriern übernehmen konnten, ist unklar. Vermutlich wäre mit einer langsameren, über Jahrmillionen laufenden „Übergabe“ zu rechnen gewesen. Möglicherweise gäbe es Nichtvogel-Dinosaurier sogar heute noch.

Eine Bisonherde mit Jungtieren
Hätten sich die Säugetiere durchsetzen können, ohne die Konkurrenz der Dinosaurier?

Rekonstruktion eines großen Fleischfressers vor Hochhäusern
Wer weiß, vielleicht ist es doch besser, dass sie ausgestorben sind?

Sind die Dinos wirklich ausgestorben?

Graphic Design zum KongressOder haben einzelne Dinosaurier doch bis heute überlebt? Auf der Vortragsreihe „Auf der Suche nach Mokele Mbembe“ am 12. Oktober diskutieren wir das mit drei internationalen Referenten die Frage, ob es im Kongo-Raum noch überlebende Dinosaurier gibt.

Immer wieder gibt es entsprechende Beobachtungen, auch einige Pygmäenvölker berichten von unheimlichen Riesentieren, die sogar Elefanten töten.

12. Oktober 2019 im Galileo-Park in Lennestadt-Meggen im Sauerland. Noch gibt es Restkarten!


Literatur:

Gulik et al. (2019): The first day of the Cenozoic; https://www.pnas.org/content/early/2019/09/04/1909479116

Robertson et al. (2004): Survival in the first hour of the Cenozoic; https://doi.org/10.1130/B25402.1

Robertson et al. (2013): K‐Pg extinction: Reevaluation of the heat‐fire hypothesis; https://doi.org/10.1002/jgrg.20018

Brugger et al. (2016): Baby, it’s cold outside: Climate model simulations of the effects of the asteroid impact at the end of the Cretaceous; https://doi.org/10.1002/2016GL072241

Longrich et al. (2011): Mass extinction of birds at the Cretaceous–Paleogene (K–Pg) boundary; https://doi.org/10.1073/pnas.1110395108

Europäische Südsternwarte mit dem Foto des Kometen McNaught





Der erste Riesenkalmar in US-amerikanischen Gewässern gefilmt

Riesenkalmare sind legendenbehaftete Tiere. Sie leben in mittleren Tiefen, kommen selten an die Oberfläche und werden noch seltener angeschwemmt. Die Kadaver sind dann aber beeindruckend, hinzu kommt, dass ihre Größe oft maßlos überschätzt wird – aus Unwissen oder Absicht.

Ein Tier mit einer Mantellänge von 2 m und einer Tentakellänge von 8 m hat dann tatsächlich 10 m Gesamtlänge. Davon machen aber zwei lange, dünne Arme mehr als die Hälfte aus. Die anderen acht Arme sind bei weitem nicht so lang: Die Standardlänge von der Mantelspitze bis zum Ende der Fangarme würde hier vier bis fünf Meter betragen. Groß, aber nicht außergewöhnlich.

Kryptozoologisches

Seit Menschen mit Booten übers Meer fahren, gibt es Geschichten von Seeungeheuern. Seit sie sich weit genug vom Ufer entfernen, um über tieferem Wasser zu fahren, wird es Kontakte mit Riesenkalmaren gegeben haben. Seit jeher gehören sie zum Seemannsgarn.

rot beleuchteter Riesenkalmar in einem Glaszylinder
Ein Riesenkalmar als modern gestaltetes Ausstellungsstück im zoologischen Museum Kiel (Foto: Markus Bühler)

Die ersten sicheren Beobachtungen scheinen um 1550 in Dänemark erfolgt zu sein. Conrad Gessner (1516 bis 1565, Arzt und Naturforscher) bildet in seinem Fischbuch einen Meermönch ab, der unschwer als Kalmar identifiziert werden kann. Dieses Exemplar soll dem König von Dänemark zugeschickt worden sein. (Anmerkung d.V.: was muss der gestunken haben, als er nach tagelangem Transport ohne Kühlung ankam. Der arme König!)

Ebenfalls aus Dänemark kommt die erste „moderne“ Beschreibung: Japetus Steenstrup erhielt den Schnabel eines 1854 in Jütland (Dänemark) gestrandeten Tieres. Er untersuchte ihn und stellte große Ähnlichkeit mit kleineren, allgemein bekannten Kalmaren fest. Bei der Erstbeschreibung gab er ihm den Namen Architeuthis dux.

Vermutlich, weil riesige Kalmare als Seemannsgarn bekannt waren, hat die Wissenschaft sie lange Jahre nicht beachtet. Sogar 10 m lange Kadaverfunde haben Wissenschaftler weitgehend ignoriert. Der berühmte Meeresforscher und -filmer Jacques Cousteau fischte auf der Suche nach Pottwalen einmal ein Stück eines Riesenkalmar-Tentakels aus dem Wasser. Da sie es nicht konservieren konnte, hat die Crew es sehr französisch verarbeitet: gekocht und als Abendessen serviert. Es stellte sich aber als nicht essbar heraus.

Moderne Forschung

Ausschnitt des Kieler Riesenkalmares
Die Kopfregion, der untere Mantel und der obere Teil der Fangarme, links ein Tentakel; der Kieler Riesenkalmar (Foto: Markus Bühler)

Obwohl wenig über Riesenkalmare bekannt war, wusste auch Cousteau, dass die Tiere Ammoniumchlorid im Gewebe einlagern, um neutralen Auftrieb zu erhalten. Ob er geglaubt hat, diesen Stoff durch Kochen aus dem Fangarm-Stück zu entfernen oder ob er hoffte, seine Leute würden den Kalmar aus reiner Neugierde runterwürgen, ist nicht überliefert.

Erst im 21. Jahrhundert begann man, sich ernsthaft mit den Tieren zu befassen. Die Erfolgsmeldungen ließen nicht lange auf sich warten. So filmten 2004 japanische Forscher das erste mal einen Riesenkalmar in seiner natürlichen Umgebung, er jagte aktiv. In der Folge gelangen weitere Aufnahmen, auch an anderen Stellen, unter anderem zeigen sie starke Lumineszenz.

Mittlerweile kennt man einige andere sehr große Arten Kalmare. So erreicht der wesentlich massigere Koloss-Kalmar Mesonychoteuthis hamiltoni Mantellängen von mindestens vier Metern. 2007 zogen neuseeländische Fischer einen lebenden Koloss-Kalmar aus dem Südpolarmeer, der eine Mantellänge von 4,2 m und ein Gewicht von 495 kg hatte. Die Augen haben einen Durchmesser von 27 cm und sind die größten je untersuchten Augen.

Riesenkalmare bleiben wesentlich schlanker und erreichen selten mehr als 100 kg. In Museen sind einige Modelle oder Abgüsse ausgestellt. In Deutschland stellen das Ozeaneum Stralsund und das Zoologische Museum in Kiel originale Riesenkalmare aus.

Die Forschung der Florida International University

Diese Biolumineszenz und die Reaktion des Kalmars haben sich Forscher und Studenten der Florida International University (FIU) zu Nutze gemacht. Etwa 180 km südwestlich von New Orleans im Golf von Mexiko ließen sie eine ferngesteuerte Kamera ins Wasser. Als Köder hatten sie eine Reihe von Leuchtdioden installiert, die einen Ring bildeten und einzeln ansteuerbar waren. Dieser Köder sollte eine Leuchtqualle immitieren – offenbar recht gut, der Riesenkalmar war interessiert, untersuchte die vermeintliche Qualle – und zog wieder ab:

Die Exkursion begann am 7. Juni 2019, sie sollte 17 Tage dauern. Wie es bei solchen Aktivitäten immer so ist: Der Erfolg stellt sich erst spät ein. „Als der Kalmar erschien, konnte ich kaum glauben, was ich sah“ sagte Lori Schweikert, die als Post-Doc eigentlich an einem anderen Projekt arbeitet. Bei fünf Kontakten kamen insgesamt mehr als 120 Stunden Filmmaterial zusammen. Der Kalmar war noch recht jung, er maß etwa 3,3 bis 4 m in der Länge.

„Es war magisch und surreal zu sehen, wie sich das Tier in der Natur verhält“, kommentierte Prof. Heather Bracken-Grissom. „Zu wissen, dass ich Zeuge von etwas war, das ich in der Natur nur einmal gesehen hatte, erfüllte mich mit einem überwältigenden Gefühl der Dankbarkeit und des Respekts für das, was noch entdeckt werden muss.“


Quelle:

FIU News: Scientists capture first-ever video of giant squid in U.S. waters

Cousteau, J.Y. (1972): The Whale: Mighty Monarch of the Sea




Kenia: Riesiges Raubtier versteckte sich 40 Jahre im Museum

Die reiche fossile Fauna Kenias ist um eine weitere Art reicher. Die Paläontologen Matthew Borths und Nancy Stevens von der Ohio University beschrieben die Art Simbakubwa kutokaafrika

aus dem frühen Miozän vor etwa 20 Millionen Jahren. Auch wenn der Name Bezug auf den Löwen („Simba“ auf Suaheli = Macht oder Löwe) nimmt, hat das neu entdeckte Tier wenig mit den heutigen Löwen gemein.

Ein Hyaenodont

Ein Hyaenodon steht auf einer Wiese vor Palmen und fletscht die Zähne vom Betrachter abgewandt
Hyaenodon ist die Typusgattung der ganzen Familie, mögliches Aussehen in einem Bild von Heinrich Harder

Schon 2013 forschte der Paläontologe Matt Borths am Nairobi National Museum in Kenia über Hyaenodonten. Diese Tiere stellen eine bis heute etwas rätselhafte Gruppe fleischfressender Säugetiere dar, die möglicherweise mit den heutigen Raubtieren und den Schuppentieren eine eigene Kladde namens Ferae bildet.

Die meisten Hyaenodonten ähnelten modernen Hunden oder Hyänen. Sie waren als Zehen- oder Sohlengänger für schnelles Laufen angepasst, trugen oft vergleichsweise große Schädel mit langen, schmalen Schnauzen. Sie waren spezialisierte Fleischfresser. Die Backenzähne waren als Brech- und Fleischschere ausgebildet, bei ihnen lag der Schwerpunkt auf dem zweiten Backenzahn im Oberkiefer und dem dritten Backenzahn im Unterkiefer. Bei den modernen Raubtieren liegt die Schere weiter vorne, sie wird vom vierten Prämolar im Oberkiefer und dem ersten Backenzahn des Unterkiefers gebildet.

Die ersten fossilen Hyaenodonten traten vor 61 Millionen Jahren auf. Sie waren zunächst sehr klein, so war ein in Messel gefundenes Fossil der Gattung Lesmesodon mit etwa 20 cm ausgewachsen. Die größten Formen, zu denen auch die neu entdeckte Art gehört, waren ziemlich sicher größer als heutige Großkatzen. Sie starben im Oligozän in Europa aus, während sie in Afrika und Asien noch bis vor etwa 11 Millionen Jahren überlebten.

Lächelnder Mann zeigt einen Unterkieferast mit drei Zähnen, der so breit ist, wie seine Schultern
Matth Borths zeigt den Unterkiefer des neu beschriebenen Fossils. (Duke University)

Die Hyaenodonten waren eine sehr erfolgreiche Tiergruppe, sie besiedelten mit Nordamerika, Europa, Afrika und Asien alle über Landbrücken erreichbaren Kontinente. Hierbei bildeten sie eine Vielzahl von Arten. Die neueste Revision der Gruppe zählt beinahe 100 Gattungen in 12 Gruppen. Die interne Systematik ist jedoch noch nicht ausreichend geklärt.

Dem breiten Publikum wurden die Hyaenodonten durch die BBC-Animationsserie „Walking with beasts – Die Erben der Saurier“ bekannt. Im dritten Teil der Serie, der im späten Oligozän der Mongolei spielt, fressen sie die Todgeburt eines riesigen Huftieres.

Simbakubwa kutokaafrika

Bei der Suche nach bisher nicht untersuchten Fossilien in der Sammlung des Museums traf Matt Borths auf Teile des Schädels, Unterkiefers und anderer Knochen. Sie wurden 1978 und 1980 bei einer Ausgrabung an der Fundstelle Meswa Bridge, 1,5 Kilometer nördlich von Muhoroni in Kenia gefunden. Man hatte dort ursprüngliche Affen gefunden: Proconsul meswae. Er ist einer der frühesten bekannten Vertreter der Menschenaffen.

Schädel eines rezenten Löwen und der Unterkiefer von Simbakubwa. Der Unterkiefer ist länger als der ganze Schädel
Schädel eines modernen Löwen (oben) aus Kenia über dem Kieferfragment von Simbakubwa. Auch wenn der Schädel des Hyaenodontiers annähernd doppelt so groß war, wie der rezente Löwe, war das Tier selber „nur“ 15 bis 25% größer. Foto: Matt Borths

Die Knochen von Simbakubwa wurden falsch als „Hyaene (?)“ beschriftet, was bei Nicht-Zielarten von Ausgrabungen regelmäßig vorkommt. Sie zeichnen sich durch eine beeindruckende Größe aus, so ist der nicht vollständig erhaltene linke Unterkiefer-Ast länger als der Schädel eines rezenten Löwen. Auf dem Fossil sind drei Zähne erhalten geblieben: ein Eckzahn, ein Vorbackenzahn und der letzte Backenzahn. Auch im Oberkiefer sind Zähne erhalten geblieben. Aufgrund der sehr geringen Abnutzung gehen die Erstbeschreiber von einem jungen, beinahe erwachsenen Tier aus.

Probleme der Rekonstruktion

Mauricio Antons Bild von Simbakubwa
Simbakubwa war ein mächtiger Räuber. (Grafik: Mauricio Anton)

Die Zähne vereinfachen die Rekonstruktion des Tieres deutlich: Simbakubwa „vereint Zahninformationen, ein wenig Schädelinformationen und ein paar Skelettinformationen. So kann man einen Großteil des Materials zu vereinen, das herumschwirrt. Es hilft wirklich, diese ganze Gruppe riesiger Fleischesser zu kontextualisieren“, sagt Borths. Er bezieht sich auch auf das Problem, dass die meisten Hyaenotontier nur durch bruchstückhafte Fossilien überliefert sind.

Die Bruchstücke von Schädel und Kiefer lassen auf einen sehr großen Kopf und damit ein spektakulär großes Tier schließen. Leider ist nicht viel des Körperskelettes überliefert. So können Borths und Stevens über die tatsächliche Größe von Simbakubwa kutokaafrika nur sehr unsichere Schätzungen abgeben. Sie nutzen drei Methoden, um das Gesamtgewicht des Tieres anhand der vorhandenen Knochen und Zähne abzuschätzen.

  • Methode 1 (Morlo 1999) wurde zur Größen- und Gewichtsabschätzung von Hyaenodontiern des Eozäns aus Nordamerika und Mitteleuropa entwickelt. Sie bezieht sich jedoch nur auf kleine bis mittelgroße Tiere von bis zu 10 kg. Nutzt man diese Methode, erhält man ein errechnetes Endgewicht von 1308 kg.
  • Methode 2 (Friscia & Van Valkenburgh 2010) nutzt die Länge des dritten Backenzahns, um die Körpermaße abzuschätzen. Sie bezieht sich auf Katzenartige, die aber ausreichend Ähnlichkeit im Körperbau haben, so Borths und Stevens. Nutzt man diese Methode, erhält man ein errechnetes Endgewicht von 1554 kg.
  • Methode 3 stammt von Van Valkenburgh 1999 und nutzt ebenfalls die Maße des dritten Backenzahns. Sie bezieht sich ausdrücklich auf Raubtiere über 100 kg. Sie schließt in ihrer Datenbasis stärker und weniger stark spezialisierte Fleischfresser mit ein. Nutzt man diese Methode, erhält man ein errechnetes Endgewicht von 280 kg.

Simbakubwa im Größenvergleich zu einem rezenten Mensch. Er war gewaltig - und für die damals dort lebenden Tiere
Silhouetten von Simbakubwa und Maßstabsmensch im Vergleich. Bild: Matt Borths / Mauricio Anton.

Schlagartig populär

Diese Riesenmaße lassen aufhorchen. Ein Fleischfresser von über 1,5 t Gewicht und das bei einem nicht ausgewachsenen Tier! Das muss doch der reinste Höllenhund gewesen sein! Dem entsprechend reagieren auch die Sozialen Netzwerke, die Nachricht über dieses Tier wird unkritisch hin und her geschoben.


Kommentar: Methoden der Rekonstruktion und wahrscheinliche Ergebnisse

von Tobias Möser

Hinterfragt man die Methoden genauer, so kommen schnell Zweifel an den Maßen auf. Zunächst entsteht der generelle Zweifel, ob ein landbewohnender Fleischfresser von 1500 kg überhaupt in der Lage ist, sich zu ernähren. Die größten, heute lebenden Fleischfresser auf dem Land sind die Braunbären von Kodiak und Kamtschatka. Sie erreichen in Extremfällen und mit viel Winterspeck 750 kg. Das ist gerade einmal die Hälfte der Schätzung und bezieht sich zudem auf ein Tier mit massigerem Körperbau, das sich einen Großteil der Masse als Winterspeck mit Früchten und Fisch angefressen hat.

Vergleich des Körperbaus von Simbakubwa und Panthera leo
Vergleich des Körperbaus von Simbakubwa und einem rezenten Löwenmännchen. Der Mensch ist im gleichen Maßstab wie Simbakubwa, der Löwe wurde auf die Schulterhöhe von Simbakubwa vergrößert. (Bild: Borths/ Anton/ Möser)

Die nächsten Zweifel entstehen, wenn man die Silhouette der Rekonstruktion näher betrachtet. Sie erscheint nicht übermäßig massig, sondern eher gestreckt. Ich habe zum Vergleich einmal die Silhouette eines rezenten Löwen (grün) darüber gelegt und diesen auf die Größe des Hyaenodonten vergrößert.
Simbakubwa ist etwas gestrecker und seine abfallende Hüfte und ein weiter vorgestreckter Kopf fallen auf. Daher dürfte das Gewicht des Körpers etwas unter dem eines gleich langen, hypothetischen Löwen liegen. Hier kommt aber zusätzlich das Gewicht des längeren Schädels und sicherlich auch stärkerer Nackenmuskulatur hinzu.

Zahlen bitte!

Zur weiteren Abschätzung habe ich mich an die Schattenrisszeichnung gehalten, die dem Pressematerial zur Originalarbeit beiliegt. Sie suggeriert als ungefähre Daten eine Schulterhöhe von 1,25 m und eine Kopf-Rumpflänge von 2,60 m (so, wie gezeichnet) bzw. 2,90 m (gestreckt). Dies entspricht etwa dem größten (ausgestorbenen) amerikanischen Löwen, der je gefunden wurde. Hier sind 1,25 m Schulterhöhe und 2,60 m Kopf-Rumpflänge (gestreckt) gemessen worden. Auch ein Liger (Löwe x Tiger Hybrid) kann als Vergleich herangezogen werden. Dieser hat den Vorteil, dass er heute lebt und man ihn relativ einfach wiegen kann. Hier sind Gewichte von über 300 kg bis zu 400 kg bekannt. Hieraus würde sich ein realistisches Gewicht für Simbakubwa von etwa 350 kg bis 450 kg ergeben.

Größenvergleich zwischen Simbakubwa und einem männlichen Königstiger mit einer Schulterhöhe von 0,95 m. Der Mensch ist 1,8 m groß, alle Tiere sind im gleichen Maßstab gezeichnet.

Eine andere Möglichkeit ist, aus den gegebenen Maßen zu extrapolieren. Ein männlicher Königstiger mit 95 cm Schulterhöhe und einer KRL von 200 cm bringt etwa 180 bis 230 kg auf die Waage. Dies habe ich in der Silhouetten-Zeichnung dargestellt, Tiger in orange.
Hier kann man einfach extrapolieren (Simbakubwa ist etwa 1,45 mal so lang, 1,19 mal so hoch, die Körperbreite lässt sich nur spekulieren, ich rechne je einmal mit 1,19 und 1,45). Hieraus ergibt sich eine Spanne zwischen 370 kg und 575 kg, am wahrscheinlichsten bei ca. 470 kg.

Ungeeignete Schätzverfahren?

Recherchiert man ein wenig im Netz, erhält man regelmäßig Abweichungen um ein Vielfaches bei der Gewichtsschätzung von Hyaenodonten. Ich gehe davon aus, dass mindestens eine der Methoden, die angewandt werden, grob fehlerhaft ist und deswegen so starke Abweichungen zustande kommen. Von vielen Hyaenodonten ist nur wenig Material und dann hauptsächlich Schädel- und Kieferknochen überliefert. Hinzu kommt, dass Hyaenodonten ein großes Spektrum an Körpergrößen abdeckten, von Wieselgröße bis jenseits rezenter Großkatzen, teilweise sogar innerhalb derselben Gattung. Dies ist zwangsläufig mit unterschiedlichen Proportionen verbunden, die unterschiedliche Gewichtsberechnungen erfordern.
Da ist es verlockend, deren Maße in erprobte Formeln für Katzen- oder Hundeartige einzugeben. Hyaenodonten scheinen aber im Vergleich zu diesen moderneren Räubern einen wesentlich längeren Schädel und vor allem Kieferbereich gehabt zu haben. In nahzu allen wissenschaftlichen Darstellungen werden sie als massig, aber länger als gleichhohe Katzen dargestellt.

Dennoch: ein Tier von 2,90 m KRL und 1300 bis 1550 kg wäre gebaut wie ein kleines Flusspferd. Wie dies den Realitätscheck des Autors und das Peer Review überstanden hat, ist mir unklar.


Links

Die Originalarbeit:
Matthew R. Borths & Nancy J. Stevens (2019) Simbakubwa kutokaafrika, gen. et sp. nov. (Hyainailourinae, Hyaenodonta, ‘Creodonta,’ Mammalia), a gigantic carnivore from the earliest Miocene of Kenya, Journal of Vertebrate Paleontology, DOI: 10.1080/02724634.2019.1570222

Abstract der 1. In der Originalarbeit verwendeten Methode, um das Gewicht des Tieres zu bestimmen:

Michael Morlo (1999) Niche structure and evolutionin creodont (Mammalia) faunas of the European and North American EoceneNiches écologiques et évolution des faunes de créodontes (Mammalia) de l’Eocène de l’Europe et de l’Amérique du Nord, Geobios, DOI: 10.1016/S0016-6995(99)80043-6




Ein geheimnisvoller Menschenaffe aus dem Pleistozän Indonesiens

Indonesien ist aufgrund seiner zersplitterten Insellage in den letzten Jahrmillionen ein Hotspot der Evolution gewesen. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich auch die Hominiden in der Inselwelt aufgespalten haben.

Große Vielfalt von Menschenartigen

Bekannt sind die heute noch lebenden Orang Utans mit drei Arten (der Borneo-Orang-Utan Pongo pygmaeus, der Sumatra-Orang-Utan Pongo abelii und der erst 2017 beschriebene Tapanuli-Orang-Utan Pongo tapanuliensis).Der als Hobbit bekannte Homo floresiensis wurde von der kleinen Insel Flores beschrieben. In mittleren Pleistozän lebten auf anderen Inseln einige geheimnisvolle Taxa, die allgemein als Synonyme von Homo erectus galten.


Lage des Urmenschenmuseums in Sangiram, in der Nähe des Fundortes.

Ein internationales Team um Clément Zanolli, Ottmar Kullmer und Roberto Macchiarelli hat nun Zähne aus Altfunden neu untersucht. Mit erstaunlichem Ergebnis: unter den Altfunden war mindestens eine weitere Hominiden-Art, die nicht in der menschlichen Abstammungslinie liegt.

erste Funde von Homo erectus
Zeichnung der ersten Funde von Homo erectus durch Dubois. Der Backenzahn unten links war Teil der Studie

„In der Vergangenheit gab es aber immer wieder wissenschaftliche Kontroversen über den ‚mysteriösen Hominiden Meganthropus’; aber keine gesicherten Belege für dessen Existenz“, erklärt PD Dr. Ottmar Kullmer vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt und fährt fort: „Bekannt ist, dass Homo erectus sich auf Java zur Zeit des Pleistozäns, vor etwa einer Million Jahre, in Gesellschaft von Vorläufern des heutigen Orang-Utans befand. Wir konnten nun nachweisen, dass es zeitgleich sogar noch eine weitere Menschenaffenart gab.“

An den Zähnen sollst du sie erkennen!

Unterkieferbruchstück mit drei Zähnen
Unterkieferbruchstück von Meganthropus.
Foto: Senckenberg

Bei den Zahnuntersuchungen hat das Team um Kullmer die Dicke und Verteilung, aber auch Abnutzungsmuster des Zahnschmelzes analysiert. Bekannt ist, dass sich die Position der Höcker auf den Kauflächen der Backenzähne bei Homo und den Menschenaffen deutlich unterscheiden. Die Art der Nahrung ist ausschlaggebend für die Abnutzungsform des Zahnschmelzes. „Unsere mikro-computertomographischen Untersuchungen und die Analyse des Zahnschmelzes zeigen, dass die Zähne weder zu Homo erectus noch zu Orang-Utans gehören“, erläutert Zanolli und ergänzt: „Es gibt zudem keinerlei Hinweise darauf, dass es sich um Vorfahren des heutigen Menschen handelt.“ Das Abnutzungsmuster der Backenzähne von Meganthropus entspricht dem fossiler und heutiger Orang-Utans. Kullmer hierzu: „Wir gehen daher davon aus, dass sich die ‚wiederbenannte’ Art ähnlich wie die modernen Orang-Utans, hauptsächlich von Früchten und anderen über der Erde wachsenden Pflanzenteilen, ernährte.

Zwei Unterkiefer und ein Unterkieferbruchstück
Vergleich eines Meganthropus- Unterkieferfragment mit einem rezenten Orang-Utan- Kiefer und einer Homo erectus- Kieferrekonstruktion
Foto: Senckenberg

Laut der aktuellen Studie gilt es nun als gesichert, dass vor etwa einer Million Jahre – neben Homo erectus – mindestens zwei Hominiden-Gattungen in den Wäldern der heutigen indonesischen Inseln lebten. Eine höhere Vielfalt, als bisher angenommen – „eventuell kommt sogar noch eine weitere Gattung, der als Gigantopithecus bekannte Riesenmenschenaffe, hinzu. Hier fehlt uns bisher aber der eindeutige Nachweis“, schließt der Frankfurter Paläoanthropologe.

Orang-Utan sitzt auf einer steilen Flußböschung auf Borneo
Wer weiß, welche Menschenaffen und Menschenartige früher noch in Indonesien lebten? Sie? Orang Utans machen stets den Eindruck, bereits alle Fragen beantwortet zu haben.


Quellen:

Clément Zanolli, Ottmar Kullmer, Jay Kelley, Anne-Marie Bacon, Fabrice Demeter, Jean Dumoncel, Luca Fiorenza, Frederick E. Grine, Jean-Jacques Hublin, Nguyen Anh Tuan, Nguyen Thi Mai Huong, Lei Pan, Burkhard Schillinger, Friedemann Schrenk, Matthew M. Skinner, Xueping Ji & Roberto Macchiarelli (2019): Evidence for increased hominid diversity in the Early to Middle Pleistocene of Indonesia. Nature Ecology & Evolution.

DOI: 10.1038/s41559-019-0860-z

Pressemeldung der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung

Publikation bei Nature ecology & evolution: Evidence for increased hominid diversity in the Early to Middle Pleistocene of Indonesia