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  • Freitagnacht-Kryptos: Der Mokeló in Zentralafrika, Teil 3

    In den Archiven kramte: Ulrich Magin

    Der Mokeló in Zentralafrika: Teil 1 und Teil 2

     

    Am 9. Juni 1848 wird die Diskussion im „Ausland“ (S. 549), um was es sich beim Mokeló handeln könnte, mit einem Abgleich mit den Hundeartigen fortgesetzt:

    Ein Goldschakal (Canis aureus)

    „III. Wir kommen nun zum Hundegeschlecht. Der schnelle Lauf, das Jagen, der Muth womit er den Panther angreift, stellen den Mokeló fast unbedingt in diese Gattung. Mit einer bereits bekannten Species scheint er sich aber auch nicht überein bringen zu lassen. Die drei Schakalarten Afrika’s (Canis aureus* Thunbg. C. anthus Cuv. hochbeiniger und dunkler gefärbt als der gem. Schakal, wohnt in Senegambien; Canis mesomelas Schreb. mit schwarzem Rückenkreuz) sind weder an Größe, noch an Kraft so ausgezeichnet, daß sie sich mit dem Mokeló vergleichen ließen. Sie erreichen alle nur die Größe eines Halbhundes. Wenn irgendein Raubthier mit dem Mokeló identificirt werden kann, so ist es der Simir oder wilde Hund Afrikas, Canis pictus Rüppel. von Burchell unter dem Namen Hyaena venatica, von Temmink als Hyaena picta bekannt gemacht.

    Die afrikanischen Wildhunde

    Der wilde Hund Afrikas ist ein ungeheures Thier, so groß als der größte Neufundlandshund, also über 6“ (1,8 m) lang, über 3“ (0,9 m) hoch, mit langen Beinen, ein vortrefflicher Läufer. Die Schnauze ist doggenartig, dick und schwarz, die Grundfarbe des Leibes gelbbraun, mit großen gelben und weißen schwarz geränderten Flecken unregelmäßig geschäckt (ein Umstand, dessen Dgalo allerdings nirgendwo gedenkt); der Schwanz ist kurz, kahl, am Ende mit einem Wedel, fast wie bei einem Esel versehen. Der Umstand, daß die Füße nur 4 Zehen haben, bestimmte Temmink, den Simir unter die Hyänen zu stellen, jedoch weist ihm der Mangel des Rückenkammes und Drüsensackes, sein ganz vollständiges Gebiß, endlich seine Lebensweise seine Stellung bei den Hunden an.

    Dieser wilde Hund ist durch ganz Afrika verbreitet, jedoch überall selten, von den Gränzen der Capcolonie bis nach Arabien, wo er Simir heißt und von allen Raubthieren am meisten gefürchtet wird. Er jagt in Rudeln von 4–10 Stück alles, was ihm vorkömmt, Gazellen, Elennantilopen, Büffel, Nashörner, Panther und Löwen, Strauße und Zebra, schont jedoch in der Regel den Menschen, ja beweist sich ihm sogar freundlich. Sein Muth und seine Stärke sind so groß, daß ihrer mehrere sogar den Löwen anfallen und zerreissen. Statt des Rückenkammes hat er einen schwarzen Strich; er bellt ähnlich wie die verwilderten Haushunde, paart sich auch mit diesen und mit den großen Racen [Rassen] der zahmen Hunde, z. B. mit dem von den Engländern zur Löwenjagd eingeführten Neufundlandsdog fruchtbar.

    Gruppe von afrikanischen Wildhunden im trockenen Gras
    „Der wilde Hund Afrikas ist ein ungeheures Thier…“

    Portrait eines afrikanischen Wildhundes
    „die Schnauze ist doggenartig, dick und schwarz“

    Ja, sicher, der afrikanische Wildhund!

    In allen diesen Eigenschaften erkenne ich den Mokeló Dgalos so genau, daß ich keinen Anstand nehmen würde, denselben mit unserm wilden Hunde zu identificiren, wenn nicht folgende Punkte entgegenständen, nämlich geringere Größe des Simir, rudelweises Jagen desselben und zwar bei Tage; endlich die Flecken im Pelze, von welchen letztern Dingen Dgalo nirgendwo spricht. Den Simir oder wilden Hund Afrika’s kannte bereits der Capuciner Zucchelli. Er erwähnt unter dem Namen Mebbia eines Thieres ob seiner Eigenschaft, die Löwen und Panther zu zerreißen, wodurch die Mebbien die Reiserouten sichern, in seiner Missions- und Reisebeschreibung nach Congo 1717.

    Von den neuern Reisenden trafen ihn Barrow, Lichtenstein und Burchell, – Rüppell schickte sogar aus der Wüste von Corti und Cordofan [im Sudan] 7 lebende, aber noch junge Exemplare ein. Der Can. Venaticus ist eine vom Haushunde und von allen Hyänen wirklich verschiedene Hundeart, und gehört unter die Subdivision Megalotis (Illiger.) seiner außerordentlich breiten und langen Ohren wegen, wohin auch der Ambukol, Fenneck oder großohrige Fuchs Afrika’s (Megalotis Zerda) und der Agouara-Gouazou oder der rothe Wolf Azaras in Südamerika (Canis jubatus L.) zu rechnen sind. Wenn wir auch, bis weitere Erkundigungen näheren Aufschluß über den Mokeló geben, nicht zu entscheiden wagen, ob er mit dem Simir eins ist, so sprechen wir uns doch dahin bestimmt aus, daß er ein Hund und zwar eine dem Simir nahe stehende Art ist.

    Oder doch verwildete Haushunde?

    Es gibt zwar in den Wäldern des heißen Afrikas auch verwilderte Haushunde von der Größe eines Bullenbeißers, welche Dhole heißen, ziemlich die Form eines Wolfshundes haben und von den hibernischen Windhunden der Capcolonisten abstammen; da jedoch diese einen Fahnenschwanz haben und nur im Norden der Colonie bei den Batlapinen und Kaffern gefunden werden, so können sie der Mokeló nicht seyn. Das Verfolgen und Zerreißen der Raubthiere scheint übrigens sämmtlichen wahren Hunden, wilden, verwilderten und zahmen charakteristisch. So erzählt Rengger von den verwilderten Hunden in Paraguay, daß sie den Jaguar erwürgen, O. Fabricius dasselbe vom sibirischen Hunde gegen den Eisbären.

    Einzelner Wildhund im hohen Gras
    Die „African Painted Dogs“ gelten als die erfolgreichsten Jäger des Kontinentes

    Einzelner Wildhund auf einer Staubpiste
    Und doch sind sie im Bestand bedroht

    In Polen, den Pyrenäen und Abruzzen ist der Hund der unerbittlichste Verfolger der Wölfe. Erst in neuester Zeit ist uns die schätzenswerthe Nachricht von dem Vorhandenseyn einer wilden Hunderasse in den westlichen Ghats und in Dekkan zugekommen, wo man solche Thiere Colsune nennt. Dieses windhundartige Raubthier ist der Can. dukhunensis von Sykes (Zool. Proced. 1833), dessen Kühnheit Sykes besonders hervorhebt, indem er den Cheeta oder Guepard (Jagdpanther, felis jubata) und selbst den Königstieger verfolgt und zerreißt. Dasselbe Thier heißt in Nepal Buansu, wo es Hodgson geradezu unter dem Namen C. primaevus beschreibt.

    Oder doch eine neue Hundeart?

    Da uns morphologische und anatomische Haltpunkte zur nähern Bestimmung des Mokeló fehlen, so müssen wir aus seinen hervorstechenden Eigenschaften ihn zu enträthseln suchen, die ihn uns als eine eigne, neue Hundeart Centralafrikas erscheinen lassen. Daß er vom Simir wirklich verschieden ist, läßt sich mit ziemlicher Sicherheit annehmen. Es ist nur zu wünschen, daß ein so großes interessantes Thier den Augen des Zoologen nicht länger entgehen möge; – mich sollte es freuen, durch diese Zeilen die Augen eines Naturalisten auf ein Land gelenkt zu haben, das allem Anscheine nach große zoologische Schätze in seinem Schooße verbirgt.

    Findet dieser Artikel geneigte Leser, so werden wir uns vielleicht im folgenden näher über Gegenstände aus Tumale’s Fauna verbreiten, welche nach Dgalo’s Angaben bislang kaum bekannt seyn dürften.“


    Literatur:

    Turschek, L. (1848): Der Mokeló in Zentralafrika; in: Das Ausland: Wochenschrift für Länder- und Völkerkunde, Band 22, 1848


    Dieser Beitrag ist in der Reihe „Freitagnacht-Kryptos“ erschienen und unterliegt dem Urheberrecht des oben genannten Autors.

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  • Schnabelwal aus dem Nordpazifik neu beschrieben – kryptozoologisch schon lange bekannt

    Japanische Wissenschaftler um Tadasu K. Yamada haben eine dritte Art der Gattung Berardius* beschrieben. Die „neue“ Art Berardius minimus ist aus Berichten bereits bekannt gewesen, traditionelle japanische Walfänger unterscheiden sie schon seit langem von der bekannten nordpazifischen Art. Berardius minimus unterscheidet sich von den beiden anderen Arten durch eine geringere Körpergröße, einen kürzeren Schnabel und ist dunkler gefärbt.

    Die Gattung Berardius

    Die Gattung Berardius gehört zur Familie der Schnabelwale (Ziphiidae). Innerhalb dieser teilweise recht geheimnisvollen Familie stellt sie mit B. bairdii und B. arnuxii die beiden größten Arten. Sie erreichen regelmäßig Längen um zehn, in Ausnahmefällen sogar 13 m. Sie sind damit nach den Pottwalen die größten Zahnwale.

    B. arnuxii lebt zirkumpolar auf der Südhalbkugel, er trifft die Küsten von Neuseeland, Südaustralien, Südafrika und Feuerland sowie der Antarktis. Die Art ist nahezu unerforscht.
    Der Baird-Wal (B. bairdii) ist im Nordpazifik weit verbreitet, in Asien vom Südende Japans bis nach Kamtschatka, in Amerika von Alaska bis zur Spitze Niederkaliforniens. Die Tiere leben meist küstenfern in tiefen Gewässern.

    Arnox' Schnabelwal breacht vor einem Eisberg nahe der Eiskante
    Arnux’s_Schnabelwal vor einem Eisberg. Foto by Ted Cheeseman, CC 3.0

    Traditionelle Walfänger im Norden Japans unterschieden seit mindestens 200 Jahren zwei Arten der Berardius-Wale. Die einen Tiere wurden als “tsuchi-kujira” (tsuchi vermutl. „Boden, Schlamm“, kujira = Wal) bezeichnet, einen Namen, den der Walforscher Frederick William True mit B. bairdii gleichsetzen konnte. Er konnte den Gebrauch des Namens bis ins frühe 18. Jahrhundert zurückverfolgen, genauso lange wie die Jagd auf diese Tiere.

    Die alten Walfänger Hokkaidos kannten noch eine zweite Art von großen Schnabelwalen, die sie als “kuro-tsuchi” bezeichneten (kuro = dunkel, schwarz). Diese ist mit der neu beschriebenen Art identisch. Dennoch ist es lange Zeit nicht zu einer wissenschaftlichen Beschreibung gekommen.

    Die Typen

    Portrait eines toten Berardius minimus
    Kopf von B. minimus. Aufällig ist die steile Stirn und das kurze Rostrum. Bild aus der Erstbeschreibung.

    Bei einer Erstbeschreibung wird ein „Holotyp“ hinterlegt, der als „das Tier, das die Art definiert“ gilt: Jedes Tier, das in derselben Art, wie der Holotyp steht, gehört zu dieser Art. Bei B. minimus ist das NSMT-M35131, aus der Sammlung des National Museum of Nature and Science in Tokio. Der Holotyp besteht aus Schädel, Unterkiefer und den meisten Teilen des Skeletts sowie Gewebeproben. Das Tier war am 04. Juni 2008 in einem Zustand fortgeschrittener Verwesung in Kitami, Hokkaido gestrandet.

    Von sechs für die Erstbeschreibung berücksichtigten Tieren waren vier geschlechtsreife Männchen, ein nicht geschlechtsreifes Weibchen und ein neugeborenes Weibchen. Alle Tiere strandeten oder trieben tot in den Gewässern der japanischen Nordinsel Hokkaido. Vom neugeborenen Tier ist nur ein abgetrennter Kopf geborgen worden. Die Erstbeschreiber betonen, dass für ihre Untersuchungen keine lebenden Tiere verwendet wurden und keine Tiere sterben mussten.

    Wie zeichnet sich Berardius minimus aus?

    Berardius minimus unterscheidet sich von seinen Verwandten durch einige einzigartige Merkmale: Der auffällig kleinere Körper adulter Tiere, einen proportional kürzeren Schnabel und die dunklere Körperfarbe, auf der Bisspuren von Cookie-Cutter-Haien zu sehen sind.

    Maßtabellen können in der unten verlinkten Erstbeschreibung eingesehen werden.

    Das Erscheinungsbild von Berardius minimus

    Insgesamt wirkt B. minimus typisch für mittelgroße bis große Schnabelwale, es gibt jedoch zahlreiche Detailunterschiede. Relativ kleine Flipper, eine kleine, bei 70% der Körperlänge liegende Fluke und die nicht gekerbte Schwanzflosse sind arttypisch. Das längste bisher bekannte Exemplar erreichte 6,9 m Körperlänge, der Körper ist spindelförmiger als bei den anderen Berardius-Arten. Der Schnabel ist mit etwa 4% der Körperlänge vergleichsweise kurz, das kann jedoch auch bei den anderen Berardius-Arten auftreten.

    Anders als die anderen Berardius-Arten ist der Körper schwarz, das Rostrum trägt ein fahles Weiß bis Hellgrau. B. bairdii wird als schiefergrau beschrieben, wobei der hellere Ton durch ein dichtes Netz von Narben hervorgerufen wird, die man in der Regel auf „intraspezifische Auseinandersetzungen“ zurückführt. Berardinus arnuxii wird als schwarz bis hellgrau beschrieben.

    Vergleich bon Berardius minimus und B. bairdii (unten)
    Vergleich von Berardius minimus (oben, Bild aus Erstbeschreibung) und Bairds Schnabelwal (unten). Der Balken entspricht 1 m.

    B. minimus ist dunkler, als bairdii und ihm fehlt ein heller Fleck am Bauch. Zumindest bei subadulten und adulten B. minimus findet man regelmäßig Narben von Cookie-Cutter-Haien. Wie adulte Weibchen aussehen, ist unbekannt.

    Anders als bei den anderen Berardius-Arten wirkt der Kopf bei B. minimus nicht ungewöhnlich klein.

    Die untersuchten Männchen waren zwischen 6,3 und 6,9 m lang, das unreife Weibchen war mit 6,21 m nur unwesentlich kleiner. Wie alle Berardius-Arten hat B. minimus zwei Zahnpaare auf der Spitze des Unterkiefers. Die vorderen Zähne sind hierbei deutlich größer als die hinteren.

    Das Skelett

    Das Skelett ist -kurz beschrieben- schnabelwaltypisch. Die Knochen sind ziemlich grobporig, sie schwimmen im Prozesswasser, sobald das innenliegende Weichgewebe entfernt wurde. Für die Anatomie-Spezialisten unter den Lesern haben wir sogar die Wirbel-Formel: C. 7, Th. 10, L. 10, Ca. 19, also total 46 Wirbel. Wie bei vielen Walen sind die Halswirbel C1–C3 verwachsen. L4 und L5 sind die größten Wirbel. Die Tiere haben zehn Rippenpaare.

    Genetische Untersuchung

    Zur genetischen Untersuchung kann man für die Fachleute eine unglaubliche Menge erzählen, womit man die nicht-Vollprofis vermutlich nicht mehr erreicht. Ich gehe deswegen nur auf die Grundmethodik ein und stelle die Ergebnisse vor:

    Diagramm der Verwandtschaftsbeziehungen der Schwarzwale
    Phylogenetische Verwandtschaft, die sich aus der genetischen Untersuchung ergibt (ohne Maßstab, Zeichnung nach Erstbeschreibung, vereinfacht)

    Die Erstbeschreiber nutzten die Nukleotid-Sequenz-Variationsmethode, bei der eine bekannte Nukleotidsequenz sequenziert wird. Anhand der Unterschiede der individuellen Sequenzen kann man dann feststellen, wie groß der Unterschied zwischen den Individuen ist. Hierzu haben sie acht Gewebeproben von B. minimus, sieben Gewebeproben von B. bairdii und zwei von B. arnuxii untersucht. Die aus mathematischen Gründen notwendige Außengruppe bildete der Longmann-Schnabelwal Indopacetus pacificus mit einer Probe.

    Untersucht wurde die 879 Basenpaare lange Sequenz der mitochondrialen Kontrollregion. Sie ist die längste, nicht codierende Sequenz in der mitochondrialen DNA und trägt zwei hypervariable Regionen. Damit ist sie die variabelste Sequenz im Mitochondrium und kann somit auch für Unterschiede nahe verwandter Individuen genutzt werden.

    Zwischen den Individuen von B. minimus war der Unterschied erwartbar klein, es gab fünf verschiedene Formen (bei 8 Tieren) mit einem bis vier Basenpaaren Unterschied. Zu B. bairdii lag der Unterschied bei 18–22, während zu B. arnuxii schon 25–29 Unterschiede bestanden.  Daraus ergibt sich folgendes Bild: Die beiden Arten B. bairdii und arnuxii bilden ein Schwestergruppenverhältnis. Diese Gruppe steht wiederum als Schwestergruppe B. minimus entgegen. Oder anders ausgedrückt: B. minimus hat sich zuerst von einem gemeinsamen Vorfahren getrennt, dann erst haben B. bairdii und arnuxii eigene Arten gebildet.

    Verbreitung

    Karte des Nordpazifiks und angrenzender Länder
    Die Fundorte von B. minimus sind rot markiert. Die Karte wurde nach der Erstbeschreibung gezeichnet

    Bisher stammen alle Funde von B. minimus entweder von der Nordküste Hokkaidos oder aus den Gewässern der Aleuten Alaskas. Aufgrund der Seltenheit und möglichen Verwechslungen mit anderen Schnabelwalen sind weitere Beobachtungen nur mit Vorsicht zu genießen.

    Kryptozoologisches

    In der Zusammenfassung beziehen sich die Erstbeschreiber auf Kasuya, der das traditionelle Wissen der Hokkaido-Walfänger gesammelt hat. Sie kennen zwei Typen von „tsuchi-kujira“: den gewöhnlichen “tsuchi-kujira” Berardius bairdii und den dunkleren und kleineren “kuro-tsuchi” „Schwarzer Baird’s Schnabelwal“ oder “karasu” („Krähe“). Unklar ist, ob die Walfänger “kuro-tsuchi” und “karasu” für dieselben Wale benutzen, oder ob jeder Begriff eine andere Population beschreibt.
    Die in dieser Arbeit neu beschriebene Art B. minimus entspricht dem “kuro-tsuchi”.

    Wenn “karasu” als weitere Population existiert, könnte es sich um eine unbekannte Art oder eine der Mesoplodon-Arten handeln, die bei Hokkaido vorkommen (entweder M. stejnegeri oder M. carlhubbsi). Dass Mesoplodon-Arten bei Hokkaido vorkommen, ist relative neu. Das erste M. stejnegeri Exemplar wurde 1985 gesammelt, der erste M. carlhubbsi erst 2004. Weder die Walfänger noch die Medien unterscheiden diese beiden Arten bisher.

    Kasuya bezieht sich auf Heptner, der eine Hyperoodon-Art im Nordpazifik für möglich hält. Das dort abgebildete Tier ist definitiv kein Berardius, sondern eine etwa 10 m lange Art mit einem Schnabel wie Hyperoodon. Die Erstbeschreiber halten einen out-of-place-Fang von H. ampullatus, des Nördlichen Entenwals für möglich. Sie weisen auf aktuelle Sichtungen von Grauwalen im Mittelmeer und vor Namibia hin und schlagen vor, Wanderungen durch die Nordwestpassage zu untersuchen.

    Sogar die deutschsprachige Wikipedia, die sich in Sachen Kryptozoologie sehr bedeckt hält, schreibt im Artikel zum Bairds Schnabelwal am 30.8.2019: „Vom Baird-Wal sind zwei Formen bekannt, eine schiefergraue und eine kleinere, schwarz gefärbte. Vergleiche der mitochondrialen DNA sprechen dafür, dass es sich bei der schwarzen Form um eine weitere Schwarzwalart handeln könnte.“


    Literatur:

    Die Erstbeschreibung: Description of a new species of beaked whale (Berardius) found in the North Pacific

    Die im Text zitierten Werke:

    Heptner, V. G., Chapskii, K. K., Arsen’ev, V. A. & Sokolov, V. E. Mammals of the Soviet Union, Volume II, Part 3: Pinnipeds and toothed whales, Smithsonian Institution Libraries and the National Science Foundation, Washington, DC (1996). (Originally published in Russian by Vysshaya Shkola Publishers, Moscow, 1976). [Anm. d. Redaktion: Kasuya bezieht sich auf die Abbildungen 364 und 366]

    Kasuya, T. Small Cetaceans of Japan. Exploitation and Biology. CRC Press, Taylor & Francis, Boca Raton (2017).

    Kasuya, T. Conservation biology of small cetaceans around Japan, University of Tokyo Press, Tokyo (in Japanese) (2011).


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  • Freitagnacht-Kryptos: Rätselhafte Dendrogramma

    Im Archiv kramte: Tobias Möser

     

    Kryptozoologie, wie sie im Internet meist verstanden wird, befasst sich mit großen und noch unentdeckten Tieren. Optimal ist noch, wenn sie furchteinflössend, legendär und ein wenig gefährlich sind. Yeti, Bigfoot, Nessie und wenns sein muss auch noch ein Kongamato, drunter ist es uninteressant. Dabei ist gerade bei den kleineren Tieren eine Menge zu finden. Es gibt Kryptide, die nahezu jedermann entdecken kann, ohne unglaubliches Glück zu haben. Hier gibt es Rätsel, die man sich bei den Großen nicht vorstellen kann.

    Die Dendrogramma sind so etwas. Doch was sind Dendrogramma?

    Hier folgt der Originalartikel vom 6.9.2014 aus dem Kryptozoologie-Online-Forum:

    Stämme sind die eine der höchsten systematischen Ordnungen im Tierreich. Derzeit werden bei den mehrzelligen Tieren etwa 30 Stämme unterschieden, z.B. die Arthropoden, Mollusken oder Chordatiere.

    Die meisten Stämme sind sehr artenreich und mannigfaltig, aber es gibt auch einige wenige kleinere. Dem entsprechend selten werden Organismen entdeckt, die keinem der bekannten Stämme zugeordnet werden können. Doch möglicherweise ist genau das vor kurzem wieder passiert.

    Rätselhafte Dendrogramma

    Dendrogramma ein Holotyp vor schwarzem Hintergrund
    Dendrogramma enigmatica, seitliche Sicht (oben), nach Schrumpfung durch Konservierung. Foto: Just J, Kristensen R, Olesen J, CC 4.0

    Bereits 1986 sammelten Forscher mit Hilfe eines Epibenthosschlittens zwei Tierarten auf dem Meeresboden vor Australien. Diese Geräte, eigentlich eine Art Korb, der über den Meeresboden gezogen wird, schneiden die oberste Schicht des Meeresbodens aus und nehmen alles mit, was darauf und darin lebt. Das wird in der Regel konserviert, archiviert und erst mal in einer Museumssammlung eingelagert. Dann muss man später „nur noch“ die Proben durchsuchen und bestimmen, was man denn da gefangen hat.

    Tatsächlich fand man dort auch unbekannte Tiere. Sie waren pilzförmig, 8 bis 11 mm hoch und hatten einen Durchmesser von bis zu 17 mm. Sie verfügen über einen kompletten Verdauungsapparat und möglicherweise sogar eine Art Schwimmboje.

    In 400 bzw. 1000 m Tiefe fanden die Forscher diese Organismen, die sie mit Dengrogramma enigmatica und D. discoides benannten. Nach 28 Jahren wurden sie von Dorte Janussen vom Senckenberg Forschungsinstitut in den Sammlungsproben entdeckt, und als etwas Besonderes erkannt, weil sie keinem der bekannten Stämme zugeordnet werden können.

    In Formaldehyd konserviert

    Zahlreiche Dendrogramma-Funde vor schwarzem Hintergrund mit Erklärungen
    Weitere Dendrogramma-Exemplare, ebenfalls nach Konservierung. Foto: Just J, Kristensen R, Olesen J, CC 4.0

    Leider erschwert die Konservierung auch die Bestimmung. Um die fragilen Körper zu schützen, haben die Forscher damals mit Formaldehyd fixiert. Hierdurch ist eine DNA-Analyse unmöglich. „Aufgrund seiner Formolfixierung eignet sich Dendrogramma leider nicht für molekularbiologische Untersuchungen, die seine Abstammung besser klären könnte“, erklärt Janussen.

    Dendrogramma teilt die Merkmale von Rippenquallen (Ctenophora) und Korallentierchen (Cnidaria), lässt sich aber gerade deswegen keinem der beiden Tierstämme zuordnen. Die Erstbeschreiber um Jean Just fanden bei den Tieren weder Nesselzellen noch Tentakeln – dann könnte man sie den Cnidariern zuordnen. Auch das typische Sinnesorgan der Ctenophora, das Apikalorgan, konnten sie nicht ausmachen.

    Janussen ist da anderer Meinung: sie findet Verbindungen zur heute noch rätselhaften Ediacara-Fauna, will aber Dendrogramma nicht einordnen. „Die Ähnlichkeit mit Ediacara-Fossilien ist zwar vorhanden, aber nicht aussagekräftig“, sagt die Meeresbiologin. „Schon die Zuordnung dieser Fossilien ist umstritten.“

    Um das Rätsel um die kleinen, pilzförmigen Tiere zu lösen, muss vor allem eins her: Mehr und besser konserviertes, im Idealfall auch lebendes Material.

    Die Wissenschaft hat festgestellt…

    Das war der Stand von 2014, als diese Meldung das erste Mal im damals schon im Niedergang begriffenen Forum von Kryptozoologie-online erschien. Zwischenzeitlich ist die Wissenschaft an frisches Material gekommen. Forscher haben genetische Analysen durchgeführt, lebende Tiere untersuchen können und sind schließlich zu einer Einordnung gekommen.

    Zunächst einmal die „schlechten Nachrichten“: zu einem der Stämme, aus denen sich die Ediacara-Fauna zusammensetzt, konnten die Dendrogramma nicht zugeordnet werden. Das wäre auch seltsam, da es bisher kaum wirkliche Aussagen über die Einordnung der Ediacara-Fauna gibt.

    Die Ediacara-Fauna

    Künstlerische Darstellung eines Biotops mit Ediacara-Lebewesen
    So stellt sich Künstler John Sibbick einen Biotop mit zahlreichen unterschiedlichen Ediacara-Lebewesen vor.

    Die Ediacara-Fauna ist nach den Ediacara-Hills im Outback von Australien, etwa 350 km nördlich von Adelaide benannt. Sie besteht aus präkambrischen Lebewesen, von denen Weichkörper fossil erhalten sind. Hartteile hat das Leben zu dieser Zeit noch nicht entwickelt. Die relativ artenarme Fossilgemeinschaft besteht aus etwa 280 Taxa, von denen etwa die Hälfte Spuren darstellt. Die Zuordnung der Organismen zu später lebenden Formen ist unklar und bestenfalls umstritten.

    Bisher ist nicht einmal klar, ob es sich um Einzeller, Pilze, Pflanzen oder Tiere handelt oder ob sie möglicherweise ein siebtes Reich (nach Bakterien und Archaeen) bilden. Um nicht namenlos zu bleiben, haben die Wissenschaftler den provisorischen Namen Vendobionten nach dem Zeitalter des Vendiums vergeben.

    Die meisten der Organismen leben auf dem Boden, einige Arten scheinen mobil gewesen zu sein. Nur wenige Arten zeigten Ansätze von Skelettstrukturen, viele Arten waren bilateralsymmetrisch und sehr dünn.

    Erste Formen der Ediacara-Fossilien traten nach derzeitigen Erkenntnissen vor etwa 610 Millionen Jahren auf. Die letzten Ediacara-Gemeinschaften fand man in Gesteinen, die etwa 542 Millionen Jahre alt waren. Damit starben sie an der Grenze zum Kambrium aus.

    Nicht nur in Ediacara

    Fossil einer großen Dickinsonia
    Fossil einer großen Dickinsonia

    Ediacara-Fossilien hat man nicht nur in den Ediacara-Hills gefunden, sondern an etwas mehr als vierzig Fundorten auf allen Kontinenten. Wichtige Fundorte sind neben den Ediacara-Hills der Südosten Neufundlands, die Küstenregion des Weißen Meeres in Russland und der Kalahari-Kraton in Namibia.

    Neuere Untersuchungen aus dem letzten Jahr zeigten eine für Tiere typischen Biomarker bei einem typischen Ediacara-Vertreter: Dickinsonia. Dieser ähnelt dem Cholesterin und entsteht, wenn tierische Fette zerfallen. Eine geringe Menge von Biomarkern deutet auf pilztypische Verbindungen hin, die für Einzeller charakteristischen Moleküle fehlten weitgehend. Ob man daraus schlussfolgern kann, dass es sich bei Dickinsonia um ein Tier handelt, muss jeder selbst entscheiden. Ein Schluss auf andere Ediacara-Fossilien, die nicht näher mit Dickinsonia verwandt waren, erscheint mir gewagt.

    Doch was sind die Dendrogramma nun?

    Durch die genetische Untersuchung konnte man die Dendrogramma tatsächlich einordnen. Sie stehen in einer bereits bekannten Familie, den Rhodalijdae in der Ordnung der Staatsquallen oder Siphonophorae, gehören also zum Stamm Nesseltiere.

    Sie stehen dort ziemlich am Rand, weitere Erkenntnisse könnten durchaus eine neue Einstufung ergeben. Andererseits: Die Staatsquallen gehören zu den ungewöhnlichsten Tieren überhaupt. Da passt so etwas ungewöhnliches wie die Dendrogramma ganz gut rein.

     


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  • Die Korsische Fuchskatze – ein wenig bekanntes Kryptid und ein reales Tier

    Auf Korsika ist vieles anders, als auf dem Festland. Nicht nur die Sprache ist anders und bei den Franzosen gelten die Bewohner als etwas seltsam. Auch die Katzen der Insel haben sich teilweise jeder genauen Klassifikation entzogen. So gibt es auf Korsika die „ghjattu-volpe“, die Korsische Fuchskatze.
    Lange Zeit hat die Zoologie sie eher als Legende abgetan. Pierre Benedetti, Forscher am staatlichen Büro für Jagd und Wild (ONCFS) hat sich näher mit dieser ungewöhnlichen Katze befasst. Benedetti stieß dabei auf Legenden, in der Literatur wurde sogar vom Verlust einer Schafsherde berichtet. Wissenschaftlich ist über diese Katze nichts bekannt.

    Typische korsische Berglandschaft
    Typische korsische Berglandschaft

    Bekommt man sie das erste Mal zu Gesicht, wirkt sie, wie eine sehr plüschige Hauskatze. Untersucht man das Tier genauer, fällt die besondere Größe auf: 90 cm schafft sie als Gesamtlänge etwas mehr als eine durchschnittliche Hauskatze. Ihre Ohren sind größer, die Schwanzspitze endet wildkatzentypisch in einer schwarzen Quaste und die Eckzähne sind länger ausgebildet, als bei einer normalen Haus- oder Wildkatze.

    Echte Kryptozoologie

    Carlu-Antone Cecchini, der sich für die ONCFS mit Wildkatzen befasst, sagte der Nachrichtenagentur „Die meisten Leute hielten uns für verrückt, weil wir nach etwas suchten, das Teil einer Legende ist.“ Doch vor 11 Jahren, 2008, fingen die Forscher eine dieser Legenden in einem Hühnerstall in der Gemeinde Olcani auf dem Cap Corse.


    Lage von Olcani auf Korsika

    „Sie sind sehr zurückhaltende, nächtliche Tiere“ beschreibt Benedetti die Lebensweise der ghiattu-volpe. Mittels Infrarot-Fotofallen konnten die Forscher Haare sammeln, aus denen sie die DNA der Katzen extrahieren konnten. Sie unterschied sich von denen der Wildkatzen auf dem europäischen Kontinent.

    Der Mitarbeiter der französischen Behörde für Jagd und Wild, Charles-Antoine Cecchini hält eine 'ghjattu-volpe', eine Fuchskatze in die Kamera.
    Der Mitarbeiter der französischen Behörde für Jagd und Wild, Charles-Antoine Cecchini hält eine ‚ghjattu-volpe‘, eine Fuchskatze in die Kamera.
    Das Foto entstand am 12.06.2019 auf Korsika, Foto: Pascal Pochard-Casabianca / AFP

    In den letzten zehn Jahren waren die Experten der ONCFS in der Lage, 16 Fuchskatzen zu identifizieren. Darunter war ein Weibchen aus der Berggegend um das Asco Valley, das über 2500 m Höhe erreicht.

    Ein Männchen der korsischen Fuchskatze wurde mit einem GPS-Sender ausgestattet. Er sendet regelmäßig Standortdaten und erlaubt es, die Katze eine Weile zu verfolgen.

    Weitere Forschung notwendig

    Da die Forschung der korsischen Fuchskatzen noch in den Kinderschuhen steckt, ist so gut wie nichts über ihr Leben bekannt. Weder zur Fortpflanzung noch zur Nahrung können die Wissenschaftler viel sagen. Aber wenigstens die DNA-Analyse hat Ergebnisse gebracht: „Die Katze könnte mit der zweiten Welle der menschlichen Besiedlung, vor etwa 6500 Jahren nach Korsika gekommen sein. Wenn diese Hypothese stimmt, stammt sie vermutlich aus dem mittleren Osten“ vermutet Benedetti.

    Bleibt nur eine Frage: Von Korsika ist die Wildkatzen-Unterart Felis sylvestris reyi beschrieben worden. Ist sie identisch mit der Fuchskatze?

    Quelle: rfi: Corsicas „cat-fox“ could be new species, say experts


  • Ein zweiter Urvogel aus dem Solnhofener Plattenkalk

    Der Archaeopteryx aus dem Solnhofener Plattenkalk ist als „DER Urvogel“ eine Ikone der Paläontologie und der Evolutionsbiologie. Doch jetzt haben Oliver Rauhut et al. einen bisher unbekannten Urvogel beschrieben, der flugtechnisch dem Archaeopteryx ein gutes Stück voraus war.

    Bisher kennt man von der Alcmonavis poeschli genannten Art nur einen Flügel. „Wir hatten erst angenommen, dass auch dieses Exemplar ein Archaeopteryx ist, und haben es uns bei der Untersuchung nicht leicht gemacht. Es sind Ähnlichkeiten da, aber seine fossilen Reste lassen vermuten, dass es sich um einen etwas höher entwickelten Vogel handelt“, so Oliver Rauhut, Professor für Paläontologie und Geologie an der LMU München und der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie.

    Die neu beschriebene Art

    Übersichtsfoto des Holotyps von Alcmonavis poeschli
    Die Abbildung zeigt einen Flügel von Alcmonavis poeschli, wie er in den Plattenkalkablagerungen gefunden wurde. Alcmonavis poeschli ist der zweite bekannte flugfähige Vogel aus der Periode des Jura. (Bildrechte: O. Rauhut, LMU/SNSB)

    Alcmonavis poeschli war etwas größer als Archaeopteryx, er konnte auch besser fliegen: „Muskelansatzstellen am Flügel deuten auf ein verbessertes Flugvermögen hin“, sagt Rauhut. Alcmonavis poeschli weist mehrere Merkmale auf, die Archaeopteryx nicht hat, jüngere Vögel aber schon. Diese deuten auf eine bessere Anpassung an den aktiven Flatterflug hin. Da bisher nur wenige Knochen aus dem Handbereich bekannt sind, können die Wissenschaftler über den Rest des Tieres naturgemäß wenig sagen. Das Fossil zeigt noch Krallen an den Fingern, wie sie auch bei Archaeopteryx vorkommen.

    Neue Aspekte bei der Entstehung des Fluges

    Christian Foth von der Université de Fribourg (Schweiz), einer der Koautoren der Studie unterstreicht die Bedeutung des Fundes: „Seine Anpassungen zeigen, dass die Evolution des Fluges relativ schnell vorangeschritten sein muss.“ Die Autoren der Erstbeschreibung meinen, dass dieser Fund die Hypothese unterstützt, der Flatterflug sei direkt entstanden und keine Weiterentwicklung des Gleitfluges. Weitere Untersuchungen seien hier aber notwendig.

    Das Fossil stammt aus dem Steinbruch am Schaudiberg in Mörnsheim. In denselben Schichten des Plattenkalkes wurde das elfte Fossil (Daiting Exemplar) des Archaeopteryx gefunden. Die beiden Urvogelarten lebten offenbar nebeneinander oder in Konkurrenz im Solnhofener Archipelago, einer subtropischen, aber trockenen Lagunenlandschaft.

    Der Gattungsname setzt sich aus der keltischen Bezeichnung Alcmona für die Altmühl und avis für Vogel zusammen. Der Artname ehrt Roland Pöschl, der die Ausgrabungen leitet.

     

    Links:

    Abstract der Erstbeschreibung bei eLife 2019;8:e43789 doi: 10.7554/eLife.43789


    Dieser Beitrag ist parallel mit einem Beitrag auf www.tobias-moeser.de entstanden und nutzt dieselben Quellen.