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  • Spanier bitten Norwegen um die Rückgabe von Brínzola

    von: Peter Ehret

     

    Vor gut neun Monaten begab sich das Mönchsgeierweibchen Brinzola aus seiner “Heimat”, der Sierra de la Demanda im spanischen Burgos, auf eine lange Reise in den hohen Norden Europas (wir berichteten). Nachdem sie die Länder Mittel- und Nordeuropas (darunter auch Deutschland) hinter sich gelassen hatte, etablierte sie sich im Mai schließlich vorrübergehend in einem Gebiet in Zentralnorwegen, vermutlich im Langsua National Park. Zur Ruhe kam Brínzola dort dennoch nicht.

    Rückflug – oder doch nicht?

    Am 9. Juli 2019 flog sie ihre ersten Erkundungsflüge an die norwegischen Fjorde. In der Folge wurden diese “Erkundungsflüge” immer ausgedehnter. Man spekulierte bereits über eine Rückkehr. Tatsächlich überquerte Brínzola am 13. September abermals Schweden und flog wieder in Richtung Süden. Allerdings hielt sie sich zu weit westwärts –und gelangte schließlich wieder an die norwegische Küste. Wäre sie nur wenige Kilometer ostwärts geflogen, hätte sie diese Sackgasse vermieden.

    Brinzola auf dem Weg nach Norwegen
    Brinzolas Route seit Mai 2019 (Abb. GREFA – Proyecto Monachus)

    Das Proyecto Monachus bittet Norwegen um die Rückgabe von Brinzola
    Portrait eines Mönchsgeiers im Zoo

    Foto bestätigt Brínzolas Durchhaltevermögen

    Am 17. November 2019 reiste ein ehrenamtlicher Mitarbeiter in das Gebiet, in dem sich Brinzola neuerdings aufhielt und hatte Glück. Er konnte Brínzola sogar fotografieren. Laut seinem Bericht ernährte sie sich das Geierweibchen dort von Resten der Viehwirtschaft und hielt sich in der Umgebung eines Abfallcontainers bei einem Bauernhof auf.

    “Zurück zum Ex” – eine Angelegenheit der Behörden

    So schien Brinzola bis vor Kurzem noch wohlauf zu sein. Dennoch sind die Mitarbeiter des spanischen Betreuungsprogramms für Vögel (GREFA) besorgt. Der Winter naht und es ist unklar, ob die dreijährige Geierdame mit den Bedingungen der norwegischen Kälte fertig wird. Ginge es nach den Wünschen ihrer menschlichen Betreuer, so wäre Brínzola an der Seite ihres ehemaligen Gefährten “Batman” in ihrer spanischen Heimat besser dran. Aus diesem Grund erbaten die Verantwortlichen des Proyecto Monachus von der norwegischen Regierung die Rückgabe Brínzolas. Bis jetzt hat sich das norwegische Klima- und Umweltministerium dazu aber noch nicht geäußert.

    Das Proyecto Monachus bittet Norwegen um die Rueckgabe von Brinzola
    Mönchsgeier können im Segelflug viele hundert Kilometer zurücklegen. Brinzola beweist es einmal mehr. (Dieses Bild zeigt nicht Brínzola)

    Trotzt Brínzola dem norwegischen Winter?

    So ist es für die Beteiligten ein schon eine Erleichterung, dass es der Geierdame im Moment gut zu gehen scheint. Noch immer ist sie auf ihren Streifzügen und ernährt sich offenbar normal – den kurzen Wintertagen im hohen Norden begegnet sie durch nächtliche Aktivität. Doch Norwegens Winter ist noch lang – und die Batterie ihres Senders hält nicht ewig. So ist Brínzolas Zukunft nach ihrem spektakulären Exodus noch alles andere als gesichert. Brínzola war als Küken wegen Herzproblemen und Unterernährung in einer Pflegestation des Mönchgeierprojekts aufgepäppelt worden. Nun scheint es, als ob es abermals menschlicher Hilfe bedarf, um die Hoffnungsträger der europäischen Mönchgeierpopulation vor der Gnadenlosigkeit der Natur zu bewahren. Oder auch nicht?


    Literatur:

    Website des Proyecto Monachus der GREFA


    Peter Ehret ist studierter Politikwissenschaftler und Rechtsphilosoph. Praktisch sein ganzes Leben ist Zoologie im Allgemeinen sein wichtigstes Hobby. Seit dem Jahr 2000 befasst er sich mit Kryptozoologie. Themenschwerpunkt seines kryptoozologischen Interesses sind die Rückwirkungen von konventionellen Tierbeobachtungen auf Legendenbildung. Seit 2012 lebt und arbeitet er als Deutschlehrer in Spanien.

    Kontaktanfragen an den Autor bitte durch die Redaktion.



  • An einem Tag wie heute – vor 66 Millionen Jahren

    von: Tobias Möser

     

    Seit Tagen ist die Welt nicht mehr so, wie sie sein sollte. In der Nacht ist ein kleiner, aber heller Punkt im sichtbar. Wie ein Komet zieht er einen Schweif hinter sich her, doch dieser wird seit Tagen kürzer und scheint am Abend in eine andere Richtung zu deuten, als vor Sonnenaufgang. Doch dies beunruhigt die Dinosaurier auf der Erde nicht. Selbst wenn sie es bemerken würden, würden sie nicht verstehen, was das aussagt.

    Chancen für die Räuber

    Beunruhigender sind andere Dinge. Der Komet ist mittlerweile so hell, dass viele Tiere in der Nacht halbwegs sehen können. Die Theropoden nutzen das aus, sie haben ihre Angriffe schnell auf die Nacht verlegt. Die Pflanzenfresser kommen nicht mehr zur Ruhe, ihre Warn- und Sammelrufe hallen ständig durch die Wälder. Aber die Jäger haben Vorteile. Trotz der besseren Sicht ist ihre Tarnung im Licht- und Schattenspiel der permanenten Dämmerung besser als am Tag. Sie sehen mehr als vorher, aber lange nicht alles. Das ist ihr strategischer Vorteil: sie müssen nur einen Pflanzenfresser von vielen finden, die Pflanzenfresser müssen aber jeden Räuber erkennen. Die hellen Nächte sind die Zeit der Räuber.

    Nachthimmel
    Wirkte der Bolide am Nachthimmel anfangs so? Zwei Schweife, die in unterschiedliche Richtungen zeigen, sind bei Kometen häufig

    Sauropode in der Nacht
    Die Sauropoden sind, wie nahezu alle Dinosaurier tagaktiv und können nachts nicht gut sehen

    Ein flacher, stachelbewehrter und stark gepanzerter Dinosaurier
    Doch jetzt sind die Räuber auch nachts unterwegs, daher sind die Ankylosaurier noch ungenießbarer

    zwei zweibeinige Dinosaurier in der Nacht
    Auch diese Hadrosaurier sehen kaum etwas und finden keine Ruhe. Sie flüchten bei jeder Beunruhigung unkontrolliert

    Drei kleine Flrischfresser greifen ein größeres Tier an
    Zu Recht, denn die Jäger haben nachts noch mehr Erfolg als tagsüber

    Tyrannosaurus frisst an einem Kadaver
    Und sogar die großen Tyrannosaurier haben machen jetzt nachts Beute.

    Für sie hat sich die Welt verbessert, wären da nicht die Sternschnuppen und sogar Meteore, die immer wieder kleinere und größere Lichtstreifen über den Himmel ziehen. Immer häufiger wirken sie sich auf der Erde aus. Feuerstreif, Überschallknall und schon rennen die sowieso bereits übernervösen Pflanzenfresser in heller Panik davon. Jeder noch so gut gelegte Hinterhalt ist dahin.

    Die Apokalypse?

    Der Tag versprach, noch schlimmer zu werden. Noch mehr Meteoriten, als in den letzten Tagen jagten über den Himmel, längst war „der Große“ auch am Tage zu sehen, doch nun schien er auch noch Hitze auszustrahlen. Die folgenden Ereignisse kann kein Augenzeuge überlebt haben: Als der etwa 10 km große Hauptkörper des Meteoriten in 100 km Höhe in die Atmosphäre eintrat, wurde er zunächst nur langsam vom Luftwiderstand abgebremst. Zwischen drei und zehn Sekunden brauchte der Brocken aus iridiumhaltigem Gestein und gefrorenen Gasen, um die Atmosphäre zu durchqueren und im Flachmeer des heutigen Golfes von Mexiko einzuschlagen.

    Komet mit langem, breiten Schweif am Abendhimmel
    Ähnlich wie der Koment McNaught 2006 könnte auch der KP-Bolide kurz vor dem Impakt ausgesehen haben. (Foto: Europäische Südsternwarte)

    Der Bolide erreicht tiefere Zonen der Erdatmosphäre
    Frühe Phase des Impaktes. Der etwa 10 km große Kern des Hauptkörpers trifft auf die Atmosphäre und fängt an, durch die Reibungshitze zu verdampfen.

    Hierbei wurde seine Bewegungsenergie in Wärme umgewandelt, der gesamte Meteor verdampfte. Natürlich führte das zu einer gewaltigen Explosion, deren Druckwelle um den ganzen Erdball lief. Das Meerwasser verdampfte schlagartig, die eingeschlossenen Gase wurden frei, die Einschlagenergie war so gewaltig, dass das Grundgestein aufschmolz und vom verdunstenden Wasser in die Höhe gerissen wurde. Eine oder mehrere Erdbebenwellen der Stärke 11 oder 12 liefen durch die Erdkruste in alle Richtungen.

    Der Einschlag verdrängte aber auch große Mengen Wasser, die nicht vollständig verdampften. Diese Massen wurden zum ersten Tsunami, der sich ringförmig mit dreifacher Schallgeschwindigkeit vom Impakt entfernte. Kaum flossen die ersten Wellen zurück, sorgte die ungeheure Menge von aufgeworfenem und herabfallendem Gestein für eine zweite Flutwelle, die der ersten folgte und sich teilweise mit ihr vereinte.

    Der erste Killer: Der Einschlag

    So gewaltig der Einschlag auch war, er war der erste, aber nur regionale Killer. Neben den unzähligen Gesteinsbomben von Sandkorn bis Felsgröße töte er vor allem durch die ungeheure Hitze. Wasser verdunstete mehr oder weniger schlagartig, Heißdampf verbrühte alles Leben, Wälder verdorrten schneller, als sie sich entzünden konnten. Die dabei entstehende Thermik sorgte für lokale Stürme, die alle Feuer anfachten – bis die Druckwelle kam.

    Doch der Einschlag hatte noch weitere, längerfristige Folgen. Das Material, aus dem der Bolide bestand, ist verdunstet und befindet sich in der Atmosphäre, zunächst als Gas, dann als Staub. Der Boden, den der Meteorit traf, bestand aus sulfat- und kohlenwasserstoffreichem Kalkstein. Kalkstein zerlegt sich bei Hitze, hierbei wird unter anderen Kohlendioxid frei. Dieses Kohlendioxid verblieb zunächst in der Atmosphäre und begann, für einen Treibhauseffekt zu sorgen. Das Sulfat gelangte als Schwefeldioxid ebenfalls in die Atmosphäre, während die Kohlenwasserstoffe zu Ruß und Kohlendioxid verbrannten. Zusammen mit dem iridiumhaltigen Staub schatten Ruß und Schwefeldioxid die Erde ab, was nach einigen Tagen zu einem rapiden Temperaturabfall und schließlich zu einem Impaktwinter führte.

    Der zweite Killer: Die Druckwelle

    Die überschallschnelle Druckwelle raste durch die Atmosphäre. Sie war der zweite Killer. Bäume wurden entwurzelt und davon geweht, Äste, Geröll, ja sogar Sand und Blätter wurden zu tödlichen Geschossen. Die Winde erreichten alles, was nicht zufällig im Windschatten sehr solider Felsen lag, und dort bestand die Gefahr, von schwereren mitgerissenen Körpern erschlagen oder von Sand und Kies bedeckt zu werden. Wer nicht in Höhlen Schutz suchen konnte, war verloren.

    Weltkarte mit den Kontinenten am Ende der Kreidezeit
    Karte der Erde vor etwa 69,4 Millionen Jahren. Rot markiert der Chixulub-Krater, Gelb der Réunion-Plume, der die Dekkan-Trapps ausspieh

    Schwarzweißbild mit unzähligen in eine Richtung umgeworfenen Baumstämmen
    Das Tunguska-Ereignis 1927 hat „nur“ große Waldflächen in Mitleidenschaft gezogen. So etwas ist am besagten Tag auch passiert.

    Zunächst löschte die Druckwelle die Feuer, wie wenn man eine Kerze oder ein Streichholz ausbläst. Aber das Brennmaterial kühlte in der Impakthitze nicht ab, so brachen die Feuer schnell wieder aus. Meteoriten und geschmolzenes Gestein aus dem Impakt fachten weitere Brände an. Gewaltige Brände, die in den folgenden Stürmen genug Sauerstoff bekamen, um zu verheeren. Ein Feuersturm zog über den Südosten Nordamerikas und das heutige Mexiko hinweg. Aber nicht lange.

    Der dritte Killer: Die Erdbeben

    Ebenso schnell wie die Druckwelle begann sich ein Erdbeben vom Einschlagkrater weg zu bewegen. Anders als die Luft wurde es nicht verlangsamt, sondern bewegte sich mit Schallgeschwindigkeit durch Erdkruste und Erdmantel. Die ursprüngliche Stufe 11 oder 12 wird es nicht an jedem Ort erreicht haben, aber nahezu überall wird es schwere Schäden angerichtet haben. Lose Flanken an Bergen lösten sich und fielen als Lawinen zu Boden, sie werden auch lokal erste Tsunamis ausgelöst haben. Schwemmlandböden wurden kurzzeitig weich, Lockergesteine zerfielen, so dass Dünen und Flussterrassen einbrachen. So wurden die Erdbeben zu den dritten Killern, Killern mit Langzeiteffekt:

    Einbrechende Flussterrassen oder Berghänge haben Flüsse kurz oder lang aufgestaut. Stauseen sind entstanden, die sich bald mit ausgerissenen Bäumen füllten. Diese Biomasse war zu viel für die Seen, viele von ihnen kippten um. Gleichzeitig wurden durch die Beben ungeheure Mengen Sedimente mobilisiert. Sie trübten Bach- und Flussläufe und gelangten früher oder später ins Meer.

    blaues Wasser mit einem abgestorbenen Baum
    Der saure Regen und die ungeheuren Mengen Biomasse lassen die Gewässer umkippen

    Schäumender Gebirgsfluss
    Erdbeben lassen Seen ablaufen und stauen Flußläufe auf. Die Landschaft verändert sich

    Die Erdbebenwellen erreichten aber noch weitere Zerstörungen. Durch die starken Beben lösten sich lokale Verspannungen der Kontinentalplatten. Das führte zu weiteren Nachbeben, oft noch Tage oder Wochen später. Hierdurch verschoben sich auch Vulkanschlote unter den bisher abdichtenden Kratern. Insgesamt stieg die vulkanische Aktivität an.

    Am dem Einschlag entgegengesetzten Teil der Erde trafen sich die Schockwellen und addierten sich. Dieser Punkt liegt im Indischen Ozean, etwa dort, wo sich heute der Reunion-Plume befindet. Vor 66 Millionen Jahren lag die Landmasse des Indischen Subkontinentes über diesem vulkanischen Hotspot. So kam es zu den Ausbrüchen, aus denen die Dekkan-Trapps entstanden, bis zu 2000 m mächtige Schichten aus Basalt, die sich ursprünglich über mehr als 1,5 Millionen Quadratkilometer erstreckten. Sie entstanden in einem Zeitraum zwischen 500.000 und 9 Millionen Jahren. Vermutlich war der Einschlag des Meteoriten am besagten Tag Auslöser für die vulkanische Aktivitäten.

    Der vierte Killer: Flutwellen

    Luftdruckwelle, Erdbeben und die daraus resultierenden Bergstürze werden lokale, vielleicht regionale Tsunamis ausgelöst haben, doch der größte Tsunami war bereits unterwegs. Während am heutigen Golf immer noch Gestein vom Himmel regnete und sich im Laufe eines Tages zu einem Kraterring von 130 m Höhe auftürmte, rasten Wassermassen als vierter Killer den Kontinenten entgegen. Das erste Land, das sie erreichten, war das flache Schwemmland im heutigen südlichen und mittleren Westen der USA. Er rollte weiter durch den nach Süden offenen Western Interior Seaway, erreichte die Molassegebiete am Fuße der Rocky Mountains und wälzte sich weit auf den Kontinent, bis ins heutige Illinois. Der Tsunami begrub alles unter sich, brennende Wälder, frisch zerrüttete Schwemmländer – und Dinosaurier. Die sich zurückziehenden Wassermassen spülten die verbrannte Vegetation ins Meer. Zurück blieb ein völlig verwüstetes Land, über das möglicherweise noch weitere Tsunamis hereinbrachen.

    Doch nur eine regionale Katastrophe?

    In schwächerer Form erreichten die Tsunamis auch Südamerika, Nordwest-Afrika und Europa. Auch hier richteten sie großflächige Verwüstungen an. Dennoch war die Zerstörung bei weitem nicht so verheerend wie in Nordamerika. Kleinere Meteoriten werden auch hier eingeschlagen sein, was zu lokalen Bränden geführt hat. Und nicht zu vergessen: Erdbeben der Stärke 10 bis 12 sind gewaltige Killer, selbst wenn man nicht in Gebäuden lebt.

    Zwei Männer mit Pferden in hüfttiefem Schlamm und Staub
    So heftig die Schäden am Mt. St. Helens 1980 auch waren, bald begann die Natur, die Verwüstung zurück zu erobern. (Foto: US Geological Service)

    der ausgebrochene Mount St. Helens ohne Spitze und der davor liegende Spirit Lake voller Baumstämme
    Seen sind voller Baumstämme und Schlamm, oft ist der Abfluss blockiert, bis…. (Foto: US Forest Service)

    Durch die Druckwelle und die Erdbeben hatte sich die Landschaft in wenigen Minuten gewaltig verändert. Viele, vor allem die großen Tiere werden diesen Kräften direkt zum Opfer gefallen sein, kleinere sollten erst später ernsthafte Probleme bekommen. Generell ist aber nichts passiert, was die Natur nicht hätte wegstecken können.

    Der Overkill erfolgt durch Vulkane

    Doch da waren ja noch die Vulkane. Sie stießen gewaltige Mengen schwefelhaltige Verbindungen aus. Diese reflektieren das Sonnenlicht und führten zu einer Abkühlung des Klimas. Damals, so schätzen Wissenschaftler, wurden über 300 Milliarden Tonnen Material in die Atmosphäre gepumpt, durch den Impakt, die Feuer und Vulkanismus. Die globale Temperatur sinkt nach dem Hitzepeak des direkten Einschlages um sagenhafte 26°C. Zum ersten Mal seit mindestens 100 Millionen Jahren sinkt die globale Durchschnittstemperatur unter den Gefrierpunkt.

    Ausbruch eines Vulkanes mit glühender Lava und dunklen Aschewolken
    Dünnflüssige Lava wie die der Dekkan-Trapps tritt heute auf Hawaii zutage, doch in Indien waren es mehrere Jahrmillionen.

    Grünes Farn zwischen Lava-Gestein
    Das Leben findet seinen Weg, auch die Lavafelder der Dekkan-Trapps wurden schnell besiedelt

    Anders als der Krakatau, dessen Ausbruch nur fünf Tage dauert, spien die Vulkane der Dekkan-Trapps viele hunderttausend Jahre basaltige Lava. So wurde über sehr lange Zeit das Sonnenlicht gefiltert, die Temperatur der Erde sank. Pflanzen fehlten Wärme und Licht zum Wachsen, denn der Impakt und die Vulkane verschoben die Klimazonen zum Äquator. Wo es vor wenigen Tagen noch subtropisch war, herrschte nun kaltgemäßigtes Klima, wo es kaltgemäßigt war, drohten nun subpolare Bedingungen. Dies war das Ende für viele Nahrungsketten an Land: die kleineren Tiere fanden nichts zu fressen, nachdem die Kadaver der Großtiere aufgebraucht waren.

    Die Nahrungsketten im Süßwasser wurden auf ähnliche Weise unterbrochen. Sie bekamen zusätzlich noch die neue, starke Sedimentfracht zu spüren: Bodenlebewesen wurden zugedeckt, Laich von Fischen und Amphibien konnte sich nicht entwickeln. Wasserpflanzen und Algen hatten nicht genug Licht, das erste Mal seit mehreren Millionen Jahren froren die Gewässer außerhalb der Antarktis zu. Dazu kam eine Überfrachtung mit Nährstoffen aus toten Tieren und Pflanzen. Viele Gebirgsflüsse werden aufgestaut worden sein, überall dort, wo Wasser stagniert, reichte der Sauerstoff nicht mehr aus, um die Nährstoffe oxidativ abzubauen, die Gewässer kippten um. Fische erstickten, Landtiere starben am vergifteten Wasser.

    Der Regen als Vollstrecker

    Durch den Impakt verdunsteten enorme Mengen Wasser. Sie verteilten sich schnell in der aufgeheizten Atmosphäre, aber fielen genauso schnell als Regen wieder herunter, sobald sich die Atmosphäre abkühlte.

    Dabei vollstreckten sie, was die anderen Reiter der Apokalypse begonnen hatten. Sie wuschen Staub aus der Luft, der als Schlamm in allen Gewässern landete. Was für Landtiere nur lästig war, wurde im Wasser zum ernsten Problem. Die Wasserkörper trübten sich ein, das sowieso schon schwache Sonnenlicht drang nicht mehr zu den Wasserpflanzen, planktonischen Algen und nicht zuletzt zu den Korallen durch, sie begannen, abzusterben.

    Schlammiges Ufer mit abgestorbenen Baumstümpfen
    Schlamm, wohin das Auge blickt. Die Korallenriffe sind unter diesem Leichentuch begraben

    Lehmiger Fluss
    Der Regen nimmt den Staub und die Asche vom Land, gräbt Rinnsale und trägt sie in die Flüsse

    Auf dem Land fehlte die Vegetation, die den Humus fixiert, fehlte. So konnte Regen große Mengen davon ausspülen. Flüsse brachten ihn ins Meer, wo sich die feinen Humuspartikel mit der Strömung verteilten. Sie deckten sich wie ein Leichentuch über sterbende Korallenriffe und Seegraswiesen.

    Aber selbst diese apokalyptischen Zustände sind noch zu toppen. Und wieder ist es der Regen, diesmal gemeinsam mit den Vulkanen, der es vollbringt. In der Atmosphäre reagieren Kohlendioxid, Schwefeldioxid und Schwefeltrioxid mit der Luftfeuchtigkeit. Es entsteht genau das, was schon in den 1980er Jahren ein großes Umweltthema war: saurer Regen. Nicht ein bisschen, von ein paar tausend Tonnen Braunkohle, sondern weltweit und von vielen Millionen Tonnen vulkanischem Auswurfmaterial. Über mindestens 500.000 Jahre. Böden laugten aus, Pflanzen wurden verätzt und die Meere versauerten.

    Der Zusammenbruch des Nahrungsnetzes im Meer

    Der saure Regen wird es am Ende gewesen sein: Mindestens 90% des Planktons verschwand, insbesondere Arten mit Kalkschalen. Auf dem Plankton bauen nahezu alle marinen Organismen ihre Nahrungsgrundlage auf. Fehlt es, verhungern die Planktonfresser, die kleinen Raubfische haben nichts zu fressen und die größeren Tiere schwimmen nur noch suchend durch die Meere. Der Zusammenbruch dauerte vermutlich einige tausend Jahre länger als an Land, war aber mindestens genauso nachhaltig.

    Das Ende der Dinosaurier

    Der Impakt hat regional, vor allem in Nord- und Mittelamerika, Teilen von Südamerika und Afrika sofort nahezu alles an Leben zerstört. Hier hat kaum ein Dinosaurier den Einschlag überlebt, und wenn doch, wird er kurze Zeit später verhungert sein.

    In Europa, Teilen Afrikas, Südamerikas, Asiens, in Australien und auf der Indischen Insel wird es anders gewesen sein. Der Impakt hat große Opfer gefordert, möglicherweise sind ganze Tierarten direkt durch ihn ausgestorben. Aber er hat nicht so verheert wie in den Amerikas. Ohne die Vulkanausbrüche mag es 5.000 bis 10.000 Jahre gedauert haben, bis sich die Natur von den Impaktschäden erholt hat. Viele, vor allem große Tierarten wären ausgestorben, aber kleinere Arten, auch Dinosaurier hätten überlebt. Dass sie das Potenzial hatten, wieder zu Riesen heranzuwachsen, hatten sie mehrfach bewiesen.

    Doch die fehlende Wärme und das fehlende Licht bringen die Land-Ökosysteme zum Zusammenbruch. Vielleicht hat es noch eine Generation Dinosaurier geschafft, sich fortzupflanzen. Wenn, dann war vermutlich die Gegend, in der heute Pakistan liegt, die letzte Bastion. Bis hier hatten sich die Folgen des Impaktes nur sehr abgeschwächt zu spüren bekommen, die Vulkanwolken wurden vom tropischen Windsystem zunächst vermutlich auf der Südhalbkugel gehalten und die Sonne sorgte noch für angenehme Temperaturen. Vermutlich waren es kleine bis mittelgroße Tiere, die sowohl von Aas wie von kleinen Tieren leben konnten. Sie fanden anfangs Nahrung, ihre Feinde waren größtenteils verschwunden, wenn sich Paare gefunden haben, werden sie sich vermehrt haben – bis ihnen die Nahrung ausging.

    Wie starb der letzte Dinosaurier?

    Im Zwielicht des Tages stapft er durch den Matsch. Einzelne Büschel Farn, vielleicht auch Gras sind gewachsen, sie reichen bei Weitem nicht, um den Boden zu bedecken. Eiskristalle knirschen unter seinen Füßen, deren Haut ist aufgeweicht, zerschnitten, entzündet. So sehr, dass er kaum auftreten kann. Seine Federn sind zur Unkenntlichkeit verschlissen, die Augen trüb und gelb verkrustet. So richtig kann er nicht mehr hören und die Knie machen auch nicht mehr das, was er will. Er ist weit gewandert, in der Hoffnung, hier Wasser zu finden – Wasser und vielleicht einen toten Fisch, eine Eidechse oder sogar ein leckeres Ei eines größeren Tieres.

    Doch außer altem Holz wittert er nicht viel. Bevor er sich ran macht, mit den Krallen einen der morschen Stämme aufzukratzen, um wenigstens ein paar Käferlarven zu finden, möchte er einen Schluck Wasser trinken. Danach geht es im sicher besser. Am Ufer angekommen beugt er sich vor, legt den Unterkiefer ins Wasser, wie er es immer getan hat. Doch diesmal versagen die Knie den Dienst, der letzte Dinosaurier kippt auf die Seite. Noch einmal durchatmen…

    Ein Ammoniten-Schlachtfeld
    Am Strand wurden massenhaft tote Ammoniten angeschwemmt,

    Ein frühes Säugetier beobachtet den letzten Dinosaurier
    Starb der letzte Dinosaurier, ohne wirklich gelebt zu haben?

    Oder war es weniger dramatisch?

    Schon tagsüber war das Piepsen zwischen den Eiern im Sand zu hören, dem letzten Nest eines Dinosauriers. Von zehn Eiern hat sich in der vergifteten Atmosphäre nur eines entwickelt. Doch wider Erwarten konnte das Tier schlüpfen. Eine kleine Schnauze durchbricht bei Sonnenuntergang die Eierschale, wenige Minuten später schaut der Kopf aus dem Ei. Er erblickt den Sand um sich herum und ein paar dürre Ästchen, die sich nach dem fahlen Licht einer staubigen Sonne recken. Eine Mutter hat das Junge nicht mehr, sie ist vor Tagen gestorben.
    Selbst wenn das Küken gesund wäre, ist das Verlassen der Eierschale ohne die Hilfe der Mutter ein schwieriger Akt. Aber es ist nicht gesund, Arme und Beine sind verkrüppelt, die Knochen verkrümmt und zu weich. Die Eierschale zu zerbrechen und einige Schritte zu laufen, so dass sich der schwarzgrüne Schwanz entfalten kann, hat seine ganze Energie verbraucht. Wie zusammengebrochen liegt es im Nest. Vorsichtig nähert sich ein braun-weiß gezeichnetes, haariges Tier. Sein Instinkt sagt dem Küken, dass es jetzt piepsen soll. Der Instinkt trügt…

    Kaum wurde es kalt, wurde es auch schon wieder warm

    In der Wissenschaft herrscht Uneinigkeit, wie lange die Kältephase dauerte. Einig sind die Forscher, dass an ihrem Ende eine rapide Erwärmung der Erde stattfand. Das Kohlendioxid aus dem Impakt und vulkanisches Kohlendioxid aus den Dekkan-Trapps sorgten für ein Treibhausklima, so dass die Temperaturen von vor dem Impakt für etwa 50.000 Jahre sogar übertroffen wurden. Welchen Einfluss das auf das Massenaussterben hatte, wird kontrovers diskutiert.

    Sind alle Dinosaurier ausgestorben?

    Natürlich sind nicht alle Dinosaurier ausgestorben. Mittlerweile weiß jedes Kind, dass sie in Form der Vögel weiter existieren. Doch die Nicht-Vogeldinosaurier haben dieses Inferno vor 66,04 Millionen Jahren nicht überlebt. Ob sie nun direkt beim Impakt oder einige Jahre später gestorben sind, spielt erdgeschichtlich keine Rolle.

    Mit den großartigsten Tieren aller Zeiten starben auch alle Meeresreptilien bis auf die Wasserschildkröten. Die Ammoniten wurden vom Antlitz des Planeten gefegt, ebenso verschwanden viele andere kalkschalige Meerestiere. Was kaum jemand weiß: auch die Vögel mussten Federn lassen. Alle archaischen Gruppen, z.B. Enantiornithes, Ichthyornithes, Hesperornithes sind ausgestorben, nur die „modernen“ Vögel der Neornithes überlebten den Impakt.

    Sonnenuntergang hinter einem Wald mit einem fliegenden Schwarm Vögel
    Vögel sind die Nachkommen der Dinosaurier, aber auch sie mussten Federn lassen

    Sitzender Emu mit goldenen Augen
    … wer weiß, wieviel Dinosaurier noch im Blick dieses Emu steckt?

    Insgesamt nimmt man heute an, dass die Detritus-Fresser, die am unteren Rand des Nahrungsnetzes stehen, eine Schlüsselfunktion beim Überleben nach der Impakt-Katastrophe hatten. Detritus ist in großer Menge angefallen, wie ja auch oben mehrfach geschildert. Wer von Detritus lebte, hatte eine gute Chance, zu überleben. Genauso wie kleinere Generalisten, während spezialisierte Fleisch- oder Pflanzenfresser unter den Säugern ausstarben. Eidechsen und Schlangen wurden hart getroffen, Krokodile schienen den Impakt vergleichsweise gut weggesteckt zu haben. Kein Landtier mit mehr als 15 bis 25 kg überstand die Krise, hier darf spekuliert werden, ob Trinkwasser die limitierende Ressource war.
    Süßwasserbiotope waren wohl ein vergleichsweise sicherer Lebensraum, denn hier sind „nur“ 50% der Arten verschwunden.

    Letztlich verursachte der Impakt, der als Chicxulub-Einschlag bekannt wurde, eines der einschneidendsten Massenaussterben der Erdgeschichte. Ob es der einzige Grund war, dass Säugetiere die „Herrschaft“ von den Dinosauriern übernehmen konnten, ist unklar. Vermutlich wäre mit einer langsameren, über Jahrmillionen laufenden „Übergabe“ zu rechnen gewesen. Möglicherweise gäbe es Nichtvogel-Dinosaurier sogar heute noch.

    Eine Bisonherde mit Jungtieren
    Hätten sich die Säugetiere durchsetzen können, ohne die Konkurrenz der Dinosaurier?

    Rekonstruktion eines großen Fleischfressers vor Hochhäusern
    Wer weiß, vielleicht ist es doch besser, dass sie ausgestorben sind?

    Sind die Dinos wirklich ausgestorben?

    Graphic Design zum KongressOder haben einzelne Dinosaurier doch bis heute überlebt? Auf der Vortragsreihe „Auf der Suche nach Mokele Mbembe“ am 12. Oktober diskutieren wir das mit drei internationalen Referenten die Frage, ob es im Kongo-Raum noch überlebende Dinosaurier gibt.

    Immer wieder gibt es entsprechende Beobachtungen, auch einige Pygmäenvölker berichten von unheimlichen Riesentieren, die sogar Elefanten töten.

    12. Oktober 2019 im Galileo-Park in Lennestadt-Meggen im Sauerland. Noch gibt es Restkarten!


    Literatur:

    Gulik et al. (2019): The first day of the Cenozoic; https://www.pnas.org/content/early/2019/09/04/1909479116

    Robertson et al. (2004): Survival in the first hour of the Cenozoic; https://doi.org/10.1130/B25402.1

    Robertson et al. (2013): K‐Pg extinction: Reevaluation of the heat‐fire hypothesis; https://doi.org/10.1002/jgrg.20018

    Brugger et al. (2016): Baby, it’s cold outside: Climate model simulations of the effects of the asteroid impact at the end of the Cretaceous; https://doi.org/10.1002/2016GL072241

    Longrich et al. (2011): Mass extinction of birds at the Cretaceous–Paleogene (K–Pg) boundary; https://doi.org/10.1073/pnas.1110395108

    Europäische Südsternwarte mit dem Foto des Kometen McNaught


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  • Eremiten und Pelikane in Nazca

    Geoglyphen, auch Erdzeichnungen oder Bodenbilder genannt, sind großflächige, auf dem Erdboden geformte Figuren. In kleinem Maßstab kann man sie einfach erzeugen, in dem man mit dem Finger oder einem Stab etwas auf eine glatte Sand- oder Erdfläche schreibt oder zeichnet. Doch es gibt auch Geoglyphen in Größenordnungen vieler Dutzender bis Hunderter Meter. Aus Europa ist das Uffington White Horse in England bekannt. Die berühmtesten Geoglyphen sind sicherlich die Nazca-Linien in Peru.

    Riesige Scharrbilder in der Wüste

    Bei den Nazca-Linien handelt es sich um Scharrbilder. Um diese Untergruppe der Geoglyphen zu erzeugen, wird die Oberschicht der Erdoberfläche, meist Gestein, Geröll oder Erdreich entfernt. So wird eine andersfarbige darunter liegende Schicht sichtbar. Die Nazca-Linien bedecken eine Fläche von etwa 500 km² (das ist so groß wie der Bodensee). Bei ihnen handelt es sich hauptsächlich um einfache, schnurgerade Linien, die bis zu 20 km lang sein können. Auch geometrische Figuren wie Trapeze, Dreiecke und Spiralen kommen vor, aber am bekanntesten sind die Tierfiguren. Insgesamt gibt es über 1500 dieser Geoglyphen. Sie sind in der Regel durch Entfernen der obersten Gesteinsschicht als negatives Relief entstanden. Da die umgebende Oberfläche durch Wüstenlack dunkel gefärbt ist, mussten die Zeichner nur wenige Zentimeter entfernen, um den beigegelben Boden zum Vorschein zu bringen.

    Luftbild der Geoglyphe "Spinne" in Nazca
    Die „Spinne ist eines der berühmtesten Nazca-Scharrbilder

    Luftbild des Nazca-Scharrbildes "Kolibri"
    Dieses Bild wurde bisher immer als Kolibri identifiziert

    Unterschiedliche Tiere und andere Figuren

    Etwa 15 große und ungezählte kleinere figürliche Darstellungen sind bisher entdeckt. Die meisten von ihnen stellen Tiere dar, hierunter sind die Vögel in der Überzahl: 16 von ihnen sind bekannt. So haben die Entdecker Kondor, Kolibri, Küken, Papagei und Reiher nach möglichen realen Vorbildern benannt. Niemand hat die Vogeldarstellungen über die allgemeinen Beschreibungen hinaus identifiziert. Alle wirken ziemlich stilisiert, andererseits scheint eine genauere Bestimmung für Archäologen zum derzeitigen Zeitpunkt nicht zielführend.

    Was sind es nun für Vögel?

    Forscher des Hokkaido-Universitätsmuseums, des Yamashina-Instituts für Ornithologie und der Yamagata-Universität haben die Scharrbilder in der peruanischen Wüste untersucht. Sie gingen hierbei nach klassischen morphologischen Methoden vor:

    „Bisher wurden die Vögel in diesen Zeichnungen anhand allgemeiner Eindrücke oder einiger morphologischer Merkmale jeder Figur identifiziert. Wir haben die Formen und relativen Größen der Schnäbel, Köpfe, Hälse, Körper, Flügel, Schwänze und Füße der Vögel gemessen und mit denen der modernen Vögel in Peru verglichen“, so Masaki Eda vom Hokkaido University Museum.

    Das Kolibri-Bild aus einer anderen Position
    Bei anderen Lichtbedingungen wirkt der Boden grau. Der „Kolibri“ aus anderer Perspektive

    Analyse des "Kolibris" von Masaki Eda
    Der lange und dünne Schnabel, kurze Beine, drei Zehen, die in die selbe Richtung zeigen und der lange Schwanz mit dem verlängerten Mittelstück: daran ist ein Eremit zu erkennen. Die Schwänze aller peruanischen Kolibris sind gegabelt oder gerundet. (Bild: Masaki Eda)

    Die Vogeldarstellung, die bisher als Kolibri bekannt war, haben sie als einen Vertreter der Eremiten (Phaethornithinae) identifiziert. Sie sind nahe Verwandte der Kolibris, jedoch nicht so bunt. Zwei weitere Scharrbilder, die als Rätselvogel und Guanovogel bekannt sind, haben sie als Pelikane bestimmt. Ein seltsamer Vogel, zu dem es bisher keine schlüssige Erklärung gab, ist eindeutig ein Papageienbaby.

    Andere Vogelbilder, die als Kondore und Flamingos bekannt sind, ließen sich weder be- noch widerlegen. Man will an diesen Bezeichnungen festhalten.

    Angesichts der Möglichkeiten erstaunlich

    „Die Nasca-Leute, die die Bilder gezeichnet haben, hätten Pelikane beim Sammeln von Lebensmitteln an der Küste sehen können. Unsere Ergebnisse zeigen, dass sie exotische Vögel und keine einheimischen Vögel gezeichnet haben, und dies könnte ein Hinweis darauf sein, warum sie sie überhaupt gezeichnet haben“, vermutet Eda. Gleichzeitig ist er beeindruckt von der Qualität der Arbeiten: Sie sind so dicht am Original, wie es die Größe der Darstellung und die begrenzte Technologie der Nazca-Leute ermöglicht haben.

    Das wirkliche Aha-Erlebnis zeigt sich in der Tatsache, dass es sich nicht um die lokalen Wüstenvögel handelt. Pelikane sind Küstenvögel, Guanovögel leben auf Inseln, Eremiten und Papageien kommen im Regenwald vor. Die Nazca-Bewohner haben sie möglicherweise bei der Nahrungsbeschaffung auf Reisen gesehen. Das impliziert, dass diese Vögel eine besondere Bedeutung für sie haben – nur welche?

    El Nino?

    Die Ebenen um Nazca gehören zu den Gebieten, die vom Wetterphänomen El Nino am stärksten betroffen sind. In El Nino-Jahren regnet es in der Nazca-Ebene oft heftig, wobei nie geklärt wurde, welche Auswirkungen das auf die Nazca-Kultur hatte. Möglicherweise kommt es in diesen Jahren zu Einfällen einiger der genannten Vögel. Die Eremiten könnten einer Blütewelle der Wüstenpflanzen folgen. Pelikane könnten in die -dann überschwemmte- Wüste einwandern, wenn -ebenfalls durch El Nino bedingt- an der Küste kein Fisch mehr zu finden ist.

    Da nicht bekannt ist, ob sich das Leben der Nazca-Menschen durch den El Nino-Effekt positiv oder negativ veränderte, kann über die Bedeutung der Vögel und damit der Vogelbilder nur spekuliert werden: Sollten sie die Vögel anlocken oder vertreiben? Dienten sie zur Warnung oder wollte man um den Einfall dieser Vögel bitten?

    Bilder für Luftfahrer?

    Die Nazca-Scharrbilder sind teilweise so groß, dass sie erst aus der Luft erkennbar sind. Der Experimentalarchäologe Jim Woodman stellte die These auf, dass bereits die Inka eine Art Heißluftballon bauen konnten. Gruben am Ende vieler Linien interpretiert er als Feuergruben, hier hätten die Ballontechniker den Ballon wie eine Mongolfiere aufheizen können. Mit vor Ort verfügbaren Materialien, überlieferten Legenden und mit Hilfe von Ingenieuren konstruierte er einen Ballon, der 1975 tatsächlich zwei Menschen über die Nazca-Ebene trug.
    Seine Arbeit ist jedoch nicht durch Funde gedeckt.

    Ähnlich argumentierte August Steimann. Er schlug -ebenfalls in den 1970ern- vor, dass Menschen in Fesseldrachen saßen, die Helfer auf den geraden Linien gegen den Wind entlang zogen. Als zweite Stufe schlug er Hängegleiter vor, mit denen Piloten nach einem Seilstart frei umher geflogen sein konnten. Die Tiere interpretiert er als Orientierungshilfen.

    Was bedeuten die Scharrbilder nun?

    Lächelnder Japaner vor einer Wand aus bunten Ziegeln
    Masaki Eda vom Museum der Hokkaido Universität

    Es gibt eine Vielzahl von Interpretationsversuchen zur Bedeutung der Bilder. Keiner wird widerspruchslos akzeptiert. Neuere Untersuchungen aus den Jahren 2004 bis 2009 ergeben ein differenzierteres Bild. So sind die Linien in einem Zeitraum zwischen 800 v. Chr. und 600 n. Chr. entstanden. In dieser Zeit gab es erstmals starke Auswirkungen des El Ninos in der Gegend. Sie werden in den Zusammenhang mit diesem Klimaphänomen gestellt. So sieht die Wissenschaft die Bilder heute als Teile von Fruchtbarkeitsritualen. Die Bestimmung der Vögel unterstützt dies.

    Neben den Geoglyphen kennt man diese Motive auch von Keramiken der selben Periode. Die Schöpfer der Scharrbilder lebten in den Tälern des Río Názca, Río Palpa und Río Ingénio. Die Pyramidenstadt Cahuáchi soll ein religiöses Zentrum der Nazca-Kultur gewesen sein. Als Erklärung für die lange Besiedlungszeit vermuten italienische Forscher ein System aus unterirdischen Wasserkanälen mit trichterförmigen Zugängen (puquios), das unterirdische wasserführende Schichten für die Bewässerung nutzbar machte und in Staubecken speicherte.

    Wenn dies so gewesen ist, könnte der El Nino mit seinen Niederschlägen das Wasser gebracht haben, das für mehrere Jahre in den Wasserkanälen gespeichert wurde. So hat ein Phänomen, das an den meisten Orten als verheerend angesehen wird, das mehrjährige Überleben eines Volkes ermöglicht. Dem entsprechend werden die Nazca-Leute auf das Erscheinen von Eremitenvögeln und Pelikanen gehofft haben.

    An anderen Orten

    Körperproportionen zu vergleichen ist DIE klassische Methode der Morphologie. Daher liegt es nahe, sie auch bei prähistorischen Zeichnungen anzuwenden, will man wissen, mit welchen Tieren die Menschen es früher zu tun hatten. Erfolgreich sind diese Methoden vor allem dann, wenn die Tiere gezielt realistisch dargestellt werden. In einigen ägyptischen Gräbern ist das der Fall, so konnten viele Fische anhand der Gemälde bis zur Art herunter bestimmt werden. Höhlenmalereien im Baltikum legen nahe, dass in der Jungsteinzeit dort der Stör gefangen wurde, da sie den kurzen Kopf des großen Fisches betonen. Heute kommt dort der ähnliche, aber kleinere Sterlet vor, der einen viel längeren, spitzeren Kopf hat.

    Bei anderen Malereien ist eine Bestimmung nicht mehr möglich, hier wird die Realität durch einen Malstil überlagert, der die Körperproportionen stark verändert. Die Figuren aus den Scharrbildern der Nazca-Ebene sind stark stilisiert, daher ist eine Bestimmung, wie oben erfolgt, mit Vorsicht zu betrachten.

    Ein weiterer Punkt: Die Ornithologen der Originalarbeit gingen von einer alten Systematik der Kolibris und Eremiten aus. Diese stellte die Eremiten ins Schwestergruppenverhältnis zu den Kolibris. Die moderne Systematik sieht die Eremiten als eine der Unterfamilien der Kolibris, der Gegensatz ist also nicht so stark, wie es in der Originalarbeit dargestellt wird.


    Quellen:

    Website der Universität Hokkaido

    Originalartikel im Journal of archaeological Sience: Reports


  • Breaking News: Bestie und Brínzola

    Gevaudan, Frankreich: Heute vor 255 Jahren, am 30. Juni 1764 fand der erste amtlich registrierte Angriff der „Bestie von Gevaudan“ statt. Die Leiche der 14-jährigen Hirtin Jeanne Boulet wurde am folgenden Tag gefunden. Sie stammte aus Saint-Étienne-de-Lugdarès im Haut-Vivarais, dieser Kanton liegt streng genommen nicht im Gevaudan, sondern im Département Ardèche in der Region Auvergne-Rhône-Alpes, jedoch direkt hinter der Grenze.


    In Saint-Étienne-de-Lugdarès fand der erste Angriff der legendären Bestie statt

    Sehr wahrscheinlich war der Angriff auf Jeanne Boulet nicht der erste Angriff der Bestie, einige Monate vorher wurde eine Hirtin in Saint-Flour-de-Mercoire attackiert.


    Landkarte mit der Gegend, in der sich Brinzola seit dem 18. Mai aufhielt
    Brinzola bestreifte eine relativ kleine Gegend in Mittelnorwegen.
    Bild: Proyecto Monachus

    Norwegen / Schweden / Spanien: Brínzola ist wieder unterwegs. Die Mönchsgeierdame, die vor einigen Wochen quer durch Europa nach Mittelnorwegen gezogen ist, rührt sich wieder. Sie hielt sich seit dem 18. Mai in einer Gegend mit vielen Schaf- und Rentierherden auf, in der auch Großraubtiere vorkommen. Dem entsprechend war der Anfall an Aas, so dass sich Brínzola nur in einem Gebiet von knapp 60 Hektar bewegen musste.
    Jetzt scheint ihr Reiseinstinkt zu greifen, der besenderte Vogel hat gestern die Grenze nach Schweden überflogen.

    Wir halten euch weiter auf dem Laufenden, insbesondere wenn damit zu rechnen ist, dass das Tier nach Deutschland oder ins benachbarte Ausland einfliegt.

    Die letzte Meldung zu Brìnzola und einem weiteren, wandernden Mönchsgeier ist hier zu finden (Link)


    Lennestadt / Sauerland: Aus gegebenem Anlass möchten wir hier auf unsere Vortragsreihe am 12. Oktober 2019 hinweisen:

    Graphic Design zum Kongress

    „Auf der Suche nach Mokele-Mbembe“

    Sind die Dinosaurier wirklich ausgestorben? Eine Frage, der es eigentlich keiner weiteren Antwort bedarf, geht es nach vielen Fachleuten aus den verschiedensten wissenschaftlichen Bereichen. Natürlich sind die Dinosaurier vor ca. 65 Millionen Jahren ausgestorben heißt es da und nur die heutigen Vögel sind die unmittelbaren Nachfahren dieser phantastischen Tiere.
    Doch warum gibt es dann heute noch so viele Berichte über Begegnungen mit Wesen, deren Beschreibungen manchmal so beginnen: “…es sah aus, wie ein Dinosaurier!..“?

    Noch gibt es Restkarten!

    Zum Programm: einfach dem Link folgen


  • Freitagnacht-Kryptos: Die dreifüssige Möwe

    Von: Markus Bühler

     

    Das Jagdmuseum in Hørsholm (Dänemark) verfügt über ein bizarres “Kuriositätenkabinett.” Eines seiner faszinierenden Exponate ist eine dreifüßige Möwe.

    Präparat einer Sturmmöwe mit ungewöhnlicher Fehlbildung
    Dreibeinige Sturmmöwe im Jagdmuseum in Hørsholm bei Kopenhagen, Dänemark (alle Fotos: Markus Bühler

    Zweifüssiges Bein der Möwe von der Seite
    Das Bein mit der Fehlbildung von der Seite: Man sieht: Ab dem Intertarsialgelenk ist der Fuß verdoppelt.

    Zweifüssiges Bein von vorne
    Ein kompletter Fuß mit Laufknochen, Zehengrundgelenk und Zehengliedern steht nach vorne weg.

    Wie man sieht handelt es sich nicht um ein komplettes drittes Bein, sondern nur um eine im Gelenkbereich gelegene Gabelung der rechten Hintergliedmaße.

    Literatur:

    Dieser Beitrag ist am 5. August 2010 in Markus Bühler’s Bestiarium entstanden

    Wikipedia zum Vogelfuß


    Dieser Beitrag ist in der Reihe „Freitagnacht-Kryptos“ erschienen und unterliegt dem Urheberrecht des oben genannten Autors.

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