Joro-Spinne Trichonephila clavataBisher ist Trichonephila clavata noch nicht in Deutschland aufgetaucht
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Einzelne Nachrichtenportale schieben Panik. So titelt das Karlsruher Portal „KA-Insider“ am 9. Juli:

 

„20 Zentimeter“: Riesenspinne erstmals in Deutschland aufgetaucht

 

Joro-Spinne Trichonephila clavata
Die Joro-Spinne ist in den USA eine invasive Art mit starker Ausbreitungstendenz, aber kommt sie auch nach Europa?

 

Die Meldung ist schon deutlich ruhiger. Der ungenannte Autor berichtet, dass die Seidenspinne Trichonephila clavata erstmals in Deutschland aufgetaucht ist. Leider ist weder ein Ort noch eine Quelle genannt, so dass es für uns nicht nachvollziehbar ist. Recherchiert man in den einschlägigen Suchmaschinen, findet man schnell andere, ähnlich gelagerte Meldungen. Keine davon wird konkret, die meisten berichten nur von der Möglichkeit, dass sich diese Spinne bei uns ausbreiten könnte.

Sinnvollerweise machen sie vor der Urlaubszeit noch darauf aufmerksam, das Reisegepäck zu durchsuchen und keine ungebetenen Gäste aus exotischen Ländern mitzubringen. Ob diese sehr wichtige Aufforderung aber die Schreckmeldung in der Schlagzeile entschuldigt, muss jeder Leser selbst entscheiden.

 

Trichonephila clavata – die Joro-Spinne

Das Tier kommt natürlicherweise in Südostasien, von Indien bis Japan vor. Die Weibchen erreichen allerdings nur eine Körperlänge von 17 – 25 mm, damit ist sie zwar knapp doppelt so groß wie große heimische Arten (z.B. Gartenkreuzspinne (Araneus diadematus) 20 mm, Große Winkelspinne (Eratigena atrica), ebenfalls etwa 20 mm), die 20 cm sind aber eine reine Erfindung. Selbst ihre Beinspannweite erreicht kaum mehr als 12 cm. Durch eine kontrastreiche schwarz-gelbe Zeichnung der Beine und einen roten Fleck am Rand des Hinterleibs ist die Spinne sehr auffällig.
Männchen bleiben mit 7 – 10 mm Körperlänge, wie für Seidenspinnen typisch, wesentlich kleiner.

Die große Spinne baut, wie viele Seidenspinnen, gewaltige Netze, die oft hufeisenförmig aussehen. Ihre Netze haben drei Schichten, der zentrale Kreis ist von je einer unregelmäßigen Schicht davor und dahinter verstärkt. Sie können damit recht große Insekten fangen, nahe verwandte Arten in Australien haben auch schon Vögel erfolgreich erbeutet.

Trichonephila clavata ist wie alle Spinnen giftig. Sie beißt selbst bei direktem Anfassen selten, die kurzen Giftklauen können die menschliche Haut nur selten vollständig durchdringen und das Gift ist nicht stark. Es verursacht eine zeitweilige Rötung der Einstichstelle und Schmerzen, die mit dem Stich einer Biene vergleichbar sind.

Joro-Spinne Trichonephila clavata
Die Joro-Spinne ist eine beeindruckende Erscheinung

 

Der Name

Ihren „deutschen“ Namen hat die Joro-Spinne aus ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet in Japan. Dort erinnert sie an die legendäre Spinnenfrau jorogumo, die als Spinne oder als wunderschöne, jedoch feuerspuckende Frau erscheinen kann. In der Legende verführt sie Männer, die sie dann mit ihre Seide fesselt und auffrisst. Die US-Amerikaner haben daraus den Namen Joro-Spider gemacht, eingedeutscht Joro-Spinne.

 

In den USA invasiv

Invasiv ist Trichonephila clavata in den Oststaaten der USA. 2013 oder 14 wurde sie dort das erste Mal beobachtet, 2022 besiedelte sie eine Fläche von etwa 120.000 km² (entspricht den Flächen von Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz). Beobachtungsschwerpunkt ist die Stadt Atlanta in Georgia, von dort aus scheint sie sich in die Nachbarstaaten South Carolina, North Carolina und Tennessee. Heute ist sie zudem in Florida, Alabama, Mississippi, North and South Carolina, Tennessee, Kentucky, Virginia, West Virginia, Maryland und Ohio verbreitet. Dabei lebt sie vor allem in Städten, oft erhöht auf Straßenlaternen und Masten für Telefonleitungen. Sie gelten dort als harmlos, ja sogar nützlich, da sie vor allem invasive und störende Insekten fressen.

Auch die ökologischen Auswirkungen scheinen sich in Grenzen zu halten oder sogar positiv zu sein. Trichonephila clavata fängt und frisst die in den USA wie in Europa invasive Marmorierte Baumwanze (Halyomorpha halys), was andere in den USA heimische Spinnen nicht tun.

 

Joro-Spinne Trichonephila clavata
Bisher ist Trichonephila clavata noch nicht in Deutschland aufgetaucht

 

In Deutschland invasiv?

Bisher gibt es auf den üblichen Beobachtungsportalen keinen Hinweis darauf, dass diese Art in Deutschland aufgetaucht ist. Auch die Suchmaschinen und zahlreichen Treffer zu Trichonephila clavata beziehen sich ausschließlich auf die USA und die Möglichkeit, die Spinne unbeabsichtigt zu importieren. Der einzige Beleg für einen Auftauchen auf deutschem Boden ist der Beitrag aus dem KA-Insider vom 9. Juli 2024. Praktischerweise zeigt das dazu gehörige Foto nicht einmal eine Spinne, sondern zwei südeuropäische Spinnenläufer (Scutigera coleoptrata), die etwa 30 mm lang werden können.

Die Frage ist auch, ob die Joro-Spinne in Deutschland überleben kann. In den USA und Japan ist sie in Gegenden verbreitet, die wärmer sind, als Deutschland. Sie verträgt nur kurze Frostperioden, die werden bei uns durch den menschengemachten Klimawandel auch in Zukunft immer kürzer. Natürlich ergeben sich Möglichkeiten, synanthrop warm zu überwintern, von Lampengehäusen bis Gewächshäuser, aber auch hier stellt sich die Frage nach Nahrung. Der Winter ist eine eher insektenarme Zeit.

 

Quellen:

KA Insider vom 9. Juli 2024

Englische Wikipedia zu Trichonephila clavata 

iNaturalist zu Trichonephila clavata

Vanessa Romo auf npr am 9. März 2022

Jennifer Buchholz für t-online am 6. Juni 2024

Handgroß: Asiatische Riesenspinne auf dem Vormarsch – weekend.at vom 7. Juni 2024

20 cm groß: Asiatische Riesenspinne breitet sich in den USA aus – web.de am 4. Juni 2024

Von Tobias Möser

Tobias Möser hat Biologie, Geologie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Schon als Kind war er vor allem an großen Tieren, Dinosauriern, später Walen interessiert. Mit der Kryptozoologie kam er erst 2003 in näheren Kontakt. Seit dieser Zeit hat er sich vor allem mit den Wasserbewohnern und dem nordamerikanischen Sasquatch befasst. Sein heutiger Schwerpunkt ist neben der Entstehung und Tradierung von Legenden immer noch die Entdeckung „neuer“, unbekannter Arten. 2019 hat er diese Website aufgebaut und leitet seit dem die Redaktion.