1

Medienmittwoch: „Jahrbuch für Kryptozoologie“, Jahrgang 1, 2020

Eine der zentralen Aufgaben, die wir uns überlegt hatten, als wir vor mehr als fünf Jahren das „Netzwerk für Kryptozoologie“ ins Leben gerufen haben, war die Publikation eines Jahrbuches. Dieses Buch sollte sowohl als Publikationsorgan wie auch als zitierbares und suchbares Archiv funktionieren. Als dann der Kryptozoologie-Report sein Erscheinen in der Papierform eingestellt hatte, wurde mangels eines Publikationsorgans diese Aufgabe akut. Deswegen setzten sie sich zusammen…

… und sie schrieben ein Jahrbuch

Die Arbeitsgruppe Jahrbuch fand sich zusammen, Natale Guido Cincinnati, Reena Poeschel, André Kramer und Hans-Jörg Vogel nahmen die Zügel in die Hand, aktivierten ihre Netzwerke und sammelten Artikel ein.

Wie bei allen ersten Ausgaben von Periodika kommen zwei Besonderheiten zusammen: Da es kein Organ gab, was entsprechende Arbeiten aufnehmen konnte, gelangen auch Aufsätze mit älterem Hintergrund in das Buch. Das ist vor allem deswegen gut und richtig, da die Herausgeber keinerlei Referenzen haben, mit denen Autoren angesprochen werden können: Es ist die erste Ausgabe.

Unboxing Jahrbuch Kryptozoologie
Die Jahrbücher 2020 sind da und sofort verfügbar. Foto: N.G. Cincinnati

Und genau diese erste Auflage halte ich nun in meinen Händen…

Akademische Zurückhaltung für wissenschaftliche Inhalte

Der erste Eindruck ist ein Eindruck der Nüchternheit. Keine mit geheimnisvollen Tuschezeichnungen versehenen Pergamente, keine halb unter Tüchern verborgenen Gegenstände, keine enigmatischen Runen oder gar sieben Siegel zieren das Buch. Nein, es hat eine nahezu erstaunliche Ähnlichkeit mit den Skriptbänden von Instituten und Museen, die ich aus meiner akademischen Zeit ab 1995 kennengelernt hatte: helles Grau livriert den Umschlag, die zurückhaltende Gestaltung, als habe man Angst, ein wenig Design würde vom Inhalt ablenken.

 

Die Aussage der Macher ist damit deutlich: Das „Jahrbuch für Kryptozoologie“ ist ein Buch für Eliten. Es ist kein Buch, das Otto Normalleser im Buchladen „mal eben“ mitnimmt, weil ihn der Titel anspricht, weil sich durch den Umschlag verborgene Geheimnisse ihren Weg zu bahnen versuchen oder kribbelndes Gruseln mit enigmatischem Wissen verspricht. Das könnte er auch nicht, weil das Buch nie im Buchhandel erscheinen wird.

 

Dieser leise Auftritt ist beabsichtigt. Ihm entspricht auch der Inhalt, der faktenbasiert und naturwissenschaftlich aufbereitet ist. Beobachtungen, Interpretationen, Vergleiche zum Bekannten, jenseits des Verdachtes, in die Aluhut-Träger-Ecke abzudriften. Schon das Erscheinungsbild des Buches schafft es, jegliche Verbindung zu zweitklassigen Abenteuergeschichten und B-Movies aus dem Tierhorror-Genre auszuschließen.

Ein Kaleidoskop der Kryptozoologie

Als Anthologie ist das Jahrbuch sehr vielfältig aufgestellt. So vielfältig wie die Autoren, die aus mindestens vier unterschiedlichen Ländern kommen. Dadurch kommen einige neue Informationen nach Deutschland, die hier bisher völlig unbekannt waren. Ich bin sicher, jeder Leser und jede Leserin findet einen Beitrag zum Einstieg, und wird es nicht bei dem einen Beitrag belassen:

 

Wie es das äußere Erscheinungsbild vermuten lässt, kommen die einzelnen Aufsätze im strengen Korsett akademischer Schriften daher. Eine Kurzzusammenfassung führt in das Thema ein, dann folgt der eigentliche Text, der wiederum von einer englischsprachigen Zusammenfassung abgeschlossen wird. Quellenangaben werden zunächst als Fußnote präzisiert, um dann in einem zweiten Schritt zum Ursprungswerk verlinkt zu werden. Für mich als Naturwissenschaftler ist das sehr gewöhnungsbedürftig, Anders herum löst die vereinheitlichte Form die Texte von vielem, was die Kryptozoologie an Ballast mit sich herumschleppt, vage Erzählungen werden ebenso unterbunden wie reines Hörensagen.

 

Anders als die sehr starre Form ist der Inhalt vielgestaltig, fast bunt. Wie in einem Kaleidoskop Splitter vieler Farben zu einem wunderbaren Ganzen gespiegelt werden, haben die Macher es geschafft, nahezu alle Subgenres werden anzusprechen. Das Spektrum reicht vom klassischen „Monster“ über zahlreiche Out-of-Place-Tiere bis zum vermeintlich ausgestorbenen Lebewesen. Doch damit nicht genug, die zahlreichen Autoren dokumentieren auch ungewöhnliche Verhaltensweisen, kryptozoologische Fundstücke und sogar Themen aus der Kryptobotanik.

Rekonstruktion eines Narlugas
Markus Bühler’s Rekonstruktion eines Narwal-Beluga-Hybriden.

Auch die angesprochenen Tiere beginnen bei sicher (durch Museumexemplare) belegten Tieren wie dem Narwal x Beluga-Hybriden (über den wir auch berichteten) über bekannte Tiere an unerwarteten Orten bis hin zu reinen Literaturarbeiten. Sogar die Sagenwelt und die Psychologie spielen hier eine Rolle, zum Glück, denn solche Themen sind in der Kryptozoologie leider schwer zu bekommen.

Was den Leser oder die Leserin erwartet:

  • Peter Ehret & Ulrich Magin: Riesenschlangen in Spanien
  • Markus Bühler: Ein bizarrer Hybride aus Narwal und Beluga. Die Rekonstruktion des vielleicht merkwürdigsten Wals der Welt
  • André Kramer: Der „Bauernschreck“ in der Steiermark. Ein früher Fall der Alien-Big-Cat in Mitteleuropa?
  • Javier Resines: Menschenfressende Bäume. Expeditionen ins Unbekannte im 19. und 20. Jahrhundert
  • Hartmut Schmied: Inspiration Meeresforschung. Mein Weg zur Kryptozoologie
  • Ulrich Magin: Lake Monsters of Central and northern South America
  • Michel Meurger: Tabaksüchtige Riesen. Das Missgeschick des Holzfällers Albert Ostmann – Erlebnisbericht oder Erzählmotiv?
  • Joerg Hensiek: Leben die „Wilden Banditen“ noch? Der chinesische Wildmensch in „China Caravans“ von Robert Easton und Fred Meyer Schroder
  • Sergio Abram: Der Luchs Lynx lynx (L., 1758) in Trentino-Südtirol, Italien. Sichtungen von 1954 bis 2008
  • André Kramer: Ralf – ein Chupacabras im Schafspelz
  • Frank Brandstätter: Beutelwölfe im Kino
  • Michel Raynal: Über eine nicht auffindbare Zeichnung vom Stollenwurm im Schweizer Almanach Alpenrosen (1841)
  • Sergio Abram: Der Marderhund Nyctereutes procyonoides (Gray, 1834) in Trentino-Südtirol und Italien. Sichtungen 1985 bis 2019
  • Frank Brandstätter: „Der Stab des Mose“ – Entlarvung eines Wunders
  • Natale Guido Cincinnati: Eine Riesenschlange in Wiener Bronze
  • André Kramer: Wenn Füchse Schuhe klauen
  • Michael F. Carrico: They Exist
  • Natale Guido Cincinnati: Fotografie eines hundeartigen Tieres in Hannover
  • Hans-Jörg Vogel: Auf der Suche nach dem Seemonster im albanischen Prespa-See

Die einzelnen Aufsätze der Autoren alle zu kritisieren, sprengt den Rahmen jeder Buchbesprechung. Deswegen habe ich mir drei Beispiele herausgegriffen:

 

Handwerklich gute Mikro-Kryptozoologie

Die beiden Artikel von Sergio Abram klingen erst einmal wenig spannend. Out-of-Place-Sichtungen des Marderhundes in Südtirol, Luchs-Sichtungen im selben Gebiet, zu einer Zeit, in der die elegante Katze als ausgestorben galt. Beide Artikel stellen handwerklich gut gemachte Beiträge zur Mikro-Kryptozoologie dar, nicht spektakulär, aber lesenswert und wird seinen Wert behalten.

Marderhund
Ein Marderhund

Kein Deut schlechter: Markus Bühler’s Makro-Kryptozoologie

Ähnlich solide wie Sergio Abram ist Markus Bühler vorgegangen, als er seine Annäherung und Rekonstruktion des seltsamsten Wales der Meere beschreibt. Minutiös und exakt beschreibt er die Details des einzigen erhaltenen Schädels eines Narluga-Wales, eines Hybriden zwischen Beluga und Narwal. Mehr noch: er legt sich durch seine Bilder, von denen eines auf dem Titelbild zu sehen ist, auch in unsichereren Bereichen fest.

 

Kaum zu belegen: Menschenfressende Pflanzen

Zuletzt bin ich bei Javier Resines Artikel über große Carnivoren unter den Pflanzen gelandet. Resines sammelt hier eher anekdotenhafte Berichte, also handelt es sich hier um eine reine Literaturarbeit. Hier greift die strikte Hand des Lektorates: der Autor ist gezwungen, jede Behauptung anhand der Literatur zu belegen. Leider zeigt sich dennoch ein Muster, das typisch für kryptobiologische Expeditionen sind: Die Orte sind nur ungenau überliefert, die Landschaft und Beobachter wirken wie aus der Feder von H. P. Lovecaft. Das gesammelte Material oder gar ganze Expeditionen gehen verloren. Dieser Artikel ist als Sammlung der bekannten Literatur und Anreiz für weitere Forschung zu sehen. Mal sehen, was hier die Zukunft bringt.

 

Einer der Berichte von Resines wird in Zukunft Ansatz für einen Artikel hier auf der Webseite sein: Erst vor etwa 3 Wochen kam eine Meldung über den Ticker, dass gewisse Bäume der Australisch-Neuguinea-Fauna in ihren Blättern ähnliche Substanzen wie aus Spinnengiften nicht nur speichern, sondern auch über Brennhaare verabreichen könnten.

 

 

 

Was man von Michael F. Carrico’s „They Exist!“ halten mag, darüber möge sich jeder Leser selbst Gedanken machen. Denn eins ist sicher: Vor allem in der Kryptozoologie ist nicht alles so, wie es scheint!

 

 

Anzeige

Jahrbuch für Kryptozoologie

Im Jahrbuch für Kryptozoologie sammeln die Herausgeber aus dem Netzwerk für Kryptozoologie (NfK) Ereignisse aus der Kryptozoologie, die noch nicht oder nur auszugsweise publiziert wurden.
Die Anthologie ist am 05.09.2020 erschienen, hat 240 Seiten und ist nur über das Netzwerk für Kryptozoologie erhältlich. Es kostet € 12,90, zuzüglich Versand.

 

Das Jahrbuch kann über diesen Link direkt bestellt werden

Mein Fazit:

Den Herausgebern, Natale Guido Cincinnati, Reena Poeschel, André Kramer und Hans-Jörg Vogel ist mit der ersten Ausgabe des „Jahrbuch(es) für Kryptozoologie“ etwas gelungen, das die Kryptozoologie schon seit vielen Jahren benötigt. Eine zitierfähige Sammlung wesentlicher Ereignisse in fast akademischer Strenge.

 

Neben den hervorragenden Inhalten in einer gemeinsamen Form zeichnet sich das Buch vor allem durch das aus, was ihm fehlt: Alle Verbindungen zur Anomalistik, zu Ufo-Gläubigen, Esoterikern und anderen Alu-Hut-Trägern wurden gekappt. Hierdurch ist ein Werk für den „Hardcore-Kryptozoologen“ (bzw. die Hardcore-Kryptozoologin) entstanden, das hoffentlich Schule macht. Es ist ein Meilenstein auf dem Weg, die Kryptozoologie aus der – zu Recht – etwas anrüchigen Ecke der Verschwörungstheoretiker heraus zu holen. Hierdurch wird es auch zu einem politischen Leuchtfeuer.

 

Doch es ist weit mehr. Durch die unterschiedliche Länge der Beiträge und die sehr diversen Themen ist das „Jahrbuch für Kryptozoologie“ ein wundervolles Lesebuch geworden, das sicher mehr als ein Hobbyist auf seinem Nachttisch liegen hat.

 

Uns als Lesern bleibt zu wünschen, dass den Herausgebern die Arbeit am Jahrbuch Freude bereitet hat und wir im nächsten Jahr wieder mit so einem Werk rechnen können. Hoffentlich sind die sehr günstigen € 12,90 so viel, dass daraus bei den langen Redaktionskonferenzen auch die ein oder andere Pizza bezahlt werden konnte.




Der Vielfraß in Zentraleuropa 1/3

Die zweitgrößte Marderart Eurasiens und Nordamerikas trägt viele Namen. Vielfraß ist der Geläufigste, Gulo gulo der Wissenschaftliche. Aber auch Bärenmarder, Gierling, Giermagen, Gierschlund, Järv oder Jerv waren oder sind in Gebrauch. Woher der Name Vielfraß stammt, ob etwa aus dem mittelniederdeutschen velevras oder vēlvratze, das als fälschliche Umbildung des altnorwegischen fjeldfross für Bergkater oder des schwedischen Fjäl-Fräs für Bergkatze gedeutet wird, darüber herrscht keine Einigkeit[1]. Fest steht, dass bereits Conrad Gessner (1516-1565) über den Vielfraß schreibt:

 

 


Ein so mercklich frässig thier ist dises /
daß es nit zu glouben ist /
hat ein sonderlich groß begird und lust ab dem menschenfleisch /
von welchem es sich so vol frißt /
daß jm sein leyb davon gespannen wirdt:

zu welcher zeyt es sich zwüsched zwen enge boum durchstreifft sein gefür oder kadt auß zutrucken /
nach welchem es sich widerumb vol frißt /
und wider auß truckt so lang biß es nicht mer hat /
andere menschen cörper zu suchen gezwungen wirdt
“[2] .

 

 

Mit diesen Worten begann die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Vielfraß, um für lange Zeit nur wenig weitere Erkenntnisse hinzuzufügen.

Verbreitung und Lebensraum

Überhaupt bestehen hinsichtlich des Vielfraßes bis heute viele Unsicherheiten, was mit der relativ späten wissenschaftlichen Beschreibung dieses Raubtieres zu tun haben mag. Noch 1960 ist der Vielfraß für Krott ein „Tier, das bisher zu den wissenschaftlich am wenigsten bearbeiteten Säugetieren zählt“[3]. So verwundert es nicht, dass selbst in aktuellen Quellen zur Frage nach dem rezenten Verbreitungsgebiet und Lebensraum des Vielfraßes durchaus recht unterschiedliche Angaben zu finden sind. Mehr oder weniger Einigkeit besteht noch hinsichtlich der „groben“ geografischen Verbreitung, die nach Pulliainen holarktisch ist[4], nach Rudloff zirkumpolar von Nord-Skandinavien bis Nord-Sibirien, sowie nach China, in die Mongolei und weite Teile Nordamerikas reicht[5]. Doch schon wenn es um den Lebensraum des Vielfraßes geht, erfährt der Rechercheur unterschiedliches.

Potenzielle natürliche Vegetation
Potenzielle natürliche Vegetation Europas

Im borealen Nadelwald?

So schreibt etwa der Quartär-Paläontologe Wighart von Koenigswald, dass das Areal des Vielfraßes „weder die Tundra im Norden noch den Laubwald im Süden“ einschließe, sondern er „ein wichtiges Raubtier des borealen Nadelwaldes“ sei[6]. Dagegen gibt der Biologe Klaus Rudloff als Lebensraum des Vielfraßes explizit die „arktische und subarktische Tundra und nördliche Taiga“ an[7]. Peter Krott, der in Schweden viele Jahre mit Vielfraßen zusammenlebte, sieht die Art an das Moor gebunden („Moormarder“), worauf u.a. die morphologischen Besonderheiten des Vielfraßes hinwiesen[8]. Dem widerspricht der Zoologe V.G. Heptner ausdrücklich und nennt als Hauptlebensraum die Nadelholz-Taiga und Waldtundra, nur selten die offene Tundra und noch seltener den Mischwaldgürtel und die westsibirische Waldsteppe[9].

Finnland
Borealer Nadelwald in Finnland, Heimat des Vielfrasses

Für den Zoologen Erkki Pulliainen sind die Moore der Nadelwaldzone Fennoskandiens lediglich der ursprüngliche Lebensraum des Vielfraßes. Heute sei hingegen die Bergtundra (Fjäll) oberhalb der Nadelwaldgrenze das Stammhabitat, „wo sie sowohl in der alpinen und subalpinen als auch in der Nadelwaldzone umherwandern“[10]. Dies stimmt mit den Informationen überein, die Alfred E. Brehm von seinem Gewährsmann Erik Swenson, einem naturkundigen Jäger, erhielt, nach dem der Vielfraß „die gebirgigen Gegenden des Nordens [bewohnt] und […] die nackten Höhen der skandinavischen Alpen den ungeheuren Wäldern des niedern Gebirges vor[zieht], obwohl er auch in diesen zu finden ist. Die ödeste Wildniß ist sein Aufenthalt“[11] (Abb. 2).

heutige Verbreitung des Vielfrass
Heutige Verbreitung des Vielfraß

Eine teilweise Auflösung dieser z.T. widersprüchlichen Angaben liefert u.a. die Paläontologin Doris Döppes, die darauf hinweist, dass der Vielfraß saisonal verschiedene Biotope aufsucht: „Im Sommer bevorzugt der Vielfraß die Wälder und im Winter die Tundren. Die jährlichen Züge der Rentiere können auch bewirken, dass der Vielfraß von einem Biotop in ein anderes überwechselt“[12].

War der Vielfraß in Zentraleuropa heimisch?

Unabhängig von der Frage nach dem Stammlebensraum, lässt ein genauer Blick auf Europa – unter Berücksichtigung der faunengeschichtlichen Grenzverschiebungen – auch bei der Verbreitung des Vielfraßes Unsicherheiten zu Tage treten. War der Vielfraß auch im Gebiet des heutigen Deutschlands heimisch? Wann verschwand er aus Zentraleuropa? Gibt es auch gegenwärtig Hinweise auf weiter südlich und westlich gelegene Vorkommen? Und wie wahrscheinlich ist eigentlich heutzutage das Auftreten eines Vielfraßes in Zentraleuropa? Diese Fragen sollen im Folgenden etwas näher beleuchtet werden.

 

In vorgeschichtlicher Zeit

Die Wahrscheinlichkeit, in einem mitteleuropäischen Mischwald einem Vielfraß zu begegnen, ist sehr gering. Aus einer konservativ-geozoologischen Perspektive würde diese Möglichkeit sicher ausgeschlossen werden. Die Naturgeschichte des Vielfraßes, sowie einzelne, nicht leicht einzuordnende Funde dieses Tieres, lassen das ehemalige und rezente Verbreitungsgebiet allerdings verschwimmen.

 

Unzweifelhaft ist, dass der Vielfraß in prähistorischen Zeiten im Gebiet des heutigen Deutschlands lebte. Nach von Koenigswald sei es auf das Stammhabitat des Vielfraßes – den borealen Nadelwald – zurückzuführen, dass sich dieser nur in den Kaltzeiten nach Mitteleuropa ausdehnen konnte. Doch wie von Koenigswald einschränkt, sind die in zahlreichen Höhlen gefundenen Vielfraß-Schädel und -Kiefer oft nicht stratigrafisch zuzuordnen[13] und damit auch die Zuordnung zu einer Faunengesellschaft, einem Habitat sowie eine relative Datierung der Funde nicht möglich. Die wenigen stratifizierten Funde stammen z.B. aus dem mittleren Weichsel-Glazial. Hierhin gehört auch eine aus Ton geknetete Figur, die einen Vielfraß darstellen soll und im Pavlovien der jungpaläolithischen Freilandstation Předmostí bei Přerov, Mähren, gefunden wurde[14].

 

Knochenanhänger mit Vielfraß-Gravur, spätes Magdalénien, Höhle von Les Eyzies, Dordogne, Frankreich
Knochenanhänger mit Vielfraß-Gravur, spätes Magdalénien, Höhle von Les Eyzies, Dordogne, Frankreich

Spätglaziale Funde

Spätglaziale Funde, wie etwa aus dem Grubenloch bei Oberklausen in der nördlichen Frankenalb (Bayern)[15], sowie Funde aus der Zeit des Magdalénien, etwa aus den Perick-Höhlen im Sauerland (Pleniglazial des Magdalénien V-VI)[16], erstrecken sich von den Pyrenäen über die Schweiz bis nach Dänemark (Abb. 3). Damit ergibt sich nach von Koenigswald ein Widerspruch zum rezenten borealen Lebensraum des Vielfraßes, „weil der Baumbestand in der Mammutsteppe und erst recht in der sehr kontinentalen Steppe des Magdalénien minimal war“[17]. Zurückhaltender sind Diedrich und Copeland, welche kurz und knapp feststellen: „the ecology of Pleistocene wolverines is unclear“[18].

 

Eine sehr ausführliche Bestandsaufnahme fossiler Vielfraß-Funde nimmt Döppes vor[19]. Für Döppes ist der Vielfraß „ein typisches Tier des Nordens“[20], dessen Vorkommen in Mitteleuropa vom Mousterien bis ins Spätglazial vermutlich mit der Anwesenheit des Rentiers in Zusammenhang steht: „Erkennbar scheint eine gewisse Bindung des Vielfraß an das Ren. So ist dieser in einigen Gegenden mit dem Verschwinden des Rentieres ebenfalls verschwunden […] und so könnte sich das im Pleistozän auch zugetragen haben“[21].

Auch Döppes weist auf die vielfach nicht stratifizierten Funde hin, wobei dass Vielfraß-Material aus dem Katerloch bei Weiz, Steiermark, auffällt, welches nach Zapfe „einen Erhaltungszustand aufweist, den man fast als rezent ansprechen möchte“[22]. Auch Döppes bemerkt dazu: „Der Erhaltungszustand ist hell und ich nehme an, dass daher der Fund als subfossil/rezent bezeichnet wurde“[23].

 

Für die Teufelslucke bei Eggenburg, Niederösterreich, weist Zapfe Vielfraß-Material zweier Individuen nach, das auffallend geringe Dimensionen[24] aufweist, „die durchaus mit dem rezenten Vielfraß übereinstimmen“[25]. Beides, Erhaltungszustand und Entsprechung der Dimensionen mit dem rezenter Vielfraße, führt nach Zapfe zur interessanten „Frage, ob und in wieweit der Vielfraß in unseren Gegenden die Obergrenze des Pleistozäns überlebt haben könnte“[26].

Vielfrass
Vielfrass in Brehm’s Tierleben

Im 18. Jahrhundert

Die antiken und mittelalterlichen Berichte über das Vorkommen des Vielfraßes sind sehr spärlich. Wasmuth erwähnt, dass der Vielfraß im 13. Jahrhundert, „vielleicht noch später“, in Deutschland vorgekommen sei, führt aber bedauerlicherweise keine Quellen an[27].

 

Nachdem also vorerst ein großer Sprung über Altertum und Mittelalter hinweg gemacht werden muss, liefert die Neuzeit wieder einige interessante Hinweise auf das historische Verbreitungsgebiet des Vielfraßes. Dessen Grenze, so ist festzustellen, verlief noch im 18. Jahrhundert deutlich weiter westlich und südlich, als dies heute der Fall ist.

 

Wie weit südlich der Vielfraß noch Ende des 18. Jahrhunderts vorkommen konnte, zeigt Heptner auf und führt für das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion als südlichsten Nachweis den Fall eines überwechselnden Vielfraßes bei Dawydow Brod (heute Davydiv Brid) am Fluss Ingulez (heute Inhulez) in der heutigen südukrainischen Oblast Cherson an[28]. Dies entspricht immerhin einer nördlichen Breite von 47° 15‘ und liegt somit etwa auf der Höhe von Budapest (!).

 

Weiter nördlich berichtet August Wilhelm Hupel (1737-1819) 1777, dass der Vielfraß, wenn auch selten, noch in den „dicksten“ Wäldern Livlands vorkomme, im westlich gelegenen Kurland und südwestlich gelegenen Polen jedoch häufiger sei[29].

Vielfrass
Aus George E. Butterfield: Bay County Past and Present, 1918

Zwei Nachweise in Deutschland

In das 18. Jahrhundert fallen auch zwei viel diskutierte Nachweise aus dem deutschsprachigen Raum, die einige Aufmerksamkeit erregt haben und eventuell als Hinweis auf das damalige westliche Randgebiet des Vielfraßes anzusehen sind. Einer dieser beiden Vielfraße wurde 1715 bei Frauenstein im heutigen Landkreis Mittelsachsen erlegt, das andere Exemplar wurde vermutlich auch im 18. Jahrhundert, mit Sicherheit aber vor 1777 bei Helmstedt, etwa 36 Kilometer östlich von Braunschweig, erlegt.

 

Die erste Erwähnung des Frauensteiner Exemplars findet sich in der gedruckten Serie Kurtzgefaßter Kern Dresdnischer Merkwürdigkeiten des Jahres 1715, worin es heißt: „Aprilis – den 4ten hujus [1715] ward ein Vielfraß, so von einem Jäger bey Frauenstein geschossen worden, eingebracht, und auf die Kunstkammer geliefert“[30].

Das sächsische Exemplar

1748 greift der Frauensteiner Diakon Christian August Bahn (1703-1755) den Vorfall auf und stellt für die königlichen und kurfürstlichen Wälder, Büsche und Hölzer im Amte Frauenstein fest:

 

 

Auf allen diesen oberwehnten Refieren und Waldungen befindet sich Roth-Rehe und Schwartz-Wildpret, und was zu einem hohen Haupt-Jagen, auch kleinen Jagen nöthig, wie denn auch zu unterschiedenen mahlen auf denen Haupt-Wäldern Wölffe, Luxe, und sonderlich 1718. ein ungewöhnliches Raub-Thier, ein Vielfraß, gefangen und eingeliefert worden“[31].

 

 

 

Anzeige

Frank und der Vielfraß: Wer hat gesagt, dass das Universum nicht komisch sein kann?

Im Mittelpunkt dieser eigenwilligen Geschichte steht ein ebenso eigenwilliges Institut, das Holistic Explorer Institut. Dort tauchen unvermittelt Menschen auf. Wo diese Menschen herkommen und weshalb sie plötzlich da sind, ist völlig unklar. Völlig unklar ist auch, wie das Ganze funktioniert und was das Ganze soll. Doch dann kommt Frank ins Spiel, dessen Antriebslosigkeit seinesgleichen sucht.
Der Roman ist eine betörende Mischung aus Quantenphysik, Schamanismus, spannender Science Fiction und frischem wie verdrehtem Humor, gespickt mit wunderbar skurrilen Einfällen. Frank und der Vielfraß: Ein Roman mit dem Anspruch, seine Leser auf eine einzigartige Reise mitzunehmen – nicht mehr und nicht weniger.

 

Frank und der Vielfraßist nur für den Kindle erhältlich, hätte gedruckt 150 Seiten und verfügt über den Vorlese-Modus.

 

Mit dem Kauf über den Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website.

 

An späterer Stelle präzisiert er in den Annales für das Jahr 1715:

 

den 2. April. [1715] erschoß der Förster zu Hennersdorff, Herr Kannegiesser, auf dem Töpffer-Wald, bey dem Königs-Brunnen ein unbekanntes Raub-Thier; Als es nach Hofe geschicket wurde, so wurde es erkannt, daß es ein Vielfraß wäre, dergleichen Moscau und Persien anzutreffen sind“[32].

 

Es fällt die in der ersten Erwähnung genannte falsche Jahreszahl 1718 und der in der zweiten Erwähnung abweichende Tag (2. statt 4. April) auf.

1755 ist dieses „nach Hofe“ geschickte Exemplar noch in der Königlichen Naturalienkammer zu Dresden zu besichtigen, in deren Führer es heißt: „Die Gefräßigkeit der zuletzt genannten Thiere [Großkatzen & Bären, Anm. NGC] leitet meine Gedanken nunmehro auf den Vielfraß, den wir auf zweyerley Art aufweisen können. Der eine, welcher bey Frauenstein, in Sachsen, gefangen worden, ist weißröthlich“[33].

Das Helmstedter Exemplar

1777 erwähnt erstmalig der Geograph und Zoologe Eberhard August Wilhelm von Zimmermann (1743-1815) das Helmstedter Exemplar in seinem Specimen zoologiae geographicae. In dem in Latein verfassten Werk heißt es (teilw. frei übersetzt):

 

 

Hier, nicht weit von Helmstedt entfernt, ist ein vierfüßiges Tier von einer bleiernen Kugel getroffen worden, dessen einbalsamierter Kadaver im herzoglichen Naturalienkabinett zu Braunschweig aufbewahrt wird, welcher dem Abbild, das allein Klein[34] als das beste abgegeben hat, genau entspricht“[35]. Und an späterer Stelle: „Manchmal begibt er [der Vielfraß] sich bis nach Deutschland. In Sachsen soll nämlich einmal ein gewisser gefangen worden sein, bezeugt Klein; ein anderer, über den schon früher am Rande berichtet worden ist, ist auf dem Acker von Braunschweig nahe Helmstedt erschossen worden; diese sind dennoch Außenposten ihrer frühesten und äußersten Verweildauer in Europa. Er hält sich nämlich nicht im südlichen Deutschland auf, der Norden allein ist sein Geburtsort, wo er gewöhnlich zur Zahl der üblichen und wohlbekannten Lebewesen gerechnet wird“[36].

 

 

Der verdiente Naturforscher und Forstwissenschaftler Johann Matthäus Bechstein (1757-1822) führt 1789 den Frauensteiner Vielfraß in seiner Gemeinnützigen Naturgeschichte unter den Säugetieren Deutschlands auf und erwähnt: „Man hat ein solches bey Frauenstein in Sachsen, und ein anderes bey Helmstädt geschossen, welches letztere noch im dasigen Naturaliencabinette aufbewahrt wird“[37].


Der zweite Teil des Artikels erscheint voraussichtlich am Dienstag, 6.10. an der selben Stelle.




Mein Wort zum Sonntag – 27. September 2020

Einen schönen Sonntag wünsche ich dir!

Na, hast du die letzten zwei Wochen ohne „Wort zum Sonntag“ gut überstanden? Für mich jedenfalls war es eine große Erleichterung. Bei diesem Beitrag handelt es sich zwar größtenteils nur um eine Zusammenfassung der Nachrichten, die ich sowieso auf meiner Seite poste, aber trotzdem nimmt es eine Menge Zeit in Anspruch, die ich gerade dringend auch für andere Dinge brauche. Mit der 14-tägigen Regelung fahre ich deshalb denke ich ganz gut, und auch mit der Fülle der Meldungen hat es in dieser Zeit nicht so stark überhandgenommen. Trotzdem schon einmal die Ankündigung: Wenn es in einer Woche einmal sensationelle Meldungen hageln sollte, kann auch ein „Wort zum Sonntag“ einmal dazwischengeschoben werden. Ansonsten kannst du natürlich auch meine Facebook-Seite „Die weißen Steine“ abonnieren – so bleibst du auch immer auf dem Laufenden!


Bild der Woche

Der Herbst ist da, die Zeit der Waldspaziergänge unter herrlich buntem Blätterdach. Die Figuren in meiner Geschichte können das jedoch nicht so entspannt genießen: denn in Hell Creek sind sie nicht die einzigen Spaziergänger…

 

Das Bild stammt von Sergey Edelshtein

 

.

Anzeige

Elfen, Satryn, Nixen und andere, anatomisch korrekt?

Philadelphia, in den späten 1870er Jahren. Eine Stadt mit Gaslampen, Kopfsteinpflasterstraßen und Pferdekutschen – und Heimat des umstrittenen Chirurgen Dr. Spencer Black. Der Sohn eines Grabräubers, der junge Dr. Black, studiert an der angesehenen Akademie der Medizin in Philadelphia, wo er eine unkonventionelle Hypothese entwickelt: Was wäre, wenn die berühmtesten mythologischen Bestien der Welt – Meerjungfrauen, Minotauren und Satyrn – tatsächlich die evolutionären Vorfahren der Menschheit wären?

 

The Resurrectionist bietet zwei außergewöhnliche Bücher in einem. Die erste ist eine fiktive Biografie von Dr. Spencer Black aus einer Kindheit, in der er Leichen während seiner medizinischen Ausbildung exhumierte. Es erzählt von seinen Reisen mit Schaustellern und dem mysteriösen Verschwinden am Ende seines Lebens. Das zweite Buch ist Blacks Magnum Opus: The Codex Extinct Animalia, eine Gray-Anatomie für mythologische Bestien – Drachen, Zentauren, Pegasus, Cerberus -, die alle in akribisch detaillierten anatomischen Abbildungen wiedergegeben sind. Die Bilder zeigen detailliert das Werk eines Besessenen.

 

The Resurrectionist: The Lost Work of Dr. Spencer Black (English Edition) ist ein üppig ausgestattetes Buch zum Schmökern und Staunen. Das fast DIN A4 große Format lässt die liebevollen und detaillierten Zeichnungen richtig zur Geltung kommen. Für Liebhaber von skurrilen Einfällen, Verrücktheiten und intelligenter Spinnerei.

 

Mit dem Kauf über den Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website.

Paläo-News

Nun aber endlich weiter mit den Paläo-News, jetzt und auch in Zukunft immer aus zwei Wochen:


Bernsteinfossilien aus der Kreidezeit zeigen Begattungsorgane von Mini-Krebsen!

Ostracoden sind winzige Krebstiere, die äußerlich etwas an Muscheln erinnern. Die meisten sind nur zwischen 0,5 und 2mm groß und daher für das menschliche Auge nur schwer zu entdecken. Interessanterweise sind sie aber gerade wegen ihrer geringen Größe hin und wieder als Bernsteinfossil erhalten geblieben: flüssiges Baumharz tropfte auf die Tierchen herab, schloss sie ein und versteinerte im Laufe der Zeit. Wie in einem gläsernen Gefängnis blieben die Krebse über Jahrmillionen erhalten.

Bildquelle: Nanjing Institute of Geology and Palaeontology of the Chinese Academy of Sciences

Ein Krebs-Weibchen in der Kreidezeit traf dieses Schicksal offenbar in einem besonders unangenehmen Moment: kurz nach der Paarung. Ein neuentdecktes, 100 Millionen Jahre altes Bernsteinfossil aus Myanmar gab chinesischen Forschern der Chinese Academy of Sciences nun neue „Einblicke“ in das Paarungsverhalten dieser Tiere, da ihr Weichgewebe vollständig konserviert wurde. Auch das Sperma der männlichen Tiere – die Samenzellen im Vergleich zu den Tieren selbst gigantisch groß! – blieb erhalten und ist somit das älteste fossil überlieferte Krebssperma der Welt. Was für ein Rekord!

 

Link zur Studie


T. rex „Stan“ steht zum Verkauf!

Er ist eines der vollständigste und bekanntesten Tyrannosaurus-Exemplare überhaupt: BHI 3033, oder auch „Stan“, wie sein Spitzname lautet. Und wer in seinem Schlafzimmer noch 11,8m an seiner langen Wand Platz für 199 Knochen machen kann, der darf in Zukunft im Schatten dieses Giganten schlafen: das renommierte amerikanische Auktionshaus Christie’s bietet Stan demnächst zum Verkauf!

 


1987 wurde das Fossil vom Knochenjäger Stan Sacrison in South Dakota gefunden. Seit dieser Zeit wurden mehrere Abgüsse von ihm angefertigt, die in zahlreichen Museen auf der ganzen Welt zu sehen sind. Das Original stand jahrelang im Black Hills Institute for Geological Research.

Da Neil Larson, der zusammen mit seinem Bruder Peter Hauptanteilseigner des Instituts ist, sich von diesem 2018 zurückzog, müssen die Bestände des Instituts nun auf richterliche Anordnung hin aufgelöst werden, weshalb Stan nun zum Verkauf steht. „Stan“ ist außerdem eine Marke: wer den Dinosaurier erwirbt, erwirbt auch alle Merchandising-Rechte.

 

Bildquelle und Link zur Auktion

 

 


Schädelscan gibt neue Erkenntnisse über die Fähigkeiten und das Verhalten von Triceratops


Triceratops gehört wohl zu den bekanntesten Dinosauriern der Welt. Doch wie der nordamerikanische Horndinosaurier, der vor 68 Millionen Jahren das westliche Nordamerika (Laramidia) bewohnte, wie er genau lebte und was er so alles konnte, war bislang nur Gegenstand spekulativer Forschung. Eine neue Studie mithilfe neuartiger 3D-Computertomographie ermöglichte es einem Team japanischer Wissenschaftler aber nun, den Hirnschädel und das Innenohr des Dinosauriers genau zu scannen, zu modellieren und seine Neurologie zu erforschen.


Die Studie ergab, dass der Geruchssinn des Triceratops deutlich weniger gut entwickelt war als bei früheren Ceratopsiern. Das Innenohr wiederum lässt auf eine Kopfhaltung im 45°-Winkel schließen, was nicht nur den mächtigen Nackenschild und die imposanten Hörner gut zur Geltung kommen ließ, sondern auch darauf schließen lässt, dass Triceratops vor allem dicht am Boden nach Nahrung suchte, und bei der Nahrungswahl nicht besonders wählerisch war.


Weiterhin waren die optische Wahrnehmung und der Gleichgewichtssinn weniger fein ausgeprägt, und auch hohe Tonfrequenzen konnte ein Triceratops nicht wahrnehmen. Die verkürzten Cochlea-Gänge weisen aber darauf hin, dass sein Gehör bei niedrigen Frequenzen ganz gut funktionierte, was wohl heißt, dass er dumpfe Erschütterungen spüren und auch im Infraschallbereich sehr gut hören konnte, was auch Spekulationen ermöglicht,, wie sich ein Triceratops vielleicht mit Artgenossen verständigte.

 

Bildquellen und Link zur Studie


Dramatischer Klimawandel war Grund für den Aufstieg der Dinosaurier!

Das Zeitalter der Trias war wahrscheinlich eines der umwälzungsreichsten in der gesamten Erdgeschichte: schon zu Beginn dieser Periode starb ein Großteil aller Arten beim verheerendsten Massenaussterben aller Zeiten aus, und auch an ihrem Ende raffte noch einmal eine ähnliche Katastrophe viele Spezies dahin. Dazwischen ereignete sich jedoch noch ein gewaltiger Klimawandel, der, wie nun immer mehr deutlich wird, noch für ein drittes großes Aussterbeereignis sorgte.

Landschaft während der CPE. Bildquelle: Davide Bonadonna.

Die „Carnian Pluvial Episode“ (CPE) wurde wahrscheinlich durch einen erhöhten Vulkanismus verursacht. Die Folge war eine deutliche Abkühlung, vor allem auf der Südhalbkugel. Wo zuvor noch ein trockenes Wüstenklima herrschte, kam es nun für mehrere Millionen Jahre zu extrem hohen Niederschlägen. Forscher vermuten, dass es ortsweise für viele Jahrtausende überhaupt gar nicht mehr aufhörte zu regnen!

 


Eine neue Meta-Studie wertete die Fossilberichte aus dieser Epoche aus und ermittelte dabei einen Artenschwund von rund 33% aller marinen Lebewesen. Es kam in den Meeren dennoch zu einem verstärkten Aufbau von Korallenriffen. An Land änderte sich vor allem die Vegetation, was sich aber natürlich auch auf den Lebensraum der Tiere auswirkte. Dadurch entstanden viele neue Arten, ja ganze Tiergruppen erlebten damals eine ungeahnt schnelle Radiation, wie die Echsen, Schildkröten, Krokodile, aber auch die Dinosaurier und frühen Säugetiere.

 


Die CPE scheint also der Auslöser für den Aufstieg vieler neuartiger Tiergruppen gewesen zu sein, die das Mesozoikum in den folgenden Jahren dominierten. Für die Dinosaurier war sie wahrscheinlich der große Startschuss, der sie auf die Erfolgsspur führte.

 

Bildquellen und Link zur Studie


Detailliertes Klimamodell des Känozoikums erstellt!

Ein internationales Forscherteam um Thomas Westerhold von der Universität Bremen hat in einer umfassenden Klimastudie Bohrkerne auf chemische Isotope untersucht, um damit das Klima der letzten 66 Millionen Jahre zu analysieren. So entstand ein detailliertes Diagramm mit den weltweiten Durchschnittstemperaturen seit dem Aussterben der Dinosaurier.

 


Die Grafik zeigt, dass sich schon lange die Temperaturen auf der Welt in einer ständigen Berg- und Talfahrt befinden. Relativ kühle Phasen wechseln sich mit Warmphasen ab, wobei der Trend allerdings dahin geht, dass sich die Erde in den vergangenen Jahrmillionen immer weiter abkühlte – zumindest bis jetzt.

 

Die Forscher teilten ihre Temperaturkurve in drei große Abschnitte: „Hothouse“, „Coolhouse“ und „Icehouse“, was die Klimaentwicklung sehr gut illustriert. Nach dem Einschlag des berühmten Chicxulub-Meteoriten kam es zunächst zu einer extremen Aufheizung infolge des hohen Treibhauseffekts. Seit dem Eozän gingen die Temperaturen jedoch stetig bergab. Zu Beginn des Oligozäns kam es zum ersten großen Klimakollaps, als die zirkumpolare Meeresströmung die Antarktis auskühlte und der Südkontinent erstmalig vergletscherte. Vor etwa 2,7 Millionen Jahren, als das Pleistozän begann, kühlte es sich ein weiteres Mal drastisch ab. Nun fror auch das Nordpolarmeer zu, das Zeitalter der großen Eiszeiten begann.

 

Heute steigen die Temperaturen jedoch aufgrund des Menschengemachten Klimawandels rasant an. Das Weltklima hat bereits einen ernüchternden Hochpunkt erreicht.

 

Bildquelle und Link zur Studie


Überreste eines diplodociden Sauropoden in Russland gefunden!

In Nordwestrussland, der Podosinki Formation, fanden russische Wissenschaftler die gut erhaltenen Schwanzwirbelknochen eines mittelgroßen Sauropoden, der dort während des Mitteljura lebte und, wie ihre Anatomie vermuten lässt, zur Gruppe der Diplodocoidea gehörte, und wahrscheinlich ein früher Verwandter der Dicraeosauridae war.

 

 

Der Fund unterstreicht die bereits bei der Beschreibung des kürzlich entdeckten Lingwulong aufgestellte These, dass sich die Dicraeosaurier in Asien entwickelten. Im Callovium, also vor etwa 165 Millionen Jahren, hatten sie bereits den nördlichen Rand Fennoskandinavias erreicht – einer großen Insel, die damals aber noch näher am Äquator lag und wo deshalb noch ein gemäßigtes Klima herrschte.

 

Ein dicraeosaurider Sauropode – so ähnlich könnte der Peski-Sauropode ausgesehen haben. Bildquelle: Jason C. Poole.

Noch hat der Dinosaurier keinen eigenen wissenschaftlichen Namen bekommen, da noch unklar ist, ob er zu einer eigenen Spezies gehört. Die Forscher nennen ihn bislang nach seiner Fundstätte nur „Peski Sauropode“ und vermuten eine nahe Verwandtschaft zum nordamerikanischen Suuwassea, der allerdings erst zehn Millionen Jahre später lebte (siehe Bild).

 

Fossilienbilder und Link zur Studie


Ogresuchus furatus: kreidezeitliches Landkrokodil war ein Baby-Killer!

In der spanischen Tremp-Formation aus der späten Oberkreide fanden Forscher die Fossilien eines bislang unbekannten Vertreters aus der Gruppe der Sebecidae. Diese Krokodile waren deutlich hochbeiniger als ihre heutigen Verwandten und offenbar gefürchtete Landraubtiere, die das Massenaussterben am Ende der Kreide überlebten und danach noch bis zum Miozän eine Zeit der Blüte erlebten.

 

Doch auch als die Dinosaurier noch herrschten, waren sie gefürchtete Jäger: das Skelett des nun als Ogresuchus furatus beschriebenen Krokodils wurde unweit eines Sauropodennestes gefunden. Offenbar stellte das Krokodil den gerade geschlüpften Jungtieren nach, die zu hunderten aus der Nistkolonie krochen, um in den Wäldern Schutz vor ihren Feinden zu suchen.

Mit einem Alter von etwa 67 Millionen Jahren ist Ogresuchus der bislang älteste bekannten Vertreter seiner Familie.

 

Bildquelle und Link zur Studie


Fußabdrücke belegen Anwesenheit des Menschen vor 120.000 Jahren in Arabien!

Die Nefud-Wüste in Saudi-Arabien zählt heute zu den trockensten Gegenden der Erde. Während der späten Eem-Warmzeit war das allerdings noch anders: damals gab es noch häufiger Niederschläge, und statt rundgeschliffenen Sandkörnern bedeckte Grasland große Teile des prähistorischen Arabiens. Als mit der Würm-Kaltzeit eine neue Phase der Vergletscherung einsetze, sank der Meeresspiegel, sodass der persische Golf zeitweilig trocken lag.

Der Fundort in der Nefud-Wüste. Bildquelle: Paleodesert Projects.

Zu genau dieser Zeit war Arabien offenbar ein stark frequentierter Wanderweg für verschiedene Säugetiere. Forscher fanden in den Sedimenten hunderte verschiedener Fußabdrücke, von Elefanten, Pferden, Antilopen und Kamelen. Zum Erstaunen der Wissenschaftler fanden sie an der Fundstelle jedoch auch sieben menschliche Fußabdrücke.

 

Wahrscheinlich wurden sie von Homo sapiens hinterlassen, da andere damals lebende Menschenarten wie der Neandertaler so weit südlich auf der arabischen Halbinsel wohl nicht vorkamen, so jedenfalls aktueller Stand der Forschung. Auch in Form und Größe würden sie besser zu unseren eigenen Füßen passen als zu denen anderer Frühmenschen.

Das Ichnofossil eines Menschen – war es ein Homo sapiens? Bildquelle: Kling Janulis, Matthew Stewart

Der Fund wird demnach als wichtiges Indiz für die Ausbreitungsgeschichte des Homo sapiens betrachtet, der Afrika offenbar auf zwei verschiedenen Routen verließ: einerseits über die Levante und Kleinasien nach Nordwesten, andererseits aber wohl auch über die arabische Halbinsel nach Nordosten.

 

Link zur Studie


Y-Chromosom des Neandertalers ging bei Kontakt mit Homo sapiens verloren

Homo neanderthalensis – Unser nächster ausgestorbener Verwandter.

Unter der Leitung von Martin Petr und Janet Kelso vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat ein internationales Forschungsteam die Y-Chromosomen von drei Neandertalern und zwei Denisova-Menschen sequenziert. Dabei gewannen die Forscher neue Einblicke in die Verwandtschaft der eurasischen Frühmenschen, einschließlich neuer Belege für einen lange zurückliegenden Genfluss vom frühen Homo sapiens zum Neandertaler.

Die Daten zeigen auch, dass anders als die Gene der Neandertaler, die bei der Weitergabe den Hybriden offenbar schadeten (wir berichteten), die Gene des Homo sapiens für die Neandertaler wohl nützlich gewesen sind, da der Genfluss zu einem vollständigen Austausch der Y-Chromosomen der Neandertaler mit denen des Homo sapiens führte.

 

In keiner der Proben konnten noch Gensequenzen am Y-Chromosomen nachgewiesen werden, die von männlichen Neandertalern an den Nachwuchs weitergegeben worden waren. Möglicherweise waren Hybriden mit einem Sapiens-Vater weniger häufig von Fehlgeburten betroffen, oder weniger anfällig für tödliche Krankheiten im Kindesalter.

 

 

Eine andere Erklärung für den vollständigen Verlust des Neandertaler-Y-Chromosoms könnte aber auch sein, dass bei der Paarung von Neandertaler und Homo sapiens Komplikationen auftraten. Wie bei der Hybridisierung heutiger fremder Spezies, wie z.B. bei Pferden und Eseln, könnten die männlichen Hybriden unfruchtbar gewesen sein. Auch die unterschiedliche Populationsstärke, also dass Homo sapiens viel häufiger war als seine Verwandten, könnte diesen deutlichen Genfluss erklären.

 

 

Bildquellen und Link zur Studie


„Prognathodon“ stadtmani ist jetzt eigene Gattung: Gnathomortis

Vor 80 Millionen Jahren, als der Meeresspiegel deutlich höher lag als heute, war die Mitte Nordamerikas vollständig von einem flachen Meer durchzogen. Der Western Interior Seaway war während der Kreidezeit ein lichtdurchflutetes Korallenmeer, in welchem sich auch zahlreiche Meeresreptilien tummelten. Die größten und gefährlichsten von allen waren die Mosasaurier.

 

Das ausgestellte Gnathomortis-Exemplar. im Brigham Young University’s Eyring Science Center.

 

Mit rund zehn Metern Länge gehörte das Exemplar, dass während einer Grabungsexpedition schon 1975 in Colorado freigelegt worden war, noch zu den mittelgroßen Vertretern. 1999 wurde es als neue Art von Prognathodon als P. stadtmani beschrieben. Doch schon einige Jahre später brannte eine Diskussion auf, ob diese Klassifikation auch gerechtfertigt sei.

 

Nun gibt eine neue phylogenetische Studie dieser Ansicht Recht: schon 2006 waren deutliche Indizien herausgearbeitet wurden, die zwar die Zugehörigkeit zur gleichen Mosasaurier-Klade vorschlugen, aber auch auf Unterschiede hinwiesen. Diese Unterschiede sind nach Ansicht der Autoren groß genug, um das Exemplar in eine eigene Gattung zu stellen, die sie nun als Gnathomortis neu beschrieben.

 

„Gnathomortis“ bedeutet zu Deutsch so viel wie „Kiefer des Todes“. Und der Name war offenbar Programm: mit seinem Kräftigen Kiefer und den massigen Sägezähnen gehörte dieser Mosasaurier zu den gefürchtetsten Beutegreifern seiner Zeit. Fürchten musste er sich nur vor noch größeren Mosasauriern wie Tylosaurus, die ebenfalls im Western Interior Seaway auf der Jagd waren.

 

Link zur Neubeschreibung

 


Das war’s für heute mit den Paläo-News!


Anzeige

gelebte Kryptozoologie – heißt aber anders

Kämpfe mit Schlangen, Geisterbeschwörungen, kulinarische Herausforderungen und unbekannte Tierarten – der große Forscher und Umweltaktivist Tim Flannery blickt zurück und erzählt sehr persönlich von seinen abenteuerlichen Reisen, die er als junger Wissenschaftler zu den pazifischen Inseln unternommen hat.

 

Er erforscht die Natur in einem Gebiet, das noch größere zoologische Entdeckungen ermöglicht. Kryptozoologie so, wie sich viele Hobby-Kryptozoologen eine Einmal-Im-Leben-Expedition wünschten – und dann auch noch unglaublich mitreißend erzählt.

 

Kein Wunder, dass der Autor auch der „Indiana Jones der Biologie“ genannt wird.

 

Im Reich der Inseln: Meine Suche nach unentdeckten Arten und andere Abenteuer im Südpazifik ist 2013 bei S. Fischer erschienen und hat gebundene 272 Seiten.

Mit dem Kauf über diesen Link unterstützt Ihr den Betrieb dieser Website.

Artikel der Woche

Im Artikel der Woche war wieder eine weitere Folge der preisgekrönten BBC-Doku „Dinosaurier – Im Reich der Giganten“ an der Reihe, sich in meiner Serie „Film vs. Wissenschaft“ auf Herz und Nieren prüfen zu lassen. Auch die Folge „Die Geister der Urzeitwälder“, in welcher es den Zuschauer in die nebelverhangenen Wälder der kreidezeitlichen Südpolargebiete Australiens verschlägt, würde mit dem Wissen aus 21 zusätzlichen Forschungsjahren heute deutlich anders aussehen!

 

 

Link zum Artikel


Vielen Dank für Deine Aufmerksamkeit, viele Grüße aus Kiel und einen schönen Sonntag! Wir lesen uns in zwei Wochen wieder!

 

Liebe Grüße,

 

Markus Peter Kretschmer




Freitagnacht-Kryptos: Das Ungeheuer von Loch Ness – endlich erklärt?

1951 berichtet die „Allgemeine Fischerei-Zeitung“ des Landesfischereiverbands Bayern auf Seite 103, dass das Rätsel um Nessie endlich gelüftet worden ist. Allerdings ist diese Erklärung so hanebüchen, dass selbst in Plesiosaurus im schottischen Gewässer mehr Wahrscheinlichkeit beanspruchen kann!

das letzte Licht über einem See unter tief hängenden Wolken
Bleierne Stimmung beim Sonnenuntergang im Oktober über Loch Ness (Foto: TM)

„Das Geheimnis der Seeschlange von Loch Ness

Jahrzehntelang spukte in der Weltpresse ein ‚Ungeheuer‘: Die Seeschlange von Loch Nees [sic]. Hier wollten in den zwanziger Jahren Bewohner jener Gegend eine ‚Seeschlange mit vier Hörnern‘ gesehen haben. ‚Augenzeugenberichte‘, die schnell ihren Weg an die Oeffentlichkeit fanden, lösten eine wahre Völkerwanderung an den ‚unheimlichen See‘ aus. Wochenlang lagen die Journalisten und Bildreporter mit ihren Fotoapparaten und Filmkameras auf der Lauer und suchten gespannt die Wasseroberfläche nach dem Scheusal ab.

Die mysteriöse Seeschlange beschäftigte lange die Leichtgläubigen und die Zweifler in gleichem Maße. Aber niemand konnte beweisen, daß dieses Ungeheuer existierte, denn kein Foto wurde jemals von der Seeschlange gemacht. Jetzt wurde das Untier von höchster Stelle entlarvt, von der britischen Admiralität selbst. Die ‚Seeschlangen-Erscheinungen‘ stammten von Versuchsminen, die man im Jahr 1918 ausgelegt habe. Die Minen hatten einen Durchmesser von etwa drei Metern; außerdem trugen sie vier ‚Hörner‘. 300 dieser ‚Untiere‘ wurden seinerzeit ausgelegt. Nach Abschluß der Versuche blieben noch etwa hundert im See zurück. Sie waren nicht mit Sprengstoff gefüllt.

 

Seemine
Historische Seemine nach dem Durchschneiden der Ankerkette. Die Auslöser stehen wie Stacheln heraus. Sollten das die „Hörner“ sein?

 

 

Sobald die Kunde von einer neu gesichteten ‚Seeschlange‘ das Land durcheilte, ließ die Admiralität das ‚Untier‘ schleunigst nachts und heimlich einfangen und abtransportieren. Daher erklärt es sich auch, daß niemals ein Foto von dem ‚Ungeheuer‘ gemacht werden konnte. Etwa 60 Minen seien so geborgen worden; nur etwa 40 können noch ‚erscheinen‘. In Zukunft gibt es keine ‚Seeschlange von Loch Ness‘ mehr.“

 

 

Natürlich hat noch nie jemand ein Ungeheuer mit vier Hörnern im Loch Ness gesehen. Die Begegnungen begannen auch in den 1930er und nicht in den 1920er Jahren. Sie werden weiterhin gemeldet und Fotos von Nessie gibt es auch zuhauf, alle unscharf, sämtlich umstritten, aber keines, das ein Monster mit vier Hörnern zeigt!

 




Die Ig-Nobelpreise 2020

„Es gibt keine dummen Fragen“, sagt jeder Lehrer. Wenn man ehrlich ist, gibt es sie doch. Aber was ist, wenn ein Wissenschaftler sie nicht nur stellt, sondern auch noch beantwortet und ein wissenschaftliches Paper zu diesem Thema veröffentlicht?

 

Er oder sie könnte für den Ig-Nobelpreis vorgeschlagen werden.

 

Diese „Ehrung“ wird an Menschen verliehen, die sich mit besonderen „Leistungen“ um die Menschheit verdient gemacht haben oder „herausragende“ Forschungsergebnisse veröffentlicht haben (Englischsprachiges Wortspiel: ignoble = unwürdig, schmachvoll). In den letzten Jahren hat sich dabei der Schwerpunkt von einer Art sarkastischen Anti-Nobelpreis zu Fragen, „die Leute erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringen“ verschoben. Da bei so etwas sinnvolle Antworten herauskommen, wandert der Focus langsam von der Politik weg in Richtung „skurrile Wissenschaft“.

 

Die Preise selber werden von der wissenschaftlichen Zeitschrift „Annals of Improbable Research“ (dt. etwa „Annalen der absurden Forschung“) vergeben. Es ist das erste Mal, dass das NfK zum zweiten Mal von dieser Veranstaltung berichtet.

 

Die Jury

Wie üblich bewertet eine Jury Vorschläge und sucht aus ihnen die Preisträger. Dieses “Ig-Nobel Board of Governors” setzt sich jedes Jahr neu aus Nobelpreisträgern, Ig-Nobelpreisträgern, wissenschaftlichen Autoren, Sportlern, Trägern öffentlicher Ämter und anderen bekannten oder weniger bekannten Personen zusammen. Um ein zufälliges Moment zu erreichen, wird am letzten Tag der Auswahl ein zufälliger Passant in die Jury geladen.

 

Die Preisverleihung findet jedes Jahr im Herbst, kurz vor der Bekanntgabe der Nobelpreisträger statt. Dieses Jahr war der 18. September der große Tag.

 

Die Zeremonie, oder wie sich Geek-Humor und Nerd-Kultur selbst feiern

Ähnlich skurril wie die Arbeiten, ist die Zeremonie, in der die Preise verliehen werden. Grundsätzlich besteht eine Ähnlichkeit mit vergleichbaren Zeremonien: Ein Laudator stellt den Preisträger und seine Arbeit vor. Charakteristika der Ig-Nobelpreisverleihungszeremonie sind besonders kurze Reden. Als Laudatoren fungieren oft führende Fachleute in den Gebieten, aber auch gelegentlich Wissenschaftler, die rein zufällig gerade zu dem Zeitpunkt in Harvard greifbar waren. Sei es als Gastwissenschaftler, auf einem Kongress- oder Studienbesuch.

 

der „Chief Airhead“ Marc Abrahams,
Marc Abrahams, als „Chief Airhead“ führt durch die Preisverleihung

 

Ist der Preisträger anwesend, was früher so gut wie nie der Fall war, in den letzten Jahren aber die Regel darstellt, dann darf er eine Dankesrede halten. Früher hatte sie eine maximale Länge von 5 Wörtern. Bis zum letzten Jahr rannte nach einer gewissen Zeit ein junges Mädchen, „Miss Sweetie-Poo“ auf die Bühne und unterbrach den Redner mit lauten „Stop it! I’m bored!“ („Hör auf, mir ist langweilig“) Rufen.

 

In den letzten Jahren wurden die Geehrten während ihrer Dankesrede mit Papierfliegern beworfen. Das ist 2019 aus Sicherheitsgründen abgewandelt worden. Ein bedauernswerter Mensch wurde in schwere Sicherheitskleidung gesteckt und mit einer Zielscheibe versehen. Diese durfte zur Enttäuschung der Zuschauer während der Zeremonie nur zweimal beworfen werden.

 

Ein anderer, nicht unwesentlicher Teil sind die 24/7-Lectures. Hier darf ein Top-Wissenschaftler in 24 Sekunden sein Arbeitsfeld erklären, um es danach in 7 Wörtern zusammenzufassen.

 

 

Anzeige

Mark Benneke: Aus den Geheimarchiven des Spaß-Nobelpreises

Muss Wissenschaft denn langweilig sein?
Die Welt ist voll überraschender Phänomene. Oder wussten Sie zum Beispiel, warum schnarchende Studentinnen schlechtere Klausuren schreiben? Schafe keinen Hundekot riechen mögen? Humor nicht erblich ist? Nachtisch gegen studentisches Lärmen in der Mensa hilft? Im Auftrag des Komitees des Spaß-Nobel-Preises hat sich Dipl.-Biol. Dr. med. Mark Benecke auf die Suche nach wissenschaftlichen Erklärungen dafür gemacht. Was er bei seinen Recherchen zutage fördert, verdient die Note „erstaunlich“! Und er zeigt einmal mehr, dass wissenschaftliches Arbeiten nicht immer mit Langeweile gleichzusetzen ist. Es kommt nur auf die richtige Perspektive an… Ein Buch, das zum Nachdenken und zum Lachen animiert.

 

Lachende Wissenschaft: Aus den Geheimarchiven des Spaß-Nobelpreises hat satte 240 Seiten und ist bereits in der 9. Auflage erschienen.

 

Mit dem Kauf über den Link unterstützt ihr den Betrieb dieser Website.

 

 

Corona hat auch bei den Ig-Nobelpreisen zugeschlagen

Doch dieses Jahr war vieles anders. Corona hat natürlich auch die Harvard University im Griff, so konnte man nicht eng gedrängt im 1100 Personen fassenden Hörsaal feiern. Stattdessen fand die gesamte Zeremonie als Videokonferenz statt. Übergreifendes Thema dieses Jahr waren „Bugs“, was man mit Käfer, Insekten, Kakerlaken, aber auch Fehler übersetzen kann. Von diesem Wortspiel machten die Teilnehmer auch reichlich Gebrauch.

 

Die traditionelle Willkommens- und Abschiedsreden wurden wie seit 2007 wieder von Prof. Jean Berko Gleason, einer bekannten, schon lange emeritierten Sprachwissenschaftlerin gehalten. Dieses Jahr wählte sie sogar inoffiziell einige deutsche Worte nach ihrer Begrüßungsrede. Durch die Veranstaltung führte, wie auch in den letzten Jahren, der „Chief Airhead“, der oberste Hohlkopf Marc Abrahams, Chefredakteur der „Annals of Improbable Research“.

 

Für musikalische Begleitung sorgte eine vierteilige Kurzoper, bei der es um eine junge Kakerlake geht, die sich über Nacht in einen Menschen verwandelt. Jegliche Ähnlichkeit zu Franz Kafka ist natürlich rein zufällig.

Dafür konnte dieses Jahr eine zusätzliche Papierflieger-Session eingerichtet werden. Dreimal flogen Papierflieger von Menschen aus aller Welt in die Kameras – und jeder einzelne, ob jung oder alt, arm oder reich hatte Spaß dabei.

 

Bei der Übergabe der Preise für Materialwissenschaften

 

Die Ig-Nobelpreise 2020

Akustik

Stephan Reber, Takeshi Nishimura, Judith Janisch, Mark Robertson und Tecumseh Fitch erhalten den Preis für ein Experiment, für ihr Experiment, bei dem sie ein China-Alligator-Weibchen dazu brachten, mit Helium angereicherte Luft zu atmen und dann zu bellen. Sie haben das mit Bellen an normaler Luft verglichen und Schlüsse bezüglich der Lautproduktion gezogen.

 

Psychologie

Miranda Giacomin und Nicholas Rule wurden für die Entwicklung einer Methode zur Identifizierung von Narzissten durch Untersuchung ihrer Augenbrauen vorgeschlagen.

 

Frieden

Die Regierungen von Indien und Pakistan erhielten die Auszeichnung für die gegenseitigen Klingelstreiche ihrer Diplomaten mitten in der Nacht. „Besser ‚Ding-Dong‘ als ‚Peng-Peng'“.

 

Physik

Ivan Maksymov und Andriy Pototsky haben einen lebenden Regenwurm mit hoher Frequenz in Schwingungen versetzt. Für die Forschung der Auswirkung auf seine Form erhalten sie den Preis.

 

Wirtschaft

Die Gruppe der Wirtschafts-Ig-Nobelpreisträger ist größer: Christopher Watkins, Juan David Leongómez, Jeanne Bovet, Agnieszka Żelaźniewicz, Max Korbmacher, Marco Antônio Corrêa Varella, Ana Maria Fernandez, Danielle Wagstaff und Samuela Bolgan. Sie quantifizierten das Verhältnis zwischen der nationalen Einkommensungleichheit diverser Länder und der durchschnittlichen Zahl der Mund-zu-Mund-Küsse.

 

Management

Xi Guang-An, Mo Tian-Xiang, Yang Kang-Sheng, Yang Guang-Sheng und Ling Xian-Si wurden für fünfstufiges Outsourcing ausgezeichnet. Die fünf Auftragsmörder gaben ihren Auftrag jeweils an einen anderen Killer weiter und behielten dabei einen Teil des Honorars.

 

Das projektierte Mordopfer lebt noch, die Geehrten waren zum Glück alle samt verhindert.

 

Entomologie

Richard Vetter konnte beweisen, dass viele Entomologen (Insektenkundler) Angst vor Spinnen haben.

 

Materialwissenschaften

Metin Eren, Michelle Bebber, James Norris, Alyssa Perrone, Ashley Rutkoski, Michael Wilson und Mary Ann Raghanti wiesen nach, dass Messer aus gefrorenem menschlichen Kot nicht gut funktionieren.

Die Preisträger-Interviews sind sehenswert.

 

Medizinische Lehre

Jair Bolsonaro, Boris Johnson, Narendra Modi, Andrés Manuel López Obrador, Alexander Lukaschenko, Donald Trump, Recep Tayyip Erdoğan, Wladimir Putin und Gurbanguly Berdimuhamedow erhielten den Preis, da sie die Covid-19-Pandemie nutzten, um der Welt zu zeigen, dass Politiker einen unmittelbareren Einfluss auf Leben und Tod haben können als Wissenschaftler und Ärzte.

 

Keiner der Geehrten nahm an der Videokonferenz teil.

 

 

„Stop it, I’m bored! “ – Okay…


Für diejenigen, die die ganze Veranstaltung genießen möchten: Mit Vorgeplänkel dauerte sie dieses Jahr nur gut 80 Minuten. 80 Minuten, die Ihr Leben verändern könnten – oder auch nicht.

 




Medienmittwoch: Simons Katze – Auf den Hund gekommen

Simons Katze ist auf den Hund gekommen

Die weltweit wohl beliebteste Kultkatze ist auf den Hund gekommen. Sie inspiziert quasi auf Augenhöhe den engsten Rivalen im Ringen um menschliche Gunst und Zuwendung. Beim Streunen durch ihr Revier entdeckt Simons Katze bizarre Eigenheiten und liebenswerte Sonderbarkeiten in Verhalten und Bewegung der schwanzwedelnden Vierbeiner samt ihrer Besitzer. Die Begegnung von Katze und Hund setzt der vielfach ausgezeichnete Illustrator Simon Tofield mit brillanter Beobachtungsgabe und gewohnt liebevoll leichtem Strich ins Bild. Simons Katze trifft auf verliebte Bulldoggen, hochbegabte Pudel, coole Windhunde und eine Hand voll durchgedrehter Welpen – ein großer Spaß für Katzen- UND Hundefreunde.

 

Anzeige

Simons Katze – Auf den Hund gekommen

Mit einfachem und beschwingtem Federstrich zeichnet Simon Toefield die Erlebnisse seiner Katze, und ein Internet-Phänomen. Diesmal ist seine Katze (und Simon selber) auf den Hund gekommen.

 

Simons Katze – Auf den Hund gekommen ist im Oktober 2019 bei Goldmann erschienen. Das Buch is fest gebunden und hat 128 Seiten voller Spaß mit Katzen und Hunden.

 

Mit dem Kauf über diesen Link unterstützt Ihr den Betrieb dieser Website.