Kielwellen als Seeungeheuer

Wer Beobachtungen von Kryptiden bewerten will, sollte die häufigsten Anlässe für Verwechslungen und Fehleinschätzungen kennen. Bei Ungeheuern in Seen sind das – neben Vögeln und Fischen – in Nordamerika schwimmende Elche und am Loch Ness schwimmende Pferde, Rehe und Seehunde. Den Löwenanteil bei Fehldeutungen allerdings stellen Wellen, die man für die Höcker von Nessie oder einer Seeschlange hält.

 

Neben vom Wind gestörter Seeoberfläche, die schon Auslöser für Ungeheuersichtungen war, sind Kielwellen von Booten, so unwahrscheinlich es klingt – und manche uninformierten Kryptozoologen lehnen es ganz ab –, für fast 80 Prozent aller Monstersichtungen in Seen verantwortlich.

 

Es gibt dabei zwei Arten von Kielwellen zu unterscheiden: zunächst das einfache Kielwasser von Motorbooten. Diese V-förmige Welle wirkt, aus Bodenniveau betrachtet, wie ein sich windender, schwarzer Wurm, der sich unter der Wasseroberfläche ringelt. Charakteristisch sind Beschreibungen wie „wurmartig“, „raupenartig“ oder „der Höcker wurde zu zwei“. Je höher Menschen am Seeufer stehen, desto leichter wird das V der Welle erkennbar. Kielwasser kann noch eine halbe Stunde, nachdem das Schiff vorbeigekommen ist, sichtbar sein. Schließlich bewegt sich jeder der beiden Arme auf das Ufer zu.

Boot im Meer
Dieses Boot zeigt beide Formen der Kielwellen deutlich

Dazu kommt – zumindest am Loch Ness und an anderen langen, schmalen Seen – die Erscheinung des reflektierten Kielwassers. Hier werden die beiden Arme der Kielwelle, sobald sie am Ufer angelengt sind, durch die physischen Prozesse auf den See zurückgeworfen, wandern zur Seemitte zurück und erzeugen dort, wenn sie aufeinandertreffen, eine Reihe von schwarzen Wellen. Eine solche Welle kann noch sehr lange nach der Passage eines Schiffes auftreten, zudem bewegt sie sich in die entgegengesetzte Richtung.

Loch Ness und die Boote

Henry Bauer (um stellvertretend einen Autor zu nehmen, ähnliche Darstellungen finden sich in den meisten der besseren Bücher über das Ungeheuer von Loch Ness) schreibt: „Die Kielwellen hinter Schiffen erzeugen ebenfalls verblüffende und geheimnisvolle Effekte, weil sie sich entgegen der herrschenden Wellenformationen bewegen. Diese Bootswellen überdauern eine unglaublich lange Zeit – man muss es gesehen haben, um es zu glauben –, weil sich die Arme des Kielwassers über viele Meilen des Lochs seitwärts bewegen, und das noch lange, nachdem das Boot oder Schiff längst aus dem Blick verschwunden ist. (Es dauert bis zu zwanzig Minuten, bis das Kielwasser eines Bootes ans Ufer klatscht).“ (Bauer 1986, S. 56)

Das Foto von Jessie Tait von 1969

Um es am Beispiel zu demonstrieren: Sowohl eine Aufnahme der Expedition, die Sir Edward Mountain 1934 auf der Suche nach Nessie an den See führte, wie auch das Foto der Touristin Jessie Tait aus dem Jahr 1969 sollen Nessie zeigen, es handelt sich aber um einfaches Kielwasser (das Boot ist beide Male – absichtlich? – nicht fotografiert worden).

Wellen im Wasser
Das oben im Text beschriebene Bild von Sir Edward Mountain, 1934

Es muss im Übrigen nicht immer ein Motorboot sein – je nach Zustand der Seeoberfläche reicht schon ein Vogel, dessen Kielwasser Nessie-Alarm auslöst. Ein Mr. W. R. Cumming berichtete dem Zoologen Maurice Burton: „Ich sah schweres Kielwasser oder eine Welle, wie sie gewöhnlich ein Motorboot macht, und dachte: ‚Wenn ich jetzt um dieses felsige Halbinsel komme, sehe ich vermutlich das Ungeheuer.‘ Aber als ich um die Ecke bog, sah ich bloß ein paar Schwäne. Auf dem glatten Wasser erschienen die Wellen sehr viel mächtiger, als ihr Ursprung denken ließe.“ (Burton 1961, S. 105).

Schwarze Schwäne
Nicht nur Schiffe hinterlassen ein Kielwasser, Wasservögel können das auch.

Henry Bauer, bei weitem kein Skeptiker, erlebte die Täuschung selbst: „1958 sah ich eine Seeschlange im Indischen Ozean, eine Reihe schwarzer Höcker, viele Meilen vom Schiff entfernt, und am ganzen Horizont nicht die Spur eines anderen Schiffs. Es konnte sich also um keinen Welleneffekt durch Kielwasser handeln. Dann nahm ich einen Feldstecher und sah ein weiteres Schiff, viele Meilen von uns und von der ‚Seeschlange‘ entfernt. Letztere war, durch die Gläser betrachtet, deutlich auf den Zusammenprall von Kielwasser und Meereswellen zurückzuführen.“ (Bauer 1986, S. 55f)

Manche Nessie-Sichtungen, bei denen der Auslöser nicht erkannt wurde, sind perfekte Beschreibungen eines Kielwassers.

Es gibt zahlreiche Beobachtungen, die Kielwasser betreffen

Am 24. August 1933 erblickten drei Frauen vom Auto aus bei Dores das Ungeheuer im See: „Ein Schlepper dampfte nach Inverneß zu, der ein auffallend langes Kielwasser hinterließ. Bei näherem Zusehen stellte sich heraus, daß dieses Kielwasser auf eine beträchtliche Strecke unterbrochen war. Auch zeigte sich nun eine Reihe von Buckeln, die den Seespiegel überragten. Sie bewegten sich langsam auf und nieder, so wie man es bei kriechenden Raupen beobachten kann.“ Aber: „Auf meine Frage antwortete deren Schiffer J. Main, daß […] von ihm und seinen Leuten sei X [das Monster] nicht gesichtet worden.“ (Gould 1935, S. 149)

 

Am 30. Dezember 1933 sah W. U. Goodbody in 400 m Entfernung nahe Fort Augustus mehrere Höcker oder Rückenfinnen: „Ihre Zahl wechselte. Zeitweilig sahen wir 8 bis 9. Die Bewegungen des Tieres waren durchweg träge.“ (Gould 1935, S. 161)

 

Arlene Gaals Bücher über den Ogopogo, das Ungeheuer des Lake Okanagan in Kanada, enthalten jeweils einen Fototeil, der ausschließlich Fotos von Kielwasser enthält, das die rührige Dame als Monster deutet. Manchmal sind sogar noch deutlich die beiden divergierenden Linien zu sehen, die das V bilden.

 

 

Bei diesem Foto erkennt man sogar noch die beiden Wellenlinien, die das V bilden und die eine hinter der anderen fotografiert wurde (die sichtbaren angeblichen Höcker überlappen sich).

 

Filme der „Seeungeheuer“

Aber da fast monatlich irgendwo in der Welt ein Seeungeheuer gefilmt wird, lassen sich rasch Video-Beispiele finden, die das Phänomen anschaulich machen. Jedes der folgenden Filmchen zeigt eindeutig Kielwasser, wurde aber als Seeungeheuer wahrgenommen und als solches auch veröffentlicht.

China

Im chinesischen Hanas-See nahm der Tourist Wang Xin’an in der zweiten Juniwoche 2018 die Höcker eines Monsters auf. Wieder – wie bei den Beispielfotos vom Loch Ness – nehmen sie den ganzen Horizont ein, man kann also das Schiff nicht sehen, das sie ausgelöst hat. Wang Xin’an jedenfalls filmte begeistert und hielt das, was er sah, definitiv für das örtliche Monster. Man sieht aber eindeutig die Wellen und ihre sich brechenden Kämme.

 

 

Loch Ness – der Klassiker unter den Seen, die ein Ungeheuer beheimaten

Ein Tourist, der am Ufer des Loch Ness ein Sonnenbad nahm, filmte das Monster Mitte August 2018 mit seinem Handy. „Es war sechs Meter lang und tauchte auf und ab. Ich konnte nicht glauben, was ich da sah!“ Wieder ein Kielwasser, und hinter den schräg verlaufenden ersten Wellenarm kann man aufgrund der Sonnenreflexe auch den zweiten Arm noch sehen.

 

 

 

Mitte April 2019 filmte der 36-jährige Rory Cameron aus Drumnadrochit „Nessie“. Das Tier war weit entfernt, und Cameron, der seit 20 Jahren am See lebt, war völlig aus dem Häuschen. Dennoch zeigt das unscharfe Bild ein großes, vorn spitz zulaufendes Objekt vor den Wellen, das zudem auffällig weiß ist – ein Motorboot, das die Wellen erzeugt.

 

 

Kanadas Nessie: der Ogopogo

Das nächste Beispiel stammt vom Lake Okanagan. Im September 2018 filmten David und Keith Halbauer einen Arm einer Bootswelle, der schließlich ans Ufer schlug. Sie hielten die Welle für „einen Dinosaurier“ oder „eine 15 Meter lange Riesenschlange“.

(Dieses Video können wir aus technischen Gründen nicht einbinden. Der folgende Link öffnet es in einem eigenen Fenster. Sorry. Die Redaktion)

 

Videolink: David Halbauer says he saw Ogopogo

 

 

Am 10. Juli 2018 filmte Blake Neudorf ein „mindestens 18 Meter langes Wesen, das sich im See wälzte“. Bei Minute 1:18 wendet sich das Boot, das das Kielwasser erzeugt, hinter der Landzunge und wird sichtbar. Nun erkennt man deutlich, dass es das Monster verursacht.

 

 

 

Ist eine Seeoberfläche sehr ruhig (so still wie ein Mühlteich, wie Nessie-Zeugen gerne sagen), können störende Wellen extrem groß werden. Bei diesem Video, das Jim La Rocque am 1. Juni 2019 auf dem kanadischen Skaha Lake aufnahm, ragen die Wellen hoch und brechen sich anschaulich, weil sie so hoch geworden sind, dass sie einen spitzen Kamm bilden, der in sich kollabiert. La Rocque hielt das Gesehene für ein Monster, das er auf 36 m Länge schätzte, also größer als einen Blauwal. Sein Video wurde am 12. Juni hochgeladen, im Hintergrund sieht man deutlich den zweiten Wellenarm und später ein Schnellboot.

 

 

Der Limnologe Robert Young von der University of British Columbia kannte das Phänomen und hielt die Welle für eine interne Seiche, eines in allen größeren Seen vorkommenden Phänomens. (Zur Erklärung siehe hier: Seiche)

Lago Nahuel in Argentinien

Das letzte Beispiel stammt vom Nahuel Huapi in Argentinien und vom Januar 2020. Wieder sieht man deutlich, dass die Höcker Wellen sind und keine Schlingen eines Tieres.

 

Fazit

Die Menge an Videos, die Kielwellen zeigen, belegen, wie häufig sie für ein Monster gehalten werden. Man kann sich mit diesen falschen Sichtungen vertraut machen, um in Augenzeugenberichten die verräterischen Details aufzuspüren, die eine solche Verwechslung andeuten. Oder man setzt sich an den Bodensee oder den Rhein oder ein erreichbares, ähnliches Gewässer, und betrachtet (und filmt) das Kielwasser von Frachtern, Motorbooten und Jet-Skis. Das macht es dem nächsten Video einer Kielwelle schwerer, als Nessieaufnahme durchzugehen.


Literatur:

Burton, Maurice: The elusive monster: an analysis of the evidence from Loch Ness. Rupert Hart-Davis: London 1961

 

Gould, Rupert T.: Begegnungen mit Seeungeheuern. Grethlein: Leipzig 1935




Freitagnacht-Kryptos: Die Seejungfrauen von Skandinavien

 

 

Erik Pontoppidan, dessen Beschreibungen der norwegischen Seeschlange und des Krakens in vielen kryptozoologischen Büchern zu finden ist, beschrieb vor seiner Darstellung der Seeschlange noch ein weiteres skandinavisches Wundertier, von dessen Existenz er völlig überzeugt war: den Meermenschen.

In seinem „Versuch einer natürlichen Historie von Norwegen“ (1754 in Kopenhagen auf Deutsch erschienen) schreibt er im 2. Band ab S. 351 (der Text ist stark gekürzt):

 

 

Unter den Seewundern, die die Nordsee unläugbar enthält und aufweiset, will ich wegen der halben Aehnlichkeit oder Vergleichung mit dem menschlichen Körper dem Hav-Mand (Meermann) und dessen Gefährtinn, der Hav-Frue (Meerweibe) den ersten Platz einräumen. Wenn viele die Würklichkeit dieses Thieres in Zweifel ziehen, so setzt mich dieses keinesweges in Verwunderung, indem die allermeisten Nachrichten, die man davon hat, mit offenbaren Fabeln und Ammenmährchen vermischt sind. (…)

Da sollen ferner im Jahr 1619, nach dem Berichte des A. Bussäus, die beyden Reichsräthe, Ulf Rosensparre und Christian Holch, als sie aus Norwegen zurück reiseten, unterweges einen solchen Meermann gefangen haben, den sie aber wieder ins Wasser lassen mußten, weil er, da er auf dem Verdecke des Schiffes lag, in dänischer Sprache mit ihnen redete, und drohete, wenn sie ihm nicht seine Freyheit wiedergäben, so sollte Schiff und Volk untergehen. (…) (Dieser Bericht war am 17. Mai 2019 Thema der Freitagnacht-Kryptos, d. Red.)

 

Man hat keineswegs Grund oder Fug, seine Existenz anzuzweifeln

 

Inzwischen hat man doch keinesweges Grund oder Fug, dieses letzte [seine Existenz anzuzweifeln] zu thun, in sofern die Sache nicht an sich selbst ungereimt, geschweige unmöglich ist, oder auch wenn ihr nicht die Bekräfftigung vieler unverwerflicher Augenzeugen mangelt. Beydes will ich also auch zu vorkürzlich zeigen, bevor ich es wage, unsere nordische Hafstramle und Maryge nebst ihrem Kinde, das man Marmäte oder Marmäle nennet, zu beschreiben. Siehet man die Sache von vorne (a priore) an, und fragt: ob es wahrscheinlich, ja zu vermuthen wäre, daß in der See ein Fisch oder ein Thier zu finden seyn sollte, der dem Menschen ähnlicher als einem andern Geschöpfe wäre? so kann dieses in Betrachtung der Analogie, der Aehnlichkeit oder Uebereinstimmung, die man zwisschen verschiedenen andern Arten der Land und Wasserthiere findet, gar nicht geläugnet werden. Man hat ja Seepferde, Seekühe, Seewölfe, Meerschweine [=Tümmler], Seehunde, u.d.g.

 

Wenn dieses zugestanden wird, so mögte man vielleicht einen Einwurf machen, der sich auf die Eigenliebe und Hochachtung fürs menschliche Geschlecht gründet, das mit dem Bilde Gottes beehret worden, und dem die Beherrschung aller unvernünftigen Thiere übergeben ist, das folglich allein das Recht hat, sein Haupt, seine Leibesgestalt auf edle Art gen Himmel aufzurichten. […]

 

Schloß Kronborg in Helsingør. (Foto: Karen Rustad, CC 2.0)

Krawell
Eine Krawell, wie sie im 17. Jahrhundert für den Nord- und Ostseehandel genutzt wurde

Feindschaft von Meermensch und Seehund (dem Hai)

 

Daß dieses Raubthier zuweilen mit dem Seehund in Streit geräth, dieses bekräftiget ein Bericht, der mir nebst etlichen andern Nachrichten von dem Herrn Hans Ström Prediger in Borgen ist zugeschickt worden, und folgendes Inhalts ist.

 

‚Es geschah in Veröe in Numedalen, daß ein todter Meermann und ein todter Seehund, beyde blutig, auf einer Scheere gefunden wurden, woraus geschlossen wird, daß sie sich beyde einander zu Schanden gebissen hatten. Der Priester des Ortes, der Constorialrath Randulf, bemühte sich, den ersten zu bekommen; allein ehe noch seine Leute hinaus kamen, so hatten die Bauern schon beyde, des Specks wegen, von einander gehauen. […]

 

Zeugen bestätigen die Erscheinung eines Meermanes

 

Das allerneueste Exempel einer, durch Zeugen bestätigten, Erscheinung eines Meermanes in Dännemark verdienet noch angeführet zu werden, so wie man solches in dem vierten Stücke der schon angeführten Sammlungen, die Ol. Bang herausgegeben, beschrieben findet. Der Bericht lautet daselbst S. 528. folgendermassen:

 

‚Im Jahr 1723, den 20 September ließ der Bürgermeister in Helsingör A. Bussäus auf durch den Geheimten Rath und Amtmann Frid. von Gram erhaltenen, Königl. Befehl drey Fährleute, die in Helsingör wohnhaft sind, examiniren, nämlich: Peter Gumersen, alt 38 Jahr, Jeppe Jensön Gissen, alt 29 Jahr, und dessen Bruder, Niels Jensön, alt 31 Jahr, und zwar das See-Monstrum betreffend, das sie vor einigen Wochen gesehen hatten. Und davon legten sie folgendes mit einem Eide bekräftigtes Zeugniß ab:

 

Ein Augenzeugenbericht

 

Ungefehr vor zween Monaten, als bemeldte Fährleute mit ihrem Boote hinaus an ein aus der Ostsee kommendes Schiff rudern wollten, welches noch völlig unter Seegel, und zwar sehr weit, und zwischen Hween und Seeland war, also daß sie den Kirchthurm in Landskron sehen konnten, blieben sie des guten Wetters wegen ein wenig stille liegen, da sie denn etwa eine Viertelmeile weiter hin aus etwas auf dem Wasser treibend erblickten, welches gleich einem todten Körper schwamm. Sie ruderten diesfalls darauf zu, um zu sehen, was es wäre? Als sie sich ihm bis auf 6 oder 8 Klaftern genähert hatten, sahen sie es noch in eben der Gestalt, wie anfangs, wie es sich denn auch in dieser Zeit nicht gerührt hatte. Allein, indem gieng es unter, doch kam es auf selbiger Stelle stracks wieder in die Höhe.

 

Sie blieben daher aus Furcht stille liegen, und liessen das Boot treiben, das mit sie dieses Monstrum desto besser betrachten konnten, welches durch Hülfe des Stromes sich ihnen näherte, und sein Angesicht gegen sie wandte, und sie steif ansahe. Sie erhielten dadurch Gelegenheit, es recht genau zu betrachten, indem es eine halbe Viertelstunde auf diese Art stehen blieb, und sich bis auf die Brust sehen ließ. Zuletzt ward ihnen bange, und sie fiengen an, sich zurück zu begeben; darauf blies es die Backen auf, und gab ein Sausen von sich, und alsdann schoß es unter das Wasser, daß sie es nicht mehr sehen konnten.

 

Meerjungfrau Remagen
Im Mittelalter meißelte man diese Meerjungfrau und …

Meermann Remagen
… diesen Meermann auf ein Portal in Remagen (Fotos: U. Magin)

 

Was die Gestalt dieses Ungeheuers betrifft, so sagen sie, daß es ihnen als ein alter Mann vorgekommen, sehr stark von Leibe, mit breiten Schultern, allein von den Aermen konnten sie nichts sehen. Der Kopf war, in Vergleichung des Rumpfes, nur klein, und hatte schwarze krause Haare, die aber nicht weiter giengen, als bis an die Ohren; die Augen lagen tief im Kopfe; das Gesicht war mager und rauh, und hatte einen schwarzen Bart, der abgeschnitten zu seyn schien. Die Haut war grob, und ziemlich mit Haaren bedeckt. Peter Gumersen berichtete (doch hatten es die andern nicht gesehen), daß dieser Meermann um dem Leibe und unterwärts ganz spitz wie ein Fisch gewesen. Auch sagte eben dieser Peter Gumersen, er habe vor mehr als zwanzig Jahren, auf einem Boote bey Buiten, wo er gebohren war, ein Meerweib mit ausgebreiteten Haaren und grossen Brüsten gesehen. Ferner berichteten diese Fährleute, daß das Wetter an selbigen Tage, so wie einige darauf folgende, ganz stille gewesen.‘“

 

 

Der gesamte, ausführliche Text mit Erläuterungen von authentischen Sichtungen, Schwindeln und Fabeln findet sich in Erich Pontoppidans „Versuch einer natürlichen Historie von Norwegen“. (Mit Kupfern, Band 2, Koppoenhagen, Mumme, 1754, S. 351–368).

Limneas Nixe auf Thassos
Eine Nixe in einem Vorgarten auf der griechischen Insel Thassos. (Foto: Ulrich Magin)

Meermenschen Walcheren
Aus der Belle Époque stammt der Wassermensch auf einem Gebäude in Middelburg auf der niederländischen Insel Walcheren. (Foto: Ulrich Magin)

Literatur:

Pontoppidan, Erich: Versuch einer natürlichen Historie von Norwegen (Mit Kupfern, Band 2, Kopenhagen, Mumme, 1754, S. 351–368).


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Zur Zuverlässigkeit von Augenzeugen – Eine Fallsammlung

Gerade jene, denen man besondere Kompetenz zugesteht – in der Kryptozoologie z.B. Menschen, die viel Zeit in der Natur und mit Tieren verbringen – machen oft genug gröbste und tragische Fehler bei ihrer Wahrnehmung und deren Einschätzung. Das sehen Verfechter der Realität von unbekannten Tieren natürlich nicht so.

 

„Aufgrund seiner großen Vertrautheit mit Bären hält [Dr. Lynn Rogers] die Wahrscheinlichkeit, dass ein Bär für einen Sasquatch gehalten wird, für gegeben, allerdings für sehr unwahrscheinlich bei einem informieren Beobachter. [Zudem haben] Bären physische Eigenschaften, die sie deutlich von der typischen Beschreibung eines Sasquatch unterscheiden“, schreibt Jeffrey Meldrum in seinem Buch „Sasquatch: Legend Meets Science“. (Meldrum, S. 204)

Ist ein Jäger ein „informierter Beobachter“?

Bei Bigfoot nehme ich als gegeben an, dass ein Jäger mit Jagdschein, der oft im Ansitz auf Beute wartete, als „informierter Beobachter“ gelten darf. Wie gut kann ein solcher „Experte“ einen Menschen von einem Wildschwein unterscheiden (deren Form deutlich verschiedener ist als die von Sasquatch und Bär)?

Vergleich Braunbär Bigfoot
Beim Vergleich zwischen einem Braunbär und „Patty“ fallen deutliche Unterschiede auf – sollte man meinen.

Es gibt einen einfachen Zuverlässigkeitstest: Man muss bei Google-News folgende Schlagworte eingeben: Jäger, verwechselt, schießt. Ich habe das Ende 2019 getan. Und es zeigte sich – mit verstörender Häufigkeit schießen erfahrene Jäger auf Jagdhelfer oder Spaziergänger, weil sie sie für ein Wildschwein gehalten haben oder auf Pferde, weil sie dachten, das seien Rehe. Es ist dasselbe Klientel, dem ein Kryptozoologe eigentlich zutrauen würde, einen Affenmenschen von einem Bären zu unterschieden.

Nun zu den Fällen, damit sich jeder selbst ein Bild über die Häufigkeit solcher Verwechslungen machen kann.

 Einige Beispiele für Jagdunfälle in den letzten Jahren

September 2012, Oberfranken

Jagdunfall in Bayern: Mit Wildschwein verwechselt – Jäger erschießt Mann. (https://www.welt.de, 10.09.2012; https://www.sueddeutsche.de, 09.09.2012)



Oktober 2014, Nittendorf im Landkreis Regensburg, Bayern

Ein Jäger hat in Bayern einen Waidgenossen angeschossen – weil er ihn offenbar für ein Tier hielt. … (https://www.proplanta.de, 12.10.2014; https://www.wochenblatt.de, 11.10.2014)


September 2015, Brandenburg

Tragische Verwechslung: Jäger erschießt Mann – Jäger schießt auf Liebespaar und tötet Mann. (https://www.goettinger-tageblatt.de, 10.09.2015)

 

November 2015, Regensburg, Bayern

Ein Jäger glaubte, auf ein Wildschwein zu schießen – tatsächlich war es aber ein Mann. … Bewährungsstrafe … (https://www.merkur.de, 12.11.2015)


Januar 2016, Mönchengladbach, NRW

„31.1.16: Jäger schießt Jäger auf Fuchsjagd an. In Mönchengladbach wurde ein 73-jähriger Jäger von einem 19-jährigen Jagdkollegen angeschossen und schwer verletzt. Dies berichtet die Rheinische Post online am 31.1.2016. Demnach hatten einige Jäger am Sonntagvormittag in einem Feld einen Heuballen umstellt, um einen Fuchs zu schießen. Dabei habe der Jungjäger offenbar zu früh geschossen und aus Versehen den Jagdkollegen getroffen.“ (https://www.tierschutzpartei.de, 06.01.2017)


Januar 2017

Mann mit Wildschwein verwechselt – Drei Jahre Haft für Jäger … in der Dämmerung auf ein vermeintliches Wildschwein schießen wollen. (https://www.morgenpost.de, 23.01.2017)


Oktober 2018

Der Jäger hat den Radfahrer trotz seines bunten Helms mit einem Tier verwechselt … Er glaubte, auf ein schnelles Tier zu schießen. (n-tv.de, 15.10.2018 )

November 2018, Frankreich

–„Jäger haben in Frankreich auf zwei Surfer geschossen. Sie sagen, sie hätten sie ‚mit Fasanen verwechselt‘.“ (https://www.deutschlandfunknova.de, 15.11.2018)


Januar 2019, Sachsen-Anhalt

„Jäger statt Reh getroffen. Bei einer Drückjagd in Sachsen-Anhalt wurde ein Jäger am Oberkörper getroffen und verletzt. Ein Jagdkollege hatte auf ein Reh geschossen. (Mitteldeutsche Zeitung, 22.1.2019)

August 2019, Weiskirchen, Saarland

„Jäger trifft aus Versehen Pferd. Ein Islandpferd wurde auf einer Koppel in Weiskirchen (Saarland) bei einer Jagd aus Versehen angeschossen und so schwer verletzt, dass es eingeschläfert werden musste.“ (Breaking News Saarland, 17.8.2019, nach https://www.abschaffung-der-jagd.de/menschenalsjaegeropfer/)

August 2019, Eifel

„82-jähriger Jäger trifft 76-Jährigen. Jagdunfall in der Eifel: Ein 82-jähriger Jäger hat einen 76-jährigen Jagdkollegen aus Versehen angeschossen und schwer verletzt.“ (Kölnische Rundschau, 18.8.2019, nach https://www.abschaffung-der-jagd.de/menschenalsjaegeropfer/)

September 2019, Blankenheim, NRW

„NRW: Mit Wildschwein verwechselt – Jäger schiesst Fohlen.“ „In Nordrhein-Westfalen hat ein Jäger ein Fohlen erschossen. Die Besitzerin fand das Fohlen am Morgen tot auf einer Weide in Blankenheim – nur etwa 70 Meter von einem Hochsitz entfernt. Gegenüber der Polizei sagte der Jäger, dass er auf ein Wildschwein geschossen habe.“ (https://www.jawina.de, 02.09.2019; Radio RPR1, 02.09.2019)

September 2019, Brandenburg

„Jäger verwechselt Liebespaar mit Wild – Mann tot. Ein Jäger hat in Brandenburg einen Mann getötet und eine Frau schwer verletzt. Das Liebespaar wurde in einem Maisfeld mit einem Wild verwechselt.“ (https://www.nrz.de, 11.09.2015)

September 2019, Baden-Württemberg

„Kugel trifft Bauern statt Wildschwein. Bei der Maisernte im schwäbischen in Gündelbach saßen ein 25-jähriger Landwirt und eine 18-jährige Erntehelferin auf dem Traktor, als zwei Jäger auf ein Wildschwein schossen. Eine Kugel durchschlug die Scheibe des Traktors. Der junge Mann wurde in den Unterschenkel getroffen und mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen. Die 18-Jährige wurde durch Glassplitter verletzt.“ (Stuttgarter Zeitung, 17.09.2019, nach https://www.abschaffung-der-jagd.de/menschenalsjaegeropfer/)

September 2019. Italien

„Italien: Jäger will auf Wildschwein schießen – und tötet seinen Vater.“ In Italien hat ein Jäger seinen eigenen Vater mit einem Wildschwein verwechselt und erschossen. (https://www.derwesten.de , 25.09.2019)

Oktober 2019, Heidekreis, Niedersachsen

„Jäger erschießt Pferd statt Wildschwein. Ein 65-jähriger Jäger hat ein Islandpferd auf einer Weide im niedersächsischen Heidekreis erschossen, weil er es mit einem Wildschwein verwechselt hat. Es sei es zu diesem Zeitpunkt fast dunkel gewesen. ‚Was, wenn dort ein Mensch gestanden hätte?‘, fragt der Pferdehalter.“ (Hannoversche Allgemeine, 04.10.2019, nach https://www.abschaffung-der-jagd.de/menschenalsjaegeropfer/)

Oktober 2019, Lützkampen, Eifelkreis Bitburg-Prüm, Rheinland-Pfalz

„Jagdunfall: Mann schießt in Lützkampen auf Pferd. Ein Jäger hat in Lützkampen ein Pferd angeschossen. Er hat das Pferd mit einem Wildschwein verwechselt.“ (https://www.volksfreund.de, 15.10.2019)

November 2019, Heidekreis

„Im Heidekreis wurde ein Jogger im Wald auf einem öffentlich zugänglichen Weg angeschossen und am Bein verletzt. Ein Jäger hatte mit einer Schrotflinte auf ihn geschossen – es fand gerade eine Treibjagd statt.“ (Hannoversche Allgemeine, 03.11.2019, nach https://www.abschaffung-der-jagd.de/menschenalsjaegeropfer/)


Mindestens neun pressekundige Jagdunfälle in Deutschland 2019

Mindestens neun Jagdunfälle in Deutschland im Jahr 2019 mit groben Beobachtungs- und Wahrnehmungsfehlern. Eigens ausgebildete Menschen – schließlich hat jeder Jäger eine Jagdprüfung zu absolvieren – waren sich ihrer Sache so sicher, dass sie schossen. Und doch hatten sie Surfer mit einem Fasan oder einen Radfahrer mit buntem Helm mit einem „schnellen Tier“ verwechselt.

Warnschild
Wenn man das so liest, ist es vermutlich besser so. (Netzfund)

Es verwundert immer wieder, wenn von Forschern, die an reale Bigfoots glauben, damit argumentiert wird, dass die Sichtung von einem erfahrenen Zeugen gemeldet wurde. Erfahrung schützt vor Irrtum nicht. Dass sie sich auf Zeugenaussagen verlässt, ist einer der Gründe, warum die Kryptozoologie feststeckt, wenn sie ein Phänomen packen will, das eben eine Folge unserer Wahrnehmung und nicht von noch unentdeckten Tierarten sein könnte. Ein Phantombild von Nessie oder von Bigfoot zu erstellen bedeutet manchmal vielleicht, dass man ein Wildschwein beschreibt, indem man angeschossene Pferde, Jagdhelfer und Jogger vergleicht.

Literatur

 
Meldrum, Jeffrey: Sasquatch: Legend Meets Science.
Forge Books: New York 2006



Freitagnacht-Kryptos: Ein „seltsames Thier“ aus Südamerika

 

Vor dem Fernsehen und den Kinos gab es Jahrmärkte und reisende Menagerien, um das Volk zu belustigen. Diese Menagerien waren stets auf der Suche nach neuen Sensationen, und so landeten exotische Tiere eher dort als in einem Museum. Aber die Menagerien scheuten sich auch nicht, Fälschungen auszustellen oder exotischen Tieren ganz falsche Hintergrundgeschichten zuzuschreiben.

Worum mag es sich bei diesem Tier gehandelt haben, von dem die „Münchner Zeitung“ am 3. Wintermonat [November] 1777 berichtete?

„In dem Hotel d’Espagne in der Dauphinestrasse zu Paris wird gegenwärtig ein sehr seltsames Thier gezeigt, welches, wie es heißt, aus den amazonischen Gebirgen gebracht worden ist, und von welchem die Naturforscher noch keine Meldung gethan haben. Es hat einen Löwenhals, einen weißen Bart, Aerme und Hände, wie ein Mensch, und seine Schnauze besteht aus drey Röhren von verschiedenen Farben.“

Man ist geneigt, an einen Kaiserschnurrbarttamarin oder Weißkopfsakis zu denken, die jedoch eher in den Urwaldebenen als im Gebirge leben – was aber sollen die „drey Röhren von verschiedenen Farben“ sein, die die Schnauze bilden?

Kaiserschnurrbart-Tamarin
Kaiserschnurrbart-Tamarin

Weißkopfsaki
Weißkopfsaki

Literatur:

Münchner Zeitung vom 3.11.1777

 




Gab es einstmals Wasseraffen?

Zum ersten Mal las ich vom Wasseraffen in den 1970er Jahren in dem schönen Band „Die Welt unter Wasser“ von Hans Hass. Es gab Forscher, die annahmen, dass wir in der Frühzeit der Menschheit einmal Meereslebewesen gewesen waren. Da hatte ich mich schon über die „Schwimmhäute“ zwischen meinen Fingern gewundert. Ich war jung, naiv, enthusiastisch und fing sofort Feuer und Flamme (oder eher doch: Salz und Brandung) für diese faszinierende Idee.

Küste des Roten Meeres, Geburtsort der Wasseraffen?
Die Küste des Roten Meeres. Gingen hier Menschenvorfahren ins Wasser?

Aufgebracht hat sie der britischer Meeresbiologe Sir Alister Clavering Hardy (geb. 10. Februar 1896, gest. 24. Mai 1985) in zwei Aufsätzen, 1960 im „New Scientist“ in seinem Artikel „Was man more aquatic in the Past?“ und einem ähnlichen Beitrag in der englischen Zeitschrift „The Listener“.

Anatomische Anpassung des Wasseraffen?

 

Verlauf der Haare am Rücken
Verlauf der Haare am Rücken des Menschen

Hardy bemerkte eine „große Fundlücke“ im Tier-Mensch-Übergangsfeld. Er nimmt an, dass die Zwischenformen fehlen, weil die Menschheit damals eine marine Phase durchlebte. Vor allem stellte er sich die Frage nach einem Aufenthalt des Menschen im Wasser, weil er – wie es später Desmond Morris nannte – der einzige „nackte Affe“ unter lauter haarigen Verwandten war. Nacktheit aber ist eine der Eigenschaften von Meeressäugern wie den Walen und dem Dugong. Hardy stellte fest, dass der beim Fötus noch vorhandene Haarstrich am Rücken abwärts und innen auf Wirbelsäule zuläuft. Er folgt also dem Wasserstrom eines schwimmenden Körpers. Hardy verglich die Stromlinienform des menschlichen Körpers mit der eines Bootes.

 

Dazu kommt, dass der Mensch der einzige der großen Affen ist, der schwimmen kann. Er kann auch unter der Haut Speck ansetzen kann wie ein Wal. Hardy verglich den Menschen bezüglich seiner subkutanen Speckschicht ebenfalls mit dem Dugong. Den Werkzeuggebrauch könnten die Urmenschen, schlug Hardy vor, durch das Aufheben von Strandschotter erworben haben.

Manatee
Seekühe, wie das Manati und der Dugong haben ein dickes Unterhautfettgewebe

 

 

„Meiner Hypothese nach waren die Vorfahren des Menschen vor zehn oder fünfzehn Millionen Jahren durch den Wettbewerbsdruck genötigt, ihr Auskommen im Meer zu finden. Ich stelle sie mir vor, wie sie an der Meeresküste leben, sich von Krustentieren und anderen Meereslebewesen ernähren, und bei der Nahrungssuche nach und nach immer weiter ins Meer vordringen. Ich nehme nicht an, dass der Mensch gänzlich zum Meerestier wurde.“

 

Sir Alister Hardy in „The Listener“

 

Waren die Wasseraffen doch nur semi-aquatisch?

Später führte er aus: „Ich nehme nicht an, dass der Mensch völlig im Wasser lebte. Ich glaube, dass er einen großen Teil seiner Zeit an Land verbrachte, er musste natürlich an Land kommen, um zu schlafen, oder weil er Süßwasser benötigte. […] Ich habe die ganze Zeit über den Menschen in seiner semi-aquatischen Phase nur als Meereswesen gesprochen, vielleicht aber hat er zusätzlich die Flüsse, Seen und Sümpfe besiedelt.“

Gorilla im Wasser, sie sind keine Wasseraffen
Flachland-Gorillas leben häufig in sumpfigen Gebieten und nutzen auch Gewässer.

In seinem Bestseller „The Nacked Ape“, auf Deutsch „Der nackte Affe“, stellte der Biologe Desmond Morris die Gedanken von Hardy 1967 kurz vor. Dadurch erst wurden sie einem größeren Publikum bekannt. Allerdings sah Morris die These kritisch: Sie „entbehrt […] trotz ihrer sehr ansprechenden Indizienbeweise einer soliden Grundlage.“

 

So hielt es auch die Fachwelt im Allgemeinen. Hardy wurde erwähnt, dann höchsten noch am Rande vermerkt. Heute ist man, bis auf einige Außenseitermeinungen, fest davon überzeugt, dass die Menschwerdung in der Savanne stattfand. Zu den Außenseitern gehört z.B. der Biologe Carsten Niemitz, der ebenfalls von einem „wasserliebenden Affen“ ausgeht, „der sich hauptsächlich in den Uferzonen von Seen, Flüssen und anderen Gewässern aufhielt“.

menschliche Hand
Zwischen den Fingern wirkt es, als hätten wir eine kleine Schwimmhaut, Rudimente eines Wasseraffen?

Die walisische Wissenschaftspublizistin und Feministin Elaine Morgans erweiterte schließlich in den 1970er und 1980er Jahren Hardys Anregungen (seine Aufsätze umfassen nur wenige Seiten) und verdichtete sie in einer buchlangen Darstellung, „Kinder des Ozeans“.

Haben wir den aufrechten Gang im Wasser gelernt?

Zu den Aspekten, die Hardy bereits zwei Jahrzehnte zuvor aufgezeigt hatte, fügte sie viele weitere Argumente für eine Wasseraffen-Phase der Menschheit hinzu. Neben der stromlinienförmigen Ausrichtung der Körperbehaarung beim Fötus, dem Verlust der Körperbehaarung und dem Vorhandensein des Unterhautfettes meinte Morgan, dass man den aufrechten Gang nur von Wassertieren mit großen Füßen kenne – Mensch und Pinguin (man denke aber an die Vögel allgemein), Sprache habe sich entwickeln müssen, weil die Gestik entfiel, wenn die Körper unter der Oberfläche versteckt waren. Menschenfrauen hätten, im Gegensatz zu Menschenaffen, stark ausgeprägte Brüste, möglicherweise als Haltemechanismus für die Babys. Auch habe sich im Meer die Begattung von Angesicht zu Angesicht entwickelt, ein frontales Stimulationsmittel wie die weiblichen Brüste käme dann nicht ungelegen. Bei Affen erblüht die Anusregion und lädt zur Paarung ein.

Auge mit Tränen
Unsere Tränen sind salzig. Tragen wir unseren Ozean mit uns herum?

Auch unsere salzigen Tränen seien eine Erinnerung an unsere Zeit im Meer – so konnten wir mit dem Meerwasser aufgenommenes, überschüssiges Salz wieder ausscheiden. Zudem könnten Babys bereits unmittelbar nach der Geburt schwimmen – weil sie früher im Meer zur Welt kamen.

 

Den Ort der Entstehung vermutete Morgan auf der Danakilinsel, heute das Felsmassiv Danakilberge auf der afrikanischen Seite des Bab el Mandab, das im Miozän eine Insel im seichten Tropenmeer war. Ein ähnliches Phänomen vermutete sie beim Elefanten, auch er zeige alle Anzeichen einer ehemaligen marinen Evolutionsphase (eine Idee, die dann zur Erklärung von Nessie aufgegriffen wurde).

Widerspruch von den Meereskennern

Hans Hass hat Morgans Werk in seinem Buch „Die Welt unter Wasser“ gewürdigt, aber auch auf zahllose Unstimmigkeiten verwiesen, die nicht zoologischer, sondern vor allem geografischer Natur sind. Schließlich kannte er diese Region des Roten Meeres gut. Ganz im Gegensatz zu Elaine Morgan aber betrachtete er die tropischen Küstengewässer, das Litoral, nicht als Badeparadies, das dem rauen und unsicheren Leben in der Savanne vorzuziehen gewesen sei.

Heftige Brandung, hier können Wasseraffen nichts ausrichten
Die Brandungszone hat oft einen zu großen Energiegehalt, um sich dort aufzuhalten.

Er schrieb: „Ich dachte an Wellen und Brandung, an Fische mit giftigen Flossenstacheln, an Spalten, […] an Seeigel. Ich dachte an die sengende Sonne in Verbindung mit der ständigen Benetzung der Haut.“ Und an die Nachtkälte, bei der das Wasser rasch abkühle, an Haie, die von Wassergeburten angelockt würden, daran, dass menschliche Haut im Wasser schnell aufweicht und empfindlich wird.

Korallenriff im Roten Meer, tödlich für Wasseraffen
Ein Korallenriff ist voller Leben – und voller giftiger und gefährlicher Tiere.

Hans Hass argumentierte dass, wäre das Litoral als Nahrungszone wirklich so ergiebig, es mehr Litoralspezialisten unter den Säugern geben sollte. Anpassungen, die erst vor 10 Millionen Jahren erfolgten, müssten heute noch deutlicher erkennbar sein. Morgan aber hatte ihrerseits längst den menschlichen Tauchreflex als Beleg angeführt. Vor allem stellte Hass aber in Frage, ob ein Aufenthalt in der Brandungszone und im seichten Meer den aufrechten Gang fördern würde:

 

 

„Daß es durch brusttiefes Waten im Wasser zur Aufrechthaltung kam, ist äußerst unwahrscheinlich, ja mit praktischer Erfahrung kaum vereinbar. Denn jeder Taucher weiß, wie groß der Wasserwiderstand ist wenn man sich auf diese Weise fortbewegen will.“

 

 

Und das weiß eigentlich auch jeder Badegast.

Wasseraffen sind nur noch eine Außenseiter-Meinung

Letztlich ist, wie faszinierend man die These von den Wasseraffen auch findet, sie vorerst unbewiesen und kein Bestandteil der ernsthaften evolutionsbiologischen Diskussion mehr. Die „Neue Zürcher Zeitung“ nannte sie 1987 eine „Aussenseitertheorie“ mit „interessanten Aspekten“. 22 Akademiker mit Interesse an der Wasseraffen-These hielten im selben Jahr in Valkenburg in den Niederlanden eine Konferenz zum Thema ab, an der Befürworter und Kritiker teilnahmen. Der Konferenzleiter Vernon Reynolds von der Oxford University fasste die Ergebnisse dieser Diskussion wie folgt zusammen (nach der englischen Wikipedia):

Baby unter Wasser, stammt der Tauchreflex vom Wasseraffen?
Babyschwimmen: Der Tauchreflex ist angeboren, aber unerklärt. (Foto: MasterFin CC 3.0)

„Im Großen und Ganzen wäre es sicherlich falsch, unsere frühen hominiden Vorfahren als ‚aquatisch“‘ zu bezeichnen. Gleichzeitig liegen aber auch Indizien vor, dass sie sich nicht nur hin und wieder im Wasser aufhielten, sondern dass das Wasser (und ich spreche hier von Seen und Flüssen) zudem ein Lebensraum und ein Agent der Selektion war, der ausreichend zusätzliche Nahrungsmittel bot.“

Der aktuelle Stand

Schöne Überblicke über den heutigen Stand der Diskussion vermitteln der deutsche und (mehr noch) der kritischere englische Wikipedia-Eintrag zum Thema.

 

Ein Mensch-Tier-Übergangsfeld im Litoral (und vielleicht im offenen Ozean) könnte sicherlich viele kryptozoologische Phänomenen leicht erklären. Man denke nur an die vielen Augenzeugenberichte von Sichtungen von Meermännern und Seejungfrauen, die man auf eine im Meer verbliebene Seitenlinie des Menschen zurückführen könnte. Mit dem Sasquatch als Übergangsphase: Er wird in British Columbia oft als Litoralspezialist beschrieben. Auch gibt es mehr als genug Menschen, die ihn vom Festland zu den Inseln schwimmen gesehen haben wollen.

 

Aber die Gegenargumente von Hans Hass überzeugen (zumindest mich) noch mehr.


Literatur:

Hardy, Sir Alister: Has Man an Aquatic Past? The Listener, 12. Mai 1960, S. 839–841

Hardy, Sir Alister: Was man more aquatic in the Past? New Scientist 7, 1960, S. 642–645

Hass, Hans: Die Welt unter Wasser. Wien: Fritz Molden 1973

Morgan, Elaine: Kinder des Ozeans. München: Goldmann 1987

Morris, Desmond: Der nackte Affe. München: Droemer Knaur 1968

Niemitz, Carsten: Das Geheimnis des aufrechten Gangs. München: C. H. Beck 2004

Reitz, Manfred: Die „Wasseraffen-Theorie“. Neue Zürcher Zeitung, 31. Oktober 1987, S. 59




Freitagnacht-Kryptos: Der Affe von Preßburg

 

Aus Bratislava, heute die Hauptstadt der Slowakei, früher die österreichische Stadt Preßburg, meldete „Der bayerische Volksfreund“ am 2. Mai 1826 auf S. 210 einen interessanten Kriminalfall, bei dem ein Affe quasi als Kommissar tätig war:

 

Preßburg, den 2. April.

Ein durch einen Affen unlängst entdeckter Mord hat hier die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen.

Ein Mann, der seinen dürftigen Lebensunterhalt durch die armseligen Künste einiger Affen erwarb, und mit diesen Thieren schon seit längers Ungarns Provinzen durchzog, und mit Anfang v. Mts. auch hier seine Schaubühne aufgeschlagen hatte, wurde vor kurzem in den Wäldern von Räubern überfallen, und sammt seiner thierischen Gesellschaft ermordet.  Nur ein einziger Affe war so glücklich zu entkommen, und sich auf einem Baume zu retten.

Bald darauf wurde dieser von einem Jäger bemerkt, und schon hatte derselbe das Gewehr zum Schuße angelegt, als er durch die demüthigende, bittende und angstvolle Stellung des armen Thieres zum Mitleid bewogen, die Schonung seines Lebens beschloß. Kaum näherte sich der gute Jäger dem Baume, als der Affe mit allen Zeichen der Freude herab auf seine Schultern sprang und ihm einige wilde Baumfrüchte darbot. Ruhig und mit schmeichelnder Gebärde ließ sich der Affe von seinem Erretter forttragen, als derselbe plötzlich aus den Armen seines Trägers sprang, und mit entsetzlichem Klagegeschrey einem Gebüsche zusprang, unter welchem der ermordete Mann, sein ehemaliger Herr, und um denselben herum die Affengesellschaft lag.

Showdown in der Schenke

Der Jäger mußte jetzt mit Gewalt das arme Thier von dieser Mordstätte wegschleppen, er eilte mit ihm in das nächste Städtchen, um die gehörige Anzeige zu machen. Dortselbst angekommen, wollte er sich jetzt von dem schnellen Marsche ermüdet in einer Schenke laben; allein kaum war er in die Zechstube getreten, als der Affe wie wüthend auf einen, ruhig am Tische sitzenden, wohlgekleideten Mann zusprang, und ihn an der Brust gleichsam zerfleischen wollte. Schnell brachte der Fremde aber dem Affen mit einem langen Messer dergestalt einige Stiche bey, daß er zu Boden fiel, und wollte jetzt entfliehen;  allein der Jäger nahm das Gewehr und stellte sich mit gespanntem Hahne an die Thür.

Gelbbrust-Kapuzineraffe
Gelegentlich wurden Kapuzineraffen von Schaustellern genutzt

Berberaffe
Berberaffen wurden häufiger von Schaustellern eingesetzt

Schnell zog der Verdächtige sein Stilet hervor, und suchte sich auf Todesgefahr einen Weg durch die um ihn versammelten Gäste zu bahnen. Erschrocken wich schon alles zurück, bis auf den Jäger, und in diesem Augenblick sprang der tödtlich verwundete Affe laut schreyend dem Fliehenden noch einmal in’s Gesicht, und den günstigen Augenblick benützend, wurde derselbe sogleich niedergeworfen, entwaffnet und gefangen von dem Jäger dem Gerichte überliefert, wo er nicht nur die Mitschuld an dem Raubmord des Affenführers eingestanden; sondern auch die anderen Theilnehmer, die sich noch mehrerer Verbrechen schuldig gemacht haben, angegeben hat.“


Literatur:

Der bayerische Volksfreund, Band 3