Yetis in den Anden?

Derzeit arbeite ich an einem längeren Text, der noch etwas Recherche braucht, über Sichtungsmeldungen von Wildmenschen wie den Yetis und Sasquatches in den südamerikanischen Anden. Mir liegen dazu mehrere umfangreiche chilenische Pressemeldungen vor, die jedoch noch eingehend studiert werden müssen. Die meisten beziehen sich auf die Meldungen der 1950er Jahre, die auch hier Startpunkt sein werden, liefern aber zahllose neue Details.

 

Ist das chilenische Hochland Heimat eines Wildmenschen?
Die Landschaften in den chilenischen Anden ähneln teilweise denen in Westen Nordamerikas, aber sind sie Heimat von Wildmenschen?

 

Der erste Bericht über Wildmenschen von 1957

Den ersten deutschsprachigen Bericht über Riesen, die menschliche Fußstapfen in den Anden hinterlassen, finden wir in der Zeitschrift „Weltraumbote“, März/April 1957, S. 27–28, einem Magazin über Sichtungen von fliegenden Untertassen:

 

 

Zur Frage, ob in den Kordilleren Riesen gelandet sind (Nr. 11, S. 5), schreibt H. G. Ganteaume in der Londoner ‚Flying Saucer Review‘ noch einiges Interessante. Über die Gegenwart seltsamer Wesen bei Punta Saltena im Macon-Gebirge erzählen die Einheimischen, gelegentlich bei der Abenddämmerung ganz deutlich eigentümliche Schreie gehört und ferner zahlreiche Adler und Kondore tot, teilweise erwürgt, in ihren Nestern aufgefunden zu haben. Jedesmal seien riesenhafte menschliche Spuren in unmittelbarer Nähe gesehen worden. Die Abdrücke konnten nicht Bären zugeschrieben werden.

 

Nach Aussage aller Zeugen seien diese Dinge seit langem bekannt und wiesen zweifellos auf die Anwesenheit fremder Besucher in der Gegend hin. Um nicht ausgelacht zu werden, sprach man jedoch nicht davon in der Öffentlichkeit. Erst als der bekannte Geologe Claudio Level Spitch über die Spuren berichtete, rückten viele auch mit ihrem Wissen heraus.

 

 

Der ursprüngliche Bericht in der „Flying Saucer Review“ (Sept-Oct 1956, S. 17) ist umfangreicher, enthält aber kaum mehr Details außer einem Bericht über ein dort abgestütztes UFO. Wir ersehen daraus aber, dass die Ereignisse sich zwar nahe San Antonio de los Cobres, Salta, Argentinien, allerdings auf der chilenischen Seite der Grenze, abgespielt haben. Von Schreien und Viehverstümmelungen wird auch in Nordamerika erzählt.

 

Llamas in Chile, Begleiter eines Wildmenschen?
Häufig sind die Gebirge aber noch schroffer als die Rocky Mountains und die Hochflächen kahl und unwirtlich. Ist dies die Heimat eines Wildmenschen?

 

Der zweite Bericht von 1976

Wir springen zwanzig Jahre und kommen zum nächsten Bericht, dieses Mal von einem britischen Bergsteiger. „Fotos von den Spuren eines südamerikanischen ‚Schneemenschen‘ sind in London veröffentlicht worden. Sie wurden von dem 35jährigen britischen Bergsteiger Steven Read bei einer Expedition in den Süd-Anden im Gebiet der argentinisch-chilenischen Grenze aufgenommen. Nach Angaben Reads fand er die Spuren im Schnee auf einem knapp 2000 Meter hohen Gipfel Südpatagoniens. Die Fußabdrücke hätten einen Durchmesser von 10 bis 15 Zentimeter gehabt und müssten von einem ‚zweifüßigen Tier‘ stammen, erklärte der Alpinist. Read betonte, er sei vermutlich das erste Mal gewesen, dass ‚Yeti-Spuren‘ in den Süd-Anden gesichtet worden sein. Bisher waren ähnliche Spuren nur im Himalaya entdeckt worden.“ (kontinente, August 1976).

 

Kein Schneemensch, sondern nur ein Viscacha
Das Berg-Viscacha ist ein gelegentlicher Zweibeiner, mit großen Hinterfüßen, aber kann man seine Abdrücke für menschenähnlich halten?

 

Ein dritter Bericht über Wildmenschen von 1988

Die jüngste Sichtungsmeldung – bislang – kommt aus Ecuador, also praktisch vom anderen Ende der Anden (es handelt sich bei weitem nicht um den jüngsten Pressebericht, denn bis in die 2000er erschienen rückblickende Meldungen). Allerdings ist der Star dieser Meldung zwar ein behaarter Mensch, doch wolfähnlich. Die in Granada, Spanien, erscheinende Tageszeitung „Ideal“ berichtete am 25. April 1988 (S. 37):

 

 

Ecuador: Ein Werwolf hypnotisiert seine Opfer mit dem Schwanz.

Quito / Efe [span. Nachrichtenagentur] Ein geheimnisvolles Wesen, das in seiner Erscheinung einem Wolf ähneln soll, verursacht Angst und Schrecken in verschiedenen ländlichen Orten nahe Quito. Anwohner erklären, dass das Wesen mit seinem großen Schwanz seine Opfer hypnotisiert, bevor es sie angreift.

Nach Berichten der Bewohner von Tambillo, Amaguaya, Sangolquí und San Rafael ist der mutmaßliche ‚Werwolf‘ ein Zimmermann, der sich verwandeln konnte und der nach einem Jahr Abwesenheit zurückgekehrt ist, ‚um nach dem Sohn zu suchen, der dem Teufel die Seele für eine Mundvoll Gold und im Austausch für eine Silberkiste verkauft hat‘.

 

 

Beobachtet der Kondor auch Wildmenschen?
Gibt es den südamerikanischen Werwolf? Der Kondor weiß es sicher.

Er lässt sich nicht fassen

Die Anrainer, die ihn ‚Guaco‘ nennen, beschreiben ihn als Mensch mit einem beharrten Körper, Krallen und der Gestalt eines Wolfs, er verborgen im Gestrüpp lebt. Dorthin zieht er sich zurück, so dass man ihn bislang noch nicht einfangen konnte.

Die örtlichen Behörden haben diese Erzählungen bislang nicht bestätigen können und gehen unter anderen davon aus, dass er sich um eine Erfindung handeln könnte.

Die Bewohner der Region bestehen auf ihrer Version und fügen hinzu, dass sie sogar vor den Schulen Wachen aufstellen mussten, um die Sicherheit der Schüler zu garantieren, denn sie sollen die bevorzugten Opfer des Werwolfs sein.

 

 

Ein Werwolf mit einem langen Schwanz ist nicht gerade ein Bigfoot, allerdings wurden in den USA immer wieder Bigfoot-Exemplare mit langen Schwänzen gesehen, und der Typus geht oft ineinander über. Der Yeti der Anden ist also oft, wenn die Einheimischen von ihm berichten, mit anderen Phänomenen verbunden – den Raummenschen im ältesten, dem Werwolf im jüngsten Beispiel.

Eine genaue Analyse der Vorgänge in den 1950er Jahren wird später (allerdings nicht so bald) folgen.

 

Andenlandschaft mit Blume
Die Anden sind ein sehr unwirtlicher Raum. Können hier Wildmenschen überleben?




Freitagnacht-Kryptos: Eine Mischung aus Rochen, Stör, Hai, Wal und Seeschlange wird gefangen

So manche Seeschlangensichtung wurde seinerzeit in den Medien breit geschlagen, schaffte es aber nie in die klassischen Sammlungen von Seeschlangenberichten – manchmal, weil die kryptozoologischen Autoren die Zahl der Fehldeutungen und Schwindel zahlenmäßig reduzieren wollen.

War das ein Grund, warum dieser Bericht aus Londoner Zeitungen weder bei Oudemans noch Gould noch Heuvelmans auftaucht?

Montreal
Blick von Longguile zum Olympia-Park in Montreal. Hier ungefähr hat sich das Beschriebene ereignet. (by Jeangagnon CC 3.0)

 

Auf jeden Fall ist die Meldung der „Bremer Zeitung für Politik, Handel und Literatur“ vom Sonntag, den 16. November 1823, eine Lektüre wert:

 

 

Bremer Zeitung

„Miscellen. Londoner Blätter enthalten folgenden Auszug aus einem Briefe, datirt Montreal, den 15. Sept. –

 

‚Die Passagiere des am Freitag von Quebec hier gelangten Paketbootes, Lady Scherbroke, berichteten, daß sie bis wenige Meilen von der Stadt von einem großen Seeungeheuer verfolgt worden wären, welches einige für die berüchtigte Seeschlange, andere aber für einen Wallfisch hielten. Die meisten stimmten indessen dahin überein, daß es ein großer von 35 bis 80 Fuß langer Fisch gewesen sei.

 

Am Freitag Abend erschien das Ungeheuer längs der Fähre, die von dem Croß, 2 Meilen von der Stadt, nach Long Guile fährt, und zeigte sich beinah so lang als die Fähre. Am Sonnabend Morgen faßten zwei unternehmende Capitäns, Namens Bruth und Seymour, den Entschluß, mit 8 Matosen [sic] das Ungeheuer in dem langen Boote des Dampfschiffes aufzusuchen, und 3 Meilen von hier trafen sie es auch glücklicherweise an.

 

Sie warfen die Harpune nach ihm, und diese griff ein, aber nunmehr entstand eine Scene, welche die Leute, die sich am Ufer versammelt hatten, überraschte. Der Strom rannte mit großer Schnelligkeit und nie sieht man, daß ein Boot dem Strome entgegen sich rasch vorwärts bewegt, aber der Wallfisch, denn so müssen wir ihn nunmehr nennen, schoß mit dem Boote im Tau durch den ihm entgegen kommenden Strom mit solcher Schnelligkeit, daß unsere Seereisenden 10 bis 12 Meilen per Stunde zurücklegten. Der Wallfisch der wahrscheinlich keine Lust hatte sich der Stadt zu sehr zu nähern, drehte sich als er die Stadt ansichtig wurde, um, steuerte nach Long Point zu, und zog das Boot ungleich schneller als diejenigen in demselben, selbst in Dampfschiffen zu reisen gewohnt waren, bis beinahe 12 Uhr mit sich hinweg.

 

Unglücklicherweise riß aber um diese Zeit die Harpune aus, und der Wallfisch entkam. Die Capitäns sind indessen entschlossen, morgen einen zweiten Versuch zu machen, und sich mit besseren und stärkeren Instrumenten zu versehen. Hunderte von Menschen standen am Ufer, und sahen diesem Schauspiele zu.‘“

 

 

 

Ein fast gleichlautender Bericht erschien am 27. November 1823 in der „Baireuther Zeitung“ (S. 1020). Diese Bericht fügt weitere Details hinzu:

 

 

Baireuther Zeitung

„Die kühnen Schiffs-Capitains gaben ihr Vorhaben nicht auf und bald darauf gelang es ihnen, sich des Ungeheuers bei dem Cap Henlopen zu bemächtigen.

 

Der Naturforscher Patchen, Präsident des Lyceums zu New-York, gab diesem ungeheuern Fisch, von dem bisher noch nichts bekannt war, den Nahmen: Meer-Vampyr und classificirt ihn zwischen den Squala [Haie] und Acipenser [Stör].

 

Dieser Meer-Vampyr mußte von 6 Ochsen, 2 Pferden und 22 Menschen aus dem Wasser an das Land gezogen werden. Sein Gewicht wurde von Einigen auf 5 Tonnen, oder vierzigtausend Pfund, von Andern nur auf zehntausend Pfund geschätzt. Von einer Brustflosse zur anderen mißt er 18 Fuß; sein Leib ist 15 Fuß, sein Schwanz 4 Fuß lang; seine Gestalt hat große Aehnlichkeit mit dem Rochenfisch.“

 

 

Quellen:

Bremer Zeitung: für Politik, Handel und Literatur. 1823,7/12

Bayreuther Zeitung: 1823




Der Minhocao 3/3 – nur eine Personifizierung?

Teil 2 von Ulrich Magins Artikel über den Minhocao ist am 15.10. hier erschienen.

Moderne Berichte über den Minhocao

In den 1920er Jahren suchte der Landvermesser Percy Harrison Fawcett nach einer verschollenen Stadt im Urwald Brasiliens. Er notierte dabei auch seltsame Geschichten, die er unterwegs hörte. Eine davon betraf, auch wenn er den Namen nicht nennt, den Minhocao: „In Paraguay [spricht man] von einem weiteren Flußungeheuer – Fisch oder Biber –, das in einer einzigen Nacht einen großen Teil des Strandes einreißen kann. Die Indianer berichten von Spuren eines gewaltigen Tieres in den an den Fluß grenzenden Sümpfen, geben jedoch zu, es nie gesehen zu haben.“ Ob Fawcett hier nur anführt, was er in denselben Quellen gelesen hat die hier bereits angeführt wurden, oder ob er solche Geschichten selbst hörte, ist nicht ganz klar. (Fawcett, S. 112)

Diesen Text führt Heuvelmans im englischen Original an. Was Heuvelmans noch nicht wissen konnte, ist, dass es solche Berichte nach wie vor gibt, denn seine Besprechung des Minhocao endet im 19. Jahrhundert. Im Folgenden führe ich deshalb Zeitungsartikel an, die ein ähnliches wesen beschreiben. Keine dieser Berichte enthält das Wort Minhocao, aber jeder schildert eine unterirdisch oder in Grotten am Wasser lebende Schlange – manchmal sogar mit Hörnern.

 

Anakonda ist sie der Ursprung des Minhocao
Die Anakonda ist eine gewaltige Schlange, aber ist sie der Ursprung des Minhocao?

 

Der erste Bericht schildert eine große, in Höhlen lebende Schlange, die sich auch im Wasser aufhält, die „Huilla von Trinidad“. Dieses „Ungeheuer“ machte mehrmals weltweit Schlagzeilen, die Verbindung zum Minhocao ist allerdings eher oberflächlich.

Zum ersten Mal kam das Tier 1889 in die Schlagzeilen.

 

 

„In den letzten beiden Monaten klagten die Bewohner der Bezirke östlich und nördlich von Arima auf der Insel Trinidad häufig darüber, dass Haustiere aller Art auf seltsame, ungeklärte Weise verschwanden – gewöhnlich in der Nacht. In letzter Zeit gesellten sich auch größere Tiere, darunter einige wertvolle Maultiere und Pferde, dazu. Zunächst gab man besonders wagemutigen Dieben die Schuld, aber bald wurde klar, dass ein ungeheures Tier war, obwohl seltsamerweise weder am Tatort noch in seiner Nachbarschaft jemals eine Spur von Blut gefunden wurde. Man kennt kein Tier auf der Insel, das groß genug wäre, um ein Pferd oder ein Maultier wegzuschleppen.

Die Menschen stellten nachts Wachen auf, und es wurde bemerkt, dass die Spuren durch die Vegetation immer an Bächen aufhörten und danach ganz zu verschwinden schienen. Um das Grauen noch zu vergrößern, verschwanden mehrere Kinder, und eine trauernde Mutter, die ihre verschwundene fünfjährige Tochter betrauerte, musste am Tag darauf voller Schrecken mit ansehen, wie eine enorme Schlange ihren dreijährigen Jungen wegschleppte.

Eine bewaffnete Gruppe von Bewohnern nahm die Verfolgung auf, doch ohne Erfolg. Man nimmt aufgrund der unvollständigen Beschreibung der ungefähren Farbe, der Ringe und Flecken der Schlange an, dass es sich um eine überlebende der ausgestorbenen Rasse gigantischer Huilliar handelt, wie man hier die Anakondas nennt, und die früher im Oroponche, im Arima und anderen Flüsse der Insel gelegentlich anzutreffen waren. Schließlich wurde die Angelegenheit nach vielen weiteren Tierschaden in verschiedenen Gebirgsregionen von einem Aufseher ernst genug genommen, dass er die Sache dem Kolonialverwalter in Port of Spain unterbreitete.

Eine behördliche Untersuchung

Die Ereignisse wurde ebenfalls vom Central Agricultural Board untersucht, anlässlich dieses Treffens erklärte der ehrenwerte Dr. De Verfeuil, dass die Schlange seiner Meinung nach ein Huilliar sei. Eines frühen Morgens machte sich große, schwer bewaffnete Kavallerie von Arima auf den Weg zum Blue Mountain, in dessen Nähe Suchtrupps am Tag zuvor die Schlange angetroffen hatten. Sie schlüpfte in die Guacharo-Höhlen in einem durch eine Mulde vom Berg getrennten Hügel. Der Trupp sperrte nach und nach den Hügel ab, ein Teil der Gruppe betrat vorsichtig eine der Öffnungen ein, die ins Innere der großen Höhlen führen. Kaum war das geschehen, als schon der Kopf einer ungeheuren Schlange plötzlich auf der Oberfläche eines großen Teichs erschien. Ein wütendes Zischen, wie das Eintauchen von glühendem Eisens in den Teich klang, kam von dem fürchterlichen Kopf, dann feuerte man eine Salve von Kugeln auf ihn ab.

Erst eine zweite Salve erzielte den gewünschten Effekt, sie wurde abgefeuert, als die Schlange ihren riesigen Kadaver fünfundzwanzig Fuß [7,50 m] aus dem Wasser hob. Als er auf die Ebene gezerrt worden war, wurde festgestellt, dass er siebenundvierzig Fuß [14 m] maß und an der dicksten Stelle zweieinhalb Fuß [75 cm] dick war. In der Farbe war er am unteren Teil des Körpers gelb und oben dunkel mit dunklen Ringen, zwischen denen die Haut mit grauen Halbmonden gesprenkelt war.

Die Schlange wurde nach Arima gebracht, wo man versuchte, sie für das Rathaus von Port of Spain zu präparieren. Die Angelegenheit war sogar Gegenstand eines Kabels des amerikanischen Konsuls an sein Ministerium in Washington. – Port of Spain ‚Gazette‘.“ (Auckland Star, 8. Juni 1889; ebenfalls in: Te Aroha News, 12. Juni 1889; Oamaru Mail, 19. Juni 1889 und Hawke’s Bay Herald, 22. Juni 1889)

 

1934 erneut in den Schlagzeilen

Das Monster von Trinidad kam 1934 wieder in die Schlagzeilen, als alle Welt über das Ungeheuer von Loch Ness berichtete. Die Londoner „Times“ berichtete am 18. Januar 1934 auf S. 12: „Jetzt kommt ein westindisches Ungeheuer. Die Welt gebiert wieder Ungeheuer, denn eine schuppige Schlange, deren Länge auf 30 Fuß [9 m] geschätzt wird, soll sich nach glaubhaften Zeugen sich mit drei Schlingen in einem Fluss an der Ostküste erhoben haben. Die Existenz eines solchen Monsters ist offiziell in den Annalen der Kolonie verzeichnet, und es gibt ein Foto, das ein 25 Fuß [7,50 m] langes Ungeheuer zeigt, das hier Huilla genannt wird, und das einen Alligator verschluckt hatte.“ Hier scheint es sich tatsächlich um eine gewöhnliche Schlange gehandelt zu haben, zumal „Huilla“ eine lokale Bezeichnung für die Anakonda ist

Manatis
Der Rücken mehrerer Manatis könnte auch für eine gewaltige Schlange gehalten werden

Nur eine übertriebene Riesenschlangengeschichte…

Der nächste Bericht schildert ebenfalls ein mittelamerikanisches Tier, das nur aufgrund seiner Größe und der Tatsache, dass es sich ebenfalls in eine Höhle verkroch, nach Minhocao klingt, vermutlich aber nur eine übertriebene Riesenschlangengeschichte ist:

„Nach der Nachrichtenagentur Efe terrorisiert eine etwa fünfzehn Meter lange Boa die Bewohner des Dorfes El Jaral in Santa Cruz de Yojoa, Departement Cortés im Norden Honduras. Laut einer lokalen Zeitung wurde die Schlange von mehreren Bauern gesehen, als sie eine Kuh am Ufer des bei Touristen beliebten Sees von Yojoa verschlang.

 

Anakonda
So groß Anakondas auch werden, Kühe sind weit außerhalb ihrer Reichweite.

 

Das Reptil schluckte die Kuh in einem Augenblick, und die Bauern folgten ihm bis in eine nahe gelegene Höhle und unterrichteten die örtlichen Behörden. Polizisten und Bewohner von El Jaral suchen nach der Schlange, um sie zu töten, obwohl man wegen ihrer Größe fürchtet, dass die Schusswaffen unwirksam sind. Man weiß nicht, wie tief die Höhle ist, in der die Schlange haust, man will sie in die Enge treiben, mit Benzin übergießen und in Brand stecken. Jede Möglichkeit, die Boa lebend zu fangen und in einen einheimischen oder ausländischen Zoo zu schicken, wurde ausgeschlossen.“ (Efe 1979)

Der Minhocao am Rio Paraguay

Der Rio Paraguay ist ein Zufluss des Parana. Im Staate Paraguay wurde 1972 von einer seltsamen Schlange berichtet, die möglicherweise etwas mit dem Minhocao zu tun hat.

„Seltsame Schlange in Paraguay gefangen. Sie misst sieben Meter, wiegt 80 Kilo, hat einen hundeartigen Kopf und bellt. Asunción. 4. Februar. An den Ufern des Río Ypane, etwa 350 km von der Hauptstadt entfernt, wurde eine seltsame, fast mythologische Schlange gefangen genommen, die eigenartig bellt und als „Boy Yagua“ bekannt ist. Das Reptil ist mehr als sieben Meter lang und wiegt schätzungsweise 80 Kilo bei einem Durchmesser von 35 cm. Die dunkle Haut ist völlig dehnbar und leuchtet. Der Kopf ähnelt dem eines Hundes mit einem sehr großen Maul, der eigenartig bellt: Daher der Volksname ‚Hundeschlange‘. Das Reptil, das sich jetzt in Asunción befindet, wurde nach einem langen Kampf von zwei Bauern der Gegend mit dicken Seilen gefangen.

Mit der Gefangennahme des ‚Boy Yagua‘ wurde eine Legende Wirklichkeit, um sie vom Río Ypane nach Asunción zu bringen, wurde ein riesiger umgebauter Käfig benutzt, in dem gewöhnlich Tiger [Jaguare] gefangen werden. “(Efe 1972)

Spur des Minhocao
Spur des Minhocao oder doch nur ein ausgetretener Pfad?

Die Legende des Minhocao lebt weiter

Der letzte Bericht betrifft unbezweifelbar einen klassischen Minhocao. Im August 1997 hinterließ eine „riesige Anakonda“ im Amazonasdorf Nuevo Tacna im Norden Perus eine Spur. Augenzeugen berichteten, der Boden habe wie bei einem Erdbeben gezittert, dann habe sich ein schwarzer Körper mit einer Länge von 40 m und einem Durchmesser von 5 m durch den Dschungel gewälzt. Das Tier hatte zwei „Fühler“ am Kopf, die dem Rüssel eines Elefanten ähnelten. Regierungsbeamte fanden eine 500 m lange und 20 m breite Spur (nach anderen Quellen 300 m und 10 m), die zu einem Fluss führte, und auf der sämtliche Bäume umgestürzt waren. Allerdings sei diese durch einen von zu viel Niederschlag ausgelösten Dammbruch verursacht worden. (Science & Vie, Oktober 1997; Le Figaro, 21. August 1997 (diese beiden Dank F. de Sarre; Fortean Times 104, S. 18; Esotera 11/1997; Focus, 35/1997, 25. August 1997, S. 226; Harder, S. 130)

Das war nun eindeutig ein Minhocao und zeigt, dass die Legende nach wie vor lebt. Jetzt aber wird er meteorologisch gedeutet, als Spur einer Flutwelle. Der Ort Tacna liegt im Süden Perus, das Amazonasdorf ist auf Google Earth nicht zu finden.


Bibliografie

Anon.: Die Seeschlange zu Lande. Didaskalia. Unterhaltungsblatt des Frankfurter Journals. 26. November 1879, S. 2–4

 

Anon.: Ein neues unterirdisches Ungeheuer. Romane des Auslandes. Band 3. Berlin: Otto Janke 1878

 

Budde, E. A.: Naturwissenschaftliche Plaudereien. Berlin: Walter De Gruyter 1898

 

Efe: Captura de una extraña serpiente en Paraguay. ABC, Madrid, 5. Februar 1972, S. 30

 

Efe: Una enorme boa aterroriza a los habitantes de una aldea de Hondura. ABC, Sevilla, 7. September 1979, S. 33

 

Fawcett, Percy Harrison: Geheimnisse im brasilianischen Regenwald. Tübingen: Verlag Fritz Schlichtenmayer 1961

 

Harder, Bernd: X-Akten gelöst. Aschaffenburg: Alibri 1999

 

Heuvelmans, Bernard: On the Track of Unknown Animals. London: Kegan Paul, 3. Auflage 1995

 

Mader, Friedrich Wilhelm: El Dorado. BOD 2016

 

Müller, Fritz: Werke, Briefe und Leben: Gesammelte Schriften soweit sie bereits früher im Druck erschienen sind. Abt. 1. Arbeiten aus den Jahren 1844–1879. Abt. 2. Arbeiten aus den Jahren 1879–1899. Atlas enthaltend 85 Tafeln zu den Arbeiten aus den Jahren 1844–1899. G. Fischer 1915




Medienmittwoch: Sun, Sand, and Sea-Serpents

Ich mag regionale Studien zu Kryptiden – Seeschlangen in bestimmten Seen oder an genau umrissenen Küstenabschnitten. Da ergeben sich für den aufmerksamen Leser neben den überall gemeldeten Charakteristika gewisse Unterschiede, die durchaus interessant sein können. Ein Bigfoot in Pennsylvania ist oft ein anderer als einer in British Columbia, Morag sieht ganz anders aus als Nessie.

 

Dieses Buch von David Goudsward ist eine solche Regionalstudie und widmet sich den Ungeheuern in den Binnenseen Floridas, in den Flüssen des Staates, Meeresungeheuern an der Atlantik- wie an der Golfküste, Berichte von Riesenkalmaren und Riesenoktopoden, Sichtungen von lebenden Fossilien (u.a. Quastenflossern) und sogar Seejungfrauen. Kapitel über mysteriöse Robben und Ungeheuer auf alten Seekarten runden den Band ab. Neben Florida selbst sind die angrenzenden amerikanischen Bundesstaaten Alabama und Georgia sowie die Bahamas, Kuba und die Karibik erfasst.

In Florida wurden zahlreiche ungewöhnliche Kreaturen beobachtet.

Die Kryptiden werden geografisch, thematisch und chronologisch sortiert (alle Riesenseehunde in einem Kapitel, alle Seeschlangen der Golfküste in einem anderen). Goudsward dringt immer und ausschließlich bis zur ersten und ältesten Quelle vor und weist auch nach, wie oft Kryptozoologen Quellen angeben, die sie gar nicht eingesehen haben können. In Heuvelmans Quellenangaben stimmt u.a. oft das Datum nicht, weil es in der von ihm verwendeten Sekundärquelle falsch angegeben war, oder findet sich ein anderer Inhalt als behauptet.

 

Der Autor deckt Fehler früherer Kryptozoologen auf

Dabei verfolgt Goudsward jede Spur und forscht lokalgeschichtlich nach – gab es den Dampfer damals schon, wann wurde der Ort besiedelt? Er deckt auch ganz nüchtern die Leichtgläubigkeit vieler ausschließlich im Internet tätigen Kryptozoologen auf, die jede Marketingmaßnahme für bare Münze nehmen (S. 132), selbst Geschichten erfinden (S. 128) und Quellen verdrehen und falsch angeben, wie es besonders für Heuvelmans typisch war (fast durchgehend im Buch). Viele der angeblichen Kryptiden stellten sich – als der Autor bis zur Ursprungsquelle vorgedrungen war – als journalistische Erfindung (S. 131, 137, 141) oder bei geografischen Angaben um Verwechslung von Seen in ganz unterschiedlichen Bundesstaaten (S. 149f., 178) heraus. Als besonders kreativ im Umgang mit den Fakten nennt er u.a. Ivan T. Sanderson und Charles Berlitz.

 

Und Goudsward findet wie andere Kryptozoologen vor ihm, heraus, dass später erst definierte Kryptiden zunächst ein Sortiment von extrem unterschiedlichen Beschreibungen sind, bis sie – zuerst in der Presse, dann auch bei den Augenzeugen – eine genau umrissene Form annehmen. Das Monster des St. Johns River wurde, je nach Sichtungsepisode, die stets Jahre auseinanderlagen – als riesige Anakonda geschildert, als aquatische Monsterkuh mit einem nach vorn gebogenen Horn, als skelettartige Erscheinung eines Plesiosauriers, heute entspricht es dem typischen Nessie-Klischee. (S. 147ff., S.158-160)

 

David Goudsward Sun, Sand, and Sea Serpents
Sun, Sand, and Sea Serpents – 230 Seiten voller neuer Infos aus alten Quellen

 

Goudsward ist kritisch, aber kein Skeptiker

Dabei ist Goudsward kein Skeptiker – er hält die Existenz der Seeschlange durch die Augenzeugenberichte für belegt und findet viele Beobachtungen, die er konventionell nicht klären kann. Aber er ist kritischer als die Zunft der Makrokryptozoologen sonst, sieht nicht in jeder Beobachtung eine Bestätigung für überlebende Plesiosaurier oder langhalsige Riesenseehunde. So manche Sichtung, die z.B. Heuvelmans als Schwindel ablehnte, stellt sich im Nachhinein als sehr spannende Schilderung heraus (wenn man nicht, wie Heuvelmans, aus entstellenden Dritt- und Viertquellen zitiert).

 

Mein Fazit

Goudswards Buch ist rundum zu empfehlen – ein Buch, das die Existenz der Seeschlange eher bestätigt als widerlegt, gerade weil so viele bekannte Sichtungen eine nüchterne Erklärung finden, was den unerklärten Rest umso deutlicher hervorstechen lässt. Und es ist ein historisch wichtiges Werk, weil es viele falsche Aussagen beiseite räumt, die endlos wiederholt werden, nur weil sie von klassischen Autoren wie Heuvelmans und Sanderson stammen.

 

 

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Sun, Sand, and Sea Serpents von David Goudsward

Sun, Sand, and Sea Serpents ist im März 2020 mit einem Vorwort von Loren Coleman bei Anomalist Books als Paperback mit einem Umfang von 230 Seiten erschienen. Es ist in englischer Sprache publiziert und als Taschenbuch sowie für den Kindle erhältlich. Die Preise können aufgrund von Währungsschwankungen variieren.

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Der Minhocao 2/3 – das bekannte Unbekannte

Der erste Teil des Beitrages zum Minhocao von Ulrich Magin ist am 8. Oktober hier erschienen.

 

Fritz Müllers Sammlung

Fritz Müller berichtet 1878 in der Schriftenreihe „Romane des Auslandes“:

 

 

In derselben Gegend ist dann aber nach der Versicherung des Senhor Lebino ein „Minhocao“ verschiedene Male vorher gesehen worden. Eine Negerin holte Wasser aus einem Pfuhl, nahe an seinem Wohnhause, als sie eines Morgens dabei in kurzer Entfernung von sich ein Thier erblickte, daß sie als „so groß wie ein Haus“ beschrieb, während es an der Erde entlang sich hinbewegte. Sie rief Leute herbei, die jedoch zu spät kamen und nur noch die Spuren von dem Thiere vorfanden, indem dasselbe allem Vermuthen nach über einen benachbarten Felsvorsprung in’s tiefe Wasser gegangen war.

Uferböschung Südamerika
Eine Uferböschung in der Trockenzeit an einem amazonischen Fluss.

In demselben Distrikte sah eine junge Frau, wie urplötzlich eine riesengroße Fichte umstürzte, trotzdem es ganz windstill und kein Mensch in der Nähe war, der den Baum etwa gefällt hätte. Sie eilte herzu, um die Ursache zu erfahren, und sah dabei, wie der Erdboden sich wellenförmig bewegte und mitten darin ein ungeheurer Erdwurm, wohl 25 Meter lang, und mit zwei Hörnern auf dem Kopfe versehen, sich entlang wand.

Ist der Minhoca ein Gürteltier?

Im Jahre 1849 befand sich Senhor Lebino auf einer Reise nahe bei Arapehy im Staate Uruguay. Hier erzählte man ihm, daß ein toter „Minhocao“ wenige Meilen ab gesehen worden sei, der sich in einer engen Felsspalte eingeklemmt hatte und so verendet war. Seine Haut war, nach der gemachten Schilderung von ihm, so dick wie die Rinde einer Fichte, und sie wurde aus einer Reihe harter Schuppen gebildet, wie das Gürtelthier sie hat.

„Die Angaben über diesen Erdwurm sind sehr unzuverlässig.“

Soweit diese Mittheilungen. Aus ihnen möchte sich wohl die Schlußfolgerung rechtfertigen, daß in dem Hochdistrikt, wo der Uruguay und der Paranafluß ihre Quellen haben lange Erdgänge und Aushöhlungen vorkommen, die zweifelsohne von einer lebenden Thierart herrühren. In der Regel, doch nicht immer treten diese Thiere nach anhaltendem Regenwetter hervor, und sie scheinen aus Marschen oder Flußbetten herauszukommen, in welche sie sich dann jedesmal wieder zurückziehen.

Gürteltier
zeitgenössische Darstellung eines Gürteltieres

Die Angaben über die Größe und die äußere Gestalt von diesem Erdwurm sind sehr unzuverlässig. Man könnte das Thier für einen Riesenfisch der mit dem Lipidosiren oder Ceratodus Verwandtschaft [Anm. d. Red.: beides sind Gattungen der Lungenfische] hätte vielleicht erklären, denn die die „Schweinsschnauze“ deutet wenigstens auf eine gewisse Aehnlichkeit von ihm mit dem Ceratodus hin, während die Hörner am Körper wieder mehr auf die Stirngliedmaßen von Lepidosiren zu weisen schienen, vorausgesetzt freilich, daß überhaupt auf jene Angaben Verlaß ist. Auf alle Fälle, so schließt Herr Müller seinen Bericht, bleibt es wohl der Mühe verlohnend die Nachforschungen nach jenem Minhocao fortzusetzen und wenn die irgend thunlich, ihn für irgend einen zoologischen Garten einzufangen!

Lepidosiren paradoxa
Der südamerikanische Lugenfisch Lepidosiren paradoxa (Foto by Haplochromis CC 2.5)

„Das Thier, über dessen Vorhandensein wohl nicht füglich zu zweifeln wäre“

Wenn ein Schluß sich aus diesen Angaben des Herr Müller ziehen lassen darf, so möchte man das Thier, über dessen Vorhandensein wohl nicht füglich zu zweifeln wäre, im füglichsten für ein Ueberbleibsel von der Rasse der Riesen-Armadillos oder Gürtelthiere erklären, welche in früheren zoologischen Epochen gerade im südlichen Brasilien so zahlreich verbreitet waren. Der kleine Chlamydophoruj truncatuj ist größtentheils, wo nicht völlig, unterirdisch in seiner Lebensweise. Eine größere Spezies von dieser selben Gattung oder von dem Glyptodont möchte nach Allem wohl als vorhanden sich annehmen lassen.

Soweit Herr Smith in der Zeitschrift „The nature“. Uns kommt dabei eine gewisse Besorgniß an, als ob das besagte Thier weder ein Armadill noch eine andere dahingehörende Spezies sei, sondern die in heißen Sommertagen übliche, auf festes Land verpflanzte Seeschlange.“

 

 

 

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Das Evangelium der Aale

Poetisch und spannend entwirft Svensson eine Natur- und Kulturgeschichte der Aale, von Aristoteles und Sigmund Freud über Günter Grass bis zu Rachel Carson, und verbindet sie mit seiner persönlichen Geschichte. Auf verschlungenen Wegen wird das Rätsel des Aals zum Bild für das Leben selbst. Und Das Evangelium der Aale zu einer großen, umwerfenden Erzählung über ein sonderbares Tier und ein Leben auf der Suche.

 

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Buddes Text

Der nächste Text ist oftmals identisch mit dem vorangegangenen, es handelt sich aber um eine zum Teil andere Übersetzung, die deshalb durchaus die erste ergänzt. Der gesamte Abschnitt erscheint, mit dem Zusatz „November 1879“ auch im Budde (1898, S. 46–50, spätere Ausgaben 1906 und 2019), so dass ich als Autor des ungezeichneten Magazinartikels Budde annehme.

Am 26. November 1879 jedenfalls erschien in „Didaskalia. Unterhaltungsblatt des Frankfurter Journals“ der Beitrag:

 

„Die Seeschlange zu Lande.

Der Zoologe Fritz Müller in Otajahy, Süd-Brasilien, schrieb im vorigen Jahre einen merkwürdigen Bericht über die vermuthliche Existenz eines riesenmäßigen, wurmförmigen Thieres in den Südprovinzen von Brasilien, wo dasselbe vom Volke der Minhocao genannt wird. Die Geschichten, welche man von ihm erzählt, sagt Müller, klingen zum größten Theile so unglaublich, daß man in Versuchung geführt wird, sie für Fabeln zu halten. Wer würde nicht lächeln, wenn er von einem Wurm hört, der 50 Meter lang und 5 Meter breit sein soll, der einen Knochenpanzer trägt, mächtige Fichtenbäume umwühlt, als wären es Grashalme, Flußläufe in neue Canäle leitet und trockenes Land in bodenlosen Morast verwandelt?

Man folgte der Spur…

Vor etwa acht Jahren erschien ein Minhocao in der Nachbarschaft von Lages. Francisco de Amaral Varella sah etwa 10 km von der genannten Stadt entfernt ein seltsames Thier von ungeheurer Größe, nahe einem Meter dick, nicht sehr lang, mit einer Schnauze wie ein Schwein; er kann aber nicht sagen, ob es Beine hatte. Er wagte nicht, es allein anzugreifen; aber während er seine Nachbarn zu Hülfe rief, verschwand es, indessen nicht ohne deutliche Spuren in Gestalt eines Einschnittes in die Erde zu hinterlassen.

Schwein im Schlamm
Auch Schweine hinterlassen deutliche Spuren im Schlamm

Eine Woche später wurde eine ähnliche Vertiefung, welche vielleicht von demselben Thiere herrühren mochte, auf der anderen Seite von Lages gefunden. Man folgte der Spur, die von der ersterwähnten etwa 6 Kilometer entfernt war; sie führte schließlich unter die Wurzeln einer Tanne und verlor sich dann im sumpfigen Terrain. Ein Deutscher, Herr F. Kelling, hat sie selbst gesehen. Ein Anderer fand in sumpfigem Boden zahlreiche Spuren ähnlicher Art, tiefe Einschnitte, die sich immer im Fluß verloren und hielt sie für die Arbeit des Minhocaos.

Ein älterer Fund

Vor etwa 14 Jahren im Jänner fand A. J. Branco, der mit seiner ganzen Familie acht Tage lang vom Hause abwesend war (er wohnt an einem Nebenflusse des Rio dos Cachorros), den Weg unterwühlt, große Erdhaufen aufgeworfen und einschnittförmige Spuren, welche 3 Meter breit, 700–1000 Meter lang waren und in einem Sumpf endigten. Sie waren tief genug, um einen Bach aus seinem früheren Lauf abzulenken. Der Weg des hypothetischen Thieres lag meistens unter der Erde und ging unter dem Bachbette her; verschiedene Bäume waren da, wo es vorüberging, umgeworfen. Einer der Bäume mit abgeschundener Rinde war noch 1877 zu sehen.

Hunderte von Leuten kamen aus Curitibanos und anderen Städten, um das Werk des Minhocao zu beschauen, und sie glauben, daß das Thier noch immer in dem sumpfigen Pfuhl lebt, weil dessen Wasser sich von Zeit zu Zeit plötzlich und auf unerklärliche Weise trübt. In stillen Nächten hat man einen dröhnenden Laut gehört und Bewegungen der Gebäude verspürt. Zeugen sind zwei Insassen der zuerst betroffenen Wohnung, der Sohn des A. J. Branco und ein Stiefsohn.

Fluss in Südamerika
Ist das ein „sumpfiger Pfuhl“, wie ihn sich Budde vorstellt?

In der Nachbarschaft des Rio dos Papagaios, Provinz Parana, wurden eines Abends im Jahre 1849 nach langem Regenwetter Töne gehört, als ob Regen fiele. Joao del Deos schaute aus, sah aver [sic] Sterne am Himmel. Am folgenden Morgen fand sich ein großes Feld jenseits eines kleinen Hügels vollständig unterwühlt; zahlreiche tiefe Furchen führten auswärts zu einem steinigen Plateau; von dort gäben aufgewühlte Erdhaufen den Weg an, welchen das Thier nach dem Flusse zu genommen hatte. Drei Jahre später Drei Jahre später besuchte den Platz ein Gutsbesitzer Lebino dos Santos, sah noch die Spuren und schloß aus ihnen auf zwei Thiere von 2–3 Meter Dicke.

„Ein Thier, „groß wie ein Haus“

In derselben Provinz fand eine Negerin eines Morgens, als sie Wasser holen wollte, die Lache gänzlich zerwühlt und sah ein Thier, „groß wie ein Haus“, welches über den Boden davon kroch. Die herbeigerufenen Nachbarn kamen zu spät, um das Wesen zu sehen, fanden aber die Spuren des Ungeheuers, welches dem Anscheine nach über einen Felsen hinweg in tiefes Wasser getaucht war. Ein junger Mann sah eine große Kiefer plötzlich ohne sichtbare Ursache umfallen. Er eilte hinzu, fand den Boden in Bewegung und ein riesiges wurmförmiges Thier von 25 Metern Länge, mit zwei Hörnern am Kopfe, darin herumwühlen.

Demselben Senhor Lebino erzählte man bei bei Arapehy in Uruguay, einige Meilen von da sei ein todter Minhocao zu sehen, der in einem Felsenspalt stecken geblieben und verendet wäre. Seine Haut soll dicker wie die Rinde einer Kiefer sein und harte Schuppen haben wie ein Armadill. (Warum ist der Mann nicht selbst hingeritten?)

Gürteltier
Armadil oder Armadillo: Gürteltiere sind in Südamerika allgegenwärtig

Eine riesige Schlange aus Zimotega?

In der ‚Gaceta de Nicaragua‘ vom 10. März 1866 berichtet Paulino Montenegro umständlich über ein Thier, welches mit dem Minhocao einerlei zu sein scheint. Der Brief ist aus Zimotega datirt. Schreiber hat aus der Reise nach Concordia im Februar gehört, daß eine riesige „Schlange“ ihren Wohnsitz an einem Platze, genannt La Cuchilla, aufgeschlagen habe. Er ging mit mehreren Freunden hin und fand Spuren, welche nach seiner Ansicht das Dasein eines großen Thieres unleugbar beweisen. Man hatte schon früher, vor fünf Jahren, bemerkt, daß sich aus unbekannten Ursachen am Fuße eines Hügels eine Art von erdiger Platform bildete, und ein nichts ahnender Bauer pflanzte Obstbäume hinein.

Um 1863 aber sah man, daß der Grund sich senkte, ein daran liegender Felsen wurde von Erde entblösst, und doch war kein Wasser da, dem man die Wirkung hätte zuschreiben können. Dann fingen die Bäume an, sich zu bewegen, mächtige Eichen wurden umgeworfen und große Felsblöcke so bewegt, daß sie im December die Straße von Chichignas nach San Rafael del Norte zerstörten. Der Boden zeigte Spalten, sank ein und war augenscheinlich unterwühlt.

Die Tradition kennt solche Tiere

Die letzten Spuren dieser unterirdischen Arbeit waren drei Tage alt, als Montenegro hinkam, und er sagt, daß sie auf zwei Tiere deuteten. Der Boden, in dem sie hausten, war loser Grund. Man sah, dass sie beim Vorwärtsdringen eine Eiche umgeworfen hatten und dann waren sie, vermuthlich von dem Krachen des Baumes erschreckt, abgezogen, denn von da führten zwei große Spuren, die kleinere direct nach dem Teiche hin, die andere, größere, erst über steiniges Land und Acker, wo sie sich 1,30 m tief eindrückte, dann senkrecht hinab in denselben Teich. Baumwurzeln auf dem Wege waren angeschabt und Felsen von mehr als 150 Kilogramm Gewicht vom Platze geschoben. Der ganze Grund ist unregelmäßig zerwühlt und aufgebrochen.

Die Thiere scheinen Schuppen zu tragen, deren Abdrücke im Lehm zu sehen waren. Ihre Länge wird auf wenigstens 12 Meter, die Höhe auf 3, die Dicke auf 1 ½ Meter geschätzt. Die Tradition des Ortes erzählt seit undenklichen Zeiten von solchen Thieren und nennt sie Sierpe, Schlange.

Endlich wäre noch zu erwähnen, daß die Spur eines Minhocao in der Nähe von Ypanema einen Sumpf trockengelegt hat, indem er ihm Abfluß schafftte.

Ipanema
Ipanema, heute nur noch ein Teil von Rio de Janeiro. Hier soll ein Minhocao einen Sumpf trocken gelegt haben

Keine Fußspuren

Aus Alledem scheint hervorzugehen, daß in den hohen Quellgegenden des Uruguay und des Parana sich Aushöhlungen und einschnittförmige Spuren finden, die das Werk eines großen lebenden Thieres sind. Sie erscheinen, wie die Zeugen berichten, meist nach Regenwetter und endigen oder beginnen ausnahmslos im Wasser oder Sumpf. Die Berichte über die Größe und namentlich über die Gestalt des Thieres sind sehr unsicher. Da kein Beobachter von Fußspuren spricht, wird man annehmen müssen, daß es sich wurmartig kriechend bewegt; seine Schuppen würden ihm als Ansatzpunkte zum unterirdischen Bohren dienen.

Die Schweineschnauze und die Hörner auf dem Kopfe erinnern, wenn man sich auf diese Angaben verlassen kann, an gewisse niedere Reptilien, die ein ähnliches Leben führen wie das, welches man dem Minhocao zuschreibt. Doch kann man auch an gigantische Gürtelthiere denken; ist ja doch der Urwald die Heimath der colossalen fossilen Faulthiere, zu deren nahen Verwandten die Gürtelthiere gehören. Es wäre schon möglich, daß die Minocaos solche Reste aus früheren Erdzeiten wären, die ihr unterirdisches Leben vor Zerstörung geschützt hat.“

 

 

 

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Ein Abenteuerroman vom schwäbischen Karl May

Ernst Friedrich Wilhelm Mader (* 1. September 1866 in Nizza; † 30. März 1945 in Bönnigheim) war ein deutscher evangelischer Pfarrer und Schriftsteller von Zukunfts- und Abenteuerromanen, Theaterstücken, Märchen, Gedichten und Liedern. Er wird der „schwäbische Karl May“ genannt.

 

Diese Ausgabe von El Dorado ist 2016 bei CreateSpace Independent Publishing veröffentlicht worden und ist illustriert. Sie hat sagenhafte 508 Seiten!

 

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Eine Erfolgsgeschichte

Derselbe Text ist auch in Budde (1898, 1906 und 2019) abgedruckt. Teile davon, wie angeführt, in dem naturwissenschaftlichen Journal „Nature“ (Band 17, 1878, S. 325)

 

Nach Müller berichtete vom Minhocao zudem die Zeitschrift „Zoologische Garten: Zeitschrift für die gesamte Tiergärtnerei“ (1877, S. 300). Müllers gesammelte Schriften erschienen 1915 als Buch. Sie beeinflussten sogar den „schwäbischen Karl May“ Ernst Friedrich Wilhelm Mader (1866–1945). Er lässt ihn in seinem Roman „El Dorado“ den Minhocao auftreten. Einen Wurm, der einen „Knochenpanzer trägt, mächtige Fichtenbäume umwühlt, als wären es Grashalme, Flußläufe in neue Kanäle leitet und trockenes Land in bodenlosen Morast verwandelt.‘ Man sieht, ich habe mein ‚Fabeltier‘ weit bescheidener geschildert, da ich ihm nur 30 statt 50 Meter Länge, und nur 2 statt 5 Meter Breite gab!“ Das Buch kenne ich leider nicht vom eigenen Lesen.

 

 

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Pfälzer Genies und Reisende

Sie sind in ihrer Heimat wenig bekannt oder fast schon vergessen: Pfälzer Entdecker und Pioniere wie Georg Hohermuth von Speyer, ein Konquistador in Südamerika, der Urweltforscher Edgar Dacqué, der Menschen in Sauriergestalt beschrieb, der Flugpionier August von Parseval, den man für das Ungeheuer von Loch Ness verantwortlich machen wollte, oder der bahnbrechende Mediziner Johann Peter Frank aus Rodalben. Zehn dieser bedeutenden, oft zu Unrecht vergessenen Pfälzer und Kurpfälzer stellt dieses Buch in biografischen Skizzen vor.

 

Pfälzer Entdecker und Pioniere ist das neueste Buch unseres Autors Ulrich Magin, am 10.10.2020 erschienen. Es ist gebunden und hat 160 Seiten voller Pfälzer Originale.

 

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Im Übrigen kann man sich heute alle Orte bequem auf Google Earth betrachten. Was damals kleine Siedlungen waren, sind heute Großstädte mit industrieller Landwirtschaft; die Lagoa Feia ist bloß ein kleiner Teich am Rande von Formosa. In einer solchen Umgebung ist an ein 50 m langes Gürteltier nicht mehr zu denken. Hier ist auch kein Platz für einen tunnelbohrenden gepanzerten Wal. Auch scheint der Erschließungsboom im Regenwald keine Reste von Minhocaos aufgedeckt zu haben. Und natürlich klang der Minhocao von Anfang an wie ein Fabeltier, wie eine Verkörperung von Fluten, Erdbeben und Erdrutschen.

 

Dass Heuvelmans ein solches Tier ernsthaft in Betracht zog, hat mich stets erstaunt.

 


Fortsetzung folgt

Der dritte und letzte Teil des Beitrages wird am Donnerstag, 22.10. an der selben Stelle erscheinen.

 

Wie immer bei ausführlichen Literaturangaben bieten wir das Verzeichnis am Ende des letzten Teiles zum Download an.




Freitagnacht-Kryptos: Halten Schwalben Winterschlaf?

Noch im 19. Jahrhundert wussten die Bauern dass Schwalben in eine Winterstarre fielen und im Schlamm auf dem Grunde von Teichen überwinterten. Oft meldeten Zeitungen, dass man mit Netzen solche schlafenden Schwalben aus dem Schlamm vom Seegrund gefischt habe. Woher die Vorstellung – die die moderne Zoologie ablehnt –stammt, weiß man nicht, es zeigt nur erneut, dass selbst durch viele Augenzeugenberichte verbürgte naturkundliche Kenntnisse falsch sein können.

 

Etwas weniger galant formulierte das ein vogelkundliches Lehrbuch bereits 1820:

 

 

„Die Natur statte sie vor allen anderen ganz vorzüglich mit den besten Flugwerkzeugen dazu aus, und es ist kein einziger Grund vorhanden, dem alten Mährchen vom Winterschlafe derselben in unsern Sümpfen, im Schlamm der Teiche u.s.w. nur einigen Glauben beizumessen. Es bleibt aber immer höchst sonderbar, wie sich diese Sage so sehr verbreiten und so lange erhalten konnte, da der Beispiele von aufgefundenen Schwalben in Sümpfen oder in Höhlen, die den Winterschlaf derselben beweisen sollen, so sehr wenige sind, und diese Angaben insgesammt von Leuten herrühren, die nicht geschickt waren, richtig zu beobachten, weil es ihnen durchaus an naturhistorischen Kenntnissen fehlte.

Olaus Magnus Darstellung der Fanges von überwinternden Schwalben mit Netzen
Olaus Magnus Darstellung der Fanges von überwinternden Schwalben mit Netzen

Wie schwer es hält, öfters beim besten Willen selbst dem mit den nöthigen Kenntnissen versehenen Naturfreunde hält, Beobachtungen in der Natur anzustellen und ein richtiges Ergebnis daraus zu ziehen, weiss der praktische Naturforscher nur zu gut, als dass er, wie in dieser Sache ihm wohl zugeschrieben ist, seine Angaben auf die Beobachtungen kenntnisloser Leute stützen sollte. Er können sich wohl im Herbste ermattete junge Schwalben von später Brut bei rauher Witterung, unter die Ufer kriechen und dort erstarrt hervorgezogen und in warmer Stube wieder ins Leben gebracht werden, wenn sie vielleicht vor noch nicht langer Zeit in jene Erstarrung verfallen waren. […] Noch wird sich aber kein einziger wahrer Naturforscher rühmen können, selbst gesehen zu haben, daß eine erstarrte Schwalbe im Winter aus dem Schlamme gezogen wurde, die nachher wieder aufgelebt wäre.

 

Es gibt ja in unsern Zeiten der Naturliebhaber und Naturforscher so viele, daß diese Sache, wenn irgend etwas Wahres daran wäre, längst im klaren sein müßte. Ich meinesteils halte es für ganz überflüssig, hier noch viel darüber zu sagen, da der Gegenstand in mehreren Werken bis zum Ekel erschöpft ist und jeder würdige Forscher mit mir einverstanden sein wird, dass der Winterschlaf der Schwalben nichts als ein Märchen sei.“

 

 

Der Text ist zitiert nach A. Naumann, J.F. Naumann, C.R. Hennicke: Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas. I. Band. Gera: Köhler 1905, Seite 96–97 (überarbeite Ausgabe der Originalausgabe Johann Andreas Naumann’s Naturgeschichte der Vögel Deutschlands, nach eigenen Erfahrungen entworfen, Band 1, Ernst Fleischer, 1820, dort S. 87